Wie ein Schlangentanz

13.

Tiepho hatte schon Zeichnungen gesehen und Lieder gehört, aber war dennoch nicht auf den Anblick vorbereitet, der sich ihm nun bot. Er versteckte jede Regung hinter einer freundlich lächelnden Fassade, die er Manmatha darbot. Ein schillernder Stern inmitten eines Regenbogens aus aufgeregten Schleierschwanzmännern. Einer war zwar schöner als der andere, aber ihm konnte keiner auch nur nahe kommen. Der Mann war ein Schmuckstück, und mit einem Mal empfand Tiepho Befriedigung in dem Gedanken, etwas derart Wertvolles beschützen zu dürfen.

Mit schmalen Augen begegnete er dem starren Blick des Piratenkapitäns. Einzig ihr Ruf wurde über die Grenzen des schönen Landen fortgetragen, und es machte Tiepho krank, dass die Fakun so sehr missverstanden wurden, weil ihre Piraten die einzigen waren, die wirklich Kontakt mit anderen Völkern hatten. Doch dem Piraten konnte er ansehen, dass er verletzt war. Sie hatten die Geschütze nur auf den Antrieb gerichtet. Sein Wissen um die Fakunschiffe hatte maßgeblich dabei geholfen, so präzise und für die wertvolle Ladung ungefährlich wie möglich an diesen Angriff heran zu gehen, die Verletzung überraschte ihn.

Ein schneller Blick zum Sohn des Paschas sagte Tiepho jedoch, dass es anscheinend nur dem Kapitän schlecht ging, Manmathas Körper war makellos. Tiepho verneigte sich leicht, dann sah er dem strahlenden Stern in das ein wenig verwirrte Gesicht und erklärte: "Der Pascha hat mich zu deinem Schutz bestellt, Manmatha. Ist alles bereit?"

Manmatha neigte sachte den Kopf und erwiderte das Lächeln des dunkelblau schillernden, kräftigen Mannes höflich. Er kannte ihn nicht und demnach konnte der andere nicht allzu lang in den Diensten seiner Familie stehen. Doch seine Empfehlungen mussten ausgezeichnet sein, dass sein Pascha ihn als Befehlshaber auf das Piratenschiff geschickt hatte. Es war allerdings ungünstig, dass Manmatha nicht wusste, inwieweit er seinen Befehlen Folge leisten würde. "Alles ist gerichtet. Wir können sofort aufbrechen. Wie du siehst, ist mir kein Leid geschehen. Ich wünsche, dass weder der Kapitän noch seine Besatzung gefangen genommen werden."

Tiepho ließ seinen Blick misstrauisch über die anwesenden Fakun streichen, aber er konnte keinerlei auf Manmatha gerichtete Waffen oder den Anschein von versteckten Giftschlangen sichten. Mit einem kleinen Nicken bestätigte er deswegen: "Sehr wohl, Manmatha. Folge mir. Meine Männer werden die übrigen Schleierschwänze geleiten."

"Ich danke." Als der Hauptmann sich abwandte, drehte Manmatha den Kopf noch einmal zu Wirakun, der nach wie vor so starr und verloren wirkte. Rasch schenkte er ihm ein kleines, aufmunterndes Lächeln, ehe er seinem neuen Wächter gemächlich folgte. Das Wasser in dem Verbindungstunnel zum Beiboot war kühler als auf dem Fakunschiff, und er fröstelte, froh darüber, dass im Hauptschiff angenehme Temperaturen herrschen würden. Verwundert stellte er fest, dass er seinen Pascha nicht sehr vermisst hatte, Wirakuns Lachen hingegen schon, obwohl dieser erst seit kurzer Zeit so ernst und verzweifelt geworden war.

Hinter sich hörte er die aufgeregten Stimmen der anderen Schleierschwänze, einer schluchzte vor Glück gar leise vor sich hin. Manmatha seufzte lautlos und fragte sich, wie sein Pascha wohl gelaunt war. Ob er ihn davon überzeugen konnte, dass er Wirakun nicht nur verschonte, sondern sogar gestattete, dass der Pirat in den Harem seines Sohnes einging? 'Aber das wird Wirakun nicht wollen. Ich hätte vorher noch einmal mit ihm sprechen sollen. Aber er war so unnahbar, seit mein Pascha ihn eingeholt hat.'

"Wie geht es Pascha Zahin?", erkundigte er sich bei dem dunkelblauen Mann, während dieser ihm eine Tür in den gemütlichen Hauptraum der Fähre öffnete. Samtige Polster und kleine Tischchen luden zum Sitzen ein, auch wenn es sich kaum lohnte, für die kurze Fahrt dort Platz zu nehmen.

Tiepho wurde von der weichen Stimme aus seinen Gedanken gerissen. Diese drehten sich um den letzten Blick, den der schöne Schleierschwanz dem Fakunpiraten zugeworfen hatte. War es ehrliche Zuneigung gewesen? Die so düster erscheinenden Fakun konnten einen wirklich umgarnen, ohne dass man es gewahr wurde. Er riss sich zusammen und wandte seine Aufmerksamkeit höflich auf Manmatha.

"Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt, Manmatha. Mein Name lautet Tiepho. Ich bin nicht nur auf dieser Überfahrt, sondern bis zum Ende der Hochzeitsfeierlichkeiten zu deinem Leibschutz bestellt worden." Einen Augenblick lang zögerte er, dann rückte er ein wenig dichter an den Schleierschwanz heran. "Dem Pascha geht es... nicht gut genug, um persönlich auf das Schiff zu kommen. Er hat es sich nicht nehmen lassen wollen, die Verfolgung persönlich zu leiten, aber es strengt ihn an", raunte er vertraulich.

"Er ist sehr willensstark", sagte Manmatha mit einem freundlichen Lächeln. Es war eine nette Umschreibung für die unglaubliche und manchmal unvernünftige Sturheit seines Paschas. Manmatha hatte keinen Augenblick daran gezweifelt, dass sein Pascha an Bord war. Zahin war meistens der Meinung, dass alles nur dann reibungslos lief, wenn er sich darum kümmerte, auch wenn es seiner Gesundheit abträglich war. Und die Erfolge gaben ihm fast immer recht.

Die Schleierschwänze strömten nun ebenfalls in den Raum; respektvoll hielten sie Abstand zu Manmatha und sahen nur ab und an zu ihm herüber. Einige tuschelten, aber verstummten auch schnell wieder. Das Kriegsschiff, das ihre Rettung war, hatte sie alle beeindruckt, und für einen Moment amüsierte sich Manmatha bei dem Gedanken, wie sie das Innere aufnehmen würden. Dann kehrte seine Aufmerksamkeit jedoch zurück zu Tiephos Worten. "Bis zu den Hochzeitsfeiern? Hat mein Pascha etwas geplant?"

"Nein. Er hat lediglich einige sehr interessante Angebote erhalten, trotz des grauenhaften Ausgangs der Veranstaltung. Es ist sogar für fast alle Beteiligten so dermaßen gut ausgegangen, dass der Veranstalter diese Art des Heiratsmarktes an derselben Stelle wiederholen wird. Nur mit deutlich mehr Geleitschutz natürlich." Tiepho erlaubte sich ein kleines Lächeln und warf einen Blick zurück auf das Fakunschiff, das noch immer wie ein sterbender Fisch schräg und nutzlos an die Werft gedockt lag.

Manmatha folgte dem Blick und fühlte Schreck wie einen Stich in Brust und Bauch. Von außen sah der Schaden größer aus, und das zerschmetterte Heck nahm dem Schiff die Verwegenheit und den Stolz, die es ausgezeichnet hatten.

"Verstehst du etwas von Schiffen? Ist es reparabel, was die Kanonen angerichtet haben?", fragte er ein wenig wehmütig. Tiepho sah Manmatha kurz von der Seite her an, dann nickte er leicht. "Natürlich. Die Sturmkammern sind leck, das ist aber nicht schwer zu beheben. Einige Tage in den Werften hier dürften ausreichend sein. So wie ich die Lage abschätze, wird den Piraten auch noch genug vom Raub geblieben sein, um dafür zahlen zu können."

Das Andockmanöver brachte das Beiboot beträchtlich zum Schwanken, was überschwängliches Gekicher und Gelächter bei den Schleierschwänzen hervorrief. Tiepho wartete, bis das Schwanken sich weitgehend beruhigt hatte, dann legte er seine Hand leicht an Manmathas Ellenbogen, um ihm aufzuhelfen. "Der Pascha erwartet dich, wenn du dich frisch gemacht hast." Das waren die Worte des Paschas selbst gewesen, in Tiephos Augen sah nichts und niemand frischer aus als Manmatha.

Manmatha lächelte wieder, die Worte seines Wächters hatten es ihm leichter ums Herz werden lassen. Die überschäumende Freude der anderen Schleierschwänze war ansteckend. Sie hatten nie sicher sein können, befreit zu werden, und die Piraten waren nicht alle so zuvorkommend wie Wirakun. Da Pascha Zahin nicht anwesend war, hieß er sie als Gäste an Bord willkommen und gab sie dann in die Obhut von Tiephos Männern, wo sie gut aufgehoben waren und ohnehin bleiben würden.

Das Schiff war ihm vertraut, und so musste er nicht auf die Anweisungen seines Wächters warten, wohin er sich zu wenden hatte. Sie durchquerten die eher kargen, schmucklosen Flure der Außenbereiche, um dann in den prunkvollen inneren Kreis zu gelangen. All der Goldschmuck, die Edelsteine und Perlen, die reichen Wandteppiche erschienen Manmatha fast zu überladen im Vergleich mit dem kleinen Fakunschiff und doch auf beruhigende Weise vertraut, ebenso wie die Diener, die sich vor ihm verneigten.

"Tiepho, wie streng ist dein Auftrag?" Manmatha ließ den großen Mann zu sich aufholen, der ohnehin nur der Höflichkeit wegen hinter ihm geblieben war. "Musst du mir überall hin folgen?"

"Überall hin." Tiepho hielt Manmatha eine Tür auf. "Es tut mir leid."

Manmatha betrachtete das kantige, verschlossene Gesicht mit dem schmalen Mund und fragte sich, ob er den Wächter davon überzeugen konnte, wenigstens den Raum zu verlassen, wenn er später in Ruhe mit Wirakun sprechen würde. Zumindest hatte er vor, mit ihm zu reden. Er wusste nicht genau, was er ihm sagen wollte; aber das, was sie gehabt hatten, war kein Abschied gewesen, jedoch auch kein Versprechen auf ein Wiedersehen, und das gefiel Manmatha nicht.

"Aber doch nicht in jeden privaten Winkel meiner eigenen Gemächer, oder?", fragte er scherzhaft, konnte sich jedoch vorstellen, dass sein Pascha auch das mit eingeschlossen hatte. Der Schreck der Entführung musste tief sitzen.

Tiepho lächelte leicht und nickte den Wachen zu beiden Seiten von Manmathas privaten Gemächern zu. "Überall hin, Manmatha. Ich nehme meine Aufgabe ernst, aber werde gern vor der Tür warten, wenn es ein Befehl sein sollte." Ein Ruck fuhr durch das Schiff, und das gedämpfte Brausen der sechzig Sturmkammern drang zu ihnen herauf.

"In wenigen Tagen erreichen wir das Ende dieser Felsspalte und können das Schiff wenden. Solch ein Manöver ist leider hier in der Enge nicht möglich", erklärte er mit Blick auf die vorbei streichenden Felswände.

Manmatha nickte zufrieden. Das gab Wirakun Zeit, sein Schiff reparieren zu lassen und sich vielleicht in einer Felsspalte zu verstecken, ehe sie zurückkamen, um dann unbehelligt nach Hause fahren zu können. Dann fiel ihm jedoch ein, dass es damit auch keine Möglichkeit gab, noch einmal mit Wirakun zu sprechen oder ihn auch nur wiederzusehen. Es dämpfte seine Freude, und sein Lächeln verschwand, als er still in sein Reinigungszimmer schwamm, um sich für einen offiziellen Besuch bei seinem Pascha herzurichten.

 

Die Wächter vor der Kapitänskajüte verhinderten äußerst erfolgreich, dass Mitar Wirakun folgen konnte. Kein Fluchen und kein Bitten half, und so blieb ihm nichts anderes, als die Landung des Beibootes vom Fenster aus zu beobachten, bis es durch den Schiffsrumpf verdeckt wurde. Dann folgte erneutes Warten, ehe es wieder in Sicht kam und zum Kriegsschiff zurückkehrte. Kälte erfasste ihn und wurde schlimmer, als die Sturmkammern des anderen Schiffes aufbrausten und den Rumpf erbeben ließen. Gemächlich wie ein Wal setzte es sich in Bewegung. 'Wirakun...' Mitar presste die Lippen zusammen. Wo war sein Fakun? Gefangen und unerreichbar von ihm entfernt, um seinem Urteil entgegen zu sehen? Oder tot an Deck?

Blicklos starrte Mitar dem Schiff nach. Noch bevor es in seiner leuchtenden Pracht in der Schwärze der Tiefsee verschwunden war, wandte er sich ab. Langsam schwamm er zu dem breiten Lager und ließ sich darauf sinken, das Gesicht in den Händen verborgen. Alles in ihm war kalt, leer und wund, und die Angst raubte ihm fast den Atem.

Wirakun schleppte sich matt in seine Kajüte zurück, während seine Mannschaft mit den Werftarbeitern zu verhandeln begann. Er entließ die Wächter vor der Tür und schloss sie leise hinter sich, erst dann erlaubte er sich, seine Schultern zu lockern und die Müdigkeit und Schmerzen auf seinem Gesicht zu zeigen.

Er ließ seinen Waffengürtel und den Ziergürtel auf dem Weg zum Lager fallen, während er müde hinter den entschwindenden Lichtern des bereits weit entfernten Kriegsschiffes her sah. Es war anstrengend gewesen, und er hatte schreckliche Angst gehabt, aber nun war es vorbei.

Manmatha hatte ihn frei gesetzt, hatte ihm und seiner Mannschaft verziehen. Nicht nur das, fast der gesamte Schatz war ihm geblieben, von den Schleierschwänzen einmal abgesehen. Wirakun wünschte nur, dass seine Wunde nicht so infernalisch schmerzen würde, dann könnte er sich mehr darüber freuen.

Doch dann erblickte er Mitar auf seinem Schlaflager und lächelte. Der Schatten hob sich in der dunklen Nische kaum vom Untergrund ab und hatte sein Gesicht auch noch in den Kissen vergraben. Sachte ließ Wirakun sich neben ihm nieder und strich ihm über die Schultern. "Hey, mein Schatten. Es ist vorbei. Wir müssen uns an die Arbeit machen, das Schiff wieder herstellen."

Mitar erstarrte bei der Berührung, und Momente später raubte ihm die Stimme vor Erleichterung alle Kraft. Zwei Atemzüge lang konnte er nur ruhig liegen bleiben, dann ging ein Zittern durch ihn, und er setzte sich auf, um Wirakun in die Arme zu ziehen.

"Tu das niemals wieder, mich durch deine Leute einzusperren", verlangte er rau und verbarg das Gesicht an seinem Hals. "Ich dachte, sie hätten dich mitgenommen und mich hier zurückgelassen."

"Und wenn es so wäre, dann hätte ich deine Freiheit erbeten." Sachte streichelte Wirakun seinem Geliebten über den Kopf, während er seinen Schwanz um Mitars Körper schlang. Sie sanken auf das Lager zurück, und Wirakun seufzte leise. "Meine Leute werden bald auch deine Leute sein, Mitar, dann werden sie bestimmt noch viel mehr auf dich hören als auf mich."

"Das hoffe ich. Du neigst zu Dummheiten, wenn es um dich geht", flüsterte Mitar und küsste Wirakuns Stirn. Erst jetzt fiel ihm auf, wie grau und erschöpft das Gesicht seines Geliebten war, gezeichnet von Schmerz und dem Nachhall der Angst. Mitar spürte um so mehr die Erleichterung und die Freude, dass er zu ihm zurückgekehrt war, dass sie zusammen bleiben durften und der Fakun weder gefangen war, noch kalt und starr in der trostlosen See des Nordens trieb. Sanft, aber bestimmt entwand er sich ihm, um von dem Schmerzmittel zu holen und ihm zwei der unregelmäßig gerollten Kügelchen zu geben, ehe er sich wieder zu ihm legte und sie sich erneut eng aneinander schmiegten.

"Ich bewache deinen Schlaf", versprach Mitar leise. Behutsam streichelte er Wirakuns Schultern und den oberen Teil seines Rücken, während er spürte, wie die Spannung aus dem kräftigen Körper wich. "Ruh dich aus. Das Schiff kann warten."

 

Wirakun wusste nicht genau, wie lange er geschlafen hatte, aber er wurde von seinem Maat geweckt, der ihm eine Einladung des Besitzers der Minen und der Werft überreichte. Die Einladung richtete sich an seine ganze Mannschaft. Wirakun dachte kurz darüber nach, ob es das Wiederherstellen seines Schiffes gefährden könnte, aber entschied dann, dass seine Männer sich sehr wohl eine ordentliche Feier verdient hatten.

Wirakun ließ sich von Mitar geleiten, in dessen Armen er sich sicherer fühlte und der sein Schmerzmittel vorsorglich mitgebracht hatte. Neugierig durchschwammen sie die Schleuse und begrüßten den etwas dicklichen Fakunmann, dem die Minen gehörten.

Er lächelte breit und führte sie in eine wahrhaft beeindruckend große Halle. "Dies ist der alte Teil der Mine. Ich habe ihn mir zu meiner persönlichen Halle umbauen lassen."

Wirakun legte den Kopf in den Nacken und ließ den Blick über die funkelnden Wände und die hohe Kuppel streichen. Überall waren kleine Höhleneingänge eingelassen, aus denen eine beeindruckende Vielzahl von farbenfrohen Schleierschwänzen auf ein Signalrufen hin herausgeströmt kam. Sie alle trugen die Zeichen von Ehemännern oder Söhnen des Minenbesitzers und Paschas. Offensichtlich schien er sich sein Leben in der Kälte und Dunkelheit mit einer Überzahl schöner Männer zu vertreiben. Einen derart großen Harem hatte sicherlich nicht einmal der Fakunkönig.

Die Musik und die Tänze begleiteten sie durch den Abend, ebenso wie die reichlich aufgetischten Speisen. Der Minenbesitzer jedoch war nicht mehr zugegen, sobald er die Begrüßungsrede beendet hatte. Er war offensichtlich fortgerufen worden.

Wirakun jedenfalls störte seine Abwesenheit nicht, einzig seine Trägheit und zunehmende Müdigkeit irritierten ihn. Er wollte Mitar gerade bitten, ihn zum Schiff zurück zu begleiten, als er sich auch schon zu müde geworden in einer Ecke auf weiche Polster sinken ließ, auf denen er einschlief.

Aus halb geschlossenen Augen beobachtete Mitar einen der vielen Tänze der Schleierschwänze, während er beinahe unbewusst Wirakun streichelte, der neben ihm zusammen gerollt lag. Dumpf wurde ihm bewusst, dass er ihn besser auf das Schiff zurückbringen sollte, doch er konnte sich nicht dazu aufraffen. Das Essen und die wenigen Züge aus einem reichverzierten Krug mit Rauschmittel, die er aus Höflichkeit nicht hatte ablehnen können, hatten ihn müde werden lassen.

Ein Lächeln glitt träge über sein Gesicht, als ein rotgoldener Tänzer an ihm vorbei wirbelte, der ihn an Cin erinnerte. Dass er statt seines Bruders entführt worden war, hatte nur Glück gebracht. Cin war zu Hause in Sicherheit, und er hatte Wirakun gefunden. Sein Blick wanderte zu dem Fakun an seiner Seite, der im Schlaf so friedlich und weich wirkte, wie er es in seinen Armen immer war.

Mitar konnte nicht widerstehen und beugte sich zu ihm, um ihn vorsichtig auf den Mundwinkel zu küssen. Die Wärme und der Duft, der von dem Mann ausging, waren verführerisch, und ein einsetzender Schwindel bewirkte, dass er sich ohnehin nicht mehr aufrichten wollte. Ohne auf seine Umgebung zu achten, brachte er sich mit einem kleinen Flossenschlag hinter Wirakun, um sich dann an seinen Rücken zu schmiegen und einen Arm um ihn zu legen. Das Gesicht nahe der Rückenflosse am Nacken bergend schloss er die Augen. Er war so müde. Es wäre auf alle Fälle besser, wenn er sich jetzt aufraffte, um zum Schiff zurückzukehren. Doch es schien genauso unmöglich zu sein, wie ohne Schutz in der Tiefsee zu überleben, und nur Momente später war er eingeschlafen.

 

Manmatha überprüfte sein Aussehen im Spiegel ein letztes Mal, nachdem zwei Diener ihm geholfen hatten, seinen Schmuck anzulegen. Ringe zierten seine kleinen Finger, Reife seine Arme; ein Diadem aus Platin und Perlen schloss sich um seinen Kopf. Filigrane Kettchen hingen davon herab, die in jeder noch so sanften Strömung wehten. Die mehrreihigen Perlenketten um seinen Hals und der breite Schmuckgurt um die Hüfte waren nach der langen Zeit, in der er sie nicht mehr getragen hatte, ein ungewohntes Gewicht, das ihn behinderte. Doch er konnte seinem Pascha unmöglich ohne standesgemäßen Schmuck entgegentreten.

Mit einem leisen Seufzen wandte er sich ab und sah aus den Augenwinkeln, wie Tiepho sich aus seiner Erstarrung nahe des Fensters löste, um ihm zu folgen. Von ihm geleitet glitt Manmatha die Gänge entlang, immer wieder kurze Pausen einlegend, um alte Diener zu begrüßen und sich von hochrangigen Angestellten willkommen heißen zu lassen. Sie hatten ihn wirklich vermisst und sich um ihn gesorgt; das machte ihn glücklich.

In dem prunkvollen Vorzimmer seines Paschas empfing ihn der Leibarzt, ein älterer Herr mit hellgrünen Flossen, die im Laufe der Jahre fransig geworden waren. Strahlend kam er auf ihn zu, um ihm die Hand zu küssen, auch wenn ihm offensichtlich mehr danach zumute war, Manmatha zu umarmen. "Welch Glück, dass du wieder da bist. Und ein noch viel größeres Glück, dass es dir gut geht!"

Manmatha lachte leise und drückte die schlanke Hand, ehe er sie losließ. "Es ist mir kein Leid geschehen, der Kapitän hat sich gut um mich und mein Wohlergehen gesorgt. Wie geht es meinem Pascha?"

Die Miene des Arztes wurde ernst, und mit gedämpfter Stimme sagte er: "Es tut mir leid, dir das sagen zu müssen, aber es steht nicht gut um ihn. Die Angst deiner Entführung hat ihm zugesetzt, und er hat nicht auf mich hören und sie in fähige Hände geben wollen." Er warf einen kleinen Seitenblick auf Tiepho, ehe er sich wieder Manmatha zuwandte. "Du weißt, wie er ist. Erschrick nicht, wenn du ihn siehst, und gleichgültig, was geschehen ist, erwähne nichts, was ihn aufregen könnte."

Ein unruhiges Drücken setzte sich in Manmathas Bauch fest, als er nickte. Er lächelte dem Arzt noch einmal zu, dann schwamm er zu der Tür zum Schlafgemach, die ihm von einem Diener geöffnet wurde. Dass sein Pascha ihn im Bett empfing, war kein gutes Zeichen. Trotz der Warnung wäre er beinahe zusammen gezuckt, als er Pascha Zahin auf dem weichen Polsterbett sah. Das ehemals leuchtende Gelb seiner Flossen war blass und stumpf geworden, und die Schatten unter den matten Augen konnten auch mit Farbe kaum überdeckt werden.

Zahin setzte sich mit Hilfe eines Dieners halb auf und bedeutete Manmatha mit einer kleinen Geste, zu ihm zu schwimmen. Beinahe ängstlich kam Manmatha der Aufforderung nach, voller Furcht, dass die Nähe noch mehr Zeichen von Krankheit offenbaren würde. Dennoch bemühte er sich um ein fröhliches, unbesorgtes Lächeln, als er sich an den Rand des Bettes setzte. "Pascha Zahin."

Zahin erwiderte es. Ein wenig Leben kehrte in sein eingefallenes Gesicht zurück, als er eine Hand nach ihm ausstreckte. "Meine Perle, ich bin so froh, dass du wieder bei mir bist. Haben die Piraten dich verletzt? Wie geht es dir, mein Sohn?" Ein Beben unterdrückend schloss Manmatha seine Hände um die dünnen Finger. Zahin war schon seit jeher von schwächlicher Gesundheit gewesen, doch nie hatte er ausgesehen, als würde er vielleicht die Nacht nicht überleben. Mit einem Mal merkte Manmatha, wie lieb er ihn hatte. Er wählte seine Worte sehr sorgfältig, als er zu erzählen begann.


© by Jainoh & Pandorah