Wie ein Schlangentanz

14.

Wirakun hob den Kopf und ächzte leise. Er murmelte Mitars Namen, aber erhielt keine Antwort. Vorsichtig quälte er seine Augen auf. Er fühlte sich grauenhaft, sein Rücken schmerzte höllisch und ein dumpfes Pochen erfüllte seinen Kopf. Als er jedoch die Augen vollends geöffnet hatte, schrie er erschrocken auf und fuhr herum.

Der Bewegung folgten zunächst noch mehr Schmerzen, die langsam abebbten, dann erst begann Wirakun zu begreifen. Die Feier, die Großzügigkeit des Paschas, die Tänze und vor allen Dingen die Speisen waren nur der hübsche Rahmen für eine äußerst hässliche Falle gewesen.

Stimmen hallten zu ihm hinüber, während er die Reihe enger Höhlen durchschwamm, in der seine Leute noch alle zu schlafen schienen. Er hatte wegen seiner Verletzung nicht so viel gegessen und gar nichts getrunken, das war vermutlich sein Glück gewesen.

Sie waren in eine kleine Anzahl verzweigter Höhlen mit niedrigen Decken eingesperrt. Die dumpfen Kristalle, die nur wenig Licht an den Durchgängen spendeten und die fehlende Einrichtung zeigten Wirakun, dass er sich in einem Stollen befinden musste. Offensichtlich war seine Zeit des Unglücks noch nicht an ihrem Höhepunkt angelangt, als sein Schiff zerschossen worden war.

Endlich fand er Mitar auf einem Tanglager liegend und schmiegte sich zitternd an ihn heran. Hätte er damit nicht seine Kopfschmerzen verschlimmert, er hätte laut geschrieen und geklagt. Wie nur würde er seinem Pascha vor die Augen treten, wenn er von dieser Fahrt heimkehrte, sollte er jemals heimkehren dürfen?

Übelkeit hielt Mitar gefangen, als er erwachte. Noch ehe er die Augen aufschlug, nahm er sich vor, nie wieder von dem Rauschmittel der Fakun zu kosten, Höflichkeit hin oder her. Zudem war ihm kalt, nur sein Rücken wurde von Wirakun gewärmt. Er konnte das Zittern des Mannes spüren, das sich auf ihn übertrug und tastete blind nach der Decke. Der unvertraute Untergrund, der wenig mit dem Polster, auf dem er eingeschlafen war, oder dem Lager im Schiff gemein hatte, ließ ihn innehalten.

Er blinzelte und fuhr kurz darauf in die Höhe, als er nur karge Felswände sah. "Tiefsee!"

Stechender Schmerz hallte durch seinen Kopf und ließ ihn die abrupte Bewegung bereuen. Mit einem Stöhnen presste er die Hände gegen die Schläfen und wartete, bis er wieder einigermaßen atmen konnte, ehe er sich erneut umsah. Die niedrige Höhle, in der er sich befand, war eindeutig nicht der große Saal und ebenso wenig das Schiff.

'Nicht schon wieder', war sein erster Gedanke.

 

Ternekun hatte sehr wohl bemerkt, dass seine ablehnende Art, so sehr sie von edlen Hintergründen verursacht worden war, von Cin nicht gerade geschätzt wurde. Seit der kleinen Feier, an der Cin teilgenommen hatte, bekam er von dem hübschen Schleierschwanz kaum ein Wort, von einem Lächeln ganz zu schweigen. Es belastete ihn nur deswegen nicht, weil er sich stetig sagte, dass diese Missverständnisse besser waren, als schon in diesem Moment die Wahrheit zu verraten.

Er hatte sich gerade dazu durchgerungen, vielleicht doch ein wenig seiner wirklichen Hintergründe mit dem anderen zu teilen, als sie die Order erhielten, sich für einen Ausflug bereit zu machen. Der Frachter hatte eine Mine und Werft erreicht, die hier in der Tiefsee als Haltehafen für Frachtschiffe und Seeräuber auf der Durchreise diente und davon abgesehen eine der größten Edelsteinschürfereien darstellte, die es gab.

"Wir werden hier Ladung aufnehmen und Güter dagegen tauschen", teilte der Pascha Ternekun und Cin mit. "Ich persönlich lasse meine Söhne und Gatten nicht gern für lange hier aussteigen, es ist schon ein finsteres Volk in den Minen. Aber für einen kleinen Einkauf, vielleicht eine warme Decke für den Kleinen hier, wird es sicher genug sein."

Ternekun nickte leicht und wandte sich Cin zu. "Möchtest du gern aussteigen? Wir könnten..." Er sprach nicht weiter, als die Suchlichter des Frachters über die klägliche Gestalt eines angeschossenen Schiffes glitten. Offensichtlich war es in einen Kampf geraten und hatte den Kürzeren gezogen.

"Oh. Da hat uns doch dieses riesenhafte Kriegsschiff überholt, die Jagd war wohl erfolgreich." Der Pascha lachte rau und mitleidslos, doch Ternekun starrte hinaus und war sich mit einem Mal sehr sicher, dass dies Wirakuns Schiff war. Es sah unbelebt aus, ein wenig, als hätte man es ausgeschlachtet, anstelle es zu reparieren.

Hoffnung und Angst rangen in Cin, als sie an dem schrecklich zugerichteten Piratenschiff empor zu den Anlegestellen glitten. Vielleicht war Mitar bereits frei. Vielleicht war er aber auch sehr tot. Was, wenn sein Bruder bei den Kämpfen, die es mit Sicherheit gegeben hatte, schwer verwundet worden war? Oder er war bei dem weißen Pascha und er, Cin, war ihm vollkommen umsonst gefolgt. Das würde eine Strafpredigt von Pascha Denju geben, die er lieber nicht hören wollte. Und das wäre noch das harmloseste. Dennoch hoffte er inständig, dass es so war. Aber wissen konnte er es nicht. Es gab nur eine Möglichkeit, es herauszufinden.

"Ich will aussteigen", flüsterte er, ohne den Blick von dem Wrack abzuwenden.

Ternekun nickte hinter seinem Rücken und legte ihm eine Hand auf die Schulter, bevor er bedacht hatte, dass diese Geste nicht zu dem Verhältnis der Kühle zwischen ihnen passte. 'Hoffentlich sind sie nicht alle getötet worden.'

Nachdem der Frachter angedockt hatte, verließen sie ihn gemeinsam mit zwei Söhnen des Paschas, um in dem Laden und Wirtshaus nach Informationen zu dem Fakunpiraten zu fragen.

Cin hätte sich gerne an Ternekun angelehnt. Nach der tröstenden Berührung und von der Angst um Mitar erfüllt, fiel es ihm schwerer als in den letzten Tagen, den distanzierten Abstand zu bewahren. Am Anfang hatte er sich nur an seine Verletztheit halten können, um seinen Vorsatz nicht gleich wieder zu vergessen, doch später war die Distanz leichter zu ertragen gewesen als das ewige Auf und Ab der Gefühle. Jetzt wünschte er sich hingegen sehnlichst ein warmes, tröstendes Wort und die starken Arme, die ihn so sicher halten konnten.

In die warme, lange Jacke gepackt, die ihn zwar unangenehm bewegungslos machte, aber vor dem eisigen Wasser schützte, schwamm er hinter Ternekun her und versuchte, seine Furcht nicht die Oberhand gewinnen zu lassen. Doch die gähnenden Löcher im Rumpf des Piratenschiffes lachten ihn höhnisch aus.

Ternekun hätte Cin gern ein wenig am Arm mit sich gezogen, der Kleine schwamm mit der Schutzkleidung noch weitaus langsamer als sonst. Die Minenarbeiter schienen ihre Antworten zu den Piraten viel lieber in das süße Gesicht eines Schleierschwanzmannes zu geben, als sich seinem finsteren Blicken zu stellen.

Was sie jedoch vernahmen, war ernüchternd. Ja, die Arbeiter hatten eine riesige Fregatte wie ein Quallenschwarm beleuchtet mit diesem Piratenschiff im Schlepp gesehen. Es fand ein Austausch von mehreren Schleierschwanzmännern statt und dann fuhr die Fregatte davon. Die Piraten hatte niemand so recht gesehen, man vermutete, dass sie alle tot, vielleicht gleich im Anschluss an die Schlacht in den Tiefen des Kanals versenkt worden waren.

Ternekun orderte eines der deftigen Essen und wollte Cin gerade nach einem Einkauf von etlichen warmen Decken und einer gefütterten Weste wieder zum Frachter geleiten, als ein besonders hübscher Schleierschwanzmann mit orangefarbenen Flossen auf sie zuschwamm und höflich auf eine Einladung zum Sprechen wartete.

Cin war so elend zumute, dass er sich nur noch in der Schlafmulde des Frachters zusammenrollen wollte. Bevor man seinen Bruder für einen Schleierschwanz hielt, würde man ihn den Piraten zurechnen. Wenn man nicht so genau hinsah, konnte man dessen kräftige Kopfflosse durchaus mit einem Schwertbuckel verwechseln. Vielleicht lag Mitar bereits kalt und tot am Grund des Tiefseegrabens und bleiche Krabben nagten an ihm.

Eigentlich wollte Cin mit nichts und niemandem sprechen, doch eine trotzige Stimme in seinem Inneren beharrte darauf, dass Mitar unmöglich tot sein konnte. Das durfte einfach nicht sein! Bangend und hoffend blickte er zu dem fremden Schleierschwanzmann auf. "Hast du die Piraten gesehen? Oder einen großen, grauen Mann, der kein Fakun war?"

Der Schleierschwanzmann hob die Schultern und verbeugte sich leicht. "Ich selber leider nicht. Ich soll euch eine Einladung von meinem Pascha überbringen. Er hört so selten von Fremden und würde gern auch sein Wissen über den Verbleib der Piraten eintauschen gegen einige Neuigkeiten aus dem offenen Meer." Er verbeugte sich unsicher noch einmal und mied Ternekuns Blicke, dann fragte er an Cin gerichtet: "Wollt ihr die Einladung annehmen und mir folgen?"

Alles in Cin verlangte danach. Vielleicht wusste der Pascha etwas, das ihnen weiterhalf. Wenigstens den Zielort der Fregatte mochte er ihnen nennen können. Oder vielleicht war ihm Mitar unter den befreiten Schleierschwänzen aufgefallen. Cin nickte schon, bevor er sich noch eine Antwort überlegt hatte.

"Ja, gerne. Ich danke dir." Dann zögerte er jedoch und drehte sich zu Ternekun um. "Es spricht nichts dagegen, oder?"

Ternekun nickte leicht. "Es kann nichts schaden, wenn wir die Höflichkeit erwidern."

Ein unbestimmtes Gefühl der Enge machte sich jedoch in ihm breit, während sie durch die erstaunlich prunkvollen Hallen zu einem Höhlenkomplex geleitet wurden, in dem einige Schleierschwanzmänner hin und her huschten, geschäftig taten und miteinander tuschelten. Auf einem gemütlichen Balkon, der die großen Halle überblickte, in der jedoch niemand feierte oder tanzte, empfing sie der Pascha mit seinem Favoriten, einem sehr zierlichen gelben Schleierschwanz. Der ein wenig zu offensichtlich taxierende Blick des Fakun an Cins Flossen entlang gefiel Ternekun ganz und gar nicht, er spürte, wie seine Augenbrauen und Flossen sich mit einem Hauch seiner Warnfarbe überzogen.

Der äußerer Schmuck zeichnete den Pascha zwar als Minenbesitzer aus, jedoch zeigten kleine Narben an den Flossen und dem schon sehr abgeflachten Schwertbuckel, dass er sehr wohl auch der Piraterie nicht abgeneigt gewesen war. Unauffällig tastete Ternekun unter der Weste nach den dort versteckten Messern und rückte dichter zu Cin auf.

Cin konnte nicht finden, dass der übergewichtige Pascha schlimmer aussah als die Mannschaft ihres Frachters, weswegen ihn das Näherkommen seines Wächters irritierte. Er ließ sich jedoch nichts anmerken, als er sich leicht verneigte, ihrem Gastgeber ein kleines Lächeln schenkte und sie nach einem Dank für die Einladung höflich vorstellte. Etwas weniger höflich, weil viel zu hastig erkundigte er sich dann auch schon nach seinem Bruder.

Das Gespräch mit dem Minenbesitzer verlief verwirrend vage. Einmal behauptete er, dass er wüsste, wo die Piraten sich befanden, dann wieder meinte er, dass es kein Umgang für Cin sei, dann wieder, dass ein großer grauer Mann dabei war, der aber sehr sicher zu den Piraten gehören musste, nur um einen Augenblick später wieder zu sagen, dass es alles Fakun gewesen sein mussten. Endlich, als sie gehen wollten, weil das Frachtschiff sicherlich sehr bald mit dem Beladen fertig war, lud er sie zum Essen ein.

Grummelnd nickte Ternekun und nahm sich zögerlich von einigen Schlangengerichten, auch wenn er keinen rechten Appetit hatte. Die fieberhafte Art, mit der Cin wieder und wieder nach Mitar fragte, von jedem möglichen Winkel aus versuchte, dessen Überleben zu erfahren, bereitete ihm für das Wiedersehen der Geschwister leichtes Bauchweh. Natürlich war es nicht im Sinne eines Paschas, aber sollte Mitar nicht abgeneigt sein, so würden die ungleichen Brüder im Grenzland oder im Fakunland ohne weiteres zusammen leben können.

Noch während Cin von den Garnelenspießen probierte, die ihm aufgenötigt wurden, fühlte er sich mit einem Mal entsetzlich müde; es lag gewiss an der Aufregung des Tages, an dem sich Angst und Hoffnung so unberechenbar abgewechselt hatten. In dem Schleier, der ihn dichter und dichter umfing, erinnerte er sich, dass der Frachter bald ablegen würde und dass sie damit der Fregatte folgen konnten.

Der Pascha hier schien alles gesagt zu haben, was er wusste, und das war erschreckend wenig. Cin vermutete, dass er im Grunde genauso wenig gesehen hatte wie seine Leute. Nur hatte ihn wohl der Wunsch nach Gesellschaft dazu gebracht, ihnen etwas vorzuspielen.

Als Cin sich aufrichtete, begann sich der Saal um ihn zu drehen, schlimmer noch als bei dem Schlangengift aus dem Krug. Er blinzelte, und es gelang ihm, Ternekun zu fixieren und sich mit einem Flossenschlag zu ihm treiben zu lassen, ohne jemanden anzurempeln. "Du musst... mich wieder..."

Es war schwer, Worte zu finden, und irgendwo in sich spürte Cin, dass etwas nicht richtig war. Ebenso konnte etwas daran nicht stimmen, dass Ternekun mit halb geschlossenen Augen auf dem Polster lag anstatt zu sitzen. Aber die Klarheit entglitt Cin zunehmend, und nach einem Moment wusste er nur noch, dass es sehr nett war, sich an Ternekun zu kuscheln. Schließlich wurde selbst dieser Gedanke von nebliger Schwärze ausgelöscht.

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Übelkeit überrollte Cin in gleichmäßigen Wellen, als er erwachte. Fünf Herzschläge lang war ihm schlecht, die gleiche Zeit brauchte es, um wieder abzuebben, dann hatte er für fünf Herzschläge Ruhe, ehe es von vorne anfing. Eine Weile lag er nur da und zählte mit, bis die Pausen länger wurden und er sich zu fragen begann, was er da eigentlich tat.

Mühsam versuchte er sich zu erinnern, was er getan hatte, dass er sich so miserabel fühlte, doch es dauerte, bis er seine Gedanken sortieren konnte. Irgendetwas musste an dem Essen auf dem Fest nicht gut gewesen sein. Oder sie hatten das Schlangengift, das für den Rausch verantwortlich war, einfach im Wasser verteilt, so dass man es gar nicht erst trinken musste. Er blinzelte, um sich zu orientieren, doch kaum drang Licht an seine Augen, kam die Übelkeit um so heftiger zurück, und er kniff sie wieder zusammen.

"Ternekun?", fragte er kläglich.

Es erfüllte Ternekun mit einem gewissen Maß an Stolz, dass Cins erstes Wort nach dieser Vergiftung sein Name war. Er selber hatte die Vergiftung nur als eine bleierne Schwere in den Gliedern wahrgenommen, offensichtlich griff das Schlafgift einen Schleierschwanzmann erheblich mehr an.

Mit zwei Schlägen der Flossen war er neben Cin und umgab die zitternden Schultern des Kleinen mit seiner Weste. "Ich bin hier, endlich habe ich dich gefunden, Cin." Unsicher sah er sich um. Er und Cin waren offensichtlich über ein Höhlensystem in Teile des stillgelegten Stollens unterhalb des Palastes des Minenbesitzers gespült worden.

Ternekun ließ sich neben Cin nieder und murmelte leiser: "Wir sind Gefangene, Cin. Ich glaube, dass wir nicht allein hier sind. Die Tunnel sind jedoch verworren, und ich möchte nicht ohne dich losschwimmen, du könntest dich allein hier verirren. Sag mir also bitte gleich Bescheid, wenn du dich besser... fühlst." Lauschend hob er den Kopf. "Da! Hörst du, Cin?" Eine Stimme sang klagend, ein Lied der Fakun.

Cin hörte es, aber in dem Moment war es ihm ziemlich egal. Er zog die zu große Weste enger um sich, dankbar für die Wärme und gleichzeitig zutiefst erschrocken von dem, was Ternekun ihm erzählt hatte. Gefangen. Der Minenbesitzer hatte sie gefangen genommen und in seine Stollen gesteckt, damit sie für ihn arbeiteten? Wie sollte er so jemals Mitar finden? Wie sollte sein Pascha ihn jemals finden?

Plötzlich ergab alles einen grausamen Sinn. Er richtete sich gegen die Übelkeit ankämpfend auf und sah zu seinem Wächter hoch. "Die Piraten sind hier, bestimmt sind sie das. Und mit ihnen... mit ihnen vielleicht Mitar."

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Wirakun sang leise. Er war allein zurückgeblieben, während die anderen Männer vom Schiff und Mitar sich zum Dienst in einem der eisigen Stollen hatten abführen lassen. Er selber schaffte es nicht einmal, vom Lager aufzustehen. Die Wunden hatten sich ohne die Heilmittel seines Arztes entzündet, und mehr als soviel Ruhe und so wenig Bewegung, wie auszuhalten war, schaffte Wirakun nicht. Die anderen zogen in die Stollen, obgleich der Minenbesitzer es ihnen theoretisch freigestellt hatte. Leider war es der einzige Weg, um Nahrung zu erhalten.

Wirakun war nur unendlich dankbar, dass Mitar seine kleine Ration mit ihm teilte, dass seine Leute ihm hin und wieder etwas abgaben, wenn sie es aushielten, Teile des Wenigen auf dem Rückweg von den Stollen zu der Gefangenenhöhle einzubehalten.

Mitar hörte die Stimme seines Geliebten schon von weitem durch die Tunnel klingen, und trotz seiner elenden Erschöpfung und seines knurrenden Magens huschte für einen Moment ein kleines Lächeln über sein Gesicht. Noch konnte Wirakun singen und das war gut. Er wusste nicht, was er tun würde, wenn ihn sein Geliebter irgendwann nicht mehr abends empfangen würde, wenn er zu schwach wäre, um überhaupt noch zu essen, wenn er...

Er wollte nicht in diese Richtung weiterdenken, aber er wusste, dass ihnen nicht mehr viel Zeit blieb. Er hatte versucht, mit den Aufsehern zu sprechen, damit Wirakun wenigstens seine Medizin und eine zusätzliche Decke bekommen würde, aber es war vergeblich gewesen. Sie hatten ihm nicht einmal zugehört.

Als Mitar zusammen mit den Fakun in die Schlafhöhle einkehrte, verstummte das Lied. Mitar schwamm zu Wirakun hin und ließ sich neben ihn auf das Lager sinken. Zu mehr als zu einem Kuss auf die Wange konnte er sich nicht aufraffen. Seine Arme schmerzten von den ständigen Erschütterungen durch die schwere Spitzhacke, mit der jeder von ihnen sich durch massiven Fels grub, um an Minerale und Edelmetalle zu kommen.

Wenn sie mehr zu essen bekommen würden und annehmbare Unterkünfte, hätte Mitar es nicht einmal als so schlimm empfunden; gerade am Anfang hatte ihm die Bewegung nach der langen Ruhezeit auf dem Schiff sogar gut getan. Doch mittlerweile war er nur noch müde. Er reichte Wirakun die Hälfte einer gepressten Algenwurst und lächelte aufmunternd. "Mit ein wenig Makrele heute. Ganz luxuriös. Genieße es."

Wirakun versuchte ein Lächeln, bevor er einen Teil des Essens abbrach, um es Mitar zurück zu geben. "Ich will nicht, dass du auch noch krank wirst, Mitar. Wenn ich nicht mehr als Belastung hier bin, dann werdet ihr sicherlich fliehen können." Er aß mit vorsichtigen kleinen Bissen. "Ihr solltet mich einfach hier lassen. Ich schlafe still ein, es wird gut sein, Mitar."

Das war gelogen. Er spürte, dass der Schmerz von der vergifteten Wunde mit jedem vergehenden Tag schlimmer pochte. Er wusste, dass er nicht mehr schlafen konnte, wenn es nicht aus Erschöpfung für einige Augenblicke geschah, und er wusste, dass er schrecklich dünn geworden war, weil er nur am Abend einen kleinen Teil der Ration erhielt, während Mitar und die anderen über den Tag hin und wieder essen durften, wenn auch zu stark bewacht, um ihm etwas mitzuschmuggeln.

Matt sank Wirakun auf die harten Matten zurück und wollte gerade beginnen, Mitar ein wenig zu streicheln, ihm den Schmerz aus den Armen zu nehmen, als er einen fremden Fakun im Eingang erblickte. Wenig drauf folgte ein zierlicher Schleierschwanz, und noch bevor dieser sich zu ihnen umdrehte, flüsterte Wirakun erstaunt und an eine Halluzination glaubend: "Dein Bruder, Mitar, oder eine Erscheinung."


© by Jainoh & Pandorah