Wie ein Schlangentanz

15.

Mitar war nahe daran, Wirakun einen gereizten Vortrag zu halten, dass er nicht einmal daran denken würde, ohne ihn zu gehen. Mehr aus Reflex, als dass er den Worten Glauben schenkte, wandte er den Kopf und vergaß, was er hatte sagen wollen. Die rotgoldene, zierliche Gestalt hätte er immer und überall wieder erkannt, und für einen Moment hielt er Cin wirklich für die Erscheinung, von der Wirakun gesprochen hatte.

Doch dann trafen sich ihre Blicke, über Cins Gesicht ging ein Strahlen, und mit einem Aufjuchzen kam sein kleiner Bruder auf ihn zugeschossen. Mitar schwamm ihm entgegen und fing ihn in der Mitte des niedrigen Raumes auf, spürte die schlanken Arme um sich, die ihn mit einer Inbrunst drückten, als hätte Cin ihn für tot gehalten.

"Ich bin so froh! Du lebst!", jubelte Cin und fühlte jeden noch so kleine Teil seines Körpers vor Freude und Erleichterung singen. Mitar sah nicht gut aus und viel zu erschöpft, aber er war nicht tot, und das war für den Moment alles, was zählte. Mitar drückte ihn auf Armeslänge von sich und sah ihm in das freudige Gesicht, aus dem die roten Augen regelrecht zu leuchten schienen. "Feuerfischchen, was in aller Tiefseemonster Namen machst du hier?! Du solltest zu Hause sein!"

Ein wenig zerknirscht verzog Cin die Miene, doch er war zu glücklich, um ernsthaft schuldbewusst oder niedergeschlagen zu sein. "Ich wollte dich retten. Ternekun hat gemeint, wenn du auf einem Fakunmarkt verkauft wirst, würde es ausreichen, dass ich bezeuge, dass du ein freier Mann bist." Auf Mitars fragenden Blick hin drehte er sich halb um und wies mit dem Kopf zu seinem Wächter. "Der Fakun, mit dem ich gekommen bin. Ich habe ihn angeheuert als meinen Beschützer und bis zu dieser Werft hat er seine Sache wirklich sehr gut gemacht. Dass wir hier gelandet sind, dafür kann er nichts."

Ternekuns Blick glitt über die müden Männer und seine Gedanken wurden düster. Die typischen Verletzungen der Minensklaven. Nur war Sklaverei in den Minen schon lange verboten worden. Es war auch nicht nötig. Eine normale Mine warf genug ab, um die Arbeiter zu bezahlen. Dann sah er den Bruder seines Auserwählten an und nickte ihm leicht zu. Ihm war nicht nach Höflichkeitsfloskeln. Etwas anderes fiel ihm vorher auf. Der Piratenkapitän war verletzt, er sah schlecht aus. Ein stetes Zittern fuhr durch seine Flossen, als ob er fror und der Ausdruck seines Gesichtes verriet Schmerzen.

Mit wenigen Flossenschlägen war Ternekun neben dem Krankenlager. "Wie ist das passiert? Ist es auch eine Verletzung durch eine Hacke?"

"Nein... nein, das waren vergiftete Klauen. Es ist schon in der Hafenstadt vor dem Kanal passiert." Wirakun war zu müde, um sich an der Aufdringlichkeit des Fremden stören zu können.

"Schlangengift." Ternekun ließ seinen Blick über den geschundenen Rücken mit der hässlichen Wunde streichen. "Wir haben hier weder die blauen Algen, noch Schmerzmittel, nehme ich an?" Die Häscher hatten ihm seine Waffen abgenommen, aber in der Innenseite seines Familienschmucks trug er Ampullen mit betäubendem Schlafgift bei sich. Die Kapseln sollten eigentlich auf der Messerschneide zerrieben werden, nun aber löste er nur eine Kapsel aus ihrem Versteck und murmelte "Kein Mittel, das dich heilen kann, aber den Schmerz kann ich dir nehmen."

Zögerlich streckte Wirakun die Hand aus und nahm die kleine Kugel. Sein Blick glitt fragend zu Mitar, der noch immer den zierlichen Schleierschwanz im Arm hielt.

Misstrauisch war Mitar dem fremden Fakun mit Blicken gefolgt, als er zu seinem Geliebten geschwommen war und die Wunde untersucht hatte. Als der Fakun Wirakun etwas gab und dieser zu ihm hinsah, nahm er seinen Bruder entschlossen bei der Hand und zog ihn mit sich. "Ich muss dir jemanden vorstellen, Cin."

Cins Gesicht verdunkelte sich, als ihr Ziel ausgerechnet der Piratenkapitän war, der ihm Mitar gestohlen hatte. Und dass sich Ternekun mit ihm beschäftigte, half nicht, dass er ihm mehr Sympathie entgegenbrachte. "Deinen Entführer?", fragte er finster.

Mitar seufzte innerlich, etwas hatte ihn hoffen lassen, dass Cin seine Verliebtheit überwunden hatte. Er packte seinen Bruder bei den Schultern und drehte ihn zu sich um. Er wollte ihn nicht verletzen, erst recht nicht jetzt und hier, wo sich der Junge aufgemacht hatte, um ihn zu retten, aber es gab keine andere Möglichkeit, und es wurde Zeit, dass er endlich die Augen öffnete. "Den Mann, den ich liebe, Cin."

Cin starrte ihn an, starrte in die entschlossenen, dunklen Augen und fühlte, wie die Freude über das Wiedersehen aus ihm heraus zu rinnen begann. Eine lange Weile sagte er gar nichts, ihm war nur, als würde die Kälte des Ortes auf ihn übergreifen und ihm weh tun.

"Oh...", flüsterte schließlich.

Hilflos drückte ihm Mitar die Schultern, auch wenn er wusste, dass es nichts bringen würde, ehe er sich zu Wirakun umwandte.

Nachdenklich hatte Wirakun die kleine Unterhaltung mitverfolgt. Cin hieß der Schleierschwanzmann, dessen Schönheit viel vordergründiger zu sehen war als bei Mitar. Sie ähnelten sich kaum. Die Enttäuschung über die Eröffnung, dass Mitar einen Mann gefunden hatte, den er liebte, ging über das erwartete Maß hinaus. Erwartet hätte Wirakun, dass Cin etwas Entrüstetes wie "Einen Piraten?! Der Pascha wird die Flossenfäule bekommen vor Wut!" ausrufen würde. Doch das leise 'Oh' enthielt dermaßen viel Enttäuschung, dass Wirakun fast gedacht hätte, Cin sei in seinen Bruder verliebt.

Etwas anderes war zunächst viel wichtiger, die kleine Pille in seiner Hand wog mit einem Mal schwer. Ternekun hatte ihn verfolgt, war ein Fakun, einer von der stolzen Sorte, denen man am Gesicht nicht viel ansehen konnte. Die Frage war, hatte der Wächter vor, ihn endgültig zu vergiften oder wollte er ihm wirklich helfen?

Ternekun beobachtete die Wortwechsel zwischen Mitar und Cin mit einer sich rasant vermehrenden Zufriedenheit. Sie würden entkommen, keine Frage. Er würde einen Weg finden, da war er sich sicher. Und nun, da Mitars Herz offensichtlich an diesem Piraten hing, würde sein persönlicher Weg, der zu Cins Herzen nämlich, ebenfalls frei sein.

Er sank neben Wirakun nieder und erklärte ernsthaft: "Wenn du von dieser Pille statt zu schlafen sterben würdest, brächten deine Männer mich um, Kapitän Wirakun. Ich brauche kein Vertrauen von dir. Ich brauche nur deinen Verstand."

Mitar ließ sich neben ihn sinken und umschloss Wirakuns geballte Faust, welche die Pille hielt, mit beiden Händen. Er kannte den Wächter nicht, den sein Bruder gebracht hatte und hatte keinen Grund, seinem Wort zu trauen, aber Ternekun sprach die Wahrheit. Das abgehärmte Gesicht betrachtend, spürte Mitar den Hass gegen den Minenbesitzer in sich aufwallen, der mit jedem Tag weiter anwuchs. Der Schmerz, der ihm aus Wirakuns dunklen Augen entgegensah, tat ihm ebenfalls weh, und dafür, dass sein Geliebter in Dunkelheit und Kälte dahinsiechte, wollte er den Pascha umbringen.

"Es kann dir nur helfen, wenn du für eine Zeit kein Leid spürst", sagte er leise und verbannte Zorn und Hass aus seiner Stimme.

Wirakun lächelte und küsste Mitar leicht, dann nickte er. "Und ich glaube, dass es für dich gut ist, wenn du Zeit mit deinem Bruder verbringst, nicht wahr? Lass mich einfach hier liegen, Mitar, vergeude deine Zeit nicht mit unsinnigen Wachen über einen halbtoten Fisch." Er schluckte die Pille herunter und wandte sich von Mitar ab, um ihn seine schlimmer werdende Verzweiflung nicht sehen zu lassen.

Ungeachtet seines Bruders beugte Mitar sich zu ihm, um ihn auf einen Mundwinkel zu küssen. "Kein Moment mit dir ist unsinnig", flüsterte er. 'Besonders nicht, wenn ich nicht weiß, wie viele wir noch gemeinsam haben. Warum gibt es nichts, was ich tun kann? Ich werde noch wahnsinnig dabei!' Er kämpfte gegen den Schmerz und die Angst an, die durch seine Brust wüteten, doch sie ließen sich immer schwerer besiegen. 'Ich will dich nicht verlieren.'

Zufrieden beobachtete Ternekun, wie der Kapitän schon wenige Momente später zusammen sank, um einzuschlafen. Während er Mitar und Cin Zeit zusammen einräumte, befragte er die anderen Fakun aus der Mannschaft und brachte in Erfahrung, dass der Hunger sie dazu zwang, in den Minen zu arbeiten. Hier in den Höhlen gab es nur hin und wieder einige blasse Tiefseekrabben zu finden. Bei weitem nicht genug, um auch nur einen von ihnen zu ernähren.

Den Schleierschwanzmännern, die sich zum Bleiben in Wirakuns Mannschaft entschlossen hatten, ging es nicht viel besser. Sie waren in den Harem gezwungen worden. Über ihren Verbleib wussten die Angetrauten der drei Kleinen nichts weiter. Die Wut darüber verblasste gegen die Müdigkeit. Schon bald sanken die Piraten auf die harten Matten nieder, wo sie sich gegen die Kälte eng aneinander schmiegten, um die wenigen Decken zu teilen.

 

Cin hatte sich in einem Seitengang in einer kleinen Nische verkrochen; so fest wie möglich in seine neue Weste gewickelt starrte er an die gegenüber liegende Wand. Allzu lange hatten er und Mitar nicht sprechen können. Die Arbeit und die Angst um Wirakun hatten seinen Bruder erschöpft, so dass er sich schließlich zu seinem Geliebten gelegt hatte, um ihn zu wärmen, wo er sofort eingeschlafen war. Immerhin hatte Mitar ihm all das erzählt, was an Fragen noch offen gewesen war. Über seine Gefangenschaft, den Überfall, bei dem der Piratenkapitän verletzt worden war, den kurzen Kampf mit dem Pascha des weißen Schleierschwanzes und den Betrug durch den Pascha der Minen.

Cin fragte sich, warum er nicht auch im Harem gelandet war wie die anderen Schleierschwänze. Er konnte nur zu dem Schluss kommen, dass es ein eigenartiger Humor des Minenbesitzers sein musste, der es spaßig fand, ihn hier mit seinem Bruder zu vereinen. 'Vereinen... Mitar hat einen Mann gefunden, den er liebt, selbst wenn dieser in ein paar Tagen oder Wochen sterben wird.' Doch er konnte sich nicht einmal wünschen, dass es geschah, damit sein Bruder wieder frei war. Die Verzweiflung, die bei jedem Blick zu dem siechenden Fakun in Mitars Augen gelegen hatte, war zu tief gewesen.

Ein Zittern erfasste Cin und hörte nicht mehr auf. Er hatte jedes Ziel aus der Sicht verloren. Er hatte seinen Bruder erreicht, aber dieser war vergeben; sie waren gefangen, es gab nichts, wohin er sich wenden konnte. Ringsum waren nur tote Minengänge, die verschlossen und bewacht waren und ein Entkommen unmöglich machten. 'Das weißt du nicht. Vielleicht gibt es einen Weg raus. Und wenn ich es doch noch in den Harem schaffe? Dann kann ich dem Kerl meinen Dolch in den feisten Wanst rammen!' Aber er hatte keinen mehr, und es war mehr als fraglich, dass er an einen kommen würde. 'Aber es muss einen Weg geben! Es muss einfach!' Erschöpft und verzweifelt vergrub er das Gesicht in dem festen Stoff der Weste.

 

Ternekun hatte die Nacht unruhig geschlafen, war immer wieder erwacht. Wieder und wieder glitten seine Blicke zu Cin hinüber, der einsam und allein mit seinem Kummer in einer Ecke gekauert ebenfalls unruhig schlief. Nach einem Seitenblick auf dessen großen Bruder fasste er einen Entschluss.

Als die Wächter eine Warnsirene durch die Gänge hallen ließen, schloss er sich nach einem kurzen Befehl an Cin, bei dem Kapitän und einem weiteren verletzten Fakun in der Halle zu bleiben, an die anderen an, um zu den Stollen zu schwimmen.

Der Weg dorthin war ernüchternd. Er führte sie durch eine Kristallröhre direkt durch die Tiefsee zum Stollen, wo eine Gruppe von Wachen sie mit Harpunen bedrohte, bis alle ihre Hacken gegriffen hatten, um damit in den düsteren Stollen zu verschwinden. Ternekun folgte Mitar, so schnell er konnte, auch wenn der kräftige Mann offensichtlich bis in den dunkelsten Schacht vordringen sollte.

Mitar wurde langsamer, als er bemerkte, dass Ternekun ihm hinterher kam. Er hatte die Nacht ruhiger geschlafen als gewöhnlich, denn Wirakun war nicht immer wieder von Schüttelfrost und vor Schmerz wimmernd erwacht, und er war demnach nicht ganz so müde wie sonst, als der Warnton erklungen war.

Eine Weile schwammen sie stumm hintereinander her, da der Tunnel nicht breit genug für zwei Männer war. Der Leuchtkristall, den Mitar mitbekommen hatte, spendete kaum genug Licht, um die Wände klar zu erkennen, aber er vertrieb die vollkommene Dunkelheit. Mitar hielt ihn weiter in Ternekuns Richtung, damit dieser überhaupt etwas sehen konnte. Als er die gähnende Öffnung erreichte, die senkrecht nach unten zu der kleinen Höhle führte, in der er schon seit Tagen nach Erzbrocken grub, hielt er an und setzte sich auf den Rand.

"Danke für das Schlafmittel." Er wollte noch mehr sagen, doch ihm fehlten die Worte. Diese eine ruhige Nacht hatte Wirakun etwas an Kraft zurückgegeben, und das ein wenig verschlafene Lächeln, das er Mitar am Morgen geschenkt hatte, war unendlich kostbar für ihn.

Ternekun nickte und blickte an den Wänden entlang. "Dies ist ein fast toter Schacht", stellte er unzufrieden fest. "Stimmt es, dass er eure Funde mit der Nahrung aufwiegt? Da kannst du nicht viel erhalten."

Mitar zuckte mit den Schultern. "In der Höhle ist noch etwas mehr. Ich habe gesagt bekommen, ich soll hier arbeiten. Wenn ich es woanders tue, bekomme ich gar nichts." Und das konnte er nicht riskieren. Für Wirakun war Mitars Arbeit fast die einzige Möglichkeit, an Essen zu kommen. Er konnte eine ganze Menge nicht tun, weil es letztendlich auf Wirakun zurückfallen würde. Mit zusammengebissenen Zähnen warf Mitar die Spitzhacke nach unten, ehe er sich in den schmalen Tunnel gleiten ließ. Ternekun folgte ihm, ein wenig über die Begriffsstutzigkeit des Mannes verärgert. Da war er nun, der Wächter über seinen kleinen Bruder, war ihm gefolgt, begann eine Unterhaltung, und der Kerl verschwand einfach.

"Weißt du, warum dein Bruder mit bei uns eingesperrt worden ist, Mitar?" Ternekun legte seine Hand auf die eisige Felswand und schloss kurz die Augen, ertastete das Material.

Mitar hob die Spitzhacke auf, als die verzerrte Stimme des anderen zu ihm herunter hallte und runzelte die Stirn. Zum Reden war später Zeit. Dennoch konnte und wollte er ihn nicht ignorieren. "Ich weiß es nicht, ebenso wenig wie ich weiß, ob ich froh sein soll, dass er hier unten ist, weil er damit nicht in dem Harem dieser Muräne gelandet ist oder unglücklich, weil es ein Drecksloch ist", rief er nach oben. "Komm runter, hier gibt es mehr zu finden."

"Er ist hier, weil er das Erz spüren kann, ist es nicht so? Der alte Pascha weiß das, da bin ich mir sicher, alle Minenbesitzer erkennen ein Wesen mit diesen Fähigkeiten auf den ersten Blick."

Mitar platzierte den Kristall so, dass er den Raum erleuchtete, der kaum hoch genug war, um die Hacke schwingen zu können. Ternekuns Stimme wurde deutlicher und klarer, als der Fakun zu ihm kam. "Hast du bei einem gearbeitet, dass du dich so gut mit Minenbesitzern auskennst?"

Ternekun schüttelte seinen Kopf leicht und schlug vor: "Hier, wir schlagen je auf zwei im Wechsel, versuch diese Kante zu treffen. Wir reden nachher, wenn wir rasten müssen."

Er spürte zwar Ungeduld in sich, aber wollte auf gar keinen Fall mit leeren Händen zu Cin in die Höhlen zurückkehren. Der kleine Schleierschwanzmann würde nicht hungern müssen, nur weil er zu viele Worte zu verlieren hatte. Schweigend brachte er sich in Position und hob die Spitzhacke gegen die Wand.

Mitar nickte, dankbar dafür, dass der Fakun nicht nur reden, sondern auch denken konnte. Schnell hatten sie ein gleichmäßiges Tempo gefunden, und bald war das Wasser mit Staub gefüllt, der das schwache Licht des Kristalls noch weiter verdunkelte.

 

Wirakun erwachte aus seinem Vormittagsschlummer. Das Betäubungsmittel des Fakunmannes, der mit Mitars kleinem Bruder gekommen war, hatte ihm wunderbar geholfen. Die Schmerzen waren noch immer dieselben, aber er hatte das Gefühl, dass sie nun besser zu ertragen waren. Am Morgen hatte er Mitar nur einen müden Blick zuwerfen können, als dieser ihn verlassen hatte, aber er fühlte sich stark genug, um in der nächsten Nacht auf die Pille zu verzichten. Ächzend drehte er sich auf den Matten um, während seine Blicke suchend durch die stille Halle glitten. "Mitars Bruder? Bist du noch hier?"

Cin war Ternekuns Befehl nur ungern gefolgt. Er war nicht krank und konnte durchaus sein Essen selber verdienen. Aber es war nur so wenig Zeit am Morgen gewesen, dass er nicht hatte fragen können, ob sein Wächter einen Grund für seine Anweisungen gehabt hatte. Das einzig Gute daran, dass fast alle Fakun weg waren, konnte er darin sehen, dass es nun genügend Decken gab, in die er sich einwickeln konnte.

Mollig warm eingehüllt erkundete er die Umgebung der Schlafhöhlen, doch viel gab es nicht zu sehen, lediglich Gitter, Gänge und noch mehr Gitter. Ob er genügend Kraft aufbringen konnte, um eines der Gitter zu lösen, wenn er lange genug die Stäbe umformte? Würde es überhaupt etwas bringen? Oder gab es danach nur noch mehr Hindernisse?

'Zumindest einen Versuch ist es wert', dachte er bei sich und suchte sich eines, das besonders vergessen wirkte. Er streckte nur eine Hand aus dem Deckenknäuel, als er Löcher in einen der Querstäbe zu formen begann. Wenn er ihn genug schwächte, konnten die Männer ihn gemeinsam brechen, da musste er keine Zeit darauf verschwenden, das Metall komplett durchzuschmelzen. Leider war seine Kraft recht schnell erschöpft, und die Übelkeit begann erneut. Das Gift wirkte nach, und ihm kam der Gedanke, dass Ternekun ihn vielleicht deswegen hier zurückgelassen hatte.

'Hör auf, über deinen Wächter nachzudenken', befahl er sich, als er langsam in den Schlafraum zurückkehrte und sich unweit von Wirakun niederließ. Eifersüchtig starrte er ihn an, während er zu begreifen versuchte, was Mitar an diesem Fakun fand. Als der Pirat aufwachte und nach ihm rief, überlegte Cin, ob er ihn einfach ignorieren sollte. Doch die Erinnerung an den Schmerz seines Bruders, weil sein Geliebter so schwer verletzt war, machte, dass er sich anders entschied. Vielleicht brauchte der Fakun Hilfe.

Er schwamm zu ihm hin und ließ sich bei ihm auf die Matte sinken. "Cin. Mein Name ist Cin."

Wirakun betrachtete Cin einen Augenblick lang, dann nickte er leicht. "Ich wollte mich entschuldigen, weil ich deinen Bruder entführt habe. Ich weiß nicht genau, was mich in dem Augenblick, in dem ich die Hände eigentlich nach dir ausgestreckt habe, verwirrt hat; aber ich habe wirklich ohne nachzudenken, Mitar an deiner Stelle entführt."

Er machte überanstrengt eine Pause, dann begann er schnell wieder zu reden. "Schon am zweiten Tag nach der Entführung wusste ich warum. Ich habe ihn zu meinem Favoriten erklärt, als er noch gar nicht mit mir reden wollte. Aber sollte ich sterben, und es erscheint sehr wahrscheinlich, dass ich hier sterben werde, will ich, dass du weißt, dass ich ihn nicht gezwungen habe." Matt senkte Wirakun seinen Kopf auf die Arme und seufzte leise. "Wenn ich sterbe, möchte ich, dass du Mitar zu Manmatha bringst. Der perlfarbene Pascha wird ihn aufnehmen und ihm ein gutes Zuhause geben. Kannst du mir diesen einen Gefallen versprechen, Cin?"

Cin schwieg eine Weile und versuchte, sich gegen das Mitgefühl zu wehren, das sich heimlich angeschlichen, ihn wie ein Kraken angegriffen und sich mit zahllosen Armen festgesaugt hatte. Er war genauso erfolglos damit, wie er es in einem echten Kampf gewesen wäre.

Schließlich reckte er das Kinn vor und erklärte mürrisch: "Wir aus dem Haus von Pascha Denju sind nicht gerade dafür bekannt, dass wir nachgiebig sind. Mitar ist stur, und er hat es sich in den Kopf gesetzt, dir anzugehören. Vor dir hat er niemandem angehören wollen. Und nach dir? ... Ich denke, er wird lieber nach Hause gehen, als einem anderen Harem beizutreten. Aber er wird dich nicht sterben lassen. Und ich tue, was ich kann, um ihm zu helfen." Er biss sich auf die Lippe, dann berührte er Wirakun an der Schulter. "Versprich du mir, dass du nicht aufgeben wirst. Wir werden einen Weg finden."

Mit einem kleinen Lächeln nickte Wirakun, während sich Wärme in seinem Bauch niederließ. Der Kleine hatte ihn gern, um seines Bruders Willen. Und er respektierte sehr offensichtlich die Wünsche von Mitar. Dessen Sorge und Zuwendung hielten Wirakun überhaupt noch in den Gewölben am Leben. Einzig Mitar. Alles andere war verloren für ihn. Sein Schiff, seine Schätze, seine Ehre. Nur Mitar, der ihn ohne all dies noch immer liebte, sogar als Pirat geliebt hatte, hielt ihn. Aber Mitar war ein verdammt guter Grund, um am Leben zu bleiben.


© by Jainoh & Pandorah