Wie ein Schlangentanz

16.

Ternekun lehnte die Spitzhacke an die Wand und betrachtete die kleine Gruppe Fakun, die sich gierig auf das karge Essen stürzte. Aufseher ließen sie nicht aus den Augen; es war Ternekun nicht möglich, etwas von den Speisen zu stehlen, um es für später aufzubewahren. Als die Schüsseln nach einer kurzen Zeit wieder abgeräumt wurde, erschien der Pascha und gab bekannt, wie viel Erz sie geschafft hatten und wie viel er noch erwartete. Nachdenklich schliff Ternekun die schartige Hacke und musste sehr an sich halten, um den Minenbesitzer damit nicht anzufallen. Leider war dieser auf einem Podest und von Wachen mit Harpunen geschützt.

Stattdessen wandte er sich Mitar weiter zu und fragte rasch, während sie wieder in die Stollen getrieben wurden: "Wo kann man ungestört reden, Mitar? In den Höhlen unten? Es ist wichtig."

Mitar versuchte schon längst nicht mehr, etwas von dem Essen einzustecken, das sie in der Pause bekamen. Es funktionierte nicht, und so nutzte er die Zeit, um selber so viel wie möglich zu bekommen, damit er die Abendration für Wirakun mitbringen konnte. Er nickte auf Ternekuns Frage hin, antwortete aber nicht weiter, bis sie von den Wachen zurück in ihre Tunnel geschickt worden waren. Erst, als sie im Licht ihres Kristalls an dem nach unten führenden Schacht angekommen waren, wandte er sich zu Ternekun um.

"Ich habe noch nie getötet, aber wenn ich ihn in die Hände bekommen würde, wäre es mir eine Freude, ihm den Hals umzudrehen", sagte er verbittert. "Manchmal stelle ich mir vor, er würde vor mir stehen. Mit einem Mal geht die Arbeit leichter. Hier ist es so sicher, wie es sein kann. Die Wächter kommen nicht her."

Ternekun nickte leicht. Er straffte sich und stellte die Spitzhacke ab, dann erklärte er mit fester Stimme: "Ich werde Cin zu meinem Favoriten nehmen."

Mitar hatte mit einigem gerechnet, aber damit ganz bestimmt nicht. Überrumpelt schwieg er erst einmal und starrte den Fakun an, doch auch nach mehreren Momenten sah es nicht so aus, als wollte sich dieser einen Scherz erlauben.

"Und was sagt Cin dazu?", fragte er schließlich mit gerunzelter Stirn. "Gegen den Willen meines Bruders wirst du nicht einmal eine Flosse an ihn legen, gleichgültig ob hier oder woanders. Und er dein Favorit? Er hat mir gesagt, dass du sein Wächter bist. Wenn mein Pascha irgendetwas zustimmen sollte, dann höchstens, dass du in seinen Harem eingehst."

Ternekun seufzte. "Er hat mir seinen Auszahlschmuck übergeben und mich gebeten, ihm bei der Verfolgung der Piraten zu helfen. Wir befanden uns auf dem Heiratsmarkt. Wenn man nach meiner Sicht der Dinge fragt, dann würde ich sagen: Ein Schleierschwanzmann ist zu mir gekommen und hat mir seine Lösesumme bezahlt. Da bin ich wohl im Recht zu glauben, dass er sich als Gatte für meinen Harem beworben hat, oder etwa nicht? Dass er mich für einen einfachen Wächter gehalten hat, tut nichts zur Sache. Was seine Meinung angeht, er wird es wollen, keine Sorge. Seiner Gefühle habe ich mich schon versichert, aber ein Fakun macht die Dinge in der richtigen Reihenfolge. Ich hätte ihn unmöglich entehren können vor der Zeit, oder ist es bei Schleierschwänzen so üblich?"

"Dafür, dass er dir den Schmuck gegeben hat, ziehe ich ihm nachher die Ohren lang! Pascha Denju wird nicht begeistert sein", grollte Mitar. "Aber dass du sein Wächter bist, tut sehr wohl etwas zu der Sache. Er hat dich angeheuert, damit du für ihn arbeitest, mehr nicht. Ich bezweifle, dass er seinen Wunsch zweideutig formuliert hat. Und was heißt, er hat dich für einen Wächter gehalten?" Das letzte Wort betonend musterte er den Fakun misstrauisch. Dunkel wie viele, mit weißgestromten Flossen, mit weißen Brauen und Fächerohren und dem Schwertbuckel, den eine lange Narbe überzog. "Wer bist du, wenn kein Wächter?"

Ternekun lächelte amüsiert. "Das ist vielleicht ein Zufall, dass wir diese Frage ausgerechnet hier klären, aber ich bin Besitzer einer Mine im Fakunland. Sie ist etwa zehnmal so groß wie diese hier, allerdings beschäftige ich keine Sklaven. Dein Bruder hatte mich lediglich mit einem der Wächter vom Heiratsvermittler verwechselt, und ich habe vorgezogen, dieses Missverständnis noch nicht aufzuklären, das ist alles."

"Das ist alles, so." Diese Neuigkeit musste Mitar erst einmal verdauen. Kein Wächter? Und ausgerechnet dieser nüchtern wirkende Fakun sollte eine romantische Ader haben, die ihn zu einem solchen Versteckspiel trieb? Andererseits hatte Wirakun die auch, und er war ebenfalls Fakun. Mitar hatte schon das Gefühl, dass es Ternekun ernst war. Eine Weile lang starrte er auf seine schwieligen Hände, ehe er bedächtig nickte. "Wenn du meine Erlaubnis brauchst, meinen Bruder zu umwerben, dann gebe ich sie dir. Wann willst du Cin die Wahrheit sagen?"

Ternekun seufzte. "Die Opfer von Fakunpiraten werden, ob sie hinterher sogar zu freiwilligen Angetrauten werden oder nicht, stets auf dem Mark in der Hauptstadt der Fakun präsentiert und von einem unabhängigen Komitee geschätzt. Es findet regelmäßig statt, und dorthin wäre Wirakun mit euch gefahren. Eigentlich hatte ich vor, Cin den Versuch unternehmen zu lassen, dich freizusprechen. Danach hätte ich meinen Auftrag erfüllt und hätte ihm meine Hallen gezeigt, um es ihm dort zu sagen." Prüfend betastete er die Wand vor ihnen. "Oder ich hätte dich und Manmatha freigekauft, dann hätte ich ihm meinen Reichtum gleich dort erklärt."

In die Struktur der Wand vertieft schwieg er einen Augenblick. "Hier jedoch will ich es nicht sagen. Die Gründe sind verständlich. Vielleicht würde er dann behaupten, dass ich dich viel schneller und leichter mittels meines Geldes hätte retten können, und all dies wäre nicht passiert." Er schlug mit der Spitzhacke eine Markierung in die Wand, dann sah er Mitar ins Gesicht. "Aber deine Liebe zu Wirakun wäre vielleicht nicht entstanden, wenn wir zu früh gekommen wären, oder?"

"Vielleicht. Vielleicht auch nicht." Mitar lächelte schmal. "Aber Geld hätte in dem Fall gar nichts gebracht. Wirakun hätte mich nicht verkauft, für keinen Preis der Welt. Und mach dich besser darauf gefasst, dass Cin wütend sein wird. Er wird sich betrogen vorkommen." Ihm wurde bewusst, dass es hohe Zeit war, sich wieder an die Arbeit zu machen, wenn er seinem Geliebten Essen mitbringen wollte. Auf die Markierung deutend fragte er: "Du kannst das Erz spüren wie Cin?"

Ternekun schüttelte den Kopf. "Nein, das kann ich nicht. Aber ich bin in Minen aufgewachsen, und ich kenne das Gestein. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn es etwas versteckt."

Er setzte noch weitere kleinen Markierungen und begann dann, mit Mitar gemeinsam am Abendessen zu arbeiten. Sie waren ein gutes Team, es ließ sich leicht mit Mitar arbeiten, und so hatten sie am Abend ein Anrecht auf eine ordentliche Portion des faden Essens, vor allen Dingen schwarze Algen.

In die Gefangenenhöhle zurückzukehren, war anstrengend, da sie in den Röhren gegen eine Strömung anschwimmen mussten, die für den Wasseraustausch sorgte. Noch einmal ließ Ternekun seinen Blick suchend über jede Möglichkeit zu entkommen gleiten. Es blieben nur zwei Wege offen. Einmal die Wachen zu überwinden, die sie zwischen den Minen und der Schlafhöhle begleiteten und zum anderen während der Pause eine Rebellion zu starten. Bei beiden Wegen würden etliche sterben, zudem wären die Gefangenen in der Höhle, die abhängig von ihnen zurückgeblieben waren, damit verloren. Niedergeschlagen gab er für sich zu, dass sein anfänglicher Optimismus sich schon nach einem Tag verbraucht hatte.

Doch der Anblick der feuerroten Flossen, die mit einem Aufwirbeln gegen die dicken Decken kämpften, wärmte seine Gedanken merklich auf. Mit einem kleinen Lächeln sah Ternekun, dass Cin sich weiterhin in seiner Nische versteckt gehalten hatte, von Wirakun leicht abgewandt. Rasch schwamm er auf ihn zu und ließ sich neben ihm nieder. Er ruckelte ein wenig dichter zu ihm heran und sah prüfend in das spitze Gesicht. "Alles in Ordnung? Das hab ich dir mitgebracht, iss."

"Danke." Cins Augen leuchteten auf, hungrig fiel er über das Essen her. Seine Magie zehrte zusätzlich an seiner Energie, und so war sein Magenknurren den Tag über nahezu unerträglich geworden. Erst, nachdem er die Portion restlos vernichtet hatte, lehnte er sich zufrieden zurück. "Sie könnten einen besseren Küchenmeister einstellen."

Mit einem Grinsen zog er die Decke wieder um seine Schultern. Er ließ den Blick über die müden Fakun schweifen, die sich in Gruppen auf den harten Matten zusammengefunden hatten und dann zu Mitar, der bei Wirakun lag und mit diesem flüsterte. Der Stich, den Cin spürte, ließ ihn hastig wegschauen.

"Ich bin nicht so faul gewesen, wie du vielleicht denken magst", erklärte er Ternekun, um sich davon abzulenken, obwohl sein Wächter auch nicht wirklich dazu geeignet war und er sich lediglich noch einsamer in seiner Gegenwart fühlte. Energisch kämpfte er dagegen an. "Ich habe angefangen, eines der Gitter marode zu machen. Wenn ich ein paar Tage fortfahre, kann man es ohne Probleme rausbrechen. Ich weiß nur nicht... ob es viel hilft und ob noch mehr Gitter dahinter sind."

Ternekun seufzte. "Leider liegen dahinter nicht nur viel mehr Gitter, sondern auch die Tiefsee. Sie ist zu kalt, um darin ohne ein Schiff zu entkommen, Cin."

"Wir müssen nur zu dem Pascha und ihn gefangen nehmen. Er hat alles, was wir brauchen. Essen, Decken und die Ausrüstung, um das Schiff der Piraten wieder fahrtüchtig zu machen. Meinst du nicht, dass wir eine Chance haben?" Cin wollte sich nicht alle Hoffnungen zerstören lassen. Mit Sicherheit würde früher oder später jemand kommen, um sie zu befreien. Pascha Denju suchte Mitar und ihn. Aber während diese Chance für die meisten ausreichend war, konnte es für Wirakun zu spät sein. Cin wollte sich lieber nicht vorstellen, wie traurig sein Bruder sein würde.

"Ja, du hast Recht, Cin. Aber seine Truppen sind gut bewaffnet." Ternekun wollte dem kleinen Schleierschwanzmann eigentlich nicht den Optimismus stehlen, aber konnte leider nicht umhin, ihm ihre Lage so drastisch deutlich zu machen. Es tat ihm zwar weh, aber zugleich wollte er ihr Verhältnis nicht in einer solchen Situation ändern. Er fühlte sich zur Zeit noch deutlich wohler mit Cin als Schützling und nicht Gefährten. Ablenkend fragte er ihn zu seinen Fähigkeiten, das Metall zu formen, aus, aber war schon bald zu müde, um noch weiter zu reden. Er blieb selbstverständlich neben Cin in der Nische liegen, um die Decke dankbar, die jemand ihm reichte.

'Wenn es nach dir geht, dann sterben wir halt alle langsam', dachte Cin mürrisch, aber sagte es nicht, weil er wusste, dass es ungerecht war. Er rutschte von Ternekun weg, so weit es ihm möglich war, ohne sein kleines Versteck zu verlassen und rollte sich in seine Decke ein. Mitar war schon eingeschlafen, und er wollte ihn nicht mehr wecken, um ihn um seine Meinung zu fragen. Während er noch darüber nachsann, ob er am nächsten Morgen Ternekun ignorieren und mit den Fakun gehen sollte, um sein eigenes Essen zu verdienen oder ob er lieber weiter das Gitter schwächte, schlummerte er schon weg.

 

Seit er von dem Piratenschiff zurückgekehrt war, hatte Manmatha schlecht geschlafen. Daran konnte auch sein herrlich gemütliches Bett nichts ändern. Zum Teil lag seine Ruhelosigkeit daran, dass er nicht wusste und wohl auch nie erfahren würde, wie es Wirakun ging. Er machte sich Sorgen um ihn und vermisste ihn erschreckend heftig.

Zum anderen war es jedoch der Zustand seines Paschas, der ihm Angst machte. Zahin wurde mit jedem Tag teilnahmsloser, lächelte kaum noch, wenn Manmatha ihn besuchte und an seinem Bett saß, um seine Hand zu halten und ihm zu erzählen. Nur wenn Zahin schlief, verließ er ihn, um Zeit mit seinen Gästen zu verbringen oder selber etwas auszuruhen.

Tiepho war ihm das geworden, was Wirakun wohl mit einem Schatten gemeint hatte. Meistens folgte der Wächter ihm still, und Manmatha hatte sich schnell an seine oft stumme, nie aufdringliche Gegenwart gewöhnt. Manchmal wechselten sie einige Worte, doch sie unterhielten sich nie länger. Tiepho war immer distanziert und zurückhaltend, und selbst wenn er lächelte, hatte Manmatha nie das Gefühl, als würde es seine Augen erreichen. Ab und zu irritierte es ihn, aber die meiste Zeit beruhigte ihn diese Professionalität, selbst wenn er sich in dem Kriegsschiff keinerlei Gefahren ausgesetzt sah.

Manmatha betrachtete das Spiegelbild seines Wächters in der Scheibe, die nicht viel mehr zeigte als die ewig gleichen grauen Schluchtwände, die von den Kristallen kurz aus der Dunkelheit gehoben wurden, um nur Momente später wieder darin zu versinken. Zahin schlief, und auch seine Gäste hatten sich in ihre Zimmer zurückgezogen. Nur Manmatha konnte keine Ruhe finden.

"Wenn du möchtest, kannst du dich zurückziehen, Tiepho", sagte er und wandte sich zu dem großen, dunkelblauen Mann um. "Ich zweifle daran, dass mir hier etwas geschehen wird. Du musst nicht wachen, nur weil ich noch nicht müde bin."

Tiepho nickte leicht und stimmte zu. "Das muss ich nicht, Manmatha. Aber ich werde." Er deutete eine leichte Verbeugung an und zog sich noch eine Idee weiter zurück, um nicht aufdringlich zu sein. Er hatte bemerkt, wie Manmatha sein Spiegelbild kurz betrachtet hatte und fragte sich insgeheim, was der schöne und reiche zukünftige Pascha wohl von ihm dachte. 'Ob er meine Dienste weiterhin in Anspruch nehmen wird, wenn er erst einmal Pascha ist?' Der Gedanke, dass Manmatha ihn sofort wieder freisetzen würde, gefiel Tiepho nicht. Etwas in ihm wollte in der Nähe des perlfarbenen Schleierschwanzmannes bleiben.

Dabei waren seine Aufgaben nicht gerade leicht. Manmatha war verwöhnt und schlecht gelaunt. Permanent war Tiepho damit beschäftigt, diskret hinter dem Rücken des jungen Paschas seine Speisen umzubestellen, die Musiker im Schiff in die Ecke zu dirigieren, in der Manmatha urplötzlich in trübe Grübelei verfallen war, oder auch nur die Diener herbei zu winken, um Manmathas Schwanzflossen zu richten, damit er sich nicht darin verfing.

Er selber berührte den Mann nie, aber er betrachtete ihn sehr gern. Auch dies gestattete er sich nur für eine längere Zeit, wenn Manmatha es nicht merkte, wenn er grüblerisch in die See starrte oder schlief. Tiepho runzelte besorgt die Stirn, als ihm der erschöpfte Zug um den weichen Mund auffiel. Er wollte ihn nicht noch mehr besorgen, aber je schwächer der alte Pascha wurde, desto mehr machte er sich Gedanken.

An diesem Abend, als sie mit einem Mal aus den engen Schluchten in die klare, hellgrüne Ebene des nördlichen Fakunlandes glitten, vor ihnen die zweitgrößte Stadt der Fakun mit ihren erleuchteten Hallen, wagte er es, sich Manmatha zu nähern. "Manmatha? Darf ich eine Frage stellen?"

Einen Moment lang antwortete Manmatha nicht, sondern genoss den Ausblick, der ein wenig seiner trüben Laune entgegen wirkte. Wie sehr ihn das ewige Schwarz bedrückt hatte, merkte er erst jetzt. Er war lichtdurchflutetes Wasser und die Farbenpracht von Korallen und Anemonen gewöhnt. Ein kleines Lächeln glitt über sein Gesicht, verschwand aber auch gleich wieder, als er sich erneut Tiepho zuwandte. "Sicher, mein Wächter."

Tiepho stockte kurz. 'Mein Wächter...' Es klang fast so, als hätten sie ein Recht auf eine engere Beziehung, als seien sie einander verbunden, wenn auch nur über ihre Positionen zueinander. Vorsichtig glitt er neben Manmatha, sehr darauf bedacht, nicht in Berührung mit dessen leicht wallenden Flossen zu geraten. "Es geht um meine Arbeit. Ich möchte in Anbetracht der Tatsache, dass wir unser Ziel sehr bald erreichen werden, fragen, ob du mit meiner Arbeit zufrieden gewesen bist."

Manmatha sah in das ernste Gesicht empor und erwiderte den Blick der dunkelblauen, schmalen Augen. Ihr Ziel hatten sie noch längst nicht erreicht, lediglich ihren Wendepunkt. Sie mussten die lange Fahrt durch die Spalte zurück antreten und konnten sich dann erst auf den Weg in seine Heimat machen. Zudem plante Manmatha, ein paar Tage Rast in der Stadt einzulegen, vielleicht würde das seinem Pascha gut tun.

"Hast du denn das Gefühl, ich sei nicht zufrieden mit dir?", fragte er statt einer Antwort, sprach dann jedoch weiter, ohne Zeit für eine Erwiderung zu lassen. "So, wie ich dich kennen gelernt habe, bist du zuverlässig, diskret, unauffällig. Du gibst dir Mühe, deine Aufgaben so zu erfüllen, dass du nicht bemerkt wirst und bist, wie ich gestehen muss, sehr erfolgreich dabei. Vielleicht sogar ein wenig zu sehr. Gefällt dir deine Arbeit hier?"

"Ich war mir nicht sicher, Manmatha, ob du mich behalten wolltest, sobald wir in der Fakunstadt sind." Tiepho musterte den Schatz, den er zu schützen hatte, kurz und fügte ungemütlich an: "Wenn dem nicht so sein sollte, würde ich es gern vorher wissen."

"Mein Pascha hat dich eingestellt bis zu den Hochzeitsfeierlichkeiten, ich glaube nicht, dass er dich vorher entlassen wird!" Manmatha war selber überrascht, wie scharf seine Stimme klang. Er schauderte ein wenig und wandte sich ab, um zu einem Polster zu schwimmen und sich zu setzen. Sorgfältig ordnete er seine Flossen, während er sich eingestand, dass das plötzliche Aufwallen von Zorn seinen Ursprung in Verzweiflung und Müdigkeit hatte. Tiepho hatte nur ausgesprochen, was er schon seit Tagen befürchtete. Pascha Zahin war vielleicht bald nicht mehr in der Lage, irgendetwas zu entscheiden. Vielleicht war er bald überhaupt nicht mehr.

"Es tut mir leid", sagte er leise, dann richtete er sich auf und lächelte leicht in die Richtung seines Wächters. "Zumindest bis zu irgendwelchen Hochzeitsfeierlichkeiten wirst du auch bleiben. Und so, wie es aussieht, kann das noch länger dauern."

Tiepho spürte das Verlangen, Manmatha zu trösten, wieder einmal in sich aufwallen. 'Das steht dir nicht zu! Es steht dir nicht zu!' Er biss sich auf die Unterlippe und riss sich ein wenig mehr zusammen, dann erklärte er mit gepresster Stimme "Ich wollte nicht taktlos sein. Ich habe nur den Verdacht gehabt, dass du deinem Pascha vorschlagen wolltest, mich in der Stadt fortzuschicken. Entschuldige die Störung bitte." Mit einer kleinen Verbeugung entfernte er sich wieder in die Ecke, von der aus er Manmatha gut sehen konnte, ohne ihn direkt zu stören.

Manmatha schüttelte den Kopf; die Bewegung brachte den Perlenschmuck des Diadems leise zum Klingen. "Ich respektiere die Wünsche meines Paschas." Er verstummte und fühlte sich mit einem Mal sehr allein. Schmerzlich wurde ihm bewusst, dass Wirakun ihm mehr als nur Komplimente und Geschenke gegeben hatte. Er hatte ihm Zeit geschenkt, Nähe, Aufmerksamkeit, hatte sich auf eine Art mit ihm unterhalten, die nie Langeweile hatte aufkommen lassen. Er vermisste das Lachen mit Mitar, wenn Wirakun unabkömmlich war und sogar den kleinen, ein wenig übereifrigen Diener, der ihn auf dem Piratenschiff immer begleitet und der nicht die diskrete Höflichkeit der ausgebildeten Dienstboten hatte. "Magst du dich zu mir setzen? Du stehst im Dienst meines Paschas, um über mich zu wachen, aber ich weiß fast gar nichts von dir."

Tiepho blinzelte einmal, dann lächelte er leicht. "Gern." Er schwamm in eine höfliche Nähe und ließ sich dort bei Manmatha nieder, wo dieser ihn zwar gut hören und anreden konnte, aber sie nicht Gefahr liefen, einander durch Berührungen zu nahe zu geraten. Davor hatte er Angst. Einmal war Manmatha durch eine ungeschickte Bewegung der Flossen ins Strudeln geraten, und er hatte ihn leicht gestützt, bis sein Weg wieder sicher war. Das eine Mal hatte wilde Träume zu ihm heraufbeschworen, hatte die nächsten Tage sehr anstrengend gemacht.

"Was möchtest du wissen?", erkundigte Tiepho sich nun, den Blick scheinbar gleichgültig in Manmathas Richtung gelenkt. Er schaffte es nicht einmal, in diese wunderschönen, großen Augen zu sehen. Immer wieder sagte er sich, dass der junge Pascha sicherlich nur ein wenig Ablenkung wünschte, Unterhaltung, mehr nicht.

"Du machst nicht viel anderes, als über mein Wohlergehen zu wachen. Über Tag genauso wie in der Nacht." Nachdenklich sah Manmatha zu dem anderen Mann hin, dessen dunkelblauer Körper in dem Licht der Kristalllampen schimmerte, als würde ihn Sonne streifen. "Ist das nicht zu viel? Wünschst du dir nicht manchmal freie Zeit für dich?"

Tiepho schüttelte den Kopf. "Nein. Ich werde diesen Auftrag nicht nur sicher bis zu seinem Ende bei der Hochzeit ausführen, wenn ein anderer über dich wachen darf, sondern tue es auch gern. Es macht Freude, einen Schatz zu bewachen, der es wert ist." Er spürte, dass seine Flossen vor Scham über seine offene Rede leicht zitterten, denn so frei hatte er nicht sprechen wollen, aber sein Mund hatte ihn betrogen. Er neigte seinen Kopf sehr rasch und murmelte "Verzeihung."

Manmatha blinzelte verwirrt, dann musste er lächeln. Wärme breitete sich in ihm aus, als ihm bewusst wurde, dass sein Wächter ihn gern hatte. "Ich danke dir, Tiepho. Du hast meinen Tag heller gemacht."

 

Sie hatten nicht mehr viel gesprochen danach, doch Manmatha fühlte sich leichter und vor allem nicht mehr so einsam. Die Gegenwart seines Wächters war präsenter geworden, obwohl er sich genauso im Hintergrund hielt wie zuvor. Hin und wieder gestattete Manmatha es sich, ihm ein Lächeln zu schenken, wenn sich bei seltenen Gelegenheiten ihre Blicke trafen; manchmal, wenn er verspielt wurde, streifte er ihn mit seinen Flossen. Es war nicht schwer, bei der Menge an Schleiern, die er hatte, und es gefiel ihm zunehmend.

Es hob seine Laune sogar so weit, dass er einem Ausflug in die Fakunstadt zustimmte, in deren Hafen sie schließlich vor Anker gingen. Im Schutz von Tiepho und seinen Männern streifte Manmatha mit seinen Gästen durch die weiten Straßen; sie besuchten Geschäfte und Sehenswürdigkeiten wie die uralten Korallengärten, deren Temperatur penibel mit Wärmesteinen kontrolliert wurde, und die Haifisch-Dressurschule, deren Ruf sogar über die Grenzen gedrungen war. Das Wasser war kühl, aber nicht so eisig wie bei den Minen und ließ sich selbst für Manmatha gut ohne zusätzlichen Schutz aushalten. Inständig hoffte er, dass das Sonnenlicht und das frische Wasser seinem Pascha zusammen mit den ansässigen Heilern helfen würden, doch sein Arzt hatte ihm wenig Hoffnung gemacht.

Die Unruhe deswegen brachte ihn schließlich dazu, sich von den anderen zu verabschieden und zum Schiff zurückzukehren. Die Pagen, die ihm die mit Ornamenten verzierten, mattgrünen Glastüren in die große Halle öffneten, hielten die Köpfe gesenkt, und noch ehe Manmatha die erste Rampe erreicht hatte, kam ihm der Leibdiener seines Paschas entgegen. Angstvoll verkrampfte sich sein Bauch, als er die ernste Miene sah. Er wollte gar nicht hören, was der Diener zu sagen hatte.

Aber es wurde auch durch den Aufschub nicht besser, als der alte Mann darauf bestand, dass sie sich zuerst in Manmathas Gemächer zurückziehen sollten. Die Tür war noch nicht richtig geschlossen, da wirbelte er schon zu dem Diener um. "Mein Pascha...?", fragte er drängend.

"Es tut mir leid, Pascha Manmatha." Der Diener verneigte sich, aber konnte seine Trauer damit nicht verbergen. "Wir haben noch weitere Ärzte aus der Stadt dazugeholt, aber es war vergeblich. Er ist nicht mehr aufgewacht."

Der Schmerz in Manmathas Bauch weitete sich aus und griff auf seinen gesamten Körper über. Ein Zittern lief durch ihn hindurch und ließ ihn kraftlos zu Boden sinken, während er gegen den Klagelaut ankämpfte, der sich in seiner Kehle bildete. 'Warum tut es so weh? Warum ist er nicht mehr da? Ich habe ihn doch auf dem Piratenschiff nicht vermisst. Warum tut es jetzt so weh?'


© by Jainoh & Pandorah