Wie ein Schlangentanz

17.

Der Tod des alten Paschas hatte sich sehr deutlich abgezeichnet und überraschte Tiepho nicht. Täglich war der Pascha schwächer geworden, und auch er selber hatte gewusst, wie es um ihn stand. Er hatte seinen Sohn und Erben täglich für eine kurze Weile zu sich gebeten, und Tiepho hatte gehört, wie genau er noch einmal all die wichtigen Dinge erklärt hatte. Wie Entscheidungen zu fällen waren, welche Familien Freunde und welche Feinde waren, wie neue Diener zu finden waren.

Besonders an einen Abend erinnerte sich Tiepho deutlich. An ihm war es um den Piraten gegangen, der Manmatha geraubt hatte. Der Pascha hatte es befremdlich gefunden, dass sein Sohn gute Worte für diesen Piraten übrig hatte. In der Diskussion um den Fakun war gesagt worden, dass Manmatha zu schwach war, um allein zu bleiben. Sein Pascha hatte ihm noch einmal sehr dringend empfohlen, sich einen kräftigen Gefährten zu suchen.

Tiepho lauschte dem leisen Jammern und Weinen seines Schützlings. Etliche Diener waren bei Manmatha und versuchten, ihn so gut sie konnten zu trösten. Tiepho sah aus dem Fenster der Kabine auf das unpassend fröhliche Treiben im Hafen und ballte seine Hände zu Fäusten, um nicht zu ihm zu schwimmen und ihn vor allen anderen in den Arm zu nehmen. Endlich bemerkt er, wie Manmatha eine kleine, abwehrende Geste in Richtung eines Dieners machte und straffte seine Haltung.

Er schwamm still zum Lager hin, wo Manmatha zwischen dunkelblauen Kissen wie eine schimmernde Silberperle drapiert worden war und hob eine Hand. "Es ist jetzt genug. Der Pascha wünscht zu schlafen." Es war riskant, einfach so zu bestimmen, aber er selber konnte die Mitleidsbekundungen nicht mehr ertragen, und sie machten die Trauer nicht besser.

Als die Diener den Raum verlassen hatten, richtete Manmatha sich auf und schlug kurz mit allen Flossen, um sie durcheinander zu bringen. Er fühlte sich nicht schön, er wollte nicht schön aussehen.

"Danke", flüsterte er. "Ich will nicht schlafen, aber danke."

"Das war mir klar. Ich konnte es nur nicht mehr mit ansehen, Manmatha." Zögerlich ließ Tiepho sich in der Nähe des weichen Lagers sinken und sah seinen Pascha forschend an. "Kann ich etwas für dich tun?"

Manmatha nickte, ohne zu ihm aufzusehen. "Wenn du... mich vielleicht... halten könntest? Ein wenig nur?" Tiepho war der einzige, der so etwas wie ein Vertrauter auf dem Schiff war. Zu Hause hätte er gemeinsam mit dem Harem trauern können, aber hier waren nur Diener. Und Tiepho. Natürlich gehörte es nicht zu den Aufgaben seines Wächters, und Manmatha konnte verstehen, wenn er ablehnen würde. Aber ihm war so endlos kalt.

Erschrocken zuckte Tiepho zurück, aber riss sich dann zusammen und nickte. "Natürlich, Manmatha." Er lagerte die Kissen bequemer aufeinander und ließ sich neben seinem Pascha nieder. Gleich darauf hielt er den zierlichen, weichen Körper enger als geplant umfasst und hatte seinen Schwanz beschützend und stützend unter Manmathas gelegt, auch um den Größenunterschied auszugleichen.

Verwirrt fragte Tiepho sich, wie er in diese Lage geraten war, aber versank dann einfach in dem Gefühl der zarten Flossen, die unbewusst vermutlich über seinen Körper streichelten. 'Das kam so leicht und wie von allein, als würden wir täglich Arm in Arm hier sitzen.' Um sich abzulenken, begann Tiepho, Manmatha von seinem überreichlichen Schmuck zu befreien. Das Diadem war ohnehin verrutscht, und die Ketten machten es dem kleinen Mann sicherlich nicht leichter, zur Ruhe zu kommen.

Manmatha ließ es mit sich geschehen, dankbar für die Fürsorge und die Wärme, mit der Tiepho ihn umgab. Von ihm gehalten fühlte er sich sicher und geborgen. Als der Schmuck in ordentlichen Häufchen auf dem zierlichen Beistelltisch lag, schlang Manmatha die Arme um seinen Wächter und lehnte die Stirn gegen seinen Hals.

"Ich habe es gewusst, eigentlich", flüsterte er. "Aber er war schon immer krank, und ich habe so sehr gehofft, dass er es auch dieses Mal wieder schafft."

Tiepho schwieg dazu, aber umfing die schmalen, weißen Schultern mit einem Arm und hielt mit dem anderen Arm die Hüfte gestützt, so dass Manmatha sich nicht an ihm festzuhalten brauchte. Sie schwiegen sich an, während die Wasser sich in der Nacht verdunkelten, um dann am Hafen von farbenfrohen Lichtern wieder erhellt zu werden.

Tiepho musste seine Lagen endlich verändern, als ein Krampf in seinem Arm begann. Doch als er zu einer Entschuldigung ansetzte, bemerkte er, dass Manmatha tief und fest eingeschlafen war. Die weiße Gestalt glitt murmelnd unter die leichte Decke, ein Arm zog ihn mit hinunter. Mit einem verhaltenen Seufzen legte Tiepho sich bequemer um den zarten Mann herum und schloss seine Arme um ihn, bevor er sich ebenfalls erlaubte, in den Schlaf zu driften.

 

Ein Gefühl von Geborgenheit hüllte Manmatha ein, als er erwachte. Verschlafen lächelnd wähnte er sich in Wirakuns Armen, doch als er blinzelte und blaue Haut sah, kehrte die Gegenwart zurück. Er schauderte und weigerte sich für einige kostbare Momente, sie anzuerkennen, indem er das Gesicht am Hals seines Wächters barg und die Augen schloss. Es half, wenn auch nicht für lange. Er konnte sich nicht verstecken; Pflichten warteten auf ihn.

Die Erste würde sein, dass er seinen Platz einnahm und als neuer Pascha den Dienstboten, Soldaten und Offizieren versicherte, dass sich für sie nicht viel ändern würde. Dass der Körper seines Paschas bis in die Heimat gut aufbewahrt wurde, wo er in Ehren verabschiedet werden konnte, darum hatte sich mit Sicherheit schon der alte Leibarzt gekümmert. Dennoch musste Manmatha sich davon überzeugen. Mit dem Kapitän musste die Route zurück festgelegt werden.

Tiephos Umarmung erschien ihm immer sicherer, immer weniger wollte Manmatha sie verlassen. Doch einmal abgesehen davon, dass es nicht möglich war, war es auch seinem Wächter gegenüber ungerecht. Er hatte ihn ohnehin schon für eine viel zu lange Zeit jenseits seiner Aufgaben eingesetzt. Unglücklich befreite Manmatha sich aus den Armen und dem Gewirr seiner eigenen Flossen und richtete sich auf.

Tiepho entzog sich schweigend aus dem Lager und rief zwei Diener in das Gemach, um Manmatha zu helfen. Er selber zog sich an die Fensterfront zurück und aß etwas, blickte stumm auf die Marktstände im Hafen, die gerade eröffnet wurden. Die Küchenabteilung der Fregatte war emsig mit Einkäufen beschäftigt, und die schwere Bewachung hielt einige Schaulustige auf Abstand. Mit ausdruckslosem Gesicht kaute Tiepho an den exklusiven Fischen herum, nahm den Geschmack nicht wahr, während hinter ihm das Herrichten des Paschas von leisen Liedern einer kleinen Gruppe begleitet wurde und ein Bote die Neuigkeiten aus dem Fakunland und dem Land dahinter vortrug.

Es wurde zu einem Rauschen in Tiephos Ohren, wieder und wieder kreisten die Fragen in seinem Kopf. 'Habe ich den Pascha beleidigt? War ich aufdringlich? Wird er mich nun fortschicken?' Einzig Manmatha würde antworten können, aber sie waren nicht allein, und das wollte Tiepho auch nicht mit ihm sein, denn er fürchtete sich vor den Antworten. 'Du bist ein Wächter, und du bist zu weit gegangen.'

Als die Diener sich zurückgezogen hatten, stieß er sich ab, um wieder hinter Manmatha aufzutauchen. Ein Bote verkündete, dass der neue Pascha eine Antrittsrede an die Besatzung des Schiffes halten würde, und Tiepho fragte zurückhaltend: "Soll diese Rede in der großen Halle stattfinden?"

Manmatha nickte. "Die anderen Räume sind zu klein, wenn sich alle versammeln, die abkömmlich sind."

Tiepho trug wieder seine undurchdringliche Miene zur Schau, und Manmatha fragte sich, ob er ihn mit der ungebührlichen Nähe beleidigt hatte. 'Er ist mein Wächter, nicht mehr. Vielleicht fürchtet er, das würde jetzt öfter geschehen?' Vor sich selber konnte er zugeben, dass er den Gedanken sehr angenehm fand, aber er wollte nicht, dass sich Tiepho unwohl mit ihm fühlte.

"Ich danke dir für den Trost", sagte er so leise, dass nur Tiepho es hören konnte. "Ich werde mir Mühe geben, deine Zeit nicht noch einmal so zu strapazieren."

Tiepho deutete eine Verbeugung an und erwiderte: "Meine Zeit gehört ausschließlich dir, Manmatha."

Es war eine höfliche, nichts sagende Antwort, wie sie von seinem Wächter zu erwarten gewesen war. Manmatha seufzte innerlich, dann nickte er nur und wandte sich ab. Er sehnte sich nach Wirakuns offener Herzlichkeit, seinen Neckereien und auch nach seinen Schmeicheleien. Er wollte jemanden, bei dem er sich anlehnen konnte, aber er war der Pascha, der Harem war weit weg und einen eigenen hatte er nicht.

Als er sich dabei ertappte, dass er sich wünschte, niemals befreit worden zu sein, schob er den Gedanken lieber rasch von sich. Er straffte sich und schwamm langsam zur Tür hin, die ihm von Dienern geöffnet wurde. Sein Tag hatte begonnen, und auch, wenn es kein sehr erfreulicher war, musste er ihn wohl oder übel durchstehen.

Nach seiner Rede, die von den Bediensteten mit Erleichterung und Anteilnahme aufgenommen worden war, sprachen ihm seine Gäste ihr Beileid aus. Die ernsten Worte und die betrübten Gesichter drückte seine Laune noch mehr, und als er sich mit dem Leibarzt traf, um sich davon zu überzeugen, dass der Körper seines Paschas standesgemäß aufgebahrt worden war, musste er erneut weinen. Er war dankbar, dass sich sowohl der Arzt als auch Tiepho etwas zurückzogen, um ihm Raum für Trauer zu lassen.

Leider währte die stille Zeit nur kurz, denn der Kapitän wartete, um die Rückroute mit ihm zu besprechen. Manmatha musste sich konzentrieren, um den Ausführungen des kräftigen Mannes zu folgen, dem man anmerkte, dass er Kriegsschiffe befehligte. Er achtete auf alle Verteidigungs- und Angriffsmöglichkeiten und war nicht gerade begeistert, als Manmatha kurzerhand beschloss, dass sie durch die Schlucht zurückfahren würden. Auch wenn es einige Tage sparte, war seine eigentliche Hoffnung dabei, Wirakun wiederzusehen. Vielleicht waren die Reparaturen an dem Piratenschiff nicht schnell voran gekommen, so dass sie die Heimreise noch nicht hatten antreten können.

Mehr und mehr begann sich ein Gedanke in ihm festzusetzen, der zwar gegen jede Konvention lief, ihm jedoch immer erstrebenswerter erschien. Sein Pascha hatte gesagt, er solle sich einen starken Mann in den Harem holen, und stark war Wirakun auf jeden Fall. Auch wenn der Pirat selber Pascha werden würde, wollte er ihn zumindest gefragt haben. 'Ob ich ihn damit beleidige? Nein, Wirakun wird höchstens lachen. Aber lohnt es sich? Mache ich mir nicht zu viel Hoffnung, selbst wenn sie so gering sind wie jetzt?'

Er grübelte noch immer darüber nach, als er endlich in seine Kabine zurückkehren konnte. Die Diener entlassend machte er es sich auf den samtigen Sitzpolstern am Fenster bequem. Nachdenklich sah er auf das Treiben des Hafens hinab. "Tiepho… kennst du dich mit Fakun aus?"

"Ja, ich habe im Fakunland gelernt." Tiepho half Manmatha seinen festlichen Schmuck abzulegen, weil dieser seine Diener frühzeitig aus dem Raum geschickt hatte.

"Wie groß sind die Möglichkeiten, dass ein künftiger Pascha sich dazu entschließt, seinerseits einem Harem beizutreten?", fragte Manmatha leise und schloss die Augen, während er Nähe in den kärglichen Berührungen zu finden versuchte, mit denen Tiepho ihn streifte.

Tiepho hob die Schultern und ließ sich neben dem Lager nieder, auf dem Manmatha saß. "Das kommt darauf an. Wenn es sich um den Pascha handelt, den wir auf unserem Weg durch die Felsspalte angegriffen haben, dann ist die Chance höher als bei einem gewöhnlichen." Er hob eine Hand in Richtung der wallenden Flossen seines Herrn und sah ihn fragend an, bevor er begann, die Schleierflossen glatt über das Lager auszuziehen. "Die Piraten haben einen hohen Ehrenkodex. Es ist gut möglich, dass ein Pascha der Piraten, der vernichtend geschlagen oder gar gefangen genommen worden ist, sich entehrt fühlt und gar nicht mehr in der Lage sieht, selber noch Pascha zu sein. Allerdings wird niemand unter den Fakun solch einen entehrten Pascha in seinen Harem aufnehmen, es sei denn, er schuldet ihm oder der Familie." In Gedanken an die Fakun und ihre Gesetze versunken, begann Tiepho, die Ansätze von Manmathas Rückenflossen leicht zu massieren. "Man kann natürlich in der Heimatstadt den Rat oder den höchsten Pascha aufsuchen und um das Recht bitten, diesen Fakun aufzunehmen. Das wird gern gesehen und als ehrenhaft betrachtet."

"Wirakun hatte überhaupt keine Möglichkeit auf Sieg." Mit einem kleinen Seufzen gab sich Manmatha ganz den kräftigen Händen hin, die es wunderbar verstanden, verspannte Muskeln zu finden und zu lockern. Es wunderte ihn ein wenig, dass Tiepho nun so viel Nähe zuließ, nachdem er bis zum Vortag jede Berührung sorgfältig vermieden hatte. Vielleicht hatte er die Nacht als Erlaubnis oder sogar Aufforderung betrachtet, und Manmatha war dankbar dafür. "Wenn wir in der Schlucht auf sein Schiff treffen, was ich sehr hoffe, werde ich ihn fragen, ob er es in Betracht ziehen könnte, dass ich um ihn bitte."

Erschrocken bemerkte Tiepho, dass er dem Pascha eine ganze Ecke zu dicht auf den Leib gekrochen war und schob sich wieder etwas auf Abstand. Das Gesicht seines Schützlings war jedoch entspannt, er schien die Zuwendung gern zu haben. Ein wenig betrübt dachte er daran, dass Manmatha ihn mit dem Piratenkapitän an seiner Seite sicherlich nicht mehr als Schutz brauchen würde. Wirakun war auch ohne seine Ehre ein viel besserer Schutz. Tiepho konnte sich zudem nicht vorstellen, dass jemand zu Manmatha Nein sagen konnte, auch ein Fakunpirat nicht.

Er entzog sich mit einer kleinen Bewegung der Flossen. "Dann soll ich der Brücke den Befehl geben, die Strecke zurück durch diese Felsspalte sobald als möglich zu beginnen, Manmatha?"

"Ja. Sag dem Kapitän, meine Entscheidung steht fest." Manmatha fröstelte. 'Mit solchen Reaktionen werde ich wohl öfter rechnen müssen, wenn ich einen Fakunpiraten in meinen Harem nehme', dachte er ein wenig betrübt, aber im Grunde genommen war es gleichgültig. Er hatte das Geld und die Macht, beinahe alles durchzusetzen, was er wollte, und nahe würde ihm ohnehin nur sein Harem sein. Von daher plante er, ihn sorgfältig auszusuchen. Wirakun war auf jeden Fall eine gute Wahl.

Leider bewirkte sein Entschluss, dass Tiepho sich von ihm fern hielt. Das entspanntere Verhältnis, das sie für eine kurze Weile genossen hatten, war fast vollständig zerstört. Manchmal berührten sie sich, wenn Manmatha es regelrecht herausforderte oder wenn sein Wächter ihm mit dem Schmuck half, aber längere Unterhaltungen oder gar eine Umarmung war erneut vollkommen in den Bereich des Unmöglichen gerückt. Manmatha bedauerte es; er war sich sicher, dass er es würde ändern können, wenn er den entsprechenden Befehl gab, aber es wäre nicht dasselbe.

Als sie wieder in die Schlucht einfuhren und erneut Dunkelheit und Felsen das Schiff umgaben, hielt ihn nur die Aussicht, dass er vielleicht Wirakun wiedersehen würde, davon ab, völlig in Trübsinn zu versinken. Doch wenn er nachts allein in seinem großen Bett lag, fühlte er sich so einsam wie nie zuvor.

Auch wenn es nicht viel zu sehen gab, hielt er sich oft in dem großen Panoramasaal auf, da er von dort am ehesten das Piratenschiff entdecken konnte. Doch je näher sie den Minen kamen, um so geringer wurde seine Hoffnung. Zwar war die Schlucht nur schmal, aber es gab Nischen und Abzweigungen, in denen das viel kleinere Schiff ohne Probleme ein Versteck finden konnte. Obwohl es ihm sinnlos erschien, gab er schließlich dennoch den Befehl, dass sie bis zu der Ebene der Mine empor tauchen würden. Es war die letzte Möglichkeit, und Manmatha wollte sich nicht auf ewig fragen, ob er etwas versäumt hatte.

Graues Licht durchdrang die Schwärze der Tiefsee, als sie langsam nach oben stiegen. Wieder und wieder sagte er sich vor, dass es vergeblich war, um nicht zu sehr enttäuscht zu werden. Doch dann hob sich die Silhouette des Piratenschiffes von der hellen Meeresoberfläche ab, und Manmatha konnte sich nicht zurückhalten. Eine Flossenbewegung brachte ihn von dem Sitzpolster empor, und so schnell es ihm möglich war, schwamm er zum Fenster. Sein Herz schlug heftig vor Aufregung.

Ein strahlendes Lächeln hatte sich auf sein Gesicht geschlichen, das jedoch bald verblasste, als sie näher kamen. Die Kristalle beleuchteten den bauchigen Rumpf, aus dem dunkel und klagend die Einschlagslöcher der Geschosse klafften. Manmatha legte eine Hand an das Glas, als wollte er nach dem Schiff greifen. Ein Frösteln erfasste ihn. Nichts deutete darauf hin, dass daran gearbeitet wurde; keiner der Piraten war zu sehen, ebenso kein Werftarbeiter bis auf die, die schon wieder die kleinen Boote zu ihnen steuerten, um der Fregatte beim Anlegen zu helfen.

Tiepho runzelte die Stirn. Die Atmosphäre gefiel ihm nicht. Ganz und gar nicht. "Manmatha", zischte er leise und umfing die schmalen Schultern seines Herrn und Schützlings, um ihn von den Fenstern fort zu ziehen. "Ich schlage vor, die Waffen zu entsichern. Der Anblick dieses Schiffes gefällt mir nicht."

Was Manmatha vielleicht noch nicht gesehen haben mochte, fiel ihm schmerzlich ins Auge. Das Piratenschiff war nicht nur weiterhin fahruntauglich, es war auch ausgeschlachtet worden. Die Verzierungen und Waffen auf der Außenreling fehlten vollkommen, der Einblick in die ehemalige Halle des kleinen Schiffs zeigte diese leer und kahl. Keine Decken, Kissen und Teppiche waren mehr zu sehen.

"Darf ich den Befehl erteilen, auf die Werft anzulegen?", bat er leise, während es ihn innerlich schmerzte, dass die Wahrscheinlichkeit, dass der Fakunpirat, an den Manmatha so offensichtlich das Herz verloren hatte, unter Umständen ebenfalls tot war, stetig zunahm.

Mit aufgerissenen Augen starrte Manmatha zu seinem Wächter hoch, während das Frösteln in ihm zu einem Frieren wurde. Dass Wirakun in Gefahr sein oder sich gar etwas Schlimmeres ereignet haben konnte, damit hatte er nicht gerechnet, und die unerwartete Angst um den Fakun und seinen Schatten tat regelrecht weh. Er atmete tief durch, um seine Ruhe wiederzufinden, dann nickte er entschlossen.

"Auf jeden Fall. Ich will, dass der Verbleib der Piraten so schnell wie möglich aufgeklärt wird." Nach einem kleinen Zögern fragte er dann "Es ist vermutlich nicht mit den Sicherheitsvorkehrungen zu vereinbaren, dass ich das Schiff ebenfalls verlasse?"

"Sicherlich nicht." Tiepho verneigte sich leicht, dann zog er sich zurück, um dem Befehlshaber der Truppe die Wünsche des Paschas mitzuteilen.

 

Ternekun ließ verwundert seine Spitzhacke sinken und sah zum Eingang des schmalen Stollens, in dem er zur Zeit arbeitete. Harsch wurde der Befehl des Soldaten noch einmal wiederholt.

"Kommt sofort heraus!"

Als er mit der Spitzhacke zügig den Wachen folgte, bemerkte er zum einen, dass alle anderen Gefangenen ebenfalls gesammelt wurden, zum anderen fiel ihm auf, dass sie auf die große Halle zusteuerten und nicht zurück zu den Höhlen. Neugierig wollte er voran schwimmen, aber stockte, als er Cin und Wirakun erblickte. Der Fakunpirat lag bleich und grau in einige Decken gehüllt bereits in einem der kleinen Werftboote, seine Flossen bewegten sich sacht, also lebte er noch. Seine Augen waren jedoch geschlossen.

"Cin!" Rasch stieß Ternekun sich ab und schwamm zu Cin ebenfalls in das kleine Boot. Er wusste nicht, wohin die Fahrt gehen würde, aber er sah, dass die Wachen mit ihren Harpunen auf die anderen anlegten. Mitar und die restliche Besatzung wurden in ein anderes Werftboot gescheucht. "Was geht hier vor, Cin?" Besorgt streifte Ternekun den Kleinen mit Blicken.

"Ich weiß es nicht; sie haben nichts gesagt." Cin war unendlich erleichtert, sowohl seinen Bruder als auch Ternekun wohlauf zu sehen. Die letzten Tage waren voller Enttäuschungen gewesen, die ihm fast den Mut zum Hoffen genommen hatten. Wirakun ging es immer schlechter, ohne dass es ihnen gelungen war, für ihn irgendeine Erleichterung zu erreichen.

Mitar hatte sein Leben riskiert, als er versucht hatte, vor Wut, Schmerz und Enttäuschung zu dem Pascha zu gelangen, als dieser sich in den Minen gezeigt hatte, um ihnen zu sagen, wie viel sie noch schürfen mussten. Wenn ihn nicht zwei der Fakun zurückgehalten hätten, gäbe es ihn wohl nicht mehr. Cin hatte das erste Gitter genügend schwächen können, dass sie es gemeinsam hatten brechen können, doch dahinter waren sie nur auf ein zweites gestoßen, wie Ternekun es voraus gesagt hatte; ein drittes war bereits in Sicht gewesen.

Ternekun wollte etwas erwidern, aber ein unangekündigter Ruck ging durch den Rumpf, und er hielt Cin rasch an den Schultern fest; langsam glitten die kleinen Boote aus der Werft hinaus. Zuerst sahen alle voller Nervosität in die graue See, unter der sich die schwarze Felsspalte wie ein Riss im Licht auftat, doch dann umrundeten sie den Felsvorsprung vor den Hallen des Pascha und wurden beinahe geblendet von der Pracht der Fregatte, in der Manmatha abgeholt worden war.

Wie benebelt starrte Ternekun in die Lichter, die sich näherte, bis die kleinen Werftboote angedockt waren und entladen wurden. Nun erst sah er die Kanonen des Schiffes, die allesamt auf die vordere Front des Höhlenkomplexes gerichtet worden waren. Offensichtlich hatte der Pascha gesehen, dass hier noch einige Gefangene waren. Er blickte zurück, während die ersten der Fakun und Schleierschwänze zögerlich in die Schleuse der Fregatte drängten.

In der offenen Werfthalle lag noch immer Wirakuns Schiff. Es war vollkommen ausgebeutet, bis hin zu den Verzierungen an der Außenreling und den Abzeichen am Bug fehlte alles. Man konnte deutlich sehen, dass hier geräubert worden war. Ein Wächter bellte Befehle in ihre Richtung, und Ternekun nahm Cin in den Arm, um ihn mit sich in den Schleuse zu ziehen.

Wirakun wurde von drei besorgten Soldaten auf eine Liege gebettet fortgebracht, Mitar folgte ihnen, schien gar kein Auge für die Umgebung zu haben; seine Sorge um den geschwächten Pirat überstieg alles andere.

"Bleib bei mir, Cin", murmelte Ternekun, während sie den ruhigen Anweisungen der Soldaten der Fregatte folgten. Sie gelangten gerade in die große, prunkvolle Halle des Schiffs, als ein Rumpeln durch den Körper lief und ein Sausen ankündigte, dass die Sturmkammern volle Fahrt aufzunehmen begannen.


© by Jainoh & Pandorah