Wie ein Schlangentanz

18.

Manmatha wollte sich wenigstens darum kümmern, dass auch wirklich jeder Gefangene an Bord war, wenn er schon nicht bei der Befreiung hatte mit dabei sein können. Sorgfältig ließ er sicherstellen, dass niemand vermisst wurde und alle Höhlen durchsucht worden waren, ehe er den Befehl zum Ablegen gab. Wirakuns Anblick erschreckte ihn zutiefst, aber er war erleichtert, dass er überhaupt noch lebte und überließ ihn und natürlich auch Mitar, der sich nicht von seinem Geliebten trennen wollte, der Obhut seiner Ärzte.

Auf so viele zusätzliche Gäste, zu denen auch ein Großteil des Harems des Minenbesitzers und einige seiner Söhne gehörten, war die Fregatte nicht vorbereitet, doch es wurde Raum geschaffen; die Verletzten wurden versorgt, von denen es glücklicherweise niemandem so schlecht ging wie Wirakun. Hauptsächlich war es die Erschöpfung und die Unterernährung, die für den Zustand der Minenarbeiter verantwortlich war.

Manmatha beobachtete von der obersten Balustrade aus die Fakun, die durch die große Halle geleitet wurden, als er eine vertraute Gestalt sah. Im Gegensatz zum letzten Mal, als Wirakun ihn in der Grenzstadt ausgeführt hatte, konnte er sich nun auch an den Namen erinnern, denn Pascha Zahin hatte von der Botschaft und ihrem Sender berichtet, dank dem er ihn gefunden hatte. Es überraschte Manmatha, dass der dunkle, große Fakun unter den Gefangenen war, doch ebenso freute es ihn, dass er sich so unerwartet revanchieren konnte.

Er lächelte und stieß sich von der Brüstung ab, um alle Rampen ignorierend nach unten zu gleiten. Tiepho würde ihm schon folgen. "Ternekun!"

Überrascht hob Ternekun den Kopf und erblickte Manmatha, den perlfarbenen Schleierschwanzmann, der von einer zarten Wolke aus Flossen umgeben auf ihn zugeeilt kam. Die blauen Augen blitzten vergnügt, offensichtlich erkannte der reiche Pascha ihn tatsächlich wieder. Ihm dicht auf folgte ein dunkelblauer, kräftiger Mann, dessen schimmernde Haut das Auge verwirrte. Der misstrauische Blick und die Art, mit der er Manmatha überholte, um sich schützend zwischen ihn und Ternekun zu bringen, zeigte die langjährige Ausbildung dieses Mannes zum Fakunwächter. Offensichtlich kannte er sich mit den Gepflogenheiten aus, denn er legte seine Hände leicht an den Bauch, ein Zeichen, dass er keinerlei Groll hegte.

Ternekun erwiderte die Geste dezent, dann wandte er sich an Manmatha und reichte ihm eine Hand. "Pascha, ich möchte dir danken, dass du uns gerettet hast." Er zog Cin an einem Arm zu sich und stellte ihn vor. "Cin aus Pascha Denjus Haus. Er ist der Bruder von Mitar."

Cin erinnerte sich von der Oase her gut an Manmatha, aber aus der Nähe war der helle Mann noch viel schöner. Besonders nach der Dunkelheit der Minen wirkte er wie eine Lichtgestalt. Cin konnte gar nicht anders als lächeln, als sie sich die Hände reichten und Höflichkeiten austauschten.

"Ihr seid natürlich meine persönlichen Gäste." Manmatha umfasste sie mit einem Blick und überlegte, ob die beiden ein Zimmer teilen wollten oder getrennte Räume bevorzugten. Ihr Verhalten zueinander war verwirrend. Er entschied, die Details in dem Fall den Dienern zu überlassen, die sich diskret darum kümmern würden. "Ich bin sicher, ihr seid ebenso erschöpft wie die anderen. Wenn ihr euch erholt habt, würde ich mich über eure Gesellschaft freuen."

Als sich der wunderschöne Schleierschwanzmann verabschiedet hatte und sie der Obhut eines Dieners überließ, bemerkte Cin erst, wie erschöpft er wirklich war. Es schien, als würde in der sicheren Umgebung jede Kraft aus ihm weichen lassen. Nicht einmal die Kostbarkeiten, die sie umgaben, konnten ihn recht zum Staunen bringen. Die Müdigkeit war es vermutlich auch, die verhinderte, dass er seine höfliche Distanz zu Ternekun auf angemessene Weise wahren konnte. Zu gerne hätte er sich einfach nur bei ihm angelehnt, und sein Wächter war ungewohnt zuvorkommend in der Art, wie er ihn stützte, wenn er leicht ins Taumeln geriet und ihm die bereits beiseite geschobenen Vorhänge in den Türöffnungen noch weiter zurückzog.

Diese Nähe führte offensichtlich zu einem Missverständnis, denn der Diener brachte sie ohne nachzufragen zu einem Zimmer, das für sie gemeinsam bestimmt war. In Anbetracht der zahlreichen Gäste, die versorgt werden mussten, protestierte Cin nicht. Nach einem kurzen Blick durch die Tür bemerkte er jedoch, dass es lediglich ein großes Bett gab und kein zweites Lager gerichtet worden war.

Er hatte schon den Mund geöffnet, um etwas zu sagen, aber schwieg dann doch. In der Mine hatten sie auf engerem Raum geschlafen, das Schiff war überfüllt, und er selber wollte nur noch in weichen Polstern unter warmen Decken schlafen. Egal ob mit oder ohne Ternekun an seiner Seite.

Ternekun wich vor der Tür zu ihrer Kammer zurück und ließ Cin zuerst in den kleinen, aber schönen Raum im zweiten Deck des prächtigen Schiffes schwimmen. Er dankte dem Diener und überließ ihn der Gruppe weiterer Schleierschwanzmänner, die noch unterzubringen waren.

Im Zimmer warf er einen Blick aus dem Fensterchen, dann blickte er seufzend auf die bereitgestellten Platten mit Esswaren. "Komm her, Cin. Jetzt ist sicherlich nicht der Moment, um Angst vor mir zu bekommen. Lass uns etwas essen und ganz viel schlafen, was hältst du von der Idee?" Er versuchte ein Lächeln und hielt Cin die Hand hin, um ihm auf die Lager zu helfen.

"Angst?" Cin musste lachen und gab es für diesen Abend auf, die Distanz zu seinem Wächter beizubehalten. Er ließ sich von Ternekun auf die Polster ziehen und genoss die weiche Unterlage ebenso wie die Wärme und die Sauberkeit. "Dann hätte ich auf getrennte Räume bestanden. Auch wenn ich glaube, dass sie kräftig etwas missverstanden haben. Aber dein Plan klingt wunderbar. Es ist genau das, was ich brauche."

Ternekun lächelte leicht und reichte Cin eine Platte. Im Konversationston fragte er hinterhältig "So? Was haben sie denn missverstanden?"

Cin schenkte ihm einen möglichst vernichtenden Blick, nahm die Platte aber ohne zu zögern an. Der Anemonensalat und die Fischhäppchen sahen zu verlockend aus. "Das weißt du ganz genau. Das ist ein Raum für einen Pascha und seinen Favoriten. Wir müssen hier nicht mehr vorgeben, dass ich dir angehöre. Dass ich dem zugestimmt habe, war wohl ohnehin ein Fehler." Denn es hatte sich einfach gut angefühlt, von etwas Entfernung aus betrachtet. Da hatte er angefangen, sich in ihn zu verlieben.

Nachdenklich, wenn auch sehr hungrig fiel Cin über den leckeren Salat her. 'Immer die falschen Männer. Brüder, Wächter… Was kommt wohl als nächstes? Eine Muräne? Ein Tiefseedrache?'

Ternekun verbarg sein Schmunzeln durch einen Blick aus dem Fenster, auch wenn es dort nicht sonderlich viel zu sehen gab. Cins Feueraugen glommen schon wieder mit dem alten Interesse, und die Art, in der er altkluge Vorträge hielt, reizte Ternekun, ihn noch immer ein wenig mehr zu ärgern.

"So? Ist dir bekannt, dass die Fakun nur den Mann zum Favoriten nehmen, der unberührt ist? Da ruinieren wir nun wohlmöglich deine Chancen, Cin." Er sah dem Kleinen direkt in das Gesicht. "Zudem... vielleicht ist dies gar nicht der so unpassende Raum, immerhin habe ich deinen Auslöseschatz überreicht bekommen und angenommen."

"Ich habe dich für deine Arbeit bezahlt, nicht mich für deinen Harem beworben!", fuhr Cin empört auf. "Zudem werde ich wohl kaum einem Fakun angehören; die sind bei uns eher selten anzutreffen. Und außerdem…" Er verstummte, als er das amüsierte Blitzen in den schwarzen Augen bemerkte. "Und außerdem neckst du mich nur", endete er mürrisch und dachte, dass das wohl das Ungerechteste daran war. Mit etwas geärgert zu werden, das man sich so sehr wünschte und das doch nicht Wirklichkeit werden konnte. Frustriert stopfte er sich ein Fischhäppchen in den Mund und fand, dass es trotz seines Ärgers herrlich schmeckte.

Ternekun griff über den kleinen Tisch nach Cins Hand, hielt sie fest und sah ihm direkt in die schönen Augen. "Was ist, Cin, wenn ich dich nicht nur necke? Was ist, wenn ich den Schmuck wirklich als Auslösung betrachte und nicht als Lohn für eine Aufgabe, die mir in deiner Nähe nur Freude gemacht hat? Was, denkst du, wäre, wenn ich kein einfacher Wächter bin?"

Einen Moment lang starrte Cin ihn hoffnungsvoll an, wilde Träume trugen ihn davon, dann holte ihn abrupt die Realität ein. 'Du fällst aber auch auf alles rein', erklärte seine innere Stimme bissig. Er presste die Lippen zusammen und zog mit einem Ruck die Hand weg. "Dann hättest du mich von Beginn an belogen. Und da du Männer wie Gam unwiderstehlich findest, wirst du mit einem roten Schleierschwanz wohl schwerlich glücklich werden. Zudem bin ich für solche Spiele jetzt wirklich zu müde."

Ternekun seufzte auf und nickte. "Du hast Recht, ich habe dich angelogen. Na ja, sagen wir einmal, ich habe dir nicht die ganze Wahrheit erzählt." Er schob die Platten zusammen und brachte sie zu dem kleinen Tischchen für die Diener vor der Tür. Sorgfältig schloss er ab, Störungen, ganz gleich durch wen, wollte er an diesem Abend verhindern. "Du hast aber auch Recht, wenn du sagst, dass der Moment unglücklich ist. Ich werde mich erst ein wenig herrichten, dann sollten wir vielleicht ausschlafen, und morgen können wir die Frage immer noch klären, Cin."

Er wandte sich zu der Nische, in der man alles vorfinden konnte, was für die Pflege der Flossen gebraucht wurde. Ein Blick in den Spiegel zeigte ihm, wie müde er aussah. "Ja, morgen ist vermutlich der bessere Zeitpunkt für diese Unterhaltung." Auch wenn alles in ihm danach schrie, schon an diesem Abend, nach all den Strapazen, nach all den Nächten, die er bei Cin, aber nicht mit ihm hatte liegen dürfen, nach all den Missverständnissen, endlich ein ehrliches Wort zu geben.

Abrupt drehte Cin sich um und schwamm ohne ein Wort der Erwiderung zum Lager. Er hüllte sich in eines der dünnen Laken und legte sich von Ternekun abgewandt an den äußersten Rand des Polsters. Er wollte so weit wie möglich von ihm entfernt sein, aber definitiv nicht auf das Bett verzichten. Das, was Ternekun ihm eröffnet hatte, war nicht wirklich zu glauben und gleichzeitig nur zu sinnvoll. In Cin herrschte ein Chaos von Wut und Hoffnung, Freude und Angst vor neuer Enttäuschung.

Ternekun brachte seine Flossen und den Schwertbuckel auf seinem Kopf wieder in einen passablen Zustand. Auch wenn er sich zu müde fühlte, wollte er vor Cin nun nicht mehr dreckig und erschöpft sein. Er wollte von ihm auch nicht mehr als der Wächter angesehen werden, mit dem dieser eine Beziehung spielen konnte. 'Vielleicht waren all diese Spiele ein Fehler. Vielleicht hat er nun Angst vor dem Ernst, oder...' Er blickte zum Lager, auf dem ein Hauch roter Flossen hier und dort hinter dem Laken hervorlugte. 'Ich hoffe doch sehr, dass er mich nicht ablehnt, sobald ich ernsthaftere Pläne habe.'

Er schwamm zum Lager hin und legte sich neben den kleinen Schleierschwanz. Auf eine Hand aufgestützt betrachtete er den abgewandten Körper, der ihm doch eigentlich schon viel zu vertraut war. Vorsichtig hob er seine freie Hand und legte sie auf Cins Schulter.

"Wäre es so schrecklich, Cin? Wenn ich dich zu meinem Favoriten wollte?", fragte er leise.

Cin zuckte unter der Berührung zusammen, weil sie unerwartet kam. Er hatte damit gerechnet, dass Ternekun ihm zumindest bis zum nächsten Tag Ruhe lassen würde. Rasch richtete er sich auf, wodurch die warmen Finger von ihm abglitten, und zog die Decke über die Schultern und vor der Brust zusammen, um sich darin zu verstecken.

"Oh, hör auf!", sagte er verärgert. "Du weißt doch als allererster, dass ich… du weißt es ganz genau, du hast mich oft genug damit geneckt. So oft, dass ich keine Ahnung mehr habe, was du wirklich meinst. Was ist die Wahrheit, Ternekun, und was lügst du mir vor?"

"Die Wahrheit ist, dass ich kein Wächter bin, vielmehr habe ich Wächter, eine ziemlich große Anzahl davon. Die Lüge war, dass ich dir das verschwiegen habe." Es tat Ternekun weh, dass Cin vor ihm zurückzuckte. So viele Male hatte er dem kleinen Mann die Schultern gerieben, hatte ihn zugedeckt, dicht bei ihm gelegen. Immer hatte Cin ihm vertraut, und jetzt schien all das wie weggefegt. Langsam zog er seine Hand zurück und setzte sich gegen die Wand auf. "Die Wahrheit ist, dass ich... dich schon auf dem Fest, schon in der Oase bemerkenswert fand und wunderschön. Ich hätte dich in meinen Harem gebeten, wenn dein Pascha einen Fakun akzeptiert hätte. Nun sind die Dinge anders verlaufen. Ich hatte gedacht, dass es richtig ist, sich ohne Vorurteile kennen zu lernen. Habe ich falsch gedacht?"

"Und warum soll ich dir das glauben?" Müde sank Cin in sich zusammen und sah zu dem dunklen Mann hin, der so ernst geworden war. 'Weil ich ihm so gerne glauben will', dachte er und wünschte sich in dem Moment nur, dass Ternekun ihn in die Arme nahm. 'Er hat mich angelogen. Von Anfang an. Selbst wenn er jetzt nicht lügt, es kommt ihm leicht von den Lippen. Wie oft wird er mich wieder anlügen, wenn ich ihm nun nachgebe? – Du warst auch nicht immer ehrlich. Du hast gesagt, du suchst Mitar, weil er dein Bruder ist.' Er wandte den Blick ab und fragte leise "Hast du… war es das einzige Mal, wo du nicht bei der Wahrheit geblieben bist? Ich meine keine Neckereien, sondern… wichtiges."

Ternekun konnte sich des kleinen Lächelns nicht erwehren. "Das einzige, Cin. Ich erinnere mich noch an einen Tag, an dem es mir sehr schwer gefallen ist, nicht zu früh schon alles zu verraten. Als ich dich geküsst habe, da hätte ich dich am liebsten gleich gebeten, mir zu gehören." Er seufzte leise. Dieses Vergnügen hatte er sich seit dem versagt. "Es wäre zu früh gewesen. Du warst noch nicht mit deinen Gefühlen für Mitar im Reinen, und ich wollte dich nicht übereilt... vereinnahmen."

Cin löste seine verkrampften Hände aus der Decke und sank neben Ternekun zurück auf das Lager. Es war herrlich, diese Worte von Ternekun zu hören und machte ihn froh.

"Du verdienst es gar nicht, dass ich dir so schnell verzeihe", grummelte er dennoch. "Allein für die Erwähnung von Mitar schon nicht. Ich war sehr wohl im Reinen mit mir, wenn auch vielleicht ein wenig anders im Reinen als jetzt." Dann konnte er das Lächeln jedoch nicht mehr zurückhalten und schob seine kleine, rote Hand über die große, dunkle. Es fühlte sich richtig an und sah auch noch hübsch aus. "Aber ich fürchte, ich bin zu müde, um mich jetzt ordentlich mit dir zu streiten. Das hast du sehr geschickt angestellt. Morgen werde ich das nachholen müssen. Nicht, dass du dich darum betrogen fühlst."

Ternekun lächelte und rutschte dichter an seinen Feuerfisch heran. "Ja. Wir holen morgen alles nach, versprochen. Du darfst dann auch gern noch ein wenig zanken, wenn dir danach sein sollte." Er nahm Cins Hand kurz auf, um sie zu küssen, dann schob er ihn tiefer unter das Laken.

Cin drehte sich halb, damit er sich an Ternekun anlehnen konnte. Das alles war viel zu perfekt, um wahr zu sein. In Wärme und ein weiches Gefühl gehüllt, von den kräftigen Armen gehalten und zudem noch satt schloss er mit einem wohligen Seufzen die Augen. Er wollte es festhalten und genießen, doch es dauerte nur wenige Augenblicke, ehe er eingeschlafen war.

 

Manmatha fühlte sich weitaus besser als am Morgen; seine Trübsinnigkeit war fast vollkommen verflogen. Er war sogar regelrecht beschwingt. All die erleichterten und glücklichen Gesichter hatten ihn froh gemacht; überall hatte er Wiedersehen von Geliebten und Freunden beobachtet, Wirakun war am Leben, und der alte Leibarzt hatte ihm versprechen können, dass er wieder gesund werden würde. Manmatha hatte ihn kurz besucht, doch der Fakun schlief tief, natürlich mit Mitar an seiner Seite.

"Ich hoffe, unsere große Gästeschar erschwert deine Aufgabe nicht zu sehr, mein Wächter", neckte er Tiepho gut gelaunt, als er endlich in seine Gemächer zurückkehrte. Mit einer nebensächlichen Geste entließ er die Diener, die sein Essen gerichtet hatten und setzte sich auf eines der Polster nahe dem Tisch, um seinen Schmuck loszuwerden.

"Nein, es freut mich, dass du so fröhlich sein kannst, Manmatha. Ich bin erleichtert, dass wir alle gesund erretten konnten, besonders Wirakun." Tiepho verneigte sich leicht, um sich an seinen Platz am Fenster zurück zu ziehen.

Die ausdruckslose Miene passte nicht recht zu den Worten, konnte Manmathas Hochstimmung jedoch nicht dämpfen. "Sei nicht immer so korrekt", verlangte er mit einem Lächeln. "Ich schätze deine Zuverlässigkeit ebenso wie deinen Einsatz, aber musst du deswegen stetig derart ernst sein? Komm, setz dich zu mir und esse mit mir gemeinsam. Es ist ohnehin mehr, als ich alleine schaffen kann."

Verwirrt sah Tiepho seinen Herrn und Schützling an, dann wiederholte er geduldig "Nein, ich bin wirklich glücklich, wenn du es bist. Wirakun bedeutet dir viel. Seinetwegen hast du mich immerhin über die Fakun ausgefragt." Er änderte seinen Entschluss und ließ sich dichter neben dem Lager nieder, auf dem Manmatha sich hatte sinken lassen. Besser er blieb in der Nähe, als dass jemand ihr Gespräch belauschte, weil sie über den Raum hinweg rufen mussten.

"Ja, natürlich." Manmatha streifte die durch Kettchen verbundenen Ringe von den kleinen Fingern und legte sie achtlos beiseite, ehe er eine der dekorativ mit Muschelschalen angerichteten Platten auffordernd in Tiephos Richtung schob. "Er hat mich für seinen Harem geraubt, aber es steht vollkommen außer Frage, dass ich in diesen eingehe. Ich hoffe, dass er es in Betracht ziehen wird, mit Mitar – das ist der große, graue Mann an seiner Seite – in meinen einzugehen." Mit einem leisen Lachen erklärte er "Ich glaube nicht, dass sie voneinander lassen könnten. Und zudem mag ich auch Mitar gerne."

Tiepho streifte Manmatha mit einem kleinen Blick, dann wählte er eine Schale aus und begann zu essen, dachte über das Gehörte nach. Endlich meinte er "Ich hätte nicht gedacht, dass du gar nicht eifersüchtig bist, Manmatha. Wenn Wirakun dein Favorit ist, stört dich seine Nähe zu dem Grauen nicht? Würdest du ihnen gar einen Sohn erlauben?"

Manmatha versuchte, Tiephos Blick zu erwidern, aber es erwies sich als unmöglich, da sein Wächter schon wieder wegsah. Er nahm ein Stück mariniertes Rochenfleisch und kaute gedankenverloren darauf herum, ehe er antwortete. "Ja, das würde ich wohl. Wirakun hat uns beide entführt, und es war von Anfang an klar, wer sein Favorit ist. Aber er wird nicht meiner sein Ich habe ihn sehr gerne, ich genieße seine Gegenwart, seine Aufmerksamkeit, seine Nähe. Und solange er sie mir schenkt, bin ich nicht eifersüchtig. Ich empfinde nicht das selbe für ihn, was er und Mitar füreinander fühlen. Da bin ich mir sehr sicher." Nur einen Moment später fragte er sich, wieso er das ausgerechnet Tiepho erzählte.

Nachdenklich betrachtete Tiepho den schönen Mann ihm gegenüber, während dieser auf seine Finger herab sah. "Die Frage ist doch, wie du dich fühlst, wenn du sie siehst." Das fragte er sich wirklich. Wirakun und Mitar verband sicherlich Liebe, die Art Nähe, in der man sich als Außenstehender überflüssig fühlte. "Ich meine, bist du es nicht wert, im Mittelpunkt aller Gefühle zu stehen?" Erschrocken schloss er den Mund, dann entschuldigte er sich leise und aß mit gesenktem Kopf, während er sich für seine vorlaute Art verfluchte. Unvorsichtig, seine Gedanken verratend.

Tiephos Worte schickten ein Prickeln durch Manmatha, als säße er über einer der Erdspalten, aus denen endlos winzige Luftblasen empor stiegen. Er lächelte auf seinen Teller hinab. "Ich danke dir."

Für einen Moment war er versucht zu fragen, ob er denn im Mittelpunkt der Gefühle seines Wächters stand, doch dann verließ ihn der Mut. 'Das ist es mit Sicherheit nicht, was er damit ausdrücken wollte. Und zudem, würde ich das überhaupt wollen?' Der Gedanke verdiente es, weiter verfolgt zu werden, doch dafür war nicht der richtige Augenblick, und so verdrängte Manmatha ihn.


© by Jainoh & Pandorah