Wie ein Schlangentanz

21.

Tiepho hatte es schon kommen sehen, aber nicht gedacht, dass Manmatha so wenig Kondition haben würde. Er selber trainierte ja noch immer täglich, während Manmatha auf Besuch bei Wirakun oder mit seinem Privatsekretär bei den geschäftlichen Gesprächen war.

Nach der vierten Pause und nachdem es deutlich kühler und dunkler wurde, bot Tiepho Manmatha eine Hand an. "Ich kann dich ein wenig ziehen, dann kannst du dich ausruhen." Der kleine Kerl war mit seinen Flossen, so schön sie auch aussahen, nun einmal gestraft. Hinderlich wallten sie stets dann auf, wenn er versuchte, schneller zu schwimmen.

Erschöpft und dankbar schob Manmatha seine Hand in die warme, angenehm kräftige seines Wächters. Weder hatte er die Strecke als so lang eingeschätzt, noch hätte er gedacht, dass er so schnell außer Atem sein würde.

"Und wahrscheinlich sind wir dann sogar noch schneller", sagte er etwas unglücklich. "Ich wusste nicht, dass ich derart langsam bin. Es tut mir leid." Zudem schmerzten ihn bereits jetzt die Flossen, aber das wollte er nicht auch noch sagen. Diese Angewohnheit stammte daher, dass er seinem Pascha fast immer verschwiegen hatte, wenn es ihm nicht gut ging, da er ihm bei seiner angegriffenen Gesundheit keine zusätzlichen Sorgen hatte bereiten wollen.

Tiepho lachte leise und zog Manmatha mit einem Schwung dichter an sich, um ihn mit einem Arm zu stützen. "Nein, Manmatha. Ich freue mich. Endlich werde ich als dein Wächter einmal gebraucht."

Es war ein betörend schönes Gefühl, die leichten Flossen gegen seinen Körper schlagen zu spüren, und das Vertrauen von Manmatha ganz auf seiner Seite zu wissen, machte Tiepho glücklich. Er lächelte leicht vor sich hin, während er den nun nur noch wenig mitschwimmenden Körper des kleinen Paschas ohne Schwierigkeiten mit sich zog.

Manmatha seufzte erleichtert, als ein warmer Schauer durch sein Körper floss. Den anderen Mann direkt neben sich zu haben und den starken Arm, der ihn so sicher hielt, um sich zu spüren, machte ihn froh. Dafür nahm er auch gerne das bisschen Schmerz in Kauf, das seiner überstürzten Entscheidung, auf die Kutsche zu verzichten, zu verdanken war. Aus den Augenwinkeln betrachtete er das entspannte Gesicht seines Wächters, auf dessen Zügen das erste Mal seit langem wieder ein echtes Lächeln lag. 'Fühlt er sich nutzlos? Das kann nicht sein.'

Doch der glückliche Ausdruck in den dunkelblauen Augen ließ ein Kribbeln in seinem Bauch entstehen. Manmatha schwamm noch etwas näher an Tiepho heran, um es tiefer zu spüren, und schaute mit einem offenen Lächeln zu ihm hoch. "Mein Pascha hat wirklich eine gute Wahl getroffen, als er dich zu meinem Schatten gemacht hat."

'Schatten hat er gesagt. Das ist ein Fakunausdruck. Weiß er, wofür der Ausdruck steht?' Unsicher erwiderte Tiepho das Lächeln ein wenig, dann nickte er zuvorkommend und entgegnete: "Ich bin froh, dass du so denkst, Manmatha." In der Ferne tauchten die Lichter der schwebenden Häuser von den Farmern auf, und Tiepho hielt auf der letzten Anhöhe an. "Es ist schön hier. Ich kann verstehen, dass Mitar sich hier wohl gefühlt hat." Er warf einen kleinen Blick auf Manmathas edles Gesicht. "Wirakuns Schatten. Wieso hast du mich eben so genannt, Pascha?"

Aufatmend schüttelte Manmatha seine Flossen aus. Wie froh war er, bald sitzen zu können! Auf der anderen Seite würde Tiepho dann bestimmt wieder auf Abstand gehen. "Nun, du folgst mir bei jedem Flossenschlag, lässt mich nicht aus den Augen, bist immer da, wenn ich dich brauche, bist lautlos und geheimnisvoll. Wie ein Schatten eben." Er wandte den Blick ab und sah zu der Farm hin. Nach einem Moment des Schweigens fügte er leiser hinzu: "Und auch genauso unberührbar."

"Unberührbar?" Tiepho wandte sich von dem Anblick des Tals vor ihnen ab und Manmatha zu. "Bin ich zu kühl? Ich habe immer versucht, nicht im Weg zu sein, bei all der nötigen Nähe. War ich zu... entfernt?" Es erschreckte ihn, dass nun nach all der Zeit doch eine Kritik laut wurde, von der er nichts geahnt hatte.

"Du bist sehr professionell, Tiepho." Manmatha fröstelte mit einem Mal. Er konnte ihm ja nicht sagen, dass er die Distanz bei jedem anderen sogar geschätzt hätte. "Ich habe nichts an deiner Arbeit auszusetzen. Du bist zuverlässig, gewissenhaft, einfach perfekt. Es liegt wohl nur an mir; vielleicht bin ich ein wenig zu empfindlich in letzter Zeit. Aber wenn du ein wenig mehr... zeigen würdest, was du denkst, würde ich mich noch wohler mit dir fühlen. Wenn ich wüsste, ob dir etwas gefällt oder ob du etwas missbilligst..." 'Und wenn du mich wieder so in den Arm nimmst, wie du es in der Nacht nach dem Tod meines Paschas getan hast. Dann würde ich mich so wohl fühlen wie nie zuvor.'

'Gefällst? Missbilligst?' Verwirrt starrte Tiepho Manmatha ins Gesicht. Er nahm wahr, dass der zierliche Schleierschwanz zitterte und brachte sich dichter. "Das steht mir nicht zu, Pascha. Ich bin ein einfacher Leibwächter. Einer mit Fakunausbildung, der es gelernt hat, ein Schatten zu werden. Aber Schatten sprechen nicht, denken nicht einmal."

Das war nicht ganz korrekt. Es war von einem wirklichen Schatten sogar erwünscht, wenn er seine Gedanken mit seinem Herrn teilte, aber das wollte Tiepho nicht. Viel zu groß war die Gefahr, dass seine Gefühle das erfolgreiche Beenden seines Auftrags vereiteln konnten. Er legte Manmatha seinen Arm um die Schultern und schloss eine seiner Hände um Manmathas kalte Finger. "Es wird zu kühl hier, ich möchte nicht, dass mein Pascha erkrankt." Ohne einen Widerspruch zu akzeptieren, zog er Manmatha im Arm mit sich zu der Fregatte, in der sie weiterhin wohnten.

Manmathas Zittern nahm eher zu als ab, und selbst Tiephos Nähe war ihm nicht mehr angenehm. Es war zu viel nach dieser Reaktion, und seine Worte ließen ihn sich elend fühlen. Genauso gut, wie diese Floskel zu benutzen, hätte er ihm ins Gesicht sagen können, dass er sich ihm nicht mitteilen, dass er ihm nicht näher kommen wollte.

Als sie das Schiff erreichten, wurde Manmatha voller Sorge von seinem Sekretär und dem Leibarzt erwartet. Er straffte sich trotz seiner schmerzenden Flossen und den Stichen in seinem Herzen, schob Tiephos Halt bestimmt von sich und setzte ein Lächeln auf. Freundlich erklärte er, dass mit Tiepho an seiner Seite kein Grund zu Besorgnis bestehen würde und dass auch die Suchmannschaften, die der Kapitän bereits erwogen hatte, überflüssig wären. Er ließ Wirakun und Mitar eine Nachricht schicken, dass er gut angekommen war und eine weitere an Pascha Denju, bei dem er sich für diesen Abend entschuldigte, und zog sich dann in seine Gemächer zurück.

Nachdem seine Dienern ihm mit dem Schmuck geholfen hatten, sagte er das Abendessen ab. Er hatte keinen Hunger. Statt sich jedoch in seinem Bett zu verkriechen, wonach ihm eigentlich zumute war, setzte er sich an seinen Arbeitstisch und befasste sich still mit den Unterlagen, die sein Pascha ihm hinterlassen hatte. Er wollte zumindest einen groben Überblick erhalten, bevor er zu Hause ankam, und es war gut, um seine Gedanken und Gefühle von Tiepho abzulenken.

 

Tiepho musste etwas falsch gemacht haben mit Manmatha. Der zierliche Pascha sah ihn in den nächsten Tagen auf der Farm nicht wieder an, war abweisend und übermäßig formell. Tiepho, der dies zuvor immer geschätzt hatte, fand es nach und nach immer unerträglicher. Er fand sich nicht selten leer aus den Fenstern über die Wiesen starrend wieder und zuckte zusammen, wenn Manmathas Spiegelbild sich bewegte.

Auch etwas, das neu war. Der weiße Pascha sagte nicht mehr, dass er los wollte. Er wandte sich zum Teil abrupt von Tiepho fort und verließ den Raum, die Terrasse oder den Aussichtspunkt; nicht selten schloss sich die Tür vor Tiephos Nase, wenn Manmatha am Abend in seine Gemächer zurückkehrte. Es war, als wollte der Pascha seinen Schatten vergessen.

Für Tiepho wurde es unerträglich. Es war Liebeskummer von der schlimmsten Sorte. Damals, als er sich in den Favoriten seines Arbeitgebers verliebt zu haben glaubte, war es ihm ähnlich gegangen, doch nun wusste er, dass es damals gerade erst der Anfang der Schmerzen im Brustkorb, der düsteren Gedanken, des Kummers gewesen war. Er hörte auf zu essen, dachte in einem ewigwährenden Kreislauf darüber nach, wie er Manmatha um Verzeihung bitten konnte, für etwas, das er nicht benennen konnte, da er sich an keinerlei Verschulden erinnerte.

Der schöne Pascha, der mit der Zeit begonnen hatte, jeden seiner Gedanken zu bestimmen, hatte allerdings viele Entscheidungen zu fällen. Wirakun und Mitar in seinen Harem aufzunehmen war nur eine davon. Die stetig hin und herhuschenden Boten und Sekretäre, die Verträge prüften, aus der Ferne Angestellte entließen oder die Gehälter erhöhten, brachten Tiepho auf den Gedanken, dass er vielleicht nicht wagte, Manmatha seine Probleme zu sagen, schon gerade nicht in dessen wunderschönes Gesicht. Wohl aber könnte er ihm eine Botschaft zukommen lassen.

Wenn der Pascha diese las, war er schon verschwunden, mit dem nächsten Frachter vom Dorf in einiger Entfernung zurück zu seiner Heimat, wo er eine neue Stelle annehmen würde. So sehr es ihn auch schmerzen würde, seinen jetzigen Posten zu verlassen, bevor Manmatha ihn entließ. Mit einer Entlassung, so sagte Tiepho sich, war ohnehin sicher zu rechnen, der konnte er sicherlich auch vorgreifen.

Das Unglück daran war, dass er nicht schreiben konnte. Das Lesen hatte man ihn gelehrt, aber zum Schreiben reichte das Vermögen seiner Eltern nicht, und es hatte ihm auch nie gefehlt. Einen Boten mochte er nicht mit dieser Aufgabe betrauen, aber die Zeit wurde knapp. Schon am nächsten Morgen sollte Manmathas Fregatte in Richtung seiner Heimat ablegen, nachdem die große Abschiedsfeier von Pascha Denju sowohl seinen Sohn Mitar wie auch Cin freigegeben hatte.

Gerade noch hatte Tiepho an letzteren gedacht, als er ihn in einer Wachpause, während Manmatha sich mit seinen Sekretären beriet, auf dem Schiff entlang schwimmen sah. Ternekun und er würden in der nächsten Stadt umsteigen in ein Schiff des Fakun, das dieser schon mittels Boten dorthin bestellt hatte. "Cin?"

Cin blinzelte überrascht. Manmathas Leibwächter hatte noch nie mit ihm gesprochen. Neugierig kam er zu ihm geschwommen. "Ja?" "Ich habe ein Problem und kenne niemanden, der mir sonst helfen könnte." Tiepho blickte sich rasch in Richtung von Manmathas Zimmer um, aber die Flügeltüren blieben geschlossen.

"Und was wäre das? Wenn ich kann, helfe ich dir gerne." Seit dem Tag, an dem Ternekun Cin gefragt hatte, ob er sein Favorit werden wollte, fühlte er sich wundervoll, und es war nur noch besser geworden, als sein Geliebter um seine Hand gebeten und Pascha Denju ohne Vorbehalt zugestimmt hatte. Die Freude wollte er am liebsten mit allen teilen, so voll war er davon.

Tiepho zögerte, dann wies er in einen kleinen Erker, in dem sie nicht zu schnell entdeckt würden. An dem zierlichen Tischchen angekommen, bat er leise und zu hastig: "Ich möchte Manmatha eine Nachricht zukommen lassen, aber brauche jemanden, der sie für mich schreibt. Würdest du das tun?" Hoffnungsvoll sah er Cin in die tiefroten Augen.

Cin blinzelte erneut verwirrt, weil sich Tiepho nicht an einen Bediensteten wandte, sondern ausgerechnet an ihn, doch dann lächelte er vergnügt und nickte. Vielleicht war es persönlich, und der stille Mann traute einem Diener nicht. Sogleich begann sich seine Phantasie zu regen und um die fast unsichere Bitte ein Gespinst aus romantischen Geschichten zu stricken. "Gerne."

Seine Phantasie erwies sich als treffsicher, wie er bald feststellte, nachdem er sich Schreibunterlagen hatte bringen lassen und von Tiepho den Brief diktiert bekam. Er handelte davon, dass der Wächter deutlich zu persönliche Gefühle für Manmatha entwickelt hatte und sich nicht mehr dazu im Stande sah, seinen professionellen Abstand zu wahren; er sprach von Entschuldigungen für Fehler und machte Cin alles in allem ziemlich traurig. Man hatte es Tiepho nie angesehen, dass er so empfand.

"Soll ich Manmatha die Nachricht bringen?", fragte er schließlich leise, als Tiepho ungelenk unterzeichnete.

Erschöpft nickte Tiepho und fuhr sich mit den Fingern über das Gesicht. "Ich... danke dir, Cin. Ich gehe dann lieber packen, bevor er den Brief liest und... danke jedenfalls."

Mit einem halben Lächeln in Richtung der kleinen Goldamme stieß er sich ab und begab sich hastig in seine kleine Nische in Manmathas nun verwaistem Schlafgemach. Viel hatte er nicht einzupacken, einige Waffen und dann zwei kleine Erinnerungen an die Zeit mit Manmatha. Mit einem Mal fühlte Tiepho den Schmerz in sich noch stärker, die Müdigkeit machte ihm jede Bewegung schwer.

Cin beeilte sich, zu dem weißen Pascha zu kommen. Vielleicht gab es für Tiepho doch Hoffnung. Manmatha hatte in letzter Zeit recht bedrückt gewirkt. Und solange sein Wächter noch da war, konnte er wenigstens mit ihm reden. 'Wenn er erst einmal weg ist, dann ist alles verloren.'

Leider war Manmatha in einer Besprechung mit seinen Sekretären, und die Wache vor der Tür fand es nicht erforderlich, dass seinem Herrn der Brief so schnell wie möglich gebracht wurde. Cin brauchte einige Zeit, um sie mit Sturheit und schließlich Hinweisen auf Pascha Denju und seinen Geliebten davon zu überzeugen, dass er wenigstens nachfragte. Nur Momente später konnte er Manmathas freundliche Stimme von drinnen hören, die ihm Einlass gewährte.

Zufrieden schwamm er in den prächtigen Raum. Nicht einmal die Arbeitszimmer auf diesem Schiff schienen schlicht sein zu können. Er nickte den Sekretären zu und überreichte dann die gefaltete Nachricht. "Lies ihn schnell", bat er mit gesenkter Stimme, damit nur Manmatha ihn hörte. "Er ist von Tiepho."

"Oh. Ich danke dir, Cin." Ein ängstliches Gefühl breitete sich in Manmatha aus, doch er lächelte dem Favoriten seines Retters nur zu, statt den Brief sofort zu lesen. Zu sehr fürchtete er sich vor dem, was darin stehen mochte, zu sehr vor seiner eigenen Reaktion. Er wollte vor Fremden und Bediensteten keine Blöße zeigen. Nachdem Cin das Zimmer mit einem besorgten Blick verlassen hatte, zögerte Manmatha nicht, seine Sekretäre ebenfalls hinauszuschicken.

Seine Hände bebten ein wenig, als er das Blatt schließlich entfaltete. Doch was dort geschrieben stand, war gänzlich anders als alles, was er erwartet hatte. Blut schoss ihm ins Gesicht, während sein Herz wie rasend zu schlagen begann. 'Ich habe ihn... vollkommen... falsch verstanden. Oh, wie herrlich! Oh, wie furchtbar! Er darf mich nicht verlassen! Wo finde ich ihn? Bitte, er darf noch nicht weg sein!'

Überstürzt schwamm er los, um in seine nahen Gemächer zurückzukehren. Dort hatte auch Tiepho sein Quartier; vielleicht war er ja noch dabei, seine Sachen zu packen. Kleine Geräusche sagten Manmatha, dass zumindest jemand im Raum war. Er hinderte die Wache daran, ihm zu folgen und zog die Tür hinter sich zu. "Tiepho?"

Wie gestochen zuckte Tiepho aus der Tiefe der Seekiste zurück, in der er noch nach seinem Schmuckmesser gesucht hatte. Er hatte es soeben unter einer dicken Decke gesichtet, als Manmathas leise Stimme ihn rief. 'Jetzt nichts anmerken lassen und dich so schnell du kannst entschuldigen. Er wird den Brief sicherlich noch nicht gelesen haben.'

"Ich bin hier. Es tut mir leid, dass ich es versäumt habe..." In Manmathas Hand sah Tiepho das schmale Stück Pergament, auf dem er Cins Handschrift wiedererkannte. Sein Herz machte einige heftige Sprünge. Mit gesenktem Kopf legte Tiepho das Messer zu den anderen Kleinigkeiten in seinen Beutel und verschloss diesen. "Es tut mir so leid. Ich wollte schon fort sein", flüsterte er an den Boden gerichtet.

"Das einzige, was dir leid tun sollte, ist, dass du ohne Abschied gehen wolltest. Und vollkommen verfrüht, da dein Vertrag vorsieht, dass du mich bis zu meiner Hochzeit zu beschützen hast", erklärte Manmatha resoluter, als er sich fühlte. Es war der Pascha, der aus ihm sprach, weil er mit einem Mal nicht mehr wusste, was er sagen sollte. Die Unsicherheit machte ihn nervös, und gleichzeitig war er doch so froh, dass er seinen Wächter noch angetroffen hatte.

Langsam schwamm er zu ihm hin. "Aber ich danke dir für diesen Brief", fügte er leiser hinzu und gestattete sich die Verletzlichkeit wieder, die er versucht hatte, in der Gegenwart des Mannes abzulegen. "Warum nur hast du mich dann immer wieder abgewiesen, wenn ich dir näher kommen wollte?"

"Näher. Ich bin kein Mann, den man bei Bedarf näher ziehen und wieder von sich schieben kann. Ich bin Leibwächter, nicht Spielzeug, und ich wollte ohne Abschied gehen, um diese Unterhaltung nicht führen zu müssen." Mühsam beruhigte Tiepho sich, bevor er fortfuhr: "Ich wollte nicht warten, bis ich nur noch fühle und nicht mehr denke, wenn ich dich sehe. Ich hatte Angst, dass ich dich beleidige mit meinem Wunsch nach Nähe, und dass du mich verstößt."

"Du siehst es nicht, Tiepho. Du hast es nie gesehen. Ich habe versucht, es dir zu zeigen. Ich habe mich nach dir gesehnt. Aber immer, wenn ich einen Flossenschlag auf dich zugekommen bin, bist du vor mir zurückgewichen und hast mich abgewiesen. Bis ich dachte, dass du nur als deinen Auftrag von mir denkst. Ich war genauso blind. Du hast es aus Angst getan, verletzt zu werden."

Manmatha ließ den Brief los und kam dichter zu Tiepho, bis er zu ihm aufsehen musste, was er mit einem kleinen Bewegungen der Hüftflossen ausglich, so dass sie auf gleicher Höhe waren. Er sehnte sich noch immer, sehnte sich mehr denn je nach ihm. Doch gleichzeitig fürchtete er sich davor, wieder Fehler zu machen, die seinen Wächter endgültig von ihm forttreiben würden. Die Mischung aus schnellem Herzklopfen und dem eisigen Tiefseewasser in seinem Bauch war fast unerträglich.

"Ich bin froh, dass Cin sich beeilt hat", flüsterte er. "Du warst nie Spielzeug für mich und würdest es auch nie sein, wenn du dich dazu entschließen könntest, nicht zu gehen. Wenn du bei mir bleiben würdest."

Verwirrt fragte Tiepho sich, ob Manmatha ihn gerade in seinen Harem bat, es nur zu kompliziert ausdrückte. "Ich verstehe nicht ganz." Er begann sich dumm zu fühlen, was ihn ärgerte. Machte er denn alles falsch mit diesem schönsten aller Paschas? Gereizt sah er einmal über die Weiden hinaus, um sich zu sammeln, dann wieder in Manmathas hoffnungsvolles Gesicht, in seine groß aufgeschlagenen Augen.

"Ich verstehe dich immer nur falsch, Manmatha. Ich hoffe, dass ich es nun einmal nicht tue. Hast du mich in deinen Harem gebeten, eben gerade?" Verunsichert wollte er den Blick zu Boden richten, aber ein Bote, der die Flügeltüren in dem Moment aufstieß, brachte Manmatha mit seinem Schwung zum Driften. Ohne nachzudenken umfasste Tiepho seinen Unterarm, um ihm zu stützen, während er zum Boten sah und diesen mit schmalen Augen vor die Tür befahl.

"Und sag der Wache, sie soll niemanden einlassen! Selbst wenn es der König persönlich wäre!", rief Manmatha ihm nach, während sich die Türen bereits wieder hinter dem erschrockenen Mann schlossen.

Dann wandte er sich Tiepho zu, dessen Worte und kleine Geste ein Gefühl in ihm heraufbeschworen hatten, als wäre mit einem Schwall warmem Wasser ein Schwarm Garnelen gekommen, die ihn mit ihren Fühlern kitzelten. Wie sehr hatte er die Nähe des ruhigen Mannes und seine besorgte Art vermisst! Dennoch schüttelte er auf dessen Frage hin hilflos den Kopf. "Ich kann doch nicht... einfach so... ohne Geschenk, ohne alles, ohne zu werben..."

Er machte sich von der kräftigen Hand frei, um eilig einen seiner Oberarmreife abzustreifen. Tiepho würde ihn vielleicht um das Handgelenk tragen können, wenn überhaupt. Dennoch fühlte sich Manmatha sicherer und besser, als er ihm das Schmuckstück mit beiden Händen hinhielt, in das so ernste Gesicht aufsah und wisperte: "Als mein Favorit?"

Tiepho wurde schwindelig. Hätte er doch nur früher etwas von Manmathas Gefühlen geahnt! Der schöne Mann wollte ihn nicht nur zum Teil seines Harem machen, was allein schon mehr als schmeichelhaft gewesen wäre, nein, mit einem unbeschreiblichen Augenaufschlag fragte er Tiepho sogar noch, ob dieser sein Favorit werden wollte.

Sachte nahm er den Reif aus Manmathas schlanken Händen und beugte sich dann herunter, um die Finger mit den Lippen zu berühren. "Es ist mir eine große Ehre", murmelte er unbestimmt, und die Nervosität begann, seinen Magen hinauf und hinunter zu kribbeln.

Der zarte Handkuss ließ Manmathas Herz beinahe ebenso heftig schlagen wie die viel intensiveren Küsse von Wirakun, dennoch brauchte er länger, um seine Unsicherheit beiseite zu schieben. 'Eine große Ehre. Was meint er damit? Ist es nicht mehr für ihn als das? Oder ist das nur wieder...'

"Ehre mag es vielleicht sein, aber willst du sie denn auch?" Manmatha hielt Tiephos Hand fest, ehe dieser sie zurückziehen könnte und sah ihn ernst an. "Es ist nicht nur ein Titel, ich stelle Anforderungen an meinen Favoriten. Er muss es von Herzen wollen. Er darf keine Scheu vor mir haben." Sich in Tiephos Arm drehend brachte er sich nah an den starken, großen Körper, streichelte sachte mit den Fingerspitzen über den schmalen Mund und lächelte schließlich. "Und ich will wenigstens ab und an wissen, was mein Favorit denkt. Meint mein Wächter, dass es möglich wäre, diese Wünsche zu erfüllen?"

Tiepho lächelte leicht, dann nickte er. "Dein Wächter meint, dass er den Anforderungen genügen kann." Seine freie Hand fand allein den Weg um Manmathas Körper herum, während er sich zu ihm beugte, um diesen wundervollen Mund, den er so viele Male seufzend angestarrt hatte, endlich zu küssen.

Manmatha gab einen kleinen, erleichterten Laut von sich, als er sich ihm entgegen hob und sich ihre Lippen fanden. Er ließ sich ganz gegen Tiepho sinken und schlang die Arme um seinen Hals, um sich noch näher zu ziehen. Ihre Körper schienen perfekt zueinander zu passen, und Manmatha fühlte sich sicher und geborgen. Glück strömte durch ihn hindurch, wie er es nie zuvor gekannt hatte. Er verlor sich allein in den erlesenen Empfindungen, die Tiephos geschmeidige Lippen hervorrufen konnten, und öffnete sich ihm, um mehr davon zu bekommen.

Tiepho zog Manmatha fester in seine Arme und lächelte an seinem Mund. Nie hätte er sich träumen lassen, dass die Blicke des perlfarbenen Paschas in seine Richtung gegangen waren. Nie hätte er gedacht, dass er nicht nur erwählt werden würde, für immer in seinem Harem zu bleiben, sondern auch noch als sein Favorit.

Sie ließen sich auf das ausladende Lager sinken und küssten sich weiter. Wieder und wieder ließ Tiepho seine Finger an den zarten Flossen entlang streichen, forschend, ob sie sich so herrlich anfühlten, wie er es sich erträumt hatte. Natürlich fühlte Manmatha sich noch viel besser an als im Traum. Allein seine leisen zustimmenden Laute, wenn Tiepho eine empfindliche Stelle seines Körpers besonders richtig berührte, war die Mühe und das Suchen wert. Unsicher, ob er weiter gehen durfte, kehrte Tiepho jedoch nach einer Weile zu den Küssen zurück. Da er seinen Abschied geplant hatte, wusste er nicht über den Tagesplan des Paschas Bescheid und konnte somit nicht sicher sein, dass sie ungestört blieben.

"Das ist wundervoll, Tiepho", murmelte Manmatha und lächelte selig. "Du bist wundervoll." Er zog ihn wieder auf sich herab, als sich der andere ein wenig aufrichten und Abstand nehmen wollte. "Ich habe den Befehl gegeben, dass uns nichts und niemand stört. Alles andere hat Zeit. Ich kann mich jetzt ohnehin auf nichts mehr konzentrieren, was nicht mit diesem herrlichen Körper, diesen dunklen Augen und deiner atemberaubenden Stimme zu tun hat." Sehnsüchtig küsste er ihn erneut und erklärte dann: "Ich habe viel zu lange gewartet, viel zu lange ohne dich sein müssen, obwohl du so nah bei mir warst. Ich fürchte, wir werden ein wenig aufholen müssen."

Verwirrt ließ Tiepho sich von seinem Pascha vereinnahmen, der sehr entschlossen begann, ihre kleinen Zärtlichkeiten zu einem weitaus weniger schüchternen Erkunden der Körper werden zu lassen. Doch Manmatha hatte nicht nur mehr Nähe im Sinn. Er hatte es ernst gemeint, als er vom Aufholen gesprochen hatte.

Tiepho hatte erst einmal geliebt und das auch nur heimlich, ängstlich und schüchtern. An Manmatha konnte er spüren, dass der weiße Pascha da nicht so unerfahren war wie er. Die kleinen Finger wussten ihn verdammt geschickt zu umgarnen, wiegten ihn in Sicherheit, aus der heraus der Pascha ihn erschreckend berührte. Nicht selten zuckte Tiepho noch überrascht oder erschrocken leicht zurück, auch wenn er sich bemühte, so sehr er konnte, seinen Pascha zufrieden zu stellen.

Tiephos Schüchternheit entzückte Manmatha; oberflächlich schien sie überhaupt nicht zu dem starken Mann zu passen und war doch so sehr er. Trotz seines Verlangens danach, eins mit ihm werden zu können, weckte sein Wächter eine Seite in Manmatha, die es ihn herauszögern ließ, necken, spielen, um ihn mit kindlicher Freude zu entdecken. Es dauerte lange, ehe er es nicht mehr aushielt und sich ihm gänzlich hingab.

Nachdem er wieder zu Atem gekommen war, seufzte Manmatha zufrieden, schmiegte sich an seinen Favoriten und hüllte ihn in seine Flossen ein, während er mit den Bauchflossen leicht Wasser gegen ihn strudelte.

"Den Rest des Tages gehöre ich dennoch dir", erklärte er nach einiger Zeit, die sie nur aneinander geschmust gelegen hatten, und lächelte. "Mein Favorit."


© by Jainoh & Pandorah