Wie ein Schlangentanz

22.

Ternekun war es direkt peinlich, seinen Favoriten auf ein so viel weniger luxuriöses Schiff zu entführen, als sie in der kleinen Grenzstadt den Abschied von Manmatha, Wirakun und Mitar nahmen. Er war voran geeilt, um alles auf dem Schiff vorzubereiten und betrachtete den schlanken, schwarzen Rumpf mit den roten Abzeichen nun mit kritischem Blick. Als er jedoch in die Kapitänskajüte und zugleich den Aufenthaltsraum für die Gäste des Kapitäns gelangte, war er ziemlich erstaunt, als ihm zunächst eine schlanke, schwarze Schlange entgegen kam, gleich darauf sein Vater Ter.

"Nekun, mein Kleiner. Wie ist es dir ergangen? Wir waren alle ganz aufgeregt, als du uns die Botschaft geschickt hast, mein Schatz." Ter umschwamm seinen Sohn in einem eleganten Bogen. "Wir waren vor allen Dingen aufgeregt, weil wir gleich zwei Heiratsangebote nach dem Markt erhalten haben, von denen wir eines angenommen haben für dich."

"Heiratsangebote? Angenommen?" Verwirrt ließ Ternekun sich küssen und umarmen, dann sah er seinem Vater in die schmalen schwarzen Augen, in denen lediglich ein verheißungsvolles Lächeln stand.

"Der Vertrag wurde bereits aufgesetzt. Wir haben erfahren, dass du eine Goldamme zum Favoriten nimmst, aber ein Fakun sollte dennoch in unseren Linien bleiben, nicht wahr, Nekun? Keine Angst, es ist ein wundervoller Mann, ein Schlangentänzer, so wie dein Vater." Selbstverliebt drehte Ter sich zu einer Schlange um und begann, mit ihr zu spielen, während er Ternekun winkte, der ihm wie betäubt folgte.

Die große Halle des Schiffs wurde gerade neu ausstaffiert, und Diener huschten hin und her, wichen den Schlagen, die sich auch hier in ungewöhnlich hoher Anzahl träge zwischen den Körben und Kissen versteckten, erschrocken aus. "Vater, ein Schlangentänzer? Ich meine, wieso... habt ihr für mich gewählt? Ich kann doch nun wirklich selber..."

Ter lachte leise auf. "Offensichtlich nicht, Nekun. Du fährst auf einen Heiratsmarkt, und was erhalten wir an Angeboten? Zwei. Alle anderen, bei denen wir unsere Erkundigungen eingezogen haben, konnten sich nicht an dich erinnern. Nein, nein. Mir war schon gut bewusst, dass ich mich selber würde kümmern müssen. Merkwürdiger Weise hast du deine Brüder alle erstaunlich gut untergebracht."

"Aber... Vater, ich will..."

"Ah! Oh, schau nur, das ist er schon! Ternekun, komm schon her, ich stell dich bei deinem Angetrauten vor. Sein Vater und ich sind gute Freunde."

"Er ist hier?!" Entsetzt riss Ternekun die Augen auf und blickte in die Richtung, die sein Vater ihm wies. Sein Mund öffnete sich leicht, schloss sich wieder, und er blieb vorerst bei den erschreckten Blicken.

Ein zierlicher Fakun mit tiefbrauner Farbe der Flossen kam von orangefarbenen Korallenschlangen umgeben auf sie zu. Seine Augen waren ebenfalls von warmem Orange, und seine Bewegungen stellten schon unbewusst einen Tanz dar. Als er Ternekun bemerkte, schlug er die Augen nieder und warf ihm deutlich taxierende Blicke unter den Lider zu, brachte die Schlangen umständlich fort und bot eine Rundumschau auf seinen Körper. Benommen erinnerte Ternekun sich an den Vermittler, dem er sein Interesse an diesem noch sehr jungen Schlangentänzer so unvorsichtig mitgeteilt hatte.

"Na, Nekun? Wirst du ihn ablehnen?" Die Stimme von Ter hatte einen schon zu weichen Klang, und Ternekun schüttelte gehorsam den Kopf. "Nein, Vater. Du hattest Recht. Er ist wundervoll."

Der braune Schlangentänzer kam mit kleinen Schwüngen auf sie zu und neigte zuvorkommend seinen Kopf. "Mein Name ist Xuo aus Jinos Haus. Mein Pascha und dein Pascha sind zusammen in der Ausbildung gewesen, und ich freue mich, dass wir die Freundschaft der Häuser erneuern können." Sein Lächeln war weniger zurückhaltend, und der Blick richtete sich nun schon voll in Ternekuns Augen. Abschätzend, prüfend und verlangend.

Ternekun kam der Aufforderung und dem kleinen Stoß, den sein Vater ihm verpasste, nach und küsste Xuo auf die Wange. "Willkommen. Ich bin stolz und glücklich, dich als Teil meines Hauses begrüßen zu dürfen", murmelte er leise an das Ohr seines Angetrauten.

Ter klatschte leicht in die Hände. "Fein. Ich werde dann heute Nachmittag erst einmal deinen Favoriten ein wenig kennen lernen und du", er lächelte anzüglich und legte Ternekuns Hände über Xous schlanken Finger, "du lernst deinen Angetrauten näher kennen."

 

Der Abschied von Mitar war schwer. Schwerer, als Cin gedacht hätte. Er liebte Ternekun, und der Gedanke, für immer bei ihm zu sein, in seinem Harem als sein Favorit, war wundervoll. Dennoch war da noch immer eine kleine Stimme, die auch nach Mitars Nähe verlangte, und wie lange er seinen Bruder nun nicht mehr sehen würde, konnte er nicht sagen. Immerhin wusste er, dass Mitar glücklich war, jedes Mienenspiel, jedes Wort strahlte das aus, jeder Blick, den er Wirakun zuwarf, und das machte es ein wenig leichter.

Doch je länger Cin in dem schönen Panoramasaal auf Manmathas Schiff saß und auf Ternekun wartete, um so trübsinniger wurde er. Mitar und Wirakun leisteten ihm Gesellschaft, wobei sie kaum voneinander lassen konnten; ohne Berührung schienen sie im Moment nicht überlebensfähig zu sein. Das wiederum machte es nicht einfacher, und Cin hoffte inständig, dass sein Geliebter ihn bald holen würde. Ihm war es gleichgültig, wie das Schiff aussah, wenn nur Ternekun endlich kam!

Als sich der große, dunkle Mann schließlich in der Tür zeigte, schnellte Cin von seinem Polster empor und schwamm eilig zu ihm hin, um ihn zu umarmen. "Endlich. Ich dachte schon, du wolltest es erst eigenhändig bauen."

Ternekun hatte keine Ruhe gefunden mit Xuo, bis nicht sein Favorit bei ihm war. Er war seit so langer Zeit keinen Tag von Cin getrennt gewesen. In den Minen selbst hatten sie jede Nacht beieinander gelegen. Es war zwar unhöflich, wenn ein Pascha seine Aufmerksamkeit nicht teilen konnte, aber er nahm sein Recht, bis zur offiziellen Heirat noch wählen zu dürfen, rücksichtslos in Anspruch.

Fest umarmte er Cin, während zwei seiner Leute vom Schiff sich der Dinge annahmen, die Cin mitnehmen wollte in seine neue Heimat. "Tut mir leid, mein Kleiner. Ich bin unerwarteterweise auf meinen Vater Ter gestoßen. Zudem ist da noch jemand, den ich dir nun vorstellen muss." Mit Cin im Arm fühlte er sich schon wieder deutlich wohler und seinem Vater und dessen Vorstellung von einem ordentlichen Harem ebenfalls besser gewachsen.

Rasch brachte er Cin zu dem Hafen, in dem sein Schiff lag und führte ihn zunächst in seine Halle, während die persönlichen Sachen in die Kajüte gebracht wurden. Ter und Xuo warteten von angenehm wenig Schlangen umgeben auf die Vorstellung. Etliche Begrüßungsspeisen waren bereits auf den schlanken Tresen an der Seite dekoriert worden. Nervös nahm Ternekun seinen Favoriten fester in den Arm, bevor er vorstellte "Cin, das ist mein Vater Ter. Ter, das ist mein Favorit Cin aus Denjus Haus." Sehr offensichtlich entzückt schnellte Ter hoch und drückte Cin leicht an sich. "Welch eine schöne Goldamme! Herzlich willkommen, Cin!"

Cin fühlte sich ein wenig überrumpelt von dem innigen Gruß, aber er fing sich schnell wieder, erwiderte die Umarmung und lächelte fröhlich. Mit diesem Mann würde er sich vermutlich schnell verstehen können. Ebenso gefiel ihm das, was er bis jetzt vom Schiff gesehen hatte. Für ihn war es sogar deutlich schöner als das von Manmatha. "Danke. Ich freue mich, dich kennen zu lernen."

Ter lächelte freundlich, wenn auch Ternekun ein hinterhältiges Blitzen in seinen Augen erkennen konnte. Und sogleich, noch bevor er wieder etwas hätte sagen können, winkte Ter Xuo herbei und nahm die beiden je links und rechts in den Arm. "Dies ist Cin, der Gemahl und Favorit. Cin, dies wird einer der Angetrauten in deinem zukünftigen Hause sein. Xuo aus Pascha Jinos Haus."

Artig neigte Xuo seinen Kopf einmal und nahm Cins Hand auf, um die Finger zu küssen um ihm so zu zeigen, dass er ihn ehrte. "Ich freue mich. Ich hoffe, dass ich dir stets ebenso eine Freude sein werde, Cin", hauchte er mit trainierter Bescheidenheit.

Cins Lächeln gefror auf seinen Lippen. Ternekun hatte mit nicht einem Wort erwähnt, dass er bereits einen Angetrauten hatte. Und erst recht nicht, dass dieser ein dunkler Schlangenbeschwörer war. Aber es passte. Im Restaurant hatte er ja Gam so angehimmelt. 'Nicht einmal gewarnt hat er mich! Meint er, das ändert etwas?' Er hatte damit gerechnet, seinen Wächter noch eine Zeit lang nur für sich zu haben, zumindest auf dieser Reise und selbst danach vielleicht ein wenig. Sein Magen schmerzte mit einem Mal vor Wut und schien sich zusammenzuballen, als er seine Fassung zurückgewann.

"Welch Überraschung, dass ich so schnell mit einem Angetrauten beglückt werde", erwiderte er überaus freundlich und wand sich energisch aus Ters Arm, während er gleichzeitig schon überlegte, wie er am raschesten wieder zurück zu seinem eigenen Pascha gelangen konnte. Nicht auf der Stelle, das wäre zu peinlich, zu impulsiv, auch wenn ihm genau danach war.

Ternekun stach hinter seinem Rücken bereits mit Blicken auf seinen Vater ein. "Cin, komm mit, ich zeige dir unsere Kajüte." Im Hinterkopf merkte er sich diese kleine Gemeinheit, um sie Ter bei Gelegenheit heimzahlen zu können. "Hier geht es entlang, Cin. Komm."

Er ließ Cin zuerst durch den Gang hinaufschwimmen und sah Xuo noch einmal mit einem kleinen Lächeln an, um ihn zu beruhigen. Er war zwar Schlangentänzer und unerwartet hier, zudem nicht wirklich erwünscht auf einer Fahrt, die Ternekun ausschließlich mit Cin hatte verbringen wollen, aber er akzeptierte das Wort seines Paschas. Wenn dieser eine Ehe zwischen den Häusern wünschte, dann würde er sich sicherlich nicht dagegen stellen.

Die Tür war gerade hinter ihnen zugefallen, als sich Cin nach einem vergewissernden Blick, dass niemand außer ihnen im Korridor war, mit flammenden Augen zu Ternekun umdrehte. Das eisige Lächeln war aufgetaut und einer zornigen Miene gewichen. "Fein. Du kannst dir unsere gemeinsame Kajüte sparen. Was du machen kannst, ist mein Gepäck ausladen lassen! Ich reise mit dem nächsten Frachter zurück."

Ein wenig unglücklich winkte Ternekun Cin, mit ihm zu kommen. "Liebling, zum einen, es gibt in diesem Schiff nur zwei Kajüten für Reisende. Eine belegt Ter mit seinen Schlangen. In der anderen werden wir wohnen. Eigentlich muss ich Xuo dorthin ebenfalls einladen. Zum anderen... selbst wenn ich ihn nicht einladen wollte, mein Vater hat ihn hier schon untergebracht."

Er öffnete die Tür zum ovalen Raum mit den zwei Schlaflagern. In der Ecke bei dem großen Schlaflager mit den Vorhängen standen die Körbe mit Cins Sachen. Gegenüber vor einem deutlich weniger ausladenden Lager standen zwei Schatzkisten mit der Lösesumme sowie drei Körbe mit Korallenschlangen.

Ternekun zog den Vorhang vor seinem und Cins Schlaflager auf, um zu vermeiden, dass eine Schlange sich dort eingenistet hatte und ließ sich dann mit Blick auf seinen Angebeteten nieder. Ganz Feuer und Wut verharrte Cin in der Tür, seine Anspannung setzte sich bis in ein Zittern in seinen Flossen fort, und die Augen waren zu schmalen Schlitzen zusammen gezogen. "Genau das habe ich befürchtet. Ich habe von Xuo ebenfalls erst gerade erfahren und wusste vor unserer Ankunft hier nichts von dieser Eheabmachung, glaubst du mir das?" Ängstlich sah er zu Cin auf.

"Du hast es spätestens gewusst, nachdem du auf dem Schiff warst. Und du hast kein einziges Wort gesagt. Nicht eines! Nur, dass du mir jemand vorstellen wolltest. Das hätte jeder sein können. Hast du geglaubt, ich werde vor freudiger Überraschung aufjuchzen, wenn ich dich jetzt schon teilen darf?" Cin weigerte sich, auch nur einen Flossenschlag weiter in das Zimmer zu schwimmen. "Ich werde mir weder einen Raum mit einem Schlangenbeschwörer, noch mit seinen Schlangen teilen. Und wenn das wirklich die einzige Alternative sein sollte, dann werde ich zu meinem Pascha zurückkehren. Genieße deinen Fakun, wenn du jemanden brauchst. Ich habe genug von deinen Geschichten."

"Ich habe es dir absichtlich nicht gesagt, obwohl Ter mir Xuo auf meinem Kontrollbesuch hier auf dem Schiff bereits vorgestellt hat. Absichtlich, weil ich Angst hatte, dass du dann nicht mit uns kommen wolltest." Ternekun seufzte und rieb sich über den Kopfbuckel. "Meinst du, ich hätte eine Wahl in dieser Sache, Cin? Denkst du, es fällt mir leicht, nun den Regeln entsprechend meine Zeit nicht nur mit dir zu verbringen? Was soll ich deiner Meinung nach tun, hm? Soll ich den Jungen verstoßen? Ihn entehren und seine Familie gegen meine aufbringen?"

Er wandte sich ab und schloss die Augen. "Verdammt. Entschuldige, Cin. Ich wünschte nur... ich..." Xuos orangefarbene Augen kamen ihm ins Gedächtnis. Der energische Schwung und die Eleganz, mit der er schwamm. Schon jetzt war er ein guter Tänzer, obwohl er noch so jung war. Cins wütendes Gesicht und der brennende Blick, der sich sicherlich noch immer in seinen Hinterkopf bohrte, taten ihm weh. Alles war herrlich gewesen, harmonisch und einig, leidenschaftlich. Ternekun wurde klar, dass sein Geliebter nicht nur in der Liebe leidenschaftlich war, sondern auch in seiner Ablehnung und Wut. Langsam drehte er sich zu Cin um. "Hast du nun vor, deine Position als Favorit auszuspielen?" Verspätet fiel Ternekun ein, dass die Schleierschwänze nicht so strenge Regeln unter ihren Angetrauten hatten wie die Fakun.

"Nein", entgegnete Cin bissig. Natürlich hatte Ternekun wenig Wahl. Aber das hießt nicht, dass er es akzeptieren musste. "Was auch immer du meinst, dass ein Favorit tun kann, lass es Xuo tun. Ich habe keine Lust, in ein paar Wochen in die hinteren Räume deines Harems abgeschoben zu werden, weil ein geheimnisvoller, eleganter, anmutiger und ach so wunderschöner Schlangenbeschwörer deine Sinne vernebelt. Jeder andere, Ternekun... Aber ausgerechnet ein dunkler Fakun! Und jetzt behaupte nicht, dass die Blicke, die du Gam zugeworfen hast, alle nur gespielt waren." Er schnaubte, während seine Flossen vor Empörung zitterten. "Es wäre fair gewesen, wenn du mich gewarnt hättest. Ich hätte mich fast lächerlich gemacht. Aber das liegt dir nicht. Wenn es dir passt, dehnst du die Wahrheit so, wie sie dir behagt, ignorierst sie oder schmückst sie aus. Diese Verbindung wäre ein Fehler, ich habe keine Lust, ihn zu machen und bis an mein Lebensende darunter zu leiden. Ich werde weder entehrt sein, noch wirst du meine Familie gegen dich haben. Also ist das auch für dich die perfekte Lösung."

Ternekun hob eine Augenbraue. Ganz offensichtlich störte es Cin gar nicht, dass er ihn so früh schon teilen musste, anstelle bis zur Geburt des Erben zunächst eine einfache Ehe zu führen. Nein, es störte Cin, dass ein Schlangentänzer der zweite Angetraute werden würde. "Cin, Xuo war nicht meine Wahl. Da ich deine empfindliche Ader bei Schlangentänzern kenne, hätte ich niemals einen solchen in mein Haus gebeten. Du kannst mir glauben, dass ich..." Sein Blick glitt über die ablehnende Haltung der zierlichen Goldamme vor ihm. "... ich... will ohne dich nicht leben, Cin. Aber wenn du sicher bist, dass die Verbindung ein Fehler ist, den du bereuen wirst..." Ternekun stockte, blickte seinen Schatz an. Er konnte sich nicht vorstellen, ohne Cins Energie, seine Freude und die wilde Art zu sein. Die negativen Seiten wogen lange nicht dagegen auf. Zudem, er liebte ihn, zu sehr. Erschrocken auf Cins Ablehnung blickend bat er leise: "Geh nicht, ich halte es nicht aus, Cin... bitte, geh nicht."

Verkniffen erwiderte Cin seinen Blick, während er spürte, wie seine Wut ein wenig abkühlte. Er liebte diesen Mann von ganzem Herzen und ihn so bitten zu hören, half nicht unbedingt, seinen Entschluss aufrecht zu erhalten. 'Aber er wird es wieder tun. Jedes Mal, wenn es ihm nicht ganz gefällt, wie die Dinge nun einmal sind, wird er neue Geschichten erfinden, etwas vergessen zu erwähnen, anderes verdrehen.'

"Und wann wirst du das nächste Mal die Wahrheit dehnen?", fragte er verbittert. "Vielleicht, wenn du mehr Zeit mit einem anderen verbringst als mit mir? Aber natürlich bin ich noch dein Favorit dem Titel nach dann, ja, aber das muss man nicht mehr erwähnen. Tiefsee, ich liebe dich, Ternekun! Du verletzt mich damit! Du hast kein Vertrauen in mich, und wie soll ich welches für dich haben, wenn du so freizügig mit der Wirklichkeit umgehst?"

"Ich lüge dich nicht an, Cin. Aber was sollte ich denn tun? Dir auf Manmathas Schiff erzählen, dass Ter meinen nächsten Angetrauten mit zum Abholen gebracht hat? Es kam mir selber surreal vor. Wie dieser Streit auch. Es ist leider so, dass ich ein Fakun bin, Cin. Das war ich schon, bevor wir uns getroffen haben und werde es immer sein. Fakun haben keinen Harem mit weniger als drei Angetrauten, von mir werden sicherlich fünf erwartet, dem Stand meiner Familie entsprechend." Er sah zu dem noch immer so abweisend angespannten Favoriten auf. "Wirst du nun jedes Mal, wenn mir jemand einen neuen Angetrauten vorschlägt, wenn ich einen Vorschlag annehme, einen Krieg erklären? Willst du mir wirklich erzählen, dass du es nicht gewusst hast?"

"Nein. Wie du vielleicht bemerkt haben wirst, ist auch mein Vater nicht der einzige Mann im Harem meines Paschas. Aber ich bin nicht davon ausgegangen, dass ich meinen Geliebten sofort teilen muss, bevor wir auch nur seine Heimat erreicht haben. Du hattest es mir versprochen! Und ich mag naiv sein, aber ich hatte mir doch vorgestellt, dass ich zumindest so weit Einfluss haben werde, dass ich nicht in einem Harem mit einem Mann leben muss, den ich vom ersten Blick an nicht leiden kann." Cin presste die Lippen zusammen.

Allein der berechnende Ausdruck in den orangefarbenen Augen hatte ihm bei der gekünstelten Begrüßung gereicht. Er versuchte sich vorzustellen, morgens aufzuwachen, und das erste, was er sehen würde, wäre dieser grauenhafte Schlangentänzer. Ständig würde er da sein, ständig würde er Aufmerksamkeit fordern, ständig würde er um Ternekun herum scharwenzeln, ständig sollte er sich mit ihm vertragen. Es drehte ihm den Magen um.

"Ich werde mit diesem Mann und seinen Schlangen kein Zimmer teilen. Ebenso wenig werde ich mich gleichzeitig mit ihm in einen Harem begeben, noch werde ich in der nächsten Zeit dich teilen. Das sind keine 'Ich will nichts', das sind 'Ich werde nichts', Ternekun. Es zwingt dich bestimmt niemand, ihn sofort zu heiraten. Er kann gut und gerne auch noch warten. Da dieses Schiff aber offensichtlich nicht über ausreichend Räumlichkeiten verfügt, werde ich nicht hier schlafen. In der Herberge Zum Kaiserrochen war ich schon einmal, ich werde mir dort ein Zimmer mieten. Nimm dir Zeit, überlege, ob sich das machen lässt. Wenn nicht, wäre ich dir sehr dankbar, wenn du mir mein Gepäck bringen lassen würdest. Dann nehme ich den nächsten Frachter nach Hause."

Er biss sich auf die Unterlippe und wandte sich ab, als er den Schmerz des Verlustes sofort zu spüren begann. Wie blind schwamm er allein den Gang zurück, den sie gekommen waren. Natürlich würde Ternekun das nicht tun. Nicht, wenn ein verführerischer, dunkler Schlangentänzer auf ihn wartete. Einer, der vermutlich weitaus weniger kompliziert war als gewisse Schleierschwänze mit roten Flossen. Natürlich würde auch Ternekun ihn vermissen ein wenig zumindest, aber wenn er erst einmal in den Armen des anderen lag... 'Und da lässt du ihn jetzt einfach hin? Ohne zu kämpfen? Besser so, als später. Ich ertrage den Kerl nicht. Nicht jetzt! Und der einzige andere Weg wäre der, komplett nachzugeben. Freudig lächelnd zu sagen, dass es ja überhaupt kein Problem wäre, mit diesem verdammten Schlangenmann zusammen zu sein.'

'Er gibt auf? Einfach so?' Verwirrt von Cins Reaktion blickte Ternekun dem zierlichen Mann hinterher, der mit zackigen Bewegungen über die Rampe schoss, um in einen Schlitten einzusteigen. Erstarrt blickte Ternekun auf die Hafenhöhlen, in denen der kleine Schlitten verschwand. Eine leise Stimme unterbrach seine kreisenden Gedanken.

"Nekun, habe ich etwas falsch gemacht? Das tut mir so leid!" Besorgt umkreiste Ter seinen Sohn und blickte ihm in die Augen. Ternekun fing eine der dunkelblauen Schlangen ab und spielte mit ihr, ließ sie über seine Hand schwimmen, während er seinen Plan für Cin zu machen begann.

"Nein, es ist zwar nicht sonderlich taktvoll von dir gewesen, mir nicht wenigstens einen Tag Zeit zu lassen, um Cin auf Xuo vorzubereiten, aber ich respektiere die Entscheidung meines Paschas und werde ihn sehr gern heiraten, freue mich schon auf ihn. Leider ist es nur so, dass Schlangentänzer ein wunder Punkt bei meinem angebeteten Cin sind. Ich weiß nicht genau, was sie ihm zuleide getan haben mögen, aber er reagiert ein wenig zu heftig auf sie."

Ter wendete seinen Blick ebenfalls auf die Höhlen, in denen die fliegenden Händler ihre Waren verluden. "Dann, mein kleiner Nekun, solltest du deinen Favoriten darauf vorbereiten, dass er in einer Fakunfamilie leben wird, in der die Hälfte aus Schlangentänzern besteht. Ich empfehle dir, als dritten Angetrauten eine kleine Goldamme zu nehmen, mit dem Cin sich anfreunden kann, damit er nicht allein ist, wenn du einen Fakunsohn für deinen Pascha bekommst."

Die Kühle in der Stimme ließ Ternekun erschaudern, und er senkte den Kopf, in Gedanken daran verstrickt, dass Cin sich in solch einer Zeit sicherlich mehr als nur zurückgesetzt fühlen würde. "Nein. Wenn es an der Zeit ist, werde ich ihn zu seinem Bruder schicken, das ist besser... falls er überhaupt noch mit mir zusammen sein möchte."

Ter drehte sich um und meinte leise: "Ich lasse Xuos Sachen in meine Kammer bringen, du bringst ihn zu Sinnen, bis heute Abend."

Hastig ließ Ternekun Cins Sachen packen und auf einen Schlitten verladen und fuhr damit zu der kleinen Unterkunft, in der Cin hatte absteigen wollen. Freundlich und großzügig Trinkgeld verteilend ließ er sich vom Personal bei Cin melden und wartete auf seine Antwort.

Cin hatte sich, nachdem er ein Zimmer genommen und es geschafft hatte, dabei nicht die Fassung zu verlieren, nur noch in das Bett dort verkrochen, um in Kissen und Decken vergraben leise vor sich hinzuweinen. Wo am Morgen noch vollkommenes Glück gewesen war, herrschten nun Leere und Schmerz. Wie schnell konnte so etwas gehen! 'Warum verliebe ich mich immer in die falschen Männer?'

Als ein Hausbote kam, um ihm zu sagen, dass Ternekun ihn sprechen wollte und einen Schlitten voll Gepäck mitgebracht hatte, fiel er förmlich in die endlose, eisige Dunkelheit der Tiefsee. Lange hatte es für den Fakun ja nicht gebraucht, um ihn aufzugeben. Vollkommen. Er rieb sich über das Gesicht, um ein wenig Farbe zurückzubekommen und befreite sich aus den Decken.

"Lass ihn rein", murmelte er und schwamm zum Fenster hin, um sich dort auf eines der Polster zu setzen, während der Bote wieder davonhuschte. 'Gut, dann beenden wir es eben gleich.'

Ternekun schwamm vorsichtig auf die kleine Gestalt am Fenster zu. Er wagte es fast nicht, ihn zu stören, so abweisend und gespannt erschien ihm Cin. Endlich fragt er leise: "Cin? Darf ich einen letzten Vorschlag machen?"

Die beinahe trostlose Stimme seines ehemaligen Geliebten ließ Cin erschaudern. 'Einen letzten Vorschlag... Für was? Meinst du, das würde etwas bringen? Du wirst nicht auf ihn verzichten, und ich kann nicht mit ihm leben. Nicht so schnell.' Dennoch nickte er, ohne sich vom Fenster abzuwenden.

"Xuo wird die erste Zeit noch in der Schule verbringen. Er ist noch lange nicht fertig mit seiner Ausbildung. Ich kann ihn unmöglich in seinem Alter und Stand schon allein reisen lassen, zudem wäre es meinem Pascha gegenüber ungehorsam. Aber ich kann dafür sorgen, dass wir zunächst allein sein werden in meinem Heim." Verlangend blickte er zu Cin hinüber, der so unerwartet viele Komplikationen hervorrief. Zuvor war der kleine Schleierschwanzmann stets so spontan und energisch gewesen, aber Ternekun hätte niemals mit dergleichen Problemen gerechnet, weil er ihn nicht für einen Mann gehalten hätte, der von einigen kleinen Stichelein abgesehen Vorurteile pflegte.

Das Angebot klang zu verlockend für Cin. Erneut erschauderte er und spürte das Sehnen so heftig in sich erwachen, dass es viel zu schwer war, sich nicht umzudrehen. In das dunkle, traurige Gesicht aufschauend bemerkte er dennoch spitz: "Selbst ich bin in der Lage, allein zu reisen, wenn es nicht gerade in die nördlichen Gebiete der Fakun geht. Warum sollte er das nicht können?"

Gleichzeitig fragte er sich, ob er es für die Zeit der Reise überleben konnte, mit dem Schlangenmann in einem Zimmer zu wohnen, wenn er danach in Aussicht hatte, mit Ternekun wieder allein zu sein. Die Antwort war deutlich. Er wollte es zumindest versuchen. Der Gedanke, seinen Wächter zu verlassen, war schrecklich.

"Xuo ist noch nicht erwachsen und darf nach unserem Recht nicht allein reisen, Cin. Mein Vater hat ihn, um dir entgegen zu kommen, in seine Kajüte mit aufgenommen. Ich hoffe, dass es dir möglich sein wird, die große Halle zu den Mahlzeiten und Zusammenkünften mit ihm zu teilen." Ternekun schwamm ein wenig dichter und sah Cin ins störrische Gesicht. Sachte strich er ihm einmal am Kinn entlang. "Liebling, darf ich deine Sachen in das Schiff bringen lassen?"

"Wann werden Fakun denn erwachsen? Mit Fünfundzwanzig? Xuo ist doch älter als ich", murrte Cin, nur um sich an irgendetwas halten zu können und Ternekun nicht gleich um den Hals zu fallen. Allein mit Ternekun. Den Schlangenmann musste er nur zwischendurch sehen. Er würde gehen, sobald sie das Heim seines Wächters erreicht hatten. Aber die Berührung war zu viel und zu unverhofft, und statt tiefster Verzweiflung hatte Ternekun nun doch wieder Liebe und Hoffnung mitgebracht.

"Ja, darfst du", sagte er mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung und schlang die Arme um den Hals seines Geliebten, um den Kopf an seine Schulter zu lehnen. "Danke, dass du gekommen bist", flüsterte er.

Ternekun lächelte und drückte seinen Liebling an sich, bevor er ihn lange küsste, viel zu lange her erschien ihm der letzte Kuss schon, viel zuviel war geschehen. Da die Zeit drängte und sie die Kajüte für sich haben würden, nahm er Cin jedoch bald fester in den Arm und brachte ihn mit resoluten Bewegungen zu dem wartenden Schlitten zurück.

"Wir müssen uns noch ein wenig genauer über Fakun unterhalten. Ich hatte immer gedacht, dass die viele Zeit, die du mit Wirakun und Mitar verbracht hast, schon vieles erklärt hat. Woran sieht man das Alter eines Fakun? Hm? Weißt du das, Liebling?"

Unsicher sah Cin zu ihm auf, aber fühlte sich viel zu wundervoll, wieder im sicheren Arm seines Geliebten zu sein, um sich wirklich Gedanken über die Frage zu machen. "Wohl so, wie man es auch bei jedem anderen sieht. Im Gesicht, am Körper... überall."

"Nein, leider sieht man es nur an dem Kopfbuckel. Mein Vater Ter zum Beispiel ist schon über sechzig, er war ziemlich alt, als mein Pascha sich in ihn verliebt hat." Ternekun drehte sich halb zu ihm um und lächelte ihn leicht an. "Xuos Buckel ist fein wie eine Flosse und noch nicht rund. Er ist vielleicht vierzehn oder fünfzehn Jahre alt, Cin. Du wirst für ihn fast wie ein Vater sein."

Cins Augen weiteten sich, dann schoss ihm das Blut derart heftig in die Wangen, dass sich auch noch sein Hals heiß anfühlte. "Vierzehn... oder... Er ist..." Entsetzt erwiderte er Ternekuns Blick. "Er ist noch ein halbes Kind? Ich bin... ich habe... Oh nein!" Er wünschte sich in die finstersten Abgründe der Tiefsee vor Scham. Er war wegen einem Kind eifersüchtiger gewesen als jemals zuvor, hätte wegen eines Kindes beinahe die Liebe seines Lebens aufgegeben! Und da Xuo noch ein Kind war... war sein Verhalten erst recht lächerlich.

"Es tut mir leid", wisperte er und bekam Magengrimmen, auch wenn eine kleine Stimme in ihm erklärte, dass er den Schlangenmann dennoch nicht in einem Zimmer mit Ternekun haben wollte. Dann sah er auf und erklärte hilflos und nicht ganz ernst gemeint: "Du kannst mich aber auch nicht ein einziges Mal davon abhalten, Dummheiten zu machen, oder? Jetzt schulde ich deinem Vater und Xuo eine Entschuldigung. Oh, ist mir das peinlich!"

Ternekun lachte auf. "Na ja, ich glaube, dass sie es so verstanden haben, wie es auch war. Ein Schleierschwanzmann, der die Fakunart nicht gewohnt ist, hat so reagiert, wie er es unter Schleierschwanzmännern getan hätte." Er senkte den Kopf ein wenig und murmelte: "Xuo wird in einer Schule für Schlangentänzer sein, und du wirst mit einigen Lehrern der Fakun ihre Art lernen, Cin. Ter hat das sicherlich schon arrangiert. Ich würde mich freuen, wenn du versuchst zu lernen, mit Schlangen zurecht zu kommen, denn... es ist dir vielleicht nicht bewusst, aber ich bin zur Hälfte Schlangentänzer. In ihren Bewegungen liegen für mich nicht nur ästhetisch schöne Anblicke, sondern in ihnen wird die Geschichte der Fakun erzählt, der Söhne Fas. Ich hätte nicht gedacht, dass du meine Bewunderung für Gams Fähigkeiten mit flachem Interesse an seinem Körper verwechseln könntest. Das ist nicht so, wird nie so sein. Auch bei Xuo nicht."

"Nicht einfach nur Interesse an seinem Körper, sondern Interesse an dem ganzen Mann. Und das war viel schlimmer. Es tut mir so leid, Ternekun." Die Worte seines Wächters machten es nicht besser, sie ließen die Scham in Cin im Gegenteil weiter anwachsen. Nicht nur, dass er vollkommen zu Unrecht eifersüchtig gewesen war, sich deswegen peinlich verhalten und die Szene seines Lebens gemacht hatte, er hatte auch noch durch Unwissenheit und falsche Schlüsse Ternekun verletzt. Betreten starrte er den Boden an, dann sah er entschieden zu Ternekun auf.

"Ich werde mich entschuldigen. Man hat einen Kopf nicht nur zum hübsch aussehen, und ich habe wenig gedacht. Wenn Ter keine Lehrer für mich gefunden hat, dann müssen wir welche suchen. Ich freue mich darauf, über dein Volk lernen zu können, nicht nur, weil ich dann sicherer sein kann, dass ich solche Dummheiten nicht mal bei großen Festen mache." Cin lächelte, reckte sich ein wenig und küsste Ternekun auf die Wange. "Dann kann ich dich vielleicht auch besser verstehen. Und das mit den Schlangen bekomme ich auch hin, wenn dir so viel daran liegt. Versprochen."

Ternekun lachte gemütlich und fühlte sich mit einem Mal wieder rundherum glücklich. Er sah seinem Vater bei ihrer Ankunft an, dass dieser schon wieder irgendwelche Pläne ausheckte, aber zunächst war es ihm egal. Cin kam mit ihm, wollte sich seiner Kultur nicht verschließen, und er wollte sogar lernen, die Schlangen zu respektieren.

Im Gegenzug wollte Ternekun versuchen, ihn nicht zu oft mit der Geheimniskrämerei der Fakun zu verunsichern. Die Fahrt in seine Heimat würde er nutzen, um ihm dafür zu zeigen, wie sehr er seinen Favoriten liebte und wie sehr er seine impulsive Ader mochte, auch wenn sie ihnen das eine oder andere Mal in den Weg geraten war.

Mit einem Lächeln schmiegte er sich am Abend, als sie aus dem Hafen ausliefen, eng an seinen kleinen Favoriten, der noch immer aufgeregt davon erzählte, wie mutig er eine von Xuos giftigen grünen Stegnattern berührt hatte. Sein Vater mochte lästern und keifen, er selber war sich sehr sicher, dass dieser Heiratsmarkt der erfolgreichste Handel seines Lebens gewesen war.


© by Jainoh & Pandorah
 
- Ende -