Charaktere

Ich werde hier keine vollständige Anleitung zum Erstellen von Charakteren geben, dazu sehe ich mich nicht in der Lage. ^_^ Aber vielleicht helfen euch die Tipps und die Art, wie ich es mache, dennoch etwas weiter.

Charaktere sind das Wichtigste an einer Geschichte. Ohne Charaktere kein Garnix. Ohne sie kann man ein Sachbuch schreiben oder vielleicht ein juristisches Werk, aber keinen Roman, keine Kurzgeschichte. Darum nehmt euch Zeit für sie, für ihre Entwicklung, für die Ausgestaltung. Lebt mit ihnen, liebt sie. ^_~

Mein allererster Tipp: Macht euch Notizen!! So banal das klingen mag, ist es doch ungeheuer wichtig. Es mag Genies geben, die auch bei komplizierten Werken auf Seite 395 noch immer die genaue Augenfarbe, Größen auf den Zentimeter genau, das Lieblingsessen jedes der 97 Charaktere im Kopf haben, aber der Großteil der Bevölkerung gehört nicht zu diesen "Kopfkünstlern".

Superman? Bloß nicht! Nichts ist langweiliger als ein Charakter, der immer alles richtig macht, der auf Anhieb die richtige Lösung findet, der jeden Gegner einhändig besiegt und nebenbei seiner Geliebten Blumen pflückt und Gedichte vorträgt. Um zu leben, braucht ein Charakter Fehler. Denn niemand ist perfekt. Es hebt ihn von der Menge ab und macht erst einen wirklich Charakter aus ihm, ebenso wie die tausend kleinen Eigenheiten, die ein Mensch eben so hat und die vielleicht nicht immer so ins Gesamtbild zu passen scheinen. Der Büromensch, der tagsüber immer schnieke in Anzug und Krawatte rumläuft, darauf achtet, dass kein Stäubchen seine Schuhe beschmutzt, hört abends beim Heimkommen vielleicht am liebsten zur Entspannung Techno oder Heavy Metal und als Ausgleich ist der private Schreibtisch im Gegensatz zu dem im Büro ein heilloses Chaos. ^_~

"Bösewichter" sind eine Klasse für sich. Auch mit ihnen sollte man sich sorgfältig auseinander setzen, am besten fast ebenso ausführlich wie mit der Hauptfigur, zumindest, wenn es der Gegenspieler des "Helden", der "Heldin" ist. Was für Motive hat dieser Mensch, dieses Wesen, so zu handeln? Warum tut er es? Was will er erreichen? Auch hier gilt, dass nichts langweiliger ist, als ein einfacher Schurke, der nur macht und tut, weil man eben einen braucht. Gebt ihm Hintergrund und Kleinigkeiten, die ihn dennoch ein wenig sympathischer oder verständlicher werden lassen. Ebenso wie niemand der Helden nur gut und rein ist, ist wohl kein "Bösewicht" nur böse. ^_~

Stereotypen sind dagegen bei Nebenfiguren angebracht. Die typischen Klischeefiguren eben, die nicht viel tun müssen, außer zu existieren. Der Kellner, der Taxifahrer, die Verkäuferin, der Penner auf der Gasse, der Zwerg in der Taverne, der böse Ork. Ihnen sollte man nicht zuviel Beachtung schenken, sonst passiert das, was mir im ersten Teil vom Whispering Wind mit dem Taxifahrer passiert ist. ^^;; Viel zu detailliert für eine absolute Randfigur, die nie wieder auftauchen wird und die eigentlich keine Rolle spielt, außer der, um die Hauptfigur noch ein wenig mehr zu beschreiben und sie vorzuführen.

Ein typischer "Notizzettel" von mir sieht so aus:

Name
und zwar alle, z.B.: Ulrike Tanja Weber (Spitzname: Uli)
Volk: Kommt darauf an. Wenn es in der hiesigen Welt / hiesigen Zeit spielt, ist der Eintrag "Mensch" etwas überflüssig. *g* Aber ob es jetzt eine Elfe, eine Halbelfe oder doch eine ganz andere Rasse war, kann schon hilfreich sein. Besonders, wenn man mit anderen zusammenschreibt und den Charabogen weitergibt.
Beruf: Es lohnt sich immer, sich darüber Gedanken zu machen. ^_^ Auch, warum der Charakter ausgerechnet hier gelandet ist.
Alter: Ja, aufschreiben! Ob der Chara jetzt 2073 oder 2137 ist, hat man manchmal schneller vergessen, als einem lieb sein kann.
Größe: Jupp, auch wichtig. Es mag vielleicht uninteressant sein, ob Ulrike 172 cm oder 177 groß ist, aber wenn dann Melanie auf Seite 122 mit ins Spiel kommt, die 175 cm groß ist, möchte man vielleicht doch noch gerne wissen, ob Ulrike jetzt ein Stück größer oder kleiner ist.
Haare: Alles aufschreiben, was hilft. Nicht nur die Farbe, auch die Frisur, die Länge, die Struktur (glatt, lockig, wellig, franselig, etc.) usw.
Augen: Farbe, Göße, Wimpern, Form usw.
Gesicht: Das Gesicht gehört zu den Dingen, denen wir im normalen Leben recht viel Aufmerksamkeit widmen. Also Zeit nehmen und genau beschreiben, selbst wenn man nicht zwangsläufig alles in den ersten zwei Absätzen einer Geschichte unterbringen muss.
Form (oval, eckig, herzförmig, etc.), Besonderheiten (Narbe auf der linken Wange, Muttermal am Kinn...), Augenbrauen (gerade, geschwungen, dick, dünn, gezupft...), Kinn (energisch, spitz...), Nase (klein, groß, knollig...), Wangenknochen (hoch, breit...), Lippen/Mund (schmollig, schmal, breit...), Ohren (klein, Ohrläppchen eingewachsen, Katzenohren...), Stirn (hoch, tief...), Haaransatz (rund, hoch...)
Haut: Kann interessant und langweilig sein. ^_~ Dunkel, hell, sommersprossig, zart, grobporig, weich, rau, usw.
Statur/Körper: Ist der Charakter zierlich oder kräftig, schmale oder breite Gelenke, sind seine Beine ungewöhnlich lang oder kurz, vielleicht hat er abfallende Schultern oder einen Buckel usw.
Kleidung: Ja, darüber solltet ihr euch Gedanken machen. Ich hab auch schon das ein oder andere Mal vorgeworfen bekommen, ich würde meine Charas nicht "anziehen". ^_~ Muss ja nicht der ganze Kleiderschrank aufgelistet werden, aber Kleidung vertieft das Bild, was man von einem Menschen hat. Ulrike läuft vielleicht nur in Jeans und T-Shirt herum. Oder möglicherweise ist sie auch eine Person, die nur Kostüme trägt. Schon hat man ein anderes Bild.
Hintergrund: Dieser kann natürlich sehr unterschiedlich lang sein. Ist Ulrike fünf, dürfte er recht kurz ausfallen, ist sie jedoch eine über dreitausend Jahre alte Vampirlady, stellt sich das schon anders dar. ^_~
Hier schreibe ich im Grunde genommen alles hin, was ich von der Vorgeschichte des Charakters weiß. Wer sind seine Eltern, hat er Geschwister, wenn ja, wie viele, wie alt, welches Verhältnis hat er zu ihnen, seine Freunde, Schulzeit, einschneidende Kindheits-/Jugenderlebnisse, vielleicht hat er mal gestottert und sich da abgewöhnt viel zu reden. Wann ist die Vampirlady zu einer solchen gemacht worden, wie war das Verhältnis zu dem, der sie verwandelte, gehört sie einem Clan an, wie kam/kommt sie damit zurecht. Hier kann man sich wirklich auslassen. Nichts ist überflüssig, alles hilft, den Chara besser kennen zu lernen.
Charakter: Wie ist unsere Ulrike denn so? Ist sie schüchtern oder ist sie eher temperamentvoll? Wie reagiert sie auf welche Situation? Gibt es Dinge, die sie zur Weißglut treiben, andere, auf die sie mit Panik reagiert?
Sonstiges: Alles, was man für Erwähnenswert findet, was sonst aber keinen Platz hat. ^_~ Lieblingsessen, -schulfächer, -tiere, Hassobjekte. Hobbies. Und so weiter und so fort.
Selbstverständlich kann man noch jeden beliebigen Punkt dazufügen. Möglicherweise Magie, wenn der Charakter Magier ist und eine spezielle Art beherrscht. Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit, und der ein oder andere Punkt mag euch auch überflüssig erscheinen. Jedem, wie ihm beliebt und wie er es braucht.
Und natürlich ist keiner der Punkte Pflicht. Zudem muss man wirklich nicht jede Information in die Geschichte reinnehmen. Vielleicht hat Ulrike ja eine kleine Narbe in der Schulter. Vielleicht interessiert sich jemand dafür. Vielleicht ist sie durch ein traumatisches Erlebnis in der Kindheit entstanden und vielleicht hat Ulrike deswegen jetzt Angst vor Monstern unter dem Schrank. Oder ein Geliebter/eine Geliebte findet es besonders stimmungsvoll, sie dort zu küssen. Vielleicht ist sie jedoch auch vollkommen bedeutungslos, weil sie von einer Impfung stammt, die Geschichte spielt im Winter, Ulrike ist ständig in dicke Pullis und Winterjacken gehüllt und niemand bekommt sie je zu Gesicht. Aber für den Fall, dass man die Narbe braucht, sollte man wissen, dass sie da ist. ^_~