Der rote Faden

Wie ihr euch inspirieren lassen könnt, habe ich ja schon im Kapitel über die Musen erzählt. Dieser Abschnitt der Schreibtipps widmet sich ein wenig dem roten Faden und der Frage, ob man ihn kennen muss.

Außerdem war das Folgende der YaYuCo07-Workshop zum Thema "Von der Kunst, eine interessante und lebendige Geschichte zu erzählen".

Plotmodelle
Ein schlauer Mensch hat mal alle möglichen Geschichten aufgedröselt und sagt, es gibt angeblich nur eine Anzahl von um die 28 Grundplots, z. Bsp.: Liebesgeschichten, Geschichten um Rache, Familie, etc.
Wenn man diese geringe Anzahl anschaut, sieht man, dass es wohl keine Geschichte gibt, die nicht schon einmal erzählt wurde.
Lohnt es sich dann überhaupt noch zu schreiben? Sicher! Wirklich grundlegend Neues gibt es nicht, aber nur du kannst deine Geschichte mit deinen Worten und aus deiner Sicht erzählen. Nur du kannst deine Charaktere auf diese Art leben lassen.

 

Was ist eine Geschichte?

Autor = Weber
- webt Handlung, Figuren und Orte zusammen zu einer stimmigen Geschichte
- muss den roten Faden im Auge behalten

Geschichte = Webstück
- Anfang, Mittelteil, Ende
-- Mittelteil ist die Hauptsache; ein Anfang muss fesseln, ein Ende zufriedenstellen, doch...
Leser interessieren sich nicht so sehr für den Anfang oder das Ende, sondern hauptsächlich für den Weg von A nach B.
-- Sonst könnte man auch kurz zusammenfassen, was geschieht und müsste keinen Roman, keine Geschichte schreiben.
- setzt sich außerdem zusammen aus Handlung, Figuren und Handlungsorten
Was tut wer wo?
Wer tut was wo?

Roter Faden
das, was alles miteinander verbindet
die Leitlinie, um die das Werkstück gewoben wird

Geschichten beinhalten:

Moral, Thema und Prämisse

Kennt man zwei der drei weiß man schon mal recht viel über seine Geschichte.

Moral ist die „Lehre“ oder die „Botschaft“ einer Geschichte, gerne in älteren Romanen verbreitet:
„Verliebe dich nie in einen Säufer.“
Oder: „Glaube an Gott, und alles wird gut.“
- Wird im modernen Roman eher vernachlässigt, mit Misstrauen betrachtet.
- Man will Leser nicht mehr belehren, sondern unterhalten. Ein Leser greift nicht nach einem Buch, um seine Moral zu heben, sondern um in fremde Welten abzutauchen.
- Moral nimmt „seltsame Formen“ an, z.B. „Saufe, und du wirst glücklich“.

Thema ist das, worum es ganz allgemein geht. Wie im Fernsehen in einer Diskussionsrunde um das Thema „Homo-Ehe – ja oder nein?“. Da ist weder eine Botschaft dahinter, noch enthält dieses Thema den roten Faden einer Geschichte. Thema kann alles mögliche sein und beschränkt sich nicht zwangsläufig auf eines pro Geschichte.
Frey definiert das als „in der Literatur immer wiederkehrende Ideen“, als „Aspekte der menschlichen Existenz, die im Laufe des Romans immer wieder auf die Probe gestellt werden“.
In Yaoi-Geschichten finden sich häufig Themen wie „Was ist wahre Liebe?“ oder „Gibt es die wahre Liebe?“
Weitere Beispiele: „Wie verhält man sich, wenn sich der beste Freund in einen verliebt hat?“ oder „Man hat sich in den besten Freund verliebt, wie verhält man sich?“
„Umgang mit Homophobie“ bietet sich ebenso an.
In „Der Weg des Tanzes“ ist ein Thema Freundschaft, ein anderes Liebe zwischen Schwertbrüdern.

Prämisse hingegen ist die „Festlegung dessen, was mit den Figuren als Ergebnis der Handlung einer Geschichte passiert“.
„Die drei kleinen Schweinchen“: Dummheit führt zum Tod, Klugheit führt zu einem vollen Magen.

Ich schätze Frey, bin jedoch kein großer Freund der Prämisse streng nach Frey, aber man kann gut damit arbeiten, wenn man sie ein wenig abwandelt.

    3 Typen von Prämissen
  • Kettenreaktion:
    Beispiel „Willkommen an Bord“: "Den Geliebten totzuglauben, führt zum großen Glück."
    - Den Geliebten totzuglauben, führt zur Verzweiflung, führt zu lebensmüden Taten. Führt zu heldenhaften Siegen, führt dazu, zum Held ernannt zu werden.
    - Führt zu einem eigenen Schiff, führt zu einem Inspektor auf diesem Schiff.
    - Führt dazu, in diesem Inspektor den totgeglaubten Schatz wiederzufinden und mit ihm glücklich zu werden.
    Verkürzung: siehe oben
  • Gegensätzliche Kräfte:
    Liebe siegt über Patriotismus.
  • Situationsbedingt:
    Dies ist die schwierigste Prämisse und zumeist sehr aufgesplittet unter den Figuren.
    - Krieg treibt in den Wahnsinn; Krieg macht bitter; Krieg mach reich.
    - Situation ist der Krieg.
    - Die Prämissen sind für die unterschiedlichen Charaktere.
    - Am besten ist es, die roten Fäden der Charaktere als verschiedene Geschichten zu betrachten.


Mit einer kleinen Abwandlung hat man jedoch den „Roten Faden“. Ich habe einen groben Anfang, meine Charaktere und ein ungefähres Ziel. Außerdem zumeist einen oder zwei Anhaltspunkte, was in der Geschichte geschehen soll. Darum baue ich das Gerüst auf.

Beispiele

Whispering Wind
Anfang: Aurel gewinnt einen Schlüssel und einen Sklaven bei einem Pokerspiel. Aurel ist Spieler, Schmuggler und ein ziemlich heruntergekommener, beziehungsscheuer Mann; der Sklave Amaiis ist ein junger und recht naiver Sklave.
Ziel: Die beiden entkommen glücklich miteinander dem Palast.
Anhaltspunkt: Aurels Vergangenheit spielt eine Rolle in der Geschichte.
Aurels Prämisse könnte sein: Liebe siegt über Wunden aus der Vergangenheit.

Forever’s Kiss
Anfang: Chrys ist in kalter, windiger Herbstnacht auf dem Weg nach Hause; der Vampir Damon erwählt ihn als sein nächstes Abendessen. Als er ihn beißt, ist er jedoch von seinem Opfer fasziniert.
Ziel: Chrys soll glücklich mit seinem Schatz werden.
Anhaltspunkt: Chrys’ Freunde entpuppen sich als Vampirjäger.
Chrys’ Prämisse könnte sein: Von einem Vampir gebissen zu werden, führt zur wahren Liebe.
Daves Prämisse könnte sein: Liebe siegt über Vorurteile.
Damons Prämisse könnte sein: Unerwiderte Liebe führt zu einem friedvollen Tod.

Eine Geschichte kann durchaus mehrere Prämissen haben. Meine haben es.

Wichtig ist nicht, alles durchgeplant zu haben, das kann blockieren – muss aber nicht.
Wichtig ist, den Faden im Auge zu behalten.
Es kann helfen, ein komplettes Plotgerüst zu entwickeln und jeden Schritt aufzuschreiben. Dann kann man auf jeden Fall sicher gehen, dass man vor dem Schreiben alle überflüssigen Elemente eliminiert.

Nötig ist es nicht.

Man sollte sein Ziel vor Augen haben, auch wenn es nur vage ist. Sonst neigt man dazu, sich zu verlieren. Es schreibt sich leichter mit Ziel. Genauso, wie es sich leichter mit Ziel arbeitet. Wenn ich weiß, ich muss verflixte 1000 Briefumschläge kleben, kann ich mir Häppchen einteilen und auf die 1000 hinarbeiten. Weiß ich nur, dass ich „unglaublich viele“ bearbeiten muss, wird das ganze ziemlich unübersichtlich.

Bei der Geschichte ist es jedoch so, dass man wichtige auch nicht mehr von unwichtigen Szenen unterscheiden kann. Wenn ich nicht weiß, dass Aurel und Amaiis glücklich ineinander verliebt entkommen sollen, kann ich nicht darauf hinarbeiten. Dann weiß ich nicht, ob eine Szene, in der Aurel sich seinem Uke entzieht, um zu erkennen, dass er ihn jenseits von Gut und Böse liebt, notwendig oder überflüssig ist.


Woran erkennt man überflüssige Szenen?
Nicht einfach, weil man Szenen lieben kann und nicht sieht, dass sie überflüssig sind.
Ganz einfach daran, dass man sie ohne Konsequenz für die Geschichte aus eben derselben streichen kann.
Erkennungsmerkmale greifen ineinander über – können mehrere pro Szene sein.

  • Eine Szene muss eine Auswirkung auf den Charakter haben: Held verliert einen Arm.
  • Er muss daran wachsen oder sich ändern: Held beobachtet eine tiefe Demütigung eines anderen, greift nicht ein. Kurze Zeit später bringt sich dieser Mensch um. Fortan beschließt der Held, für die Unterdrückten einzustehen.
  • Er muss Entscheidungen treffen, die Auswirkungen haben:
    - Begleite ich meinen Geliebten in die Hauptstadt und schütze ihn vor der Räuberbande, von denen ich weiß, dass sie da lauert?
    - Oder warne ich meinen besten Freund vor dem Mörder, der auf ihn angesetzt ist?
    - Voraussetzung in diesem Falle ist: der Geliebte lässt sich nicht abbringen, weil er zum Beispiel Heiler ist und in der Stadt jemand ohne seine Hilfe sterben würde.
  • Ein Wendepunkt muss herbeigeführt werden.
  • Sie muss wichtige Dinge beschreiben, ohne deren Verständnis man die Geschichte nicht nachvollziehen kann: Wenn der Leser nicht weiß, dass eine zerbrochene Klinge im Reich Gwalimea der verlorenen Ehre und der Ungnade der Götter gleichkommt und eine verlorene Ehre das Aus für jeden Mann ist und ihn zum Ausgestoßenen macht, wird er kaum verstehen können, was es bedeutet, wenn die Hauptfigur Yash einem anderen das Schwert zerbricht.

    Hat man weder eine Auswirkung auf den Charakter, noch wächst oder verändert er sich, noch muss er eine Entscheidung treffen, führt die Szene keinen Wendepunkt herbei und beschreibt keine wichtigen Dinge – muss die Szene gehen.

    Beispiele
    Auswirkung: Chrys wird von Damon gebissen: Die Szene ist essentiell – ohne Biss keine Geschichte. Ohne Biss hätte sich Damon nicht in ihn verliebt. Diese Szene hat eine Auswirkung.
    Entscheidung: Die Vampirjäger wollen Damon mit Chrys als Köder fangen.
    - Chrys ist hin- und hergerissen, ob er den Vampir warnen und sich auf sein Gefühl verlassen soll – und sich damit gegen seine Freunde stellt.
    - Oder ob er ihnen und ihrer größeren Erfahrung mit Vampiren vertraut und glaubt, dass Damon böse ist.
    - Er stellt sich gegen seine Freunde und warnt Damon: Chrys hat eine schwerwiegende Entscheidung getroffen.
    Wendepunkt: Chrys ist bei seiner Freundin Masha, nachdem ihn der Vampir gebissen hat, und sie offenbart ihm, dass sie Vampirjägern angehört. Ein Wendepunkt.
    Zeigen & Wendepunkt: Kurz darauf kommt Dave; Chrys erkennt einen Kunden des kleinen Esoterikladens wieder; auch er ist Vampirjäger. Dave zeigt sich sehr besorgt um Chrys. Ein Wendepunkt – es gibt einen Rivalen für Damon. Gleichzeitig wird gezeigt, dass Dave für Chrys empfindet.

  • Dave und Chrys unterhalten sich auf dem Balkon über Daves Motorrad und darüber, ob Motorräder oder Autos das besser Vehikel zur Fortbewegung sind. Dann gehen sie rein und diskutieren mit den anderen Vampirjägern über die beste Jagdstrategie.
    - Das Gespräch über Motorräder hat keine Auswirkung auf die Geschichte. Man merkt keinen Unterschied, wenn man es löscht. Also muss es gehen. Es wird nichts für die Geschichte wichtiges gezeigt, es ist kein Wendepunkt, es muss keine Entscheidung getroffen werden.
    - Man langweilt sich.


Langeweile ist tabu. Ein absolutes No-Go. Der Charakter darf sich langweilen, der Leser nicht.

Wie erzeugt man Spannung?

Spannung

  • soll im besten Falle Nägelkauen hervorrufen.
  • zu hastigem Lesen mit noch hastigerem Seitenumblättern führen.
  • soll den Leser dazu bringen, sich trotz Meeting in der Firma am nächsten Tag morgens um drei dafür zu entscheiden, nur noch ein halbes Kapitel zu lesen und morgens um fünf feststellen lassen, dass der Wecker in einer halben Stunde klingeln wird.

Braucht man das bei jeder Art von Geschichte? Natürlich! Es muss nicht immer die lebensbedrohliche Spannung sein, doch auch in Liebesgeschichten, in Geschichten über Gartenbau oder über das Tauchen muss sie vorhanden sein. Sonst legt der Leser das Buch beiseite und vergisst es.

Spannung entsteht im Wechsel- und Zusammenspiel von

  • Wendepunkten
  • Konflikten


Wendepunkt
bedeutet, dass sich eine Situation in eine andere Richtung wendet - welch Überraschung.

  • überraschendes Indiz in einem Kriminalfall taucht auf
  • dunkles Geheimnis eines Geliebten wird offenbart
  • ein Riff taucht vor einem Schiff im Sturm auf
  • der alte Ring von Bilbo erweist sich als Der Eine Ring
  • ein Schwarm Haie schwimmt auf die Taucher zu

Wichtig ist, dass der Leser den Wendepunkt sehen und auch einschätzen kann.

  • Befinden sich die Taucher noch auf dem Boot, ist ein heranschwimmender Hai wesentlich weniger beunruhigend, als wenn die Taucher mutterseelenallein im Ozean herumdümpeln und sich ein ganzer Schwarm nähert.
  • Wie gefährlich Der Eine Ring ist, ist auch bekannt.


Die Richtung der Wendung sollte aber natürlich unbekannt sein – sonst wäre die Spannung genommen.

  • Werden die Taucher zum Schiff schwimmen und durch ihre Eile die Haie nervös machen, die andernfalls vielleicht einfach vorbeigeschwommen wären?
  • Werden sie im Wasser bleiben, sich der Gefahr aussetzen und sich notfalls verteidigen?
  • Und was werden die Haie tun? Werden sie überhaupt angreifen?
  • Frodo hat Den Einen Ring, was wird er damit tun?

Wichtig ist auch, die Spannung wieder aufzulösen. Das muss nicht sofort und auf der Stelle geschehen. Ganz und gar nicht. Das kann unter Umständen sogar schädlich sein, wenn man den Leser ans Buch fesseln will.
Gerade beim Spiel mit zwei Handlungssträngen kann man an der spannendsten Stelle zum anderen Handlungsstrang springen und dort weitermachen und einen vorher aufgebauten Bogen lösen. Aber gelöst werden muss die Spannung.

  • Entkommen die Taucher den Haien?
  • Wird einer gefressen? Oder verwundet?
    Wenn einer verwundet wird, hat man schon den nächsten Wendepunkt.
    - Schaffen sie es zum Schiff, bevor die Haie in Blutrausch alle Taucher fressen?
    - Gelingt es den Gefährten, ihren verwundeten Partner mitzuschleppen?
    - Oder wird er gar geopfert, um die anderen in Sicherheit zu bringen?
  • Frodo hingegen entscheidet sich im Endeffekt, den Ring bis nach Rivendell zu bringen.

Der Wendepunkt darf nicht umkehrbar oder unwichtig sein.

  • Wenn die Haie bedrohlich auf unsere Tauchergruppe zuschwimmen, an ihnen vorbei schwimmen und niemals wieder gesehen und erwähnt werden, dann kann man das ganze getrost streichen.
  • Frodo entscheidet sich in Rivendell, den Ring sogar bis Mordor zu schleppen. Ihn dann kurze Zeit später an jemand anderen anzuvertrauen, wäre keine gute Idee gewesen. Frodo muss mit dieser Entscheidung leben.
  • Das Raumschiff crasht auf einem fremden Planeten, Dramatik, Spannung, Vorräte werden schon als knapp angedacht - und in der nächsten Szene kommt ein anderes Schiff vorbei und sammelt die Insassen wieder ein.
  • Die Gefährten bei Herr der Ringe landen in den Minen von Moria und sind dort eingeschlossen. Betrug wäre, wenn ein kleines Erdbeben dann einen Riss öffnet, durch den sie wieder herausschlüpfen könnten.

Das ist Betrug am Leser.
Und das ist gar nicht gut.

 

Konflikt

  • Konflikte entstehen aus den Charakteren.
  • Sie sind das, was Wendepunkte spannend macht. Ohne Charaktere und ihre Konflikte sind die schönsten Wendepunkte langweilig und Banane.
  • Sie entstehen, wann immer Entscheidungen zu treffen sind

Auch diese haben ihre Merkmale:

  • Umfangreich und keine banalen Fragen wie: Esse ich zum Frühstück lieber Rührei oder Marmeladebrot?
    - Bei unseren Tauchern kann es die Frage sein, ob der Held den verwundeten Gefährten rettet oder ihn den Haien überlässt, um das eigene Leben zu retten.
    - Frodo: Nehme ich den Ring und rette die Welt oder überlasse ich das Weltretten lieber denen, die keine kleinen Hobbits sind und kehre zu meinem schönen, gemütlichen und vor allem sicheren Leben zurück?
  • Verständlich: Kann der Leser verstehen, worin der Konflikt besteht?
    - Bei der Haifrage ist es bestimmt verständlich, besonders, wenn der Verwundete ein Freund des Helden ist.
    - Bei Frodo ist der Konflikt auch gut zu verstehen.
    - Aber gerade bei Geschichten, die in anderen Welten oder anderen Kulturen stehen, muss man sichergehen, dass man den Konfliktpunkt im Vorfeld gut dargestellt hat. Ist es nachvollziehbar, warum ein Held an der Frage Ehre oder Leben verzweifelt?
  • Gleich starke Kräfte: Es muss glaubhaft sein, dass die beiden Kräfte ihn gleichermaßen beeinflussen. Die Frage „Koche ich mir jetzt Mittagessen oder rette ich die Welt“ ist nicht geeignet, um einen guten Konflikt zu bringen.
    Bleiben wir bei „Ehre vs. Leben“.
    - Rettet der Held sein Leben, ist seine Ehre dahin, sein Ruf ruiniert, er wird ausgestoßen und kann seine Familie nicht mehr ernähren – aber er kann es zumindest irgendwie versuchen.
    - Stirbt er für die Ehre, hat seine Familie auch keinen Ernährer mehr, aber ihr Ruf ist nicht ruiniert. Vielleicht, oh, vielleicht findet sich ja jemand, der sich ihrer annimmt?
  • Steigerbar: Wenn der Konflikt fortbesteht, muss er sich steigern lassen. Unser Held hat sich für das Leben und seine Familie entschieden:
    - Kann der Held mit seiner ruinierten Ehre leben?
    - Oder wird er daran zugrunde gehen, zum Säufer und vielleicht gar in den Selbstmord getrieben, was seine Familie nicht nur entehrt, sondern entehrt und ohne Ernährer zurücklässt?
    - Ergebnis im Workshop: Frodo hat sich für den Ring entschieden und wird nicht mehr wirklich auf die Probe gestellt, deswegen ist seine Seite der Handlung eher langweilig. Aragorn hingegen darf sich ständig neuen Konflikten stellen.
  • Lösung: Es muss immer eine Lösung geboten werden. Der Held muss sich entscheiden oder an der Frage zugrunde gehen. Aber auch das muss plausibel begründet und ausgeführt werden.
    - Er kann natürlich auch gerettet werden, bevor er in den sinnbildlichen Abgrund stürzt.
  • Frodo wird vor dem Abgrund im wahrsten Sinne des Wortes gerettet, nachdem er die Welt gerettet hat. Die Welt ist für ihn dennoch niemals mehr die selbe.

 

Konflikt Handlungsort / Hauptfigur

Was immer wirkt, ist, die Hauptfigur an einen unvertrauten Ort und in eine unvertraute Situation zu versetzen.
Sie wird gewiss erst einmal Fehler machen und braucht Zeit, um die neuen Regeln zu lernen.
Frodo (Herr der Ringe) findet sich auf einmal in der unvertrauten Wildnis wieder und muss sich mit Verfolgern auseinandersetzen, die ihm ans Leben wollen – ganz gewiss eine unvertraute Situation und ein unvertrauter Ort für den gemütlichen Hobbit.
Aragorn sieht sich der unvertrauten Situation gegenüber, eine Horde hilfloser Hobbits vor den Feinden zu beschützen und an einen sicheren Ort zu bringen.
Boromir findet sich in der ganz unvertrauten Situation wieder, nicht der Anführer der Gefährten zu sein, sondern nur einer von ihnen.


Ein Wort zu Klischees

Klischees sind nicht von Grund auf „böse“ oder „schlecht“. Ich liebe Klischees, Klischees lassen sich herrlich verwenden – solange man nicht übertreibt.
Das klassische Uke/Seme-Verhältnis mit dem zarten, kleinen, unterwürfigen Uke und dem großen, starken, älteren Seme ist ein solches Klischee. Man kann es mögen, man kann es hassen, es existiert. Und man kann es brechen. Wenn der kleine, zarte Uke die Oberhand erhält, seinen Seme verteidigt und ihm das Leben rettet.
Solcherlei Wendungen sind oft überraschend, und Überraschungen sind immer gut – so lange sie nachvollziehbar sind.

In einer bestimmten Situation sind Klischees sogar ziemlich praktisch – bei der Charakterisierung von Nebenfiguren. Da weiß man, mit wem man es zu tun hat, kann als Leser alles gut einschätzen und man vergeudet keine Zeit für nebensächliches. Die Bedienung im Café, der Taxifahrer, der Zeitungsjunge – all diese Leute können Klischees entsprechen.