Sommersonne, Sonnenschein

2.

Das weiße, offene Häuschen mit den grünen Türen vor Toiletten und Duschen war erfreulicherweise um die Uhrzeit recht leer. Markus stellte seinen Beutel auf dem Brett über einem der Waschbecken ab, die in einer langen Reihe angeordnet waren, und sah mehr zufällig als bewusst in den Spiegel.

Fast schon erschrocken starrte er sich an und fragte sich, ob er die Blicke seines Nachbarn wirklich richtig interpretiert hatte. Das Monster mit den roten, ein wenig verquollenen Augen und dem schwarzen Bartschatten auf Wangen, Kinn und Hals konnte unmöglich für irgendjemanden verlockend erscheinen. Wahrscheinlich hatte der Mann einfach Mitleid gehabt und nicht mit ihm geflirtet. Markus warf seinem Spiegelbild noch einen weiteren, dieses Mal ziemlich verärgerten Blick zu, ehe er seinen Rasierapparat auspackte. Dieser Zustand musste eindeutig geändert werden.

Frisch rasiert und geduscht, mit kurzer Bluejeans und einem engen, roten Shirt fühlte Markus sich schon wesentlich mehr wie er selber, als er nur wenig später zu seinem Wagen zurückkehrte. Dennoch war er ein wenig unsicher, als er zu dem graublauen Bus herüber lief.

Im Schatten des kleinen Vordaches waren mittlerweile ein Klapptisch und zwei alte Klappstühle aufgestellt worden, etwas, das Markus vollkommen zu Hause vergessen hatte. Vom langjährigen Gebrauch zerkratztes Plastikgeschirr teilte sich den Platz mit einer Butterschale, einem Glas Honig, einem mit Pflaumenmarmelade und einer Rolle Ziegenkäse, während ihm die Thermoskanne Kaffee zu versprechen schien.

Noch bevor Markus auch nur Hallo sagen konnte, kam der andere Mann gebückt aus dem Wagen, einen Eierbecher in jeder Hand. Er grinste fröhlich. "Mach's dir bequem. Dein Timing ist fast perfekt."

Markus zog den Stuhl zurück und stieß beim Setzen prompt gegen eines Tischbein. Beim Anblick der Schwingungen, in die er den Tisch damit versetzte, dankte er lautlos, dass die Tassen noch nicht gefüllt waren. "Danke noch mal für die Einladung."

"Kein Problem. Ist mir ein Vergnügen."

Markus beobachtete, wie der blonde Mann die Eier abstellte und wieder im Bus verschwand, um nur Momente später mit einem Brotkorb, einer Tüte Milch und einer Zuckerdose aus Plastik zurückzukommen. "Ich bin übrigens Markus."

"Ich bin Dirk." Wider Erwarten gelang es dem anderen, die drei Sachen noch auf dem Tisch unterzubringen, ehe er sich mit der Art vorsichtiger Präzision setzte, die verriet, dass er an die Instabilität des Tisches gewöhnt war. Dann schenkte er duftenden Kaffee ein und wies mit einer kleinen Geste über den Tisch. "Bedien dich einfach, okay?"

Markus nickte, gab sich für den Anfang jedoch erst einmal mit einem Löffel Zucker und einem Schuss Milch zufrieden, um dann nach einem Schluck Kaffee festzustellen, dass Dirk ihn wesentlich stärker kochte, als er jemals gedacht hätte, dass es überhaupt möglich war. Zudem trank der andere ihn offensichtlich auch noch schwarz.

Dirk grinste, als der die Grimasse bemerkte, die Markus zu verstecken versuchte; fast wirkte es ein wenig reumütig, doch seine braungrünen Augen blitzten vergnügt. "Sorry, ich hätte dich warnen sollen. Aber ich brauche das morgens, so schwarz und bitter, dass es dir fast die Hose auszieht."

Markus konnte nicht anders, als das Grinsen zu erwidern, während er das kleine Fast regelrecht bedauerte. Er löffelte mehr Zucker in seine Tasse, füllte die Milch bis zum Tassenrand auf und testete vorsichtig an, ob es jetzt erträglich war. Danach war ihm klar, dass er entweder nur eine Tasse trinken würde oder sich das nächste Mal mehr Milch als Kaffee nehmen musste. Espresso erschien ihm schwach gegen diese nachtschwarze Brühe.

Nachdem sie sich über einige belanglose Themen ausgetauscht hatten, stellte Markus ihm, wie er hoffte nebensächlich, die Frage, die ihn mehr und mehr zu interessieren begann. "Bleibst du länger hier?"

Mit einem Lächeln sah Dirk ihm für einen Moment direkt in die Augen und schickte damit eine ganze Wolke Schmetterlinge durch Markus' Bauch. "Mal sehen", sagte er, und es schien Markus, als würde er seine Stimme bewusst einen Hauch tiefer klingen lassen.

Die Schmetterlinge wurden im Laufe der Zeit nicht weniger, im Gegenteil nahmen sie eher mit jedem Augenblick weiter zu. Dirk war nicht nur auf den ersten Blick attraktiv. Je länger sie sich unterhielten, um so mehr Dinge fand er heraus, die er an ihm mochte. Der andere Mann lachte gern, und Markus machte es Spaß, dieses Lachen hervorzurufen; er genoss die Blicke der lebendigen Augen, die Art wie Dirk den Mund verziehen konnte, seinen ein wenig trockenen Humor und die Art, wie er ihm Tipps zum Umquartieren seines Zeltes gab, ohne im Mindesten herablassend zu wirken. Zudem faszinierte es ihn, wie unverschämt gut der andere aussah, ohne sich stylen, rasieren oder föhnen zu müssen.

Als sie das Frühstück irgendwann für beendet erklärten, hauptsächlich, weil die Butter zu schmelzen begann, stellte Markus überrascht fest, dass es schon Mittag war. Wie Dirk vorausgesagt hatte, war der See um sein Zelt mittlerweile getrocknet.

Dirk brachte die Lebensmittel rasch in den Wagen zurück, ehe sie gemeinsam zu Markus' Platz gingen. Gemeinsam und unter viel Gelächter bauten sie das Zelt ab und an anderer Stelle wieder auf, während Schlafsack, Luftmatratze, Kocher und das Stück grüner Maschenboden auf dem Autodach trockneten.

Markus wischte sich den Schweiß von der Stirn und fühlte sich so staubig und gleichzeitig gut gelaunt wie selten, als sie endlich fertig waren. "Was hältst du von einem ausgiebigen Bad im Meer? Und wenn mein Gasherd noch einsatzfähig ist, koche ich heute Abend als Dankeschön für dich. Ansonsten lade ich dich ins Restaurant ein."

"Nur, weil ich dir ein wenig mit dem Zelt geholfen habe? Das war doch selbstverständlich. Hätte ich es nicht getan, hättest du von jemand anderem Hilfe bekommen. Das ist Camping." Dirk grinste und streckte sich, strich sich die feuchten Haare aus dem Gesicht. "Allerdings sage ich trotzdem nicht nein. Kochen ist nicht meine Stärke. Und wenn es deiner nicht mehr tut, ich habe auch einen Herd."

Markus nickte stumm, als Dirk sich streckte und mit dieser Bewegung erneut das mittlerweile schon vertraute Flattern in seiner Magengrube hervorrief. Er fragte sich, ob die Idee mit dem Meer wirklich eine gute gewesen war.

Dirk war einfach zu attraktiv, und wenn er dann noch eine Badehose tragen würde... /Er hat geflirtet. Ich bin mir sicher. Er wird zumindest keine Dummheiten machen, wenn er herausfindet... herausfinden sollte, dass ich.../

Doch es erwies sich wider Erwarten als sehr unkompliziert. Zwar konnte Markus nicht umhin, den anderen Mann immer wieder anzustarren, denn das Wechselspiel der gebräunten Haut mit den goldenen Haaren auf dem durchtrainierten Körper war einfach nicht geschaffen, um ignoriert zu werden, aber mit Dirk schien es unmöglich zu sein, in peinliche Situationen zu kommen. Stattdessen alberten sie, als wären sie beste Freunde, tobten fast wie Kinder im Wasser. Sie sprachen über Dirks Vorliebe für Fantasy-Rollenspiele und über Gott und die Welt, während sie nebeneinander auf zwei großen Strandlaken lagen, trockneten und wieder zu Atem kamen. Und selbst die Momente, in denen sie schwiegen, waren nicht unangenehm.

Dirk cremte ihm den Rücken ein, und Markus hätte einiges dafür gegeben, die kräftigen, warmen Hände länger zu spüren. Leider nahm Dirk den gleichen Service nicht für sich in Anspruch, da er schon braun genug war, wie er meinte. Nur Sekunden später entschädigte er Markus jedoch mit einem Zwinkern und einem locker hingeworfenen "Was eigentlich schade ist, nicht?"

Als sie schließlich zum Platz zurückkehrten, war es schon nahezu dunkel, und Markus lernte das Innere von Dirks Bus kennen, da er erneut vergessen hatte, Strom zu legen und im Dunkeln nicht kochen konnte. Statt mit der Taschenlampe nach dem Stromkasten und den richtigen Steckern zu suchen, hatte Dirk ihm erneut seinen Herd angeboten, und Markus hatte nur die Vorräte und Gewürze samt Kochgeschirr aus seinem Zelt geholt.

Das Innere des Busses war gemütlich, wenn auch sehr eng. Gegenüber dem kleinen Kocher, unter dem sich ein Kühlschrank befand, stand ein Schrank, an dessen Schiebetür beabsichtigt schief das Poster eines Fantasykriegers geklebt war. Der eigenartige Aufbau, der Markus bereits bei der Ankunft aufgefallen war, beherbergte das Bett, auf das ihm allerdings der Blick durch die zugezogene Luke versperrt wurde. An der Rückseite des Fahrersitzes stapelten sich CDs von Bands wie Iron Maiden und InExtremo.

Da man unmöglich aufrecht stehen konnte, kochte Markus im Sitzen, während Dirk in der winzigen Essecke, die sich im eigentlichen Kofferraum befand, Gemüse schnitt. Markus musste sich ein breites Grinsen verkneifen, als er bemerkte, wie unbeholfen der andere Mann mit den Messern hantierte. Wie wenig weit dessen Stärke im Kochen ging, bekam er schließlich mitgeteilt, als Dirk sich in den Finger schnitt und ihm gestand, dass er sich eigentlich nur Dosenessen auf dem Herd aufwärmte.

Nach einem gemütlichen Essen unter dem sternenklaren Himmel saßen sie noch lange beieinander und tranken Rotwein. Markus hatte nicht die geringste Lust, den Abend enden zu lassen. Er hätte ewig so sitzen können, im Schein eines kleinen Windlichts, um das Insekten tanzten, mit diesem Mann ihm gegenüber, dessen Blicke ihn mehr und mehr unruhig machten und ihm pausenloses Kribbeln durch den gesamten Körper schickten.

Doch als der Wein irgendwann leer war und sie beide wiederholt verhalten gähnten, stand er schließlich auf. Er lächelte auf Dirk herab, der träge zu ihm aufsah, fühlte sich nicht nur von dessen Gegenwart berauscht, sondern spürte auch den Schwindel des Alkohols. "Ich danke dir für den schönen Abend. Aber mein Bett ruft und ist nicht länger zu überhören."

Dirk erhob sich nun ebenfalls, auch ein wenig unsicher, und erwiderte sein Lächeln. "Ich muss mich eher bei dir bedanken, immerhin hast du gekocht." Er trat einen Schritt vor, schien noch etwas sagen zu wollen und blieb dann doch stumm.

Sie standen derart dicht beieinander, dass Markus fast seine Körperwärme zu spüren vermeinte, aber das war vermutlich lediglich seine Einbildung, da ihm in Dirks Nähe immer warm zu sein schien. Eine ganze Weile sahen sie sich lediglich an, ohne einen Laut von sich zu geben, ohne sich zu bewegen, während Markus' Herz immer schneller zu schlagen begann und der Schwindel in ihm zunahm.

Auch im Mondlicht sah der andere Mann deutlich viel zu attraktiv aus, selbst wenn es die Wärme seines Hauttons verschluckte und die Kanten des scharfgeschnittenen Gesichtes weiter hervortreten ließ. Dirks Augen schienen schwarz zu sein in der Nacht, und sie wandten sich nicht von ihm.

Flüchtig fragte Markus sich, ob dem anderen gefiel, was er sah, dieser schlanke, aber kräftige Mann, der ein wenig größer als er war, mit den dunklen Augen und bereits wieder dem Schatten eines Bartes auf den Wangen.

Dann bemerkte er atemlos, dass Dirk die Hand hob, und Markus hätte jeden Eid geschworen, dass der andere ihn berühren, vielleicht sogar küssen wollte. Doch in dem Moment wurden Kinderstimmen laut, die dem Gezischel nach zu urteilen leise zu sein versuchten. Es reichte, um den Zauber zu brechen.

Rasch strich Dirk sich ein wenig unbeholfen mit der erhobenen Hand durch die Haare und trat dann etwas zurück. Markus' Anspannung ließ nach, als er enttäuscht die Lippen zusammenpresste und den Blick abwandte. /Blöde Bälger! Die sollten um die Uhrzeit längst im Bett liegen! Blöde, blöde Bälger!/

"Wir... sehen uns morgen wieder, nehme ich an. Schade, dass der Abend schon vorbei ist." Dirks Stimme ließ ihn aufsehen und die Kinder vergessen. Der andere Mann hatte recht; morgen war auch noch ein Tag, und es war möglicherweise gar nicht so schlecht, wenn sie nichts überstürzten. /Mal davon ab habe ich mich vielleicht ja auch geirrt./

Markus erwiderte das Lächeln, das Dirk ihm schenkte und nickte. "Ja, bis morgen dann." Ehe er noch selber irgendwelche Dummheiten begehen konnte, wandte er sich ab und ging zu seinem Zelt zurück. Doch als er davor in die Hocke ging, konnte er es nicht verhindern, noch einmal zu Dirk zurückzusehen.

Sein Herz machte einen kleinen halb überraschten, halb erfreuten Sprung, als er bemerkte, dass der andere Mann sich nicht von der Stelle gerührt und ihm offensichtlich hinterher geschaut hatte. Es war zu dunkel, als dass er die Miene hätte erkennen können, doch dass Dirk die Hand hob und ihm zuwinkte, war nicht zu übersehen.

Etwas verlegen, aber glücklich winkte er zurück, ehe er schwindlig mehr ins Innere des Zeltes fiel als kroch. Reglos blieb er eine Weile liegen, sah noch immer Dirks grünbraune Augen vor sich, die ihn anlachten, den energischen Mund, hörte seine tiefe Stimme, die aus allem, was er erzählte, etwas ganz Besonderes machte.

Seine Gedanken glitten zum Nachmittag am Strand zurück, und er fühlte erneut die kräftigen Hände auf seinem Rücken, die viel zu kurz nur die Creme verteilt hatten. Dennoch konnte Markus genau sagen, bis wohin Dirk gelangt war, welche Stellen er berührt hatte und welche nicht.

Mit einem leisen Lachen drehte er sich auf den Rücken und starrte blicklos zur Decke empor. "Oh mein Gott", murmelte er, als er wieder die Schmetterlinge in seinem Magen spürte, die so gar nicht zur Ruhe kommen wollten. "Ich bin verliebt... Wie hat er das gemacht? Ein Tag nur, und ich bin verliebt."

Während er sich umzog und anschließend den Schlafsack beiseite schob, sich nur mit einem Zipfel über die Hüfte zudeckte, weil es für mehr zu warm war, versuchte er, sich jeden Moment dieses Tages ins Gedächtnis zurückzurufen und erneut zu erleben. /Und ob er mit mir geflirtet hat! Und dieser Blick beim Abschied...! Oh mein Gott, ich habe noch gar nicht gefragt, wo er herkommt! Hoffentlich nicht zu weit weg. Und wie lange bleibt er? Er hat mir die Frage gar nicht beantwortet. Hat mir nur in die Augen gesehen und.../

Erneut zog das verräterische Prickeln bei dem Gedanken an diesen Blick durch Markus, und mit einem Seufzen schloss er die Augen, um von dem Mann zu träumen, der nur wenige Meter von ihm entfernt und lediglich durch dünne Stoffwände getrennt in seinem Bus lag. Draußen dämmerte es bereits, und die ersten Vögel hatten schon ihr Morgenlied begonnen, bevor er endlich Schlaf fand.

 

Als Markus am nächsten Morgen aufwachte, galt sein erster Gedanke Dirk und dem vergangenen Tag. Ein Lächeln überzog sein Gesicht, als er die braungrünen Augen wieder vor sich sah, und ließ ihn sich gut fühlen. Mit einem Gähnen streckte er sich, während er das Schattenspiel von Blättern und Sonne auf seinem Zeltdach bemerkte.

Dirk hatte Recht gehabt, vormittags hatte er an dieser Stelle, an der das Zelt nun stand, Schatten. Dennoch war es bereits jetzt unerträglich heiß und stickig. Er setzte sich auf und kramte nach der Uhr, die er zu seinem Autoschlüssel in die Seitentasche der Wand gesteckt hatte und riss nach einem kurzen Blick darauf die Augen auf. "Oh mein Gott, schon halb zwölf! Himmel, habe ich lang geschlafen!"

Zugegeben, er war spät ins Bett gekommen und hatte noch viel länger nicht einschlafen können, aber dass es schon fast Mittag war... Kein Wunder, dass es so heiß war! Ein wenig kläglich verzog er das Gesicht, doch dann lachte er und schob den Schlafsack auf die freie Seite der Luftmatratze. Wen kümmerte es, wie lange er schlief? Er hatte Urlaub.

Rasch angelte er nach seiner Kleidung, zog sich an und nahm dann seinen Waschbeutel und ein Handtuch, um den fortgeschrittenen Tag mit einer Dusche und der obligatorischen Rasur zu beginnen. Bart oder auch nur Dreitagebart stand ihm nicht, wie er fand, und seine schwarzen Stoppeln zeichneten sich morgens immer deutlich auf seinen Wangen ab.

Erleichtert atmete er auf, als er aus dem stickigen Zelt kam, und obwohl es sehr warm war, kam ihm die Luft doch viel angenehmer vor. Ob Dirk schon wach war? Bestimmt, er schien ihm nicht wie ein Langschläfer. Ob es ihn störte, wenn...

Der letzte Gedanke wurde abrupt unterbrochen, als sein Blick auf Dirks Stellplatz fiel. Oder den Platz, welcher der von Dirk gewesen war. Der kleine, blaugraue VW-Bus war verschwunden, stattdessen baute dort eine mindestens fünfköpfige Familie vor einem alten, etwas schäbig wirkenden Wohnwagen ein Vorzelt auf.

Markus starrte hin und spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Bittere Enttäuschung kroch in ihm empor und ließ den Tag dunkel werden. Er hatte sich getäuscht. Dirk hatte nicht mit ihm geflirtet. Aber er wohl zu viel mit ihm. Oder Dirk hatte doch beschlossen, dass er nicht sein Typ war. Oder sonst etwas. Auf jeden Fall war er weg. Kein VW-Bus, kein Dirk. Einfach weg. Ohne ein Wort. Und das war das Schlimmste daran.

"Scheiße..." Doch auch ein suchender Blick in die Runde beförderte keinen VW-Bus zu Tage. Dirk war verschwunden. /Na, wenn er einer von der Art ist, ist es nur gut, dass er sich jetzt schon in Luft aufgelöst hat./ Aber der Gedanke half nicht wirklich, und Markus fragte sich, ob es überhaupt möglich war, dass er sich derart in dem anderen Mann getäuscht hatte.

Er atmete durch, presste die Lippen zusammen und marschierte zu den Sanitäranlagen hin. Offensichtlich war es möglich, und er sollte sich davon nicht den Tag vermiesen lassen. Schließlich war er nicht hier, um einen Freund zu finden, sondern um sich zu erholen. Sonne. Meer. Wandern. /Und so weiter.../

Als er sein Gesicht in einem der Spiegel über den Waschbecken erblickte, schnitt er sich eine Grimasse und seufzte leise. "Und was mache ich mit dem angefangenen Tag? Zum Wegfahren ist es zu spät. Strandtage hatte ich jetzt schon beinahe zwei." Mit einem weiteren Seufzen notierte er sich, endlich das Stromkabel zu verlegen und dann für den nächsten Tag eine Wanderstrecke herauszusuchen.

Was er jedoch als erstes tat, kaum dass er zurückgekommen war, war seinen Gasherd vorsichtig zu testen, ob der nach der Wasserattacke noch funktionierte. Zwar hatte er einige Bier- und Coladosen in der Kühltasche, die mittlerweile vermutlich jedoch nicht mehr kühlte, da die Aggregate aufgetaut waren, aber um die Uhrzeit wollte er kein Bier, und auf Cola hatte er auch keine Lust. Kaffee war ihm wesentlich lieber, um endgültig aufzuwachen. Zudem wäre jetzt noch Zeit, den nächsten Campinghandel aufzusuchen und sich mit Händen und Füßen und einem Lexikon verständlich zu machen, um einen neuen zu kaufen. Er konnte sich schließlich nicht wochenlang nur von Baguette oder von Restaurantbesuchen leben.

Doch er hatte Glück. Weder flog ihm der Kocher um die Ohren, noch hatte er seinen Geist aufgegeben, und so saß Markus bald mit einer Tasse guten Kaffees auf einem Handtuch im Schatten der Bäume, seine Karten um sich ausgebreitet und drei Wanderführer aufgeschlagen, um herauszufinden, welche der zahlreichen Routen er sich am folgenden Tag zumuten wollte.


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by Meike "Pandorah" Ludwig