Sommersonne, Sonnenschein

3.

"Na, Langschläfer? Endlich aufgewacht?"

Markus' Herz machte einen kleinen Sprung, als er die Stimme erkannte. Er sah von der Karte auf, nur um Dirk keine vier Meter von sich entfernt zu entdecken, mit verschränkten Armen an die kleine Laterne gelehnt, einem sonnigen Grinsen im Gesicht und einem gut gelaunten Blitzen in den Augen. Er war frisch rasiert, trug statt der ausgefransten, hellblauen eine ebenso ausgefranste, weiße Jeans und statt des ausgeleierten, weißen T-Shirts ein grünes, das jedoch aufregend eng anliegend war.

"Hi!" Markus konnte nicht anders, als das Lächeln zu erwidern, während er sich fragte, wie Dirk es schaffte, mit nur einem Blick den noch immer vorhandenen Groll in seinem Magen in Schmetterlinge zu verwandeln. Vielleicht lag es daran, dass der andere Mann so wirkte, als hätte er ihn schon eine Zeitlang beobachtet, ehe er ihn angesprochen hatte, so wie er dort stand. /Er ist doch nicht weg! Aber sein Platz ist von jemand anderem besetzt. Ist er nur hier, um sich zu verabschieden? Will er gehen?/ Hoffend, dass man ihm seine Sorge nicht ansah, machte er eine kleine Geste zur Thermoskanne hin. "Magst du einen Kaffee?"

"Gerne." Dirk stieß sich von der Laterne ab und kam die wenigen Schritte zu ihm hin. "Planst du eine Reise ans Ende der Welt?", fragte er mit einem leicht belustigten Blick auf die Karten.

Markus lachte. "Nein, ich kann mich nur noch nicht entscheiden." Er stand auf und holte ein zweites Strandlaken und eine weitere Tasse, um beides Dirk zu reichen. "Sorry, mehr kann ich dir nicht anbieten, ich hab die Stühle vergessen."

Mit einem Schmunzeln breitete Dirk das Handtuch nur wenig neben dem von Markus aus, faltete seine langen Beine beim Setzen zusammen und schenkte sich dann Kaffee ein. "Glaub mir, das nächste Mal wird alles besser. Du merkst dir, was schief gelaufen ist, das passiert dir dann nicht mehr - nur tausend andere Kleinigkeiten."

"Na, du machst mir Mut." Markus räumte die Karten zusammen, ehe er sich ebenfalls wieder setzte, sich fragend, ob Dirk das überhaupt als Kaffee durchgehen ließ. Unwillkürlich musste er grinsen.

Dirk fing seinen Blick auf und grinste ebenfalls. "Oh, das geht schon. Vor allem, da ich noch keinen hatte." Er verzog das Gesicht. "Ich habe verschlafen; sie haben mich heute morgen geweckt, weil die Nachfolger auf den Platz wollten. Ich hatte ihn doch nur für zwei Tage. Eigentlich wollte ich ihn verlängern, aber gestern habe ich's vergessen, weil ich erste Hilfe leisten musste." Er zwinkerte Markus zu und trank einen Schluck, schloss für einen Moment genießerisch die Augen. "Ah, ich lebe wieder." Dann seufzte er. "Aber Fakt ist, der komplette Platz ist vollkommen ausgebucht. Keine Chance. Ich stehe im Moment draußen vor dem Gelände auf dem Parkplatz."

Markus dachte nicht einmal nach, ehe er antwortete. "Willst du die Hälfte von meinem? Der ist groß genug, dass auch noch drei Wagen wie deiner drauf passen."

Natürlich weigerte sich Dirk erst einmal, sagte aber schließlich doch sehr offensichtlich begeistert zu. Mit einem möglichst beiläufigen Schulternzucken versuchte Markus zu verbergen, wie sehr er sich freute, sowohl, dass Dirk noch da war, wie auch dass er bleiben würde - und zwar direkt neben ihm. Ein Schmunzeln huschte über sein Gesicht. "Das war doch selbstverständlich. Hätte ich es nicht getan, hättest du von jemand anderem Hilfe bekommen. Das ist Camping."

Schallend lachte Dirk auf, und Markus fiel mit ein. Es tat gut und blies auch den letzten Rest an Unbehagen in ihm weg. Überhaupt war es gut, dass Dirk wieder da war. Und was er als noch viel besser empfand, war die Tatsache, dass der andere Mann nach einem weiteren, neugierigen Blick auf und in die Wanderführer fragte, ob er etwas dagegen hätte, wenn er sich ihm anschließen würde. Markus hätte ihn dafür am liebsten geküsst. Natürlich tat er es nicht, doch auch so schien Dirk mit seiner Antwort sehr zufrieden zu sein.

Nach zwei weiteren Tassen Kaffee, welche die Kanne leerten, machten sie sich auf zur Rezeption, um den Zuzug auf Markus' Platz bekannt zu geben und Dirks Wagen wieder herein zu holen, wobei Markus feststellte, dass auch Dirks Französisch nahezu perfekt zu sein schien. Zumindest unterhielt er sich fließend mit dem Mann hinter dem Tresen.

Der Tag verging wesentlich schneller, als Markus am Morgen gedacht hatte. Sie saßen gemeinsam an Dirks Tisch und diskutierten verschiedene Strecken durch, gingen wieder zusammen baden, ohne jedoch am Strand zu bleiben, weil Markus vom Vortag einen leichten Sonnenbrand hatte. Sie entschieden sich dafür, mit Markus' Wagen zum nahegelegenen Supermarkt zu fahren und luden Markus' Getränkedosenvorräte in Dirks Kühlschrank um. Sie kochten erneut zusammen, dieses Mal in dem kleinen Vorzelt, weil es luftiger war, da man die komplette Vorderfront hochbinden konnte, und das Stromkabel endlich verlegt war.

Als sie schließlich kurz vor Mitternacht in getrennte Betten verschwanden, empfand Markus das schon beinahe als falsch. Er fühlte sich, als würde er Dirk bereits ewig kennen. Schlaflos wälzte er sich auf seiner Matratze herum, dachte an die grünbraunen Augen, an die schönen Lippen und den trainierten Körper, stellte sich vor, was er mit diesem gerne alles tun würde, was er gerne hätte, was Dirks Hände und Mund mit ihm tun sollten und versuchte, das mit seinen eigenen nachzuempfinden.

Es war nicht dasselbe. Zwar erlöste es ihn für einen Moment, als er mit einem erstickten Aufstöhnen kam, doch die Sehnsucht ließ nicht wirklich nach; dennoch gelang es ihm, danach endlich einzuschlafen.

 

Der Morgen begann mit dem Schrillen des Weckers, den er vorsichtshalber gestellt hatte. Als er sich jedoch aus dem Zelt quälte, stellte er fest, dass es nicht wirklich nötig gewesen wäre, denn Dirk war bereits wach. Dafür war die Welt in dichten Nebel gehüllt, Seenebel, wie Dirk erklärte, was Markus zu dem Schluss brachte, dass es eine gute Entscheidung gewesen war, an diesem Tag in die Berge zu fliehen. Nach einer kurzen Dusche und einem ebenso kurzen Frühstück, das zwei getrennte Kannen Kaffee mit sich brachte, fuhren sie los.

Markus genoss die Fahrt, auch wenn sie erst einmal einen Radiosender finden mussten, der ihnen beiden halbwegs zusagte. Mit dem, was Dirk hörte, konnte er sich nicht wirklich anfreunden, umgekehrt war das leider ebenfalls der Fall. Seine Vorliebe für Jazz rief bei Dirk nur ein verständnisloses "Und das magst du wirklich?" hervor.

Nach zweistündiger Fahrt über kleine und kleinste Straßen durch das wildzerklüftete Massiv der Pyrenäen erreichten sie endlich ihr Ziel. Auf dem winzigen Parkplatz, den noch zwei weitere Autos gefunden hatten, wechselten sie von Straßen- auf Wanderschuhe, und Markus holte seinen Rucksack aus dem Kofferraum, der neben ein paar Äpfeln und Brot zwei Wasserflaschen, die Karte der Gegend und den Wanderführer enthielt.

Der erste Anstieg, der direkt vom Parkplatz zum ausgewiesenen Weg empor führte, war endlos steil und wand sich in Zickzackkurven die Bergflanke hoch. Dennoch gefiel er Markus, auch wenn er bereits nach wenigen Minuten schweißüberströmt und außer Atem war. Wann immer er stehen blieb und die Augen vom unebenen Boden löste, hatte er einen wunderschönen Blick über die angrenzenden Berge, zerklüftete Felsen und den Bach, der sich neben der Straße entlang schlängelte. Was er mit einer gewissen Erleichterung feststellte, war, dass es Dirk auch nicht besser ging. Der andere Mann schwitzte ebenfalls, und sein Gesicht war rot von der Anstrengung, was ihn, wie Markus fand, durchaus nicht weniger attraktiv werden ließ.

Als sie den obersten Punkt erreicht hatten, machten sie kurz Rast, auch wenn kaum eine halbe Stunde vergangen war. Nebeneinander an die Felswand gelehnt, vor sich Baumwipfel und Sträucher, tranken sie Wasser und ließen sich etwas Zeit, um wieder zu Atem zu kommen.

Der weiterführende Weg war angenehmer, er verlief am oberen Rand der Schlucht entlang beinahe parallel zu ihr und bot einen atemberaubenden Ausblick. Als Markus nahe an den Rand trat, konnte er bis auf den weit unten liegenden Gebirgsbach sehen, der sich dort sein Bett gegraben hatte, schäumend über Felsbrocken schoss und zwischendurch kleine, türkisgrüne Teiche bildete, die zum Baden einluden. Doch Markus wusste, wie eisig das Wasser sein musste.

"Bist du verrückt? Komm sofort von dem Abgrund zurück!" Dirks Hand schloss sich regelrecht schmerzhaft um seinen Oberarm, als der andere Mann ihn mit Schwung von der Kante und an die Felswand zurückzerrte.

Überrascht und verärgert zugleich befreite sich Markus. So dicht war es nun wirklich nicht gewesen, und er wusste eindeutig selber, wie viel er sich zutrauen konnte. Es war ja nicht das erste Mal, dass er so etwas machte. Zudem war das kein Grund, ihn in so scharfem Ton anzuschnauzen. "Aber sonst geht's dir noch gut, ja? Du bist doch nicht mein Kindermädchen!"

Für ein paar Sekunden starrten sie sich in die Augen, dann wandte Markus sich mit einem Schnauben ab, um weiterzugehen. /Was war denn das für eine blöde Aktion? Meint er, auf mich aufpassen zu müssen? Wer bin ich denn!/

Doch die schöne Landschaft ließ ihn den Ärger schnell vergessen, zumal der Weg sich immer weiter in den Felsen hineingrub, bis er nur noch eine waagrechte Kerbe war, die sie entlang liefen. Dort, wo er schmaler zu werden begann, war ein Stahlseil seitlich befestigt worden, um Wanderern Sicherheit zu geben, selbst wenn es, wie Markus fand, mehr der Beruhigung diente, denn der Pfad war nach wie vor breit genug, dass man ohne Halt laufen konnte.

Zumindest dachte er das, bis er Dirks Stimme hörte, die seinen Namen rief, leise, unsicher und gar nicht mehr nach dem selbstsicheren Mann klingend, den er kennen gelernt hatte. Verwirrt drehte Markus sich zu ihm um.

Dirk stand an die Felswand gelehnt, als wollte er mit ihr verschmelzen, beide Hände um das Seil geklammert, die Augen geschlossen, und rührte sich nicht. Er war derart weiß im Gesicht, dass Markus mit einem Mal Angst bekam, er könnte ihm auf der Stelle bewusstlos werden. Erschrocken lief er zurück, griff nach ihm, um ihn im Notfall halten zu können, und stellte fest, dass der andere Mann zitterte. "Dirk, was ist? Ist dir schlecht? Hast du Kreislaufprobleme?"

Dirk atmete ein paar Mal tief durch, ehe er die Augen wieder öffnete und Markus ansah. "Ich... kann nicht... weiter", brachte er gepresst hervor, und Markus begriff, dass er Angst hatte. /Höhenangst, mein Gott. Was für ein süßer Volltrottel!/ Doch er sagte es nicht. Stattdessen lockerte er den Griff um Dirks Arm und legte ihm die Hand auf die Taille.

"Okay, keine Angst. Ich bin bei dir. Dreh dich um, das Gesicht zur Felswand. Ich bin da." Er bemühte sich, Ruhe und Kraft in seine Stimme zu legen und diese auf Dirk überfließen zu lassen, während er weitersprach. "Ich halte dich, keine Sorge. Wir kehren jetzt einfach wieder um, das ist gar kein Problem."

Markus war froh, dass sie auf dem engeren Pfad noch nicht allzu weit gekommen waren, während sie sich schrittchenweise zurücktasteten. Leise, aber ununterbrochen redete er auf den anderen Mann ein, da er das deutliche Gefühl hatte, dass dieser sich dabei entspannte. Mit ein wenig Schuldbewusstsein stellte er jedoch fest, dass er die Situation gar nicht so schlimm fand. Immerhin gab es ihm die Gelegenheit, Dirk nahe zu sein, ihn sogar anfassen zu dürfen.

Dennoch atmete er erleichtert auf, als sie die Stelle erreichten, an welcher der Weg wieder breiter wurde. Er lenkte Dirk zu einem etwas hervorstehenden Felsen und brachte ihn dazu, sich hinzusetzen, ließ sich dann aufatmend neben ihn niedersinken. Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander, während Dirks Gesichtsfarbe sich langsam wieder normalisierte und sein Atem sich beruhigte.

"Geht es wieder?", fragte Markus schließlich.

Dirk nickte nur, sah ihn aber nicht an. Sein Gesicht war ausdruckslos, und Markus überlegte, ob es ihm peinlich war. Ihm wäre es das mit Sicherheit gewesen, vermutlich hätte er sich dafür in Grund und Boden geschämt. Doch von der anderen Seite aus betrachtet, fand er es nicht schlimm. Es gab keinen Grund, sich in tiefste Verlegenheit zu stürzen, und...

"Tut mir leid", unterbrach Dirks dunkle Stimme seine Gedankengänge, noch immer schaute der andere Mann nicht auf. "Ich hätte dir vielleicht besser vorher gesagt, dass ich Höhenangst habe. Aber ich dachte, es würde gehen... Ging offensichtlich nicht. Danke."

Markus setzte den Rucksack ab, zog ihn auf den Schoß und kramte die angebrochene Wasserflasche hervor, um ein paar Schluck zu trinken und sie dann an Dirk weiterzureichen. "Ist kein Problem." Unwillkürlich musste er lächeln, als er daran dachte, wie Dirk ihn angefahren hatte, weil er in die Schlucht geschaut hatte. "Deswegen bist du vorhin auch so ausgetickt, nicht?"

Reumütig nickte Dirk und starrte auf seine Finger. "Tut mir leid", wiederholte er noch einmal, dann sah er doch endlich auf und grinste Markus schief an. "Ich bin ein Idiot. Lass dir von mir die Wanderung nicht verderben. Du hättest sie auch ohne mich gemacht, nicht? Also wandere, so lange du magst. Ich werde einfach beim Auto bleiben, die Füße in den Bach halten und ein wenig Radio hören, hm?"

Das also war es. Er hatte Angst, ihm den Tag zu verderben. Markus konnte nicht anders, als ihn dafür regelrecht niedlich zu finden, auch wenn dieses Wort nicht wirklich zu dem durchtrainierten, großen Mann passen wollte. Sein Lächeln vertiefte sich noch, als er ihm einen kleinen, freundschaftlichen Stoß in die Seite gab. "Spinner. Ich werde dich doch nicht stundenlang warten lassen. Wir planen einfach um. Wenn ich mich recht entsinne, gibt es hier eine Tropfsteinhöhle ganz in der Nähe."

"Du bist dir darüber im Klaren, dass Tropfsteinhöhlen die Tendenz haben, kalt zu sein?", fragte Dirk, während Markus bereits den Führer herausgeholt hatte und nach der Höhle suchte. "Wir sind nicht gerade ausgerüstet dafür."

Markus hob den Kopf, um sich direkt in Dirks Augen zu verlieren. Er konnte den Blick nicht lesen, doch unvermittelt kehrte das nervöse, angenehme Flattern in seine Magengrube zurück. /Könntest du mich nicht bitte einfach küssen?/, dachte er, um jedoch lediglich laut zu sagen "Ich habe im Kofferraum noch eine Jacke, wir können uns abwechseln. Das wird schon gehen."

Dirk lächelte. "Danke", antwortete er leise, nur um Markus' Magen sofort darauf einen Salto schlagen zu lassen, als er kurz seine Hand umfing und sie drückte.

"Keine Ursache..." Rasch wandte Markus sich wieder dem Führer zu, in der Hoffnung, dass Dirk seine Verlegenheit nicht bemerkte. /Du bist schizophren. Einerseits willst du etwas von ihm, andererseits benimmst du dich wie ein Teenager. Was hältst du von ein wenig mehr erwachsenem Verhalten? Ist ja schließlich nicht so, dass du glaubst, er sei vollkommen abgeneigt, nicht wahr?/

Aber gerade, als er sich wieder zu ihm umgedreht hatte, erneut in den braungrünen Augen versinkend, kam ein kläffender Hund um die Ecke gejagt, und dichtauf folgte natürlich eine Gruppe Wanderer. Markus seufzte lautlos, doch er nickte ihnen zu, anstelle sie mit Blicken zu erdolchen, und grüßte ebenso freundlich zurück, wie sie gegrüßt wurden.

Noch bevor sie wieder aus dem Sichtfeld waren, hatte er die gesuchte Stelle in dem Büchlein entdeckt und herausgefunden, dass die Höhle wirklich lediglich fünfzehn Kilometer entfernt war. Die Bilder versprachen ein beeindruckendes Erlebnis, was der Text zusätzlich anpries, und so befanden sie sich bald darauf auf dem Rückweg zum Auto.

Als sie eine halbe Stunde später auf den ausgeschilderten Parkplatz vor der Höhle einbogen, mussten sie feststellen, dass die Gegend wesentlich touristenüberlaufener war. Geduldig reihten sie sich in die Schlange vor der Kasse ein, um zwei Karten zu erstehen, und ließen sich dann mit der restlichen Herde von einer Führerin abholen, die derart schnell irgendwelche Fakten von sich sprudelte, dass nicht einmal Dirk etwas verstand. Zudem schien es die erklärte Absicht der jungen Frau zu sein, sie im Galopp durch die Gänge und natürlichen Hallen zu jagen. Dirk und Markus fielen langsam zurück, um sich die atemberaubenden Steingebilde in Ruhe ansehen zu können.

Bald merkte Markus, dass Dirk nicht unbedingt Unrecht gehabt hatte, als er seine Einwände hervor gebracht hatte, und er begann, sich nach der Jacke zu sehnen, die er dem anderen Mann überlassen hatte, mit der scherzhaften Bemerkung, dass dieser sich erst einmal erholen sollte. Die feuchtkalte Luft überzog seine Arme mit Gänsehaut, die nicht so leicht wie sein Frösteln zu verstecken war.

"Hm, sieht so aus, als wäre die Zeit für einen Wechsel gekommen." Dirk grinste und entledigte sich der Jacke, doch anstatt sie ihm zu reichen, hielt er sie ihm hin, um ihm hineinzuhelfen. Markus zögerte nur kurz, dann erwiderte er das Grinsen und ging auf das Spiel ein. "Ah, der Herr ist ein Kavalier geworden."

Es war angenehm, Dirks Wärme zu spüren, die ihn umfing, kaum dass seine nackten Arme bedeckt waren, ebenso angenehm, wie in Dirks Geruch gehüllt zu werden, der ihm leises Magenkribbeln bescherte. Er drehte sich zu dem anderen Mann zurück, noch ehe dieser ihn losgelassen hatte, um seinen Blick erwidern zu können.

"Hm... vielleicht." Dirk lachte leise, machte jedoch auch keine Anstalten zurückzutreten, nachdem er die Kapuze zurechtgezogen hatte. "Vielleicht aber auch nicht." Stattdessen ließ er seine Hände von Markus' Schultern die Oberarme hinabstreichen, ganz langsam und keinesfalls zufällig.

Markus' Herz begann schneller zu schlagen, während in seinem Bauch ganze Kohorten von Schmetterlingen zum Ausschwärmen antraten. Mit einem Mal war jede Kälte verflogen. Ihm war sehr bewusst, dass sie in dem durch blasse Lampen erleuchteten Gang ganz allein waren, und nur noch aus der Ferne die Stimmen ihrer Gruppe zu ihnen drangen, verzerrt und hallend. "Hm, und wenn der Herr das nicht ist? Was für..."

"Messieurs?" Die harsche Stimme eines Mannes unterbrach sie. Markus presste die Lippen zusammen und schloss für einen Moment die Augen, während er spürte, dass sich der Griff um seine Arme festigte. Er hörte Dirk tief durchatmen, dann ließ der andere von ihm ab.

Dirk wechselte ein paar rasche Worte mit dem kleinen Mann, der durch seine Uniform als zum Dienstpersonal gehörig zu erkennen war, dann nickte er und wandte sich mit einem leicht verkniffenen Gesicht Markus zu. "Er meint, wir sollten machen, dass wir unsere Gruppe wieder einholen. Die nächste Herde wird gleich durchgetrieben."

Verdutzt blinzelte Markus und vergaß fast, dass er eigentlich ziemlich sauer auf das Männchen war. "Das hat er gesagt?"

Dirk musste lachen und zog ihn nach ein paar scheuchenden Handbewegungen des Mannes mit und der Gruppe hinterher. "Nicht ganz genau, aber dem Sinn nach. Der Wortlaut an sich war meine Übersetzung."

Sehr schnell hatten sie die anderen leider wieder eingeholt, verfolgt von dem misstrauischen Wachtmann, der offensichtlich sichergehen wollte, dass sie nicht lediglich eine Ecke weiter erneut stehen blieben. Dirk warf ihm einen Blick zu, als sie sich wieder brav den anderen Touristen zugesellten, und lächelte Markus entwaffnend an. "Langsam bekomme ich Mordgelüste."

Nur mit Mühe konnte Markus verhindern loszuprusten und damit die Aufmerksamkeit aller auf sich zu lenken. Ein leises Kichern konnte er aber nicht verhindern, als er nickte. Wirklich ärgerlich konnte er dennoch nicht mehr sein. Stattdessen war ihm, als würde trotz des Dämmerlichts um sie herum die Sonne scheinen. Viel sicherer, dass Dirk auch von ihm etwas wollte, konnte er eigentlich nicht mehr sein. Und das fühlte sich wundervoll an.


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by Meike "Pandorah" Ludwig