Sonntag 2.2

1.

Arlin stapelte die mattsilbernen Obstcontainer ordentlich aufeinander in die Lagerhalle. Hier befanden sich schon etliche der beschilderten Containerstapel, die am nächsten Morgen mit dem angekündigten Frachtschiff abtransportiert werden würden. Die Ernte fiel immer erträglicher aus. Arlin hatte nun den Bogen raus, wie er anerkennend bemerkte und lobte sich auf dem Weg in seine Wohnung auch gleich selber dafür, da niemand sonst es tun würde.

Er war nun schon seit einigen Jahren allein auf dieser Raumstation eingesetzt. Gut, nicht gänzlich ausschließlich allein. Da waren die Milchkühe und Schafe in Oktaeder vierzehn, die nun seit einem halben Jahr auch noch von Hühnern begleitet wurden. Der Fischteich in Oktaeder zehn war da mit den Forellen und natürlich waren da die vielen Pflanzen. Die kleinen Felder mit Mais und Reis, die mediterranen Oktaeder mit den Gemüsefeldern und in den südlichen Oktaedern die tropischen Bananenstauden, dort bekam er seine Mangos, Papayas, Ananas und viele weitere Südfrüchte her.

Kein erdfremdes Obst und Gemüse war erlaubt, auch wenn Arlin sich einige Sträucher mit süßem Obst der Kemjasheri'i hatte liefern lassen, weil er sie selber gern mochte.

Zu schaffen war seine Arbeit in den Feldern und Gärten nur, weil eine kleine Herde nimmermüder Droiden ihm half. Doch nun brach der Wintermonat an, der eine Monat, in dem die Oktaeder ihre Energie nicht über die Sonne bekommen würden, da sich der Schatten des nächsten toten Planeten zwischen sie schob.

Ansonsten herrschte in den Oktaedern vierzehn Monate lang immer dasselbe Wetter; für elf Stunden schien die Sonne, eine Bewässerungsanlage beregnete alle für die dunklen Stunden, wenn sich die Oktaeder auf der sonnenabgewendeten Seite befanden, dann schien sie wieder für elf Stunden. In den tropischen Oktaedern wurde es um die dreißig Grad warm. Dank der ausgeklügelten Technik blieb die Luftfeuchtigkeit den ganzen Tag über bei siebzig Prozent, in den mediterranen Oktaedern wurde es siebenundzwanzig Grad warm und deutlich trockener. All das war mit der Energie der Sonne möglich.

Arlin wanderte zu dem zentralen Oktaeder, in dem die Technik, mit der alles kontrolliert und überwacht wurde, gelegen war und warf über die Kameras, die sich dezent in die Landschaften einfügten, einen letzten Rundumblick in jeden der Oktaeder.

Die Kühe wurden gerade gemolken, darum kümmerten sich die Droiden, die Hühnereier würde er am Morgen noch einsammeln müssen, sie sollten auf jeden Fall ebenso auf dem Schiff mitfahren. Er würde einen guten Gewinn damit erzielen. Als letztes warf er einen Blick in die Zimmer seiner Wohnung und seufzte. Essen kochen, ein wenig lesen noch, dann in das riesenhafte Bett gehen. Eigentlich hatte er keine große Lust, aber wofür sollte er aufbleiben?

Nachdenklich warf er einen Blick auf die Post der letzten Monate. Ausschließlich nette Botschaften von dem Personal der Fähren und der Frachtschiffe, die sich alle auf einen kleinen Zwischenstopp bei Arlin freuten, oder ihm für die Gastfreundschaft dankten. Davon lebte er.

Weit draußen, auf dem äußersten Ring der erforschten Galaxie gab es keinen anderen Planeten, auf dem Gemüse- und Obstanbau möglich war. Arlin nahm nicht gerade günstige Preise, aber er konnte es sich erlauben. Niemand machte ihm Konkurrenz, und er musste es auch tun, denn die Ritter der Sonne finanzierten ihre damals so stolz eingeweihte neue Station für eine aufkommende neue Ritterschaft nicht mehr.

Nachdem er zehn Jahre auf der Station gelebt hatte, war eines Morgens die Zahlung für Nahrungsmittel, Kleidung und Reparaturen ausgeblieben. Arlin hatte sich zwar nie wirklich darauf verlassen müssen, aber als kurze Zeit später der Kompressor für einen Erntedroiden ausfiel, spürte er doch merklich, dass eine bessere Einnahmequelle nötig war.

Als er sein zwanzigstes Jahr auf der Station begann, lebte er nicht nur von den Einnahmen, er lebte auch ausgesprochen gut davon. Nur eines störte ihn und machte ihn traurig. Seine Einsamkeit. Die Besucher blieben alle nicht. Sie kauften ein, verkauften oder reparierten, sie erzählten und sie fragten nach den Erzählungen der anderen und blieben nur eine oder zwei Nächte in seinem Dock, um ihre Maschinen mit dem starken Sonnenlicht aufladen zu können. Keiner war bereit, in der Einsamkeit der Station mit Arlin zu leben.

Aus diesem Grund hatte er seine Petition an die Ritter der Sonne geschrieben und um eine Partnerin oder einen Partner gebeten. Die Gesetze des Ordens waren streng, einen männlichen Partner würden sie ihm nicht erlauben, weswegen Arlin sich beeilt hatte zu versichern, dass es wegen der schweren Arbeit war, die er allein nicht schaffte.

Arlin seufzte und rieb sich die Augen. Schwere Arbeit war sein letzte Problem, seit er sich von seinen Gewinnen die neuen Droiden hatte zulegen können. Sein Problem war, dass er niemanden hatte, der ihn mal hinter den Ohren kraulte, niemanden, der sein Fell am Rücken glänzend bürstete, der ihn in den Arm nahm, wenn er in Stimmungen wie diese geriet.

Ein letzter Blick zu den noch leeren Oktaedern, in denen eigentlich die Wohnungen der anderen Mitglieder des Ordens entstehen sollten, die nun aber noch brach lagen, weil niemand an den äußeren Gürtel wollte, dann fuhr Arlin die Schirme der Abwehr hoch und den Kälteschirm ebenfalls. Er verriegelte alle Tore und ging die Lichter hinter sich löschend in seine Wohnung.

Neun geräumige Zimmer, jedes mittlerweile ganz nach seinem Geschmack eingerichtet, zumeist angepasst an das mediterrane Klima, in dem er lebte. Er kochte ein kleines Essen aus frischen Tomaten mit Kräutern und gönnte sich dazu einen Fisch und Wein, damit ließ er sich auf seiner Terrasse nieder und las seufzend, ab und zu ein wenig essend, das letzte Kapitel in seinem Buch.

Der Frachter, der ihm für den nächsten Tag angekündigt worden war, würde auch Bücher mitbringen, das freute Arlin. Er hatte seine Lektüre schon mehr als zerlesen. Da seine Nächte stets ebenfalls elf dunkle Stunden lang waren, ließ er sich Zeit mit der Fellpflege. Er schlief in der Mittagshitze immer ein wenig und brauchte in der Nacht nicht so viel Schlaf. Gemütlich striegelte er seinen rot weiß geringelten Katzenschwanz noch auf Hochglanz, um die Besucher am anderen Morgen beeindrucken zu können. Schließlich legte er sich in sein viel zu großes Bett und blickte eine ganze Weile noch aus dem Panoramafenster in die statischen Nebel hinaus, die diesen Teil des Alls so tückisch machten.

 

Das leise Schnarren, als die Ladeklappen des Raumfrachters geöffnet wurden, riss Faye aus seinem Dämmerschlaf. Nicht, dass er müde gewesen wäre, aber in der Dunkelheit inmitten der schweren Kisten gab es wenig zu tun. Vor Stunden schon war die Erschütterung durch den Schiffsrumpf gegangen, als sie gelandet waren, doch dann war erst einmal gar nichts passiert. Es konnte Faye eigentlich nur recht sein, je länger die Fahrt dauerte, um so weiter führte sie ihn von dort weg, wo er gestartet war. Das Endziel war ein Planet in einem anderen Sonnensystem, aber er hatte keine Ahnung, wie lange es brauchte, um ihn zu erreichen.

Doch dies war offensichtlich kein einfacher Zwischenstop, um Energie zu tanken, sondern ein Punkt, um Ware loszuwerden. Der Raum wurde mit Licht geflutet, die raue Stimme eines Piloten gab Anweisungen, dann konnte Faye hören, wie die ersten Kisten verladen wurden. Vorsichtig lugte er um die Ecke und erhaschte einen Blick auf einen Verladekran und mehrere Androiden, die emsig Halteseile befestigten und kleinere Pakete nach draußen brachten. Sie arbeiteten zügig und näherten sich immer weiter seinem kleinen Versteck in der Nische zwischen unordentlich verpackten Maschinenteilen. Mit genau diesem war er auch ungesehen an Bord gekommen, aber eigentlich hatte er noch nicht vor, den Raumfrachter bereits wieder zu verlassen.

Lautlos richtete er sich auf und sah nach hinten, um das erste Mal seit Wochen einen Überblick über die Ladung zu bekommen, in der Hoffnung, dass sich ihm auf die Schnelle ein weiteres Versteck anbieten würde. Als er jedoch harte, mechanische Schritte hörte, ließ er sich rasch wieder zurück zwischen die Metallstücke gleiten und zog die dreckige Decke über sich, die eigentlich als Abpolsterung diente.

/Egal, wenn ich nicht mehr zurück ins Schiff komme, hänge ich hier ein paar Tage fest und reise mit dem nächsten weiter./ Er hörte die Androiden stumm arbeiten, dann das Surren des näherkommen Krans, und nur Augenblicke später begann der Untergrund zu schwanken, als er mitsamt der Maschinenteile hochgehoben wurde. Mit einer Erschütterung wurde er wenig später abgestellt, doch um ihn herum herrschte immer noch reges Treiben. Faye rührte sich lieber nicht.

Die betriebsamen Geräusche hielt eine ganze Weile an, ehe es nach und nach leiser wurde. Stumm fluchte er, als er schließlich hörte, dass die Ladeklappe mit dem charakteristischen Schnarren wieder geschlossen wurde. Vorsichtig hob er seine Decke an und lugte unter dem Spalt nach draußen. Die Droiden waren nicht mehr zu sehen, dafür stand der Pilot des Frachters bei einem kleinen, weißroten Katzenmann, der unter den elektronischen Frachtbrief seine Unterschrift setzte und das kleine Gerät dann zurückgab. Der Pilot befestigte es an seinem Gürtel, dann hob er grüßend die Hand. "Bis nächstes Jahr dann, Arlin!"

Gemeinsam gingen sie nach vorne und verschwanden aus Fayes Sicht. Rasch suchte Faye die zerschrammte Außenhülle des Frachters mit Blicken ab, um herauszufinden, ob die Chance bestand, wieder an Bord zu kommen, als sich die Kuppel der Lagerhalle über ihnen öffnete und die kleinen Antriebe gestartet wurden. Faye fluchte erneut, dann beschloss er, zumindest die Gunst der Stunde zu nutzen, dass er allein war und aus seinem Versteck zu kommen, um in einen belebteren Teil des Raumhafens zu gelangen, wo er untertauchen konnte. Er zerrte seine fellgefütterte Jeansjacke aus einer Ritze hervor, dann sprang er von der Kiste hinab. Das grüne Kapuzensweatshirt zurechtziehend versuchte er, den Eindruck herzustellen, dass er nicht Ewigkeiten darin verbracht hatte und erzielte damit seiner Meinung nach sogar Erfolge. Immerhin war er weder durchgeschwitzt, noch roch er, als hätte er wochenlang nicht geduscht. Das war ein Vorteil davon, kein Mensch zu sein.

Unter dem Dröhnen des startenden Raumfrachters, das jedes verdächtige Geräusch übertönte, machte er sich daran, den Ausgang aus der Lagerhalle zu finden.

Arlin lachte noch immer über einen Witz, den der Pilot gemacht hatte, ein neckender Vorschlag, ihm den neusten Katalog aus dem Labor von LeRoux mitzubringen, weil da heiße Miezen drin wären. Dann hatte der Pilot ihm noch augenzwinkernd gesagt, dass er eine ganz besondere Fracht mitgebracht hätte, weswegen Arlin ganz neugierig auf den Inhalt der Cargoboxen geworden war. Ohnehin würde das Auspacken und in Betrieb nehmen der neuen Droiden ihn herrliche vier oder fünf Monate beschäftigen.

Er warf einen letzten Blick, bevor er sich für den Tag in seine Wohnung zurückziehen wollte, aber er erstarrte, als die Kamera drei Strich siebzehn eine Bewegung einfing und ihrem Programm gemäß sofort folgte. Ein hochgewachsener Mann mit weißem Haar und recht mitgenommener Kleidung sah sich suchend um und ging dann an den leeren Cargoboxen vorüber, die Arlin noch mit Obst füllen musste.

/Besondere Ladung! Das ist er! Er ist mir geschickt worden, weil ich so allein bin! Der Orden hat mir endlich... oh, wie ein Sonnenritter sieht er wirklich aus!/ Hastig rannte Arlin zum großen Tor zurück und wartete ungeduldig trippelnd ab, bis der Code akzeptiert wurde und sich der Weg zum Lager öffnete.

Er stürzte in die Halle und rief atemlos, noch während er an den Sicherheitskontrollen vorbeiging, nach dem Gast. "Ich bin hier! Du musst hierher kommen!" Fröhlich winkte er dem Mann zu, als dieser sich nach ihm umdrehte. "Meine Güte! So ein Glück, dass ich noch einmal auf den Sicherheitsmonitor gesehen habe. Carl hat aber auch nix verraten. Die Überraschung ist dir gelungen!"

Faye gelang es, das Zusammenzucken zu unterdrücken, als die regelrecht enthusiastische Stimme ihm viel früher als erwartet mitteilte, dass er entdeckt worden war, allerdings auch, dass er verwechselt wurde. /Im Frachtraum war niemand außer mir, und der Pilot war ebenfalls allein./ Der Gedanke war schnell zuende geführt. Die kurze Zeit, die er gehabt hatte, um sich umzuschauen, hatte ihm gezeigt, dass er ohne Hilfsmittel kaum das Lager verlassen konnte, ohne einen Alarm auszulösen. Das hier war seine Gelegenheit.

Er lächelte dem Katzenmann zu. Hübsch war er mit dem rotgetigerten Fell, das auf Bauch, an den Beinen und den Unterarmen rein weiß war, und den großen, hinter einer Brille versteckten Augen. "Das ist allerdings wirklich Glück." Mit energischen Schritten kam er ihm entgegen und hielt ihm die Hand hin. "Schön, dich kennen zu lernen."

Mit einem Mal war eine sonst unvertraute Schüchternheit da. Arlin war so lange allein gewesen und hatte niemanden gehabt, mit dem er sich unterhalten konnte. Er war sich nun nicht sicher, ob seine Manieren vielleicht darunter gelitten hatten. Zögerlich sah Arlin zuerst auf die Hand, dann auf den Mann vor sich, dann endlich wagte er ein Lächeln hoch in dessen attraktives Gesicht, bevor er die Finger kurz drückte. "Ich bin Arlin und habe den Brief wegen dir geschrieben. Ich hoffe doch, dass du wegen meines Briefes an die Sonnenritter hier bist." Er wurde rot und senkte den Kopf, während er die Hand des andere losließ.

Faye hatte noch nie etwas über die Sonnenritter gehört, was die Sache erschwerte. Aber die Worte sagten ihm zumindest, dass der Katzenmann einerseits von der erwarteten Person wenig bis gar nichts wusste, zum anderen, dass es nicht mal sicher war, dass sie kommen würde. Es machte, dass Faye sich sicherer zu fühlen begann. "Von einem Brief weiß ich nichts. Man hat mir überhaupt sehr wenig Informationen gegeben. Nur, dass ich erwartet werde und einem Katzenmann zur Hand gehen soll", riet er ins Blaue. "Hm, dann weißt du wohl auch nicht, wie ich heiße, oder? Ich bin Faye."

Arlin blinzelte. Vielleicht hatten die Sonnenritter seinen Brief falsch verstanden? Aber um sich keine Blöße zu geben, lächelte er freundlich und winkte dem anderen, ihm zu folgen. "Ich zeige dir erst einmal die Anlage, Faye." Er ging vorneweg und wies im Vorbeigehen darauf hin, wo sich die Eingänge zu den Oktaedern befanden. "Die Schleusen sind auf meinen Fingerabdruck programmiert, das ändern wir alles in Ruhe morgen, Faye. Komm hier entlang, ich zeige dir die Wohnung, oh! Oh, nein! Wir haben dein Gepäck vergessen! Oh Gott! Hat Carl dein Gepäck aus Versehen wieder mitgenommen?!"

"Ich nehme an, es steht irgendwo verborgen zwischen all den Cargoboxen. Damit du es nicht vor mir findest. So verschusselt kam Carl mir nicht vor." Faye grinste und streckte sich. Es tat gut, sich endlich wieder frei bewegen zu können. Natürlich gab es kein Gepäck, aber mit ein wenig Glück war der Frachter bald außer Reichweite für Nachfragen. Wie suchend sah er sich um, dann kehrte sein Blick zu Arlin zurück, dessen große, dunkelorangefarbene Augen durch die schmalen Pupillen geheimnisvoll wirkten. "Du hast nicht zufälligerweise eine Zahnbürste zuviel, so dass wir uns damit erst morgen beschäftigen müssen? Ich sehne mich nach einer Dusche."

Arlin kicherte und blickte auf die Uhr, die in den Sicherheitscodeleser neben der Tür zu seiner Wohnung angebracht war. "Die Fähre ist schon lange weg. Wenn Carl deine Sachen vergessen hat, dann müssen wir Überziehungskredit beim Replikator beantragen." Er presste seinen Daumen auf das Pad, die Tür gab mit einem leisen Zischen den Weg in die Schleuse frei. Dahinter folgte eine simple Wohnungstür mit Fußmatte in Blumenform.

Arlin ging in den hohen, hellen Flur mit dem Ahornfußboden voran und bat "Magst du vielleicht hier deine Stiefel ausziehen und dir ein Paar von meinen Hausschuhen für Gäste nehmen?" Das allein sagen zu können machte ihn glücklich. Wie lange war er schon auf Sonntag, und noch nie war jemand in seine Wohnung gekommen. Quirlig vor Freude fragte er "Ich wollte mir gerade etwas kochen, hast du Hunger? Magst du Kaninchen?"

"Kaninchen klingt gut!" Faye strahlte. Alles klang gut nach den Wochen, in denen er nur von den hochkonzentrierten Energietabletten gelebt hatte, die er im Forschungszentrum hatte mitgehen lassen. Natürlich hatte es den Vorteil gehabt, dass es keine Abfallstoffe gab, aber ein Genuss war es beileibe nicht gewesen. Gleichzeitig wuchs die Sorge in ihm auch wieder an. Replikator hatte Arlin gesagt. Das klang nicht, als gäbe es hier einfach Geschäfte. Bis auf den Kater und die Droiden war ihnen noch kein anderes Wesen über den Weg gelaufen, und die Türen öffneten sich nur für Arlin persönlich. Ob diese Station sehr weit außerhalb der nächsten Stadt lag?

Er beeilte sich, aus den festen Schuhen zu kommen, um dann in die weichen Schlappen zu schlüpfen, die sein Gastgeber aus einem Schränkchen geholt hatte. Es fühlte sich gut an, und Faye wackelte zufrieden mit den Zehen, ehe er seine Jacke an die Garderobe hängte und dem Kater folgte. "Oft hast du nicht Besuch, oder?", fragte er vorsichtig nach, weil Arlin so aufgedreht wirkte.

Arlin versuchte nicht verzweifelt auszusehen, während er sich aus dem Overall pellte, um sich in knapper beiger Shorts und seinen Hausschuhen einmal zu strecken. Er wählte aus dem Brillensortiment an der Tür die zur Shorts passende aus und schob sie umständlich zurecht, bevor er mit einer Geste zur Küche wies.

"Nein", gab er dann doch geknickt zu. "Ich... habe nie Besuch. Auf den äußeren Gürtel kommen nur einige wenige Frachterfahrer, und die wollte ich alle trotz einer gewissen Freundschaft, die mit der Zeit entstanden ist, nicht zu mir einladen." Er zeigte auf den weißen großen Tisch und die Eckbank mit den gemütlichen Kissen. "Nimm doch Platz, magst du ein Glas Wein trinken? Den habe ich hier selber gekeltert. Ich kann hier alle Nahrungsmittel herstellen."

"Dann möchte ich um so lieber ein Glas. Eine Rarität, die man sonst nicht so einfach bekommt." Faye lächelte; er schob sich auf die Eckbank und kam sich gegen die saubere Küche noch etwas schmutziger vor als vorher. Es war also tatsächlich so einsam, wie er schon zu fürchten begonnen hatte. Das hieß, er musste warten, bis das nächste Frachtschiff kam, ehe er weiterreisen konnte. Und dabei dachte der nervöse, nette Katzenmensch, dass er gekommen war, um bei ihm zu bleiben.

/Darauf kannst du keine Rücksicht nehmen. Immerhin bringst du ihn damit nicht in Gefahr so wie die beiden Wachtmänner, die gestorben sind./ Er fröstelte unwillkürlich, sagte aber dennoch "Nun, jetzt bin ich ja da, um dir Gesellschaft zu leisten. Gibt es hier außer uns beiden wirklich niemanden?"

Arlin seufzte und sah von dem Keramiktopf auf, in dem er den Braten bereits seit dem Morgen mit Kräutern und Gemüse in Essig-Rotweinsud hatte ziehen lassen. Er schob den Topf in den großen Ofen und nahm dann mit zwei Gläsern und der Weinkaraffe ebenfalls am Tisch Platz. Bank und Tisch waren für große Menschen gemacht worden, so wie für diesen Faye. Nicht für ihn, er baumelte immer mit den Beinen.

Sorgfältig schenkte Arlin Faye zunächst einen Probierschluck von dem Wein ein, während er sich sein Glas bereits voll goss. "Koste erst mal. Wenn er dir nicht schmeckt hab ich noch einen anderen da." Er stellte Faye die Karaffe hin und hielt sein Glas hoch. "Erst mal trinke ich darauf, dass die Sonnenritter dich geschickt haben." Ihm war klar, dass er versuchte, das Unvermeidliche zu umgehen. Doch nachdem er und Faye von ihren Gläsern genippt hatten, gab er endlich seufzend zu "Hier ist niemand außer uns beiden. Ich bin eine lange Zeit allein gewesen und weiß auch nicht so recht, wieso hier niemand von dem Orden mehr aufgetaucht ist. Die Nachrichten kommen immer sehr spät an, aber von den Sonnenrittern hört und liest man einfach gar nichts mehr."

Er seufzte und setzte seine Brille ab, um sich die Nase zu reiben. Kurzsichtig blinzelte er in sein Weinglas. "Heißt deine Frage vielleicht, dass du gar nicht herkommen wolltest?"

Der Wein schmeckte gut, und Faye trank gleich einen zweiten Schluck, ehe er sich ebenfalls das Glas voll schenkte. "Doch, ich bin aus freien Stücken hier. Mir macht Einsamkeit nichts aus." Er lächelte zu Arlin hin, dessen Augen ohne die Brille deutlich größer und eindrucksvoller waren. Sie beherrschten mit einem Mal das ganze Gesicht, das durch den kleinen Schmollmund etwas von der Katzenhaftigkeit verlor und ihn richtig niedlich werden ließ. /Allein ohne rechten Kontakt zur Außenwelt. Da hätte ich ihm fast die Wahrheit sagen können. Aber so ist es besser./ "Und jetzt, wo ich dich kennen gelernt habe, bin ich erst recht froh darüber. Zudem machst du sehr guten Wein." Er hob das Glas in Arlins Richtung.

Arlin wurde rot so gut er konnte. Es war zuvor immer einfach gewesen mit seinen Beziehungen. Die anderen waren seine Besitzer gewesen und was sie gesagt hatten, musste er tun. Doch dieser schöne Mann mit den eindrucksvollen grünen Augen war nicht sein Besitzer, sondern sollte ein Partner sein. So hatte Arlin es sich erträumt. Und er träumte gleich noch weiter.

Zunächst bestellte er dem schönen Mann per Replikator einen großen Bademantel und Schlafanzug aus grünem Flanell, während er ihn zum Duschen in das geräumige Bad schickte. Dort waren neben einer luxuriösen Dusche noch eine riesenhafte Badewanne mit Massagedüsen, die Arlin nach der Arbeit im Garten nicht selten gepriesen hatte, eine Sauna, die er noch nie benutzte und natürlich zwei Waschbecken. Er klopfte an die Badezimmertür, als der Replikator fertig war. "Faye? Ich habe hier sauber Kleidung für dich. Das Essen ist auch gleich soweit."

Faye hatte die Zeit nicht nur genutzt, um sich zu waschen und sich mit heißem Wasser und angenehm duftendem Orangenblüten-Duschbad wieder lebendig zu fühlen, sondern auch, um nachzudenken und seine Eindrücke zu sortieren. Beinahe allein am Ende der Welt war eigentlich genau das, was er gewollt hatte. Abgeschnitten von allen Nachrichten drang mit Sicherheit nichts davon an diesen Ort durch, dass er wegen Terroranschlägen gesucht wurde. So weltbewegend war es für andere Planeten nicht, also würde es bei dem, was Frachtschiffer mitbrachten, untergehen.


by Jainoh & Pandorah