Sonntag 2.2

2.

Von dem Wenigen, das er von Arlin kennen gelernt hatte, konnte er sich vorstellen, es eine Weile mit ihm auszuhalten, vielleicht auch länger. Wenn sie sich anfreundeten, würde Faye ihm möglicherweise die Wahrheit erzählen und ihn davon überzeugen können, ihn zu verstecken, bis ihn seine Verfolger vergessen hatten. Es würde Zeit brauchen, aber die hatte er.

Der Plan gefiel ihm, was ein Lächeln auf seine Lippen brachte, als er die Tür öffnete, nur das Handtuch um die Hüften geschlungen. Nichts würde ihn mehr in seine alte Kleidung bringen, wenn Arlin ihm frische versprochen hatte. "Danke. Ich bin auch fast soweit, komme gleich zu dir."

Rasch zog er sich um und stellte irritiert fest, dass es nur ein Schlafanzug war. Es verunsicherte ihn ein wenig, schuf ein Gefühl wie von Vertrauen und Nähe, sich so vor Arlin zu zeigen, was es jedoch gar nicht zwischen ihnen geben konnte. Offensichtlich hatte der Katzenmensch jedoch eine andere Vorstellung davon, was Faye ergeben mit den Schultern zucken ließ. Er folgte seinem kleinen Gastgeber zurück in die Küche, wo der Tisch bereits akkurat für zwei Personen gedeckt war. Es roch verlockend und ließ Faye das Wasser im Mund zusammenlaufen. "Kann ich irgendwie helfen?"

Arlin musste erst einmal verkrafte, wie herrlich sein zugedachter Partner aussah. Er war noch damit beschäftigt, sein Geschirrsortiment anzustarren, als die weiche, dunkle Stimme schon wieder sein Nackenhaar aufstellte. /Ich muss ihm dringend die Wahrheit sagen. Morgen. Nicht eher./

"Du kannst den Tisch decken, Faye. Ich hoffe, dass der Schlafanzug passt. Ich muss den Replikator morgen aufladen, so dass wir dir mehr Kleidung machen lassen können, daher erst einmal das nächste Notwendige." /Oh, und ich muss ihm sagen, dass noch keine andere Wohnung betretbar ist./

Doch zunächst aßen sie. Arlin überflutete den armen Gast mit einer Unmenge Daten zum kleinen Planeten der Sonnenritter. Endlich unterbrach er sich und fragte "Magst du nicht etwas von dir erzählen? Von der Welt, in der alle anderen leben?"

Dass Arlin so viel von dieser Station erzählt hatte, war Faye sehr zupass gekommen. Dadurch hatte er einige Details von den Sonnenrittern erfahren, die ihm nun halfen, die Illusion aufrecht zu halten und gleichzeitig so nah wie möglich an der Wahrheit zu bleiben. Je weniger er sich davon entfernte, um so weniger konnte er sich darin verwickeln und fallen.

"Um genau zu sein, bin ich kein Mitglied des Ordens", erklärte er und trank noch einen Schluck des wirklich ausgezeichneten Weins. "Die Regeln wären mir viel zu streng, damit könnte ich nicht leben. Ich komme von einem Planeten jenseits des Hauptplaneten und habe in einem Forschungszentrum gearbeitet. Dort haben ihnen meine Vorstellungen nicht gepasst, deswegen haben sie mich gefeuert. Ich habe im Haupttempel einen Zwischenstopp eingelegt, bin dort mit einem jungen Priester ins Gespräch gekommen und der fragte mich, ob ich nicht hierher wollte. Eine nette Stelle auf einer netten Station, um einem netten Katzenmann zur Hand zu gehen und ihm Gesellschaft zu leisten. Den letzten Punkt hielt ich mehr für einen Scherz." Faye lachte. "Aber er war offensichtlich sehr ernst gemeint."

Arlin spürte, dass er wieder rot wurde und senkte den Kopf. "Ja, offensichtlich. Ich bin hier schon ziemlich lange allein und hatte gehofft..." Hastig stand er auf und räumte die Teller ab, um zwei Schälchen für Kompott zu decken. "Pflaumen mit Gewürzen eingelegt", erklärte er. "Würdest du denn bleiben wollen, selbst wenn ich die einzige Gesellschaft bin?"

Die Art, in der er Arlins Erröten niedlich fand, irritierte Faye. Es machte, dass er ihn öfter dazu bringen wollte, um öfter zu sehen, wie der Katzenmann die Augen niederschlug und verlegen beiseite schaute. Verwirrt schob er das Gefühl beiseite. "Ich denke doch schon. Du verwöhnst mich. Bleibst du dabei?" Mit einem Lächeln beugte er sich ein wenig vor, während er daran dachte, dass zumindest Menschen eigentlich immer einen Grund für das Rotwerden hatten. Verlegenheit, Scham, Hilflosigkeit... man musste nur herausfinden, was es war.

Faye war sich relativ sicher, was den anderen dazu brachte. Er hatte den Blick durchaus bemerkt, den Arlin ihm im Bad zugeworfen hatte und das kurze Innehalten, als er als Grund für sein Hiersein nur von Hilfe für die Arbeit hier gesprochen hatte und nicht von anderem. "Es geht dir... um mehr, nicht? Aber ist das bei den Rittern nicht verboten? Ich meine, Mann und Mann?"

Arlin ließ den Dessertlöffel fallen und fummelte hektisch, um seine Brille wieder aufzusetzen. Dann sah er an Fayes Gesicht, dass dieser nicht wütend war. An der weichen, gleichmäßigen Stimme waren die Emotionen nicht gut zu lesen gewesen. "Nein. Es ist nicht erlaubt." Arlin spürte, wie seine Ohren sich neigten. "Aber ich bin es so gewohnt. Als Kreation ist es mir im Programm eingefügt worden, dass ich Frauen ein guter Freund und Männern ein guter Partner bin." Er nahm den Löffel wieder auf und blinzelte Faye einmal vorsichtig an. "Natürlich kann ich dir jederzeit auch ein guter Freund sein. Das fällt mir sicherlich nicht schwer. Tut mir leid, wie das alles hier so anfängt, so peinlich irgendwie."

"Mag sein, dass ich seltsam bin, aber ich finde es nicht peinlich. Ich denke nicht, dass wir versuchen sollten, es zu entscheiden. So etwas... entwickelt sich oder nicht. Wir haben Zeit. Ich bleibe, wir schauen, wie wir miteinander auskommen, hm?", schränkte Faye ebenso vorsichtig ein. Es klang eigenartig, wie Arlin das sagte. Als sei er... "Programmiert? Du siehst mir so echt aus, fühlst. Du kannst kein Androide sein."

Dankbar sah Arlin Faye kurz an, dann erklärte er ihm beim Dessert, wie es sich mit den Kreationen aus dem Labor von LeRoux verhielt. Er verschwieg dabei sein wirkliches Alter, und er verschwieg, wo er vor diesem Planeten gelebt hatte.

Faye spürte mit einem Mal Verbundenheit mit Arlin. Gezüchtet aus dem, was Forschern passend erschien, programmiert, um das zu sein, was ihnen gefiel, um dann Geld damit zu verdienen. Ohne Rücksicht auf Verluste, ohne Rücksicht auf die Wünsche dieses Mannes, den sie Kreation nannten. Und niemanden kümmerte es, wenn er einsam jahrelang sein Leben auf einer Station fernab von allem verbringen musste. Zum Glück schien es ihm zu gefallen, aber Faye spürte noch etwas mehr schlechtes Gewissen, als er daran dachte, dass er ihn wieder allein lassen würde.

/Erst mal nicht. Hier bin ich sicher. Vielleicht fällt mir eine gute Lösung ein. Vielleicht kann ich ihn dann auch mitnehmen, selbst wenn er durch diesen Chip, der ihn leben lässt und der ihn steuert, an seinen Besitzer gebunden ist./ Er bemerkte, wie Arlin niedlich das Gesicht verzog und sein kleines Näschen rümpfte, um ein Gähnen zu unterdrücken und ließ sich davon anstecken. "Was hältst du davon, wenn du mir jetzt mein Zimmer zeigst? Die Reise war lang, ich bin auch müde." Es war geflunkert; er hatte die meiste Zeit verschlafen und würde noch länger keine Ruhe brauchen, aber er wollte den hübschen Katzenmensch nicht wach halten.

Arlin nickte und erhob sich, doch dann stockte er erneut in der Bewegung. "Das ist auch ein kleines Problem. Ich bewohne die einzig bewohnbare Einheit. Es wird ein Weilchen dauern, bis eine weitere eingerichtet ist, damit man dort leben kann, Faye. Ich war nicht darauf vorbereitet, so unverhofft Besuch zu bekommen."

Er stellte das Geschirr in die Spülmaschine, dann meinte er "Wie wäre es, wenn du erst einmal in meinem Schlafzimmer übernachtest. Das Bett ist zu groß für mich, ich werde auf dem Sofa schlafen, bis wir eine weitere Einheit hochgefahren haben." Obwohl das lange dauern würde, denn der Winter war kalt, dunkel und man sollte in dieser Zeit Energie sparen. Allein Kleidung für Faye würde schon einen reichlichen Anteil von Arlins Erspartem kosten. Sicherlich würde der Mann nicht für jedes Klima ausgerüstet sein, das ihn auf Sonntag 2.2 so erwarten würde. Wenn Carl sein Gepäck aus Versehen gar mitgenommen hatte, dann mussten ja selbst die einfachsten Dinge aus dem Replikator kommen.

"Ich werde dir nicht dein Bett wegnehmen. Im Zweifelsfall schlafe ich auf dem Sofa." Faye reichte Arlin die Dessertschüsselchen an, und als dieser die Spülmaschine eingeschaltet hatte, folgte er ihm durch die helle, freundliche Wohnung ins Schlafzimmer. Als er jedoch das Bett zu Gesicht bekam, musste er grinsen. "Das ist ja wirklich riesig. Da passen wir doch locker zu zweit rein, ohne uns auch nur nahe zu kommen." Dann fiel ihm ein, dass Arlin seit Ewigkeiten allein gewesen und im Gegensatz zu ihm nicht daran gewöhnt war, beinahe rund um die Uhr Gesellschaft zu haben. Unsicher kratzte er sich im Nacken. "Zumindest mich würde es nicht stören."

Stören würde es Arlin nicht, aber vermutlich so sehr aufregen, dass er nicht einschlafen würde. Dennoch hob er die Schultern und murmelte unbestimmt "Ich beziehe dir deine Decke und ein Kopfkissen, dann kannst du allein entscheiden. Ich... hab nichts gegen Gesellschaft."

Und genau, wie er es sich gedacht hatte, geschah es auch. Während er unbewusst schnurrend unter der weichen Decke zusammengerollt dalag, wagte Arlin es nicht einmal, zu seinem Gast hinüber zu sehen, während die wildesten Gedanken durch seinen Kopf geisterten.

Dafür sah er am Morgen dann auch, dass er grausamst verschlafen hatte und hetzte, nachdem er gesehen hatte, das Faye schon aufgestanden war, zuerst hastig in Schlafhose und Puschen zur Zentrale, um den Schutzschirm hochzufahren, damit die Droiden anfangen konnten zu arbeiten.

 

Faye hatte die halbe Nacht damit verbracht, auf Arlins Hinterkopf zu starren, die im Traum zuckenden Katzenohren zu beobachten, sich zu fragen, was er von dieser Situation halten sollte und zu genießen, dass er wieder ein Bett hatte, sauber war, gut gegessen hatte und sich in Sicherheit befand. Das leise Schnurren, das auch nicht verstummte, selbst als Arlin endlich eingeschlafen war, begleitete ihn die Nacht hindurch, bis er selber wegdriftete.

Dennoch wachte er am frühen Morgen lange vor dem Katzenmann auf. Eine Weile lag er müßig auf dem Rücken und blinzelte zur Decke empor, freute sich wieder über sein Schicksal, das ihn hierher geführt hatte und entschied sich schließlich dafür, aufzustehen, sich eine Dusche zu gönnen und dann herauszufinden, ob er Kaffee kochen konnte. Er mochte den bitteren Geschmack unter viel Milch und Zucker, wenngleich das Koffein auf ihn gar keine Wirkung hatte.

Arlin hatte seine alte Kleidung weggeräumt, aber ihm keine frische gegeben, so dass Faye im Schlafanzug blieb. Er verspürte noch immer keine Lust, die dreckigen Sachen wieder anzuziehen. Barfuß tappte er in die Küche und erkundete den Kühlschrank, die Wandschränke und die diversen technischen Geräte, nur um leicht frustriert festzustellen, dass er gar nichts machen konnte. Nichts funktionierte so, wie er es gelernt hatte. Um genau zu sein, konnte er nicht einmal erkennen, was für die Zubereitung von frischem Kaffee zuständig war. Schließlich setzte er sich mit einem Glas kalter Milch auf die Eckbank und wartete darauf, dass Arlin aufwachte.

Hastig lief Arlin in seinen Schlafsachen zur Küche. Er errötete und entschuldigte sich rasch für sein Verschlafen. "Es ist so aufregend, mit einem Mal nicht allein zu sein." Rasch gab er dem Replikator Fayes Größe und Maße ein, die von der Sicherheitskamera bereits ermittelt worden waren. "Es ist schon Herbst hier. Im Sommer herrscht Überschuss an Energie, die spare ich dann in Zellen auf. Dennoch sollte man für den Monat im dunklen Winter, der uns leider in Kürze bevor steht, gerüstet sein, damit die tropischen Hallen nicht zu stark auskühlen und zu lange dunkel werden. Das verbraucht so viel Energie, dass ich hier in meiner Wohnung zum Beispiel nur Kerzen benutze, wenn es geht und das Kaminfeuer." Während er sprach, verschlug Arlin drei Eier und hackte frische Kräuter, setzte Kaffee auf und fragte Faye dann, während er die Pfanne auf den Herd stellte "Magst du Toast oder Schwarzbrot zum Frühstück? Isst du überhaupt Rührei?" Rasch versprach er seinem neuen Mitbewohner, dass er all die Geräte erklären würde und meinte endlich "Wenn du magst, darfst du alle Schränke öffnen und überall reinsehen, dann lernst du am schnellsten, wo alles steht."

"Guten Morgen, ich hoffe, du hast gut geschlafen! Toast. Ich mag Rührei. Ich gestehe, ich hab die Schränke bereits nach Kaffee durchsucht. Wenn die Energie so knapp ist, sollten wir vielleicht erst schauen, ob meine Sachen nicht doch bei den Cargoboxen stehen, ehe du mir neue Kleidung machst", ratterte Faye grinsend herunter. "Außerdem mag ich Winter, ich mag Schnee und Weihnachten. Da bin ich ja einerseits günstig gekommen, dass du in der dunklen Zeit nicht allein sein musst und andererseits ungünstig wegen der Energie. Ist es dann denn überhaupt sinnvoll, mir eine Wohnung einzurichten? Vielleicht sollten wir das auf später verschieben."

Wenn er ehrlich war, hatte ihm die Gesellschaft mehr behagt als die Nächte allein im Frachtraum des Sternenschiffes. Allein den kleinen Geräuschen zu lauschen, die Arlin machte, sein Atem, das Schnurren, manchmal ein leises Seufzen zu hören, war schön. Sein gesamtes Leben lang war Faye so gut wie nie allein gewesen, die Gesellschaft fehlte ihm.

Während des Frühstücks wurde Arlin ruhiger und erklärte Faye, dass er ihm lediglich die Kleidung machen ließ, die er in den verschiedenen Oktaedern zur Arbeit ohnehin brauchten würde. Sie berieten noch eine Weile lang, wie sie in den nächsten Tagen vorgehen sollten, aber kamen endlich zu dem Schluss, dass Arlin einfach weiterarbeiten würde wie zuvor und Faye ihm die ersten Tage folgen würde, bis er sich besser auskannte.

Zuerst hatte Arlin sich nur gefreut, aber nach und nach begann es ungewohnt zu sein. Er war einfach zu nervös in Fayes Begleitung, das ließ ihn zu vergesslich sein. Er ließ Geräte liegen und vergaß einen Droiden zu programmieren. Am Abend, als sie bei einer Suppe in der Küche saßen, fragte er Faye fast hoffnungsvoll "Meinst du, es gibt schon einen Arbeitsbereich, in dem du dich wohl fühlen würdest? Ich werde ab morgen die Droiden aufbauen, die geliefert wurden, das kann ich nur allein machen, da muss ich mich zu sehr konzentrieren."

Faye hatte den Tag genossen. Die Station war interessant, und gerne wäre er an manchen Orten länger geblieben, einfach um sich in die Abläufe, die Technik und Mechanismen zu vertiefen, die sie am Leben erhielten, aber er hatte Arlin nicht behindern wollen. Deswegen kam ihm dessen Frage gelegen; zudem hatte er bemerkt, wie der andere im Laufe des Tages fahriger und nervöser geworden war. Durchaus logisch, wenn man in Betracht zog, wie lange Arlin allein gewesen war. "Wenn du mich frei schaltest, kann ich machen, was immer du meinst, das getan werden muss. Zumindest in den Bereichen, die du mir heute gezeigt hast, werde ich mich nicht verlaufen. Kann ich dir denn irgendwo helfen?"

Arlin zuckte hilflos mit den Achseln. "Ich habe bislang alles allein machen müssen. Ich weiß zudem nicht, was du kannst und was du gern machst. Ich schlage vor, dass du dich in den nächsten Tagen einfach auf der Station ein wenig besser mit allem bekannt machst. Da fällt dir sicherlich von allein auf, was du verbessern könntest oder was dir liegt." Nachdenklich blickte er auf die zwei Kerzenstummel, die seit dem letzten Winter noch in der Mitte des Esstisches standen. Entschlossen räumte er die Teller fort und entzündete ohne Nachfrage oder Erklärung die Kerzen. /Er ist mir als Partner geschickt worden, verdammt. Er ist mein Partner, dann werden wir doch auch irgendwann einmal romantischer werden müssen, nicht? Warum also nicht gleich jetzt./

Er löschte das helle Licht umher und setzte sich wieder auf seinen Platz, legte die Brille neben sein Glas. "Was hast du denn gelernt, Faye?"

"Alles mögliche. Ich beherrsche drei Sprachen, was hier wohl nicht viel bringt. Ich bin ein leidlicher Schiffsnavigator, das hilft auch nicht weiter. Zuletzt habe ich in dem besagten Forschungszentrum gearbeitet, wo sie dabei waren, nicht nur denkende, sondern auch fühlende Androiden zu entwickeln. Ich kenne mich ziemlich gut mit ihren Schaltkreisen, den Programmierungen und allem aus, was damit zusammen hängt. Solltest du da mal Hilfe brauchen, bin ich der richtige Mann." Faye betrachtete die großen, orangefarbenen Augen, die im Kerzenlicht geheimnisvoll aufglommen, wann immer Arlin den Kopf bewegte. Wieder fiel ihm auf, wie beeindruckend sie waren, obwohl sie leicht unfokussiert wirkten. Er empfand es als Glück, dass der andere bereits mit dem Energiesparen begann. "Du bist schön", sagte er unvermittelt fasziniert. "Wie ein Gemälde. Wie mit Feuer übergossen."

Wie mit Feuer übergossen fühlte Arlin sich allerdings auch in dem Augenblick. Er musste einfach rote Ohren haben. Scheu blinzelte er den schönen Mann ihm gegenüber an, dann wagte er es doch, das Kompliment zu erwidern. "Du bist ein schöner Mann, Faye. Ich kann gar nicht glauben, dass du mich ausgerechnet schön finden kannst. Allein dich anzusehen, macht mich glücklich. Selbst wenn du nach Ablauf des dunklen Monats wieder fortgehen willst, möchte ich dennoch, dass du weißt, dass du ... " Er langte über den Tisch und berührte die Hand des anderen mit den Fingerspitzen. "... mich glücklich gemacht hast."

Hilflos grinste Faye, spürte die warme Haut an seiner und konnte den Blick doch nicht von den Augen des anderen abwenden. Es lag etwas darin, ein Gefühl, etwas wie Zauber, das ihm unbekannt war. Es waren nicht die Worte, die von Schönheit sprachen, das wusste er und verschwendete keinen Gedanken daran. Aber dass er in der Lage war, jemanden ohne ihn wirklich zu kennen, allein durch seine Anwesenheit glücklich zu machen, verwirrte ihn auf eine angenehme Art. Er tastete sich vor und griff nach der schlanken Hand, um sie mit seiner großen zu umfassen. "Ich glaube nicht, dass ich nach dem dunklen Monat gehen will."

Der Gedanke, all das, was er sich vorgenommen hatte, an genau diesem Ort umzusetzen, gefiel ihm mit einem Mal hervorragend. Allein nur, wenn es war, um herauszufinden, was für Gefühle Arlin noch in ihm erwecken konnte.

Sie saßen eine ganze Weile und hielten einfach die Hand des anderen fest. Das schöne Gefühl, dass es dem anderen auch gut tat, umgab Arlin, als die Kerzen erloschen waren und sie sich für das Bett fertig machen wollten, so vollkommen wie eine Umarmung.

Vor dem großen Bett erfüllte ihn erneut ein kleiner Stich Nervosität, aber er kämpfte sie nieder, badete und bürstete sich wie all die Abende zuvor, dann krabbelte er unter die Winterdecke, die er gerade am Nachmittag noch eingezogen hatte. Er beobachtete, wie Faye seine neuen Kleidungsstücke zum Teil auf den Hocker, zum Teil in den tiefen Wandschrank unterbrachte, bevor der Mann in das Badezimmer ging.

Es fühlte sich schön an, den Mann ansehen zu können, ohne zu wissen, dass er ein Kunde war, der am anderen Morgen gehen würde, ohne denken zu müssen, dass es sich um einen bezahlten Gesellschafter handelte, den die Besitzerin in einem Slum hatte kaufen lassen. "Faye, gleich morgen schreibe ich dem Ritterorden einen Dankesbrief für dich. Möchtest du der Nachricht einige persönliche Zeilen anfügen?"

Die Ankündigung rief unangenehme Kühle in Faye hervor, die er gar nicht spüren wollte. Dass er Arlin davon abbringen musste, war ihm im gleichen Moment klar, doch er wusste nicht wie. "Nein, mich verbindet nichts mit dem Tempel", rief er nur herüber.

Als er wenig später zu Arlin zurückkehrte und unter seine eigene Decke kroch, fragte er "Warum willst du dich überhaupt bedanken? Ich bin mehr oder weniger durch Zufall hier gelandet. Wenn ich nicht vorbei gekommen wäre, hätten sie vielleicht gar niemanden geschickt."

Arlin blinzelte, dann setzte er seine Lesebrille für das Bett auf und blinzelte Faye noch einmal an. "Wie... meinst du das? Bist du nicht... nicht von ihnen... meinst du...?" Er setzte die Brille rasch wieder ab, weil es ihn nervös machte, Faye so neben sich im Bett sitzen zu sehen. "Sie haben dich nicht geschickt, aber wie bist du darauf gekommen, zu mir zu wollen? War es Zufall, Faye?" Die Kleidung des Mannes war verschwunden, offensichtlich hatte der Fahrer der Fähre sie mitgenommen. Faye konnte keine Neuigkeiten über die Sonnenritter erzählen und er war irgendwie sehr vage, wenn es darum ging, seine Vergangenheit zu beschreiben.

"Das habe ich doch gestern schon gesagt." Faye lächelte gewinnend, auch wenn er es nicht mochte, seinen Charme und sein gutes Aussehen ausgerechnet gegen Arlin einzusetzen. Dann fiel ihm jedoch auf, dass Arlin es ohnehin kaum sehen konnte ohne Brille. "Dass ich auf der Durchreise war, als ich mit dem Priester über diesen Außenposten ins Gespräch gekommen bin. So gesehen war es Zufall." Er rollte sich auf die Seite, dann stützte er sich auf einem Arm ab, um sich noch immer lächelnd näher zu Arlin zu lehnen und so dicht zu kommen, dass der Katzenmann ihn erkennen konnte. "Ein wunderschöner Zufall, wie ich finde." Sachte küsste er ihn auf die Wange. Und das war es, selbst wenn es keinen Priester gegeben hatte.

Ein leichtes Zittern lief durch Arlins Körper, als der andere näher kam und ihn dann sogar küsste. Er war viel zu lange schon nicht berührt worden. Keiner war da gewesen und jetzt, als endlich ein Mann bei ihm war, ein Traum von einem Mann, da ruinierte er ihren schönen Abend mit Zweifel? Er schüttelte leicht den Kopf und sah Faye in die Augen. "Tut mir leid. Ich war so darauf fixiert, einen von ihnen zu sehen, eine Frau, dass ich noch immer nicht fassen kann, welches Glück ich habe." Er zögerte, aber umarmte Faye dann doch einmal fest, bevor er sich in das Kissen kuschelte, die Finger locker auf den Unterarm des anderen gelegt.

Faye ließ sich überrumpelt wieder zurücksinken. Wie zuvor die Ankündigung mit dem Brief hatte nun die Umarmung einen Stich ausgelöst, diesmal einen angenehmen jedoch, und das irritierte ihn. Gerne hätte er ihn noch einmal hervorgerufen, aber die unnatürliche Wärme, die Arlins Hand auf seinem Unterarm verursachte, lenkte ihn ab und war genug, um darüber zu grübeln.

"Gute Nacht, Arlin", sagte er leise und starrte zur Decke empor. Ihm war mit einem Mal nur zu bewusst, dass er den hübschen Katzenmann auf jeden Fall davon abhalten musste, seinen Brief zu schreiben und damit vielleicht doch Antwort zu bekommen. Nicht, weil dann seine Geschichte als das herauskommen würde, was sie war, nämlich eine Geschichte, sondern weil Arlin dann bestimmt auch aufhören würde, so... so wundervoll zu sein. Er wandte den Kopf, betrachtete das zarte Profil, das leichte Lächeln um die geöffneten, vollen Lippen und spürte den Stich von ganz allein noch einmal. Sich ganz zu ihm drehend legte er seine Hand über Arlins und sah ihn an, bis der Schlaf kam.


by Jainoh & Pandorah