Sonntag 2.2

3.

Am anderen Morgen stürmte die Arbeit nur so auf Arlin ein, so dass er gar nicht zum Durchatmen kam, bis er und Faye sich vermutlich zufällig in der Küche trafen, beide vom Hunger dorthin getrieben. Er zählte seufzend auf, was er noch alles erledigen musste, bevor der eisige Monat auf die Station zukam, dann fragte er leise "Meinst du, es ist schlimm, wenn ich den Dankesbrief erst nach dem Monat auf der Schattenseite schreibe? Wenn es hier kalt und dunkel wird, dann müssen wir nicht mehr in den Gärten arbeiten, und die Droiden werden alle gewartet. Nur der tropische Anteil wird künstlich besonnt, damit die Pflanzen nicht eingehen, alles andere schläft und ich habe die Zeit immer genutzt, um..."

Arlin biss von seinem Gurkenbrot ab. Ja, was hatte er eigentlich getan? Sich einsam gefühlt? "Na ja, ich hab gebastelt und gelesen und natürlich hab ich mich ausgeruht."

Faye versteckte sein erleichtertes Lächeln hinter seinem Saftglas, als sich sein Problem von allein löste. "Nein, ich denke, es ist in Ordnung, wenn du dich erst später meldest. Dann kannst du auch mehr berichten, wie es uns hier geht." Und vielleicht hatte er ihm bis dahin erzählt, wer und was er war. Wenn sich in dem Monat genügend Vertrauen aufbauen konnte. Vielleicht. Und wenn nicht, würde es dann zumindest wieder Schiffe geben, mit denen er weiterreisen konnte.

 

Sa'ini korrigierte den Kurs um einen halben Grad, dann justierte er den Sichtschirm neu. Der statische Nebel machte ihm zu schaffen, störte die Funkverbindung, und je näher er Sonntag 2.2 kam, um so schlimmer wurde es. Er strich sich seine roten Haare hinter die dreispitzigen Ohren zurück und versuchte erneut, Kontakt mit der Station zu bekommen, um seine Ankunft anzukündigen. Vergeblich. Er war schon froh, dass sein kleines Schiff überhaupt gut genug gesichert war, um nicht vollkommen auszufallen, sondern mit nur wenig Kursverlust auf sein Ziel zuzusteuern.

Erneut überprüfte er die Werte, dann schaltete er auf Autopilot und stand er auf. Er rückte sein rituelles Schwert zurecht und kehrte in den Wohnpart des Schiffes zurück, wo sein Passagier am fest montierten Tisch saß und bei einem Metallbecher mit Wein irgendetwas in sein Aufnahmegerät eingab. Ein hübscher Passagier mit seiner gebräunten Haut, den braunen Augen und dem blonden Haar, nicht, dass Sa'ini darauf hätte achten dürfen.

Aber er hatte schon lange aufgehört, auch nur zu versuchen, sich solche Gedanken zu verbieten, und wenn es die Regeln der Sonnenritter noch so sehr forderten. "Sieht so aus, als könnte ich dich nicht auf dem nächsten Raumhafen absetzen. Der statische Nebel behindert uns mehr, als ich erwartet habe. Wenn wir Pech haben, sitzen wir erst einmal auf der Station fest."

Bastien bedachte den kleinen Sonnenritter mit einem kurzen Lächeln. Ein Kemjasheri'i, der ihm eigentlich nicht einmal einen freundlichen Blick hätte schenken sollen, wenn es nach seinen Informationen über diese Rasse ging. Schade eigentlich, sehr attraktives Kerlchen und so bemüht um ein nettes Miteinander. Zudem waren sie allein auf der kleinen Fähre und die Fahrt war lang und langweilig gewesen.

Er klappte sein Logbuch für die persönlichen Einträge zusammen und erhob sich, um den Becher auszuspülen. "Mach dir keine Gedanken, Sa'ini. Ich habe Zeit." Er zog sich einen schwarzen Rollkragenpullover über und die dicke Jacke, denn die Station sah aus, als würde sie in den Schatten des Mondes wandern. Als sich der zierliche Mann mit den schönen Haaren abwandte, steckte er sich noch drei seiner bewährtesten Waffen unter den Pullover in die Halterungen.

 

Arlin ließ vor Schreck den Erntedroiden für den Kohl fallen, den er gerade hatte reinigen wollen, als die Warnsirenen ihm ein Schiff ankündigten. Hastig setzte er den Droiden in das kalte und weitgehend kahle Feld und lief zu seiner Zentralstation. 'Ein Schiff!' Neugierig fuhr er seine Scannerleistung hoch und versuchte, alles über das Schiff herauszubekommen, was möglich war, bevor es sich melden konnte, um ihm den Spaß zu ruinieren.

Faye hatte die Sirene ebenfalls gehört, als er sich in einem der tropischen Oktaeder umgesehen hatte, und sie hatte ihn gehörig erschreckt. Alles, was er dazu sagen konnte, war, dass sie Alarm schlug, aber was sie bedeutete, wusste er natürlich nicht. Hastig verließ er das Gebäude, um durch zwei weitere Oktaeder zurück zu der Wohnung und der Zentrale zu gelangen, in der Hoffnung, dort auf Arlin zu treffen. Der Katzenmann saß vor seinen Geräten und besah sich Daten, die über einen Bildschirm flimmerten. Er wirkte aufgeregt und erfreut, und Faye wurde unwohl, als er auf einem anderen Monitor ein kleines Schiff entdeckte, das sich ihnen zu nähern schien.

"Arlin, was war das für eine Sirene?", fragte er angespannt.

"Ein nicht registriertes Schiff. Schau mal, Faye, ein kleines Personenschiff nur, keine Waffen, keine Ladungen, zwei Lebensformen an Bord, die eine scheint ein Kemjasheri'i zu sein. Ihr Bioscan ist so typisch." Arlin klatschte einmal in die Hände. "Wir rufen sie und helfen ihnen. Vermutlich sind sie durch die statischen Stürme abgetrieben worden. Das ist mit einer Fähre schon einmal vorgekommen. Um den kalten Monat herum sind die Stürme heftiger und weniger vorhersehbar."

Besorgt runzelte Faye die Stirn, entschied dann aber, dass es weder Sonnenritter noch Verfolger sein konnten. Niemand wusste, wohin er gegangen war, und Sonnenritter hatten sich nicht angekündigt. Genau darüber hatte sich Arlin ja beschwert. 'Bioscan... ob er mich auf seinem Schirm auch gesehen hat?' "Sie sehen mir nicht hilflos aus, aber du wirst es besser wissen als ich", gab er zu und entspannte sich wieder.

Arlin brauchte mehrere Anläufe und versuchte etliche Sender durch, bis er zu der kleinen Fähre durchdringen konnte. Atemlos vor Aufregung gab er die in seinem Buch vorgeschriebenen Koordinaten ein und öffnete dem unerwarteten Besuch eine Schleuse. Dann drehte er sich zu Faye um und zwinkerte ihm zu. "Jetzt sind wir sogar zu viert! Ich hab erst gar keinen Besuch gehabt und nun so viel auf einmal! Aber die beiden werden nicht auch noch in meinem Bett schlafen, versprochen." Er trat einen Schritt auf Faye zu und sah zu ihm hoch. "Da schläfst du, nicht wahr?"

Faye konnte nicht anders als zu lächeln. Etwas an Arlin brachte ihn immer und immer wieder dazu. Er hob die Hand, zögerte kurz, doch dann konnte er nicht anders, als ihm über die Wange zu streichen. Einen Moment lang ließ er sie dort ruhen, als ihm auffiel, wie hell die Haut des Katzenmannes, die im Gesicht nicht von Fell bedeckt war, im Gegensatz zu seiner war.

"Ja, da schlafe ich", bestätigte er und bedauerte, dass ihre Zeit der Zweisamkeit schon so schnell beendet wurde. "Und den Platz werde ich auch nicht freiwillig hergeben." Rasch beugte er sich vor, um Arlin auf einen Mundwinkel zu küssen.

Arlin spürte, wie ihn Freude durchströmte. Glücklich lächelte er Faye einmal an, dann nickte er noch einmal und murmelte "Leider haben wir kaum Möglichkeiten, um einen Gast oder zwei sogar unterzubringen. Die Wohnungen, die nicht benutzt werden, stehen zu weiten Teilen leer. Kannst du das Andocken vorbereiten, Faye? Dann würde ich mich umziehen und in meinem Archiv nachsehen gehen, wo vielleicht noch ein Bett zu finden ist, das könnten wir in meinem Arbeitszimmer sicherlich unterbringen."

"Sicher, kein Problem." Faye ließ seinen Blick einmal über den Schaltpult gleiten und war froh darüber, dass sein Gedächtnis ausgezeichnet war. Arlin hatte ihm die Funktionen erklärt, er traute sich durchaus zu, das Schiff durch einen Standardprozess zu leiten.

Rasch hatte Arlin herausgefunden, dass er in seinem Bestand an Möbeln noch über ein Bett verfügte, das sich in einer der Wohnungen auf dem äußersten Randgebiet befand. Dorthin würde er mit einem Droiden und vermutlich auch im Raumanzug fahren müssen, aber der Tag war noch einige Stunden lang, sie würden es schaffen. Fröhlich zog er sich eine weiche Shorts aus weißer Wolle über und lief dann zu Faye zurück, der das Andocken von der Zentrale aus überwachte. Die Pumpe entzog bereits die giftigen Gase, die diesen Teil des Alls so gefährlich machten, um eine berechnete Sauerstoffkonzentration herzustellen, damit sie alle unbeschadet in die Dockhalle gehen konnten.

Faye musste fast lachen, als er daran dachte, dass er gehofft hatte, unbemerkt die direkte Umgebung des Frachtschiffes zu verlassen. Die Kameras deckten jeden Winkel ab, registrierten jede Bewegung und verzeichneten alles Ungewöhnliche in festgelegten Dateien. Er konnte von Glück sagen, dass Arlin nicht darauf gekommen war, seine Ankunft zu überprüfen. 'Ich muss schauen, dass ich es lösche, bevor er doch noch auf die Idee kommt. Oder ihm die Wahrheit sagen.'

Das Lachen verwandelte sich jedoch sehr schnell in Unbehagen und Nervosität, als er Arlin in das Dock folgte, um die beiden Männer zu begrüßen, die mit dem Schiff angekommen waren. Es waren nicht einfach zwei unfreiwillige Gäste. Der Kemjasheri'i trug mit der weißen Hose, dem ebenfalls weißen Hemd und der goldgelben, knielangen Weste die Tracht der Sonnenritter. Faye hatte sie auf einem Bild gesehen, das die Gründungsmitglieder der Station zeigte. 'Oh verdammt. Und nun?'

Aufgeregt kämpfte Arlin mit seinem Schluckauf, der begonnen hatte, als er den wunderschönen Sonnenritter sah, der neben einem Mann aus der Fähre kletterte. Die weiß-goldene Kleidung war der Tradition entsprechend und das Schwert kam Arlin ebenfalls von Bildern bekannt vor. Der Mensch sah sich misstrauisch um, vor allem kam es Arlin merkwürdig vor, dass er Faye zu kennen schien. Seine Pupillen verengten sich für einen kleinen Augenblick, bevor sein Gesichtsausdruck leer wurde und nichtssagend freundlich.

Arlin konzentrierte sich auf seine Erinnerungen und brachte die Verbeugung vor dem Priester der Sonneritter einigermaßen geübt zustande, bevor er dem Mann ebenfalls mit strahlendem Lächeln die Hand reichte. "Herzlich Willkommen auf der Station! Ich habe nicht mit dem Besuch gerechnet, aber freue mich so sehr! Ich bin Arlin, dies ist mein... Gast, Faye" stellte er vor, während er sich errötend noch einmal verbeugte.

"Ich danke für das warme Willkommen. Mein Name ist Sa'ini, der meines Begleiters Bastien." Sa'ini verneigte sich ebenfalls, ehe er beschloss, dass sie damit die hochoffiziellen Förmlichkeiten beenden konnten. Der Katzenmann hatte sie durch seine offene Herzlichkeit ohnehin bereits durchbrochen. Er lächelte fröhlich. "Du wohnst wirklich am Ende der Welt, Arlin. Kein Wunder, dass sich der Rat Gedanken um dich macht."

Arlin spürte, wie seine Ohren eine Spur heißer wurden, aber statt einer Antwort wies er zu den Türen der Station. "Ich würde die weiteren Reden gern ins Innere meiner Wohnung verlegen. In weniger als zwei Stunden muss ich diesen Teil der Station der Kälte und der Stürme wegen abschotten. Folgt mir bitte." Er ging mit Sa'ini voraus und hoffte, dass es Faye Recht war, wenn er mit dem Mann hinter ihnen ging, auch wenn die beiden sich eher ungemütliche Blicke zugeworfen hatten.

Nicht, um die Situation zu verschlimmern, aber weil er voraus denken musste, drehte er sich in der Schleuse um und sah bittend zu Faye auf. "Wäre es dir möglich, zu der Wohnung in Oktaeder 452 zu fahren und das Bett zu holen, bevor ich abschotten muss, Faye? Ich würde dir dafür den Transportdroiden zur Verfügung stellen und vielleicht... vielleicht könnte unser Besuch Bastien ja so gut sein und helfen?" Mit großen Augen blickte er zu dem stillen Mann hin.

Bastien erlaubte sich ein kleines Lächeln und nickte. Die Dinge entwickelten sich unerwartet vom Anfang an. Unerwartet, wie diese Station aufgebaut war, wie sie funktionierte und dass die kleinen Katzenkreation es geschafft haben sollte, alles allein zu erhalten in den letzten Jahren. Aber zudem war es auch sehr unerwartet, dass sein Zielobjekt sich hier befand.

Faye, Androide der obersten Klasse, mit der Fähigkeit zu fühlen, mit der Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu erfassen und daraus zu lernen, ein gemachter Mensch im Grunde und ein entflohener. Mit schmalen Augen ließ er den Blick über Faye schweifen. Es gab keinerlei Methode ihn zu töten, seine Regenerationsfähigkeit lag weit über Bastiens eigener Fähigkeit dazu, und das machte diesen Gegner gefährlich. Es machte die ganze Sache aber auch spannend und interessant.

Unerwartet war leider auch, dass sie festzusitzen schienen, denn die Stürme, die angezeigt wurden, nahmen zu. Arlin erwähnte ganz besorgt, dass sie ihn zum Teil für einige Wochen in seine Wohnung fesselten, wenn es hoch kam sogar den ganzen Wintermonat über. Vor allem verhinderten diese Stürme jede Kommunikation mit der Außenwelt, zerstörten jedes Raumschiff.

Arlin führte Faye und Bastien zu dem kleinen Transporter, auf dem das Bett untergebracht werden sollte. Er würde in der Zeit mit Sa'ini zu seiner Fähre zurückkehren, um das Gepäck von dem Sonnenritter und Bastien in seine Wohnung zu bringen, damit er mit dem Abschotten beginnen konnte.

"Ich koche dafür auch ein leckeres Abendessen für euch alle, und wir können uns sicherlich in Ruhe unterhalten, wenn alle Vorbereitungen getroffen worden sind", versprach er Faye setzte sich gerade im Raumanzug in den Transporter. Die grünen Augen sahen ihn freundlich an, und er konnte sich nicht davon abhalten, sich zu dem Mann zu beugen, um ihn leicht auf die Wange zu küssen. "Pass auf dich auf, Faye."

Überrascht über die leise Sorge erwiderte Faye den Blick. Dass Arlin sein Wohlergehen kümmerte, ließ ihn sich warm fühlen. Es war ungewohnt, dass die Achtsamkeit ihm galt und nicht der Funktion, die er erfüllte. Er lächelte ihm zu und haschte nach seiner Hand, um sie zu drücken, auch wenn er sie durch den Handschuh hindurch nicht warm und lebendig spüren konnte. "So schnell geschieht mir nichts, Arlin. Sieh zu, dass ihr mit dem Abschotten fertig werdet, anstatt dir um mich Gedanken zu machen."

Einen Moment lang hielt er die schmalen Finger noch fest, dann wandte er sich dem geschmeidigen Menschen zu, der nun ebenfalls mit einem Raumanzug bekleidet an den Transporter kam. "Sind Sie fertig, Bastien? Dann können wir los."

Als der andere nickte und sich zu ihm setzte, klappte Faye das Visier herunter und sicherte es, ehe er das Mikrophon einschaltete. Nach einem kurzen Test winkte er Arlin noch einmal zu, dann setzte er das Gefährt in Bewegung. Gedankenverloren sah er auf den Navigationsschirm, der ihre Position auf der Station genau anzeigte. Bis zum Schluss noch hatte er gehofft, dass sie die Neuankömmlinge nur kurz beherbergen mussten und sie am nächsten Tag gleich weiterschicken konnten. Leider hatte sich das nicht erfüllt.

Aus den Augenwinkeln sah er zu Bastien hin, von dem er bis jetzt kaum auch nur die Stimme gehört hatte. Allein dadurch, dass er wusste, dass Faye hier war, war er für ihn gefährlich. So lange sie von der Außenwelt abgeschottet waren, ging es noch, doch sobald sie wieder Nachrichten empfangen konnten, und sei es auch ohne Bild, wurde es gefährlicher. Warum nur hatte er Arlin seinen wirklichen Namen nennen müssen? Faye ärgerte sich immer noch darüber, dass er so gedankenlos gewesen war.

Arlin sah sich ein wenig unglücklich in dem Arbeitszimmer um, das zwar sehr geräumig war, aber keinerlei Möbel enthielt. Er hatte Geld gebraucht, dringend und konnte in der ersten Zeit noch nicht von Verkäufen leben. Die Tiere, das Saatgut, alles musste teuer angeliefert werden, und da hatte er, nachdem der Hunger und die Angst zu groß geworden waren, begonnen, die Möbel aus den Wohnungen zu verkaufen.

Die gefragten Möbel, Küchen, Badeinrichtungen und technisches Gerät zuerst, nach und nach selbst die kleinen Dinge wie Lampen und Teppiche. Nur seine Wohnung war perfekt eingerichtet, bis auf das Arbeitszimmer, das er nie benutzt hatte. Froh darüber, dass es sauber war, brannte er ein Feuer in dem Kachelofen an und öffnete die Wandschränke.

"Sa'ini, ich bin so glücklich, dass die Sonnenritter sich an mich erinnern. So lange habe ich nichts von ihnen vernommen und nun kommen gleich zwei Abgesandte in so kurzer Zeit. Schon Faye hat mich glücklich gemacht. Welche Botschaft du bringst, macht mich auch neugierig. Sind es gute Nachrichten?"

"Es tut mir leid, dass du so lange nicht beachtet wurdest. Die weit außen gelegenen Bezirke geraten mitunter in Vergessenheit, selbst wenn das nicht passieren sollte. Eigentlich hättest du auch schon längst eine Nachricht über meine Ankunft bekommen sollen", entschuldigte Sa'ini sich.

Der Katzenmensch hatte wirklich sein Mitgefühl, aber auch seine Bewunderung. Laut den Aufzeichnungen seines Tempels war er schon seit Jahren allein hier und verwaltete die Station ohne Hilfe. "Dass Faye ebenfalls vom Orden geschickt worden ist, verwundert mich. So schwierig und gefährlich ist die Aufgabe nun beileibe nicht. Ich bin hier, um dich mit zum Haupttempel zu nehmen, Arlin. Ich hatte gehofft, es noch vor dem kalten Monat zu schaffen, ehe die Stürme einsetzen, aber offensichtlich kann ich froh sein, überhaupt noch angekommen zu sein." Er verzog ein wenig verlegen das Gesicht.

"Mich... mitnehmen?" Arlins Lächeln erlosch, das spürte er und wandte sich rasch ab. "Oh." Unsicher schob er die Tasche von Bastien dichter an den Schrank heran. "Oh, dann... aber wir werden erst einmal etwas zusammen essen. Auf nüchternen Magen bespricht sich so etwas nicht sonderlich gut." Rasch lief er aus dem Raum in Richtung seines Schlafzimmers.

Die Reaktion verwirrte Sa'ini. Er hatte mit Erleichterung gerechnet. Dann wiederum war es nur einleuchtend, dass Arlin nicht gleich mit Freude reagierte. Immerhin hatte er Jahre damit verbracht, die Station zum Laufen zu bringen und sie am Leben zu erhalten. Der Orden ging davon aus, dass sich die Erhaltung nicht rentierte, selbst wenn sie sich allein trug und dass niemand hierher kommen würde. Sie hatten ihn geschickt, um Arlin zu holen und Sonntag 2.2 zu schließen.

Nachdenklich schaute Sa'ini ihm hinterher und beschloss, dass es eine Fügung der göttlichen Kraft war, dass er zum Wintermonat angekommen war und damit erst einmal Zeit hatte, sich hier umzusehen und sich ein Bild davon zu machen. Wenig hatte er bis jetzt kennen gelernt, er war ja erst angekommen. Aber das Wenige machte einen guten Eindruck. Vielleicht war hier doch mehr zu finden, als es den Anschein hatte. Und immerhin war es eines der Hauptanliegen der Sonnenritter, irgendwie bewohnbare Teile der Galaxien auch wirklich bewohnbar zu machen.

 

Bastien behielt den weißhaarigen Mann genau im Auge, das war allerdings auch nicht schwierig, da sie beide durch die klobigen Raumanzüge nur langsam voran kamen. Sie erreichten den äußeren Rand der Anlage, und Bastien wurde klar, dass der Rest der Station sicher in ein Tal gebettet lag, von schroffen Klippen geschützt, die vor allem die große Anzahl der Blitze ablenkte, die wieder und wieder den Himmel gleißend erhellten.

Das Bett auf den Transporter zu verladen, war kein großes Problem, rasch schlossen sich die Klappen über dem gepolsterten Monstrum. Der Transportdroide hob sich von allein wieder auf die Ladefläche hinauf und rastete ein. "Rückzug?" Bastien warf Faye einen kleinen Blick zu, aber der hatte sich bereits wieder abgewandt und verriegelte die Schutztüren an dem Oktaeder.

"Wenn Sie es hier nicht so behaglich finden, dass Sie noch etwas verweilen möchten..." Faye gab den Sicherungscode ein, den Arlin ihm genannt hatte, ehe er zum Wagen zurückstapfte. Unbeholfen kletterte er auf seinen Sitz. "Was hat euch hierher geführt? War das hier euer Ziel oder nur ein Zufall?"

"Es gibt kein Wir, ich bin Sa'ini nur per Zufall begegnet." Bastien wandte sich ab und warf einen Blick über die Anlage. Die Zärtlichkeiten zwischen dem Katzenmann und seinem Zielobjekt waren ihm nicht entgangen. 'Eine Liquidation hier draußen wäre gefährlich, solange ich die Anlage nicht kenne.'

Faye ließ den Transporter anfahren und lenkte ihn von Hand einige Oktaeder weiter, ehe er auf Automatik umschaltete. Also gab es nur einen Sonnenritter, mit dem er zu tun hatte. Der schweigsame Mann neben ihm konnte dafür alles sein. Ein paar Dinge schloss Faye jedoch aus. Soldat war er mit Sicherheit nicht, die Einsatztruppen operierten nicht allein, sondern nur im Team. Also war er schon mal nicht auf der Suche nach dem Terroristen, den die Medien aus ihm gemacht hatten. Natürlich konnte er vom Labor kommen, doch dann würde er eher versuchen, sich ihm freundschaftlich zu nähern, sein Vertrauen zu gewinnen, um ihn später auf sein Schiff zu locken und einzusperren, damit er ihn zurückbringen konnte. So gingen sie meistens vor.

Faye fühlte sich sehr viel besser, als er seine Schlussfolgerungen zuende geführt hatte. Er lächelte, während sie eine Abkürzung durch einen noch nicht verriegelten Tropenblock nahmen. Damit hatte er immerhin einen Monat Ruhe und musste nur einen geeigneten Moment finden, um Arlin die Wahrheit zu sagen.

Als sie bei der Wohnung ankamen, war er froh, den Raumanzug wieder ausziehen zu können. Er mochte es gar nicht, in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt zu sein. "Ob Zufall oder nicht, ihr seid zu einer ungünstigen Zeit gekommen", erklärte er Bastien, als er ihm den Anzug abnahm, um ihn mit seinem wegzuräumen, ehe sie gemeinsam das breite Bett vom Transporter hoben. "Die meisten Hallen sind schon verschlossen und für den Wintermonat fertig gemacht. Arlin hat wirklich ein kleines Wunder vollbracht, dass er es geschafft hat, all das allein am Leben zu erhalten."

Bastien blickte einmal rasch auf Faye und nickte dann nur leicht. Anstelle den Ausführungen zu folgen, die der Androide machte, um zu zeigen, dass Arlin zu bewundern war, ließ Bastien lieber seine Blicke über Faye schweifen, der vor ihm ging, den Wagen mit dem Bett in den richtigen Weg lenkend. Der Anblick war deutlich mehr zu bewundern als alles, was er zuvor gesehen hatte.

'Perfekt. Er ist perfekt. Ich hätte nie gedacht, dass die Laborratten so etwas vollbringen können!' Das Haar, die Augen, die Haut. Alles war wie bei einem Menschen, lebendig. Die Bewegungen zeigten ihn nicht übermäßig kraftvoll, oder zu elegant, sogar gewisse Eigenheiten konnte man sehen. Ein Streichen durch die kurzen Haare an den Schläfen, das Lächeln, das Arlin geschenkt bekommen hatte. 'Verdammt! Eine solche Kostbarkeit einfach zu eliminieren, ist Verschwendung!'

Sie bogen aus den kalten, abweisenden Verbindungsgängen zu einem Schott. Faye war offensichtlich schon Zuhause in dieser Station, wenn auch Arlin und er noch nicht lange zusammen zu leben schienen. Mit flinken Fingern wurde ein Code eingegeben, die graue Schotttür öffnete sich und gab den Blick auf eine gewöhnliche Wohnungstür aus Holz frei.

Kaum waren sie mit ihrer Last in einen hellen Flur getreten, als Arlin auch schon aus einem der hinteren Zimmer kam. Er trug eine verboten kurze Shorts, sein buschiger Katzenschwanz peitschte einmal, dann winkte er und rief "Faye! Bring das Bett gleich in das Arbeitszimmer. Sa'ini ist auch schon dort. Ich bringe Bettwäsche."

Etwas schien mit dem kleinen Katzenmann nicht in Ordnung zu sein, seine Stimme klang zu fröhlich, bemüht lustig auf eine Art, die Bastien dazu brachte die Brauen zusammen zu ziehen. 'Er hat geweint.' Laut sagte er "Hier links? Ich schaffe das auch allein."

Erschrocken sah Faye auf die Tür, hinter der Arlin gleich wieder verschwunden war. Es beunruhigte ihn und ließ gleichzeitig auch sofort sein schlechtes Gewissen erwachen. Hatte Arlin etwa schon herausgefunden, dass er ihm etwas vorgeflunkert hatte? War sich vielleicht der Sonnenritter so sicher gewesen, dass Faye auf keinen Fall von seinem Orden geschickt worden sein konnte? Der Gedanke, dass er den Katzenmann zum Weinen gebracht haben könnte, fühlte sich eigenartig schmerzhaft an.

"Danke." Fahrig blickte er zu Bastien hin und lächelte halb, ehe er sich auch schon wieder abwandte, um Arlin zu folgen. Dieser hatte einen Schrank geöffnet, doch anstatt etwas zu suchen, starrte er nur reglos hinein. Leise trat Faye zu ihm und legte ihm die Hände auf die Schultern. Er streichelte ihn vorsichtig mit den Daumen über das weiche Fell. "Arlin? Was ist?"

Arlin ließ die Schultern gleich merklich sinken, die Anspannung wich ein wenig, aber auch seine Beherrschung. Sein Hals fühlte sich eng an, er konnte die Tränen nicht mehr zurück halten. Rasch drehte er sich zu Faye um und schmiegte sich an ihn. "Sa'ini ist hier, um mich... er ist gekommen, weil er mich holen soll. Ich soll zurück."


by Jainoh & Pandorah