Sonntag 2.2

6.

Faye hatte keine Nacht seines kurzen Lebens derart genossen wie diese. Er döste lediglich ein wenig, er brauchte ohnehin nur wenig Schlaf. Stattdessen nutzte er die Zeit, seinen neu gefundenen Schatz im Arm zu halten, ihn zu bewachen und wann immer Sorgen die schlanken Brauen anspannten, die kleine Falte zwischen ihnen wegzuküssen.

Es ließ ihn atemlos zurück, als Arlin am nächsten Morgen aufwachte und ihn kurzsichtig anblinzelte, ehe ein Lächeln sich wie der Sonnenaufgang erst nur leicht, doch dann immer strahlender über das schöne Gesicht zog. "Guten Morgen, Sonnenschein", wünschte er demnach auch leise und küsste fast ehrfürchtig einen der hochgezogenen Mundwinkel.

Nur kurz erwiderte Arlin den Kuss, dann fiel ihm schon ein, dass nur noch zwei letzte Tage blieben, bis die Sonne gänzlich verschwunden sein würde. "Verdammt! Was wir heute alles noch erledigen müssen! Aber... in zwei Tagen haben wir dann alle Zeit, die wir uns..." In genau diesem Augenblick fielen ihm die Gäste ein. "Ach nein, da sind noch die beiden anderen." Missmutig rollte er sich aus Fayes Armen und zog Handschuhe und leichte Hausschuhe über, um rasch zum Kontrollzentrum zu laufen, damit die Schotts rechtzeitig geöffnet wurden. "Machst du so lange Frühstück? Ich bin gleich wieder zurück!"

Rasch stand Faye auf, um ihn in die Arme zu ziehen, nur um ihn noch einmal zu spüren und zu riechen. "Auch mit den Gästen werden wir Zeit für uns haben", erklärte er entschieden und schmiegte seine Wange an das weiche Fell, ehe er ihn wieder losließ. Er klopfte ihm auf den Hintern und grinste dabei, weil es sich gut anfühlte, ihn zu necken. "Ja, ich mache das Frühstück. Mittlerweile weiß ich ja, wo alles steht."

Und das tat er dann auch, nachdem er sich kurz geduscht und angezogen hatte. Jetzt, wo er wieder aß und sich nicht mehr von den Energietabletten wie in dem Frachtschiff ernäherte, kehrte auch sein Körpergeruch langsam zurück nicht nur mit den Vor- sondern auch mit den Nachteilen. Während er den Tisch deckte, summte er leise ein Lied mit, das aus der kleinen Musikanlage drang, und erinnerte sich an das Liebesspiel der Nacht, das erste für ihn, das diesen Namen wirklich verdient hatte.

Bastien erwachte schlecht gelaunt und mit drückender Blase. Ein Seitenblick verriet ihm, dass sein Gefährte wider Willen noch schlief. Nett sah er aus, das leuchtende Haar wild um sich verteilt. 'Ob er sich mehr Gedanken macht, als er mir zeigen will?' Bastien zog sein Schlafanzugoberteil aus und schlich sich mit seiner Kleidung in der Hand ins Badezimmer. Die Dusche tat ihm gut, wenn ihm auch der Kaffee und eine Zigarette fehlten.

Er war gerade dabei, sich abzutrocknen, als die Schotts hochgefahren wurden und gleißendes Sonnenlicht in das Bad fiel und ihn erschreckte. Grummelnd zog er die Hose an und zwängte sich sein Hemd über den noch feuchten Oberkörper. Ein Blick in den Spiegel, ein kurzes Streichen über die Haare und er fühlte sich den anderen gewachsen. 'Na gut, ein neuer Tag, eine neue Chance. Faye? Wo steckst du?'

In der Küche wurde er fündig. Summend deckte Faye den Tisch. Offensichtlich hatte der Androide nicht nur Gefühle, auch Stimmungen. Er wurde immer interessanter. "Morgen. Gibt es Kaffee?"

Faye drehte sich um und grinste den wieder ganz in Schwarz gekleideten Mann an. Er war zu gut gelaunt, um sich durch den knappen Tonfall ärgern zu lassen. "Guten Morgen. Wenn Sie noch ein wenig Geduld haben, ist die Maschine fertig." Fast hätte er gelacht, als er sich an die Worte einer Laborassistentin erinnerte. 'Wir kommen in mehrfacher Lichtgeschwindigkeit von einem Planeten zum anderen; es kostet nur ein Augenzwinkern, um umfangreichste Analysen aus Computern abzurufen, aber ein guter Kaffee braucht nach wie vor seine Zeit.'

Bastien ließ sich am Tisch nieder, nachdem ein Blick ihm gezeigt hatte, dass es nichts mehr zu decken gab, weil Faye offensichtlich schon an alles gedacht hatte. Aus dem großen Fenster der Küche konnte man in Arlins kleinen privaten Garten sehen, der genau wie alle anderen Räume ein exakt gleiches Maß hatte. Die Oktaeder waren nun einmal so penetrant gleichförmig. Locker auf seine Unterarme gestützt wartete er ab, bis Faye ihm einen Becher mit schwarzem Kaffee hinstellte und ihm gegenüber Platz nahm. "Wo ist Arlin? Ich habe den kleinen Kater gestern ja kaum mehr gesehen, nachdem Sa'ini sein Taktgefühl an ihm erprobt hat."

Wider Willen musste Faye lachen. "Taktgefühl, hm? Ich glaube, das Wort kennt er nicht. Arlin ist verständlicherweise auch ein bisschen empfindlich, wenn es um Sonntag geht."

Bastien versenkte seine untere Gesichtshälfte hinter der Tasse und lächelte "Ja, das kann ich mir denken." Dann sah er den anderen an und reichte ihm kurz die Hand. "Bastien, das würde mir reichen, wo wir hier schon zu viert eingesperrt werden."

"Gerne." Faye erwiderte den festen Händedruck, auch wenn er bei sich dachte, dass er lieber zu zweit eingesperrt wäre. Aber da er das nun nicht mehr ändern konnte, war es angenehmer, das Beste aus der Situation zu machen. "Immerhin ist es schöner Ort, um einen ganzen Monat zu verbringen."

Bastien blinzelte in das Sonnenlicht und nickte. "Ja. Du hast Recht." Er drehte den Kopf und betrachtete Faye, dessen Kopf wie von einer Halo umgeben schien. "Es ist ein sehr schöner Ort."

Faye lächelte und fragte sich im gleichen Moment, ob es ein Kompliment an Arlin gewesen war oder an ihn.

 

Arlin schämte sich ein wenig, aber er war nicht nur so eilig in die Zentrale gelaufen, um nach den Schotts zu sehen, auch um seine Gäste noch ein wenig genauer zu überprüfen. Das Schiff war sauber. Keinerlei Waffen, bis auf eine kleine Laserkanone mit Selbstauslöser, wie sie von fast allen kleinen Fähren zum Zerstören von Asteroiden gebraucht wurde. Als nächstes aktivierte Arlin die Kameras in seiner Wohnung und rief die Überwachung der letzten Stunden auf.

Mit roten Wangen löschte er die Aufzeichnung seiner Liebesnacht mit Faye, dann ließ er die Aufnahme zum Wohnraum springen. Die beiden Gäste hatten dort lediglich ein wenig gesessen, der Kemjasheri'i hatte in seinen Büchern geblättert, der stille Mann schien ein Tagebuch zu führen. Sie verließen das Wohnzimmer jedoch rasch. Arlin sprang zum Gästezimmer und beobachtete, wie Bastien sich entkleidete. Ein schöner Mann, auch wenn er unangenehm zynisch war. Doch als der Mann etliche Waffen abnahm und in seiner Tasche versteckte, wurde Arlin unwohl. Rasch überprüfte er die momentane Position des Mannes und schickte zwei Putzdroiden, um seine Waffen zu stehlen.

Der Mann saß mit Faye in der Küche und schenkte ihm ein Lächeln, das Arlin eifersüchtig stimmte. Er wusste nicht genau wieso, aber der kleine Stich in seinem Magen machte, dass er sich beeilte, zu seiner Wohnung zurückzukehren.

Faye wandte sich um, als die Küchentür ging, und spürte gleich, wie etwas in ihm einen freudigen Satz tat, als er Arlins Blick traf, dessen Augen nun wieder hinter einer seiner Brillen versteckt waren. Er schenkte ihm ein Lächeln. "Möchtest du einen Kaffee, Liebling?", fragte er und kostete das ungewohnte Wort aus.

Arlin erwiderte sein Lächeln strahlend und nickte leicht. "Gern. Das ist lieb von dir." Er bedankte sich mit einem Kuss auf die Wange bei Faye, bevor er Bastien begrüßte.

'Ein Liebespaar. Mit einem Mal wird alles schwieriger und so kompliziert. Wer hätte das aber auch gedacht? Eine Katzenkreation, blind wie ein Huhn zudem, wenn man die Brillengläser sieht und ein Androide, der so perfekt gebaut wurde, dass man ihn besitzen will. Doch Arlin, was will er? Er ist es gewohnt, dass man ihn besitzt, oder?'

Statt seine Gedanken zu offenbaren, lehnte Bastien sich zurück und bemerkte "Der Kemjasheri'i ist offensichtlich Langschläfer."

"Du bist mit ihm geflogen, du müsstest es eigentlich wissen." Faye grinste, während er Arlin seinen Kaffee reichte, mit viel Milch und etwas Zucker, das hatte er sich vom letzten Frühstück her gemerkt. "Vielleicht ist sein inneres System auch noch auf eine andere Zeit eingestellt. Wer weiß, wie viel Uhr es jetzt in seinem Tempel sein mag." Das war einigen Forschern so gegangen, die neu ins Labor gekommen waren.

Doch noch ehe er vorschlagen konnte, dass er ihn wecken ging, kam der zierliche Mann ebenfalls in die Küche und wünschte einen guten Morgen.

Arlin versteifte sich kurz, dann stand er auf und setzte sich zu Faye auf den Schoß. Er brauchte den Schutz seines Geliebten gegen die Sicherheit in Sa'inis Gesicht. Vorsichtig ruckelte er sich zurecht, dann legte er seine Brille auf den Tisch, bevor er den Kaffee mit kleinen Schlucken trank und sich an Faye anschmiegte.

Faye legte ihm einen Arm um die Taille, genoss, dass Arlin zu ihm kam, dass er ihm vertraute und bei ihm Halt suchte. 'Ich muss ihm sagen, dass mich nicht die Sonnenritter geschickt haben. So viel kann es doch gar nicht ändern. Bis auf das bin ich ehrlich gewesen. Und wenn ich es ihm erkläre, wird er es verstehen. Er doch bestimmt zu allererst.'

Einen Augenblick lang irritierte Sa'ini das Zurschaustellen der Verbindung zwischen Arlin, der doch Sonnenritter war, und dem dunkelhäutigen, großen Mann; dann jedoch beschämte es ihn, als er die Unsicherheit in dem Gesicht des Katzenmannes entdeckte. "Es tut mir leid, dass ich dir schon wieder Kummer bereitet habe, Arlin. Das lag nicht in meiner Absicht. Ich wollte dir nur sagen, wie es geplant war. Wenn du damit nicht einverstanden bist, und das bist du sehr offensichtlich nicht, dann werde ich mich bemühen, dir zu helfen, das du hier bleiben kannst."

"Ich habe nur noch zwei Tage, um die Station Winterfest zu machen. Danach habe ich viel Zeit und kann dir alles erklären. Auch, warum ich kein Sonnenritter bin." Arlin setzte seinen Becher auf den Tisch und umarmte Faye einmal fest, um sein Gesicht an dessen Hals zu schmiegen. "Bis nachher", flüsterte er ihm ins Ohr.

Von Fayes Schoß rutschend sagte er "Heute werde ich in den tropischen Oktaedern die Energieumleitung installieren und würde alle bitten, keine Energie mehr auf den Replikator umzuleiten. Ich habe reichlich Einzelzellen, die ich für die kalte Jahreszeit verbrauchen kann. Faye, wärst du so lieb und könntest aus den Wäldern in den mittleren Oktaedern noch Holz für die Kamine holen? Es ist gemütlicher so, wenn das Eis kommt."

Unsicher streifte er seine Gäste mit Blicken. "Ich weiß nicht, was ich euch anbieten kann. Es gibt genug zu tun, ich kümmere mich aber darum. Bitte geht nicht an die Droiden, sie sind alle fest programmiert und geraten durcheinander, wenn man sie stört."

Später, als seine Finger über die Tasten der Programmkonsole für die Energiegewinnung huschten, dachte er fieberhaft darüber nach, wie er Sa'ini gegenübertreten konnte. Wie konnte er diesem offensichtlich sturen Priester begreiflich machen, dass er einsam war, aber nicht fort wollte? Erneut blickte er mit Hilfe der Kameras zu den anderen. Zuerst fand er Faye und bemerkte gleich, dass der andere Mann ihm gefolgt war. 'Bastien. Was ist das für ein Mensch? Er hat Waffen dabei gehabt. Ob er weiß, dass sie hier in der Zentrale fortgeschlossen sind?'

 

Bastien blickte gegen den künstlichen Himmel und genoss die Wärme der Sonne und den würzigen Duft von frisch geschnittenem Holz. Einige Droiden wählten Baumstämme aus und legten sie in saubere kleine Holzscheite auf ordentliche Stapel. Sie arbeiteten entsprechend des Programmierers Arlin mit einer gewissen Grazie, wie sie Katzen inne war.

Er nahm einen weiteren Holzstapel auf und warf die Scheite in den Transportschlitten, der es zum Haus bringen sollte. Faye war auf der anderen Seite des Schlittens, und zu seiner Überraschung bemerkte Bastien, dass er schwitzen konnte. 'Wie perfekt du bist.' Bewundernd starrte er einen Augenblick, dann rief er rüber "Schneit es hier auch?"

Faye lachte und wischte sich mit der freien Hand den Schweiß von der Stirn, wobei er feuchten Holzstaub und Erde darauf verteilte. "Ich habe keine Ahnung, so lange bin ich auch noch nicht hier. Aber ich würde fast wetten, dass es das tut. Entspricht ja dem Klima dieser Oktaeder." Er bückte sich nach einem Holzstapel, legte ihn auf die Ladefläche und stützte sich dann an der Seitenwand ab, um zu Bastien rüberzusehen. "Magst du Schnee?"

Bastien nickte leicht und lehnte sich gegen den Wagen, hielt das Gesicht wieder in die Sonne. So trügerisch echt fühlte sich hier alles an. 'Ein kleines Paradies. Ich kann den Kater verstehen.' Er runzelte die Stirn. 'Der Kater... wem er wohl gehört? Der Sonnenritter hat keine Ahnung, aber es scheint mir, dass er ohnehin nicht sonderlich sorgfältig informiert wurde von seinem Verein.' Er drehte sich zu Faye um, der Haltegurte um das Holz legte. "Arlin und du, das geht noch nicht so lang, hm? Hattet ihr vor deiner Ankunft hier schon Kontakt?"

Das trügerische Gefühl von Sicherheit bröckelte, während sich Faye innerlich leicht anspannte. "Nein, hatten wir nicht. Es war für alle Beteiligten etwas überraschender", sagte er nur.

Ihm wurde der Nachteil noch deutlicher, dass sie hier zu viert auf kleinem Raum eingesperrt waren. Man erfuhr normalerweise innerhalb kurzer Zeit viel über die anderen, aber in seinem Fall gab es nichts zu erzählen, zumindest nichts, was sie wissen durften. Und eine komplette Lebensgeschichte zu erfinden, war schwierig, selbst oder vielleicht auch gerade für ihn. Natürlich konnte er Anleihen machen aus dem Leben der Leute, die mit ihm gearbeitet hatten, aber das war nicht das gleiche, wenn es Bestand haben sollte. Ihm würde wohl nicht viel mehr übrig bleiben, als aus seinem Leben ein schroffes Geheimnis zu machen. "Und was hat dich hierher gebracht, wenn es nicht der Kemjasheri'i war?"

Bastien hatte den kleinen Abfall in der Wärme von Fayes Stimme bemerkt und beschloss, diese Unsicherheit, die seine Nachfrage allein schon erzeugt hatte, ein wenig zu vertiefen. Es war unter Umständen gefährlich, wenn sich Faye in die Ecke gedrängt fühlte, aber Bastien war immer für eine faire Auseinandersetzung gewesen. Eine Warnung hatte dieser Mann vor ihm auf jeden Fall verdient.

Er schwang sich auf den Fahrersitz des Transporters und startete den Solarmotor. Mit Blick in Fayes ein wenig von Holzstaub verschmiertes Gesicht erwiderte er "Ich bin auf der Jagd." Er wartete, bis Faye neben ihm saß, dann setzte er zurück und reichte ihm mit einem kleinen Lächeln sein Taschentuch. "Aber ich habe viel Zeit."

"Auf der Jagd, so?" Faye schlug einen scherzhaften Ton an, auch wenn ihm ungemütlich kalt wurde und sich die feinen Härchen in seinem Nacken aufrichteten. 'Das kann nicht sein, ich bilde mir Dinge ein. Wenn er nach mir suchen würde, würde er sich nicht so locker geben und mir das auch bestimmt nicht so frei erzählen.' Er wischte sich mit dem Tuch den Schweiß ab und steckte es dann ein. "Ich gebe dir 's zurück, wenn es gewaschen ist. Was jagst du? Weltraumgespenster?"

Bastien lachte leise, aber antwortete nicht. Statt dessen fuhr er schneller als nötig über den holperigen Waldweg, der an der Schleuse bei einer Blumenwiese endete. Erst dort konnte man sehen, dass die Basis für den schönen Wald und die Wiese, über die zahlreiche Insekten summten, noch immer das graue Gitter der Oktaedergrundsubstanz war. Es hatte schon Moos angesetzt, aber schimmerte neben den ebenfalls grauen Türen hindurch. Zwei Droiden waren schwerfällig damit beschäftigt, die Wiese mit Sensen zu stutzen. Kleine Heuhaufen wurden von einem weiteren zum Trocknen auf Holzgitter gebreitet.

Seufzend blickte Bastien an Faye vorbei zum Waldrand. Zwei Ameisenhügel wimmelten dort von ihren emsigen Bewohnern, kleine Vögel huschten durch die Luft und jagten die Insekten. Bussarde kreisten auf der Suche nach Feldmäusen, und etliche Erdhörnchen spielten auf einer kleinen Anhöhe. 'Paradies', dachte er wehmütig und wieder huschte der Gedanke durch seinen Kopf, dass er bald frei sein würde, um vielleicht sein eigenes Paradies finden zu können.

Er stoppte den Transporter direkt vor der Schleuse und kletterte vom Führerhaus. "Ich bleibe noch ein wenig hier, Faye. Ich bin mir sicher, dass ich den Weg zurück finden werde."

Faye nickte und rutschte auf den Fahrersitz. Als sich die Tore des Oktaeders öffneten, fuhr er los, ohne sich auch nur umzudrehen, und überließ dem Autopiloten die Steuerung, kaum dass sie sich wieder hinter ihm geschlossen hatten. Die Besorgnis in ihm nahm weiter zu, je mehr er sich von dem anderen Mann entfernte. Wenn dieser nun doch hier war, um ihn zu finden? Aber warum sollte er es ihm sagen?

'Vielleicht will er mir eine Chance geben, um mich zu verteidigen, damit ich beweisen kann, dass ich ein eigenes Wesen mit dem Recht auf mich bin. Wie Arlin gegenüber den Sonnenrittern. Nur muss er es so machen, dass ihm das niemand nachweisen kann. Hier ist doch alles wie im Labor mit Kameras überwacht.'

Er sah nach oben, entdeckte eine, die ihm und dem Wagen folgte und winkte mit einem kleinen Lächeln zu ihr hin. 'Arlin, ich muss mit ihm sprechen. Vielleicht hat er mit seinen Kameras etwas gesehen, was mir Aufschluss gibt, wer Bastien wirklich ist. Sagen, wer ich bin, wollte ich ihm ja sowieso. Nur nicht so schnell. Aber besser, er erfährt es von mir als ihm.'

Als der kleine Transporter schließlich hielt, sprang er ab und überließ den Droiden die Aufgabe, ihn zu entladen und die Holzstapel ordentlich zu schichten. Er konnte später noch immer etwas für den Kamin reintragen.

"Arlin?", fragte er in die leere Wohnung, erhielt aber, wie er es erwartet hatte, keine Antwort und machte sich gleich auf zur Zentrale, in der er seinen Freund vermutete.

Mit heißen Ohren saß Arlin vor den Monitoren und spulte den einen Film zurück, auf dem Faye ihm zugewunken hatte. Er berührte den Bildschirm kurz mit den Fingerspitzen, sehnte sich nach seinem Geliebten und wünschte ihn sich her. Gleich darauf fing eine der Kameras Fayes Bewegung auf dem breiten Korridor zwischen Zentraloktaeder und der Wohnung auf. Rasch entriegelte Arlin ihm das Tor, aber tat dann sehr beschäftigt, gab hastig weiter seine Codezeilen für das Winterprogramm in den Tropenräumen ein.

Faye blieb in der Tür stehen und beobachtete Arlin mit einem Lächeln, wie er beschäftigt vor dem Bildschirm saß. Die Ohren zuckten zurück und registrierten sein Eintreten, aber der Katzenmann drehte sich nicht um. Er war offensichtlich zu sehr mit dem Code beschäftigt, der in langen Zahlen-Buchstaben-Kolonnen über den Monitor tanzte. Nach einem Moment des Wartens trat Faye zu ihm, um ihn dann doch ohne Rücksicht auf Verluste von hinten zu umarmen. Er sehnte sich so sehr, seinem Geliebten nahe zu sein, dass es ihn selber überraschte.

"Entschuldige", murmelte er an einem Ohr. "Ich konnte nicht länger warten."

Ein Schauer stellte Arlins Fell auf, und er seufzte leise, während er mit den Fingern leicht über Fayes Unterarme strich. "Ich bin auch gleich fertig, habe mich beeilt, damit ich dir bald Gesellschaft leisten kann."

Die Kameras sprangen und zeigten die leeren Oktaeder einmal hintereinander weg, alle bereits dunkel und abgeschottet. Dann kam der tropische Oktaeder, in dem die künstlichen Sonnen ausgeklappt wurden. Droiden huschten unter dem Dach entlang und prüften sie. Arlin hatte gerade das Kinn gehoben, um einen Kuss von seinem Geliebten zu erhaschen, als eine Außenkamera Bastien zeigte, der auf einem Baumstumpf saß und mit einem imposanten Messer schnitzte. "Was habt ihr geredet, Liebling?" Erschrocken hielt Arlin inne. "Oh, ich wollte nicht neugierig sein, entschuldige, Faye. Die Kameras zeichnen jede Bewegung auf, da ... habe ich es mitbekommen."

Faye lachte leise, dann zog er Arlin ein wenig ungeschickt die Brille von der Nase, um ihn ungestört küssen zu können. Er ließ sich Zeit damit und vergaß dabei ziemlich schnell, sich darüber zu wundern, dass es ihn schon wieder so kribbelig machte. Es war, als hätte nichts mehr eine Bedeutung außer dem Mann in seinen Armen, der sich an ihn schmiegte und den Kuss hingebungsvoll erwiderte. Als sie sich schließlich außer Atem in die Augen sahen, konnte Faye nicht anders als lächeln.

"Das, was du mit mir machst, habe ich noch nie zuvor gefühlt, Arlin", sagte er leise und streichelte ihm einmal über die Wange, ehe er ihm die Brille zurückgab. "Und Bastien... Bastien stellt Fragen, die ich nicht beantworten will."

Atemlos rückte Arlin seine Brille zurecht und brauchte einen kleinen Moment, um die Küsse und das Kompliment verarbeiten zu können, dann lächelte er. "Du machst, dass ich glücklich bin wie nie, Faye." Rasch setzte er sich auf das Pult, um seinen Schatz ansehen zu können. "Hat er dich gefragt, warum du hier bist?"

"Er meinte, dass wir beide wohl noch nicht lange zusammen sind und ob wir vorher schon Kontakt hatten. Und dass er auf der Jagd sei." Faye schauderte wieder und trat zu Arlin, um ihm die Hände auf die Hüften zu legen, als würde die Nähe es leichter machen. Mit einem Mal hatte er viel zu viel Angst zu zerstören, was zwischen ihnen war.

Arlin blickte in Fayes Gesicht, suchte nach einer Antwort auf die Frage, die ihn seit dem Morgen unbewusst beschäftigt hatte. Immer enger zogen sich seine Verdachtsmomente um ausgerechnet den Mann, den er liebte zusammen.

"Auf der Jagd?" flüsterte er gerade hörbar. "Deswegen also all die Waffen." Sein Blick glitt zu dem Tresor, dessen Zahlenkombination seinem Geburtstag entsprach. Dort schloss er die Kameraaufzeichnungen ein und nun stapelten sich dort bis auf das Messer Bastiens Waffen.


by Jainoh & Pandorah