Sonntag 2.2

8.

Bastien lehnte sich zurück und warf einen Blick zur wohlgetarnten Kamera. In jedem Raum waren die Überwachungslinsen auf andere Art in das Dekor eingeblendet worden, in der Küche befand sie sich hinter der Ofenuhr, wie ein glänzender Teil der Zeiger. "Tut mir leid. Aber zur Eifersucht besteht doch gar keine Ursache auf deiner Seite, Faye. Eher im Gegenteil, eher hätte ich das Recht darauf."

Verwirrt und aus seinen Gedanken gerissen sah Faye zu dem anderen Mann hin. "Eifersucht? Das hat damit doch nichts zu tun. Du nennst ihn nicht liebevoll Kätzchen, sondern abfällig. Und was für einen Grund hättest du denn?"

Bastien stellte sein Glas ab und schüttelte den Kopf. Sanft korrigierte er "Der Kater ist mir egal, auf dich bin ich nicht eifersüchtig, sondern auf ihn." Er formte aus Daumen und Zeigefingern seiner Hände einen Bilderrahmen für Fayes Gesicht und lehnte sich zurück. "Er hat es sich schon verdient, aber einer gewissen Eifersucht angesichts der Perfektion, die er besitzen darf, kann ich mich schlicht nicht erwehren." Lächelnd ließ er die Hände sinken. "Ich bin auch nur ein Mann. Vielleicht ist das mein Fehler, vielleicht hab ich dir deswegen diese Warnung gegeben."

Ätzende Wut stieg in Faye empor, doch er konnte seine Stimme beherrschen. "Ich bin nichts, was man besitzen kann, Bastien! Ich bin lange genug ein Gegenstand gewesen. Das hat erst mit meiner Flucht ein Ende gehabt. Arlin besitzt mich nicht, genauso wenig wie ich ihn! Und das ist der Grund, warum ich es nicht mag, wenn du ihn Kätzchen nennst. Du klingst, als wäre er ein Ding. Meinst du, du bist besser als wir, nur weil du nicht gezüchtet und nicht konstruiert worden bist?"

Bastien seufzte und nahm das Glas wieder auf. "Bin ich das?" Er nippte von dem Wein und betrachtete Faye. "Vielleicht nicht vollständig gemacht, so wie du, aber ich bin kein Mensch." Und was das Besitzen anging... Bastien hielt sich davon ab, diesen Satz näher zu erläutern. Es war einfacher, wenn Faye ihn hasste. Einfacher für ihn, die Maschine zu sehen, die er sehen wollte und musste für seinen Auftrag. Er stellte das Glas ab und reichte seine Hand über den Tisch. "Deine Hand, Faye. Ich erkläre dir, was ich meinte."

Alles, was Faye tat, war ablehnend die Arme vor der Brust zu verschränken. Das war es also. Bastien hatte keinen Sinn für Gerechtigkeit, kein Verlangen danach, ihm eine Chance zu geben. Alles, was er wollte, war ihn zu besitzen. Wie die Forscher im Labor.

'Perfekt', dachte er verbittert. 'Eine perfekte Maschine, das ist alles, was sie in mir sehen. Sie erschaffen Gefühle, um sie gleich zu verletzen und ohne auch nur darüber nachzudenken. Der einzige, der das nicht getan hat, ist Arlin.' Mit einem Mal sehnte er sich so sehr nach seinem Geliebten, nach dessen Wärme und dem Wissen, dass der Katzenmann ihn nicht nur als Ding sah, dass er beinahe aufgestanden wäre, um Bastien ohne ein Wort zu verlassen. Aber er würde nicht bei Arlin bleiben können, wenn Bastien ihn jagte.

'Und wenn ich... ihn umbringe?' Für einen Moment schien es eine Lösung zu sein. 'Ich kann nicht töten. Ich kann kein Leben auslöschen. Ich bin beileibe nicht perfekt. Ich muss ihn überzeugen, dass ich kein Gegenstand bin. Aber wie..?' "Du glaubst also wirklich, dass ich nur ein jederzeit reproduzierbares Ding bin, ja? Dass es nichts gibt, was Faye zu einem einzigartigen Wesen macht?"

"Hätte ich perfekt gesagt, wenn ich glaubte, dass du reproduzierbar wärst?" Geduldig hielt Bastien dem anderen seine Hand hin. "Hätte ich so mit dir geredet, von Perfektion und Bewunderung gesprochen, wenn ich geglaubt hätte, eine Maschine vor mir zu sehen?" Die Art, in der Faye sich zu beherrschen versuchte und mit überschießenden Emotionen offensichtlich zu kämpfen hatte, war aufregend zu beobachten.

Die Mimik blieb davon nicht unbeeinflusst; Blicke, die zur Tür huschten, Augenbrauen wurden zusammengezogen und wieder entspannt und die Arme ablehnend verschränkt. "Du zierst dich wie ein Mädchen, war das vielleicht der Fehler, den sie im Labor gefunden hatten, Faye?", neckte Bastien ihn schließlich. "Vielleicht ist es ja das, was ich an dir mit einem Mal so anziehend finde."

Zweifelnd sah Faye die kräftigen Finger an, während noch immer Wut in ihm war, trotz der besänftigenden Worte, trotz des fast liebevollen Tonfalls. "Ja, ich glaube, dass du genau das gesagt hättest", sagte er, ohne auf das Necken einzugehen, auch wenn es das war, was ihn ein wenig ruhiger werden ließ. "Eine perfekte Maschine, bei der man bewundern kann, wie makellos sie funktioniert. Das ist es doch, Bastien, nicht? Du schaust mich an und bist fasziniert davon, wie echt ich aussehe, die Haut, das Haar, die Augen, die Bewegungen. Dass ich schwitzen kann. Dass man in meinem Gesicht ablesen kann, was ich fühle. Aber denkst du, dass ich echt bin? Dass ich es wirklich fühle? Dass ich mich wirklich freuen, dass ich wirklich verletzt sein kann? Oder ist es nur ein ausgefeiltes Programm?" Nach wie vor hielt der andere ihm seine Hand hin, und schließlich reichte Faye ihm seine.

"Wie schlecht du mich kennst, Faye. Aber woher auch? Leider wird uns zum Kennenlernen nicht viel Zeit bleiben." Sachte zog Bastien die Hand dichter zu sich und drehte sie um, streifte den Hemdsärmel fast zärtlich den Arm hinauf. Es tat ihm weh, aber er war an seinen Vertrag gebunden. Mit der ihm durch die Veränderungen verliehenen übermenschlichen Schnelligkeit hatte er Faye die Impfpistole über den Puls gesetzt und schoss, bevor der Androide seine Hand natürlich ebenfalls sehr schnell und sehr kräftig zurückgezogen hatte, wenigstens die Hälfte des Hivoshs in dessen System.

"Du verdammter...!" Faye war sofort klar, was es war, das Bastien ihm verabreicht hatte. Er spürte keine Veränderung, aber da der Jäger über ihn Bescheid wusste, konnte es nur eines sein. Hivosh. Das, was seine Nanomaschinen lähmte und sie daran hinderte, ihre Arbeit zu machen und ihn zu reparieren, wenn er verletzt wurde. Einen Moment lang verspürte er kalte Angst, die jedoch rasch von neuem Zorn davon gespült wurde, und dieses Mal war er tosender als zuvor.

"Drecksack!" Das Wort drückte nicht annähernd aus, was er empfand. Faye sprang auf und stieß den Tisch gegen Bastien um, der überrumpelt mit der schweren Holzplatte und den klirrend zerschellenden Weingläsern zu Boden ging; dann setzte er darüber hinweg. Wer wusste, was für versteckte Waffen der Mensch sonst noch haben mochte? 'Ich bring dich um! Ich bring dich um!! Drecksack, wie all die verdammten Laborratten. Lügen und täuschen, und ich falle immer wieder darauf herein!' Es war das erste Mal, dass er eine gewisse Zufriedenheit verspürte, als er zuschlug und seine Faust den Körper eines Menschen traf.

Bastien konnte nicht so schnell reagieren, wie der andere Mann auf ihn einschlug. Er wurde von der Wucht der Attacke umgeworfen und schlug hart mit dem Kopf auf den Fußboden auf. Er sah, wie Faye noch einmal ausholte, dann überkam ihn eine Hitzewelle von den Nanomaschinen, die sogleich in Aufruhr geraten mit der Reparatur begannen und mit einer weitere Welle kamen schreckliche Schmerzen in ihm auf, dann wurde es Nacht um ihn.

 

Es dauerte seine Zeit, ehe Sa'ini begriff, dass er sich verlaufen hatte. Sonntag war noch größer, als er gedacht hatte. Dumpf nur erinnerte er sich an die Pläne, die man ihm im Haupttempel kurz gezeigt hatte, aber selbst in den Oktaedern zu sein, schien die Dimensionen deutlich zu erhöhen. Dennoch störte es ihn nicht; früher oder später würde er schon wieder bei der Wohnung ankommen, und alles, was er hier entdeckte, fesselte ihn.

"Das ist beeindruckend", murmelte er zum wiederholten Mal, als er vor einem kleinen Strauch Heidelbeeren in die Hocke ging, der noch üppig Früchte trug. Er pflückte eine, betrachtete sie, dann aß er sie genüsslich. Sie schmeckte so, wie man es von Heidelbeeren erwartete.

Trotz der Hilfe der Droiden hatte Sa'ini nicht erwartet, dass alles derart hervorragend laufen würde. Keiner der Oktaeder, durch den er gekommen war, hatte vernachlässigt gewirkt, und trotz der Vielzahl der Klimata schien alles einwandfrei zu funktionieren. Arlin musste ein profundes Wissen über die verschiedenen Klimazonen der Erde und deren Flora und Fauna haben.

Sa'ini verließ die gemäßigte Zone und erreichte nur wenig später einen tropischen Raum. Feuchte Hitze empfing ihn, und er lächelte, weil er sich wieder an den Rückweg erinnerte. Schnellen Schrittes umrundete er den Oktaeder auf einem gepflegten Weg, doch noch ehe er die Tür erreicht hatte, schloss sich diese vor ihm. Verwirrt hielt er inne, zögerte einen Moment, dann sah er auf die Uhr seines Computers. "Oh, schon so spät?"

Hilfesuchend sah er sich um, doch kein Droide war mehr zu sehen, dem er nach draußen hätte folgen können. Unsicher klopfte er an die Tür, was natürlich nichts bewirkte, auch nicht als er es verstärkte. "Arlin? Kannst du mich hören?" Er ließ seinen Blick über die Wand gleiten und entdeckte die kleine Kamera über dem Türsturz, der er zuwinkte. "Ich bräuchte Hilfe."

Es war ziemlich unwahrscheinlich, dass die Katzenkreation ausgerechnet jetzt diesen Raum beobachtete; aber vielleicht würde er ihn beim Abendessen vermissen, selbst wenn es ihn wohl eher erleichtern würde. Mit einem kleinen Seufzen setzte sich Sa'ini an den Wegesrand und lehnte sich an der Wand an. Er hätte es schlimmer treffen können, einige der Oktaeder waren deutlich kälter. Selbst wenn es unbequem war, würde er hier immerhin nicht frieren.

Er wollte eigentlich seinen Bericht weiterführen, den er auf seiner Entdeckungsreise mehr als einmal vergessen hatte, aber sah statt dessen zum Himmel empor, wo ein Sonnenuntergang simuliert wurde und schließlich sogar Sterne zu sehen waren. Sa'ini seufzte tief; es war einfach nur wunderschön.

 

Schimpfend stülpte Arlin sich den Schutzhelm über und prüfte die Sauerstoffzufuhr, dann schloss er das Visier und kletterte in die kleine Raupe, die ihn zum tropischen Oktaeder bringen sollte. Nachdem sich die Schotts geschlossen hatten, konnte man nicht mehr unter den Oktaedern hin und her gehen, nur noch über die Verbindungswege, die durch nachts nicht klimatisierte und nicht mit Sauerstoff versorgte Korridore führten.

Er hatte nur einen Schutzanzug und wusste, dass es also die Nacht dauern würde, bis er mit Sa'ini zurückkehren konnte, aber das war Arlin recht. Sie konnten im tropischen Oktaeder gut übernachten, der abendliche Regenguss, der in einigen Minuten beginnen würde, ließe sich sicherlich in der Schutzhütte trocken überstehen.

Arlin hatte gerade den Anzug gesichert, als er einen letzten Blick auf die Szene in der Küche warf. Ein Fehler. Entsetzt starrte er auf die beiden Männer, Faye holte gerade aus, um Bastien sehr erfolgreich offensichtlich niederzuschlagen. "Faye!"

Hastig öffnete Arlin das Visier wieder und zerrte mit den Zähnen an den schweren Handschuhen. Er wollte das aggressive Schutzprogramm gerade starten, um ihm zu befehlen, den Menschen in seiner Wohnung unschädlich zu machen, als ihm angezeigt wurde, dass es keinen Menschen gab.

'Verdammt! Wenn ich Befehl gebe, den Androiden zu jagen, oder den Eindringling, dann werden sie auch Faye attackieren.' Es blieb Arlin nichts weiter übrig, als die Wohnung zu verriegeln, damit die beiden nicht entkommen konnten. Ein letzte Blick auf seinen Monitor zeigte Arlin, dass Bastien bewusstlos am Boden lag, Glasscherben hatten ihm kleine Schnitte zugefügt, aber das wenige Blut war schon getrocknet, sein Gesicht glänzte nass, als hätte er hohes Fieber.

Kurz überlegte Arlin, ob er zu Faye zurückkehren sollte, als ihm der Monitor mit der Überwachung des tropischen Oktaeders anzeigte, dass Sa'ini direkt an der Schleuse stand und mit der Kamera sprach. Der kleine Kemjasheri'i winkte gerade erneut in Arlins Richtung, als die ersten Windböen durch die Palmen umher fuhren. "Du dummer Sonnenritter! Geh in die Schutzhütte!" Gleich darauf begann es zu schütten und Arlin packte seufzend noch zwei Overalls und Decken in die Transportkiste, damit der Sonnenritter sich nicht den Tod holte.

Die Fahrt mit der Raupe war unangenehm. Durch die elektrisch geladenen Stürme und die eisige Kälte blieb das Fahrzeug einige Male stehen und musste mit einem Energiestoß zur Weiterfahrt überzeugt werden. Doch endlich fuhr Arlin nach etlichen kleineren Tricks, um das Tor zu öffnen, in die Schleuse ein und parkte die Raupe, bevor er sich auszog.

In Shorts und Sandalen, mit den Decken unter dem Arm und einer Tasche für Sa'inis Kleidung trat er schließlich in den dampfenden Dschungel, über dem die elektrischen Stürme außerhalb der Kuppel für unirdisches Wetterleuchten sorgten.

 

Als die ersten Wassertropfen auf den Monitor fielen, erinnerte sich Sa'ini wieder daran, warum es Regenwald hieß. Hastig schaltete er den Computer aus und barg ihn unter der Weste, um ihn so gut wie möglich vor der Nässe zu schützen. Ein wenig Feuchtigkeit machte ihm nichts aus, aber je nachdem wie schlimm der künstliche Regen wurde, konnte er das kleine Gerät durchaus zum Kurzschluss bringen.

Ihm fiel eine Hütte ein, die er bei seinem Hinweg gesehen hatte, doch noch ehe er sie wiedergefunden hatte, war er vollkommen durchweicht. Als er die Tür hinter sich schließen konnte und von gedämpfter Beleuchtung empfangen wurde, wusste er, dass die Nacht unbequemer werden würde, als er gedacht hatte. Er legte den Computer auf den einfachen Tisch und schlüpfte aus der nassen Kleidung, froh darüber, dass es so warm war, auch wenn er etwas fröstelte. Nach einigen Momenten entschied er sich dafür, zumindest das Hemd wieder anzuziehen, und kauerte sich dann auf der schmalen, aber immerhin gepolsterten Bank zusammen.

Arlin fühlte bei dem Anblick des kleinen Mannes mit der nassen Kleidung mehr Erleichterung, als er wollte. "Sa! Ist dir auch nichts passiert?" Eifrig stellte er die Tasche mit den Decken und der Kleidung neben dem Kemjasheri'i ab. "Ich konnte nicht schneller herkommen, die elektrischen Stürme verursachen überall auf Sonntag Störungen."

Überrascht blinzelte Sa'ini seinen Gastgeber an, der so unvermutet zur Tür hereingeweht worden war. Ebenso überraschte ihn, dass sich der andere offensichtlich Sorgen um ihn gemacht hatte und weder abweisend, noch verunsichert schien. "Ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet, dass du kommst", gab er zu und lächelte erleichtert. "Aber ich bin froh darum."

Noch froher war er, als Arlin ihm trockene Kleidung und ein Handtuch reichte. Nachdem er sich umgezogen hatte, saß er neben dem Katzenmann auf der Bank, noch immer mit reichlich Sicherheitsabstand, und frottierte seine Haare. "Viel mehr als Nässe kann mir hier ja nicht passieren. Oder hast du auch noch ein paar wilde Tiere in dem Oktaeder einquartiert?"

Arlin hob die Schultern. "Es sind natürlich Tiere hier, aber wir sind eigentlich nicht auf ihrer Futterliste." Er warf einen unsicheren Seitenblick auf Sa'ini, der noch immer damit beschäftigt war, seine wirren Haare zu trocknen. "Ich musste herkommen. Es ist alles so sehr schief gegangen mit uns, ich musste versuchen, es wieder recht zu machen." Bedauernd fügte er an "Wir können leider nicht in die Wohnung zurück, zu wenig Energie und ich fürchte mich vor einer Nacht draußen auf den Korridoren, es ist... nicht geheuer, Dinge... passieren in den statischen Nebeln." Unsicher stand er auf und schob die Finger in die kleinen Hosentaschen seiner Flickenshorts. "Tut mir leid, dass ich keinen Kamm mitgebracht habe."

"Macht nichts, ich bin sehr viel glücklicher über den Overall. Danke." Sa'ini legte das Tuch über die Seitenlehne der Bank und strich sich die Haare nur aus dem Gesicht. Es würde am nächsten Tag ein Kampf werden, sie durchzukämmen, das wusste er schon jetzt. "Es ist wirklich viel schief gegangen, aber nichts, das man nicht wieder richten könnte. Vielleicht ist es sogar ganz gut, dass wir nun etwas Ruhe haben, um uns zu unterhalten." Dann fragte er jedoch neugierig "Dinge passieren? Aber doch nur in den Nebeln, nicht auf der Station, oder?"

Arlin hob die Schultern. "Nein, nicht auf der Station, und ich wage nicht, in die Nebel zu gehen. Aber einmal, es ist noch nicht so lang her, da haben meine Scanner ein seit Jahren vermisstes Fährschiff geortet. Für einen kleinen Moment lang nur, dafür aber sehr deutlich. Es waren Lebensformen an Bord, die Zeit reichte für eine Analyse nicht mehr aus und ich habe das Schiff nie wieder gesehen."

Sa'ini fröstelte, was zu einem Schaudern anwuchs, als er daran dachte, dass Arlin lange Zeit niemanden gehabt hatte, mit dem er seine Sorgen und Ängste hatte teilen können. 'Wie gut dass er jetzt Faye hat... Ich muss mit ihm sprechen! Wieso habe ich das noch nicht getan?' Dabei wäre es das Naheliegendste gewesen. Schließlich hatte der große Mann seine Order auch von einem Sonnentempel bekommen, und gemeinsam wären sie vielleicht schneller auf etwas Gemeinsames gekommen, ohne Arlin zu verletzen.

"Ich sorge dafür, dass du hier bleiben kannst", erklärte er entschlossener denn je. "Ich habe bereits mit einem Bericht an den Haupttempel angefangen; magst du mir dabei helfen? Ohne dich wird er kaum vollständig sein können."

Arlin stellte seine Ohren auf und nickte. "Gerne. Ich wollte mich ohnehin entschuldigen, dass ich so wenig hilfreich gewesen bin und wollte mich bessern. Für Sonntag will ich so viel tun, wie ich kann, damit es bleiben kann, damit die Welt hier nicht getötet werden muss." Er lächelte und strich mit den Fingern über eine silbergrüne Moosflechte, in die eingewoben hellviolette, ein wenig im künstlichen Sternenlicht schimmernde Orchideen wuchsen. "Weißt du, Sa'ini, ich hätte es nie geglaubt, aber je weniger ich mich um die tropischen Oktaeder kümmere, umso schöner werden sie. In diesen hier kehre ich nur noch zur Beobachtung zurück. Seit Monaten haben meine Droiden hier nur die Regendüsen gereinigt und die Tür zum Schott freigehalten."

Er ließ sich auf der breiten Holzschaukel vor der Hütte nieder, nachdem er sie mit Kissen und den mitgebrachten Decken ausgepolstert hatte. "Willst du dich zu mir setzten? Von hier können wir über den Wald sehen und reden, Sa'ini." Und Arlin schwor sich, dass er erst zurückkehren wollte, wenn der Kemjasheri'i verstanden hatte, dass nicht nur er die Station und die Station ihn brauchte, sondern so viele Millionen Lebewesen nun schon hier lebten, zum Teil allein vermehrt, zum Teil mit Hilfe der Droiden und einer geplanten Aussaat, dass es einfach nicht denkbar war, diese kleine Welt zu zerstören. Er legte den Kopf schief und dachte einen Augenblick lang nach, dann begann er zu erzählen.

 

Faye hatte mit einem Angriff gerechnet, mit dem Messer sogar, aber zumindest mit Gegenwehr. Doch jetzt lag Bastien halb unter dem Tisch, halb unter ihm und rührte sich nicht mehr. Faye ließ die erhobene Faust sinken, während ein kalter Schauer seinen Rücken hinabkroch und seine Nackenhärchen dazu brachte, sich aufzurichten.

'Er hätte es verdient', versuchte eine kleine Stimme ihn zu beruhigen, aber sie klang genauso kläglich, wie Faye sich fühlte. All die Wut, die er vor einem Moment noch empfunden hatte, war dahin. Er wusste, dass er sein Leben verteidigen konnte, aber das hier bereitete ihm Übelkeit. 'Habe ich ihn totgeschlagen? Habe ich zu fest geschlagen? Hat er sich bei dem Sturz das Genick gebrochen?'

Seine Hände zitterten, als er es schließlich wagte und nach dem Pulsschlag tastete. Zuerst fand er nichts, weil er zu ungeduldig und nervös war, und es war der Atem, der ihm dann verriet, dass Bastien noch lebte. Das Gefühl der Erleichterung war grenzenlos und erlaubte auch wieder wütende Gedanken. 'Er wollte mich töten. Er hätte es verdient. Dann wäre ich ihn los.'

Faye richtete sich auf und zerrte den leblosen Körper unter dem Tisch hervor, um ihn anschließend mit ihren Gürteln zu fesseln. Misstrauisch betrachtete er seine Konstruktion, zweifelte aber daran, dass sie lange halten würde. Für einen Moment überlegte er, ob er Bastien einsperren sollte, ins Bad vielleicht. Er warf einen zornigen Blick auf den bewusstlosen Mann, dann erst nahm er die Verwüstung wahr, die er angerichtet hatte. Glassplitter und Wein bedeckten den Boden, dazwischen lag malerisch eine sonnengelbe Blume, die zuvor noch den Tisch verziert hatte. Fluchend, um seine Angst zu unterdrücken, machte Faye sich daran, wieder Ordnung herzustellen.

Als er sich endlich hinsetzte und etwas Ruhe zurückgewonnen hatte, begann er zu spüren, wie das Hivosh wirkte. Seine Knie schmerzten, weil er sie gestoßen hatte, ebenso wie seine Fingerknöchel. Langsam hob er die Hand vor die Augen und sah, dass die Haut abgeschürft war und klare Flüssigkeit in Tröpfchen die Finger hinabrann.

"Es heilt nicht", flüsterte er. Vorher waren solch minimale Verletzungen sofort verschwunden. Grauen stieg in ihm auf, als er begriff, was das bedeutete. Wunden holte man sich immer und immer wieder, ohne dass man darüber nachdachte oder es auch nur bemerkte. Aber bei ihm würde es sich nun ansammeln, mehr und mehr werden, bis er irgendwann auseinander fiel oder einfach nicht mehr funktionieren konnte, weil er mehr Flüssigkeit verlor, als er durch Trinken zuführen konnte.


by Jainoh & Pandorah