Sonntag 2.2

10.

Die Tür klappte und Faye erschien unsicher um sich blickend. Bastien bemerkte, dass alle Verletzungen gut verheilt waren, wie nie da gewesen. Er selber hingegen hatte noch immer einen dicken Schädel und spürte das Arbeiten der Maschinchen in seinem Kopf, wo sie einen Bluterguss abbauten. Übellaunig starrte er Faye entgegen. "Guten Morgen. Ich muss mal, bringst du mir ein Töpfchen, oder darf ich kurz austreten, bevor ich wieder eingesperrt werde?"

"Das Bad ist im Moment belegt, aber wenn du darauf bestehst, werde ich dir einen Nachttopf suchen", erklärte Faye liebenswürdig und stellte das Tablett auf der Kommode ab. "Wie geht es dir?" Trotz allem ein wenig besorgt musterte er ihn, befand aber, dass er bis auf das mürrische Gesicht schon wieder recht gut aussah.

Verwirrt überlegte Bastien, ob Faye sich wirklich Sorgen machte. "Das Fieber ist runter und ich würde lieber das Bad benutzen, wenn es erlaubt ist. Ich hatte mal Handschellen, wenn du willst, kannst du sie dir von Arlin zurückholen und mich fesseln. Das sollte besser funktionieren als der Gürtelversuch."

Verlegen kratzte Faye sich im Nacken, dann grinste er. "Es war mein erster Versuch, jemanden zu fesseln. Dafür hast du immerhin schon mal drei Minuten gebraucht, das ist doch kein so schlechter Anfang." Sich mit verschränkten Armen gegen die Wand lehnend, sah er Bastien an. "Ich lasse dich ins Bad, wenn Arlin fertig ist." Er zögerte, schaute zur Tür hin und wieder zu dem Mann zurück, der von der Nacht verstrubbelte Haare hatte, was ihn weniger gefährlich wirken ließ. "Was mir nicht in den Kopf will, ist, warum du das mit dem Hivosh gestern getan hast. Du weißt, dass Arlin und ich zusammen sind. Und dass er hier alles kontrolliert. Es wäre doch weitaus sicherer gewesen, wenn du gewartet hättest, bis man hier wieder weg kommt."

Bastien schüttelte den Kopf. Obwohl er über Fayes Art fast hatte lachen müssen, versucht er, nicht einmal zu lächeln. "Weiß ich, wann sie kommen? Ob sie vielleicht schon in fünf Minuten hierher kommen, um dich zu holen? Ich wollte, dass du so schnell wie möglich wertlos bist." Er fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare und streckte sich ein wenig, bevor er sich aufsetzte. "Ich habe ihnen als letzte Meldung die Flugroute von Sa'inis Fähre gesendet. Es kann sehr wohl sein, dass sie..."

Eine dumpfe Warnsirene unterbrach Bastien, er hielt sich den Kopf und sah sich irritiert um, dann nickte er jedoch und vollendete mit einer großzügigen Geste in Fayes Richtung. "So. Da hast du es!"

Fayes Nackenhaare richteten sich auf, und sein Magen klumpte sich eisig zusammen. "Arlin hat gesagt, ihr seid die letzten gewesen, die für einen Monat hier vorbei kommen werden, weil die Nebel die Route unpassierbar machen." Andererseits traf das vielleicht auch nur für gewöhnliche Frachtschiffe zu. "Zudem wusstest du gar nicht, dass ich mich hier befinde, also werden sie kaum hier auftauchen. Wenn sie ständig deinen Spuren folgen, bräuchten sie dich nicht zu schicken."

Er stieß sich von der Wand ab und verließ das Zimmer, ohne sich noch einmal umzusehen, vergaß jedoch nicht, hinter sich abzuschließen. 'Warum erwarte ich eigentlich vernünftige Antworten von ihm?', dachte er verärgert. Er konnte sich des Unbehagens jedoch nicht erwehren, während er mit schnellen Schritten zur Küche eilte, nur um dann zur Zentrale abzubiegen, als der Arlin dort nicht vorfand.

In der Zentrale war Arlin mit einer hellrosafarbenen Shorts zu passenden leichten Schuhen und Handschuhen bekleidet damit beschäftigt, die Schutzschilde neu zu justieren. "Faye! Da bist du ja. Hast du nach Bastien gesehen?" Er tippte munter auf die Tastatur ein und verglich seine aktuellen Werte mit denen des Vorjahres. "Wir müssen nun abschotten, die elektrischen Stürme sind in diesem Jahr heftiger als sonst. Hast du den Alarm gehört? Hab ich mich vielleicht erschreckt!"

Faye atmete erleichtert auf, während er beschloss, Bastien in Zukunft zu ignorieren und ihm keine Fragen mehr zu stellen. "Ich habe ihn gehört, und Bastien meinte, es könnten Verfolger sein, die mich suchen. Ich mag elektrische Stürme sehr gerne, denke ich." Er grinste und fand besonders Arlins passend rosafarbene Brille sehr süß, auch wenn sich die Farbe etwas mit den roten Streifen des Felles biss. "Kann ich dir helfen?"

"Nein, nein. Geh du nur zu Sa und Bastien zurück. Ich werde hier meine Arbeit allein machen müssen. Wenn ich fertig bin, komme ich zu euch zurück." Arlin drehte sich zu seinem Schatz um und küsste ihn leicht. Sein Besuch hatte ihn aufgehalten. Nun musste er sich beeilen und zugleich konzentrieren. Der Alarm am Morgen war nur einer der Hinweise gewesen, dass er nicht voll und ganz konzentriert war. "Magst du dich nicht vielleicht um Bastien kümmern? Ich... habe ihm auch Fesseln abgenommen, vielleicht, wenn wir herausfinden, wie sie funktionieren, bräuchten wir ihn nicht einsperren." Unsicher blinzelte Arlin Faye ins Gesicht. "Tut mir leid. Er hat dich bedroht und ich will es ihm angenehmer machen. Aber... er... soll nicht leiden. Es würde mich traurig machen, und das will ich nicht in all dem Glück mit dir."

"Ich lasse ihn nicht leiden." Verständnislos erwiderte Faye den Blick. "Aber ich will auch nicht sterben. Ich habe ihn nicht festgekettet, er bekommt Essen, darf ins Bad... Als Dank dafür lügt er munter weiter. Wenn er könnte, würde er mir sehr wahrscheinlich meine Chips rausreißen und sie freudig zurück ins Labor tragen. Der Mann ist ein Mörder, Arlin, und ich bin nicht der erste, den er jagt. Und die Fesseln ich würde mich nicht wundern, wenn die ihn gar nicht halten würden. Nur so für den Fall der Fälle, dass man sie gegen ihn verwendet. Aber lass uns darüber diskutieren, wenn du hier fertig bist. Das hier hat Vorrang, bis dahin hält er es auf jeden Fall noch im Zimmer aus."

Er lächelte ihn an und wandte sich dann ab, um zurück zur Wohnung zu laufen. Das Lächeln verschwand noch, ehe er die Zentrale verlassen hatte. Faye fühlte sich verunsichert und fragte sich, ob er nun zu misstrauisch war, nachdem er alle Möglichkeiten der Naivität ausgelotet hatte.

'Nein, wenn er den Mund aufmacht, lügt er. Oder verdreht die Wahrheit zu seinen Gunsten. Will Arlin wirklich riskieren, dass er mich umbringt, nur damit der Kerl es bequemer hat?' Er wünschte sich wirklich, dass Bastien das Attentat später ausgeführt hätte. Dann hätte er... 'Ja, was? Gehen können? Ich will doch gar nicht weg.'

In der Küche traf er auf Sa'ini, der mittlerweile im Bad fertig war und selbst seine Haare entwirrt hatte, die schwer und feuerfarben seinen Rücken hinabfielen. Hübsch war er schon, das musste Faye zugeben, und jetzt, da er Arlin nicht mehr zum Weinen brachte, fand er ihn auch sehr viel netter. Er verdrängte seine trüben Gedanken, grüßte fröhlich und bekam einen etwas überrascht wirkenden Gruß zurück.

"Arlin muss die Schotts justieren, dann kommt er zu uns." Faye zögerte, sagte dann aber nur "Und dein Fahrgast... das erkläre ich dir später, wenn Arlin dabei ist. Ich schaue gerade noch mal nach ihm." Man sah Sa'ini an, dass er verwirrt war, aber Faye drehte sich nur um und verließ die Küche wieder.

Wenig motiviert kehrte er zu Bastien zurück und öffnete die Tür. "Bad ist frei", erklärte er knapp.

Bastien hatte schon voller Hoffnung frische Kleidung herausgesucht und nickte zum Dank. Gelassen ging er zur Tür und sah dann zu Faye zurück. "Willst du mit rein und mich bewachen?"

"Ich kann mir besseres vorstellen, als dich beim Duschen zu beobachten. Ich kann mir überhaupt besseres vorstellen, als auf dich aufzupassen. Warum bist du nur... so ein Idiot." Obwohl der Tag noch nicht lange begonnen hatte, fühlte Faye sich müde. Am Schlafmangel konnte es nicht liegen, er war oft schon länger wach gewesen, ohne damit Probleme zu haben.

Nach einem lautlosen Seufzen folgte er Bastien dennoch ins Bad, um ein Auge auf ihn zu haben. Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, fiel ihm ein, dass der andere nicht nur duschen wollte, doch sich jetzt noch einmal anders zu entscheiden, kam nicht in Frage. Finster wandte er sich halb von Bastien ab und kam sich eigentlich nur noch lächerlich vor.

'Er hat versucht, mich umzubringen', sagte er sich hartnäckig vor. 'So lächerlich bist du nicht, wenn du wachsam bleibst.' Er hoffte nur, dass Sa'ini und Arlin eine bessere Lösung einfiel als das hier.

Faye war einfach irritierend. Permanent tat er das Gegenteil von dem, was Bastien erwartet hatte. Wenn er bissig wurde, lächelte Faye, wenn er ihn freundlich etwas fragte, schnappte der Androide zurück. Jetzt hatte Bastien wirklich nur im Scherz gesprochen, aber ganz offensichtlich konnte Faye noch nicht jeden Scherz von Ernst trennen.

"Oh, es tut mir leid, dass ich Unannehmlichkeiten bereite, Faye. Ich weiß, dass du mir nie wieder glauben wirst, aber wo soll ich hier hin, hm? Und wie soll ich dich töten? Ohne Waffen, ohne Hilfe." Es war logisch, aber die Logik war an Faye offensichtlich verloren.

"Waffen gibt es hier genug, von Küchenmessern bis hin zu den Geräten, mit denen die Droiden arbeiten. Ich glaube nicht, dass du da wählerisch bist. Und wo du hinsollst, hat für dich auch keine große Rolle gespielt, als du mir das Hivosh gespritzt hast." Faye lehnte sich gegen einen der schmalen Badezimmerschränke und sah zu dem Milchglasfenster hin. 'Hättest du das nicht einfach lassen können? Verdammt...'

In den Labors hatte man Bastien keinen Grund genannt. Nur die Beschreibung von Faye, seine Fähigkeiten und der Auftrag, den Androiden unschädlich zu machen, bevor die Feinde ihn in die Finger bekommen konnten, wurde ihm zugeteilt. Niemand sprach von den Gründen für den geplanten Neustart, für die Flucht von Faye.

Nachdem er sich endlich erleichtert hatte, pellte Bastien sich aus seiner zum Teil blutverschmierten Kleidung und warf sie in die Wäscheklappe. Nach einem schrägen Blick in Richtung des wunderschönen, perfekten und sehr genervt aussehenden Androiden an der Tür stellte er in aller Ruhe die Dusche an, regulierte die Temperatur, holte sich die Seife, die ihm gefiel und ließ sich beim Einseifen Zeit.

Nachdenklich sah er auf das durch den Dampf ein wenig verwischte Bild des Bades mit dem weißhaarigen Mann, dessen gesunde Hautfarbe sogar in dieser Beleuchtung natürlich wirkte. "Haben sie dich vielleicht zu emotional gemacht? Wollten sie dich deswegen nicht mehr leben lassen? Hast du dich deswegen in das erste Wesen verknallt, das dir über den Weg gelaufen ist?"

Faye zuckte gleichgültig mit den Schultern. "Arlin war nicht das erste Wesen, und ich glaube kaum, dass du Interesse an den Fehlern hast." Höchstens, um sie gegen ihn zu verwenden, aber dazu waren sie nicht geeignet. Faye sah sie nicht einmal als Fehler an. Es gab keinen Notausschalter für ihn, falls er sich gegen sie stellte; das war einer davon. Er grinste und sah zu Bastien hin, der die Dusche sichtlich genoss.

Sauber war ein entschiedenes Luxusgefühl nach der schrecklichen Nacht. Bastien trocknete sich langsam ab und versuchte Fayes Blicke zu ignorieren, die sich über ihn lustig zu machen schienen.

"Ich glaube, dass sie dich ausschalten wollten, weil du zu schön geraten bist. Zu gut einfach, das glaubt kein Mensch. Man fühlt sich zweitklassig, wenn man mit dir zusammen sein muss", murrte er endlich und fühlte zum ersten Mal, dass er nicht mehr scherzen und sticheln wollte mit dem Androiden. Es war wirklich so. Er fühlte sich schäbig, trotz der Dusche noch immer nicht frisch genug. Von Faye abgewandt zog er sich die Kleidung, eine schmale schwarze Hose, ein altes Hemd und einen dunkelgrauen, dicken Rollkragenpullover über, bevor er die Füße in die Gästeschlappen schob, die Arlin ihm gegeben hatte.

Faye lachte auf, obwohl wenn er gar nicht freundlich mit seinem Beinahe-Mörder sein wollte. Aber auch wenn er wusste, dass es nicht ernst gemeint war, sondern nur, um wieder Vertrauen zu gewinnen, mochte er es, wie der Mann ihn neckte. "Arlin scheint das anders zu sehen, von daher mache ich mir keine Gedanken. Außerdem bin ich augengefällig entwickelt worden, das ist nichts, auf das ich mir was einbilden könnte." Er ließ seinen Blick über Bastiens Rücken gleiten und beneidete ihn einen Moment lang. "Du hingegen bist echt. Deine Muskeln kommen vom Training, weil du etwas dafür getan hast. Dein Körper, so wie er ist, ist dein Werk."

Bastien blinzelte einmal, dann zuckte er mit den Achseln. "Ja klar. Bekomme ich auch etwas zu essen, oder war es das mit der Freundlichkeit?"

Verwirrt sah Faye ihn an. "Hast du das Tablett nicht gesehen? Das habe ich dir vorhin schon gebracht. Für einen Möchtegernmörder bist du ganz schön blind." Er öffnete die Tür und machte einen übertriebene Aufforderungsgeste nach draußen. "Nach Ihnen, der Herr."

"Ah, ich werde noch immer eingesperrt. Na gut." Als Bastien in das Gästezimmer bog, traf er dort auf zwei Droiden von Arlin, die den Parkettboden auf Hochglanz polierten. Das Bett war frisch bezogen worden. Durch das hohe Fenster fiel mittlerweile recht kräftig die Sonne. Bastien warf einen kleinen Blick zurück, dann fragte er spontan "Wenn ich rauchen wollte, dann dürfte ich das auch? Dürfte ich in den Garten raus?" Aufmerksam beobachtete er Fayes Haltung, dann fügte er an "Bitte. Ich schwöre bei meinem Chip, dass ich dich nie wieder auch nur anfasse."

Das entsprach der Wahrheit. Sein Vorhaben war durchgeführt. Er musste eigentlich nur noch eine Probe von der Nährflüssigkeit in Faye erhalten, dann war er frei und vermutlich Faye ebenfalls, denn die Leute vom Labor konnten ihn entwertet nicht mehr gebrauchen.

Faye machte eine ablehnende Bewegung und Bastien kam ihm zuvor. Er ließ sich seufzend auf das Bett fallen und rieb sich über das Gesicht. "Schon in Ordnung. Schließ mich einfach wieder ein... hey, aber bring mir noch ne Tasse Kaffee. Der hier ist kalt."

Faye wollte schon ablehnen, doch dann musste er an Arlins süßes Gesichtchen denken und die großen Augen, die ihn hinter der Brille so bittend angesehen hatten. "Wenn ich selber gefrühstückt habe", schränkte er ein. "Dann bekommst du mehr Kaffee, und in den Garten können wir auch gehen."

Nachdem er abgeschlossen hatte, kehrte er zurück in die Küche, um sich schweigend an den Tisch zu setzen und auf Arlin zu warten.

Bastien starrte die Tür an und fühlte sich wie ein Baby. "Danke, Mutti!", schrie er hinter dem Androiden her und starrte dann wütend auf die Kamera. Er hatte den Katzenmann noch nicht gesehen und vermutete nun, dass der Kleine am Arbeiten war. Vielleicht gar in der Zentrale. Böse grinsend machte Bastien sich daran, mit seinem kleinen Tagebuchrechner Schilder zu schreiben.

 

Arlin rieb sich unglücklich den Bauch. Er hätte doch erst mit Faye essen sollen. Wenn er so weiter machte, würde er zum einen vor Hunger schlechte Laune bekommen und zum anderen würde sein Schatz sehr bald sauer werden, wenn er ihn immer so vernachlässigte.

"Es ist so schwierig, ich bin es einfach viel zu sehr gewöhnt gewesen...", seufzte er und führte, während er die letzten Prüfprogramme laufen ließ, in Gedanken weiter '... allein zu sein. Machen zu können, was ich wollte, wann ich es wollte. Ich konnte die Nacht einfach im tropischen Oktaeder bleiben, keiner hat mir Vorhaltungen gemacht am Morgen. Ich konnte in der Schottzeit einfach das Essen ausfallen lassen und durcharbeiten, niemand hat mit vorwurfsvollem Blick am Tisch auf mich gewartet.'

Der Gedanke brachte ihn darauf, einmal wieder in die Wohnung zu sehen. Er ließ die Zeit ein wenig zurücklaufen und beobachtete, wie Sa'ini sich duschte und mit den prächtigen Haaren kämpfte. Der Kemjasheri'i nahm sich in der Küche dann einen Tee und schien auf der Terrasse die Sonne zu genießen.

Faye währenddessen ging mit Bastien in das Bad, wo der Jäger sich duschen und frisch anziehen konnte. Die Putzdroiden schienen diese Chance zu nutzen. Mit einem Lächeln beobachtete Arlin, wie vier seiner kleinen Helfer über das Zimmer herfielen, Blutflecken wegwuschen, das Bett machten und schließlich den Fußboden wienerten. Das Kaminfeuer im Gästezimmer wurde neu entfacht, und als Bastien und Faye den Raum betraten, huschte die kleinen Maschinen rasch wieder hinaus, in Richtung des Bades.

Kaum war Faye in die Küche gegangen, als Bastien nach einem Blick in Richtung der Kameras schon zu schreiben begann. Schilder. Er hielt sie nacheinander zur Kamera hoch und blickte Arlin anklagend darüber hinweg an. 'Habe Hunger und Durst'.

Arlin schnaubte. "Du hast genug, du gieriger..."

Die nächsten Schilder schrieben: 'Lass mich frei', 'Ich schwöre', 'bin brav'.

"Das hast du dir so gedacht, was? Ich bin doch nicht doof und lasse einen Mörder frei, der mir dann meinen..."

'Er ist unzerstörbar.'

Nachdenklich starrte Arlin auf die Papiere, die in dem Zimmer verstreut lagen. "Das machst du extra. Ich glaube dir kein Wort, Faye ist mein..."

Bastien starrte in die Kamera hoch, dann legte er ein letztes Schild in die Sichtfläche und wendete sich ab, dem Fenster zu. Er ließ sich im Schneidersitz davor nieder und schien dort meditieren zu wollen.

Rasch wechselte Arlin zu Faye, der mit ausdruckslosem Gesicht am Küchentisch saß und auf die Gedecke starrte. Arlin schloss die Augen, dann erhob er sich, um zu dem anderen Programm zurückzukehren. Nur mühsam konnte er sich konzentrieren, aber endlich konnte er den Vorgang abschließen. Langsam ging er zu Faye zurück in die Küche. "Bin da. Hast du schon gegessen, Faye?"

Faye hob den Kopf und lächelte seinen Freund an, froh darüber, ihn wiederzusehen. "Nein. Ich habe gegrübelt, aber ich bin zu keinem Ergebnis gekommen. Dafür ist der Kaffee kalt geworden, ohne dass ich einen Schluck getrunken habe. Ich setze neuen auf." Das tat er dann auch, nachdem er seinem Schatz den Stuhl zurecht gerückt hatte. "Ist mit dem Winterprogramm und den Schotts alles in Ordnung?"

Arlin nickte leicht und beobachtete Faye beim Kaffeekochen. "Ich rufe Sa'ini herein." Wenig später saßen sie zu dritt um den Esstisch versammelt. Arlin bat Faye, dem Sonnenritter seine Lage zu erklären. "Sa'ini wird dich nicht verraten. Nicht wahr, Sa? Das würdest du Faye und mir nicht antun." 'Und mir? Habe ich denn ein Recht, so etwas zu sagen?' Diese Gedanken machten ihn unglücklich.

Sa'ini hatte langsam kalte Füße bekommen und bereits mit dem Gedanken gespielt, sich doch erst fertig zu machen, bevor Arlin zurückkam. Doch es war angenehm gewesen, in der Sonne zu sitzen, so dass er das Aufstehen immer weiter vor sich her geschoben hatte. Und jetzt war es zu spät. Allein seine Neugierde hielt ihn fest; so wenig Leute sie auf dieser Station auch waren, so viele Geheimnisse schien es doch zu geben.

"Ohne etwas zu wissen, kann ich da aber nicht pauschal mein Versprechen geben", meinte er unbehaglich, fügte nach einem Blick zu Arlin jedoch hinzu "Aber wenn du sicher bist, dass es nichts Unrechtes ist, ist es doch recht wahrscheinlich." Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass Arlin etwas deckte, das derart verabscheuenswürdig war, dass er sich zu einem Report gezwungen sehen könnte.

Faye nickte zögernd, ehe er zu erklären begann, wo er herkam, wie er hier gelandet war und warum er sich als Sonnenritter ausgegeben hatte. Er konnte das Spiel ohnehin nicht weiterführen, Arlin wusste es, und es war lediglich eine Frage der Zeit, bis Sa'ini darauf gekommen wäre. Dafür hatte Faye viel zu wenig Hintergrundwissen und der Kemjasheri'i zu viel.

Sa'ini hörte still zu, nicht allzu erstaunt darüber, dass sein Fahrgast mehr war, als er zu sein vorgegeben hatte, aber sehr fasziniert davon, dass Faye kein Mensch war. Niemals wäre er darauf gekommen; dazu schien er zu lebendig. Bisher hatte er Androiden grundsätzlich von lebenden Wesen unterscheiden können; allein ihre Art, sich zu bewegen, war trotz aller Grazie nicht mit der eines geborenen Geschöpfes zu vergleichen.

"Nein, ich werde nichts sagen", meinte er schließlich beinahe atemlos und bemüht, Faye nicht sinnlos anzustarren. Arlin blickte Sa'ini aufmerksam an, dann flüsterte er leise "Was machen wir denn jetzt? Meinst du, Bastien hat Recht? Ich... er weiß sehr viel." Errötend senkte Arlin den Kopf.

Unwillkürlich musste Sa'ini lächeln, schlicht wegen der Art, wie Arlin und Faye sich an ihn wandten, um Hilfe zu bekommen, selbst wenn er in Hausschlappen und Morgenmantel vor ihnen saß und obwohl er bis zum Vortag, wenn auch durch Missverständnisse, Arlin geängstigt hatte.

"Damit, dass Faye durch das Hivosh unbrauchbar für das Labor wird? Ich weiß es nicht." Er fragte sich, warum Arlin rot wurde. Wusste Bastien Dinge über ihn, von denen er geglaubt hatte, dass sie sicher waren? "Aber ich werde mein Bestes tun, um etwas Licht ins Dunkel zu bringen. Ich werde mit ihm reden; in das Zimmer muss ich ohnehin, ich brauche etwas Frisches zum Anziehen."

Arlin seufzte, dann nickte er. "Ja, versuch das, Sa'ini. Hast du den Schlüssel stecken lassen, Faye?" Arlin sah seinen Geliebten schüchtern an. Faye war so still gewesen. War es vielleicht gar nicht in seinem Interesse, wenn sie mit Bastien redeten?

"Nein." Faye kramte in der Tasche und drückte nach kurzem Zögern dem feuerhaarigen Mann den Zimmerschlüssel in die Hand. Er lächelte nichts sagend, als er die fragenden Blicke der beiden anderen bemerkte und wartete, bis Sa'ini die Küche verlassen hatte. Mit beiden Händen rieb er sich müde über das Gesicht. "Du glaubst Bastien doch schon längst, oder?"

"Nein und ja." Arlin stand auf und räumte das Geschirr fort. "Ich glaube ihm... nicht alles." Mit langsamen Bewegungen wusch er die Glasschale aus, in der sie Obstsalat angerichtet hatten. "Ich glaube ihm nicht, dass er hilflos ist und auch nicht, dass er dir nicht mehr schaden kann. Aber..." Arlin ließ den Kopf hängen. "Er weiß mehr über dich als ich. Das glaube ich ihm."

"Er weiß gar nichts", erwiderte Faye heiser und streckte die Hand nach Arlin aus, um ihn an sich und auf seinen Schoß zu ziehen. Er umfing die vom Waschwasser nassen Finger mit einer Hand und sah seinem Geliebten in die dunkelorangefarbenen Augen. "Alles, was er weiß, ist das, was Wissenschaftler ihm verraten haben. Er weiß vielleicht auf den Mikrometer genau, wie groß ich bin und welches Verhältnis meine Beine zum Oberkörper haben. Oder wie man die Farbe meiner Haare wissenschaftlich nennt und wie man sie erreicht. Er weiß vielleicht, wo meine verletzlichsten Stellen sind und wie mein Verdauungstrakt aufgebaut ist. Aber das, was zählt, das weiß er nicht. Das weißt du, zumindest so viel, wie man nach der kurzen Zeit schon wissen kann."

Arlin drängte sich an Fayes Körper heran und schloss die Augen, nachdem er die Brille abgelegt hatte. "Er weiß, dass du wieder gehen wirst", flüsterte er endlich heiser.

Jetzt, wo Arlin es aussprach, klang es für Faye viel endgültiger als die Male davor, wo er es nur gedacht und wieder verdrängt hatte. Er schluckte gegen plötzliche Enge in seinem Hals an und drückte den schlanken Körper in seinen Armen fester an sich.

"Ich will nicht gehen. Ich will bei dir sein", sagte er kaum hörbar. "Ich gehe nur, wenn ich dich gefährde. Aber laut Bastien würde ich das doch nicht, da man mich nicht mehr sucht, wenn er sein Spiel fertig gespielt hätte. Das heißt also, entweder lügt er oder ich bleibe hier."

"Nein, du... kannst hier nicht bleiben, du weißt doch noch gar nicht, wie die Welt ist! Ich würde dich hier genauso einsperren wie diese Menschen, denen du entkommen bist, Faye! Das kann ich nicht tun! Ich würde unglücklich werden."

Ungläubig sah Faye ihn an, dann lachte er und presste Arlin noch viel dichter an sich. "Oh, du bist so ein wundervoller Mann!" Er ließ ihn gerade genug los, um ihn ansehen zu können und mit den Fingerspitzen über die Sorgen umwölkte Stirn und den traurig angespannten Knospenmund zu streichen. "Du sperrst mich doch nicht ein. Ich will hier bleiben, bei dir. Hier werden andere herkommen, wenn wir mit Sa'inis Hilfe die Sonnenritter erst einmal überzeugt haben, dass Sonntag nicht geschlossen werden darf. Und du, du zeigst mir so viel, was ich vorher nicht gekannt habe. Wie sich Zärtlichkeit anfühlt, was Liebe macht..."

Das waren die einzigen Worte, die passend für das schienen, was sich in Faye schon wieder zu sammeln begann. Für dieses ziehende Sehnen, wann immer Arlin fern von ihm weilte und die Wärme, wenn sie zusammen waren. "Später können wir ja immer noch schauen, ob wir uns mal woanders umsehen, nicht? Vielleicht magst auch du irgendwann nicht mehr hier bleiben. Vielleicht einmal Urlaub machen. Aber momentan reicht mir diese Welt. Sie ist fast so herrlich, wie du es bist."

Arlin wurde rot und senkte schweigend den Kopf, um sich an Faye anzulehnen. "Du bist so wundervoll. Ich hätte nie geglaubt, dass jemand hier auf Sonntag leben wollte."


by Jainoh & Pandorah