Sonntag 2.2

11.

Sa'inis erste Amtshandlung als Unparteiischer bestand darin, nach einem kurzen Gruß an Bastien energisch zur Kommode zu gehen und sich etwas zum Anziehen herauszusuchen. Ihm war kalt, gleichgültig wie aufregend die Neuigkeiten gewesen waren. Und schlotternd bot er kein gutes Bild. Rasch zog er sich an und ordnete flüchtig sein Haar, ehe er sich Bastien wieder zuwandte.

"Besser", stellte er fest. "Arl und ich waren nächtens in einem der tropischen Oktaeder eingesperrt, nur für denn Fall, dass du dich fragst, warum ich nicht schon längst zurück gekommen bin, und sei es nur, um meine Meinung kund zu tun." Er rückte sein Schwert zurecht und setzte sich auf seine Seite des Bettes an den Rand. "Arl und Faye haben mich in gewisser Weise gebeten zu vermitteln und die Sachlage zu klären, da sie... nun, befangen sind."

Bastien hob eine Augenbraue und warf einen Blick über die Schulter auf den zierlichen Kemjasheri'i zurück, dessen Haar wie ein Fluss aus Feuer und Licht über seine Schulter fiel. "Aha. Ich suche keinen Streit. Ich habe dem Androiden die Salzlösung gespritzt, die seine Maschinen lähmt, seine Funktionen verlangsamt und ihn generell verunreinigt, so dass er wertlos ist für wer auch immer ihn stehlen will. Jetzt warte ich nur noch ab, bis die Stürme sich legen, die Eiszeit vorüber ist und dann werde ich wegfahren."

"Das mit der Eiszeit könnte noch länger dauern und deine Planung behindern. Faye ist nach wie vor überzeugt, dass du ihn umbringen willst, wenn du nur eine Gelegenheit dazu erhältst. Und ernsthaft gesprochen, Bastien, nur wegen ein wenig Salzlösung wird ein Androide dieser Perfektion nicht wertlos. Wenn man ihn einfängt und auseinander nimmt oder Tests mit ihm macht, wird man noch immer sehr viel davon erfahren, wie er hergestellt worden ist." Es klang nach Anklage, auch wenn Sa'ini es einfach nur direkt so meinte, wie er es gesagt hatte. "Leider bin ich der einzige Unparteiische hier", gab er zu und seufzte. "Ich hoffe, du bist mit meiner Diplomatie genügend vertraut, um zu merken, dass es kein Vorwurf sein soll."

"Es ist mir egal." Bastien wendete sich wieder ab. Sie glaubten ihm nicht. Merkwürdigerweise schien keiner von ihnen glauben zu können, dass Faye an sich nichts besonderes war. Mit einem Mal wurde Bastien klar, dass die anderen, Faye selber eingeschlossen, vermutlich wirklich nicht wussten, was er war. "Sa'ini. Ich weiß, dass dies schwer zu verstehen ist, aber Faye ist ein Serienprodukt. Einzig sein Hang zu einer zu großen Emotionalität, verbunden mit einer absoluten Unsterblichkeit, haben ihn besonders gemacht. In den Labors gibt es noch weitere... Fayes. Ich habe zwei davon gesehen. Sie haben allerdings ein weniger... auffälliges Äußeres als der Prototyp."

Es überraschte Sa'ini, dass man bereits in der Lage war, diese Androiden in Serie herzustellen, aber unglaubwürdig war es nicht. Und es erklärte Bastiens Haltung zu einem sehr viel größeren Teil als alle Äußerungen zuvor.

"Das ist... hilfreich", sagte er nach einem Moment Pause, den er gebraucht hatte, um zu begreifen, dass es wirklich in näherer Zukunft geschehen konnte, dass Wesen, denen er gegenüberstand und sie für lebendig hielt, nur Androiden waren. 'Aber was unterscheidet sie dann noch von geborenen Geschöpfen, außer ihre Zusammensetzung und dass sie vollkommen geplant sind? Und... und warum will man solche Androiden überhaupt in Serie herstellen?'

Ihm gruselte es vor dem Gedanken. "Du solltest ihn vernichten, ihn wertlos machen, das war dein Auftrag. Aber selbst mit Hivosh ist er für andere Forscher, die nicht so weit sind wie diese, noch ein willkommenes Objekt. Und gerade das sollst du doch verhindern. Damit gefährdest du deinen Auftrag, wenn du ihn gehen lässt. Warum?" Ein Blick in das mürrische Gesicht brachte ihm mit einem Mal die Antwort. "Er... gefällt dir."

Dieser Kemjasheri'i war jedenfalls nicht wie die anderen, die er zuvor kennen gelernt hatte. Seine direkte Art, die Akzeptanz eines künstlichen Wesens, die Akzeptanz einer Liebe zwischen zwei männlichen Wesen waren sehr ungewöhnlich, um es gemäßigt auszudrücken.

"Du bist verdammt direkt für einen Kemjasheri'i." Bastien sah sich nach dem anderen um, dann grinste er schief. "Und du hast verdammt Recht damit. Wenn ich könnte, würde ich einfach verschwinden, um ihn mit seinem Fellhaufen glücklich werden zu lassen." Er ließ eine hilflose Geste nach draußen zu, wo Wetterleuchten sich mit Sonnenlicht mischte. "Das geht zur Zeit leider nicht."

"Ich bin seit mindestens zehn Jahren nicht mehr auf meinem Heimatplanet gewesen, und er fehlt mir nicht. Das erklärt es vielleicht." Sa'ini musste grinsen. Er hatte sich sehr weit von den Pfaden der Göttin entfernt, und er bereute es nicht. Die Pfade der Sonnenritter waren in manchen Teilen auch eng, aber doch immer noch breiter, und selbst von ihnen war er schon sehr oft abgewichen. Sein Blick folgte Bastiens Geste, als er an die Drei dachte, auf deren größtem Planet sein Geburtsort lag. Nein, er vermisste die Enge und die starren Regeln wirklich nicht.

Seine Gedanken kehrten zurück in die Gegenwart, er wandte seine Aufmerksamkeit erneut Bastien zu. "Ich glaube dir, auch wenn es nur einem Gefühl entspricht und nicht der Beweislage. Hast du etwas, mit dem ich Faye überzeugen kann? Du hättest wirklich erst mit ihm sprechen und es ihm erklären sollen, ehe du ihm das Hivosh verpasst hast. Ich glaube, das hätte Wunder bewirkt. Wenn auch nicht gerade am ersten Tag."

"Am ersten Tag wollte ich ihn noch umbringen", entgegnete Bastien trockener, als ihm zumute war. Im Grunde freute er sich über die Entwicklung der Dinge. "Leider habe ich nichts, das mich entlastet."

"Dann spreche ich mit Arlin und Faye, und anschließend sollten wir diese Diskussion zu viert fortsetzen." Sa'ini merkte, dass er von einem Unparteiischen zu einer Art Fürsprecher für Bastien zu werden begann. 'Faye ist gegen ihn, verständlich, Arlin unsicher... damit ist es eigentlich ganz gerecht aufgeteilt.' Er zögerte und fragte dann "Deine Zuneigung sollte aber wohl kein Teil des Gesprächs werden, oder?"

"Besser nicht. Es wäre ja wohl mehr als unhöflich Arlin gegenüber." Bastien streifte seine Schilder mit einem Blick, dann stand er auf und schob die Zettel zusammen. "Der Kater war so lange allein, ich werde ihm sicherlich jede Chance gönnen, mit solch einem Mann zusammen zu sein. Und ich selber..." Er seufzte leise. "Na gut. Ich war auch allein, aber verdient habe ich solch eine Chance doch nun wirklich nicht."

"Wie du meinst." Um Bastien darauf eine Antwort zu geben, dazu kannte Sa'ini ihn viel zu wenig. Seiner ganz privaten Meinung nach hatte fast jeder eine solche Chance verdient, aber nicht jedem eröffnete sie sich. Er erhob sich ebenfalls und ging zur Tür. "Ich denke, ich werde dich gleich holen. Ich oder Faye." Er lächelte ihm noch einmal aufmunternd zu, dann verließ er das Zimmer.

Als er in die Küche zurückkehrte, saß Arlin bei Faye auf dem Schoß, und die Welt schien für die beiden nur noch Nebensache zu sein. Sa'ini spürte etwas wie Neid oder Eifersucht und unterdrückte das Gefühl. Seine Zeit und seine Chance war noch lange nicht gekommen. Dass Bastien jedoch dem Mann, in den er sich verliebt hatte, das Glück mit einem anderen so sehr gönnte, dass er nicht einmal versuchte, ihn für sich zu gewinnen, fand er bewundernswert.

Abgewandt wartete Sa'ini einige Augenblicke, aber schnell wurde ihm klar, dass die beiden weitaus mehr Zeit brauchen würden, um ihn zu bemerken. Er räusperte sich, was zu einem Aufschrecken und einem allerliebst errötenden Arlin führte. "Ich wollte nicht stören, aber ich denke, wir sollten gemeinsam mit Bastien reden." Kurz fasste er das Gespräch zusammen, wobei sich Fayes Gesicht immer weiter verdunkelte.

"Er lügt", brachte der große Androide bitter hervor. "Und jetzt hat er dich auch um den Finger gewickelt. Das kann er gut, mit Worten zaubern."

Unsicher blickte Arlin von einem zum anderen. Faye war wütend, das konnte er verstehen. Er kannte Kreationen, die Hivosh brauchten und er kannte einige, die davon sogar starben. Die für Kreationen mit Nanomaschinen äußerst wichtige Salzlösung hatte in seinem Leben jedoch noch nie eine Rolle gespielt, so dass er nun lediglich erahnen konnte, was Faye durchmachte. Aufmunternd drückte er die große Hand und meinte leise "Es ist deine Entscheidung, Faye. Wenn du dich durch ihn bedroht fühlst..."

Ein kleines Beben ging durch Faye, und er zog Arlin näher an sich. Gerne hätte er sich bei irgendjemandem angelehnt, sehnte sich nach jemandem, der ihm die Zusammenhänge begreiflich machen und die Unsicherheiten auslöschen konnte. Aber das war der Preis für ein Leben in Freiheit. Es gab niemanden, und deswegen war er ja eigentlich auch hier. Weil er selber denken wollte.

"Ja, ich fühle mich durch ihn bedroht. Aber ich weiß auch nicht, was wir sonst machen sollen. Spätestens, wenn die Stürme nachlassen, müssen wir eine Lösung gefunden haben. Er kann ja nicht ewig im Arbeitszimmer leben", sagte er endlich leise.

Sa'ini nickte. "Ich hole ihn dann." Noch ehe es sich Faye anders überlegen konnte, drehte er sich um und ging zum Gästezimmer zurück. Er öffnete die Tür und lächelte. "Komm. Zumindest, ihn zu einem Gespräch zu bewegen, ging recht schnell. Aber sei vorsichtig mit ihm, er hat Angst. Und ich kann es ihm nicht verdenken."

Bastien folgte dem Kemjasheri'i in die Küche, in der sich das erwartete Bild bot. Arlin saß auf Fayes Schoß, dennoch wirkte es, als würde der große Androide sich an der kleinen Katzenkreation festhalten wollen. 'Er hat wirklich Angst.' Mit leicht verschränkten Armen blieb Bastien vor dem Tisch stehen und blickte Faye in die meergrünen Augen. "Und? Werde ich auf ewig im Zimmer eingesperrt bleiben?"

"Nein, du darfst dich frei außerhalb der Station bewegen", gab Faye zurück, nachdem er eine Zeitlang ausdruckslos den Blick erwidert hatte. Er versuchte, sich zu entspannen, aber es gelang ihm nicht. 'Was, wenn er sich Arlin schnappt und dann mich verlangt? Würde ich das tun?' Die Antwort war beängstigend einfach. 'Aber dann bringe ich ihn wirklich um!'

Er atmete tief durch und umfing Arlins Hand noch etwas fester. "Ich nehme an, selbst wenn wir dir noch stundenlang zuhören, wird nicht viel mehr rauskommen als das, was wir jetzt bereits erfahren haben. Und da ich der einzige bin, der dir wirklich misstraut... Aber glaub nicht, dass du unbeobachtet bist! Jetzt erst recht nicht mehr. Wenn du irgendwas Verdächtiges tust, schmeiße ich dich eigenhändig in den nächsten Nebel."

'Er wird die Zeit bis zum Ende der Stürme nutzen, um sich vorzubereiten', schrillten sämtliche Alarmglocken in ihm auf. 'Um dann um so unvermuteter zuzuschlagen! Dann hast du keine Chance mehr!'

Bastien nickte leicht, aber antwortete nicht mehr. Abrupt wandte er sich ab und ging in das Gästezimmer zurück. Wenig später kam er mit seinen Zigaretten am Kühlschrank vorbei. "Darf ich weiterhin alles essen und trinken?"

Arlin zuckte zusammen. Er hatte sich auf Fayes Gesicht konzentriert, hatte sich den Kummer und die Furcht fortgewünscht. Bastiens weiche Stimme erschreckte ihn dermaßen, dass er zunächst kurz fauchte, bevor er sich fing. "Natürlich. Aber wenn du etwas schneiden willst, sag Bescheid. Die Droiden greifen dich an, sobald du ein Messer in der Hand hast. Das habe ich ihnen schon einprogrammiert."

"Oh. Dann sollte ich mein Schnitzmesser besser nicht mehr verwenden. Schade." Äußerlich gelassen nahm Bastien sich ein Glas Rotwein, dann verschwand er in den kleinen Garten. Die Sonne schien nicht mehr so stark, die Stürme heulten heftig und unberechenbar um die Station, zerrten an den Schutzhüllen. Aber es herrschte dennoch Ruhe auf der kleinen Rasenfläche, vor der Bastien nun auf einer weißlackierten Holzbank saß. Er schloss die Augen und lehnte sich zurück. Wenn sie ihr Wort hielten, war er jetzt frei. Endlich.

 

Faye brauchte allein dafür Zeit, um sich damit abzufinden, dass Bastien wieder herumlief, als sei nichts geschehen. Er glaubte ihm nach wie vor nicht, und die Gegenwart des Mannes machte ihn nervös. Abends schloss er die Tür zu Arlins und seinem Schlafzimmer zu und wunderte sich, dass es Sa'ini offensichtlich nicht allzu viel ausmachte, mit Bastien weiterhin in einem Bett zu schlafen.

"Es ist gemütlicher als das Sofa", hatte der Kemjasheri'i ihm erklärt, "und ob er mich nun da oder dort umbringen würde, macht keinen Unterschied. Außerdem glaube ich ihm, dass er nicht vorhat, hier jemanden zu töten, und an mir hat er ohnehin nie ein Interesse gehabt."

Zum Glück ging Bastien ihm aus dem Weg, wenngleich er bei den Mahlzeiten immer mit am Tisch saß. So sehr Faye sich zu Beginn auf den Winter gefreut hatte und auf die Gelegenheit, in aller Ruhe viel Zeit mit seinem neugefundenen Schatz zu verbringen, um so sehnlicher wünschte er sich nun, dass er endlich vorbei gehen würde. Nichts entwickelte sich so, wie er es gehofft hatte. Zum einen war da natürlich Bastien, der nicht gehen konnte, bevor die Stürme aufgehört hatten. Zum anderen gab es da aber auch noch den Sonnenritter.

In den ersten zwei Tagen nach dem Entschluss, Bastien wieder mehr Freiheiten zu gewähren, hatte Arlin wegen der Schotts und der Winterprogramme keine Zeit für ihn gehabt. Und nun saß er immer öfter und immer länger mit Sa'ini zusammen, um über den Bericht an den obersten Tempel zu diskutieren und daran zu feilen. Faye verstand, dass es wichtig war, und da er weder Sonnenritter noch mit Sonntag vertraut war, konnte er wenig dazu beitragen. Doch langsam fühlte er ein stechendes Gefühl in sich anwachsen, wann immer er die beiden zusammen reden, lachen und diskutieren sah. Ziemlich schnell konnte er es benennen, und er wünschte sich, niemals erfahren zu haben, wie sich Eifersucht anfühlte.

 

Arlin genoss die ruhige Zeit sehr, er hatte die Erholung dringend gebraucht. Mehr und mehr genoss er die Zeit - vor allen Dingen auch wegen des Sonnenritters, der ihm am Anfang so viel Angst gemacht hatte. Sa'ini die Station zu zeigen, ihm zu zeigen, wie er Probleme gemeistert hatte, wie er Droiden, die für den Krieg konstruiert worden waren, umprogrammiert hatte, damit sie Gemüsebeete jäteten. Er hatte einen Giftpanzer zu einem Bewässerungstank umfunktioniert, und sein Sicherheitssystem beruhte auf den verschiedensten Sensoren der Abwehrsysteme aus drei Galaxien.

Sa'ini selber erzählte ihm viel über das Leben der Sonnenritter in ihren Tempeln, lehrte ihn so viele neue Dinge, die das Leben freier für Arlin machten. Wie eine Fähre zu navigieren war, wie die Sternenkarten zu lesen waren, wie man sich in einem Raumhafen bewegte. Er brachte ihm Teile seiner Sprache bei. Es war erfrischend für Arlin, von ihm zu lernen.

Da er so viel seiner Tageszeit mit dem zierlichen, wunderschönen Kemjasheri'i verbrachte, wurde seine Zeit mit Faye dafür knapper bemessen. Sie waren am Abend zusammen und am Morgen im Schlafzimmer. Aber sobald sie auf waren, wollte Arlin seine Aufmerksamkeit nicht nur seinem Gefährten schenken. Hinzu kam für ihn, dass er mehr und mehr über Bastiens Worte nachdachte. Der stille, zynischen Jäger war zu den Mahlzeiten anwesend, aber die restliche Zeit streifte er in den verschneiten Wäldern des gemäßigten Oktaeders umher. Wenn er angesprochen wurde, zumeist von Sa'ini, antwortete der Mann stets genau wie zuvor zurückhaltend, zum Teil freundlich, zum Teil so abweisend, wie sie es von ihm gewohnt waren. Aber er begann von allein keine Unterhaltungen.

Sorgen bereitete Arlin zudem mehr und mehr sein Faye. Der Androide schien unzufrieden. Am Abend, wenn sie im großen Wohnzimmer saßen und die neu angekommenen Bücher lasen, das Feuer im Kamin genossen oder auch einmal ein Spiel spielten, sah Arlin seinen Schatz oft leer in die Flammen oder auf die Seiten des Buches starren, nicht selten starrte er Bastien versteckt an, schien den Mann noch immer zu fürchten, auch wenn nun schon etliche Tage vergangen waren, an denen Bastien sich vollkommen friedlich verhalten hatte.

Auch Sa'ini wurde mit dieser Art Blick bedacht. Hin und wieder, wenn Arlin ihnen etwas zu essen zusammenstellte, Apfelschnitze oder Nüsse, und dann leise wieder in das Wohnzimmer trat, konnte er diese Blicke beobachten. Bastien traurig, die Flammen beobachtend, Sa'ini, freundlich und interessiert oder konzentriert in einem Handbuch nachlesend und Faye blind starrend. Es machte Arlin traurig zu sehen, dass sein Schatz nicht glücklich war, nicht wie er es verdient hatte.

An einem Abend, nachdem sie einen dermaßen heftigen Eissturm zu überstehen hatten, dass die Energie ausgefallen war und alle Zimmer durch Kaminfeuer geheizt wurden, wagte Arlin es endlich, ihn darauf anzusprechen.

Arlin hatte sich ausgezogen und die Bettdecken um sich gewickelt, während Faye die Klappe vom Kamin öffnete, um mehr Hitze in den hohen Raum zu lassen. Die Flammen spielten mit seinem Haar, ließen es lebendig aufleuchten, doch das Gesicht war entspannt, fast regungslos und machte schon wieder einen so traurigen Eindruck auf Arlin. "Bist du unglücklich, Faye?"

Faye zuckte leicht zusammen, starrte für einen Moment in die rote Glut, ohne zu antworten und legte dann noch etwas Holz nach. Er hatte eigentlich gar nicht gewollt, dass Arlin es bemerkte, denn er gönnte ihm die Gesellschaft doch nach der langen Zeit der Einsamkeit. Aber etwas, das mehr und mehr weh tat, ließ sich offensichtlich nicht über längere Zeit verstecken.

Unsicher, wie er es erklären sollte und ob es überhaupt einsehbar war und er nicht nur übermäßig emotional reagierte, wie Bastien es ihm vorgeworfen hatte, kehrte er zum Bett zurück und legte sich auf seine Seite. Umständlich deckte er sich zu, um noch etwas Zeit zu gewinnen.

"Nicht unglücklich", sagte er schließlich nach Worten ringend. Er wollte Arlin nicht traurig machen, weil er sich unwohl fühlte. "Vom Abend zum Morgen... ist alles wunderbar. Aber dann... scheint alles anders zu sein."

Arlin blinzelte ihn an. "Wie meinst du das, Faye? Sei ehrlich, sag mir, was du fühlst und denkst."

Arlin war so schön, wie er in die Decken eingemummelt dort lag, ohne Brille und seinen Knospenmund leicht geöffnet, dass Faye ihn wieder umarmen und festhalten wollte. Mit einem Mal hatte er Angst, ihn zu verlieren. Er zog die Decke dichter um sich und wandte den Blick zurück zum Feuer.

"Ich fühle mich... überflüssig, sobald Sa'ini den Raum betritt." Überflüssig, ja, das war genau das Wort, das er gesucht hatte. Sobald der feuerhaarige Mann anwesend war, schien eine neue Sonne für Arlin aufzugehen, von der er seine Aufmerksamkeit nur noch spärlich abwandte. "Ich weiß ja, dass ihr den Bericht über die Station schreibt, damit sie erhalten bleibt. Aber tagsüber hast du kaum noch ein Lächeln für mich übrig. Weil du mich nicht mehr zu sehen scheinst."

Arlin blinzelte und dachte an die Tage zurück. Ja, er verbrachte Zeit mit Sa'ini, aber immer und immer wieder, wenn sie kochten, wenn er Marmeladen herstellte, Nusskuchen, getrocknetes Obst nach Art der Jumer auf Schnüre zog, um sie an den Kamin zu hängen, wenn er dicke Socken strickte oder auch einfach nur las, war Faye bei ihm, hatte er sich an ihn gelehnt, hatte ihm vorgelesen.

"Du bist eifersüchtig, Faye, weil ich nicht nur mit dir rede? Das ist..." Seine Gefühle angesichts Fayes Problem überraschten ihn. "Das ist sehr selbstsüchtig. Ich liebe dich, aber Liebe ist nicht dazu da, sie ausschließlich zu leben. Da sind immer auch noch Freundschaft, gemeinsame Interessen, und da ist immer noch die Station, die ich nur mit Sa'ini zusammen retten kann. Ist es nicht vielleicht auch so, dass du außer mir nichts in deinem Leben hast? Ich finde es schön, Faye, schön, dass du mich liebst, dass wir zusammen sind. Es muss doch aber auch noch Dinge geben, die du gern machst, die du lernen willst, die deine Zeit beanspruchen können."

Ungemütlich dachte er daran, was sein mochte, wenn der Frühling kam und er mit Faye allein auf der Station zurück blieb. Würde sich der Androide noch mehr an ihn klammern? Ihm in alle Gärten folgen, wenn er begann, die Aussaat zu überwachen? Würde er eifersüchtig reagieren auf jeden Fährfahrer, der eine Nacht bei ihnen blieb und mit Arlin reden wollte?

"Nein, ich bin nicht eifersüchtig, weil du nicht nur mit mir redest. Das verlange ich doch nicht! Und ich weiß, dass ihr den Bericht schreiben müsst. Es ist, weil ich... das Gefühl habe... dass du lieber mit ihm redest." Faye schluckte gegen die Enge in der Kehle an und versuchte ein Lächeln, doch es misslang. "Vielleicht ist es, weil ich noch nie jemanden wie dich hatte. Ich... Denk nicht weiter darüber nach, Arlin. Wenn du sagst, dass ist immer so, werde ich lernen, das zu begreifen."

Er rutschte tiefer, bohrte sich eine Kuhle in das Kissen, um sich zu verstecken und zog die Decke höher. Bestimmt würde sein Freund nun auch nicht mehr kuscheln wollen. 'Ich hätte mehr über all das lernen sollen, ehe ich mich verliebe. So kann ich ja nur Fehler machen.' Aber der Schmerz im Bauch und in der Brust ging dennoch nicht weg, als er die Augen schloss.

Wortlos starrte Arlin Faye eine Weile lang an. Er fühlte sich zugleich betrogen und wie ein Betrüger. Tränen stiegen in seine Augen hoch, dann flüsterte er "Das ist auch für mich das erste Mal, dass ich mit jemandem zusammen bin, dem ich nicht gehöre." 'Ich habe doch auch keine Ahnung, was hier passiert.'

Auch wenn Arlin leise gesprochen hatte, konnte Faye die Tränen in der Stimme hören. Ein Zittern lief durch ihn hindurch, und er drehte sich rasch zu seinem Freund um. Im Feuerschein glänzten die Augen verdächtig, dann lief bereits der erste Tropfen über die hellen Wangen. "Nicht weinen." Bestürzt wischte Faye ihn weg. "Es tut mir leid, ich wollte dich nicht traurig machen! Deswegen habe ich doch auch nichts gesagt."

Arlin schüttelte den Kopf. "Es... ist nicht deine Schuld, Faye. Ich selber mache mich traurig. Ich... will etwas so sehr, das nicht sein soll. Ich..." Er schnüffelte und schmiegte sich an Faye heran. "Ich bin so froh, dass du bei mir bist."

Faye schlang die Arme fest um seinen zierlichen Geliebten, und die Wärme kehrte zurück. So war es wieder richtig, so fühlte es sich gut an. "Was willst du? Liegt es an mir? Kann ich es für dich tun?" Er wollte alles tun, damit Arlin glücklich sein konnte.

"Nein, nein, Faye. Du kannst nichts für mich tun, nicht mehr, als du schon tust. Mach dir keine Sorgen um mich, denk lieber mehr an dich. Das würde mich glücklich machen. Kannst du das?"

Vorsichtig küsste Faye Arlins süßen Mund, dann lächelte er. "Ich denke gern an dich. Das macht ein Kribbeln in mir. Aber ich werde brav sein und auch an mich denken." Ein bisschen Sorge blieb dennoch zurück, aber sie war besser geworden als vorher, und Faye war zuversichtlich, dass sie alles andere auch würden klären können. Jetzt musste nur noch der Winter vergehen und Bastien und Sa'ini wieder verschwinden.


by Jainoh & Pandorah