Sonntag 2.2

12.

Der nächste Tag begann besser als alle zuvor. Faye hatte kein Unbehagen mehr, als er die Tür ihres Schlafzimmers aufschloss und in die Küche ging, um das Frühstück vorzubereiten, während Arlin in die Zentrale lief, um die Sicherheitsüberwachung und die Programme zu überprüfen. Das Lachen zwischen seinem Geliebten und Sa'ini störte ihn nicht mehr so sehr, als sie schließlich gemeinsam aßen, nur Bastien bereitete ihm nach wie vor ein unbehagliches Gefühl. Doch es gelang ihm, den Mann weitgehend zu ignorieren.

Natürlich holte Sa'ini, kaum dass aufgeräumt worden war, den Computer hervor, weil ihm über Nacht noch tausend Kleinigkeiten zu dem Bericht eingefallen waren, und er und Arlin zogen sich zum angeregten Diskutieren ins Wohnzimmer zurück. Aber auch das fand Faye nicht mehr so beängstigend. Er war froh, dass er und Arlin sich am Abend ausgesprochen hatten.

"In einem hat Arlin Recht", gab er vor sich zu, während er in ihr Schlafzimmer ging und seine neuen Winterstiefel und die dicke, grüne Jacke holte. "Ich habe ihn vor Eifersucht kaum noch aus den Augen gelassen. Das ist bestimmt nicht schön."

Zufrieden mit sich und der Welt verließ er die Wohnung, um einen langen Spaziergang durch die kalte Luft der mitteleuropäischen Oktaeder zu machen. Die Bäume des Waldes waren kahl und glatt, und die kleinen weißen Häufchen, welche die Äste bedeckten, wirkten wie Federdecken. Ein leichter Wind ließ es knacken und knirschen und unterbrach die Stille.

Es tat gut, und durch den unter seinen Füßen knirschenden Schnee zu stapfen, der neben den von den Androiden benutzten Wegen kniehoch lag, machte ihm Spaß. Die Spuren kleiner Tiere drückten kaum die glatte Oberfläche ein und zeichneten doch Perlenketten darauf.

Kichernd wie ein Kind ließ sich Faye rückwärts fallen und presste den Schnee seitlich mit den Armen nieder. Mit einem fröhlichen Grinsen betrachtete er anschließend den Schneeengel, der dadurch entstanden war, und machte gleich noch eine Reihe weiterer direkt daneben. Ein bisschen wehmütig wurde er, als er daran dachte, dass Arlin nun noch viele Kleine hätte machen können, aber stattdessen mit Sa'ini zusammen war. Doch er verdrängte das Gefühl energisch.

Bald stellte er zudem fest, dass er es auch genoss, einmal vollkommen allein zu sein, selbst wenn die Kameras ihn beobachteten. 'Oder gibt es hier in der Mitte des Oktaeders keine?' Suchend sah er sich um, aber wenn welche da waren, waren sie gut versteckt. Er beschloss, bei seiner Rückkehr Arlin danach zu fragen.

Ein Windstoß ließ Schnee auf Faye herabrieseln, und er legte den Kopf in den Nacken und sah zum Himmel empor, der blau durch die fast schwarz erscheinenden Äste blitzte. Ein weiterer Windstoß ließ die Bäume knacken und knarren und schickte mehr Schnee, was Faye zum Lachen brachte. Die Augen schließend drehte er sich mit ausgebreiteten Armen um sich.

Dann knackte es erneut, lauter dieses Mal und bedrohlicher; das Rauschen ließ Faye erschrocken die Augen öffnen, gerade noch rechtzeitig, um einen großen Ast direkt auf sich zukommen zu sehen. Er wollte beiseite springen, doch der Schnee behinderte ihn und ließ ihn stolpern. Nur einen Moment später spürte er Schmerz, dann wurde es schwarz.

 

Der Vormittag war sehr angenehm verlaufen, Arlin hatte Sa'ini befohlen, den Bericht endlich einmal liegen zu lassen und war mit ihm statt dessen erst im Vorratsraum und dann in der Küche verschwunden. Voller Begeisterung probierten sie im Folgenden ein Rezept der Kemjasheri'i zu Feiertagen aus. Bastien saß im Hintergrund und reparierte einen der vielen Droiden, die über den Sommer ausgefallen waren. Der Mann hatte ein unverschämtes Geschick mit den Droiden, fand die durchgebrannten Sicherungen rasch und ersetzte sie mit dem feinen Werkzeug sicher umgehend sehr genau.

Arlin vertraute ihm schon längst mit den kleinen Helfern. Wie sollte er sie auch umprogrammieren oder gar als Waffe verwenden? Zudem glaubte er ihm mittlerweile ebenso wie Sa'ini, dass er Faye nicht mehr töten wollte. Das Mittagessen richteten Arlin und Bastien zusammen mit besonderer Sorgfalt an, während Sa'ini in die Zentrale lief, um Faye zu suchen und ihn rufen zu lassen. Arlin lachte gerade über einen unfreiwilligen Scherz von Bastien, der sich selber wieder einmal grummelnd mit einem Hausmädchen verglichen hatte, weil er Arlins rosafarbene Schürze umbinden sollte, als Sa'ini zurückkehrte und verkündete, dass er Faye nirgends hatte sehen können.

Sie aßen in Anspannung. Vor allen Dingen Bastien erschien Arlin nervöser als sonst. Mehr als einmal fragte der Mann, ob man die Kameras auch überall hinsehen lassen konnte.

"Dafür, dass du ihn umbringen wolltest, machst du dir jetzt aber verdächtig viele Sorgen." Arlin starrte misstrauisch einen Augenblick in das ernste, schmale Gesicht, dann zuckte er mit den Achseln. Bastien war in den letzten Tagen niemals allein gewesen. Immer hatte ein Droide ihn gefilmt, egal wo er war.

Bastien erwiderte den Blick des kleinen Katers ausdruckslos, dann fragte er leise "Was ist, wenn es Nacht wird? Dann wird es so kalt dort draußen, dass alles gefriert. Zu kalt." Er sah, dass Arlin dies ebenfalls bedachte. Endlich bat er leise "Lass mich ihn suchen gehen. Er wollte im Schnee spazieren gehen. Es gibt nur zwei Oktaeder, in denen es nicht zu kalt ist und auch nicht tropisch. Ich gehe ihn suchen. Wenn ihr abschotten müsst, ist es so, dann bin ich eben verloren, das kann dir auch egal sein."

Arlin blinzelte verwirrt, endlich meinte leise "Es ist mir nicht egal, Bastien. Aber wenn du ihn unbedingt suchen gehen willst, darfst du das gern. Nimm die Raupe mit, damit kannst du auch im Sturm noch fahren." Nur kurz fragte er sich, ob er ebenfalls gehen sollte, er seufzte leise "Ich muss hier bleiben und das Schott öffnen. Du hast nicht allzu viel Zeit dort draußen, es ist die dunkle Zeit und die Sonne scheint nicht. Ich stelle die Energiezufuhr in den gemäßigten Oktaedern in einer Stunde ab."

"Eine Stunde reicht nicht weit bei zwei Oktaedern." Sa'ini schob den Stuhl vom Tisch und stand auf. Er wusste nicht, ob ein Androide dort draußen erfrieren konnte; aber Faye war kein gewöhnlicher Androide, und auch wenn es nicht lebensbedrohlich sein sollte, war eine Nacht in der Kälte mehr als nur unangenehm und zum anderen... Er seufzte stumm. Zum anderen war Faye Arlins Lebensgefährte.

Mehr und mehr hatte Sa'ini begonnen sich zu wünschen, dass die beiden lediglich gute Freunde wären. Doch es war müßig, und so konnte er sich nur über jeden Moment freuen, den Arlin mit ihm verbrachte. Längst war der Bericht an den Obersten Tempel für ihn zu einem persönlichen Gefecht geworden, das er gewinnen musste. "Ich nehme den anderen. Kann der Transporter dort fahren, Arl? Ansonsten laufe ich."

Bastien hob den Kopf, dann sagte er bestimmt "Nein." Er war bereits damit beschäftigt, die schwere Schutzkleidung über seinen Körper zu streifen. "Du musst blieben, Sa'ini. Du kannst dort draußen erfrieren. Faye und ich... wir sind unsterblich."

"Wenn ihr unsterblich wäret, würdest du dir nicht solche Sorgen machen. Und außerdem hast du eben noch etwas davon gesagt, dass du bei geschlossenen Schotts verloren seiest." Sa'ini runzelte die Stirn und erwiderte den Blick der dunklen Augen. Sturheit leuchtete ihm entgegen, und er wusste, dass es zu viel Zeit brauchen würde, nun mit Bastien zu diskutieren. Zögernd nickte er deswegen.

Doch kaum hatte der Mann die Wohnung verlassen, drehte Sa'ini sich Arlin um. "Wenn sie bis dahin nicht zurück sind, kannst du wenigstens den einen und einen anliegenden Oktaeder noch mit Energie versorgen, oder? Nur dass sie raus und in einen wärmeren können."

Arlin nickte leicht. "Ich kann. Es wird auf Kosten der Energie für den restlichen Winter geschehen. Ich müsste die restlichen Tage früher abschotten, aber das ist ja auch egal. Die Bäume erholen sich bestimmt wieder. Hoffentlich findet er Faye, und sie kommen beide in einem Stück zu uns zurück." Er blickte Bastien hinterher, als dieser in den eisigen Korridor trat, um die Raupe in Betrieb zu nehmen. "Nutze den Energiescanner! Er wird Faye sicherlich auftreiben, Bastien!"

Sie blickten dem Fahrzeug mit den vielen überdimensioniert wirkenden Rädern hinterher, bevor Arlin entschied "Wir beobachten das Ganze in der Zentrale. Im Notfall können wir noch immer in Schutzanzügen eingreifen." Er zog sich dicke weiße Wollhandschuhe über und setzte Ohrenwärmer auf, dann winkte er Sa'ini ihm zu folgen.

Sa'ini hüllte sich in seinen Winterumhang, der auch dem Schwert genügend Raum bot; dann liefen sie schnellen Schrittes zur Zentrale, wo Arlin die Kameras auf Bastien und die Raupe richtete, bis diese vom Schneesturm verschluckt nicht mehr zu sehen war. Angst um seinen Geliebten machte Arlins feines Gesicht bleich. Er waren angespannt, und selbst sein Schwanz peitschte immer wieder nervös. Sa'ini trat hinter ihn und legte eine Hand auf seine Schulter, um ihm das Gefühl zu geben, dass er nicht allein war.

Er hatte schon länger mehr keinen Gedanken an die Göttin seines Volkes oder die Gottheiten der Sonnenritter verschwendet, doch als sich die Minuten hinzogen, ohne dass die Bilder mehr als eine weißgraue Wand zeigten, begann er zu beten.

 

Bastien durchfuhr den Korridor hastig. Es war ihm nicht geheuer dort. Vor allem in dieser Zeit der Stürme kam es ihm stets so vor, als wäre er dort nicht sicher. Wirklich sicher fühlte er sich gleich darauf im bewaldeten Oktaeder jedoch auch nicht. Ein Schneesturm schien aufzukommen. Die Schneewehen waren vor dem Schott schon so hoch, dass ihm zunächst eine Ladung entgegensackte, bevor er mit der Raupe hineinfuhr. Das Schott schloss knirschend hinter ihm, und mit einem Mal fühlte Bastien sich ausgeliefert.

Allerdings war er endlich auch einmal allein. Nie zuvor hatte er die Gelegenheit gehabt, allein zu sein. Immer war eine Kamera auf ihn gerichtet gewesen. Im Prinzip war dies nun endlich die langersehnte Chance. Während er den Peilsender der Raupe auf die Energiefrequenz der Nanomaschinen in Faye einstellte und langsam in großzügigen Bögen durch den Wald zu fahren begann, baute er die bislang in seiner Uhr versteckten Einzelteile des Probengerätes zusammen. 'Wenn mein perfekter Schatz schläft, kann ich diese Chance immerhin nutzen. Freiwillig wird er mir sicherlich niemals geben, was ich brauche.'

Bastien schob die kleine Spritze in der silbernen Hülle in die Innentasche seiner dicken Handschuhe. Lange würde er dort draußen nicht ohne hantieren können, wenn er sich keine Erfrierungen holen wollte. Seine Sorge, dass der dumme Androide wohlmöglich doch schon tot war, wurde mit jeder vergehenden Minute stärker.

Die Windböen begannen, an der Raupe zu zerren, einmal kippte sie beinahe um. Bastien wollte schon aufgeben, in den nächsten Raum fahren, als der Peilsender einmal scharf pfiff. Hastig korrigierte er den Kurs, durch den dichten Schneefall konnte er nichts erkennen. Allerdings war es ihm auch, nachdem er an der Stelle des maximalen Ausschlags ankam, nicht möglich, Faye zu sehen. Erst als er im dicken Schutzanzug aus der Raupe sprang, sah er einen Handschuh.

"Merde! Idiot!" Wild fluchend zerrte Bastien einen Ast von Fayes Schultern, wischte den Schnee von seinem Körper und schaffte es, unter Verbrauch zu viel der kostbaren Zeit, den schlaffen Körper bis zur Raupe zu schleifen. Dort konnte er Faye mit Hilfe des Flaschenzuges ins Innere des Führerhäuschens hieven.

Rasch schlug er hinter sich die Tür zu. Ihm war kalt, trotz des Anzuges, aber er hatte den Verdacht, dass Fayes Herz, seine Körperfunktionen sehr bald stehen bleiben würden. Er war zu kalt geworden. 'Wenn er stehen bleibt, wie kann ich ihn hier booten? Ich habe doch gar keine Möglichkeiten dazu.' "Alors, mon ami. Dann wollen wir mal sehen, wie wir dich wieder warm bekommen."

Es gab nur einen kleinen Kampf, den Bastien gegen sowohl Faye, der nicht gerade kooperativ war, als auch gegen den vor Kälte schon starren Schutzanzug gewann. Der Anzug umgab den Androiden wie ein Kokon und verfügte über eine kleine Heizung, die den Mann unter Gebrauch der Energie von der Raupe aufwärmen sollte. Seinen eigenen Anzug würde er nicht auch noch heizen können, die Raupe zu fahren war wichtiger.

Lächelnd zog Bastien am zweiten Verschluss. Im letzten Augenblick erst erinnerte er sich an sein ursprüngliches Vorhaben. Rasch hielt er den kleinen Metallstift an Fayes Haut. Ein kleiner Stich und das Gerät zog sich eine Probe der verunreinigten Lösung.

"Merci", flüsterte Bastien dicht an Fayes Gesicht und ließ die Kapsel in der Kammer in seiner Uhr verschwinden.

Er betrachtete das noch immer tadellos gebräunte Gesicht mit einem Lächeln. Dann strich er Fayes Haare unter die Kapuze zurück, bevor er den Verschluss zuzog. Das Schott zu finden, war nicht sonderlich schwer, aber die Kälte gefror Bastien mit jedem Meter, den er weiter fuhr. Erleichtert fuhr er schneller, als er an das abweisend graue Tor kam. Es wurde ihm geöffnet, also mussten Arlin und Sa'ini sie beobachten.

Als das Schott jedoch hinter ihm verriegelt wurde, fand Bastien sich im Korridor wieder. Grausam dunkel, wie ein Schlund, eisiger als der Schneesturm im Oktaeder noch und dazu mit unregelmäßig über die Wände zuckenden, fauchenden Blitzen. Zum zweiten Mal in seinem Leben hatte Bastien überhaupt Angst vor dem Sterben. Er zitterte bereits am ganzen Körper, konnte den Schaltknüppel kaum noch halten, aber sein Blick wich nicht vom Monitor, der die Blitze aufzeichnete. 'Weiter, noch ein kleines Stück... los, weiter...' Leider verwischte seine Sicht immer wieder, er drohte ohnmächtig zu werden.

 

"Da sind sie!" Sa'ini strahlte, als sich schemenhaft die Gestalt der Raupe vor dem Schott abzuzeichnen begann und man schließlich erkennen konnte, dass sie zwei Personen beherbergte. "Bastien hat ihn gefunden!" Voller Erleichterung umarmte er Arlin und merkte erst jetzt, wie sehr er sich doch an den grummeligen Jäger und den perfekten Androiden gewöhnt hatte. Er mochte sie mehr, als er gedacht hatte.

Als er das weiche Fell unter seinen Händen und an seiner Wange spürte und die Wärme, die von Arlin ausging, dachte er jedoch erst einmal gar nichts mehr, während der andere juchzend einen kleinen Hopser auf seinem Stuhl machte und ihn kurz zurückumarmte. Sa'inis Herz begann viel zu schnell zu schlagen, Hitze stieg in seine Wangen, und es dauerte einen Moment, ehe er Arlin loslassen konnte. 'Verdammt, er fühlt sich viel zu gut an... und riecht so gut... und... ich sollte jetzt wirklich an Bastien und Faye denken, nicht an Dinge, die nicht sein können.'

Arlin hatte Sa'ini losgelassen, bevor dieser ihn wieder gehen ließ und etwas in ihm wünschte sich, dass der schlanke Priester dies nicht tun würde. Er wünschte sich, dass die sanften Finger, die seine Schultern berührt hatten, wie um ihm zu zeigen, dass der andere da war, nicht loslassen würden. "Danke, Sa, dass du da warst für mich." Er hob den Blick nur ganz kurz, um in die schönen Augen des anderen zu blicken, dann wendete er sich hastig ab. "Ich vergesse immer, dass es unhöflich ist, einem Kemjasheri'i in die Augen zu sehen, Sa. Aber hab keine Angst, egal was darin steht, ich kann es nicht lesen."

"Das macht nichts, diese Sitte habe ich schon lange nicht mehr beachtet." Zum Glück hörte man Sa'inis Stimme seine innere Aufgewühltheit kaum an. "Die wenigsten können die Schwankungen deuten, und viele Völker befinden es als unhöflich, wenn man sie nicht direkt anschaut." Widerwillig nur wandte er sich von dem Katzenmann ab und wieder dem Monitor zu. Wie sehr er sich doch wünschte, dass der andere nicht gebunden wäre...

Etwas schien nicht zu stimmen, zwar kroch die Raupe beständig durch den Tunnel vorwärts, aber sie schlenkerte, als hätte sie einen Defekt oder als sei der Fahrer betrunken. Arlins Finger huschten über das Pult, und eine Kamera lieferte ihnen eine größere Aufnahme der Kabine. Sa'ini erschrak, als er das blaugefrorene Gesicht Bastiens erkannte. Reif hatte sich auf Brauen, den Haarspitzen und sogar den Wimpern abgesetzt und ließ sie grau wirken. Faye war offensichtlich bewusstlos.

"Verdammt." Sa'ini presste für einen Augenblick die Lippen zusammen. "Er sieht aus, als kippt er gleich um. Arlin, ich zieh mir den Schutzanzug über und lauf zu dem Schott. Wenn er bewusstlos wird, mach mir auf, dann hole ich sie dort raus."

"Ich helfe dir, aber halte dich nur bereit. Ich glaube, er schafft es, Sa. Bestimmt." Blitze zuckten durch den Korridor und Arlin fuhr zusammen. Gebannt starrte er auf die näher kommende Raupe, deren Fahrt einem Schiff auf stürmischer See glich. Wieder und wieder wurde sie von Blitzen erfasst, stockte, hopste beinahe schon voran, zwischendurch wurde die Fahrt taumelnd.

Arlin behielt Recht. Die Raupe schoss das letzte Stück voran und prallte hinter dem Schott an die nächste Wand. Aufgeregt verriegelte Arlin alles und rannte zu seinen Transportdroiden, um sich zwei für die beiden halberfrorenen Männer mitzunehmen.

"Lass sie in den Anzügen, die haben ein Programm, das sie vorsichtig auf Temperatur bringt, so dass sie nicht zu stark fiebern!", rief er Sa'ini zu, der ihm half, Faye und Bastien in das Gästezimmer zu bringen. "Wir legen sie beide hier auf das Gästebett, Sa. So können wir sie beide auf einmal umsorgen, wenn sie wieder erwachen."

Faye war still, wenn auch seine Augen leicht geöffnet schienen und Bastien sah schrecklich aus. Überall in seinem Gesicht zeigten sich Frostbisse, die Lippen waren gesprungen und seine Ohnmacht war zu tief, um ihn erwecken zu können.

Sa'ini hatte das Bedürfnis, die beiden zusätzlich zu den Anzügen noch zuzudecken, doch das war natürlich unsinnig. So rückte er Bastien nur etwas zurecht, damit er bequemer liegen konnte. 'Er liebt ihn, das ist mehr als nur etwas Zuneigung. Er hat sein Leben für Faye riskiert...' Energisch unterdrückte er den Wunsch, dass sich doch der Androide in ihn verlieben mochte, damit Arlin frei wäre. Er sah zu dem Katzenmann hin, der unendlich besorgt Faye die nassen Haare aus dem Gesicht strich, und wusste, wie hoffnungslos es war. "Alles okay? Wie lange brauchen die Anzüge? Soll ich Kaffee kochen?"

"Die Anzüge werden die Nacht über brauchen, Sa'ini. Ich schlage vor, wir gehen eine Weile in die Küche und ich koche schon einmal eine Hühnerbrühe, damit sie sich stärken können, wenn sie wach werden." Bastien stöhnte leise auf und Arlin huschte an die Seite des Mannes. "Er bekommt Fieber, er beginnt schon damit, sich zu heilen." Seufzend strich er Faye die Haare zurück. Der Androide glich die Energie der Nanomaschinen anders aus, er würde nur schlafen, kein Fieber bekommen.

In der Küche ließ Arlin sich seufzend am Tisch nieder, nachdem er tatsächlich ein Huhn mit etlichen Gemüsestücken in seinen Suppentopf geworfen hatte. "Sa? Darf ich dich etwas fragen? Es ist sehr persönlich, aber ich beschäftige mich schon seit längerem mit dem Gedanken."

Sa'ini hatte in der Zwischenzeit Tee gekocht und stellte nun zwei Tassen davon auf den Tisch, ehe er Arlin gegenüber Platz nahm. Ein wenig unbehaglich war ihm schon, und er hoffte nur, dass er seine Gefühle für den Katzenmann gut genug verborgen hatte. "Sicher."

Arlin hatte zwei Schlucke von dem Tee getrunken, bevor er es so richtig bemerkte. Als nächstes klapperte der Topfdeckel und unterbrach ihn. Rasch stellte er die Herdflamme niedriger, bevor er sich zu Sa'ini setzte. "Ich fühle mich wie ein Betrüger, weil ich... Ich liebe Faye, aber..." Er nippte erneut von dem Tee und bemerkte nun, dass er ihn nicht sonderlich mochte. Seufzend schob er den Becher ein wenig von sich und blickte auf Sa'inis Finger, die sich um die andere Tasse schlossen.

"Bastien hat es mir vor Augen geführt. Er hat mir freche Schilder geschrieben, als ich ihn mit der Kamera überwacht habe. Sie betrafen eigentlich eher seine eigene Lage. Eines davon jedoch war für mich bestimmt. Es tat weh, aber er hatte Recht. Er hat geschrieben 'Du liebst ihn nicht'." Arlin senkte den Kopf weiter, die Ohren fielen herab. "Das ist so wahr, so wahr, wie ich es nicht wahrhaben will", flüsterte er heiser.

Sa'inis Augen weiteten sich, ein Zittern lief durch ihn hindurch, und eine gefühlte Ewigkeit lang konnte er nichts weiter tun, als Arlin anzustarren. Ein Stein seines Weltgefüges, den er für sicher gehalten, auch wenn er ihm nicht gefallen hatte, war nun verrutscht und öffnete neue Wege und Möglichkeiten, für die er sich sofort schuldig fühlte.

'Er vertraut sich dir an, und du denkst sofort nur an dich, das kann doch nicht sein!', schimpfte er verärgert und senkte den Blick auf seinen Tee. Vorsichtig trank er einen Schluck, ohne etwas zu schmecken und sah wieder auf. "Du... willst wissen, wie du ihm das sagen kannst, ohne ihn zu verletzen?"

Arlin nickte leicht, dann schüttelte er den Kopf. "Ich fühle mich schuldig, aber neulich, als ich es angesprochen habe, da hat Faye noch einmal gesagt, wie sehr er mich liebt, und dass er bei mir bleiben will. Ich will ihn glücklich machen. Wenn er bei mir glücklich ist, bin ich es auch. Es war nur so... am Anfang habe ich es begonnen. Er ist hierher gekommen, so unerwartet, so erhofft und so wunderschön und lieb. Wir haben uns gut verstanden, das Kribbeln im Bauch war da. Aber..." Unglücklich blickte Arlin auf. "Er ist nicht, was ich wirklich brauche, er ist jemand und ich brauchte jemanden. Aber er ist nicht genau derjenige. Verstehst du, was ich meine, Sa? Ich fühle mich so schrecklich undankbar."

Sa'ini spürte einen Stich in der Brust, als eine kleine Hoffnung wieder erlosch. 'Und es ist nicht, weil du dich in jemand anderen verliebt hast.' Aber er nickte, statt seinen Gedanken Worten zu verleihen. "Ja, ich verstehe es. Sehr gut sogar. Meine Güte, wie lange warst du hier allein? Viel zu lange."

Er trank einen weiteren Schluck, während er seine persönlichen Interessen energisch nach hinten schob, um Arlin zu helfen. Er würde in der Nacht genügend Zeit haben, darüber zu grübeln und zu wünschen. "Aber wenn er es nicht ist, nicht der, auf den du hoffst und wartest, dann solltest du ihm das sagen und ihn frei geben, Arlin. Gleichgültig, wie schwer es dir fällt. Was geschieht, wenn du dich wirklich verliebst und deine Liebe erwidert wird? Und was, wenn es nicht in zwei Wochen oder zwei Monaten, sondern erst in zwanzig Jahren passiert? Wenn er dich mehr und mehr zu lieben gelernt hat, vielleicht? Gib ihn frei, damit er jemanden finden kann, der für ihn das gleiche fühlt." Jemand wie der Mann, der versucht hatte, ihn umzubringen, zum Beispiel. Aber auch das sagte Sa'ini nicht.

Arlin blinzelte zu dem Kemjasheri'i hinüber. Eine Weile lang schwieg er, dann brach es aus ihm heraus, Tränen rollten über seine Wangen, während er schnüffelnd versuchte, sie zu verstecken. "Aber..." Er wischte sich mit dem Schürzenzipfel über das Gesicht. "Ich hab solche Angst davor, wieder allein zu sein. Ich... will das nicht noch einmal durchmachen!"

Erschrocken sah Sa'ini ihn an. 'Wann begreife ich endlich, dass ich ihn nicht mit allem über den Haufen rennen darf? Er wird froh sein, wenn der Winter vorbei ist und ich endlich weg bin.' Er griff über den Tisch und umfing Arlins leicht zitternden Hände. "Du wirst nicht wieder allein sein. Wenn die Tempelvorstände genehmigen, dass diese Station bestehen bleiben kann und das werden sie werden noch andere hierher kommen. Dann wirst du der Herr über eine blühende, kleine Gemeinschaft sein."

"Ich will gar kein Herr sein, Sa. Ich will nur... nicht wieder so allein sein. Und Faye... wird das auch nicht müssen. Ich werde für ihn da sein. Verstehst du, ich muss. Er hat nur mich." Arlin erholte sich und stand mit einer leisen Entschuldigung auf, um im Badezimmer zu verschwinden.

Auf dem Rückweg sah er noch einmal zu den beiden Männern in das Zimmer und beugte sich über Faye, dessen Gesicht schon hier und dort Anzeichen der Heilung bot. "Ich bin da für dich", flüsterte er leise.


by Jainoh & Pandorah