Sonntag 2.2

13.

Sa'ini blieb in der Küche zurück. Müde rieb er sich die Augen, dann stützte er den Kopf ab und starrte in seinen Tee, der noch immer zarte Schleier über der dunklen Oberfläche bildete, die schnell zerfaserten. Sein Haar glitt nach vorne und bildete einen rotgoldenen Vorhang, der ihn von der Station abzuschirmen schien, aber nicht von seinen Gedanken.

'Faye hat nur dich. Aber du gibst ihm nicht das, was er von dir braucht. Und ich... gleichgültig, was ich tue, ich kann dir auch nicht geben, was du brauchst. Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, dir die Station zu erhalten. Vielleicht wollen sie, dass jemand anderes sie führt, wenn erst bekannt wird, dass sie keine Ruine ist. Die Gesellschaft, die ich dir geben kann Sonnenritter willst du nicht. Aber zumindest diese werden kommen.' Er schob die Haare hinter die Schultern zurück, stand auf und füllte zwei Gläser mit Wasser, ehe er den Herd, auf dem die Suppe mittlerweile lecker duftete, noch einmal ein wenig zurück drehte. Dann ging er, um nach den beiden Kranken zu sehen.

In der Tür blieb er stehen. Arlin hatte sich über Faye gebeugt, und die Geste, mit der er ihn bedachte, war so liebevoll, dass es schmerzte. Sa'ini kam sich wie ein Eindringling vor. 'Der bin ich ja auch. Ein unbequemer Eindringling in der perfekten, kleinen Welt, die Arlin sich gerichtet hat.' Er gab sich einen Ruck und betrat das Zimmer, stellte die Gläser auf der Kommode ab und ging zu Bastiens Bettseite, um nach der Temperatur des Mannes zu fühlen. Das energische Gesicht glühte, aber der Anzug schien nicht nur zu heizen, sondern auch kühlen zu können.

Arlin hob den Kopf und seufzte. "Wäre es in Ordnung, wenn du bei mir übernachtest, Sa'ini?" Sein Freund wirkte müde und traurig auf eine Art. Schuldbewusst senkte Arlin den Kopf. 'Erst Faye und jetzt noch Sa. Ich mache alle traurig. Ob ich zu weit gegangen bin, mit ihm ausgerechnet über meine Liebessorgen zu sprechen?' "Ich würde dir gleich eine Decke beziehen."

"Danke. Natürlich ist es in Ordnung. Wir werden Faye wohl kaum bis zu dir tragen." Unsicher sah Sa'ini auf ihre beiden Patienten hin. "Auch wenn es vielleicht besser wäre, wenn wir sie im Auge behalten würden. Können deine Programme einen Warnton geben, wenn sich hier etwas verändert?"

"Natürlich. Aber ich glaube, dass sie schlafen werden. Kreationen, die verletzt wurden, schlafen mitunter einige Tage am Stück. Na, für den Fall, dass sie erwachen, haben wir die Brühe vorbereitet und ich hoffe, dass ich mir dann auch sicherer bin." Er blieb direkt vor Sa'ini stehen und zögerte kurz, dann umarmte er ihn fest. "Ich bin so froh, dass du hier bist."

Der Sonnenritter war unbequem und er brachte Arlin dazu, über Dinge nachzudenken, die ihn unglücklich machten. Aber er war ehrlich, er war an ihm interessiert, und seine bloße Anwesenheit machte, dass Arlin sich sicherer fühlte.

Sa'ini erstarrte vor Überraschung und riss die Augen auf. Dann schloss er sie jedoch und erwiderte die Umarmung. Er mochte nicht der Mann sein, auf den Arlin wartete, doch allein Arlins Nähe und dass er willkommen war, machten ihn glücklich. Einen Moment lang hielt er ihn fest, ehe er lächelte und ihn losließ. Wie lange ihm das reichen würde, wusste er nicht, aber für den Augenblick war es gut so.

"Und ich bin froh, bei dir zu sein." Mit einer kleinen Geste wies auf die Tür. "Lassen wir sie schlafen."

 

Bastien erwachte von dem Gefühl, auf Toilette gehen zu müssen, aber die Beine nicht aus der Bettdecke befreien zu können. Einen Augenblick lang kämpfte er fluchend, dann erst bemerkte er den Schmerz und das Pochen hinter seinen Schläfen. Langsam quälte er ein Auge auf, dann das andere. Er lag im Schutzanzug, der ihn kühlte. Sein Körper hatte durch eine intensive Heilung erneut dermaßen viel Hitze produziert, dass er sicherlich verkocht wäre für einige Tage.

Nachdem er noch eine kleine Runde geruckelt und geflucht hatte, bekam Bastien seine Finger an die Lasche, mit der er sich befreien konnte. Jede Bewegung kostete ihn Kraft und Zeit, so dass er nach einer taumelnd zurückgelegten Strecke durch den mit einem Mal schier endlos erscheinenden Flur vollkommen ausgelaugt auf die Toilette niedersank.

Ein Pfeifton weckte Arlin, der sich gerade in unangenehmen Träumen gefangen unter seiner Decke hin und her gewälzt hatte. Erleichtert, dass es nur ein Traum gewesen war, musste er einen Augenblick lang überlegen, was das Piepen ihm zu sagen hatte. Dann sah er den Lichtschein aus dem Badezimmer und sprang aus dem Bett.

"Sa", zischelte er hastig. "Sa! Sie sind wach. So schnell schon!" Er huschte zum Bad und fand den vollkommen ausgelaugten, schwitzenden Bastien vor. "Sa, ich glaube, du musst mir helfen. Kannst du bei Bastien bleiben, bis ich einen Droiden geweckt habe, um ihn zum Bett zurückzubringen?"

Müde war Sa'ini dem Katzenmann gefolgt, wurde jedoch wacher, als er Bastien erblickte. Fiebernd und mit rotem Gesicht wirkte der Mann, als würde er gleich von der Toilette fallen. Sa'ini warf den locker für die Nacht geflochtenen Zopf auf den Rücken zurück und eilte zu Bastien.

"Natürlich." Flüchtig fragte er sich, ob Bastien es unangenehm fand, so hilflos auf dem Klo zu sitzen. 'Ob er schon jemals derart schwach war? Er hat nie so gewirkt, als würde er Schwäche kennen.' Sa'ini holte ein kleines Tuch aus einem der Schränke, drehte den Wasserhahn auf und befeuchtete es mit kaltem Wasser, ehe er Bastiens Gesicht damit abwischte, das zu glühen schien.

"Du hast es geschafft", sagte er ihm leise und in der Hoffnung, dass sich der andere damit besser fühlte. "Du hast Faye zurückgebracht und ihm damit das Leben gerettet."

"Es geht ihm gut?" Bastien bemerkte verärgert, dass seine Stimme schrecklich heiser war. Er war sich nicht sicher, ob er es geschafft hatte. Sein erster Gedanke, nachdem er das Bad erreicht hatte, hatte zu seinem Verdruss dem Androiden gegolten, dessen Funktionstüchtigkeit er sein Leben hatte opfern wollen. Der Gedanke brachte ihn dazu, Sa'ini kurz mit einem zynischen Blick zu streifen. "Leben gerettet", krächzte er missmutig. "Nur ein Vollidiot wie ich rettet einem Androiden das nichtvorhandene Leben."

Sa'ini grinste. Es ging Bastien schon wesentlich besser. "Wenn es dir hilft, kann ich dir versichern, dass ich genauso wie du sehr wohl daran glaube, dass Faye ein Leben hat, das man retten kann und das es wert ist, gerettet zu werden. Aber er schläft noch tief und fest. Offensichtlich müssen seine Nanomaschinen eine Menge reparieren. Wenn Arlin mit dem Droiden zurückkommt, kannst du dir selber von seinem Zustand ein Bild machen. Wir haben euch zusammen in das Gästezimmer gelegt, um euch besser versorgen zu können."

'Zusammen...' Triste blickte Bastien dem kleinen Kater entgegen, der ihn mit Hilfe eines Transportschlittens zum Bett brachte, in dem Faye noch immer im Schutzanzug lag. Die Augen waren fest geschlossen, das Gesicht von einem feinen Feuchtigkeitsfilm überzogen, er schwitzte überschüssige Flüssigkeit aus, die durch erhöhte Aktivität der Nanomaschinen stammte. 'Seit der Injektion heile ich schneller als er, faszinierend.'

"Wir sollten Faye aus dem Anzug holen, der ist ihm beim Aufwachen sonst genauso hinderlich wie mir, und ich glaube, dass die Temperatur ausreichend abgeglichen worden ist", schlug Bastien leise vor, als Arlin sein Bett von dem Anzug befreite und ihm die Decken zurückschlug, damit er sich hineinrollen lassen konnte.

Sa'ini zögerte und sah zu Arlin hin, der jedoch auch nur mit den Schultern zuckte. Er beschloss, Bastiens Rat zu folgen, da er selber keinerlei Erfahrungen mit Androiden und Kreationen hatte. Zudem schien Faye längst nicht so eine Hitze zu produzieren wie Bastien, und auf eine normale Temperatur war er auch wieder gebracht worden.

Mühselig schälte er den Androiden aus dem Schutzanzug und zog ihm dann auch gleich die mittlerweile nasse Kleidung aus. Kurz verließ er den Raum, um ein Handtuch und den Schlafanzug zu holen, kehrte dann zurück, um Faye gemeinsam mit Arlin trockenzureiben und ihn dann anzuziehen, was zu zweit wesentlich einfacher war. Faye ließ es mit sich geschehen wie eine übergroße Puppe, aber seine Haut war warm und seine Atmung ging stetig.

Arlin hätte sich am liebsten zu seinem Androiden gelegt und dessen Ruhephase überwacht. Es war albern, und er störte Bastien, dessen Augen zwar immer wieder zufielen, aber nur, um sogleich mit misstrauischem Zusammenzucken wieder aufgerissen zu werden.

"Komm, Sa. Wir sollten auch noch ein wenig schlafen. Morgen sind die beiden vielleicht schon wach genug, um etwas von der Suppe essen zu können." Langsam ging Arlin zum Schlafzimmer zurück und kroch in das große Bett. Sie hatten das Licht gar nicht eingeschaltet, das Feuer aus dem großen Kamin erhellte hinter dem Schutzschirm aus Glas den Raum genug.

Nachdenklich drehte Arlin sich zu Sa'ini um, der fröstelnd unter die Decke krabbelte, am Laken strich, an seinen Haaren zupfte und generell unruhig wirkte. "Sa? Darf ich dich etwas fragen?"

Sa'ini zog die Decke noch ein Stück höher und stopfte sie um sich fest. Seine Füße waren eiskalt, weil er keine Hausschuhe angezogen hatte, was natürlich ein Fehler gewesen war, den er viel zu spät bemerkt hatte. "Was immer du willst", antwortete er und schob die rechte Fußsohle unter die linke Wade.

"Faye und ich. Meinst du, dass ich zu selbstsüchtig mit ihm bin?" Arlin wollte nur einen kleinen Seitenblick auf den Kemjasheri'i werfen, aber dessen Haar im Feuerschein waren so wunderschön anzusehen, dass er ein wenig starrte, bevor er sich rasch abwandte. "Ich meine, nur um niemandem weh zu tun, verschweige ich die Wahrheit", erklärte er hastig.

"Ich habe dir vorhin schon gesagt, dass ich es besser fände, wenn du ihm gegenüber ehrlich bist." Fröstelnd zog Sa'ini die Beine an und hoffte, dass die Decke bald wärmer werden würde. "Es ist nicht fair, nicht nur, was ihn betrifft."

Für sich machte sich Sa'ini keine Hoffnung, auch wenn ihn der lange Blick schon wieder hatte träumen lassen. Aber nun, da Bastien mehr als nur bewiesen hatte, dass er Faye nicht mehr nach dem Leben trachtete, würde der Androide ihm vielleicht eine Chance geben, wenn er sich nicht so ausschließlich auf Arlin konzentrieren würde.

"Nicht nur, was ihn betrifft? Wie meinst du das, Sa?" Arlin warf einen weiteren Seitenblick auf den anderen und hob rasch die Hand vor seinen Mund. "Oh nein! Sag nichts! Ich verstehe, das tut mir aber leid, entschuldige bitte, Sa. Lass uns nicht weiter davon reden! Wäre es gut, wenn ich dir verspreche, dass ich mit ihm rede, sobald es ihm wieder besser geht?" Mit roten Ohren starrte Arlin in die Flammen. Wie hatte er nur so lange so blind sein können.

Verwirrt sah Sa'ini zu Arlin hin und fragte sich, was der Katzenmann nun verstanden zu haben meinte. Dass er dachte, dass Sa'ini in Faye verliebt war? Dass er mit einem Mal begriffen hatte, dass Sa'ini für ihn mehr empfand? Oder dass er die Blicke von Bastien zu Faye nun in einem anderen Licht sah?

"Ja, das wäre gut", sagte er schließlich leise. "Und hab keine Angst, du wirst nie wieder so allein sein müssen. Das verspreche ich dir."

"Du musst mir nichts versprechen. Ich bin auch so schon sehr glücklich, wenn ihr alle nicht mehr unglücklich sein müsst. Schlaf gut, Sa." Arlin kuschelte sich in die Decken und schaffte es gerade noch, seine Brille auf den Nachtschrank abzulegen, bevor ihm die Augen zufielen und er unter leisem Schnurren einschlief.

Sa'ini konnte nicht einschlafen, dafür war er zu durchgefroren. 'Ich bin nicht unglücklich', dachte er, aber sprach es nicht aus, weil der kleine Katzenmann wirklich erstaunlich schnell einschlafen konnte. 'Ich will nicht, dass du dich für mich verantwortlich fühlst und für mein Wohlergehen, das bist du nicht. Für niemanden von uns.' Er sah zu ihm hin, betrachtete das süße Profil, lauschte auf das zarte Schnurren und lächelte.

 

Bilder drifteten durch Fayes Geist, losgelöst von Raum und Zeit, wie es ihm schien. Arlin lachte ihn an, einer der Professoren aus dem Labor drehte sich zu ihm um. Eine Frauenhand streichelte seinen Rücken, dann trieb er wieder in Dunkelheit. Arlins Augen tauchten daraus hervor und verschwanden wieder, und unvermittelt wie durch einen Schleier sah er Bastiens Gesicht, dessen Lippen zu einem so weichen Lächeln verzogen waren, wie er es noch nie zuvor bei dem grimmigen Mann gesehen hatte. Zuckende Blitze vertrieben es und erloschen.

Dann wurde das Schwarz langsam zu Grau, in dem sich Konturen abzuzeichnen begannen. Faye starrte an die Zimmerdecke und brauchte eine lange Zeit, um zu begreifen, was es war. Die Erinnerung kam mit einem Schlag zurück, die Bilder wurden in die richtige Reihenfolge gerückt. Die Professoren und Assistenten wurden zur Vergangenheit; Kälte, Schnee und die Orientierungslosigkeit ebenfalls. Das warme Bett im Gästezimmer war real, aber es blieben Gedankenfetzen, die er nicht einordnen konnte, so wie Bastiens Lächeln.

'Das Gästezimmer!' Erschrocken fuhr er hoch und schaute sich um. Er war nicht allein, neben ihm, vom erlöschenden Kaminfeuer nur schwach beleuchtet, lag der Mann, an den er eben noch gedacht und der ihm diesen Schreck eingejagt hatte. Er schlief nicht, die glitzernden Augen waren seiner Bewegung gefolgt, und Faye erwiderte ihren Blick. Warum war er hier und nicht bei Arl? Was machte er ausgerechnet mit Bastien zusammen in einem Bett?

"Na? Ausgeschlafen?" Bastien war aufgeschreckt, als Faye mit einer ruckartigen Bewegung zu sich gekommen war. Müde rieb er sich über die Augen und gähnte. Ihm taten noch immer alle Gelenke weh, die Heilung hatte jedoch seine Erfrierungen bereits behoben, die Fingerspitzen füllten sich kribbelnd mit neuen Nerven, sein Tastsinn kehrte zurück.

Faye antwortete nicht. Er fühlte sich schwer und hatte Schmerzen an jeder denkbaren Stelle seines Körpers, aber das war nur natürlich, nachdem er bis zur Bewusstlosigkeit eingefroren gewesen war. Was er wesentlich erstaunlicher fand, war die Tatsache, dass er nach dem ersten Schreck keine Furcht mehr hatte. Bastiens Anblick füllte ihn nicht länger mit Unbehagen, als hätte der drohende Tod im Schnee ihm die Angst davor genommen. "Und was mache ich hier?", fragte er langsam und etwas schwerfällig.

"Dich erholen." Bastien ließ sich zurückfallen und starrte wieder an die Decke. "Die beiden Miniritter wollten uns dabei nicht stören."

Faye musste grinsen, weil Bastien es ziemlich genau traf. Sowohl Arlin wie auch Sa'ini waren sehr klein. Dann erst fiel ihm auf, dass der andere in der Mehrzahl sprach. "Uns?" Ganz zuverlässig wollte sein Kopf noch nicht wieder funktionieren, aber das war dennoch wenig missverständlich. "Das heißt... du hast mich gefunden und hierher gebracht? Inmitten des Schneesturms?"

"Ja. Die Raupe war mit einem sehr gut penetrierendem Energiesensor und einem leicht zu bedienendem Flaschenzug ausgestattet. Ich war allerdings überrascht, wie leicht du bist, leichter als ich vermutlich. Der Anzug hat dich warm genug gehalten, dass die Nanomaschinen nicht ganz zum Stillstand gekommen sind", erklärte Bastien so lahm und langweilig wie möglich.

"Die Nanomaschinen, die du vorher schon fast zum Stillstand gebracht hast." Mit einem schmerzvollen Ächzen ließ sich Faye wieder zurück auf die Matratze sinken und dachte einen Moment darüber nach, dass es ihm sonst besser gehen würde. Aber immerhin arbeiteten sie überhaupt noch, sonst wäre er jetzt vielleicht nicht ganz tot, aber mit Sicherheit auch nicht mehr in der Lage zu leben. Ihn schauderte es bei dem Gedanken.

Immerhin wurde sein Denken wurde stückchenweise klarer. Die Maschinchen registrierten, was er gerade am meisten brauchte und konzentrierten sich demnach auf seinen Kopf, da er sich kaum bewegte, sondern nur dachte und grübelte. Wieder kehrten die verschwommenen Bilder zurück, die ihm Bastien zeigten, der über ihn gebeugt lächelte. Nicht triumphierend, sondern regelrecht warm. Die Blitze eines ungesicherten Ganges zwischen den Oktaedern; es musste spät gewesen sein.

"Du hast mich gerettet und dich dafür selber in Gefahr gebracht", stellte er überrascht fest und drehte sich halb zu Bastien hin, um ihn ansehen zu können. "Was zum Teufel hat dich dazu getrieben? Es wäre dir doch so schön entgegengekommen. Und da auch meine Einzigartigkeit nicht mehr zur Debatte steht, weil es viele wie mich gibt... Ich verstehe dich nicht!"

"Natürlich bist du einzigartig, sonst hätten sie wohl kaum mich geschickt, um dich zu jagen." Bastien drehte sich von Faye weg, um ihn nicht sehen zu lassen, dass er noch viel zu schwach und schmerzgeplagt war, um sich mit dem Androiden erfolgreich auseinandersetzen zu können.

"Ich verstehe dich nicht", wiederholte Faye noch einmal und zog die Decke hoch, weil allein die Erinnerung an den Schneesturm ihn frieren ließ. Müde driftete er zurück in den Schlaf, in dem die Nanomaschinen ungestört ihre Arbeit tun konnten, begleitet von der Erinnerung an Bastiens verwirrendes Lächeln, während er sich doch nur danach sehnte, dass Arlin bei ihm wäre.

 

Arlin versorgte die beiden Kranken so freundlich, aber auch so zurückhaltend wie möglich. Er wagte es nicht, noch einmal mit Sa'ini zu sprechen, denn es war ihm nun klar, dass der kleine Kemjasheri'i Bastien gern hatte. Da es sehr offensichtlich so war, dass Bastien seinen schönen Schatz Faye mehr als nur gern hatte, wollte Arlin es so einrichten, dass diese drei im Frühjahr gemeinsam von Sonntag fort fuhren.

Doch sein Gespräch mit Faye ließ sich am dritten Tag nach der Rettungsaktion, nachdem sowohl Bastien als auch Faye wieder gesund waren, nicht mehr aufschieben. Die Gelegenheit ergab sich, sobald die beiden anderen nicht im Raum mit ihnen waren.

Arlin hatte Faye nur auf die Wange geküsst und ein wenig gedrückt, mehr nicht. Auch wenn er sich schon beim Gedanken, mit seinem Schatz zu brechen, einsam zu fühlen begann, setzte er sich ernst und gefasst zu ihm auf das Sofa, um die Unterhaltung hinter sich zu bringen.

Faye mochte die unbewegte Miene nicht; überhaupt war er die letzten Tage immer unsicherer geworden in seinem Umgang mit Arlin. Dabei hatte er sich wirklich bemüht, ihn trotz seiner Sehnsucht nicht zu bedrängen, was darin resultiert war, dass sie sich nicht einmal wirklich geküsst hatten.

Das Gespräch war ihm wieder in den Sinn gekommen, was sie am Abend geführt hatten, bevor er selber in den Schneesturm geraten war; er fragte sich, ob Arlin ihm nicht etwas ganz anderes hatte sagen wollen. Allein der Gedanke machte ihm Angst, und gerne wäre er einfach aufgestanden, hätte etwas anderes getan, um nicht mit seinem Schatz reden zu müssen. Um nichts hören zu müssen, was er nicht hören wollte. Nur ändern würde es nichts, und deswegen blieb er sitzen. Er konnte es ja ohnehin immer sehen, wenn sich Sa'ini und Arlin unterhielten, wie gut sie miteinander auskamen, wie gern sie sich hatten, wie gänzlich anders es zwischen ihnen war als...

Arlin faltete seine Hände im Schoß und linste unsicher über den Rand der Brille hinweg auf Faye, der neben ihm saß und an dessen Gesicht er schon sehen konnte, dass es ein unangenehmes Gespräch werden würde.

"Es tut mir so leid, Faye. Ich... habe nicht gelogen, das schwöre ich dir", platzte es unvermittelt aus ihm heraus. Erschrocken schloss er den Mund wieder und strich über seine an diesem Tag dunkelbraune Shorts, bevor sich seine Finger erneut ineinander verkrampften. Dann holte er noch einmal tief Luft, um richtig anzufangen.

"Faye, ich habe dich vom ersten Augenblick an mit den falschen Augen betrachtet. Du hast das Recht, wütend zu sein, und ich bin mir sicher, dass du es auch sein wirst. Ich... habe dich sehr gern, so sehr, dass ich mein Leben glücklich mit dir verbracht hätte, aber... ich liebe dich nicht." Aufatmend löste Arlin seine Finger voneinander und versuchte einen Seitenblick auf den schönen Mann neben sich. 'Ich bin verrückt. So verrückt, ihm dies zu sagen.'

Es zu hören, schmerzte Faye noch mehr, als er gedacht und sich vorgestellt hatte. Er fühlte es in der Brust, im Bauch und überall; es machte ihm das Atmen schwer. Einen langen Moment konnte er nicht mehr, als vor sich zu starren und es nicht glauben zu wollen. Arlin hatte ihm wieder und wieder versichert, dass er ihn liebte, und jetzt sollte es nichtig sein?

"Es ist wegen dem Sonnenritter, nicht wahr?", brachte er schließlich heiser hervor. "Du hast dich in ihn verliebt und festgestellt, dass er viel besser hierher und zu dir passt als ein großer, unerfahrener Androide."

"Was? Sonnenritter?!" Überrascht und verwirrt starrte Arlin seinem Freund nun in das schöne Gesicht. "Wovon sprichst du, Faye? Nein. Ich..." Er senkte den Kopf. "Ich wollte, dass du hier bei mir bleibst, aber nach und nach ist mir klar geworden, dass es selbstsüchtig ist. Du wärst hier eingesperrt und hättest nur mich, der dich gern hat, aber nicht liebt. Nun gut, ich liebe dich schon, aber nicht so, wie du es verdienst. Wahre Liebe... fühlt sich anders an, Faye. Glaub mir bitte, es ist nicht wegen eines anderen."

Der Gedanke, dass er und Sa verliebt erschienen waren, durchgeisterte Arlins Kopf, und er runzelte die Stirn. Es überraschte ihn, wie wenig falsch es sich anfühlte. Der schöne Kemjasheri'i war aber doch nur unbequem und grausam regeltreu, Er wollte Arlins Welt an die Sonnenritter ausliefern, er machte doch alles falsch, und sie stritten sich permanent, aber ausgesprochen, aus Fayes Mund kam es ihm mit einem Mal merkwürdig richtig vor.

Faye konnte ihn nicht ansehen, es tat zu weh, und ein eigenartiger Druck entstand auf seinen Augen, der zunahm, wann immer er auch nur den Kopf in Arlins Richtung drehte und einen Blick auf die Beine und schlanken Hände erhaschte, auf den geringelten Schwanz. 'Er liebt mich nicht. Hat mich nie geliebt, auch wenn er es gesagt hat. Da ist nur gern haben in ihm, wie immer, wenn überhaupt etwas da war bei anderen.'

Es wurde nass auf seinem Gesicht, und Faye begriff, dass er das erste Mal in seinem Leben weinte. Es war eine der Fragen gewesen, ob er es überhaupt konnte, und jetzt hatte er den Beweis. Er wischte das Wasser fort, doch es kam neues nach. Dennoch gelang es ihm, seine Miene zu einem Lächeln zu bewegen und schließlich Arlin anzuschauen.

"Na, dann werde ich auch das lernen. Ich denke, es ist besser, wenn Sa'ini und ich die Plätze tauschen. Ich werde bei Bastien im Gästezimmer schlafen." Das passte dann schon; die Sonnenritter im Schlafzimmer und die, die es nicht waren, im Gästezimmer. Es tat noch viel mehr weh, und Faye stand auf. "Ich... Entschuldige... ich... muss nachdenken."

Arlin hatte mit vielem gerechnet, aber nicht damit, dass der große Androide zu weinen anfing. Es schnitt ihn. Ein dumpfer Schmerz breitete sich in seinem Bauch aus. "Faye", flüsterte er schwach, aber konnte die Kraft, den anderen aufzuhalten, nicht mehr aufbringen. Mit einem Mal sehr müde starrte er in das Kaminfeuer und fühlte sich schuldig, traurig und sehr allein.

Faye verließ die Wohnung, um in einem der warmen Oktaeder Zuflucht zu suchen, die weiter entfernt lagen. Ihm war nicht danach, Sa'ini oder Bastien über den Weg zu laufen, und das würde er dort mit Sicherheit. Nahe des Schotts, hinter einigen Büschen vor den Kameras versteckt setzte er sich an die Wand, zog die Knie an und starrte in das grüne Blätterdickicht, während er zu begreifen versuchte, wieso sich sein Leben mit einem Mal wieder in eine so schreckliche Richtung gedreht hatte. Arlin mochte sagen, was er wollte, Faye war sich sicher, dass es nur die Schuld des Sonnenritters war, wenn auch nicht unbedingt mit dessen Wissen oder gar Willen. Aber das machte es nicht einfacher.

Faye saß lange dort, und irgendwann versiegte das Wasser, das seine Wangen hinablief. Erschöpft stellte er fest, dass die Ingeneure, Professoren und Techniker gute Arbeit an ihm geleistet hatten. Traurig zu sein machte müde. Erst, als es kühler wurde und die künstliche Sonne zu sinken begann, konnte er sich aufraffen, aufzustehen und zurückzukehren.

Mit einem schmalen Lächeln nickte er Sa'ini zu, der gerade ins Wohnzimmer gehen wollte, eilte aber ohne ein Wort an ihm vorbei. Immerhin würden sie sich diesen Abend keine Sorgen um ihn machen müssen. Auf Gesellschaft hatte er trotzdem keine Lust.

Da er auch keinen Appetit verspürte, ging er nur kurz ins Bad, um sich das Gesicht zu waschen, und dann ins Gästezimmer. Grübelnd saß er mit dem Schlafanzug in der Hand auf dem Bett und fragte sich, ob es eine Möglichkeit geben konnte, Arlin sich verlieben zu lassen. Ob es an ihm lag, an Fehlern, die er gemacht hatte, ob er einfach zu unbeholfen war. Oder ob es nur deswegen war, weil er künstlich war.


by Jainoh & Pandorah