Der Sternschnuppentraum

1.

Phillipe stand vor dem großen Spiegel in seinem Schlafzimmer, starrte unsicher hinein und fragte sich, ob es das Richtige für diesen Abend sein mochte. Zu warm war es auf jeden Fall, das war schon mal sicher. Schon seit Tagen herrschten Temperaturen, die man nur mit Klimaanlage oder vor einem Ventilator ertrug, aber er fand sich eigentlich ganz gut angezogen. Die goldfarbene, hautenge Hüfthose betonte seine schlanken Beine und seinen kleinen Hintern, und das weiße, hauchzarte Oberteil mit den nach unten weiter werdenden Ärmeln, das seinen flachen Bauch freiließ, enthüllte mehr als dass es verbarg. Wenn er dazu noch die goldfarbenen Sandalen anzog...

Léons energische Stimme unterbrach seine Gedanken. "Süßer, du bist wunderschön. Und wenn du nicht langsam in die Gänge kommst, werden wir die Hälfte verpassen."

Ertappt drehte Phillipe sich um und lachte leise, als er zu dem großen Mann hinsah, der an den Türrahmen seines Schlafzimmers gelehnt stand und ihn amüsiert beobachtete. "Am Anfang reden doch eh nur stundenlang irgendwelche Politiker, gerade bei Aidshilfebällen. Das ist langweilig. Also ist noch ewig Zeit." Überlegend tippte er sich mit einem Finger an die Lippen. "Ich frage mich nur, ob ich nicht lieber doch eine kurze Hose anziehen sollte. Andererseits, die hier gefällt mir, sie passt gut zu meinen Strähnchen und..."

Er verstummte, als Léon breit grinste. "Ah, noch immer der Traum vom Prinzen, für den du perfekt sein willst?" Léon zwinkerte, dann trat er zu ihm, um ihn vom Spiegel wegzuziehen und in Richtung des Badezimmers zu schieben. "Der wird nicht kommen. Prinzen werden nicht geboren, Prinzen werden gemacht. Komm, ich weiß doch, dass du noch bestimmt eine halbe Stunde dort drin brauchen wirst. Aber in spätestens zwanzig Minuten trudelt Henri ein, um uns abzuholen."

"Was, schon?" Phillipe riss die Augen auf und entwand sich rasch den Händen, um eilig ins Bad zu stürzen, begleitet von Léons gut gelauntem Glucksen. Phil verstand nicht wirklich, wie er es schaffte, kurz bevor er ausgehen wollte, in solche Eile zu geraten, obwohl er eigentlich rechtzeitig genug damit begann, sich fertig zu machen. Doch noch ehe er es sich versah, war die Zeit vorbei.

Das war einer der Gründe, warum der andere Mann jetzt hier war. Einmal abgesehen davon, dass er ohnehin in der Gegend arbeitete, hatte er sicher gehen wollen, dass Phillipe fertig war und nicht mitten in Vorbereitungen steckte, wenn sie eigentlich aufbrechen wollten. Nicht, dass er als überzeugter Jeans und T-Shirt Träger verstehen konnte, warum die Kleiderfrage so wichtig war. Aber er war ja auch schließlich schon seit über fünf Jahren mit Henri zusammen, während Phillipe nach wie vor auf der Suche nach seinem Traummann war.

Immerhin hatte sich damit das Kleiderproblem erledigt, befand er, als er die positive Seite der Hetze zu finden versuchte, während er rasch seine schulterlangen, hellbraunen Haare mit etwas Schaum, einer Rundbürste und einem Fön in Form brachte. Für ein erneutes Umentscheiden war keine Zeit mehr.

Zum Glück hatte er sich schon vor dem Umziehen rasiert, so dass ihn das nicht mehr aufhielt. Nachdem er einen unauffälligen, goldenen Lidstrich gezogen hatte, tuschte er sorgfältig seine Wimpern, trug etwas farblosen Lipgloss auf und überprüfte, ob auch keine Stoppeln seine in Bogenform gezupften Brauen beeinträchtigten. Als er daran dachte, dass er noch die Wangen überpudern sollte, um seine ungeliebten, aber immerhin blassen Sommersprossen zu verstecken, klingelte es auch schon an der Tür und enthob ihn der Frage.

Hastig griff er Lipgloss und Puder und suchte fieberhaft an der Garderobe nach dem kleinen, goldenen Rucksack, während Léon kopfschüttelnd bereits die Tür für Henri öffnete. Natürlich befand sich der Rucksack dort, wo er hingehörte, und Phillipe hatte etwas Zeit, seine Schminksachen samt Portemonnaie und Schlüssel darin zu verstauen, da sich die beiden anderen Männer erst noch mit einem langen, innigen Kuss begrüßten. Mit einem unhörbaren Seufzen holte Phillipe die Sandalen aus dem weißen Schränkchen und versuchte, weder zu ihnen zu sehen, noch neidisch zu sein. Es war gar nicht so einfach.

Erstaunlicherweise kamen sie mit nur zehn Minuten Verspätung los, was Henri zu dem schmunzelnden Kommentar veranlasste, dass er seinen Schatz öfter als Vorhut schicken würde. Er war auch nicht bereit, noch einmal umzukehren, als Phillipe feststellte, dass er die kleine Aidsschleife vergessen hatte.

Dementsprechend war seine erste Handlung, nachdem sie das große Gebäude, in dem der Ball stattfand, erreicht hatten, sich eine zu kaufen, die er über der rechten Hüfte an der Hose befestigte. Dann folgte er Henri und Léon in den Raum mit der Bühne, wo sie überraschend sogar noch ein Tischchen ergattern konnten, um den begrüßenden Reden zu lauschen und anschließend die Travestieshow anzusehen. Danach, so beschloss er schon für sich, würde er erst einmal ausgiebig tanzen.

 

Jean warf einen Blick in der Runde herum und streifte sogleich den Bürgermeister mit seiner wieder einmal molliger gewordenen Frau, den Präsidenten der lokalen Reifenfirma mit Frau und Tochter und einige andere der wichtigen Leute am Ort mit einem höflichen, nichts sagenden Lächeln, zum Teil mit einigen noch weniger aussagenden Worten, bevor er sich den wirklich wichtigen Menschen zuwandte.

Eine Bühne wurde zur Zeit von einem mageren, jungen Mann eingenommen, der den Ablauf des Abends erklärte, auf die Tombola hinwies und einige der Preise und deren Sponsoren hervorhob. Ringsum waren kleine, runde Tischchen aufgebaut, an denen die geladenen und zahlenden Gäste in kleinen Grüppchen Eiswasser trinkend und rauchend der Dinge harrten.

Jean nickte der betulichen Dame grüßend zu, die dieses Mal die roten Schleifen verkaufte, aber wollte keine. Er trug sie nicht, weil er es nicht richtig fand, dieses Zeichen der Verbundenheit anzustecken. Er fühlte lieber tiefer als nur auf der Kleidung. Wie immer auf diesen Gelegenheiten war er einer der Sponsoren, hatte einiges an Geld gespendet, was der Bürgermeister in seiner langatmigen Eröffnungsrede dann auch peinlicher Weise noch hervorheben musste.

Davon ein wenig sauer gestimmt reagierte Jean auch erst, als sein Tennispartner und Freund Paul ihm energisch zuwinkte. Nichts sagend um sich lächelnd ging Jean auf ihn zu. Paul sah noch immer so aus wie aus einem Urlaubskatalog entsprungen. Blondes Haar, eine Idee zu lang und ein gebräunter, fitter Körper, eine Idee zu alt für die auffallende Kleidung, die er trug, ein Anzug aus roter Seide.

Aber aufzufallen war schon immer ein Genuss für ihn gewesen, während Jean sich an diesem Abend sogar noch weniger auffällig gekleidet hatte als gewöhnlich. Ein staubfarbener, leichter Anzug, allerdings von einem italienischen Modehaus mit dem längeren Jackett, das zur Zeit angesagt war und kombiniert mit einem stahlblauen Hemd, weil Weiß ihn immer noch blasser erscheinen ließ.

"Amüsieren wir uns? So lautet die Parole, Jean." Paul küsste ihn lachend auf beide Wangen. Dann legte er ihm einen Arm um die Schultern, ganz der kräftige Freund. Auch wenn er kleiner war, wirkte er selten so. Jean vernichtete seine Größe von fast einem Meter neunzig gern, indem er den Kopf nachdenklich senkte, was er auch jetzt tat, allerdings das Programm betrachtend.

"Travestie als erstes. Ich glaube fast, ich werde mich noch ein wenig im Garten umsehen, Paul." Er lächelte noch einmal in Richtung einiger wichtiger Leute, die ihm nichts bedeuteten, dann verließ er den Raum durch die offen stehenden Terrassentüren.

Auf dem Weg nach draußen bemerkte er einen sehr aufgeregt wirkenden, jungen Mann, der einmal so war, wie Jean sich das Publikum auf diesen Bällen wünschte. /Er wird feiern, das sieht man ihm jetzt schon an./ Er schob mit dem Handrücken die Gardinen zur Seite. /Und er hat sehr schönes Haar, hm... von dem Rest gar nicht erst zu sprechen.../ Den Gedanken nur zögernd verlassend, versuchte Jean, im Garten niemandem in die Klauen zu fallen, während er abwartend eine Zigarette rauchte, um ausreichend Zeit vergehen zu lassen.

Als er nach über einer Stunde in den Raum zurückkehrte, sah er zuerst gleich den jungen Mann wieder. Ihn nicht zu sehen, wäre auch schwierig geworden. Seine goldene Kleidung fing das Licht und warf eine glamourösen Schimmer um ihn und seine sicherlich nicht bewusst erotisch gedachten Bewegungen, die gerade dadurch noch viel aufreizender wurden. Es brachte Jean dazu, zum ersten Mal an diesem Tag aufrichtig zu lächeln. Er lehnte sich von der Wirkung dieser einzelnen Person überrascht an die Bar und nippte an einem Glas eiskaltem Kir Royal.

"Hier bist du... ah, schaust du ihn dir an?" Paul grinste Jean unangenehm direkt an und nahm sich ebenfalls ein Glas. Er war schon betrunken, was seine Direktheit erklärte. "Wir halten ja leider nicht die Wahl einer Königin des Balls ab, aber die würde heute nicht schwer fallen. Nicht wahr, Jean?"

Paul lachte zwar missgünstig über das Wort Königin, aber Jean lächelte nur in Richtung des goldenen Wirbelwindes auf der Tanzfläche, gerade im Arm eines schwarzgekleideten und sehr interessierten Mannes wie gefangen wirkend.

Phillipe hatte Léon und Henri in dem Gedränge verloren, was aber nicht weiter tragisch war. Sollte er sie nicht wiederfinden, würden sie sich um zwölf am Eingang treffen, nur der Sicherheit halber, um zu sehen, ob jemand schon nach Hause wollte, und dann ohnehin bleiben, bis der Ball beendet war. Und bei solchen Liedern, wie sie im Moment gerade liefen, war es zudem vollkommen unmöglich, mit ihnen etwas anzufangen, da sie sich eng umschlungen und für nichts mehr offen auf der Tanzfläche wiegten oder in einer Ecke saßen.

Nicht, dass Phillipe das in diesem Moment gestört hätte. /Ich will nach fünf Jahren Beziehung auch noch so verliebt herumturteln können/, dachte er verträumt und lächelte seinen Tanzpartner an, der ihn in starken, sicheren Armen hielt. Der nächste Gedanke war etwas ernüchternder. /Ich will überhaupt einmal eine längere Beziehung... Wenn ich ihn doch endlich finden könnte... ganz egal, was Léon über Prinzen sagt./

Doch auch ohne Prinz fühlte er sich gerade im Moment wunderbar. Die bunte Vielfalt der Menschen, die gute Laune, die Musik, all das verzauberte ihn und versetzte ihn ganz ohne Alkohol in eine Stimmung, die er nicht anders als flirrendes Schwingen bezeichnen konnte.

Bei einer Drehung, die ihn noch dichter an seinen Tänzer herantrug, stellte er jedoch etwas erschrocken und geschmeichelt zugleich fest, dass der andere ihn deutlich interessanter zu finden schien, als es umgekehrt der Fall war.

Atemlos bedankte und verabschiedete er sich deswegen nach dem Ende des Tanzes, froh darüber, dass die Musik schneller und weniger für Paartanz geeignet wurde, und verschwand rasch in der Menge, um etwas Abstand zwischen sich und den anderen zu bringen.

/Huh, ... ich... oh, er war ja ganz niedlich, aber.../ Geprickelt hatte es nicht bei ihm, und darauf wollte er auf keinen Fall verzichten. Leise seufzte er. Er wusste, dass da auch sein Problem mit Männern lag, dass seine Beziehungen nie lange hielten. Aber er wusste genauso, dass er keine Kompromisse wollte. /Nein, Léon, entweder mein Prinz findet mich, oder er findet mich nicht. Ich kann ihn mir nicht machen, nur suchen und herbeiwünschen./ Egal wie viele Frösche er schon geküsst hatte, ein Prinz war nie daraus geworden.

Ausgelassen tanzte er allein noch zwei Lieder durch, flirtete ein wenig mit einem hübschen, jungen Mann und kämpfte sich dann gut gelaunt zur Bar vor, um sich etwas auszuruhen und zu trinken. Neben einem älteren Anzugträger, der so aussah, als wäre er nur aus Pflichtgefühl hier, quetschte er sich an den Tresen und bestellte eine große Cola.

Jean wurde aus einem langweiligen Gespräch mit einem schwulen Sozialarbeiter der Stiftung herausgeschreckt, als der goldene Engel sich direkt neben ihn an die Bar drängte und Cola bestellte. Aus der Nähe betrachtet war der Tänzer noch auffallender, in seiner Art vor allem, ein wenig manieriert und leider viel zu stark geschminkt. Dennoch war der Duft der vom Tanzen erhitzten und feuchten Haut und Haare gleich neben ihm angenehm anstatt ihn, wie so oft in den türkischen Bädern, zu stören oder gar zu ekeln.

Dummerweise wirkte der Mann aus der Nähe nicht nur glamouröser und geschminkter, sondern auch noch eine Ecke jünger als zuvor auf der Tanzfläche, was Jean zur Überlegung brachte, dass er mittlerweile sogar für diese Art Bälle zu alt geworden sein mochte.

Während sich der Sozialarbeiter noch einmal für die umfangreiche Unterstützung bedankte und verabschiedete, um anderen ebenso die Aufwartung zu machen, beobachtete Jean aus dem Augenwinkel, wie der hübsche Tänzer sich streckte, noch mehr von einem flachen Bauch und schmalen Hüften zeigte und dann weltvergessen genießend an dem Strohhalm nuckelte.

Jean bestellte sich einen Gin Tonic mit viel Eis und beschloss, dass er nun genug politisch geredet hatte und beginnen konnte, einen angenehmen Schwips zu erarbeiten, der es ihm dann ermöglichen würde, sich ein wenig zu amüsieren. Immerhin hatte er von Paul den Befehl erhalten. Sein Freund selber tanzte auch schon mächtig erheitert mit einer seiner Flammen aus dem Tennisverein. Lächelnd bewunderte Jean seine Ausgelassenheit.

Als Phillipe sich auf dem Hocker umdrehte, um einerseits nach Henri und Léon Ausschau zu halten und andererseits die Tänzer zu beobachten, stellte er ein wenig amüsiert fest, dass der Anzugträger doch lächeln konnte und damit gleich etwas weniger staubig wirkte. /Was er wohl hier will? Ob er überhaupt schwul ist?/ Er folgte dem Blick und fand einen ebenfalls älteren Mann in rotem Anzug, der sich weitaus mehr amüsierte. /Ob der ihn mitgeschleift hat? Oder ob er aus Pflichtbewusstsein da ist, weil er sich sehen lassen muss? Politisches Prestige und so?/

Aber für einen Politiker war er zu unauffällig mit der leicht zusammengefalteten Haltung, die ihn kleiner machte als er war. /Ob er so unauffällig sein will? Immerhin scheint er eine ganz stattliche Größe zu haben./ Überrascht riss Phil die Augen auf. /Und warum grübelst du überhaupt darüber nach? Der Mann ist ja fast alt genug, um dein Vater sein zu können. Bestimmt schon vierzig./ Unwillkürlich musste er kichern, als er sich überlegte, was der andere wohl von ihm denken würde, wenn er seine Gedanken hätte lesen können. /Kindisch/, schlug seine innere Stimme vor. /Und vor allem albern, nervig und uninteressant./

Zumindest das letzte sprach Phillipe dann auch dem Anzugträger zu und nahm einen großen Schluck Cola, während er die Männer auf der Tanzfläche betrachtete und abschätzte. Es war gar nicht so einfach, nur zu überlegen, ob jemand allein war oder ob der Mann, den er im Arm hielt, nicht vielleicht doch sein Freund sein mochte.

Unerwartet fing er einen Blick auf und stellte etwas nervös fest, dass der dunkel gekleidete Mann mit dem unwillkommenen Interesse ihn vom Rand der Tanzfläche aus beobachtete. Rasch sah er weg. /Oh jemine, hoffentlich ist er nicht einer von denen, die... Dummkopf. Vielleicht schaut er ja nur./ Er beschloss, sich, sobald seine Cola leer war, noch einmal in das Getümmel zu stürzen, in der Hoffnung, dass der andere ihn aus den Augen verlor.

Neben ihm trank der Anzugträger von seinem Gin Tonic, und Phil fragte sich, wie es ihm mit diesen Billiggläsern aus dem Supermarkt gelang, so elegant zu wirken. Wieder musterte er ihn unauffällig und befand, dass er einen kleinen, traurigen Zug um die hellen Augen hatte. /Ob er überhaupt weiß, wie man sich amüsiert?/

Energisch riss er sich von den nutzlosen Gedanken los, leerte seine Cola und glitt von dem Barhocker hinab. Nur Momente später war der Mann vergessen, als ein Lieblingslied von ihm begann und er sich fröhlich mitten in die Menge drängte.

Der Ball driftete von der offiziellen Phase in das Stadium wilder Ausgelassenheit. Die Initiatoren waren längst gegangen, die aktiven Sozialarbeiter verschwanden ebenfalls nach und nach, aber Jean wusste, dass er es sich vor Paul nicht erlauben durfte, ebenfalls zu verschwinden. Aus dem Augenwinkel bemerkte er, dass einer der Kellner in dem nun dunklen Zimmer, wo zuvor das Mitternachtsbüffet aufgebaut gewesen war, mit einem Gast in enger Umarmung stand.

Er selber hatte schon getanzt, auf Befehl seines Freundes hin und weil es ihm gefiel, auch wenn die Partner Bekannte von ihm waren, zum Teil in festen Beziehungen, und sie nur aus Höflichkeit tanzten oder aus Freundschaft.

Der goldene Engel schwirrte noch immer ausgelassen durch die Menge, von einigen Blicken verfolgt. Es waren jedoch weitaus mehr Männer hier, die auf der Suche nach einem Top waren, somit waren nicht wenige der Blicke voller neidischer Missgunst.

Jean begleitete einen schlanken Autor von komplizierten und depressiven Gedichten, den er seit einer Lesung kannte, zu seinem Tisch zurück, aber verabschiedete sich zurückhaltend, weil er dem Mann keine Hoffnungen machen wollte. Nach einem Blick in Jeans Wohnzimmer, wo diese Lesung gehalten worden war, hatte der Autor ihn sehr offensichtlich mit deutlich vermehrten Interesse betrachtet.

Es wurde zu stickig, und er rauchte nicht gern in Zimmern. Mit gelassenem Schritt und nach einem letzten Blick auf den schönen, jungen Tänzer verließ Jean den Raum, sich aus dem Etui bereits eine Zigarette fischend. Im Vorbeigehen nahm er ein Glas Pernot auf Eis mit.

Kurz vor Mitternacht traf sich Phillipe mit Léon und Henri am Eingang, nur damit sie wie bereits erwartet beschließen konnten, noch zu bleiben. Kurz dachte er darüber nach, dass es hier keinen Prinzen gab, der ihm den Schuh hinterher tragen würde, sollte er ihn verlieren. Allerdings verwandelte er sich beim zwölften Glockenschlag auch nicht von der Prinzessin zum Aschenputtel. Die Idee brachte ihn zum Lachen, doch der Blick, mit dem er seinen Freunden nachsah, die Arm in Arm wieder nach drinnen verschwanden, war neidisch.

Er holte sich eine weitere Cola, ging damit aber in den Garten, anstatt sich an die überfüllte Bar zu setzen. Die Luft war angenehm und vertrieb die leichte Erschöpfung, trocknete die Feuchtigkeit auf seiner Haut, ohne dass er zu frieren begann. Er lehnte sich an einen Baum, der noch von keinem Pärchen besetzt war und legte den Kopf in den Nacken, um durch die Zweige hindurch die Sterne zu betrachten. Mit einem Mal fühlte er sich ziemlich allein.


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