Der Sternschnuppentraum

2.

Gerade hatte Jean hineingehen wollen, um sich Pauls guter Laune für eine weitere Runde zu stellen, als der Tänzer im Park auftauchte. Die weiße Bluse und seine goldene Hose schimmerten in dem wenigen Licht, das die Sterne und der schmale Mond in den Garten warfen.

/Wie eine Sternschnuppe, die sich entschlossen hat, hier zu landen. Ob ich einen Wunsch freihabe?/ Jean stellte sein Glas auf dem Arm einer Statue ab und ging langsam näher. Was er sich wünschen würde, stand sowieso fest, er dachte nicht weiter daran. /Gott, ich muss betrunken sein, sonst bin ich selten so poetisch./

Trotz seiner Ermahnungen an sich selber beobachtete Jean lächelnd, wie der junge Mann an dem Glas nippte. Längst waren die Strohhalme aus, was bedauerlich war, weil es seinen Mund süß hatte aussehen lassen. Als hätte der andere selber eine unheimliche Freude daran, dass so ein simples Konzept wie ein Strohhalm derart ausgezeichnet funktionieren konnte.

Den anderen zu betrachten, machte Jean glücklich. Die Feststellung überraschte ihn ein wenig, aber ließ sich nicht mehr abwenden. Wie ein schönes Gemälde, wie etwas, das einem Freude bereitete, einfach weil es da war, überflüssig, aber dennoch überlebensnotwendig.

Er holte sich eine zweite Zigarette aus dem Etui und ging zu der niedrigen Mauer, die den Garten von der Terrasse abtrennte, um sich ein wenig im Schatten der Bambusbüschel vor den übrigen Gästen zu verstecken. Auch wenn der andere ihn dort sicherlich noch besser sehen konnte, war er vielleicht vor Paul sicher.

Phillipe fühlte sich beobachtet. Zuerst versuchte er, das Gefühl wegzuschieben, doch als es hartnäckiger wurde, wandte er den Blick von den Sternen ab, die klein und kalt und weit entfernt schimmerten. Vielleicht war es wieder der dunkel gekleidete Mann, auch wenn er ihn nicht mehr gesehen hatte. Er schauderte ein wenig und suchte vorsichtig die Umgebung mit den Augen ab.

Nicht weit von ihm entfernt leuchtete die Flamme eines Feuerzeugs auf, und Phillipe erkannte leicht überrascht seinen Anzugträger wieder.

/Was macht der denn noch hier? Ich hätte gedacht, er verschwindet, sobald er es sich erlauben kann./ Die Flamme erlosch, dafür glühte eine Zigarette auf, als der Mann daran zog, und erhellte das ovale Gesicht für einen kurzen Moment. /Hat er zu mir hergesehen?/

/Hups, Sternschnuppe hat mich bemerkt. Jetzt wird er entweder wegstolzieren und so tun, als sei es eine Beleidigung, dass jemand jenseits der Dreißig ihn angesehen hat. Hm, oder er hat mich erkannt, ist zufällig der Autor irgendeines Trashromans oder der Künstler eines sehr modernen, aussagelosen Gemäldes und kommt her, um zu schauen, ob ich Geld springen lasse./

Beide Gedanken fand Jean nicht sonderlich beglückend. Zudem ärgerte er sich, dass der andere ihn bemerkt hatte. Er blieb dennoch an die Mauer gelehnt stehen, weil ihm nun erst Recht nicht mehr danach war, in den stickigen Raum zu den betrunkenen Gästen zurück zu gehen.

Ein wenig unsicher fuhr Phillipe sich mit der Hand durch das noch immer feuchte Haar, während er bewusst woanders hinschaute. /Hat er oder hat er nicht? Eigentlich sieht er nicht so aus, als würde er sich für etwas anderes als Aktien oder Politik interessieren. Also kann es eigentlich nicht sein. Und warum sollte er dich ansehen? Du bist für ihn ja ohnehin nur ein grüner Hüpfer./

Dennoch kehrte seine Aufmerksamkeit zu dem Mann zurück, und als er im Aufleuchten der Zigarette einen neuen Blick auffing, lächelte er rasch. /Vielleicht langweilt er sich auch einfach nur und fühlt sich schrecklich fehl am Platz, ist aber mit jemandem hier und kann noch nicht weg. Und sucht jemanden, mit dem er sich unterhalten kann. Aber ob er das ausgerechnet mit jemandem wie mir würde.../

Jean hob verwundert den Kopf. Sternschnuppe hatte ihm zugelächelt. Es verwirrte ihn auf eine Art, die man dem Frühling zusprach oder einem Glas Champagner. Noch einmal vergewisserte er sich. Der andere hatte sich ihm tatsächlich zugewandt, und ein Lächeln umspielte seine Lippen, einladend auf eine zurückhaltende Art.

/Ah, ja natürlich. Er will eine Zigarette und ist es gewohnt, dass man seine Wünsche aus der Ferne lesen kann. Hm. Oder er denkt, dass er das tun muss? Egal. Es ist spät, ich habe Pernot getrunken, das wirkt ja immer so verwirrend./ Mit ruhigen, aber nicht schlendernden Schritten überbrückte Jean die kurze Wegstrecke zu dem Orangenbaum, unter dem der Mann stand, und hielt ihm fragend das Etui hin. "Darf ich Ihnen eine anbieten?"

Überrascht sah Phillipe zu ihm hoch; einerseits deswegen, weil er gleich zu ihm gekommen war und zum anderen, weil er noch ein ganzes Stück größer war, als er vermutet hatte. /Und er siezt mich, genauso konservativ und traditionell in der Art wie er aussieht. Wahrscheinlich langweilt er sich wirklich. Zigaretten sind ja praktisch, um jemanden anzusprechen; schade eigentlich, dass ich sie ablehnen muss./

Sacht schüttelte er den Kopf. "Danke, nein. Ich rauche nicht." Er hob das Colaglas an und lächelte wieder, ein wenig verschmitzt. "Meine Droge ist das Koffein."

Jean lächelte ebenfalls leicht. "Das ist vermutlich das geringere Laster. Ist die Feier bald vorüber?"

"Zwei Stunden vielleicht noch, maximal." Phillipe stellte fest, dass er die ruhige, gleichmäßige Stimme des anderen mochte. Sie stand ganz im Gegensatz zu der hektischen Musik, die durch die geöffneten Türen des Gebäudes bis zu ihnen drang. "Sie sind nicht allein hier, oder? Weil Sie ein wenig so wirken, als wollten Sie lieber gehen, aber könnten es nicht."

Jean lehnte sich in ausreichender Entfernung zu dem jungen Mann an die Mauer an und lächelte wieder. "Ich bin zwar allein hier, aber kann dennoch nicht einfach so gehen." Er warf die Zigarette fort, nachdem er sie an den Steinen ausgedrückt hatte. "Ich bin der Gastgeber."

"Oh!" Regelrecht erschrocken riss Phillipe die Augen auf. /Oh nein, das musste sein. Gleich in das dickste Fettnäpfchen gesetzt, was ich finden konnte/, jammerte er in Gedanken, was innerlich noch lauter wurde, weil er sich nicht an den Namen erinnern konnte, obwohl er wusste, dass sie ihn in der Eröffnungsrede mehrfach genannt hatten. Doch dann musste er lachen. "Nun ja, da können Sie wirklich schlecht mir nichts, dir nichts verschwinden. Aber Ihren Gästen scheint es besser zu gefallen als Ihnen. Dabei... ist es wirklich schön." /Wahrscheinlich geht er sonst auf Bälle und ins Theater. Trotzdem, so was sagt man eigentlich nicht, Dummerle./

Jean versteckte, wie sehr der junge Gast ihn erheiterte, indem er zur Terrasse hinauf blickte, von wo ein ziemlich schrilles Lachen kurz die Ruhe des Parks zerstörte. /Er ist süß. Weich und süß. Vielleicht sogar unschuldig, obwohl man das heutzutage ja kaum annehmen kann./

"Nein, im Gegenteil amüsiere ich mich sicherlich ebenso sehr wie meine Gäste. Vielleicht auf eine stillere Art." Er schob das Zigarettenetui in seine Tasche, dann reichte er dem anderen die Hand. "Jean Gaby. Der Name fiel zwar, aber im Rahmen von Reden, auf die ohnehin niemand achtet."

"Phillipe Cartier." Phillipe errötete leicht und fühlte sich durchschaut, als er die Hand ergriff. Er vergaß seinen Verlegenheit jedoch, als er feststellte, wie angenehm weich und trocken die Finger des anderen waren, ohne dass der Druck dabei lasch oder schwammig wirkte. Er war im Gegenteil gerade fest genug, um sie noch ein wenig länger spüren zu wollen. Phillipe verbot sich jedoch solche Gedanken ganz schnell.

/Hoffentlich sagt ihm mein Name nichts. Sonst denkt er am Ende noch, dass ich eine Spende oder so etwas will./ Aber die Chance war erfreulich gering. Im Normalfall fand Phillipe das nicht so günstig, denn immerhin versuchte er gerade, vom Schreiben zu leben und hatte sogar zwei leider nicht sehr erfolgreiche Romane bei einem Verlag untergebracht, doch hier setzte er seine Prioritäten ein wenig anders. Er brauchte keine Almosen, da ihm seine Wohnung dankbarer Weise gehörte; und das, was er zum Leben brauchte, verdiente er als Kellner.

Jean nickte leicht und ließ die schlanke Hand des anderen los. "Haben Sie sich denn gut amüsiert? Ich meine, ich habe Sie tanzen sehen, vorhin." Im Hinterkopf wälzte er den Gedanken, ob er dem jungen Mann sagen sollte, dass dieser eine Zierde für die Feier gewesen war und zu deren Gelingen sicherlich beigetragen hatte.

Phillipe nickte eifrig, erleichtert darüber, dass kein Kommentar kam, gleichzeitig leicht verwundert, verwirrt und auch irritierender Weise erfreut, dass der andere ihn zuvor schon bemerkt hatte. "Die Musik ist wirklich schön, es sind viele meiner Lieblingsstücke dabei. Das Büffet, das Programm, die Leute... Ich bin gern hier." Er lächelte und legte den Kopf ein wenig schief. "Ich habe Sie auch gesehen. Sie saßen direkt neben mir an der Bar. Der Mann, der Gin Tonic so trinken kann, dass sogar diese Gläser hier elegant und teuer wirken."

Jean lachte leise auf, registrierte die geschickte Art, in der sein Gast ihn wertvoll machte, mit einem Gefühl der Wärme. "Wenn es Ihnen so gut gefällt, muss ich mir Ihren Namen merken, damit ich im nächsten Monat sicherlich eine Einladung auch an Sie direkt schicken kann, Phillipe."

Er lauschte auf die Musik und das Stimmengemurmel vom Raum über ihnen. Auf der Terrasse wurde lokale Politik diskutiert, und im Hintergrund begannen Vögel zu singen. Jean ließ den Blick kurz über das Gesicht vor ihm schweifen. /Wunderhübsch ist er, sicherlich ist so ein Mann nicht allein. Ach, selbst wenn er es wäre.../ Diese Gedanken hatte Jean schon so länger nicht mehr gehabt, und er erschrak ein wenig darüber.

"Vielleicht sollte ich noch eine letzte Runde durch den Raum machen, um mich von wenigstens einigen der Gäste noch zu verabschieden." Er sah erneut zur Terrasse herauf. "Möchten Sie hier den Sonnenaufgang verfolgen, oder würden Sie mich vielleicht begleiten?"

Ein wenig geschmeichelt fühlte sich Phillipe durch die Worte des anderen durchaus, auch wenn er sich sagte, dass Jean seinen Namen bis zum nächsten Morgen mit Sicherheit vergessen haben würde. /Aber da es zum Sonnenaufgang noch etwas hin ist und er sehr nett... Obwohl es mit Sicherheit schön wäre, hier der Sonne zuzusehen, wie sie alles in Gold taucht./

"Ich begleite Sie gerne, Monsieur." Er lächelte und trank den letzten Schluck der mittlerweile lauwarmen Cola aus.

Jean ließ ihm den Vortritt, nicht nur, um den eleganten, unbewusst schon an die Musik angepassten Bewegungen besser folgen zu können, sondern auch, weil er es zu diesem Mann einfach passend fand. Es überraschte ihn, dass die Feier noch immer auf einer Art Hoch zu sein schien, als sie durch die Flügeltüren wieder in den lebhaften, wenn auch ein wenig stickigen Saal traten.

Die Tanzfläche war gut gefüllt, wie auch die kleinen Tischchen drum herum und die Bar. Überall sah man jedoch nun auch Paare stehen, in mehr oder weniger intime Unterhaltungen vertieft. Im flitternden Licht, das von Discokugeln über die Menschen zerstreut entlang flog, wirkte sein Gast sofort wieder weniger verträumt; erneut schien er die Blicke anzuziehen, und damit auch auf Jean zu lenken, der zu dicht neben ihm ging, um per Zufall dort zu sein. Ein wenig unglücklich über die Aufmerksamkeit senkte Jean seinen Kopf ein wenig, dann fragte er, ohne vorher auf die Musik gelauscht zu haben "Möchten Sie tanzen?"

Wieder aufs Neue überrascht drehte Phillipe sich zu ihm um, während er sich ganz kurz fragte, wie viele Varianten dieses Gefühls der andere ihm an diesem Abend noch zu zeigen gedachte. /Er will mit mir tanzen? Und das auch noch zu dieser Musik?/ Zum langsamen Ausklang hatte man zu ebenso langsamen Stücken gewechselt.

Zu ihm aufsehend bemerkte er, dass Jean ein wenig in sich zusammengesunken schien; vielleicht bewirkten dies volle Räume? Im Garten hatte er sich anders gegeben. Dann ging ihm durch den Kopf, dass es ihm die Gelegenheit gab, noch einmal die weichen Hände zu spüren. Lächelnd stellte er das leere Glas auf eines der Tischchen und nickte, überlegte gleichzeitig, wie ein Mann wie Jean wohl tanzen mochte. "Gerne, sehr gerne, Monsieur."

Die Zusage überraschte Jean gleichermaßen wie der erfreute Tonfall. Erleichtert bemerkte er zudem, dass es sich mittlerweile um langsame Lieder handelte, vermutlich, um die Gäste allmählich auf den Heimweg zu schicken.

Sie gingen nur ein Stück weit in die Menge hinein; in der Nähe der Terrassentüren wehte ein angenehmer, frischer Luftzug, den Jean nicht missen wollte. Selbstverständlich schob er seinen linken Arm um die schmale, vom Hemd freigelassene Taille von Phillipe und genoss das weiche, ein wenig kühle Gefühl der Haut unter seinen Fingern. Die weiten Ärmel des nahezu durchsichtigen Hemdes berührten streichelnd ihre Hände, dann hoben sie die Arme weiter, und die Ärmel fielen zurück, um mehr von der hellen Haut zu offenbaren.

Phillipe war ein guter Tänzer, ließ sich angenehm leicht durch die Menge führen, die schon zum Teil zu betrunken zum Aufpassen nicht selten in ihren Weg torkelte. Träumerisch fragte Jean sich, wie es wäre, wenn sie allein tanzen könnten, wenn sie sich nur auf sich selber konzentrieren müssten. Unbewusst zog er den schlanken Körper dichter zu sich heran, bevor er in das Gesicht sah, die großen, hellbraunen Augen bewundernd, die ihm mit so unerwartet viel Freundlichkeit begegneten.

Phillipe genoss diesen Tanz weitaus mehr als die anderen an dem Abend; er gab sich ganz in die Musik und der sanften, aber bestimmten Führung Jeans hin. Mit ihm war es nicht einfach ein Wiegen zu den Klängen, sondern fast wie ein leichtes Schweben, das wieder das Flirren in seinem Bauch einsetzen ließ.

/Klassisch/, dachte er verträumt. /Natürlich, wie soll er auch sonst tanzen. Oh, er kann das gut./

Der Arm, der ihn umfing, die warmen Finger auf seiner Taille fühlten sich nahezu perfekt an, und als Jean ihn enger an sich zog, war es ihm, als würde er in einen weichen Traum abgleiten, der so lange anzuhalten versprach, wie die Melodie nicht verstummte, so lange, wie sie tanzen und in ihr treiben durften.

Er schaute auf zu ihm und fand sich unerwartet in einem hellem Blick gefangen. Phillipes Lächeln vertiefte sich noch, und er unterdrückte die kleine Stimme, die ihn an Jeans Alter erinnerte, daran, wer er war. In dem Moment und für diesen Tanz spielte es keine Rolle.

Sie sahen sich in die Augen, und Jean fühlte sich an die Blicke und die Stimmung zwischen ihm und seinem ehemaligen Geliebten erinnert, fast schon Intimität. Er fühlte sich jünger, wenn er in das helle, frische Gesicht blickte, und zugleich erinnerte ihn ein gnadenloser Gedanke daran, dass es Vergangenheit war und eine Illusion.

Das Lied ging zwar in ein weiteres, vermutlich das allerletzte des Abends, über, aber Jean hatte es noch nie zu schätzen gewusst, einfach weiterzutanzen, nur weil einem keinerlei Gelegenheit zum Anhalten gegeben wurde.

Mit einer letzten Umdrehung, die das schimmernde Haar seines Partners einmal aufwirbeln ließ, brachte er sie an den Ausgangspunkt vor der Terrasse zurück und entließ den jungen Mann aus seinem Arm. "Ich bedanke mich, das war ein wunderbarer Tanz." Er sah Phillipe noch einmal kurz in das Gesicht, aber warf dann einen Blick in der Runde herum. "Ich denke, dass diese Feier gleich dem Ende zugeht."

Phillipe seufzte bedauernd, dann nickte er langsam und strich sich ein paar Strähnen aus der Stirn. "Das denke ich auch. Aber ich danke Ihnen für den Tanz, er war ein wundervoller Abschluss für einen gelungenen Abend. Ich werde jetzt wohl besser meine Freunde suchen, irgendwie muss ich ja schließlich noch nach Hause kommen." Sich an Jeans Schultern festhaltend, stellte er sich auf die Zehenspitzen, küsste ihn kurz auf die Wange und trat dann einen Schritt zurück. "Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend, Monsieur. Vielleicht sehen wir uns ja wieder."

Rasch wandte er sich ab und lief eilig davon, von seinem eigenen Mut überrascht. Von dem Mut und dem Kribbeln, das diese kleine Berührung mit den Lippen in ihm ausgelöst hatte. /Oh bitte, Phillipe! Er... ist alt./ Dennoch drehte er sich noch einmal um, sah zurück und winkte ihm mit einem Lächeln zu.

Jean hatte eine Leichtigkeit in seinen Gedanken, die garantiert nicht durch den Alkohol hervorgerufen wurde. Eher von dem Aufwirbeln der Haare dieser menschgewordenen Sternschnuppe, als der junge Gast sich lachend von einem kräftigen Mann umarmen ließ, um dann zur Eingangshalle hin zu verschwinden.

Eine deutlich Trunkenheit bezeugende Stimme direkt an seinem Ohr ließ ihn herumfahren. "Phillipe Cartier."

Jean blinzelte Paul ertappt und zugleich verwundert an. "Woher...?"

"Er ist natürlich Autor, daher. Ich bin im richtigen Geschäft, mein Lieber, um alle diese Jungs zu kennen. Natürlich schreibt er Schrott, romantischen Kitsch. Caroline hat es verlegt; wie sie mir berichtete mit mäßigem Erfolg, aber die Kosten deckend."

"Ich würde es trotzdem gern lesen."

Paul grinste in unerhörter Breite über beide Wangen und küsste Jean leicht auf den Mundwinkel. "Aber immer, Liebling. Montag hast du druckfrische Ausgaben auf deinem Tisch liegen."

"Ich rufe mir ein Taxi, kann ich dich und... ihn irgendwo absetzen?" Gemeint war das müde Jungchen, das sich rauchend an einen Tisch zurückgezogen hatte. Paul sah zu ihm hin, dann zuckte er mit den Achseln. "Ja, warum nicht, nehmen wir ihn mit."

Jean lachte auf, aber nutzte die Gelegenheit, Paul im Taxi zu sich ins Heck zu befördern und seine Flamme nach vorn, um noch die eine oder andere Frage nach diesem Phillipe zu stellen. Er bekam nicht viel heraus. Paul, als Verleger auf Gastronomie- und Reiseführer spezialisiert, kannte sich nicht bei Romanen aus und gab zu, dass er zum einen Phillipe noch nie auf einer Party in der Schriftstellerszene gesehen hatte, zum anderen gestand er, dass der Junge ihm sicherlich aufgefallen wäre.

"Er ist bildschön, das fand ich auch, Paul."

"Zu tuckig."

"Das ist sein Stil."

Das fand Jean wirklich, und er blieb auch dabei, als er im Verlauf der nächsten Tage die etlichen Dankesschreiben für die schöne Feier beantwortete, während er in seiner Routine für jede Woche blieb. Seine Mutter besuchen, die fast blind und taub in einem Hospiz von stillen, strengen Nonnen gepflegt wurde, mit Paul Tennis spielen und am Samstag zu einer Opernpremiere fahren.

In der Woche drauf wurde er von Caroline vorsichtig gefragt, ob er nicht eine lyrische Lesung in seinem wunderschönen Haus zulassen könnte. Es stellte sich heraus, dass diese Lesung bereits am übernächsten Samstag sein sollte. Dennoch hielt Jean inne, bevor er absagen konnte und bat Caroline, als Ausgleich für die Gastfreundschaft doch dafür zu sorgen, dass einige junge Künstler eingeladen würden. Nicht unbedingt zum Lesen, aber um die Möglichkeit zu Kontakten zu haben.

Sie schien den Klatsch schon vernommen zu haben, denn sehr wenig taktvoll, dafür aber in typischer Weise scharfsinnig bemerkte sie "Es ist sicherlich egal, wen ich einlade, solange Phillipe Cartier dabei ist, nehme ich an?"

Jean lächelte das Telephon liebenswürdig an, während er sich erstaunt erkundigte, um wen es sich bei dieser Person denn handeln würde, zugleich in Gedanken sämtliche Synonyme für Tratschtante aufzählte und Paul dabei klar vor Augen hatte.

/Ein Lügner bin ich/, dachte er resigniert, nachdem er seine Zusage, bei der Lesung mal wieder den Gastgeber zu mimen, gegeben hatte.

Er wusste sehr genau, wer dieser Phillipe war. Sogar den zarten Duft der Haare dieses Mannes konnte er sich noch in Erinnerung bringen. Zudem hatte er die beiden Bücher aus seiner Feder schon durchgelesen. Sie lagen noch auf seinem Nachttisch. Es war Kitsch, aber der Kitsch war genauso rührend, kindlich und zugleich romantisch, wie dieser junge Mann es gewesen war. Mit einem Mal freute Jean sich auf die Lesung und hoffte, dass Phillipe zusagen würde.


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by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig