Der Sternschnuppentraum

4.

/Er will eine Widmung./ Ein freudiges Prickeln durchzog Phillipe, und er überlegte, ob er den Butler nach seinem Rucksack fragen durfte, in dem er immer Stifte mit sich herumtrug, doch noch ehe er den Mund geöffnet hatte, bekam er einen hübschen, silbernen Füller gereicht.

Er warf dem livrierten Mann ein scheues Lächeln zu und bedankte sich, ehe er sich an eines der Tischchen setzte und 'Schatten' aufschlug. Wieder spürte er ein wenig Stolz, dass es seines war, von ihm geschrieben, doch das Gefühl verflog, als er angestrengt darüber nachdachte, was Jean gefallen könnte. /Für Jean von Phillipe... das ist einfallslos. Was würde Bastien sagen?/ Ihm fielen einige Sachen ein, doch wie so oft wagte er nicht, sie auf Papier zu bringen.

Als Jean zurückkam, hatte er immer noch nichts Passendes gefunden und schämte sich dafür. Dankbar griff er nach dem Eistee, den die freundliche Hausdame ihm gebracht hatte, und trank erst einmal einen Schluck, um festzustellen, dass er besser war als der, den er immer im Supermarkt kaufte.

Aus halb niedergeschlagenen Lidern sah er durch die Wimpern zu Jean hin, der sich ohne Jackett zu ihm setzte, und registrierte sofort, dass der andere Mann es trotz der Hitze geschafft hatte, keine Schweißflecken auf seinem hellblauen Hemd zu hinterlassen. /Alles ist so perfekt an ihm, um ihn. Und... oh! Oh! Ich bin allein mit ihm! Die anderen sind gegangen. Oh!/

Eine feine Röte zog über seine Wangen und ließ ihn den Kopf rasch wieder über das Buch senken. /Hat er das mit Bedacht arrangiert?/ Langsam, um seine Finger zu beschäftigen, schraubte er den Füller auf; Bastien flüsterte etwas in seinem Kopf, und noch ehe er nachdenken konnte, hatte er es aufgeschrieben und unter das 'Für Jean.' seine leicht schnörkelige Unterschrift gesetzt. 'Das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar.'

Es war etwas, das der Held gegen Ende des Romans zu seinem Geliebten sagte, als dieser ihn fragte, wieso er ihn nicht umgebracht hatte, und irgendwie war es passend. Zwar hatte Bastien dann noch einen ganze Ecke mehr erzählt, von Liebe und Gefühl, aber der Satz hatte Phillipe immer am besten gefallen. Vielleicht, weil er nicht von ihm war.

Vorsichtig pustete er die Tinte trocken, dann nahm er das andere Buch. 'Träume sind flüchtig, substanzlos und nicht zu greifen, und doch sind sie das, was die Welt bewegt.' /Genauso ist es mit der Liebe/, beendete Phillipe in Gedanken den Absatz und ärgerte sich, während er unterzeichnete, wieder ein bisschen darüber, dass seine Lektorin ihm die komplette Szene herausgestrichen hatte.

Erst als er die Bücher zuklappte und mit einem verlegenen Lächeln zu Jean schob, bemerkte er den Teller mit den Broten. Sehr dekorativen Broten, die nicht einfach nur belegt, sondern zusätzlich mit Petersilie, hübsch in Form gebrachten Radieschenscheiben und Ei verziert waren. Prompt knurrte sein Magen leise und erinnerte Phillipe daran, dass er vor Aufregung nichts zum Mittag hatte essen können. "Mmh, danke." Er suchte sich eines heraus, das nach Leberpastete aussah und biss vorsichtig, um seinen Lipgloss zu retten, davon ab.

Jean beobachtete den jungen Autor verstohlen. Die kleine Falte zwischen den Augen, während er nachdachte, die Erleichterung und Freude, als ihm anscheinend der passende Satz eingefallen war, steckte ihn auch an und ließ ihn schmunzeln. Natürlich schaffte Phillipe es, erneut voll kindlicher Hingabe an dem Strohhalm zu nuckeln, und ein leichtes Heben der sorgfältig gezupften Augenbrauen, bevor er einen weiteren Schluck nahm, zeigte an, dass ihm der hausgemachten Eistee schmeckte.

Jean wurde regelrecht von Freude erfasst, als sich eine schlanke Hand zögerlich kreisend über dem Brotteller bewegte, bis Phillipe eines wählte. Als hätte er ein besonders scheues Tierchen angelockt und dazu gebracht, aus seiner Hand etwas anzunehmen. Genauso fühlte er sich, und genauso wagte er beinahe nicht zu atmen, während ihm bewusst wurde, dass auch er genau gemustert wurde.

Ganz in Ruhe klappte er die Bücher auf und erfreute sich an der zierlichen, akkuraten Handschrift. "Danke, Phillipe. Das sind schöne Worte." Er legte die Bücher auf einen Beistelltisch und nahm sich selber ein Brot mit Camembert. "Wollen Sie eine Fortsetzung schreiben? Das Ende sah mir beinahe so aus, schien etwas zu verheißen."

"Von 'Schatten'?" Phillipe lächelte und sammelte sorgfältig einen Krümel auf, der auf die helle Tischdecke gefallen war. "Ja, das will ich. Ich habe noch so viele Geschichten mit Bastien und seinem Liebling im Kopf. Aber im Moment arbeite ich an etwas anderem, ein wenig in Richtung Geister, Gruseln und geheimnisvollen Burgherren wie in diesen herrlichen, alten Filmen."

Er zögerte einen Moment und fragte dann etwas atemlos "Soll ich... Darf ich Ihnen das Handlungsgerüst erzählen, Jean? Es gibt eine Stelle, an der bin ich mir nicht sicher, ob es so geht; aber meine Freunde finden ohnehin nur toll, dass ich überhaupt schreibe, und meine Lektorin hat gerade keine Zeit, weil sie mit einem anderen Projekt vollkommen beschäftigt ist."

Jean nahm sein Glas auf und drehte sich weiter zu seinem Gast hin. "Oh, sehr gern, Phillipe. Wer würde dazu schon Nein sagen?"

Phillipe kamen auf Anhieb mehrere Personen in den Sinn, doch er bedankte sich nur und sagte nichts weiter deswegen. Es fiel ihm unerwartet leicht, die Handlungsstränge vor Jean auszubreiten, ihm zu erklären, wie die Charaktere zueinander standen und was er vorerst nicht ausführlich zu beschreiben gedachte, um die Spannung aufrecht zu erhalten.

Es war sogar derart einfach, dass er sich zusammenreißen musste, um sich nicht in Details zu verlieren. Aber es machte Spaß, ihm zu erzählen, es war schön, seine Reaktionen zu beobachten, sein zustimmendes Nicken, das kaum wahrnehmbare Runzeln der Stirn oder das Zusammenziehen der Brauen, wenn etwas unklar schien.

Schon lange hatte Jean nicht mehr solche Freude an einer Unterhaltung gehabt. Der junge Mann ging nach und nach vollkommen in seinen Theorien und den Fäden auf, die er zwischen seinen Figuren knüpfen wollte. Erstaunlicher Weise waren die Ideen dabei sogar recht gut miteinander verwoben und durchdacht, weitaus besser als in den bereits veröffentlichten Büchern.

Aber es war auch viel faszinierender, wenn man ihn so vor sich sitzen sah; die weißen Kleider gaben den flachen Bauch frei und den feinen Schwung der Hüften, zu denen Jeans Blick immer wieder hingezogen wurde, weil Phillipe seine Beine merkwürdig überschlug, sich mal auf die eine, dann wieder andere Seite in den Sessel lehnte.

Immer wieder schaffte er es, bei einer Erkenntnis oder einer besonders passenden Bemerkung von Jean die Augen eine Spur weiter zu öffnen, ein leichtes Heben der Wimpern nur, aber mit unglaublicher Wirkung auf das Gesicht, in dem sogleich ein Strahlen entstand, das Jeans Gedanken durcheinander brachte.

Es war zum Teil schwierig, ein Wort zwischen die aufgeregten Ausführungen zu bekommen, doch immer beantwortete Phillipe die Frage sicher und ohne lange überlegen zu müssen. Man spürte, dass er sich schon länger mit dieser Geschichte auseinander setzte. Eine Unstimmigkeit fiel Jean auf, und als er darauf hingewiesen hatte, begann Phillipe, den Körper in dem Korbsessel schon fast unmöglich zusammengefaltet, aufgeregt auf einen Notizzettel zu kritzeln, um diese Gedanken behalten zu können.

Schließlich wurden sie in den Diskussionen um eine mögliche Erkrankung des Burgherren gestört, als Suzanne die Brotteller austauschte. Fragend warf sie einen Blick auf die Gläser, und Jean sah Phillipe ins Gesicht. "Kann ich Ihnen noch etwas anderes anbieten? Ein Glas Wein vielleicht?"

Phillipe lächelte zu der Hausdame hoch, ehe er sich wieder zu Jean drehte und leicht den Kopf schüttelte. "Nein danke, ich trinke keinen Alkohol. Aber wenn ich noch einen Eistee haben könnte, wäre das sehr freundlich." Allmählich tauchte er aus der Geschichte und der angeregten Unterhaltung wieder auf und registrierte erschrocken, dass es bereits dunkel, also vermutlich schon sehr spät war. "Wenn ich Sie nicht von etwas abhalte, Jean! Ich möchte nicht stören."

Jean wedelte abwehrend mit den Händen, während er 'keinen Alkohol' zu der Liste mit Wissenswertem über Phillipe setzte, die im Verlauf des Abends schon recht umfangreich geworden war.

"Nein, Sie stören mich überhaupt nicht; im Gegenteil unterhalte ich mich vorzüglich. Ich hoffe, dass ich Sie nicht von wichtigen Dingen abhalte." An Suzanne gewandt bestellte er "Einen Eistee für Monsieur Cartier, Sie können sich dann zurückziehen, Suzanne."

Seine Hausdame nickte leicht, und er wusste, dass sie seinen Butler sicherlich auch zur Ruhe schicken würde. Langsam stand Jean auf und ging zu seiner kleinen Barecke, um sich noch ein Tonicwasser einzugießen. Er widerstand der Versuchung, Gin darauf zu geben, um einen klaren Kopf zu behalten, aber erlaubte es sich, die Ärmel von seinem Hemd ein wenig aufzukrempeln.

Sie kehrten nicht wieder zur Diskussion um die Ideen für das neue Buch zurück, sondern versanken in eine Unterhaltung über Bücher, die sie gern gelesen hatten, immer wieder lesen würden. Natürlich mochte Phillipe 'Le Petit Prince' von Antoine de Saint-Exupéry, was aus seiner Widmung zuvor schon klar geworden war, womit Jean auch einen schönen Einstieg in dieses Gespräch fand.

Als sein zierlicher Gast mit einem unterdrückten Gähnen und Frösteln unbewusst sein Hemd ein wenig über den Rücken herunter zog, bekam Jean jedoch ein schlechtes Gewissen. "Ich habe Sie aufgehalten, Phillipe, das tut mir so leid. Sicherlich hatten Sie gar nicht geplant, so lange hier draußen zu bleiben." /Natürlich nicht, sonst hätte er eine Jacke mitgenommen./ "Darf ich ihnen mein Jackett für die Zwischenzeit anbieten? Ich möchte nicht die Schuld an einer Sommergrippe tragen." Er stand auf, nahm das Jackett von der Stuhllehne und trat auf Phillipe zu.

"Das ist wirklich lieb von Ihnen." Phillipe hob den Kopf und schaute zu ihm auf, während er befand, dass Jean aus dieser Perspektive noch viel größer wirkte, zugleich jedoch so, als könne man sich wundervoll an ihn anlehnen. Der Gedanke rief wieder das Flirren in ihm hervor, und er erhob sich rasch ebenfalls, um Jean das Jackett abzunehmen. Doch Jean war zu höflich, zu zuvorkommend dafür. Als er es ihm über die Schultern legte und seine nackten Oberarme dabei streifte, spürte Phillipe, wie eine köstliche Gänsehaut seinen Körper überzog und das Flirren in ihm noch zunahm.

"Aber so schnell werde ich nicht krank." Seine Stimme klang regelrecht atemlos, als er sich wieder zu ihm umdrehte und den Blick der hellgrauen Augen erwiderte, die unter den dunklen Brauen mit einem Mal so intensiv erschienen. "Sie müssen sich ganz gewiss nicht entschuldigen. Es war ein wirklich wundervoller Abend, den ich sehr genossen habe. Nur langsam sollte ich gehen, nicht? Ich habe doch kein Auto, und der Bus fährt nicht mehr allzu lange." Und ein Taxi war ihm zu teuer, aber das wollte er nicht sagen.

Jean warf einen unwilligen Seitenblick auf die Wanduhr, dann versenkte er sich nur für einen kleinen, kostbaren Moment noch einmal in Phillipes Rehaugen; sofort überzog eine feine Röte die Wangen des jungen Mannes, was zu seinem bezaubernden Eindruck natürlich nur noch weiter beitrug.

Schon als er ihm in sein Jackett geholfen hatte, hatte Jean gegen seinen Wunsch, den zierlichen Mann von hinten zu umarmen und sein Gesicht in die weichen Haare zu schmiegen, den Duft zu genießen, den schlanken Körpers an seinem zu fühlen, mit Macht angekämpft. Natürlich war ihm im nächsten Augenblick schon eingefallen, dass dies ein unmöglicher Wunschtraum war und ein Traum bleiben musste.

Nun fiel ihm wieder die eine Widmung seines Gastes ein, und er dachte ein wenig traurig, dass es stimmte. /'Flüchtig, substanzlos und nicht zu greifen...', wie er nie greifbar für mich sein kann./ "Ich fahre Sie nach Hause. Immerhin bin schließlich ich schuld an Ihrer Verspätung, Phillipe."

"Ich danke Ihnen." Unsicher schob Phillipe die viel zu langen Ärmel etwas hoch, um das Revers greifen und zuhalten zu können, auch wenn ihm schon deutlich wärmer war. Er meinte, wieder die Traurigkeit in der Miene seines Gastgebers entdeckt zu haben, die ihm bereits auf dem Ball aufgefallen war. /Findet er es wirklich schade, dass ich gehe? Oh, ich bilde mir etwas ein; bestimmt ist er nur müde./

Als Jean sich von ihm abwandte, um ihm die Tür aufzuhalten, zog er rasch die Jacke etwas höher und vergrub seine Nase für einen Moment darin. /Mmh, oh Gott, er duftet so gut.../ Der Geruch ließ ihn schwindlig werden und sich wünschen, dass er sich an den anderen Mann anschmiegen dürfte. /Nur für einen Augenblick, während er mich umarmt, mich seine sanften Hände halten... Phillipe! Hör auf!/

Blut schoss ihm in die Wangen, und er senkte den Kopf und stolperte hastig Jean hinterher, das Jackett noch enger um sich gezogen.

Jean bat Phillipe, noch einen Moment in der Halle zu warten, damit er den Wagen holen konnte. Sein silberner Jaguar stand für gewöhnlich bei Tage in einem Unterstand bereit, bei Nacht brachte Rick ihn in die Garage.

Während er auf dem ordentlichen Plattenweg entlang ging, dachte er immer wieder, dass er zu alt war. Der schlanke Mann war über siebzehn Jahre jünger als er. /Siebzehn. Das ist zuviel. Das würde niemand hinnehmen, nicht einmal ich... Gute Güte, wenn er dann in meinem Alter wäre, wäre ich.../ In dem Moment erinnerte er sich an seinen Onkel Sebastian, der mit Mitte sechzig noch sehr attraktiv gewesen war, von fit gar nicht erst zu sprechen. Jean hatte lange Jahre gegen ihn Tennis gespielt und bis zum Schluss eigentlich regelmäßig verloren.

Energisch schob er die Gedanken an sein Alter im Vergleich zu dem von Phillipe jedoch fort, um endlich den Wagen zu holen. Zu Jeans Glück konnte er sehr schnell bis zur Haustür vorfahren, weil Rick den Jaguar in weiser Voraussicht draußen gelassen hatte.

Schweigend fuhr Jean über die Landstraße zur Stadt hinein, wo er sich dann nach den Anweisungen von Phillipe rasch in das Viertel wandte, in dem schon seit jeher die Lebenskünstler wie wirklichen Künstler eine Wohnung und eine Familie gefunden hatten. In seiner Schulzeit hatte Jean heimlich davon geträumt, hier in einer Dachgeschosswohnung mit kleinem Balkon auszusteigen, Kaffee zu trinken und zu träumen. Es brachte Wärme in seine Gedanken, sich daran zu erinnern, deswegen erzählte er es Phillipe.

Phillipe lächelte weich, als er den leicht schwärmerischen Unterton in der Stimme des anderen bemerkte. Er sah zu ihm hin und spürte wieder das Bedürfnis, sich an ihm anzulehnen. Doch zum Glück war allein der Wagen dafür schon nicht gebaut, sie saßen viel zu weit auseinander. Die Straßenlaternen hoben Jeans feines Profil hervor, ließen es kurz aufleuchten, dann wieder in der Dunkelheit verschwimmen, bis zur nächsten Lampe.

/Jeder träumt immer von dem, was er nicht hat, oder? Aber du könntest dir das doch mit Leichtigkeit leisten, eine Wohnung hier, in die du dich zurückziehen kannst, wann immer du das willst. Oder traust du dich das nicht? Meinst du, du musst einen gewissen Standard halten?/ Der Gedanke machte ihn irgendwie traurig.

"Wenn Sie Zeit haben, würde ich mich gerne für den heutigen Abend revanchieren, Jean. Ich habe zwar keine Dachwohnung, aber einen Balkon, von dem man einen herrlichen Blick über das Viertel hat und abends den Sonnenuntergang bewundern kann. Und Kaffee kochen kann ich auch." Verwirrt stellte er fest, dass er soeben genug Mut aufgebracht hatte, um Jean Gaby einfach so zu sich einzuladen. In seine gegen die Villa regelrecht schäbige Wohnung. Zu sich. Jean.

Jean drehte sich überrascht zu Phillipe um und lächelte von der Geste berührt. "Das würde mich sehr freuen. Aber ich will ihnen nicht zur Last fallen, Phillipe."

Die Straße war um diese Zeit noch lange nicht ruhig in diesem Viertel, schon gerade am Samstag nicht, und er fiel mit seinem Wagen zwischen all den Motorrollern ziemlich auf, was er nicht mochte; dennoch hielt er vor dem bezeichneten Haus am Bordstein und stellte den Motor aus, auch wenn er das Radio laufen ließ, weil es angenehm gelassene, jazzige Musik spielte.

Wenn Jean nicht so warm gelächelt hätte, hätte Phillipe die Worte als höfliche Absage aufgefasst. Nervös verschränkte er die Finger und fragte sich, ob es nicht doch eine war und er das nur nicht sehen wollte, weil er... /Weil ich ihn gerne wiedersehen will. Am liebsten morgen gleich. Oh, jetzt hör aber auf!/

Er holte Luft, wollte etwas sagen und schwieg dann doch. /Ich muss ihm das Jackett geben. Dann ist sein Duft wieder weg. Ich muss mich jetzt verabschieden und gehen./ Aber er wollte weder das eine, noch das andere. Er schluckte gegen seine Unsicherheit an und murmelte "Sie fallen mir auf keinen Fall zur Last, Jean. Ich fände es sehr schön, wenn Sie kämen."

Um ihn nicht ansehen zu müssen, schnallte er sich los und zog dann doch die Jacke aus, um sie einigermaßen ordentlich auf seinem Schoß zusammenzulegen, was ihn länger beschäftigte und ihm einen Grund gab, noch einen Moment sitzen zu bleiben und den Abschied hinauszuzögern.

"Dann sollte ich besser nicht unhöflich ablehnen, zumal ich mich wirklich freue. Wann wäre es denn recht?" Im Geiste holte er seinen Terminkalender hervor und schlug die nächste Woche auf, hoffte, dass Phillipe nicht zuviel Zeit vergehen lassen würde. Viel lieber, als nur ein Kaffeetrinken auszumachen und Phillipe dann durch die Tür verschwinden zu sehen, hätte er ihn im Wagen behalten und wäre mit ihm wieder nach Hause gefahren, aber er sagte sich vor, dass dieser wundvolle Mann es sicherlich wert war, einige Tage zu warten und zu hoffen.

Phillipes Herz machte einen aufgeregten Sprung, ein glückliches Strahlen zog über sein Gesicht. Überlegend tippte er sich mit dem Zeigefinger an die Lippen und schaute zur Decke auf. "Morgen leider nicht, da muss ich arbeiten, weil ich heute frei haben wollte. Montag gehe ich mit Gisèle ins Kino..."

In seinem Kopf wirbelten mehrere Dinge durcheinander; einerseits flüsterte eine kleine, nervige Stimme, dass er sich rar machen sollte, andererseits wollte er Jean so bald wie möglich wiedersehen. /Außerdem, rar machen! Er will bestimmt nichts von mir! Vielleicht fühlt er sich gerade nur als Gönner eines jungen, unerfahrenen Schriftstellers./

Lautlos seufzte er und schob den Gedanken rasch beiseite. "Freitag und Samstag muss ich auch wieder ins Café. Und am Donnerstag ist Einweihungsparty bei Mignon. Also blieben nur Dienstag, Mittwoch oder Sonntag für diese Woche." Innerlich begann er zu beten, dass Jean an einem der Tage frei hatte oder sich frei machen konnte. /Aber bestimmt hat er viel zu viel zu tun./

Jean hätte beinahe über die eifrige Art gelacht, mit der Phillipe seine Termine abzählte und sich dabei mit den Finger auf die Lippen tippte. Dann vernahm er Dienstag, Mittwoch oder Sonntag. /Dienstag ist eigentlich noch viel zu früh, Mittwochs geht nicht, weil ich meine Mutter besuchen fahre und danach ist es zu spät. Aber Sonntags. Ich könnte meine Mutter schon am Morgen besuchen und dann am Nachmittag frei sein für ihn./ Er nickte leicht und erwiderte "Ich hätte am Sonntag die meiste Zeit zur freien Verfügung, auch wenn Montag wieder ein Arbeitstag ist. Na, man muss es ja nicht so spät werden lassen."

Phillipe unterdrückte sein erleichtertes Aufatmen nur mit Mühe und drehte sich auf dem Sitz, um das Jackett nach hinten zu legen, was sein Oberteil hoch rutschen ließ. "Ich danke Ihnen dafür. Wenn Sie zum Kaffee kommen, dann vielleicht gegen sechzehn Uhr?"

"Das ist doch zum Kaffeetrinken die perfekte Zeit, Phillipe." Jean hatte seinen Gurt aus Reflex auch gelöst und gratulierte sich nun im Geiste dazu, denn er war fest entschlossen, den hübschen Mann nur nach einer Umarmung und einem Kuss auf die Wange zum Abschied gehen zu lassen.

"Ich freue mich wirklich. Dann wünsche ich Ihnen eine gute Nacht, Jean." Zögernd schaute Phillipe ihn an. /Ob er...?/ Es war schließlich ganz normal, auch wenn er nicht wusste, wie es in Jeans Kreisen gehandhabt wurde. Dennoch lehnte er sich leicht vor, in der Hoffnung, dass der andere ihm für die kleinen Abschiedsküsschen entgegen kommen würde.

"Schlafen Sie gut, Phillipe." Jean beugte sich vor und umfasste leicht den Oberarm von Phillipe, um ihn auf die Wange zu küssen. "Bis Sonntag dann." Es fiel zwar schwer, ihn gehen zu lassen, und in der Gegend war es eigentlich üblich, von den Bisous zwei zu verteilen, aber das war ihm in der Enge des Wagens zu umständlich und auch zu aufdringlich.

Phillipes Herz schlug schneller, als erst die Hand und dann die Lippen ihn kurz berührten und Jeans Geruch ihn einhüllte. Zwar musste er auf das zweite Küsschen verzichten, da Jean sich bereits wieder zurückzog, doch ihm war auch so schon leicht schwindelig. /Oh Phillipe! Nimm dich zusammen.../ Er lächelte ihn an, konnte einfach nicht anders. "Sie auch, Jean. Und vielen Dank, dass Sie mich gefahren haben."

Er stieg aus, winkte ihm noch einmal zu und schloss vorsichtig die Tür, ehe er zum Haus lief. Dort wandte er sich um und winkte erneut, ehe er nach seinem Schlüssel kramte und dann im Inneren verschwand. Er fühlte sich trunken vor Glück, als er summend die Treppen empor hüpfte. Leise ohne jeden Grund lachend drehte er sich vor seiner Wohnungstür einmal um sich selber, ehe er aufschloss. Sich im Takt zu seiner eigenen Melodie bewegend tanzte er hinein, drehte sich erneut und schaltete in dieser Bewegung das Licht an.

"Er kommt mich besuchen", erklärte er dem hohen, messinggerahmten Wandspiegel, aus dem ihm sein strahlendes Gesicht entgegen schaute, als er seinen kleinen Rucksack an die Garderobe hängte und die Schuhe abstreifte. "Und er hat gesagt, er freut sich darauf. Ist das nicht wundervoll? Auch wenn es noch über eine Woche hin ist. Oh, es war so schwer, ihm Adieu zu sagen! Aber dann auch wieder sehr schön..."

Sein Blick wurde verträumt, als er sich an die Nähe dabei erinnerte, an die Wärme und den Duft, der ihm winzige, aufgeregte Schmetterlinge durch den Körper geschickt hatte, die auch jetzt erwachten und in ihm und um ihn herum flatterten. Mit einem weichen Lächeln begann er erneut zu summen und tanzte auf nackten Füßen sich langsam in seinen eigenen Armen wiegend durch den langen Flur in sein Bad.

Sein Lächeln vertiefte sich noch, als er sich dort im Spiegel ansah, und er beugte sich über das Waschbecken nach vorne und küsste rasch die glatte Fläche. Dann kicherte er leise. "Du bist verliebt, Philli. Oh, so sehr verliebt... Allein, wenn ich seine Stimme höre... Und diese Hände. Ich kenne keinen Mann, der so schöne Hände hat wie er. Ich wünschte, er würde mich umarmen... so..."

Phillipes Lider drifteten zu; er legte den Kopf ein wenig zur Seite und ließ seine eigenen Hände von der Taille über seinen flachen Bauch gleiten, bis sie sich über dem Nabel trafen. "Dann mich an sich ziehen... ganz sacht, bis ich gegen ihn lehne." Seine Stimme wurde leiser, als er weitersprach. "Mich auf den Hals küssen... hauchzart nur... meinen Namen flüstern, direkt neben meinem Ohr... sein Gesicht in meinem Haar vergraben... und mir sagen..."

Einen Moment lang hielt er inne, fröstelte mit einem Mal. Langsam schlug er die Augen wieder auf und starrte sich im Spiegel an, als er nur noch flüsternd fortfuhr "Er würde mir sagen, dass ich zu affektiert bin. Dass ich aus den falschen Kreisen komme. Dass ich zu wenig Geld habe. Aber vor allem, dass ich zu jung bin."

/Sehr höflich würde er es sagen. Sehr nett, sehr zurückhaltend und sehr distanziert./ Irgendjemand schien einen Stöpsel gezogen zu haben, und nun rann das Glück aus Phillipe heraus; er konnte es nicht aufhalten, nur fühlen, wie es weniger wurde und schließlich ganz verschwunden war.

Er senkte den Blick und sah nicht mehr auf, während er sich hastig abschminkte, die Zähne putzte und dann stumm, nachdem er alle Lichter gelöscht hatte, in seinem Bett verschwand. Obwohl es warm war, fror er und verkroch sich tief in der Bettdecke. Er zog sein Kissen heran, schlang die Arme darum und drückte es an sich, als wäre es ein lebendes Wesen.

Während er in die Dunkelheit starrte, kreisten seine Gedanken immer wieder um Jean. /Zu alt... Fünfzehn, wenn nicht sogar zwanzig Jahre. Was will er schon mit einem Mann wie mir? Er ist kultiviert, er hat Stil, bestimmt erwartet er das auch von einem Partner. Und wer bin ich...? Lächerliche fünfundzwanzig, naiv, klein, dumm. Schreibe Romane, die Kinderträume beinhalten, und träume ebenso, davon leben zu können. Wahrscheinlich will er wirklich nicht mehr als das, was wir heute gemacht haben. Helfen, die Schwachstellen zu finden. Wahrscheinlich sieht er sich wirklich nur als den Förderer junger Künstler. Das macht er ja gerne, die Lesung heute war ja nichts anderes./

Phillipes Augen begannen zu brennen. /Wahrscheinlich hat er damit auch recht. Zwanzig Jahre. Wenn ich vierzig bin, ist er sechzig, und wenn ich sechzig bin, ist er achtzig. Aber was kann denn ich dafür, dass ich so viel später geboren wurde?/ Die erste Träne, die über seine Wange rann, kitzelte noch. Die nächsten spürte er schon gar nicht mehr, als er das Gesicht in dem Kissen vergrub und versuchte, mit dem Denken aufzuhören.


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