Der Sternschnuppentraum

5.

Jean sah Phillipe noch nach, bis die schwere Holztür mit den dekorativen Glasfenstern hinter ihm ins Schloss fiel. Sehr typisch bewegte sich der Vorhang vor dem Fenster des Concierges im Erdgeschoss. Sicherlich ein alter Mann, latent Alkoholiker, der sein Leben damit verbrachte, das Leben anderer als seine Angelegenheit zu betrachten. Jean wartete dennoch auf die Lichter, um zu sehen, wo seine Sternschnuppe wohnte, dann erst fuhr er mit einem alten Chanson mitsummend nach Hause.

Die Woche verging wie im Fluge. Er wurde von Paul und Caroline taktlos darauf hingewiesen, wie tuckig sein kleiner Schwarm war und natürlich auch wie jung, fast zwanzig Jahre jünger, aber er schaffte es, den unhöflichen Dämpfern mit Gleichmut zu begegnen. Denn bei einem war er sich sicher, so sehr er Phillipe berühren wollte, so gern er ihn in die Arme genommen hätte oder auch in sein Bett, konnte er sich doch beherrschen für diesen Mann und auch mit dem Gedanken anfreunden, dass sie nur reden würden, nur die Träume teilen. Auch das erschien ihm schon wertvoll genug.

/Hoffentlich wird er bei meinem Besuch bei ihm nicht schüchtern und denkt, dass er hochbelesene Dinge mit mir reden muss, das wäre so schade./ Zur Überraschung seiner Hausdame und später auch der Nonnen im Hospiz, in dem seine Mutter gepflegt wurde, verlegte Jean seinen ganzen Sonntag um etliche Stunden nach vorn. Er schlief nicht aus und besuchte seine Mutter bereits vor dem Mittagessen, was er sonst nie schaffte.

Von seinem Besuch bei Phillipe hatte er Suzanne schon berichtet und sie gebeten, ihm bei einem Gastgeschenk für den sympathischen, jungen Mann zu helfen. Die dicke Frau war zu Tränen gerührt, dass ihr Arbeitgeber, den sie seit dem Tod seines Lebensgefährten viel zu einsam gefunden hatte, sich solch einen süßen Mann geangelt haben könnte.

Jean hatte ihren Gleichmut, was das Thema anging, sehr bewundert; sie hatten jedoch nur einmal direkt darüber gesprochen, als er sie als angehender Immobilienmakler vor vielen Jahren in seinem Haushalt eingestellt hatte. Nur für einige Stunden in der Woche zunächst. Damals war sie noch frisch geschiedene Mutter von zwei Kinder gewesen. Sie hatte ihm resolut mitgeteilt, dass seine Präferenzen nicht von ihr zu richten seien. Später hatte sie ihm einmal gesagt, dass sie es sogar vermissen würde, ihn mit dem kleinen, blonden Mann im Garten lachen zu sehen, obgleich sie Thomas nur krank erlebt hatte, nie von seiner mitreißend fröhlichen und unglaublich charmanten Art.

Suzanne hatte sich jedenfalls sehr viel Mühe gegeben; sie gab Jean als Gastgeschenk einen kleinen Schokoladenkuchen mit, dessen Duft schon ein Lächeln auf sein Gesicht brachte. Er küsste sie zum Dank übermütig auf die Wange, bevor er sich zum Wagen stürzte, um nicht zu spät zu kommen.

Die Kleiderwahl war ihm nicht leicht gefallen. Es war noch immer so heiß, und es war ein privater Besuch, aber er hatte wenig Freizeitkleidung in seinem Schrank. Endlich entschied er sich für einen helle Hose, kombiniert mit einem weißen, kurzarmigen Hemd, und ließ das Jackett weg.

Natürlich war er zu früh, und so parkte er den Wagen an einem guten Platz in einiger Entfernung eine Straße weiter und rauchte auf dem Weg zu dem Gebäude noch eine Zigarette, um seine Nerven zu beruhigen. Die Tür stand offen, und so klingelte Jean, um sich anzukündigen, während er bereits durch den dunklen und kühlen Flur weiterging.

Schon bei den Briefkästen, die schwarz und in einer Reihe im Hausflur an der Wand hingen, konnte man erkennen, welcher zu Phillipe gehörte. Der Name 'Cartier' war nicht auf einem einfachen weißen Schildchen dort befestigt, sondern von Glitzersteinchen umrahmt auf eine goldene Plakette graviert.

 

Genau wie der Abend verlaufen war, an dem Phillipe sich von Jean getrennt hatte, war auch die Woche vergangen. Phillipe war von himmelhohen Wolken in abgrundtiefe Löcher gestürzt, war glücklich schwebend durch den Alltag geflattert und musste sich dann wieder mühsam durch lange Stunden kämpfen, um überhaupt nur Tageslicht zu sehen. Er war dankbar für jede Ablenkung, traute sich aber nicht, irgendjemandem zu erzählen, warum seine Laune so schwankend war.

Zum Glück sah er weder Henri noch Léon die Woche über; Léon hatte nur kurz angerufen, um ihn zu fragen, wie es gelaufen war, und hatte eine für Phillipes Verhältnisse nichts sagende Antwort bekommen, in der er sich hauptsächlich über die Qualität der Gedichte und die unmögliche Frau ausgelassen hatte. Daraufhin hatte Léon sich besorgt erkundigt, ob alles in Ordnung wäre und ob er vorbeikommen sollte, was Phillipe zum Lachen gebracht hatte, und für den Moment war wirklich alles gut gewesen.

Am Sonntagmorgen wachte er viel zu früh auf und konnte auch nicht mehr einschlafen. Energiegeladen sprang er aus dem Bett, verbrachte eine Ewigkeit unter der Dusche und im Bad, wusch sich die Haare und benutzte anschließend seine spezielle Spülung für besondere Anlässe, rasierte sich ausgesprochen sorgfältig und cremte sich ein, dann brauchte er die selbe Ewigkeit vor seinem Kleiderschrank, um Kleidung für den Nachmittag herauszusuchen, ehe er zum Supermarkt aufbrach.

/Er kommt zum Kaffee, aber vielleicht bleibt er noch bis zum Abendessen. Er hat gesagt, er hat Zeit. Was mache ich? Nichts zu Schweres, dafür ist es zu heiß. Und Kuchen zum Kaffee.../ Die Erdbeeren lachten ihn an, rot und groß und saftig, und er nahm sie mit, auch wenn sie außerhalb der Saison unverschämt teuer waren. Ebenso packte er die kleinen Tortenböden ein, um sie damit zu belegen.

Einmal nur hatte er versucht, sie selber zu machen; es war so schief gegangen, bei derart viel Arbeitsaufwand, dass er beschlossen hatte, in Zukunft darauf zu verzichten. Für den Abend einigte er sich mit den unzähligen, widersprüchlichen Stimmen in seinem Kopf schließlich auf einen großen Hirtensalat mit Kräuterbaguette. Das war bei der Hitze gerade recht. Er kicherte, als er überlegte, ob Jean jemals in seinem Leben in einer Küche gestanden hatte.

Den Rest des Vormittags verbrachte er damit, die Küchelchen zu belegen, noch einmal zum Supermarkt zu hetzen, weil seine Sahne schlecht geworden war, den Tisch auf dem Balkon zu decken, nachdem er eine Spitzendecke untergelegt hatte. Er wählte das Rosengeschirr, weil er dazu passendes Besteck hatte, Löffelchen und Kuchengabeln mit kleinen Röschen am Kopfende, und schlichte, grüne Servietten.

Kurz vor drei begann er dann mit der langen Prozedur, sich für seinen Besuch schön zu machen. Er duschte erneut, feilte seine Finger- und Fußnägel und lackierte sie mit farblosem Glanzlack, deckte die blassen Sommersprossen mit etwas Puder ab, tuschte sich die Wimpern neu und brachte seine Haare in Form.

Erstaunlicherweise hatte er sogar noch Zeit über, als er in die rotbraune Schlaghose schlüpfte und sie ein Stückchen weiter auf die Hüfte hinunter zerrte. Während er das helle, goldgelbe Samtoberteil mit den Chiffonärmeln anzog und es unter der Brust zusammenknotete, überlegte er, ob er seinen Bauchnabel mit einem bernsteinfarbenen Strassstein verzieren sollte. Er mochte es, und es würde zu den kleinen Steinchen passen, welche die Nähte der Hosentaschen schmückten. Dennoch entschied er sich dagegen.

Leise summend setzte er die Kaffeemaschine in Betrieb und suchte noch rasch eine CD mit langsamen, französischen Stücken heraus, die er besonders gern beim Schreiben hörte. Als es dann etwas vor sechzehn Uhr klingelte, machte sein Herz einen kleinen Sprung. Eilig rannte er auf nackten Füßen in den Flur, blieb dann aber nur stehen, presste die Hände auf die Brust, schloss die Augen und atmete dreimal tief durch, um sich zu beruhigen, ehe er auf den Türöffner drückte. /Oh, er ist schon da! Oh, oh, wie gut, dass ich bereits fertig bin. Ganz ruhig, Phillipe. Ganz ruhig.../

Er wartete, bis er die Schritte im Hausflur hören konnte, ehe er öffnete und ihm strahlend entgegen sah. Sein Lächeln vertiefte sich noch, als Jean in Sicht kam. Er trug ausnahmsweise keinen Anzug und sah in der hellen Kleidung einfach umwerfend gut aus. /Aber nicht wie ein Prinz. Eher wie... ein König, so ruhig und souverän./

"Hallo, Jean! Schön, dass Sie da sind!" Irgendwie kam es Phillipe eigenartig vor, den anderen Mann noch immer zu siezen, so oft und so... intim, wie er in der vergangenen Woche an ihn gedacht hatte.

"Hallo, Phillipe, ich hoffe, ich bin nicht zu früh." Jean umarmte den schmalen Mann, nachdem er seinen Blick anerkennend einmal hatte über ihn streifen lassen. Er fühlte sich ausgelassen mit einem Mal, als sei die Sonne erst in diesem Moment wirklich aufgegangen. Er entließ Phillipe nicht aus der Umarmung, sondern küsste ihn auf beide Wangen, bevor er den kleinen Kuchen überreichte und so wieder Abstand zwischen sie brachte.

Süß sah er aus, noch viel süßer als an den Tagen zuvor, noch viel sorgfältiger zurecht gemacht sogar, auch wenn das kaum möglich war. Die Farbkombination passte gut zu seinen Augen und hob den feinen Teint noch besser hervor. Nur kurz überlegte Jean, ob er es ihm sagen sollte, aber beschloss dann, dass das nicht für die Türschwelle gedacht war und später sicherlich noch in die Unterhaltung eingefügt werden konnte.

Phillipes Wangen hatten sich gerötet, als er die Küsschen erwiderte hatte, und sein Herz schlug noch heftiger als zuvor. Er nahm den Kuchen entgegen, dessen süßer Schokoladenduft ihm bereits das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Am liebsten hätte er Jean dafür gleich noch einmal auf die Wange geküsst, doch das war vermutlich zu übertrieben, weswegen er einfach beiseite trat, nachdem er sich bedankt hatte, um ihn herein zu lassen.

"Dann haben wir jetzt sogar Auswahl zum Kaffee. Ich habe Erdbeertörtchen gemacht", erzählte er, um seine Aufregung ein wenig zu überspielen. Während er den Kuchen in die Küche brachte und dort ein Deckchen hervorsuchte, um es auf eine weitere Kuchenplatte zu legen, hörte er, wie Jean die Wohnungstür schloss.

"Möchten Sie erst einmal etwas zu trinken? Ich habe Orangen- und Apfelsaft und Wasser da", rief er in den Flur und holte, ohne auf Antwort zu warten, nach einem kurzen Zögern ein Glas aus einem der Einbauschränke hervor.

/Keines von den alten, leeren Senfgläsern, die passen nicht zu ihm./ Gleichzeitig überlegte er zum bestimmt hundersten Mal, wie seine Wohnung wohl auf Jean wirken mochte, der ja nun einmal in einer Villa wohnte. Sicher, sie war recht groß mit den drei weiten, hohen Räumen, die Schlaf-, Wohn- und Arbeitszimmer umfassten, aber dennoch...

Er versuchte, die Einrichtung mit Jeans Augen zu sehen, den hellen Laminatboden, der zum Teil unter flauschigen, naturweißen Teppichen verschwand, die ebenfalls hellen Möbel, die durch Details aus naturbelassenem Holz frische Wärme ausstrahlten. Die Sträuße trockener Kräuter in der Küche und die Nachdrucke alter Detailzeichnungen von Hibiskus, Apfelblüten und Lavendel.

Ihm fiel ein, dass er die Geschichtswerke im Wohnzimmer hatte liegen lassen, die er zur Recherche für sein neustes Werk las, und oben auf diesem kleinen Stapel einen ganz und gar unpassenden Liebesroman mit rosafarbenem Einband, der nicht einmal schwul war und den Mignon ihm empfohlen und gleich mitgegeben hatte.

Phillipe wurde rot und hoffte, dass er ihn unauffällig verschwinden lassen konnte, bevor Jean ihn zu Gesicht bekam. Gleich darauf ärgerte er sich darüber und beschloss, ihn liegen zu lassen. Ebenso wenig würde er den großen Druck über dem Sofa abhängen, der leicht kitschig, aber wie Phillipe fand wunderschön, die Photomontage eines jungen Mannes zeigte, der sich als Engel in Laken und Kissen rekelte.

Jean war durch den Flur in ein freundlich mit rustikalem weißlackierte Holz eingerichtetes Zimmer getreten, nachdem er angenommen hatte, dass dieser Raum, dessen Tür als einzige offen stand, zum Wohnraum führen musste. Als er von seinem Gastgeber aus der Küche gefragt wurde, was er gern trinken wolle, war er gerade auf das gerahmte Bild eines halbnackten Engels gestolpert, der an der Wand über einem wollweißen Sofa prangte.

"Oh, ein Glas Wasser reicht mir vollkommen." /Ja, ein Engel, das passt zu meinem Sternschnuppenmann./ Mit einem Mal war es ihm zu wenig, nur die Stimme und die leisen Geräusche aus der Küche zu hören, er wollte Phillipe immer sehen können, wenn er schon diese kostbare Zeit mit ihm verbrachte.

Er warf noch einen Blick in der Runde herum und fragte dann zu ihm gehend "Kann ich helfen? Etwas zum Balkon bringen?" Die Tür dazu hatte er schon entdeckt und auch gesehen, dass die Sitzgruppe draußen im Schatten einer Markise lag.

Er tauchte hinter Phillipe auf, als dieser gerade den Kaffee in eine Kanne mit Rosendekor umkippte und beobachtete schmunzelnd, wie sich die hellrosafarbene Zunge zwischen seine Lippen stahl, während er versuchte, nichts zu verschütten.

"Oh, gerne. Danke." Phillipe öffnete den Kühlschrank und holte die silberne Drehplatte mit den kleinen Erdbeertörtchen heraus, um sie Jean zu reichen. Er selber nahm die Kaffeekanne und die Schale mit der Sahne und folgte ihm dann nach draußen, wo die üppige Blumenpracht in den fast das komplette Balkongitter einnehmenden Kästen einen sanften Duft verbreiteten.

Nachdem er seine Last abgestellt und ordentlich arrangiert hatte, kehrte er noch einmal rasch zurück, um den Schokoladenkuchen und das Wasserglas zu holen, unter einen Arm die Flasche zum Nachschenken geklemmt. Schließlich musste er ein drittes Mal laufen, da er die Milch vergessen hatte. Doch endlich konnte er sich Jean gegenüber an den Tisch setzen, der Dank der Größe des anderen Mannes noch kleiner wirkte.

Er schenkte Kaffee ein, dann wies er mit einer zierlichen Bewegung über den Tisch. "Bedienen Sie sich einfach, Jean. Und wenn etwas fehlt, sagen Sie es nur."

Jean wollte sich gerade vorbeugen, um eines der wirklich köstlich aussehenden Erdbeertörtchen zu nehmen, als ihm irritierender Weise und eigentlich verspätet oder verfrüht, jedenfalls unpassend, das 'Sie' aufgefallen war. Nachdenklich warf er einen Blick auf Phillipe, dann schlug er nüchtern und möglichst ruhig vor "Wollen wir nicht Du sagen, Phillipe?"

Überrascht sah Phillipe auf, seine Augen weiteten sich ein wenig, dann musste er lächeln, was er schnell hinter einer Hand versteckte, um es schließlich doch zuzulassen. /Er hat genauso gedacht wie ich.../ Er legte den Kopf ein wenig schief, als er Jeans Blick erwiderte, während das Prickeln in seinem Bauch wieder einsetzte. "Sehr gerne, Jean. Wenn ich ehrlich bin, hat es mich auch ein wenig gestört. So komisch es klingen mag, es kommt mir so vor, als... als würde ich dich schon länger kennen."

"Vermutlich tust du das, sonst hättest du niemals an meine hingebungsvolle Liebe für Erdbeeren gedacht." Jean zwinkerte seinem erneut so niedlich erröteten Sternschnuppenmann zu, bevor er sich wirklich ein Erdbeertörtchen und Sahne nahm. Nachdem er die ersten Bissen und einige Schluck von dem starken Kaffee schweigend genossen hatte, fragte er Phillipe nach der Gegend und nach den Nachbarn, nachdem er zugegeben hatte, dass er Wohngegenden eigentlich stets nach dem Wert des Quadratmeters einschätzte.

Phillipe begann zu erzählen, von der alten Frau Dupont gegenüber, die ihm zu seinem Geburtstag immer Apfelkuchen brachte, von Mignon, die endlich mit ihrem Freund zusammengezogen war und die Schauspielerin werden wollte. Von Geoffrey, der in einem Pornoshop arbeitete und damit sein Kunststudium finanzierte. Er erzählte, wie das Viertel im Winter aussah und dass man manchmal die Musik vom Weihnachtsmarkt hören konnte, von den weißen Blüten, die der Baum im Hinterhof im Frühling trug und wie sie dufteten.

Schließlich verstummte er ein wenig zerknirscht. "Ich rede schon wieder so viel. Eine kleine Frage, und ich höre nicht mehr auf. Tut mir leid." Aber Jean hatte nicht so ausgesehen, als würde er sich langweilen. Das Lächeln um seine Lippen hatte auch seine Augen erreicht und sie noch heller, strahlend fast werden lassen. Ab und an hatte er geschmunzelt, einen kleinen Kommentar eingeworfen.

Er hatte mit seinen schlanken Fingern wie nachdenklich über das Rosenornament seines Löffels getastet und Phillipe unwillkürlich stocken lassen, als er sich etwas Sahne von den Lippen geleckt hatte, ganz harmlos nur. Doch Phillipe hatte wieder seine ganz persönlichen, winzigen Schmetterlingswolken gespürt, die nicht nur in ihm waren, sondern ihn auch einzuhüllen schienen, und danach viel zu hastig weitergesprochen.

Jean merkte an der schwindenden Anzahl der Erdbeertörtchen mit Sahne und Kaffeetassen, wie die Zeit verging. An Langeweile oder daran, dass er es unangenehm fand, den lebendigen Erzählungen von Phillipe zu lauschen, sicherlich nicht.

Es dämmerte schon über den Dächern, und unten auf der Strasse begannen in den Cafés die Musikanten einzutreffen. Das rasselnde Geräusch der Motorroller schallte nicht selten mit Juchzen begleitet zu ihnen herauf. Es war einfach zu angenehm auf diesem Balkon, in der leichten Sommerwärme, die am Abend noch zwischen den Häusern hing, als dass Jean hätte fortgehen wollen.

Dennoch entschuldigte er sich, um rasch einmal das Bad aufzusuchen. Vor einem golden gerahmten Spiegel, perfekt ausgeleuchtet wie in einer Theatergarderobe, wie es sich für einen Mann wie Phillipe gehörte, betrachtete Jean sein Gesicht und fragte sich, ob es wirkliche Zuneigung in dem Ausdruck des so viel Jüngeren gewesen sein könnte.

Langsam wusch er sich die Hände, erfreute sich an dem frischen Duft der weißen Rosenseife. Während er sich die Finger abtrocknete, vernahm er, wie Geschirr klapperte. Phillipe schien die Gelegenheit genutzt zu haben, um den Tisch abzuräumen. /Er ist so leicht und unbekümmert in seiner Art. Die Zeit vergeht, ohne dass ich es merke, wenn ich ihn ansehe. Und ich vergesse alles umher, weil ich mich so sehr auf ihn konzentriere, um nichts zu verpassen, keine Miene, keine Bewegung./

Und Jean gab es zerknirscht zu, er wollte Phillipe. Er wollte mehr als nur Freundschaft und nette Gespräche. Jeder Blick auf die Hüften und den nackten Bauch des jungen Mannes hatten ihn wollen und wünschen lassen. Es war ihm peinlich, er wollte nicht so in Phillipes Erinnerung bleiben. Ein alter Mann, der ihn gierig angesehen hatte; aber das Gefühl war da. Lust und sogar Gier, auf diese Haut, auf das Gefühl unter seinen Fingern, auf das leichte Erschaudern, darauf zu sehen, wie sich die Lippen ein wenig öffneten, während die Wimpern genau richtig weit über die Augen niedergeschlagen wurden.

/Verdammt noch mal! Das sollte nicht passieren. Ein leichtes Sehnen ja, aber kein gieriges Lechzen, so ein plattes Gefühl, nicht seiner würdig und meiner auch nicht./ Aber Jean gab es für sich zugleich zu, es war ein ehrliches und nur natürliches Empfinden. Falsche Scham war deswegen genauso wenig angebracht.

Phillipe hatte abgeräumt und die Reste in den Kühlschrank gestellt, sich genauso schwebend und wundervoll fühlend wie an dem Abend, als er nach der Lesung länger geblieben war. /Ich will nicht, dass er jetzt schon geht. Er darf noch nicht gehen. Wenn er geht, frage ich mich wieder, ob das nicht nur ein Traum ist, was ich jetzt empfinde./

Jean hatte eine Art, ihn anzusehen, als würde ihm gefallen, was er erblickte, als würde es ihm gefallen, ihn zu beobachten. Es bewirkte, dass Phillipe sich schön fühlte, weil ihm die Augen des anderen genau das zu sagen schienen. Vielleicht sogar mehr...

/Oh, und wenn ich mir das nur einbilde?/ Es wäre so viel einfacher, wenn er sich nicht derart nach einer Berührung von Jean sehnen würde. Danach, dass der andere ihn in den Arm nahm. /Mir ist gleich, was Léon und Henri sagen. Dieses dumme Alter! Er kann doch auch nichts dafür, dass er vor mir geboren wurde./

Er holte ein Windlicht aus dem Schrank, zündete die dicke, weiße Kerze darin an und stellte es dann auf das Balkontischchen, ehe er vorsichtig den bauchigen Glaszylinder darüber stülpte. /Wenn ich jetzt einfach anfange, den Salat zu machen, dann wird er nicht gehen. Dazu ist er zu höflich. Dann bleibt er zumindest noch da, bis wir gegessen haben./ Andererseits wollte Phillipe das nicht ausnutzen.

Er lehnte sich an das Balkongitter zwischen die Kästen mit der bunten Blumenvielfalt und sah zum dunkler werdenden Himmel empor. Bald würden dort die ersten Sterne blinken, genauso weit entfernt und unerreichbar wie Jean.

Als er die ruhigen Schritte hörte, drehte er sich um. Der flackernde Kerzenschein strich mit zarten Lichtfingern über die Züge des anderen Mannes und ließ die Augen tiefer werden. Phillipe spürte seine Sehnsucht fast schmerzlich anwachsen; er wollte zu ihm gehen, sich an ihn lehnen, seine Nähe fühlen, seine Arme, und wagte es doch nicht. Einen Moment lang konnte er nicht sprechen, und als er es dann schließlich doch tat, war seine Stimme leise. "Bleibst du noch zum Abendessen? Ich habe extra viel Salat und ein besonders großes Baguette gekauft."

Jean nickte leicht und trat zu Phillipe an die Blumenkästen, die er zuvor schon mit einem Satz bewundernd erwähnt hatte. "Gern, wenn ich mich nicht aufdränge." Und er wollte auch sehr gern bleiben, dem Mann noch näher kommen, ihn noch mehr kennen lernen. Immerhin wusste er schon viele Kleinigkeiten, die ein immer klareres Gesamtbild ergaben, jedoch lange nicht fein genug, nicht intim genug. So viele Dinge wagte Jean nicht zu fragen.


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