Der Sternschnuppentraum

6.

Als Phillipe nach einem charakteristischen, kleinen Freudenhüpfer zur Küche ging, folgte Jean ihm einfach schnell. Immerhin bot der enge Raum ihm sicherlich mehr Gelegenheiten, um Phillipe vielleicht noch einmal berühren zu können. /Aber nur, wenn es zufällig ist, Jean/, ermahnte er sich selber, während er seine Hilfe anbot und zugleich vorwarnend erklärte, dass er nie in der Küche hatte arbeiten dürfen, da seine Hausdame das nicht zuließ.

Phillipe kicherte leise, als seine Vermutung bestätigt wurde. "Also lasse ich dich schon mal nichts schneiden, nicht an den Ofen und nicht würzen. Ah, ich weiß, was du machen kannst." Er holte das Baguette aus der Papiertüte, legte es auf ein eigenes dafür vorgesehenes, geschnitztes Brettchen und schnitt es dort rasch in Scheiben, ohne diese wirklich zu trennen. Mit einem verschmitzten Zwinkern schob er es dann Jean hin, reichte ihm das Messer und die Kräuterbutter. "Hier, die kannst du dazwischen verteilen, dann muss ich es nur noch in den Ofen schieben."

Während Jean sich mit der noch zu harten Butter abmühte und der Ofen warm wurde, kümmerte Phillipe sich um den Salat, putzte und zerkleinerte und bereitete die Soße zu. Die vertrauten Handgriffe hielten ihn beschäftigt, waren aber zu einfach, um ihn ablenken zu können.

/Wenn ich doch nur herausfinden könnte, was er von mir denkt. Immerhin hat er mich als einzigen der ganzen Lesung bei sich behalten. Er ist jetzt hier und hilft mir, obwohl er es gar nicht nötig hätte. Auf dem Ball hat er mit mir getanzt. Seine Blicke... seine Blicke lassen mich träumen... aber er hat noch nichts getan, was irgendwie deutlicher gewesen wäre. Hat er Angst davor? Denkt er, ich würde ihn zu alt finden? Oder will er einfach nicht mehr. Wenn das nur nicht so kompliziert wäre!/

Jean hatte es ahnen können, aber natürlich achtete man nicht genug auf sich, wenn man in Gedanken bei anderen Personen war. Als Phillipe vorsichtig seinen Finger in die Soße tauchte und dann kostend ableckte, passierte es. Jean rief überrascht auf und hatte gleich drauf seinen Finger ebenfalls im Mund, weil er sich abgelenkt, wie er war, geschnitten hatte.

Erschrocken wirbelte Phillipe zu ihm herum, um dann zu begreifen, dass nichts Schlimmes passiert war. Der große Mann sah aber irgendwie niedlich aus, wie er an seinem Finger saugte. Phillipe verbot sich jedoch jedes Lächeln. "Warte, ich bin gleich wieder da."

Rasch lief er ins Bad und kam nur Augenblicke später mit Desinfektionsmittel und dem Pflasterstreifen zurück. Er ließ sich die Wunde zeigen, schnitt ein passendes Stück ab und verarztete ihn damit, nachdem er desinfiziert hatte. Dann nahm er Jeans Hand in seine, zog sie an die Lippen und küsste, ohne auch nur darüber nachzudenken, die verletzte Fingerkuppe, um mit einem Lächeln zu ihm hoch zu schauen. "Damit es schnell wieder besser wird."

Jean hatte das 'Danke' auf den Lippen, als Phillipe seinen verletzten Finger mit den Lippen berührte. Er wusste nicht mehr genau, was in welcher Reihenfolge geschah, am Ende hatte er jedenfalls das Buttermesser fallen lassen, war noch dichter auf den jungen Mann zugetreten und hatte die freie Hand an seine Wange gelegt. Er bemerkte, dass seine Finger leicht zitterten, während er einige Haare über die Schulter zurückstrich.

Phillipes Augen wurden eine Spur größer, auch er schien erschrocken zu sein, und das brachte Jean dazu, zusammen zu zucken und nach einem leichten Streicheln seine Hand von seinem Gesicht über die Schulter und den Arm entlang gleiten zu lassen, um seinerseits Phillipes Hand zu ergreifen und einen leichten Kuss auf den Rücken der ersten Finger zu hauchen.

Dann hatte er sich wieder im Griff, trat zurück und hob das Messer auf, um es nach einer leise gemurmelten Entschuldigung seine Ungeschicklichkeit betreffend abwaschen zu gehen. Er hoffte inständig, dass Phillipe sich nun nicht von ihm belästigt fühlte. /Er fühlt sich wundervoll an, wie Seide, wie... ein Traum. Reiß dich zusammen, Jean!/

Phillipes Herz raste. Er presste die Hände gegen die Brust und starrte Jean an, der ihn eben berührt hatte. Berührt, geküsst sozusagen, auch wenn es nur seine Finger gewesen waren. Ihm war schwindelig, und er wollte nichts mehr, als sich an den anderen Mann anlehnen.

Doch dieser hatte sich wieder von ihm abgewandt, einfach so, als sei nichts geschehen. /Oh... oh Gott... ich muss träumen, mit offenen Augen träumen./ Aber er konnte noch immer die hauchzarte Bahn spüren, die Jean auf seiner Schulter, seinem Arm gezogen hatte, die Stelle, die seine Lippen gestreift hatten. /Ich habe mir das nicht eingebildet... er hat... Aber warum... warum ist er jetzt.../

Es war ein einziges Wirrwarr in seinen Gedanken. Mühsam riss Phillipe sich los und trat zu seiner Salatschüssel zurück, während sich seine Beine anfühlten, als wollten sie ihn eigentlich gar nicht mehr tragen. /Oder er wollte sich nur bedanken... aber seine Finger... Sie haben gezittert, oder? Oder nicht...?/ Aus den Augenwinkeln sah er zu Jean hin, der noch immer an dem Besteck schrubbte.

Ein leises Klingen ertönte, und es brauchte eine Weile, bis Phillipe begriff, dass es der Ofen war, der die eingestellte Temperatur erreicht hatte. Er öffnete ihn und schob das Baguette hinein, stellte die goldfarbene, apfelförmige Eieruhr, und noch immer war er zittrig und aufgeregt, und noch immer klopfte sein Herz ganz verrückt in seiner Brust.

Sie beendeten die Arbeiten in der Küche, die ohnehin fast alle erledigt waren und begannen, den Tisch auf dem kleinen Balkon neu zu decken. Immer wieder jedoch huschten Blicke hin und her, und sie schwiegen. Jean wollte und konnte nichts sagen oder tun, weil er mit sich kämpfte, was es denn sein sollte. Sollte er Phillipe wirklich gestehen, dass er sich ganz offensichtlich in ihn verliebt hatte? Trat er dem jungen Autor mit solch einer ernsten Behauptung nicht wirklich zu nah? Damit würde er sicherlich eine Reaktion herausfordern, ganz gleich welcher Art, sie musste einfach kommen.

/Heute Morgen habe ich noch geglaubt, dass ich auch mit Freundschaft leben könnte, aber das wird von Moment zu Moment unmöglicher./ Ziemlich verwirrt ließ er sich erneut an dem Tisch nieder und nahm sich von dem Apfelsaft, der nun neben der Wasserflasche stand, um eine leichte Mischung herzustellen.

Phillipe hatte ihm bedeutet, dass er nur noch wenige Dinge holen wollte. Eine Parmesanreibe, ein zierliches Tablett mit Essig, Salz und Pfeffer und Rosenservietten, die zur Tischdecke passten. Endlich war das Brot fertig, und Phillipe setzte sich ebenfalls an seinen Platz, während er Jean schon etwas anbot.

Sogar der Korb zitterte leicht, und das zeigte Jean, dass sie besser reden sollten. Das und der Ausdruck von Furcht in dem hellen Gesicht ihm gegenüber. Er nahm Phillipe den Korb weg und stand langsam auf, um zu ihm herum zu gehen. Im Kerzenlicht schimmerten die Haare fein, und das Gesicht schien beinahe zu leuchten. Das Top schmiegte sich ebenso mit dem Lichtschein spielend an den schmalen Körper, und einmal mehr wurde Jeans Blick auf den Bauchnabel gelenkt und von dort zu den Hüftknochen, die er in leichten Bögen über dem Hosebund sehe konnte.

Er ging weiter, bis er fast hinter Phillipe stand und fragte dann leise "Habe ich dich eben erschreckt, Phillipe? Mit meiner Geste oder einem Blick?"

Phillipe starrte mit aufgerissenen Augen in die ruhig brennende Kerzenflamme, doch er sah sie nicht. Seine ganze Aufmerksamkeit war nach hinten gerichtet, auf Jean, der gerade eine so unbeantwortbare Frage stellte. Er konnte ihn beinahe spüren, auch wenn der andere Mann ihn nicht berührte.

"Nein, nicht erschreckt...", flüsterte er schließlich, ohne sich jedoch rühren zu können.

Vorsichtig streckte Jean seine Hand aus, fühlte sich erneut wie mit einem besonders kostbaren, aber auch sehr scheuen Tierchen, das er nicht verscheuchen wollte. "Das hört sich so nach einem 'Aber' an", entgegnete er noch leiser, bevor er seine Finger leicht auf Phillipes Schulter legte. "Aber bin ich zu weit gegangen? Jetzt vielleicht erst recht?" Gespannt verfolgte er die Emotionen, die sich an der Haltung zum Teil erraten ließen.

Phillipe erschauerte und lehnte den Kopf leicht zur Seite, wie eine Einladung, während seine Lider zudrifteten. Die Hand war warm, auch durch den dünnen Stoff hindurch, und Phillipe dachte schmelzen zu müssen. "Nein...", hauchte er nur.

Jean wartete noch einen kleinen Augenblick ab, ob der andere noch etwas sagen wollte oder sich vielleicht gar zu ihm umwenden, aber alles, was geschah, war ein leichtes Neigen des Kopfes. Doch damit fielen die Haare von Phillipes Ohr zurück, und der Hals wurde entblößt; das fasste Jean dann als eine Einladung auf.

Er ließ seine Hand weiter herumstreichen, über die Schlüsselbeine und dann am Hals entlang zur Wange hinauf, während er sich vorbeugte, um Phillipe trotz des Stuhls auch mit dem anderen Arm zu umfassen. Er war zu groß für diese Art Unternehmungen, aber irgendwie schaffte er es, sich weit genug zu Phillipe herabzubeugen, um ihn umarmen zu können, um sein Kinn leicht ein wenig anzuheben, damit er ihn kurz und nur zurückhaltend küssen konnte.

Die Lippen hielten vom Gefühl und Geschmack her, was sie mit dem Aussehen schon versprachen. Weich und ein wenig süß, erwartungsvoll geöffnet, auch wenn Jean nicht auf die Einladung einging, allein aus Rücksicht auf sein Kreuz.

"Ich bin so froh, Phillipe", murmelte er und küsste ihn dann doch der Versuchung erliegend noch einige Male auf der Wange entlang zum Ohr hin, bevor er noch leiser flüsterte "Sehr froh." Doch dann ließ er ihn los und zog sich wieder auf seinen Platz ihm gegenüber zurück. Er war nie dafür gewesen, zu schnell an eine Sache heran zu gehen, die zum einen kostbar war, zum anderen wunderschön und beides lange für einen bleiben sollte.

Phillipe hatte sich in der Berührung von Jeans Lippen verloren, in den leisen Worten, die nichts von Alter sagten, nichts von Stand. Doch noch ehe er sich endlich bewegen konnte, richtete Jean sich wieder auf, seine weichen Finger strichen noch einmal über Phillipes Hals, dann löste er sich endgültig, um sich erneut ihm gegenüber hinzusetzen. Phillipe senkte den Kopf ein wenig, während sich seine Zungenspitze auf seine Lippen stahl, um Jeans Geschmack zu kosten.

Sein Bauch kribbelte vor Freude und Glück, als er schließlich wieder mit einem verträumten Lächeln zu dem anderen Mann hinsah. "Oh... ich auch..."

Er schwebte während des gesamten Essens wie auf einer kleinen Wolke, auch wenn Jean all die Dinge nicht tat, an die er sich in solch einer Situation bei seinen vergangenen Freunden regelrecht gewöhnt hatte. Er fütterte ihn nicht, bemühte sich nicht ständig, ihn zu berühren, streckte die Beine nicht aus, um ihn mit den Füßen zu streicheln. Es kamen auch keine Andeutungen auf spätere mögliche Aktivitäten, die das Bett betrafen, und erst recht versuchte Jean nicht, ihn direkt ins Wohn- oder Schlafzimmer zu ziehen. Stattdessen lachten sie zusammen, sahen sich immer wieder an oder lächelten auch einfach mal nur, ganz ohne jeden Grund, wie es schien. Und irgendwie fand Phillipe das noch viel schöner.

Das hatte jedoch zur Folge, dass er nicht wirklich wusste, wie er sich verhalten sollte, als sie anschließend gemeinsam das Geschirr in die Küche trugen. Einerseits wollte er sich gerne an Jean anlehnen, andererseits wollte er jedoch nichts falsch machen.

Jean entschuldigte sich kurz, um seine Hände zu waschen, dann trat er erneut zu Phillipe in die Küche und beobachtete, wie der junge Mann die Reste ordentlich mit Folie bedeckte und das Geschirr in die Spüle stellte. Jean wartete, bis er sich die Hände abgetrocknet hatte, dann trat er wieder auf ihn zu; natürlich hatte Phillipe schon wieder nicht den Mut oder vielleicht auch nur nicht die Gelegenheit, um sich zu ihm zu drehen.

/Egal. Ich denke, dass ich genug gewartet habe. Er wird energisch genug sein, um mich wegzuschieben, wenn er mich lossein will./ Jean kontrollierte sich soweit, dass er Phillipe nicht beleidigte mit irgendwelchen Reaktionen seines Körpers auf den wunderbaren Anblick und das herrliche Gefühl, ihn endlich im Arm halten zu können, während er die Hände von hinten um seine Taille schob, um ihn dichter an sich zu ziehen. "Darf ich noch ein wenig bleiben, Phillipe?"

Mit einem leisen, erleichterten Aufseufzen lehnte Phillipe sich nach hinten und an ihn, als Jean beinahe genau das tat, was er sich erträumt hatte. Die weichen Finger auf seiner Haut fühlten sich genauso wundervoll an wie der warme Körper, gegen den er sacht gedrückt wurde, und er lächelte, als er seine Hände auf die von Jean legte, den Kopf drehte und zu ihm aufsah.

"Oh, ich wäre sehr froh, wenn Sie mir noch ein wenig Gesellschaft leisten würden, Monsieur. Aber nur, wenn Sie das von vorhin noch mal etwas weiter ausführen könnten." Um ganz sicher zu gehen, dass Jean verstand, was er meinte, spitzte er die Lippen ein wenig, musste dann aber kichern.

Jean musste auch ein wenig lachen, aber dann lockerte er den Griff kurz, damit Phillipe sich zu ihm umdrehen konnte; seine Finger strichen um die Taille herum und auf den Rücken. Er genoss es, Phillipe so berühren zu dürfen und auch die Blicke, die nun zwischen ihnen erlaubt waren.

Er hob eine Hand und ließ die Finger durch das weiche, duftende Haar kämmen, mit dem Daumen streifte er die Wange leicht und bemerkte erst in dem hellen Licht und aus der Nähe, dass Phillipe auf dem Nasenrücken kleine Sommersprossen hatte.

Schmunzelnd beugte er sich dichter und murmelte noch "Natürlich, sehr gern erkläre ich das ausführlicher, Monsieur", um dann zuerst einen kleinen Kuss auf dieser süßen Nase zu platzieren, bevor er sich zu den Lippen weiter hinabbeugte. Mit einem Arm umfing er Phillipe fester und zog ihn ein wenig zu sich herauf, während er mit der Hand noch immer die Haare streichelte; damit aufzuhören würde sicherlich schwer werden.

Phillipes Lider drifteten zu, während er Jeans Geste nachgab und sich höher reckte, bis er auf den Zehenspitzen stand, während seine Hände Jeans Brust hinauf glitten, über seine Schultern, um sich dann in seinem Nacken zu treffen und sich noch enger an ihn zu ziehen, so nah, wie es ging. Jeans behutsame Lippen ließen ihn wie schon beim ersten Kuss die Welt vergessen und in seinen Armen dahinschmelzen. Er dachte nicht mehr, konnte nur noch fühlen, nur noch schmecken. Er öffnete den Mund, um mehr davon zu bekommen, wagte sich vorsichtig vor, um Jean mit der Zungenspitze zaghaft zu berühren.

Hitze schoss durch seinen Körper, während Jean sich erlaubte, mit der Zunge über Phillipes Lippen hinaus zu streichen, um ihn zu schmecken. Ihre Zunge berührten sich und begannen wie von allein, sich streichelnd zu bewegen, gleich seinen Fingern auf dem Kreuz nahe dem Hosenbund, die stetig leicht in kleinen Kreisen streichelten, ohne dass Jean sich dessen weiter bewusst wurde.

Wie lange sie sich küssten, nur dort standen, es einige Male versuchten zu beenden, nur um noch einmal in dem Gegenüber zu versinken, nur um sich noch enger zu umarmen, wusste er nicht, aber es war tiefe Nacht, als sie endlich voneinander ließen, um in das Wohnzimmer zurück zu gehen, in dem noch immer dieselbe Musik lief wie am Nachmittag. Sicherlich schon zum zwanzigsten Mal hatte die kleine Anlage von vorn begonnen, die alten französischen Lieder zu spielen.

Jean folgte Phillipe auf die bequeme, helle Couch und ließ sich dicht neben ihm nieder, streichelte ihm erneut die Haare vom Hals nach hinten fort, um den Ansatz der Schlüsselbeine zu küssen, die Kehle und schließlich über das Kinn doch wieder die Lippen seiner Sternschnuppe.

Ein kleiner Laut des Wohlbehagens entschlüpfte Phillipe, und er öffnete sich ihm erneut. Während der neckenden, zärtlichen Zungenspielerei kletterte er auf den Schoß des anderen Mannes, um näher bei ihm sein zu können, und schmiegte sich an ihn. Sacht streichelte er die Härchen in seinem Nacken und hielt damit auch nicht inne, als sie sich wieder voneinander lösten. Seitlich auf Jeans Beinen sitzend fiel der Größenunterschied nicht mehr so sehr auf, und Phillipe konnte wesentlich besser das ovale, feine Gesicht mit zarten Küssen bedecken und es mit den Fingerspitzen erkunden.

Er lächelte und zauste durch die kurzen, graumelierten Haare, die so gut zu den grauen Augen passten und befand, dass die dunklen Brauen dazu einen wirklich aufregenden Kontrast bildeten. Er wollte etwas sagen und konnte dann doch nicht anders, als ihn nur erneut zu küssen.

"Mmh", murmelte er anschließend. "Entweder, ich lasse die Augen geschlossen und du hörst auf der Stelle auf, so gut zu riechen, oder ich bin nicht mehr fähig, längere Sätze am Stück zu sagen, weil ich dich dauernd küssen muss."

Jean lachte leise, dann hielt er Phillipe geschickt von einem erneuten Kuss ab, indem er die schlanken Finger beider Hände mit seiner einen Hand umfasste, um mit der freien Hand noch immer über die Haare und den Rücken streicheln zu können. Der junge Mann war nicht nur zauberhaft anzusehen, er konnte auch genauso berauschend streicheln, einfach umwerfend gut küssen, und ganz nebenbei verteilte er verspielte Zärtlichkeiten auf Jean, so dass dieser sich mehr und mehr zu fühlen begann, als liefe eine Horde Ameisen durch seinen Körper, um ihn nervös zu machen.

"Du bist zauberhaft und wunderschön. Wenn ich dich nur küsse, dann kann ich dich nicht mehr betrachten, und das fehlt mir gerade auch wieder." Er legte den Kopf ein wenig schief und rückte Phillipes geringes Gewicht auf seinem Schoß besser zurecht, dann ließ er die kleinen Finger gehen, nachdem er sie noch einmal leicht mit den Lippen berührt hatte.

Leicht stützend hatte er seine Hand noch immer im Kreuz von Phillipe liegen und streichelte dort den Hosenbund entlang, während er seinen Kopf mit einer Hand an seine Schulter heranzog, um das Gesicht an die weichen Haare zu schmiegen. "Als ich dich auf dem Ball gesehen habe, im Garten, hab ich gleich gedacht, dass du wie eine Sternschnuppe bist, zu mir gekommen, um mir Glück zu bringen." Er küsste Phillipes Kopf. "Und das hast du, heute auf jeden Fall, aber auch schon bei unserem letzten Treffen."

Phillipes Augen begannen zu glänzen. "Jean...", flüsterte er. So etwas hatte ihm noch niemand gesagt, und er drückte sich noch ein wenig enger an ihn. Er fühlte sich, als würde das Glück auch durch ihn hindurchsprudeln, in kleinen Wasserfällen überall hervorbrechen, jeden Winkel von ihm erreichen und alles, was dunkel, einsam und traurig war, hinwegspülen.

"Das ist nur, weil du mich so glücklich machst. So sehr, dass es zu viel für mich ist, so viel, dass ich die ganze Welt damit füllen könnte." Seine Stimme war nicht ganz sicher, aber er sprach dennoch weiter. "Irgendwie machst du, dass ich schwebe, sobald du bei mir bist und mich so ansiehst. Seit du mit mir getanzt hast, hat das nicht mehr aufgehört, kaum dass ich in deiner Nähe war."

"Dabei haben wir noch gar nicht richtig getanzt. Da waren viel zu viele Leute im Weg. Wenn wir uns vielleicht einmal wieder bei mir treffen, zeige ich dir gern den Unterschied."

Phillipe lachte leise. "Oh ja. Ich liebe tanzen..." Er verstummte, um mühsam und nur halb erfolgreich ein Gähnen zu unterdrücken. Ohne sich zu bewegen warf er einen Blick aus den Augenwinkeln auf die Uhr und stellte überrascht fest, wie spät es war. /Oh, und er muss morgen arbeiten. Ich ja auch, aber bei mir stört es nicht, wenn ich mal drei Stunden später mit dem Schreiben anfange./ Dennoch hatte er keine Lust sich zu bewegen. "Besonders mit dir. Das war der schönste Tanz des ganzen Abends und überhaupt der schönste Tanz seit langem."

Jean küsste ihn auf die Schläfe, um dann doch noch einmal zu seinem hübschen Mund zurück zu kehren. "Leider muss ich morgen früh arbeiten und sollte mich langsam auf den Weg machen, Chéri." Er stand auf und hob Phillipe dabei noch einen Moment lang hoch, um ihn dann langsam auf die Füße zu stellen. Rasch drückte er ihn noch einmal an sich. "Das war wirklich ein wundervoller Tag. Kann ich dich morgen anrufen?"

Phillipe umarmte ihn fest und seufzte dann. "Ja, wundervoll. Und du kannst mich anrufen, wann immer du willst. Am besten gleich, wenn du wieder zu Hause bist, damit ich weiß, dass du sicher angekommen bist." Etwas verlegen lachte er auf und wand sich rasch aus Jeans Armen. "Ich bin albern... Wir haben keinen Sturm, keinen Schnee, nicht einmal Regen, und weit ist es auch nicht."

Er riss eine Seite aus dem Block, der bei den Büchern lag und in dem er sich Notizen gemacht hatte, schrieb seine Nummer darauf und reichte sie Jean. "Kann ich auch deine haben? Ich habe nur die von der Agentur; natürlich war deine Privatnummer nicht dabei."

Jean nickte leicht und gab Phillipe eine seiner geschäftlichen Karten, auf die er auch seine Mobilnummer und seine private Nummer hatte drucken lassen. "Die unterste Nummer ist der Anschluss neben dem Bett, wenn du mich spät am Abend erreichen willst. Ansonsten wirst du bei mir daheim sowieso immer zuerst mit Suzanne oder Rick sprechen und in meinem Büro und meistens über Mobil sicherlich mit meinem Sekretär, Foulard."

Phillipe begleitete ihn noch zur Tür und wäre am liebsten bis zum Auto mitgekommen, vielleicht sogar gleich noch weiter. Doch es war zum einen ebenso albern wie die Sache mit dem Sturm, zum anderen für einen ersten Abend, gerade mit Jean, reichlich verfrüht. Deswegen ließ er sich nur noch mal in einen letzten Kuss ziehen und versuchte, ihn so lange festzuhalten wie möglich.

"Ich wünsche dir die süßesten Träume", flüsterte er ihm ins Ohr, ehe er ihn endgültig gehen ließ.

Jean fühlte einen fast schon zu realen, körperlichen Schmerz, als die Tür sich schloss. Damit wurde auch die Möglichkeit, sich doch wieder schnell umzudrehen, um Phillipe noch einmal zu umarmen, abgeschnitten. Langsam nur begann sein normales Denken, während er, wieder den Weg zum Wagen für eine Zigarette nutzend, durch die noch immer belebte Straße ging.

Natürlich rief er seinen Schatz sofort an, nachdem er angekommen war und fühlte sich zum ersten Mal seit ewigen Zeiten wieder am Leben, während er nach einer schnellen Dusche in seinen Laken versank.

Der Arbeitstag verging leicht und schnell. Er verkaufte für einen Kunden eine Villa mit Meerblick an einen Arzt und nahm den Auftrag für ein sehr schön gelegenes Weingut an.

Am frühen Abend rief er dann bei Phillipe an, aber erreichte nur dessen Anrufbeantworter. /Ob er wohl arbeitet? Ich weiß gar nicht, wo er als Kellner tätig ist./ Ein wenig enttäuscht bat er um Rückruf und widmete sich einigen Briefen, die er in der Nähe des Telephons wartend eher unkonzentriert beantwortete.

Phillipe hatte sich den ganzen Tag über nach Jean gesehnt, und es war ihm mehr als schwer gefallen, sich auf den Text zu konzentrieren, den er eigentlich schreiben wollte. Immer wieder hatte er sich dabei ertappt, wie er träumend aus dem Fenster sah, ohne auch nur einen Buchstaben zu tippen. Es wurde nicht besser dadurch, dass er den Vorhang vorzog; dieser eignete sich ebenso gut, um Jeans Gesicht vor sich zu haben, ihn wieder zu erkunden, ihn erneut zu schmecken...

Ihn anzurufen wagte er jedoch nicht; der Gedanke, die Hausdame oder schlimmer noch einen Sekretär am Apparat zu haben, schreckte ihn ab. /Das geht nicht, Philli. Er wird beide behalten. Du wirst dich daran gewöhnen müssen./ Auf der anderen Seite war es vielleicht ganz gut so. Oft genug hatte er vorgeworfen bekommen, dass er klammerte. Und immerhin das würde sich ein wenig dadurch umgehen lassen.

Als er sich schließlich dazu entschied, weder das Telephon weiterhin zu bewachen, noch seinen leeren Bildschirm anzustarren und stattdessen einkaufen zu gehen, klingelte es, natürlich in dem Moment, in dem er die Tür zugezogen hatte. Bis er den Schlüssel hervorgekramt, ihn fallengelassen und in seiner Hektik ein Stockwerk nach unten befördert hatte, ihn geholt und endlich aufgeschlossen hatte, hatte der Anrufer natürlich schon längst aufgelegt. Doch das kleine, rote Lämpchen des Anrufbeantworters blinkte, und Phillipe konnte nicht anders, als ihn abzurufen.

Ein weiches Lächeln glitt über sein Gesicht, und er fühlte sich so wundervoll wie den ganzen Tag über nicht, einfach nur, weil er Jeans Stimme hörte, selbst wenn sie von Band kam. Ob er jetzt einkaufen ging, war keine Frage mehr. Er hob den Hörer ab und wählte die angegebene Nummer, während sein Herz wieder schneller schlug.

Jean hob den Kopf, als das Telephon doch gleich erneut klingelte und ging ran, bevor Rick es schaffen konnte. Zu seiner Erleichterung und Freude war es Phillipe, und allein seine Stimme zu hören, schuf die herbeigesehnte Wärme in ihm. Natürlich nicht genug, weswegen er nach kurzem Bericht über seinen Tag vorsichtig fragte, was Phillipe an diesem Abend vorhatte. /Hoffentlich bin ich ihm nicht zu aufdringlich./

Phillipe strich das Einkaufen kurzerhand komplett von seiner Liste; so dringend war es wirklich nicht. Vollkommen unwichtig, wenn er genauer darüber nachdachte. Er strahlte das Telephon an und sehnte sich mit jedem Moment, den er Jean am anderen Ende der Leitung hatte, mehr nach ihm. Es reichte nicht, nur seine Stimme zu hören, und wenn er nicht vor lauter Sehnsucht zu viel in dessen Worte hinein las, ging es Jean nicht besser.

"Ich... habe noch gar nichts vor", sagte er leise, während er mit einem Finger mit dem Telefonkabel spielte. "Aber ich vermisse dich ganz fürchterlich, Liebling."

Jean warf einen Blick auf die Uhr. "Ist es in Ordnung, wenn ich in einer halben Stunde da bin, oder wäre das zu schnell?"

Wärme durchzog Phillipe, und er schüttelte heftig den Kopf, auch wenn Jean das nicht sehen konnte. "Nein, nein, auf keinen Fall zu schnell. Das reicht mir." Zwar würde er sich etwas beeilen müssen, immerhin wollte er zumindest noch duschen, sich rasieren, schminken, passende Kleidung heraussuchen... Für einen Moment überlegte er, ob er nicht doch mehr Zeit brauchte, doch er wollte nicht länger auf ihn warten müssen. Dann musste er sich eben beeilen. "Ich freue mich schon. Bis gleich."


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