Der Sternschnuppentraum

8.

Nach einer Weile wurde Phillipe doch müde, seine Brust zu küssen und kehrte zu seinem Mund zurück, und das nahm Jean als Hinweis, dass nun er wieder dran war. Er legte sich halb über seinen Schatz und begann, während sie sich küssten, langsam auf der Knopfleiste der Shorts entlang zu streicheln. Nicht zu fest, nicht wie ein Reiben, aber sicherlich nicht zufällig genug für ein Versehen.

Phillipe gab sich Jean mit geschlossenen Augen hin; die zarten Berührungen direkt an seinem Schoß entlockten ihm kleine Laute, die er weder unterdrücken konnte, noch wollte. Gerne wollte er Jean zeigen, wie sehr er ihn erregte, wie gerne er es mochte, von ihm so angefasst zu werden, wie er es tat, ohne Hast und mit derart sanfter Geschicklichkeit. Jean ließ ihm Zeit, tat immer genau das Richtige in der richten Geschwindigkeit, und Phillipe hatte bei ihm nie das Gefühl, zu etwas überredet zu werden, was er gar nicht wollte, wie es ihm mit anderen Männern schon einige Male passiert war.

Schließlich befand Jean, dass Phillipe sich mit Sicherheit genügend unter seinen Händen gewunden hatte; und sein leises Stöhnen war schon lange wieder und wieder direkt in seinen Schoß gefahren, so dass er es wirklich nicht mehr viel länger aushalten würde. Vorsichtig öffnete er den ersten Knopf, während er begann, die Brust abwärts auf den Bauch hinab zu küssen.

Durch die Wimpern sah Phillipe zu Jean hinunter, verfolgte dessen Weg auf seinem Körper mit abwechselnd angehaltener Luft und keuchenden Atemzügen. Als der andere Mann ihm mit dem Öffnen eines Knopfes etwas Erleichterung verschaffte, merkte er erst, wie eng seine Hose geworden war. "Oh... ja, das ist besser", flüsterte er. Er wollte auch ihm gerne so wohl tun, doch Jean schien unerreichbar weit weg dafür, und Phillipe konnte sich den Liebkosungen der Lippen und der Zunge auf seinem Bauch nicht entziehen.

Die enge Shorts aufzuknöpfen war eine Sache, sie von den schmalen Hüften zu pellen, die Unterwäsche gleich noch dazu, war eine andere. Jean ließ sich leise lächelnd Zeit, wehrte Phillipes ungeduldig helfenden Hände ab und erkundete voller Vorfreude jedes Fleckchen neuer Haut.

Im flackernden Licht der Kerze konnte er eben erkennen, dass Phillipes sorgfältiges Zurechtmachen nicht nur an den immer sichtbaren Körperteilen endete. Das Schamhaar war akkurat rasiert und gekürzt worden, so dass es sich nicht einmal lockte, sondern nur eben einen Schatten über den Schoß warf.

Jean zog ihn nach einem kleinen Lauschen auf das Stöhnen und hastige Luftholen kurzentschlossen ganz aus und öffnete seine eigene Hose nebenbei und streifte sie und die Socken von sich, bevor er sich wieder zu Phillipe legte, um ihm das durcheinandergewuschelte Haar aus dem Gesicht zu streicheln und sich nach einem Kuss dichter an ihn zu schmiegen.

Das Gefühl von Haut an Haut, von der deutlich zu spürenden Erregung von Phillipe an seinem Bauch brachte ihn dazu, seinen Geliebten mit einem Arm zu umfassen und an sich zu ziehen; er wollte ihn noch dichter spüren, auch wenn alles in seinem Kopf zur Vorsicht riet.

Atemlos flüsterte Phillipe seinen Namen und presste sich enger an ihn. Es war wundervoll, sich so eng, Körper an Körper mit ihm zu befinden, ihn ganz zu spüren. Er streichelte über seinen Rücken, während er ein Bein zwischen Jeans schob, um ihn noch näher zu fühlen. Während er kleine Küsse auf seiner Schulter platzierte, tastete er mit der Hand zum Hintern seines Geliebten und dann, ohne diesen richtig zu berühren, über die Hüfte langsam nach vorne. Er hatte ihn zuvor nicht richtig ansehen können, war aber neugierig darauf.

Einen Moment zögerte er und strich, sich ein wenig verrenkend, nur mit der flachen Hand über den Unterbauch, bevor er genügend Mut aufbrachte, um weiter zu forschen, immer auf Jean lauschend, um sich schnell zurückziehen zu können, falls dieser es nicht mochte.

Jean ließ sich in die Kissen zurücksinken; überall duftete es leicht nach Phillipe, nach seinem Shampoo, nach seiner Haut. Er streckte sich und genoss es, so zart gestreichelt zu werden, auch wenn es sein Blut noch mehr zum Kochen brachte. Man sah es ihm sicherlich nicht an, jedenfalls von einem Körperteil abgesehen nicht, doch als sich Phillipes Finger über seinen Schoß wagten und ihn umschlossen, tastend und neugierig eher, als um ihn zu erregen, stöhnte er leise auf, konnte es nicht verhindern.

Ein freudiges Lächeln zog sich über Phillipes Gesicht, als Jean auf seine Berührung reagierte. Zudem fühlte sich sein Liebling wirklich gut an. Er wagte einen Blick nach unten und spürte einen warmen Stich in der Magengrube, der direkt in seine Lenden fuhr. Vorsichtig streichelte er ihn weiter, in der Hoffnung, ihm noch mehr solcher Laute entlocken zu können. Noch viel schöner war es aber, Jeans Mienenspiel dabei zu beobachten, die glitzernden Tröpfchen auf seiner Haut, die leicht geöffneten Lippen und die im Flammenschein funkelnden, halb geschlossenen Augen.

Sacht küsste er seinen Bauch und streichelte ihn mit der Zunge, kostete den leicht salzigen Geschmack erneut, den er bereits lieben gelernt hatte. Dann entfernte er sich wieder mit dem Mund aus der Nähe des Schoßes, bevor Jean auf den Gedanken kommen konnte, dass er im Gegenteil weiter nach unten sollte. Phillipe mochte das nicht besonders.

Geschickte Hände verwöhnten ihn schon fast zu sehr und dann wiederum nicht genug. Jean streckte sich und vergrub seine Finger in Phillipes Haaren; mühsam beherrschte er sich, um dessen Spiel nicht ein Ende zu setzten, um es selber wieder zu übernehmen, um ihn einzunehmen und die Dinge zu tun, nach denen er sich schon am Abend zuvor gesehnt hatte. "Gott... Phillipe, du bist... wirklich..." Er fand nicht den richtigen Ausdruck, aber überbrückte es, indem er das freudig lächelnde Gesicht seines Geliebten kurz von seiner Brust ablenkte, um ihn zu küssen.

Schließlich ließ Phillipe gänzlich von ihm ab, als er merkte, dass Jean mit seiner Selbstbeherrschung zu kämpfen begann. Rasch küsste er ihn auf den Mund und flüsterte "Moment, Liebling... Ich bin... gleich..."

Er krabbelte an den Rand des Bettes und öffnete die oberste Schublade des Nachtschränkchens, tastete halb blind in der kümmerlichen Beleuchtung, die nicht bis in die Tiefen reichte, darin herum. Ein Päckchen fiel ihm in die Hände, doch als er es herausholte, verzog er das Gesicht. /Nicht die, das sind die Ekligen mit Geschmack; die sind noch von Pierre und bestimmt auch über das Haltbarkeitsdatum./ Kurzerhand ließ er sie auf den Boden fallen, um sie später endlich wegzuwerfen und suchte weiter.

Glücklicherweise fand er nur kurz darauf eine akzeptable Packung. Hastig riss er eines der Cellophantütchen ab und kehrte damit zu Jean zurück. Dann erst kam ihm in den Sinn, dass Jean es im Gegensatz zu den meisten seiner Ex-Freunde vielleicht gar nicht mögen würde, mit ihm zu schlafen. /Vielleicht mag er ja nur lieber mit den Händen oder so.../ Mit einem Mal wieder unsicher sah er ihn an.

Jean verfolgte verwirrt und erschrocken, wie sein Schatz ihm entfloh, zu seiner Erleichterung jedoch nur auf die andere Seite des monströsen Bettes. Neugierig beobachtete er, wie der feste, kleine Hintern gereckt wurde, während Phillipe eine Schublade aufzog. Er grinste leicht und stützte sich auf, um eine bessere Aussicht zu erhalten, dann hörte er ihn kramen und flüstern, als würde er etwas mit sich beraten, und gleich darauf kehrte Phillipe zurück, mit einem Kondom zwischen den Fingern.

Jeans Augen weiteten sich kurz fasziniert, dann nickte er leicht und nahm das leise knisternde Tütchen aus Phillipes Fingern. Roséfarben, wie es sich für den zierlichen Mann gehörte. Er küsste ihn, während er blind damit kämpfte, es sich überzustreifen.

"Wie willst du mich?", fragte er dicht vor seinem Gesicht mit ernster Stimme.

Wieder fühlte sich Phillipe atemlos in seinem Blick gefangen, in seiner Fürsorge, in seiner Achtsamkeit und darin, wie Jean auf ihn Rücksicht nahm. Wärme und Liebe für diesen Mann durchfluteten ihn. Er hob die Hände zu seinem Gesicht und streichelte ihm durch die Haare, über die Wangen und den Hals, ehe er ihn erneut sacht küsste.

"Ich will dich ansehen können", wisperte er.

Und Jean war so froh, dass er es so wollte, denn auf diese Art konnte er Phillipe ebenfalls ansehen und sich zurücknehmen, wenn der Gesichtsausdruck seines Geliebten etwas anderes zeigte als Verlangen und Leidenschaft. Und sehr offensichtlich war Phillipe im Bett genauso zart zu behandeln wie auch sonst in jeder anderen Lebenslage. Sachte und zaghaft wie kostbares Porzellan wollte er geliebt werden, und Jean war froh, dass er soviel Zurückhaltung besaß, einigen anderen vermutlich zuviel, hier jedoch genau richtig, um dem nachzukommen.

Dennoch steigerte sich rasch die Lust zwischen ihnen, und Jean griff fester nach Phillipes Schulter, drängte sich enger an ihn heran und brachte seine freie Hand noch zwischen sie, um ihn zu streicheln. Er hatte zuvor noch einige Male inne gehalten, um Phillipe etwas zuzuflüstern, um seinen leicht geöffneten Mund zu küssen, aber nun wurde auch sein Geliebter drängender und schlang die Beine enger um seine Hüfte, zog ihn energischer gegen sich.

Phillipe gab kleine, wonnige Laute von sich, die er selber nicht mehr wirklich hörte, als er sich vollkommen in den Empfindungen verlor, die Jean in ihm auslöste. Er trieb in ihnen dahin, wurde höher getragen mit jeder Bewegung, jeder Berührung, bis er sich endlich aufbäumte und dann mit einem nahezu lautlosen Aufjapsen zurück in die Kissen fiel.

Die letzten Momente verwischten in einem Gefühlswirbel, und Jean wusste hinterher nicht mehr, ob er 'Oh Gott, ich liebe dich' wirklich gesagt oder nur gedacht hatte im Moment des Höhepunktes. Erschöpft, aber sehr glücklich sank er auf Phillipe nieder, auch wenn er ihn nicht unhöflich unter seinem viel größeren Körper begraben wollte.

Phillipe umarmte seinen Geliebten fest und verbarg das Gesicht an seiner Schulter, als ihm Tränen in die Augen stiegen. Er kämpfte dagegen an, während er sachte Jeans feuchten Rücken streichelte, doch sie ließen sich nicht aufhalten. Es war einfach zu schön gewesen, er fühlte sich so wundervoll. Und dann hatte Jean ihm das gesagt, was er sich am meisten zu hören gewünscht hatte; es füllte Phillipe mit derart viel Wärme und Glück, dass er einfach nicht anders konnte als lautlos zu weinen, wobei er doch gleichzeitig lächelte. "Ich liebe dich auch. So sehr, mein Herz..."

Jean küsste seinen Schatz noch einmal schnell und entzog sich dann, putzte sie beide leicht ab, um ihn dann wieder in seine Arme zu schließen, während er ihm mit einem Taschentuch leicht über die Wangen tupfte und unter den Augen entlang, wo ein wenig von der Wimperntusche verlaufen war. Natürlich war Phillipe ein Mann, der im Kino weinte, und es freute Jean, dass er auch im Bett so sehr seinen Gefühlen erlag. "Liebe dich, mein süßer Engel."

Sie kuschelten noch eine ganze Weile, doch der Mond, der sich blass zwischen den auseinanderreißenden Wolken zeigte, erinnerte Jean daran, dass er nach Hause fahren musste, weil er am Morgen einen Termin hatte. Er überlegte kurz, ob er bei Phillipe übernachten sollte, in seinen Armen schlafen, aber der Gedanke war ihm zu übereilt, und er hatte nichts für eine Übernachtung mitgebracht.

Seufzend entzog er sich nach einigen Küsschen und erklärte schon fast flüsternd, dass er fahren musste und es nun tun würde, wenn auch sehr ungern nur. "Ich rufe dich noch einmal an, wenn ich Zuhause bin, Liebling, oder soll ich dich schlafen lassen?"

Phillipe sah zu, wie der Körper, den er so schön fand und der so wundervoll anzufassen war, stückchenweise wieder unter Kleidung versteckt wurde. Mit einem kleinen Gähnen richtete er sich auf, um rasch selber zumindest wieder in Slip und Shorts zu schlüpfen, damit er ihn zur Tür bringen konnte. "Ruf mich an, dann weiß ich, dass du zu Hause bist und hör dich noch mal." Er lächelte zu ihm hin. "Ich muss sowieso ins Bad und räume dann ein bisschen die Klamotten hier weg."

Sie verabschiedeten sich mit einem langen Kuss, und Phillipe wollte Jean am liebsten nicht mehr aus seinen Armen lassen, doch schließlich löste sich sein Geliebter von ihm, strich ihm noch einmal über die Wange und ging. Verträumt sah Phillipe ihm hinterher, winkte und schickte ihm einen Luftkuss, als Jean sich auf dem letzten Treppenabsatz ein letztes Mal umdrehte, ehe er endlich die Tür schloss.

Er lächelte selig und umarmte sich, drehte sich dann leise lachend einmal um sich selber. "Oh Gott, ich bin so glücklich! So unendlich glücklich! Ich liebe ihn. Er ist der wundervollste Mann der Welt."

Was nicht ganz so wundervoll war, war das wachsende Bewusstsein, dass seine Lippen ziemlich schmerzten, und als er die Kerze aus dem Schlafzimmer holte und mit ins Bad nahm, sah er auch wieso. Erschrocken betrachtete er sich im Spiegel, musste dann aber wieder lachen. "Oh je, mir sieht man aber an, dass ich verliebt bin."

Rasch duschte er, auch wenn er damit Jeans Duft wegspülte, und schminkte sich ab. Als das Telefon klingelte und Jean sich zurückmeldete, um ihm liebevoll gute Nacht zu sagen, hatte er bereits eine dicke Schicht Vaseline um den Mund aufgetragen.

 

Am nächsten Morgen wurde Jean schon zum ersten Mal aus seiner rosa Wolke in gewitterige Stimmung gezerrt. Seine Besuche bei Phillipe waren natürlich nicht unbemerkt geblieben, sondern hatten sich in der Szene der Leute, die er unterstützte, bereits herumgesprochen.

Er war noch nicht ganz in seinem Bürosessel hineingesunken, als ihn auch schon ein sehr aufgeregter Paul anrief, um ihn zu fragen, was denn ausgerechnet Jean mit einem derart unpassenden und viel zu tuntigen Mann wolle.

Jean blieb freundlich, erklärte, dass Phillipe unheimlich lebendig erzählen konnte, dass er eine strahlende Art hatte, die ihn mitriss, dass der junge Mann unglaublich bescheiden war, auch wenn man das von seinen Auftritten und von seinem Styling her nicht glauben mochte.

Als nächstes stellte sein Sekretär den schüchternen Autor von der Lesung am Wochenende durch, der sich noch einmal für die Unterstützung bedanken wollte. Das Gespräch kam aus einem für Jean nicht erfindlichen Grund auf Phillipe, den der Autor als leichte Kost und nicht ernstzunehmend einstufte, was Jean dazu brachte, ihm mit freundlicher Stimme mitzuteilen, dass er nun wirklich arbeiten müsse.

Leider folgte dann noch ein Mittagessen mit Caroline, die ihm zwei an einem Haus interessierte Lektoren vorstellte. Es war eigentlich nicht die Zielgruppe von Jeans Unternehmen, da er fast ausschließlich Villen und ähnlich teure Gebäude verkaufte, aber aus Freundschaft zu ihr hatte er dieses Paar in seinen Kundenstamm aufgenommen.

Caroline äußerte dann ebenfalls, dass Phillipe Cartier wirklich nur Schund schreiben würde. "Ich hab gesehen, dass du seine Bücher ebenfalls gelesen hast, mein lieber Jean. Was hältst du denn davon? Ist es nicht schrecklicher Kitsch?"

"Ich fand, es war naiv romantisch und sehr entspannend zu lesen." Er versuchte ruhig zu bleiben, aber als das Ehepaar sich entschuldigte und verschwand, fiel Caroline schon über ihn her mit diversen Fragen, wieso denn Phillipe noch länger geblieben sei, ob es wahr wäre, dass Jean ihn besucht hätte, und was denn aus seinem Ruf werden solle, wenn er sich nun in der Gesellschaft dieser kitschigen Tunte sehen lassen müsste.

Das war dann der Moment, in dem es Jean reichte, auch wenn man es an nur wenigen Dingen merken konnte. Er warf seine Serviette neben den Teller hin und lehnte sich kurz vor, um Caroline mitzuteilen "Ich halte Phillipe für einen zauberhaften, jungen Mann und einen romantischen Künstler. Davon abgesehen betrachte ich ihn als meinen Lebensgefährten und hoffe doch sehr, dass er nicht nur ab und zu, sondern ständig in meiner Nähe zu sehen sein wird!"

Das war der Höhe- oder Tiefpunkt seines Tages, von dem aus zwar nun erst Recht etliche seiner Bekannten und Freunde, allen vorneweg Paul, ihn anriefen, um ihm den Nachmittag zur Hölle zu machen, aber Jean hatte es laut gesagt, er hatte sich selber dabei zugehört und befunden, dass es sich wundervoll anhörte, ganz gleich, wie die anderen sich flatterhaft und voller Neid aufregen mochten.

Als erstes rief er von Zuhause bei seinem Schatz an, den er den Tag über nicht hatte erreichen können und dem er nichts allzu Persönliches auf den Anrufbeantworter sprechen wollen.

 

Phillipe hatte verschlafen, wie auch schon den Tag davor. Aber es störte ihn nicht, denn er wachte mit einem wunderbar warmen Gefühl im Bauch auf und mit dem schwachen Duft von Jean in der Nase, der nach wie vor an der Bettwäsche hing. Seinem Mund ging es bereits auch wieder besser, und so stand er summend auf, um sich Frühstück zu machen und während der Kaffee durch die Maschine lief zu duschen.

Er hatte sich gerade fertig eingecremt und seinen weißen Morgenmantel angezogen, als es klingelte. Rasch fuhr er sich noch einmal durch die Haare, um sie, nass wie sie waren, wenigstens halbwegs in Form zu bringen, dann lief er in den Flur, um zu öffnen. Es war nicht ungewöhnlich, dass überraschend Besuch bei ihm einfiel, deswegen war er auch nicht weiter erstaunt, als Léon bei ihm vor der Tür stand.

"Guten Morgen. Du musst gerochen haben, dass ich verschlafen habe und damit der Kaffee erst jetzt fertig ist", scherzte er und ließ sich in eine begrüßende Umarmung mit den üblichen Küsschen ziehen.

"Das klingt gut." Léon lachte und folgte ihm in die Küche, um sich dort mit einem kleinem Sprung auf die Anrichte zu setzen. "Wie geht es dir, Süßer? Ich dachte, ich schau mal bei dir vorbei. Hab überraschend einen Tag frei bekommen."

Phillipe kicherte leise, schenkte ihm eine Tasse ein und reichte sie ihm gleich. Léon trank Kaffee grundsätzlich schwarz. "Mir...? Mir geht es wunderbar."

Léon warf einen Blick in sein Gesicht, sehr direkt auf seinen Mund und zog erst die eine, dann die andere Braue hoch. "Ah ja. So. Das sehe ich. He! Du hast einen Freund und erzählst uns nichts davon? Sogar einen sehr aktiven, wenn ich das so sehen kann." Vorsichtig trank er eine Schluck und grinste breit.

Ein wenig errötend drehte Phillipe sich weg und holte die Brotscheiben, die mittlerweile schon wieder abgekühlt waren, aus dem Toaster. "Oh, ich..." Unsicher sah er auf die kleine Marmeladenauswahl und fragte sich, wie er es Léon am besten erklären konnte. /Wie reagiert er? Begeistert wird er nicht sein... Aber das ist egal. Ich liebe Jean. Er ist mein Freund, mein Liebling./ Entschlossen wandte er sich wieder um und erwiderte Léons amüsierten Blick, so fest er konnte. "Du kennst ihn. Es ist Jean Gaby."

Zu einem anderen Zeitpunkt hätte Phillipe mit Sicherheit über den fassungslosen Ausdruck in Léons Gesicht gelacht, doch jetzt krampfte sich ihm eher der Magen zusammen, als der andere Mann ihn erst einmal eine Weile anstarrte und dann die Kaffeetasse absetzte. "Meinst du das ernst? Jean Gaby? Der Kerl, der mit dir auf dem Ball getanzt hat?"

Phillipe nickte schüchtern, während er gleich das Gefühl hatte, Jean und sich verteidigen zu müssen. Doch noch ehe er den Mund aufgemacht hatte, war Léon von der Anrichte gerutscht und zu ihm getreten.

"Phillipe, der Mann ist über vierzig!", sagte er mit gerunzelter Stirn. "Und er ist steinreich. Das geht nicht gut. Er wird dich fallen lassen, wenn er in ein paar Wochen genug von dir hat. Mach Schluss, bevor es überhaupt richtig angefangen hat."

Allein, dass Léon ihn bei seinem Namen nannte, ließ Phillipe frösteln. Das tat er eigentlich nur, wenn er wirklich, wirklich ernst wurde. Phillipe presste die Lippen zusammen und wich seinem Blick aus, während er spürte, dass ihm die Kehle eng wurde. "Nein. So ist er nicht. Er liebt mich. Und ich liebe ihn."

Die kurze Diskussion ging in einen Streit über, der damit endete, dass Phillipe in Tränen aufgelöst war und Léon hilflos versuchte, ihn zu trösten, was nicht wirklich erfolgreich war, da er nicht von seiner Meinung abwich. Schließlich ging er, was allerdings erst der Anfang eines grauenhaften Tages war.

Als nächstes rief Henri an, der ziemlich aufgebraucht von Léon informiert worden war, und versuchte es ihm auszureden, dann Giséle; und als es an der Tür klopfte und Phillipe durch den Spion Mignon entdeckte, öffnete er gar nicht erst.

Bis zum Abend hatten sich unerwartet viele Nachrichten auf seinem Anrufbeantworter gesammelt, nachdem er beschlossen hatte, dass er für niemanden mehr zu sprechen war. Sie reichten von Sorge bis hin zu ärgerlicher Verwirrung, und fast alle versuchten ihm nur die Nachteile aufzuzählen, soweit das in zwei Minuten Sprechzeit möglich war, oder baten um Rückruf.

Phillipe fühlte sich ziemlich elend, als das Telephon abends nach einer längeren Ruhepause wieder klingelte. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm jedoch, dass es Jean sein konnte, und das war der einzige Grund, warum er es überhaupt wagte, den Hörer abzunehmen und sich zu melden.

Jeans Stimme, die ihn empfing, war warm und ruhig und liebevoll, und Phillipe lehnte sich gegen die Wand und ließ sich an ihr herunterrutschen, während er dagegen ankämpfte, aus lauter Erleichterung weinen zu müssen.

"Liebling... Wie geht es dir?", fragte er leise, weil er seiner Stimme nicht traute.

Phillipe klang wie eine erschrockene Maus, als er das ‚Liebling’ piepste, und sofort entstand heiße Sorge in Jean. /Er weint, es geht ihm nicht gut. Oh Gott... aber er sagt Liebling, es hat mit mir vielleicht gar nichts zu tun./ "Offensichtlich besser als dir, Chéri. Was ist passiert?"

Die Besorgnis in Jeans Stimme war zu viel, und Phillipe hielt hastig den unteren Teil des Hörers zu, als er aufschluchzte. Er brauchte einen Moment, bis er sich wieder gefangen hatte. "Es geht schon wieder." Er lächelte schwach, auch wenn Jean es nicht sehen konnte, und fühlte sich dennoch gleich wieder etwas besser, während er sich die Tränen von den Wangen wischte. "Léon war heute morgen bei mir... und seitdem hat mich fast jeder meiner Freunde angerufen und... und wollte mir erklären... Sie verstehen es nicht. Sie verstehen nicht, dass ich dich liebe, glauben nicht, dass du mich liebst..."

Jean hatte die Augen erschrocken aufgerissen, als sein Schatz aufschluchzte und nicht antworten konnte. Dann vernahm er, dass Phillipe ganz offensichtlich ähnliche Probleme hatte wie er. /Verdammt noch mal! Wie können sie meinen süßen, kleinen Schatz so verunsichern und quälen. So was nennt sich Freund?/

"Ich bin gleich bei dir, Bijou." Und schon drückte er seiner Hausdame Suzanne den Hörer in die Hand, damit sie seinen Schatz ein wenig beruhigen konnte.

Als er Momente später mit einer eilig aus der Vase im Flur gerissenen Blume wieder an ihr vorbei rannte, drehte sich das Gespräch am Telephon um den Schokoladenkuchen, was ihn zum Schmunzeln brachte. Er küsste Suzanne im Vorbeilaufen auf die Wange und beeilte sich derart, dass es ihm sicherlich ein Ticket für zu schnelles Fahren eingebracht hätte, wenn ein Polizist unterwegs gewesen wäre.


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