Der Sternschnuppentraum

Epilog

Voller Liebe blickte Phillipe zu Jean hin, der in seinem neuen Anzug einfach umwerfend aussah, selbst jetzt noch, am Ende der Feier. Dass er sich an seinem fünfzigsten Geburtstag vollkommen unauffällig kleidete, hatte Phillipe ihm gründlich ausgeredet.

Zwar würde sein Geliebter nie so auftreten wie Paul, aber das hätte ohnehin nicht zu ihm gepasst, und Phillipe wollte das auch gar nicht. Das sandfarbene Designerstück, was Phillipes offizielles Geburtstagsgeschenk gewesen war, unterstrich seine Attraktivität, die er in all den Jahren nicht verloren hatte. Im Gegenteil war er der Meinung, dass sein Liebling mit der Zeit nur noch schöner wurde. Phillipe fühlte sein Herz schneller schlagen, als Jean, der sich gerade von den letzten Gästen verabschiedete, zu ihm hinsah und ihn anlächelte.

Er erwiderte das Lächeln weich, während er sich an die vergangenen acht Jahre erinnerte, mit all ihren Höhen und Tiefen. Es hatte einige Zeit gedauert, bis die Freunde beider Seiten eingesehen hatten, dass es ihnen ernst war. Aber selbst Léon war nach einem misstrauischen Jahr dazu übergegangen, in Jean Phillipes Geliebten und nicht einen alten Mann zu sehen, der sich mit Geld kaufte, was er nicht anders bekommen konnte. Er hatte sich in aller Form entschuldigt, und mittlerweile verstanden sie sich sogar richtig gut, was Phillipe maßlos erleichtert hatte.

Léon und Henri waren es auch gewesen, zu denen er nach zwei Jahren wundervoller, aufregender, harmonischer Beziehung nach einem eigentlich harmlosen Streit mit Jean geflüchtet war. Mittlerweile konnte Phillipe nicht mehr nachvollziehen, wie er darauf gekommen war, doch er hatte in den Tagen danach wirklich gedacht, dass alles aus und vorbei war. Vielleicht war es einfach die Angst gewesen, dass Jean ihn wirklich eines Tages verlassen könnte und vielleicht hatte er dem vorbeugen wollen.

Jean hatte ihn jedoch nicht gehen lassen, und Léon hatte ihm damals den Kopf zurechtgerückt und ihn nach einer Woche wieder zurückgeschickt. Noch immer konnte Phillipe sich an den verletzlichen Ausdruck in Jeans Gesicht erinnern, als er wieder bei ihm vor der Tür gestanden hatte. Und das war der Moment gewesen, in dem er sich geschworen hatte, so etwas nie wieder zu tun.

Das Leuchten in den Augen seines Geliebten, als er sich dann endlich entschlossen hatte, seine eigene Wohnung zu verkaufen und damit wirklich endgültig zu ihm zu ziehen, war auch etwas, das er nie vergessen würde, und es wärmte ihn noch immer, wenn er daran dachte.

Jemand umarmte ihn von hinten, und Phillipe schreckte aus seinen Gedanken hoch. Das amüsierte Lachen gehörte zu Henri, und als er sich umdrehte, sah er in die vergnügt funkelnden Augen von Léons Freund. "Ich denke, es ist an der Zeit, mein Hübscher. Die letzten offiziellen Gäste und beinahe alle eure Freunde sind weg."

Phillipe erwiderte die Umarmung und küsste Henri auf die Wangen. "Danke, dass ihr gekommen seid."

"Na, wir konnten dich zu diesem großen Ereignis doch unmöglich allein lassen." Léon löste Henri ab und drückte ihn ebenfalls an sich, dann grinste er breit. "Und außerdem brauchst du uns ja noch als Ablenkungsmanöver."

Phillipe kicherte und nickte, ehe er noch einmal kurz zu Jean schaute, der gerade Caroline verabschiedete. "Ja, das brauche ich wohl."

Sie durchquerten den großen Raum, und auch Phillipe sagte Caroline, die noch immer seine Bücher verlegte, Adieu. Dann entschuldigte er sich kurz, überließ Jean Léon und Henri und verschwand in Richtung der Toiletten. Als er an Suzanne vorbei kam, zwinkerte die mollige Frau ihm zu, und ihre Lippen formten ein lautloses, fröhliches "In einer Viertelstunde?"

Phillipe nickte mit einem Lächeln und eilte zum Badezimmer. Dass die Feier in dem gleichen Gebäude ausgetragen wurde, in dem der Aidshilfeball vor über acht Jahren stattgefunden hatte, war ihm sehr gelegen gekommen. Um genau zu sein hatte ihn das erst auf die Idee gebracht, was er Jean eigentlich schenken würde; das und dass Sommer war. Direkt nach dem ersten Weihnachtsfest hatte er es aufgegeben, nach Aufmerksamkeiten zu suchen, die man kaufen konnte. Etwas zu finden, das seinem Liebling wirklich Freude bereitete, war auf die Art kaum möglich; er hatte einfach zu viel Geld.

Während Phillipe sich vor dem Spiegel sorgfältig einen goldenen Lidstrich zog und dann die Wimpern neu tuschte, erinnerte er sich an die Farbtuben, die er Jean zum letzten Weihnachtsfest geschenkt hatte. Erst hatte sein Geliebter ein wenig verwundert ausgesehen, dann hatte er bemerkt, dass es Körperfarbe war. Phillipe lachte leise auf. Sie hatten sehr viel Spaß damit gehabt.

Nachdem er Lipgloss aufgetragen hatte, entkleidete er sich rasch und zog seine goldfarbene Hose an und das dazu gehörende, bauchfreie Nichts eines Oberteils, das er an dem Abend des Balles getragen hatte. Er war stolz auf sich, dass es ihm nach wie vor passte und sogar noch gut aussah. Er zwinkerte seinem Spiegelbild zu, dann ging er, um sich ein Glas Cola zu holen und damit unauffällig im Garten zu verschwinden.

 

Jean lehnte an der Bar, nachdem er Paul und dessen neuste Flamme verabschiedet hatte. Er selber dachte gerade daran, dass er sicherlich glücklicher war, weil er dieser Lust an der Abwechslung nicht nachjagen musste. Er hatte einen wundervollen Mann und Liebhaber, der sich sogar an den allermeisten Tagen wie der Engel verhielt, den Jean in ihm sah.

Nun gut, es war nicht immer wie ein Sommerspaziergang gewesen; Phillipe war zu empfindlich dazu, schnappte schnell ein, bekam Krisen, wenn etwas nicht klappte und war unheimlich leicht zu verunsichern. Aber noch immer begehrte Jean ihn wie am ersten Tag, liebte ihn, sehnte sich vor allen Dingen nun, nach einem langen Tag mit vielen Fremden, nach seiner vertrauten Zärtlichkeit.

Während er suchend durch den leeren Saal wanderte, um in der Halle nachzusehen, erinnerte er sich kurz daran, wie sie sich begegnet waren. Die goldene Sternschnuppe, die ihm dort zwischen all den langweiligen und bedeutungslosen Menschen entgegen geschimmert hatte, hatte ja gleich darauf wirklich nicht nur jeden seiner Gedanken, sondern auch sein ganzes Leben durcheinander gewirbelt.

In der ersten Zeit hatte sie die viele Fahrerei getrennt, denn Phillipe hatte darauf bestanden, dass er nur in seiner romantischen Wohnung richtig schreiben konnte. Zum Glück hatte Jean ihm dies nach einer Weile ausreden und ihn überzeugen können, dass sich in seiner Villa sicherlich auch ein Raum für seinen Schatz finden ließ.

Er musste noch immer lächeln, wenn er sich an den Tag zurückerinnerte, an dem Phillipe ihm seinen Schreibraum vorgeführt hatte. Während der Zeit des Umbaus und der Dekoration hatte Jean nicht hinein gedurft, damit es eine Überraschung werden würde. Überraschungen liebte Phillipe ohnehin und vor allen Dingen, wenn er sie bereiten konnte.

Jean hatte ihm eine unbegrenzte Summe zur Verfügung gestellt, aber sein Schatz hatte sich seine zwei Zimmer im Erdgeschoss aus eigener Hand und von seinem Geld absolut umwerfend kitschig eingerichtet. Komplett mit Rosenmuster überall, mit dicker Couch und einem auch nicht wenig kitschigem Gemälde, einem nackten Engel, das Thomas gefertigt hatte. Es hatte Jean überrascht und gefreut, dass Phillipe, der am Anfang sehr empfindlich bei dem Thema Thomas gewesen war, mit dieser Geste seinen Frieden mit ihm geschlossen hatte.

Phillipes Fehlen begann ihn zu irritieren. Sie waren sonst immer zusammen, wenn sie ausgingen. Zum einen war dies so, weil Phillipe sehr unsicher war und hinter jedem Autor oder Maler oder überhaupt Mann einen vermeindlichen Feind, der ihm Jean wegnehmen wollte, vermutete. Zum anderen war es so, weil Jean seine wenige freie Zeit leider recht oft auf Festen, Bällen oder dergleichen verbrachte und nicht auf seinen Schatz verzichten wollte, wenn er ihn schon nicht für sich allein hatte.

Jean beobachtete, wie die letzten, ihm nicht näher bekannten Gäste von Kellnern professionell verscheucht wurden und fand sich dann mit Léon und Henri konfrontiert, die ihn wieder an die Bar schoben und sich noch einmal all seine Geschenke zeigen ließen. Sehr offensichtlich führten sie was im Schilde.

Während er sich vordergründig von den beiden von seiner Suche nach Phillipe ablenken ließ und seine Geschenke mit ihnen zusammen betrachtete, erinnerte er sich an die Zeit ohne seinen Stern. Als sie in Streit geraten waren über die Frage, ob Jean Phillipe seiner Mutter vorstellen sollte, als diese im Sterben gelegen hatte. Über den Streit hatte Phillipe die Nerven verloren und war ihm weggelaufen, zu Léon ausgerechnet.

Doch es war eine Überraschung für Jean gewesen, dass Léon ihn angerufen hatte, hinter Phillipes Rücken, um sich mit ihm zu beraten, wie sie das Problem würden lösen können. Seitdem waren er und Léon zumindest immer sehr gut ausgekommen. Denn da hatte Jean begriffen, dass seine spitzen Kommentare zur Hälfte aus Sorge und einem ausgeprägten Beschützerinstinkt stammten und zur anderen Hälfte wirklich aus Liebe zu Phillipe, auch wenn der ruhige Mann sich das sicherlich nicht einmal selber eingestand.

/Als er mit einem Mal weg war, nicht zu erreichen, als er nicht einmal mit mir reden wollte... ich bin fast wahnsinnig geworden./ Und er entsann sich an den Tag zurück, als seine Sternschnuppe zu ihm zurückgekehrt war. Von allein, mit einem kleinen Koffer unter dem Arm und mit einem Gesicht, als würde er sich schrecklich vor Jean fürchten.

/Gott! Wo ist Phillipe?/ Jean hielt es nicht mehr aus und ging von den beiden anderen fort. Er wollte sich gerade im Garten nach ihm umsehen, als Suzanne auf ihn zutrat.

"Meine Güte, Suzanne! Sie sind noch nicht daheim und ruhen sich aus?!"

Seine Hausdame lächelte leicht und sagte leise "Ich wollte mich verabschieden, Monsieur Gaby. Dies ist der letzte Drink des Abends." Sie reichte ihm einen Pernot auf Eis und einen Orangenblütenzweig.

Verwirrt starrte Jean einen Augenblick lang darauf, dann nahm er beides lächelnd an sich und küsste sie auf die Wangen. "Schlafen Sie gut, Suzanne. Bis morgen." Mit dem Glas, von dem er nur nippte, und dem Zweig ging er in den Garten hinüber.

Die Bäume und die Luft, die leicht von Hochnebel verdeckten Sterne weckten Erinnerungen. /Hier habe ich meine Sternschnuppe kennen gelernt./ Und als hätte jemand seine Gedanken erraten, lehnte Phillipe an dem Baum, ein Glas in der Hand, wie damals, genau wie damals.

Die goldene Hose, das helle Hemd, die Haltung, in die Sterne blickend. Alles war genau wie damals, und es machte, dass Jeans Herz einen Hüpfer tat, um schneller weiterzuschlagen. Es war ein so geliebtes Bild; so oft hatte er sich daran erinnert, so oft er auf Benefizkonzerten diesen Garten betreten hatte.

Mit Verwunderung blieb Jean stehen und starrte ihn an, verliebte sich noch viel mehr, weil sein Schatz die Erinnerungen zwischen ihnen leben ließ, dann trat er auf ihn zu und fragte leise und reserviert "Darf ich Ihnen eine Zigarette anbieten?"

Phillipe wandte den Blick von den Sternen ab, die er ohnehin nicht wirklich gesehen hatte, und zu seinem Liebling hin. Wärme erfüllte ihn, als er die trotz der steifen Worte leuchtenden Augen sah. /Oh Gott, er ist so wundervoll... kein Wunder, dass ich mich so schnell in ihn verliebt habe. Selbst nach all den Jahren noch kann ich mich in ihm verlieren./ Dennoch ließ er sich nicht einfach in seine Arme sinken, wie er es eigentlich gerne getan hätte, sondern lächelte ihm nur zu und hob sein Glas leicht an.

"Nein danke, ich rauche nicht. Meine Droge ist das Koffein." Gleichzeitig bat er stumm in Gedanken darum, dass Jean weiter spielte. Dass er ihn nach drinnen führen würde, wie damals.

Jean musste lächeln, während seine Müdigkeit von der Feier verflog. Er bot Phillipe seinen Arm an und murmelte "Ich habe eine wieder andere Droge. Kann ich Sie auf einen Tanz einladen?"

Phillipes Lächeln vertiefte sich noch, als er seine Hand sacht auf Jeans Arm legte. Es war, als hätte die Erinnerung auch die Wolken kleiner Schmetterlinge allesamt wieder zurückgebracht, und nun flatterten sie durch ihn hindurch und machten ihn glücklich und kribbelig, während er sich ein wenig enger als damals an seinen Geliebten lehnte. "Sehr gerne, Monsieur."

Gemächlich schlenderten sie in den Tanzsaal zurück, der auch bei dieser Feier als solcher gedient hatte, und stellten im Vorbeigehen ihre Gläser auf eines der kleinen Tischchen. Als sie die Tanzfläche betraten, setzten die ersten Klänge des Liedes ein, bei dem sie das erste Mal zusammen getanzt hatten, und Phillipe wusste, dass sich der junge Mann, der sich schon den ganzen Abend über um die Musik in diesem Raum gekümmert hatte, nun mit einem Grinsen zurückzog.

Jean sah überrascht in das Gesicht seines Schatzes und musste spontan in Erinnerungen schwelgend lächeln, sicherlich nicht allzu intelligent aussehend. "Oh... das Lied habe ich schon lange nicht mehr gehört."

Er führte ihn in die Mitte der Tanzfläche und küsste eher weniger dem Protokoll entsprechend seine Finger, bevor er sich angedeutet verbeugte, um ihn zum Tanzen aufzufordern. Von allein glitten seine Arme um den noch immer so agilen, schlanken Körper, den er zum Verrücktwerden liebte.

Schweigend begannen sie zu tanzen, und für Jean war es, als drehten sich all die Jahre zurück, als sähe er zum ersten Mal wieder in das helle Gesicht, in dem er so viele Emotionen ausmachen konnte, in dem er so viele Gefühle lesen konnte. Noch immer wagte er nicht, den Zauber zu brechen und tanzte stattdessen, den Blick in Phillipes Augen gerichtet, bis die Musik endete.

Als das Stück langsam verklang und es still um sie wurde, hatte Phillipe das Gefühl zu schweben. Eine letzte Drehung erfolgte zu den letzten Tönen, wie immer fand Jean einen schönen Abschluss; dann kamen sie zur Ruhe. Doch dieses Mal entließ Jean ihn nicht aus seinen Armen. In der Mitte der Tanzfläche blieben sie stehen und sahen sich noch immer an. Phillipe schob seine Arme unter das Jackett seines Lieblings und umfing ihn, schmiegte sich eng an ihn.

"Ich liebe dich, mein wundervoller Mann", flüsterte er. "Mehr als alles andere auf dieser Welt."

"Und ich liebe dich, mein Stern. Du bist wirklich mein Wunsch, der in Erfüllung gegangen ist in jener Nacht." Jean beugte sich leicht herab, und geübt fanden sich ihre Lippen zu einem Kuss, auch wenn er sich neu anfühlte, wie er damals hätte sein können.


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© by Jainoh & Meike "Pandorah" Ludwig
~ Ende ~