Stürmische Herzen der Meere
Part 1: Sturmnacht

1.

Zufrieden ließ Kapitän Haydar den Blick über das Deck seiner Lady Chaos schweifen. Die letzten Beutestücke wurden in den Laderaum gebracht; das Handelsschiff Lama blieb hinter ihnen zurück, als der Wind die Segel füllte. Die langsame, schwerfällige Brigg war eine Priese, leichte Beute gewesen; die Händler an Bord hatten sich gleich verständig gezeigt und sich ergeben, nachdem an Bord der Lady der Jolly Roger gehisst worden war.

Das Zeichen von Käpt'n Chaos – zwei gekreuzte Schwerter unter dem Totenkopf mit blutrotem Chaoszeichen – verbreitete Schrecken. Mehr als den Tod, so schien es, fürchteten dabei viele Männer etwas anderes, was ihm die Gerüchte nachsagten – dass er sie seiner Mannschaft anstelle von Huren überließ. Haydar störte sich nicht an den Gerüchten; sie vereinfachten vieles, aber der Wahrheit entsprachen sie nicht, selbst wenn die Griffe der gekreuzten Schwerter nicht von ungefähr Ähnlichkeit mit dem Gemächt eines Mannes aufwiesen.

Haydar sah zum Doc hin, der einen der Matrosen verband, nichts Schlimmes, aber auch Kratzer konnten zu Wundfieber führen. Doc Silver sah auf, als er den Blick bemerkte, nickte ihm kurz zu und widmete sich wieder seinem Patienten. Haydar konnte beim besten Willen nicht mehr sagen, wie der Arzt auf sein Schiff gekommen war; er vermutete, dass er ihn in einer volltrunkenen Nacht eingestellt hatte, wollte sich aber nicht die Blöße geben und fragen. Auf See war der Doc plötzlich aus der winzigen Koje vorne am Bug gekommen, als ihnen ihr Waffenmeister zusammengeklappt war. Der Mann war trotzdem gestorben, oder vielleicht auch gerade wegen der Fürsorge des Docs. Später hatte sich herausgestellt, dass er sie an die Marine verraten hatte. Haydar wusste bis heute nicht, ob der Doc seine Finger beim Tod des Mannes im Spiel gehabt hatte. Nicht einmal seinen richtigen Namen kannte er; sie nannten ihn Silver wegen der silbergrauen Strähnen, die sein schwarzes Haar durchzogen. Überhaupt wusste er fast gar nichts von Silver, nur eines war sicher – er konnte ihm vertrauen.

Sein Smutje war da wesentlich leichter zu durchschauen. Haydar grinste, als er bemerkte, wie der Mann mit dem schimmernd blonden Haar einem anderen auf die Finger klopfte und wütend anfuhr, weil dieser ihm eine Kiste hatte vor der Nase wegräumen wollen. Sie enthielt Gewürze, und Ambros war bestimmt bald nicht mehr ansprechbar, wenn er hinter seinen Kochtöpfen verschwand. Unglaublich, was der Mann selbst bei Sturm und aus den fadesten Zutaten noch zaubern konnte. Verträumt, das war das richtige Wort für ihn; Ambros hatte lange gebraucht, um herauszufinden, dass er auf einem Piratenschiff angeheuert hatte.

Haydar lachte in sich hinein, als sich das Knarren des Schiffs änderte. Während Ambros zufrieden seine Gewürze in die Kombüse schleppte, richtete Haydar seinen Blick in die Masten. Der Jolly Roger änderte die Richtung, dann fielen die Segel in sich zusammen. Überrascht glitt Haydars Blick zum Horizont.

"Verdammt!", fluchte er lauthals und hatte sofort die Aufmerksamkeit seiner Männer. Schwarz war keine Beschreibung für die Wolkenwand, die auf sie zuraste. "Nhel, zwei Strich Steuerbord, die Lady! In die Wanten, Männer! Refft die Großsegel, lasst nur die Fock stehen!"

Der Wind war heran, noch ehe die Matrosen die erste Rah erreicht hatten. Langsam neigte die Lady die Nase in den Wind. Sie bäumte sich auf, als Wellen sie erreichten, die vom Wind gepeitscht auf sie zurollten. Gischt spritzte auf und prasselte mit dem einsetzenden Regen aufs Deck, so dass binnen Augenblicken die Welt in dunklem Grau verschwamm.

Sein Steuermann Nhel machte seine Sache wie gewohnt hervorragend, glich aus, was auszugleichen ging und holte den Männern jeden Atemzug heraus, den er herausholen konnte. Haydar dankte allen Göttern, dass er eine Nase für den Wind hatte und die Böen zu erahnen schien, noch bevor sie einsetzten. Haydar hatte ihn mehr aus Mangel an Auswahl genommen, als sein alter Steuermann in einem winzigen Hafen beschlossen hatte, sich mit seinem Kerl in einem Gasthaus zur Ruhe zu setzen. Aber es war ein Glücksgriff ohne Gleichen gewesen. Vielleicht war was dran am Aberglauben der Männer, die gesagt hatten, dass Nhels blaues Haar für das Meer und die Bernsteinaugen für die Sonne standen.

Aus den Augenwinkeln sah Haydar ein schmale Gestalt, die vom Wind herumgeworfen wurde. Sein Schiffsjunge klammerte sich mit aller Kraft an eine der Wanten und versuchte verzweifelt, nicht über Bord gespült zu werden. Haydar fluchte erneut lauthals. Er wand sich ein Tau um die Hand und schlitterte über Deck auf den Kleinen zu. Immer gab es Ärger mit dem Kerlchen! Auch wenn er noch so niedlich war, spielte Haydar intensiv mit dem Gedanken, ihn im nächsten Hafen wieder von Bord zu schmeißen.

"Was machst du hier, Kleiner?", knurrte er und packte den Jungen um die Taille. "Du gehörst unter Deck!"

Ohne auf Antwort zu warten, die er in dem Tosen des Sturms ohnehin kaum gehört hätte, schleppte er den Jungen zum Heck hin, gegen unberechenbare Böen, die glitschigen Planken und die Schräglage und das Schwanken der Lady kämpfend.

Sein Bootsmann war ein mehr als willkommener Anblick, als er die Tür erreichte. Auf Ramin konnte er sich in jeder Hinsicht verlassen. Gleich im zweiten Hafen, in den Haydar mit seiner damals noch neu eroberten Lady eingelaufen war, hatte Ramin damals noch als Matrose angeheuert und war seitdem von Bord nicht mehr wegzudenken. Dank ihm und seiner guten Arbeit war die Lady perfekt in Form. Erleichtert schob Haydar ihm den Jungen in die Arme.

"Bring den Kleinen irgendwo unter, wo er nicht weggespült werden kann", brüllte er gegen das Heulen des Windes an.

Ramin sah sich das Chaos an Deck an und wollte eigentlich einschreiten. Das Schiff knarrte unheilvoll, was ihm Schauer über den Rücken jagte. Allerdings zeigt er dies nicht. Er hatte Vertrauen in den Steuermann und vor allem in den Käpt'n. Sie hatten schon schlimmere Stürme durchgestanden.

In dem Moment bekam er auch schon den Schiffsjungen in den Armen und seufzte leise. Streng sah er ihn an und ging mit ihm über die kleine Falltür im Offiziersbereich unter Deck. "Du hast bei so einem Wetter da oben nichts zu suchen! Wie oft sollen wir dir das eigentlich noch sagen?!"

Unter Deck ging er mit ihm durch die Mannschaftsunterkünfte und die Messe zur Kombüse durch, stieg dort die Leiter empor und stieß die Falltür auf, die zum Glück nicht verriegelt war. Er schob den Schiffsjungen hindurch, stieg hinterher und nickte dem Smutje zu, der ihn überrascht ansah. "Kümmere dich um den Kleinen und sorg' dafür, dass er hier bleibt." Ramin schloss die Falltür und ging durch die Tür der Kombüse zurück an Deck, um dort seiner Arbeit nachzugehen und die Männer zu koordinieren.

Haydar hatte nicht viel übrig für die Sorte Kapitän, die nur schreien, aber nicht anpacken konnten, wenn Not am Mann war. Den Überblick zu haben und zu behalten, war eine Sache, aber manchmal war einfach handfestes Zupacken gefragt. Gemeinsam mit der Mannschaft legte er sich in die Seile, um die Segel runter zu holen, bevor sie rissen oder gar ein Mast brach. Über ihm turnten Männer in der Takelage, um das geraffte Segel festzubinden. Haydar ärgerte sich, dass sie den Sturm nicht hatten kommen sehen. Er wollte keinen seiner Leute an die See verlieren.

Bald hatten sie alle Segel bis auf das kleine Fock am Bug gerefft; Haydar jagte alle Männer unter Deck, die entbehrlich waren. Dazu gehörten nun auch sein Bootsmann und er selbst. Später, wenn der Sturm zu lange anhielt, würde er Nhel am Steuerrad ablösen. Innerlich gönnte er sich ein Grinsen. Sollte das wirklich nötig sein, konnte er sich auf einen Kampf mit seinem Steuermann gefasst machen. Gerade in so einem Wetter gab dieser das Ruder nur unter Androhung von Gewalt ab. Haydar schloss die Tür des Offiziersbereichs hinter ihnen und sperrte so einen Teil des wütenden Windes aus.

"Dreckswetter!", sagte er herzhaft. "Hätte ruhig den Anstand haben können, sich anzukündigen."

"Ja, Käpt'n. Das kam viel zu schnell." Ramin mochte keine Unwetter. Das Schiff knarrte dann immer sehr beängstigend. Genauso wie das erste Schiff damals, auf dem er als Schiffsjunge angeheuert hatte. Diesen Gedanken wischte er eilig fort. Er wollte nicht, dass ihn irgendwer für einen Angsthasen hielt.

Der Wind heulte über die See und spielte mit der Lady. Sie mussten sich immer an der Schiffswand abstützen, damit sie nicht fielen. Haydar grinste.

"Fast das Wetter für einen Grog, was, Ramin?" Er schlug ihm kameradschaftlich auf die Schulter. "Und wenn ich nachher nicht noch mal raus müsste, würde ich jetzt Ambros verdonnern, uns einen zu machen. Aber wenn ich Nhel vom Ruder jagen will, brauche ich alle Sinne. Obwohl – ein kleiner kann nicht schaden."

Er wusste, dass sein Bootsmann Furcht hatte, dass die Lady ihn irgendwann nicht mehr tragen wollte. Das war einer der Gründe für seine Sorgfalt. Ramin konnte nicht schwimmen. Aber wenn man bei dem Sturm über Bord gespült wurde, war man auch dann tot, wenn man schwimmen konnte wie ein Delphin. Inmitten dieser Wellen einen Mann wiederzufinden – falls man es überhaupt bemerkte, dass er von Bord ging – wäre ein Wunder; ihn zu bergen unmöglich. Und das nächste Land war tausende von Meilen entfernt. Doch Haydar hatte keine Sorge deswegen. Die Lady hielt noch ganz anderes aus, das hatte sie wieder und wieder bewiesen.

Ramin lächelte leicht gequält. Der Käpt'n war wohl der einzige auf diesem Schiff, der ihn besser kannte. Aber auch dieser wusste nicht alles über seine Vergangenheit.

"Es gibt auch noch Tee", sagte er trocken. Alkoholfreie Getränke außer Wasser waren selten auf einem Piratenschiff, aber sie kamen immerhin an viele Dinge ran. Mittlerweile standen sie vor den Türen zur Kapitänskajüte und natürlich der von Ramin. "Also was wünscht der Käpt'n? Tee oder Grog?" Grinsend nahm er schon mal Abstand von dem anderen Mann.

"Was wünscht der Käpt'n?" Haydars Grinsen wurde breiter, seine weißen Zähne blitzten in dem dunklen Gesicht auf. Langsam ließ er seinen Blick einmal über seinen Bootsmann schweifen; das Spiel war altbekannt, er genoss die kleinen Flirts mit Ramin, auch wenn sie ihn jedes Mal unbefriedigt und mit einem Ziehen in der Brust zurückließen. Leider war es so, dass Ramin ihm nie entgegen kam, und Haydar hatte keine Lust, ihn durch einen direkten Angriff zu vertreiben. Dazu schätzte er ihn zu sehr, sowohl in seiner Person wie auch seiner Funktion. Leugnen konnte er jedoch nicht, dass er durchaus gerne einmal mit ihm das Bett und vielleicht auch mehr geteilt hätte. "Na gut, für's erste wohl der Grog. Du auch, Ramin?"

Ramin wurde rot. Es war nicht so, dass er die Anspielung nicht verstand und auch nicht so, dass er kein Interesse am Käpt'n gehabt hätte. Er traute sich einfach nicht, den nächsten Schritt zu tun.

"Ich hol den Grog dann mal und bring ihn dir in die Kajüte", meinte er, ehe er sich umdrehte, durch die kleine Luke ins Unterdeck stieg und dann in Richtung Kombüse schwankte. Verdammter Seegang aber auch.

Haydar seufzte, was im Toben des Sturms unterging, und sah seinem Bootsmann hinterher. Wirklich jammerschade, dass Ramin ihm so gar kein Stück entgegenkam. Attraktiv war der Mann eindeutig, mit seinem knackigen Hintern und dem durchtrainierten Körper, allein schon ihn anzuschauen machte Freude, und oft genug mehr als nur das.

Nicht, dass Haydar keine Abwechslung im Bett gehabt hätte oder gar nur ein leeres Lager vorweisen konnte. Doch gerade, dass Ramin ihm immer auswich, reizte ihn. Wenn da nur nicht der Fakt gewesen wäre, dass er der beste Bootsmann weit und breit und ein guter Freund war, wenn nicht gar sein bester. Auf jeden Fall sein ältester hier an Bord.

Haydar stieß die Tür zur Kapitänskajüte auf, glich das Rollen der Lady bei einer Welle durch einen kleinen Seitwärtsschritt aus und drehte die kleine Gaslampe höher, die fast immer brannte. Das weiche Licht erhellte seine Kajüte in Rot und Gold, hob Samt hervor, ließ Seide schimmern. Auch wenn er schon seit fast zwanzig Jahren zur See fuhr, hatte er seine Herkunft nicht vergessen, und hier kam er ihr nach. Edle Stoffe in warmen Farben, goldenes Dekor, und oft genug auch der Duft von orientalischen Kräutern. Das war sein Reich.

Mit einem Seufzen ließ er sich auf das Bett fallen, verkeilte sich mit den Knien zur Wand und überlegte, dass er vielleicht die Hängematte spannen sollte. Da hätte er mehr Ruhe bei dem Wellengang. Aber er musste ohnehin noch zu Nhel hoch. Davor würde er kaum Schlaf finden. Auch wenn der Himmel schwarz war, war es doch gerade erst Nachmittag.

Nhel – auch sein Steuermann war nicht zu verachten. Haydar grinste, dann lachte er auf. Das gleiche Problem wie bei seinem Bootsmann stellte sich auch hier. Er hatte keine Lust darauf, dass Nhel im nächsten Hafen den Seesack packte und das Schiff wechselte. Da waren Hafenbekanntschaften doch unkomplizierter.

Ramin nannte dem Smutje seine Wünsche und ließ ihn, nachdem er zwei Becher Grog bekommen hatte, wieder alleine. Vorsichtig, um nichts zu verschütten, ging er zur Kajüte des Käpt'ns zurück. Durch den Seegang dauerte es etwas länger, aber er schaffte es, ohne etwas zu verschütten. An der Kajüte angekommen, stieß er mit der Stiefelspitze gegen die Tür; eine Hand fürs Klopfen hatte er wirklich nicht mehr frei. Wie er den Käpt'n kannte, sollte er ihn wohl etwas ablenken, denn die Nacht würde nachher noch unangenehm genug werden.

Haydar sprang auf, als er das Poltern an der Tür hörte, stolperte, weil eine Zwischenwelle die Lady bocken ließ und fing sich gerade noch am Tisch. Das war aber auch eine unruhige See! Stürme hatten sie schon schlimmere erlebt, aber diese Kreuzwellen machten selbst ihm zu schaffen. Wieder dachte er an Nhel. Na, wenn der Mann ordentlich zu kämpfen hatte, war er vielleicht später müde genug, um ihm das Steuerrad freiwillig zu überlassen.

Er öffnete die Tür und bekam die nächste Kreuzwelle zu spüren. Sich am Türrahmen festhaltend griff er gleichzeitig nach Ramin, der beide Hände voll hatte. Der kräftige Körper stieß gegen ihn, und Haydar sah in Ramins dunkles Gesicht hinab.

"Stürmisch heute, was?", sagte er doppeldeutig, konnte es einfach nicht lassen. Dabei hatte er noch gar keinen Grog getrunken.

Abermals errötete Ramin. "Äh....dein Grog...." Er wusste wirklich nicht, wie er mit den Andeutungen umgehen sollte. Was sollte er sagen? Würde er damit vielleicht etwas kaputt machen? Es war nicht so einfach, wie Haydar vermutlich dachte. Er war nicht so einfach, er... Er wurde vom Käpt'n herein gezogen, und die Tür fiel durch den Seegang zu.

Haydar ließ seinen Bootsmann los und nahm ihm einen der Becher ab. Sie hatten schon zu lange keinen Landgang mehr gehabt, das letzte Hafenliebchen lag zu weit zurück. Bei Neptuns Dreizack, er sollte wirklich an anderes denken als daran, diesen Mann in sein Bett zu bekommen! Aber gerade war das extrem schwer.

Mit einer energischen Geste wies auf einen Stuhl. "Setz' dich, Ramin. Bei den Wellen ist Stehen eine Strafe."

Ramin lächelte ihn an und ließ sich auf dem Stuhl nieder. Immerhin konnte sich dieser nicht bewegen, da er, wie fast alle Möbel auf einem Schiff, festgenagelt war. Er nippte an seinem heißen Grog. Alkohol konnte er bei dem Wetter vertragen, und nicht nur wegen dem. Er schielte zum Käpt'n. Der Mann sah aber auch gut aus; noch immer, nach all der Zeit, die sie sich kannten, fiel ihm das viel zu oft auf. Er versuchte, seine Gefühle niederzukämpfen, doch ganz gelang ihm dies nicht.

Haydar hatte Ramin bewusst an den vordersten Stuhl verwiesen; er ging an ihm vorbei, nutzte geplant eine weitere Welle als Grund, um sich an ihm abzustützen und strich ihm über Schulter und Nacken, als er die Hand zurückzog und weiterging. Er ließ sich in seinen eigenen Stuhl fallen, gepolstert, aber nicht so gemütlich wie die Sitzkissen, die er bei ruhiger See bevorzugte. Doch mit denen würde er durch die gesamte Kajüte rutschen bei dem Seegang.

Einen tiefen Schluck vom Grog nehmend sah er zu Ramin hin. "Das ist das richtige bei dem Wetter. Guter Grog, gute Gesellschaft. Ha, die Lama war leichte Beute. Als hätte sie nur darauf gewartet, dass wir vorbei segeln, was?" Er lachte.

Die leichte Berührung verursachte Ramin eine wohlige Gänsehaut. "Ja, und mit den Vorräten kommen wir die nächsten Wochen hin. Sie war ja voll beladen. Kein Wunder, dass sie so langsam war."

Er wartete ab, der Käpt'n war direkter als sonst. Was wollte der Mann wirklich und wie ernst meinte er es? Wenn man bei einem Pirat überhaupt von ernsten Absichten reden konnte. Die Fluktuation in den Betten war hoch. Abwechslung war für die meisten wohl immer noch das beste.

Haydar trank den Grog aus und schnalzte mit der Zunge. Lecker, selbst aus so etwas Banalem wie Grog zauberte Ambros etwas Einzigartiges. Was da wohl noch drin war außer Zucker und Rum? 'Irgendein Aphrodisiakum', schlug ein nüchterner Gedanke vor, der sich unerwartet in seinem Kopf hervor schlängelte und ließ Haydar nicht nur innerlich grinsen.

Gischt und Regen prasselte gegen die Fensterscheiben, der Rumpf der Lady knirschte und knackte auf altvertraute Art. Die Unterarme auf den Tisch legend, lehnte Haydar sich in Ramins Richtung. "Du bist dem Käpt'n treu, mein Freund, nicht wahr?", fragte er.

Ramin betrachtete das Grinsen skeptisch, während er von seinem Grog trank. "Natürlich. Warum sollte ich das nicht sein?" Er war verwirrt. Was wollte ihm der Käpt'n damit sagen?

"Weil dein Käpt'n vielleicht gerade im Begriff ist, eine Dummheit zu begehen", erklärte Haydar trocken und lehnte sich noch weiter vor. Seine Hand legte sich über Ramins, er zog den Bootsmann näher zu sich und presste seinen Mund auf die weichen Lippen. 'Vielleicht sogar eine verdammt große', dachte er, aber vergaß den Gedanken gleich wieder. Sein unbeachteter Becher rollte vom Tisch, kam mit einem dumpfen Laut auf dem dicken Teppich auf und rollte unter die orientalische Kommode.

Geistesgegenwärtig stellte Ramin seinen Becher auf dem Tisch ab, sonst wäre der restliche Grog sicherlich Haydars Becher gefolgt und auf den Teppich gelaufen. Völlig verblüfft saß er da und spürte, wie der Käpt'n ihn küsste. Ihn verdammt gut küsste. Oh, was sollte er nun tun? Beinahe schüchtern bewegte er seine Lippen gegen die des anderen. Das fühlte sich gut an. Verdammt gut. Doch ob dies wirklich eine gute Idee war? Aber wieso sollte es falsch sein, wenn es sich so herrlich anfühlte? Den Becher weiterhin festhaltend, krallte er sich mit der freien Hand an der Schulter des Käpt'ns fest.

Haydar schob eine Hand auf den warmen Nacken unter Ramins kleinen Pferdeschwanz. Tastend fuhr er mit der Zunge über die Lippen, schmeckte Grog, dann ließ er sie in Ramins überrascht geöffneten Mund gleiten. Der Tisch war im Weg, verdammt im Weg, und die Wellen waren ebenfalls nicht förderlich, aber er küsste den Mann weiter, weil er sich nun, da er begonnen hatte, einfach nicht mehr von ihm trennen konnte. Er ließ Ramins Hand los, strich über seinen Arm nach oben zur Schulter hin und umarmte ihn, so gut es ging. Ein Bocken der Lady rammte ihm den Tisch in den Magen und ließ ihn ächzen.

"Verdammt", knurrte er noch auf Ramins Mund.

Ramin genoss es sehr, was der Käpt'n da mit ihm tat. Es fühlte sich wahnsinnig toll an, aber die Haltung war unbequem, so dass er den Käpt'n schließlich vom Tisch wegzog. Durch das Schwanken des Schiffes landeten sie nur einen Atemzug später auf dem weichen Teppich. Der Käpt'n fiel dabei nicht sehr elegant auf Ramin, dem dadurch die Luft wegblieb. Keuchend lag er da, wollte aber nicht vom Mund des anderen ablassen.

Haydar stützte sich auf die Ellbogen, um Gewicht von Ramin zu nehmen und hob den Kopf. Was ein Glück, dass sie sich bei dem Sturz keine Zähne aneinander ausgeschlagen hatten. Die Wangen seines Bootsmanns waren trotz der Sonnenbräune noch dunkler geworden, die braunen Augen wirkten schwarz im Licht der einzigen Gasleuchte. Haydar spürte ein erwartungsvolles Ziehen im Magen, das gleich tiefer ging, als die Wellen sie herumrollen ließen.

Haydar nutzte die Gunst des Augenblicks, zog Ramins Hemd aus der Hose und ließ seine Hände darunter gleiten, während sie sich erneut küssten. Der muskulöse Rücken war warm und fühlte sich gut an unter seinen streichelnden Händen. Haydar strich bis zu den Schultern empor, dann wieder zurück; während die eine Hand bei dieser Bewegung blieb, glitt die andere über den Hosenbund hinaus und legte sich auf Ramins Hintern.

Durch die Wellen war immer mal wieder Ramin oben, was er aber nicht so richtig mitbekam. Er keuchte auf, als er Hände auf seinem Hintern spürte. Das Blut floss unaufhörlich in seine Körpermitte und verhinderte, dass er klar denken konnte. Es war einfach zu lange her, dass er so etwas mit jemandem getan hatte. Viel zu lange, denn er mochte es nicht, dies mit einem Unbekannten zu teilen.

Haydar schaffte es zwischen Küssen und Streicheln, seine Armschützer und den Gürtel loszuwerden. Einfacher war es dann schon, sie beide von ihren Hemden zu befreien. Ramins bloße Haut auf seiner zu spüren, ließ ihn aufstöhnen. So verdammt lang hatte er sich diese Nähe herbei gesehnt! Einen Moment lang presste er ihn nur an sich, weil es sich so herrlich anfühlte. Dann rollte er herum und ließ von Ramins Mund ab.

Wahllos verteilte er Küsse und kleine Bisse über den kräftigen Brustkorb, neckte die Brustwarzen mit Zähnen und Lippen, aber verfolgte gleichzeitig zielstrebig mit den Händen den Weg zu Ramins Hosenbund. Er öffnete den Knopf und fuhr mit einer Hand hinein, um ihn noch ein wenig mehr zu reizen. Ramin war hart, und allein das Gefühl in seiner Hand erregte Haydar noch weit mehr.

Um nicht ganz die Beherrschung zu verlieren, ließ er wieder von ihm ab. Hastig zerrte er ihm die Hose von den Hüften, seine eigene folgte nur einen Augenblick später. Ehe er sich dessen richtig bewusst war, lag er bereits wieder auf dem anderen Mann.

Ramin keuchte und stöhnte immer wieder auf. Der Käpt'n berührte ihn genau richtig. Er wusste nur nicht, ob er lange durchhalten würde, wenn der andere so weiter machte. Das Gefühl, den anderen nackt an sich zu spüren, ließ ihn erregt aufstöhnen. Oh ja, er wollte den Käpt'n! Streichelnd erkundete er den anderen Körper, strich über den muskulösen Rücken und an den Seiten weiter nach unten.

Als Haydar wieder und wieder den festen Hintern massierte, ging ihm trotz seiner Erregung auf, dass es so nicht funktionieren würde. Nicht das, was er wollte. Er fluchte, weil er dafür von Ramin lassen musste, aber befreite sich trotzdem aus den ihn umschlingenden Armen. Rasch sprang er auf und zum Bett hin, um aus dem Schränkchen darüber die Messingflasche zu holen. Sein Schiff mochte die Lady Chaos sein und er ihr Käpt'n, aber er wusste genau, wo er wichtige Dinge aufbewahrte.

Verwirrt sah Ramin auf, als der Käpt'n von ihm abließ. "Was...?"

Nur einen Moment später lag Haydar wieder bei Ramin und küsste ihn hungrig. Während er seinen Schoß gegen den des anderen Mannes presste, öffnete er hinter dessen Rücken die Flasche und ließ die Flüssigkeit über seine Finger laufen. Sehr gezielt strich er dann erneut über Ramins Hintern, drängte die Pobacken auseinander und rieb ihn ein.

Aufstöhnen spürte Ramin die Finger an seinem Anus. Dieser Kerl machte ihn wahnsinnig! Keuchend spreizte er die Beine, um ihm so einfacheren Zugang zu gewähren.

Vorsichtig überwand Haydar den Widerstand erst mit einem Finger, doch so zurückhaltend Ramin immer bei seinen Avancen gewesen war, so deutlich zeigte er ihm nun, dass er ihn wollte. Haydar drang mit einem zweiten Finger ein. Allein die Art, wie sein Bootsmann sich ihm öffnete und ihm sein Vertrauen zeigte, brachte Haydar fast um den Verstand – und um seine Selbstbeherrschung. Er musste innehalten.

Keuchend spürte Ramin die Finger des Käpt'ns in sich. Unangenehm zog es in ihm. Es war wirklich viel zu lange her.

"Verdammt, Ramin, verdammt", flüsterte Haydar heiser. Es ging nicht mehr, es war zu viel. Er zog die Finger zurück, rollte auf den anderen Mann und griff hinab. Er zog Ramins Beine höher, damit er passend lag. Mit einem tiefen Aufstöhnen drängte er sich gegen Ramin und in ihn.

Ramin hörte die Stimme des Käpt'ns, doch er verstand die Worte nicht. Im nächsten Moment spürte er schon das reißende Ziehen in sich, als der Käpt'n in ihn eindrang. Schmerz ließ ihn das Gesicht verziehen, aber er würde es schon durchstehen. Bald würde es besser werden, wenn sein Käpt'n gut war, und daran zweifelte er nicht einen Augenblick.

Haydar verharrte regungslos, als er ein leises Aufzischen vernahm, trotz des Sturms direkt neben seinem Ohr nicht zu überhören. Es brachte ihn wieder ein wenig zur Vernunft. Mit einem Arm und beiden Beinen gegen das Rollen der Lady ankämpfend, um sich nicht zu sehr zu bewegen, hob er den Kopf und sah Ramin an. Das sah nicht gut aus, nicht mehr nach leidenschaftlicher Hingabe. Behutsamer als zuvor küsste er die von ihrer wilden Knutscherei leicht geschwollenen Lippen des Bootsmanns, während er zwischen sie griff, um Ramins Erektion zu umfangen und zu streicheln.

"Vergib", murmelte er schuldbewusst. "Aber du raubst mir den Verstand..."

"G-geht schon", meinte Ramin gepresst. Er musste sich entspannen. Konzentriert atmete er ein und aus. Das Streicheln an seinem Glied half sehr; es brachte die Erregung zurück. Nach einer kleinen Weile bewegte er sich gegen den Käpt'n. "Mach!"

'Wenn ich jetzt anfange, kann ich nicht mehr aufhören', dachte Haydar verschwommen und konzentrierte sich nur darauf, weiterhin ruhig zu liegen und Ramin zu streicheln. Doch als Ramins Drängen heftiger wurde, konnte er sich nicht mehr zurückhalten. Fest umfing er Ramins Schultern und begann mit einem Aufkeuchen, sich rhythmisch in ihm zu bewegen.

Erst empfand Ramin die Bewegung noch als unangenehm, aber das wandelte sich immer weiter in ein erregendes Gefühl. Nachdem der Käpt'n den richtigen Winkel gefunden hatte, stöhnte Ramin ungehemmt auf. Wenigstens konnte er durch den Sturm von niemandem gehört werden.

Die lustvollen Laute trieben Haydar weiter an; die Bewegungen des Schiffes, die des Mannes unter ihm, seine eigenen, alles ergänzte sich, wurde eins. Ihre Stimmen vermengten sich mit dem Heulen des Sturms und dem Brüllen der See. Haydar spürte, wie Ramin sich unter ihm anspannte und gab sich ganz seiner eigenen Lust hin.

Doch erst, als sein Bootsmann kam, gab auch Haydar dem überwältigenden Gefühl nach. Irgendwo ganz am Rande seines Bewusstseins bekam er mit, dass er im Rausch des Orgasmus' laut Ramins Namen rief.

Der Orgasmus, den Ramin erlebte, war heftig. Völlig erledigt blieb er liegen, die Arme um den Käpt'n geschlungen. Langsam driftete er weg in der Hoffnung, dass jetzt bloß nichts im Schiff kaputt ging. Er würde es eh nicht richten können.

Nur langsam kam Haydar zurück auf sein Schiff, zurück in den Sturm, zurück zu dem Mann in seinen Armen. Ebenso langsam beruhigte sich sein keuchender Atem und sein rasender Herzschlag. Die Wellen wollten sie herumwerfen; er glich die Bewegung aus. Haydar fühlte sich wohlig entspannt, doch die See ließ nicht zu, dass sie liegen bleiben konnten.

"Ramin", sagte er dicht am Ohr des Mannes und konnte dann nicht widerstehen, direkt dahinter einen kleinen Kuss zu drücken. "Ramin, mein teurer Bootsmann, wir können nicht auf dem Boden bleiben."

Nicht nur das, da war auch noch Nhel, nach dem musste er jetzt definitiv einmal schauen. Nicht, dass ihn Wind und Wellen schon über Bord gespült hatten.

Schläfrig öffnete Ramin die Augen. Er fühlte sich viel zu träge und angenehm entspannt, aber dennoch würde er wohl aufstehen müssen. Allein der Gedanke in seine Kajüte zu gehen, während hier alles schwankte, behagte ihm gar nicht, aber er hatte wohl keine Wahl. Mühsam setzte er sich auf und verzog das Gesicht. Der folgende Tag würde sehr unangenehm werden. Er nickte dem Käpt'n zu und versuchte aufzustehen.

Kurz sah Haydar peinlich berührt zur Seite, als Ramin zusammenzuckte. Käpt'n Chaos, den schon genug Hafenburschen für seine Achtsamkeit angeschwärmt hatten, hatte ausgerechnet bei seinem eigenen Bootsmann die Beherrschung verloren, und das gründlich. Er berührte Ramin an der Schulter, und als sich dieser ihm zuwandte, sagte er zerknirscht: "Verzeih. Das wollte ich nicht."

Ramin errötete und meinte: "Dafür kannst du doch nichts." Immerhin war dieser vorsichtig genug gewesen unter diesen Umständen. Er sammelte seine verstreut auf dem Boden liegenden Kleidungsstücke an und zog diese notdürftig über, bevor er sich zur Tür wandte. "Ich geh dann mal in meine Kajüte. Sag Bescheid, wenn du nachher am Steuer Hilfe brauchst."

Haydar lachte, um über seine überraschende Verwirrung hinwegzutäuschen. "Kennst mich doch, Ramin. Das ist ein Kampf Mann gegen Mann, der Käpt'n gegen den Wind. Den fechte ich allein aus." Er stand auf und streckte sich. "Und du kennst Nhel. Bevor der bei diesem Wetter jemand anderen als mich – und das auch nur unter hartem Protest – das Steuer berühren lässt, stürzt er sich vor Wut in die See. Unseren Steuermann brauchen wir noch."

Er grinste, aber das Grinsen verschwand, als Ramin die Tür geschlossen hatte. Es war befreiend gewesen, herrlich, und Haydar hatte Lust, das ganze später direkt zu wiederholen. Mit weniger rauer See, mit mehr Zeit und in aller Ruhe. Doch weniger denn je war er sich sicher, ob es gut war, sich überhaupt darauf eingelassen zu haben.

'Eingelassen?', dachte er spöttisch. 'Herausgefordert trifft es wohl eher.' Ob Ramin es bereute?

Rasch rieb er sich die Spuren ab, dann zog er sich an und das Ölzeug über. Nhel war kein Prinzesschen, aber er war genauso wie sie alle vom Wetter überrascht worden.

Ramin ging in seine Kajüte und schloss die Tür hinter sich. Na, das konnte ja noch was werden. Hoffentlich würde dies nicht allzu viel ändern zwischen dem Käpt'n und ihm. Obwohl...nein es würde nichts ändern. Aber darüber konnte er sich auch noch später Gedanken machen. Müde hängte er die Hängematte auf, damit er schlafen konnte. Sein Bett würde er bei diesem rauen Seegang sicherlich nicht benutzen können. Wenig später lag er in der Hängematte und schlief sofort ein.

© by Pandorah, ChichiU, Katsumi & Witch23