Stürmische Herzen der Meere
Part 1: Sturmnacht

2.

Nhel spürte wie der Luftdruck sank und wollte das Schiff gerade Richtung Steuerbord navigieren, um dem heranrollenden Wind weniger Widerstand zu bieten, als er auch schon den Befehl des Käpt'n dazu hörte. Er kämpfte mit dem Steuer, um der Mannschaft bis zum Höhepunkt des Sturmes noch genügend Zeit für Vorbereitungen zu verschaffen. Leider blieben nur wenige Minuten, bis ihm der Regen ins Gesicht klatschte und ihn binnen weniger Sekunden bis auf die Knochen durchnässte.

Er hoffte, dass der Sturm nicht allzu lange währen würde; der Blick zum Himmel verriet ihm allerdings, dass sie eine lange Nacht vor sich hatten. Der Käpt'n würde nach einiger Zeit sicher das Steuer für sich fordern, was Nhel immer ganz besonders missfiel. Er hielt nichts davon, wenn sich jemand in seine Arbeit einmischt, egal um wen es sich handelt.

Spöttisch verzog er den Mund. Diesmal würde er sich nicht von seiner Position drängen lassen. Es kostete ihn einige Mühe, aber schließlich hatte er seine seine Hände an das Steuerrad gebunden. Nhel grinste in sich hinein und freute sich schon jetzt auf das verdutzte Gesicht des Käpt'ns.

Grade sah er, wie eben dieser den Schiffsjungen packte und dem Bootsmann überließ. Er ließ ein verächtliches Schnauben hören. Noch immer verstand er nicht, warum der Junge auf dem Schiff bleiben durfte, obwohl er offensichtlich nur im Weg war.

Bald verfluchte Nhel sich jedoch leise für die Idee, seine Hände festgebunden zu haben, da er so noch mehr darauf achten musste, dass es ihm nicht weggerissen wurde. Das Steuern war Knochenarbeit, und fast wünschte er sich, dass der Käpt'n ihn ablösen würde, schob aber diesen Gedanken ärgerlich beiseite.

Gischt und Wind peitschten ihm mit aller Macht ins Gesicht, und sein Körper kühlte durch den Regen unangenehm schnell aus. Bei der Geschwindigkeit, mit der der Sturm über sie hereingebrochen war, hatte er es nicht mehr geschafft, sich seine Regenkleidung überzuziehen. Wären seine Hände nicht ohnehin festgebunden gewesen, so hätte er wohl das Gefühl bekommen, dass sie am Steuer festgefroren wären.

Er nahm seinen ganzen Willen zusammen und richtete sich auf, um dem Sturm grimmig entgegen zu blicken. Er hatte schon schlimmere Dinge überstanden und würde sich von dem bisschen Wind nicht in die Knie zwingen lassen. Innerlich hoffte er jedoch, dass der Sturm nur noch wenige Stunden andauern würde.

Der Wind peitschte Haydar Regen und Gischt ins Gesicht, als er die Tür zum Deck öffnete. Er beeilte sich, hinauszukommen und die Tür wieder zu schließen. Wasser unter Deck wegen eines unpassenden Brechers – und sie waren fast alle unpassend – brauchten sie nicht. Der Lärm von See und Sturm war ohrenbetäubend; hier inmitten dem Toben der Elemente gingen sogar die Laute der Lady unter. Das Knarren, Rauschen und Knarzen war nicht mehr zu hören. Nur manchmal heulte der Wind schrill und klagend in den Wanten.

Sich fest an die Reling klammernd kletterte Haydar die Treppe zum Heck empor, der Wind zerrte an ihm, als wollte er ihn hinab zu Neptun reißen. Haydar lachte.

"Noch lange nicht, alter Mann!", rief er. "Auf mich musst du noch warten!"

Die Worte wurden ihm von den Lippen gefetzt. Durch Regenschleier kämpfte er sich zu Nhel vor, der stoisch am Ruder stand, breitbeinig die Bewegungen der Lady ausgleichend. Der Wind zerrte an dem blauen Haar, hatte es zu einem Teil aus dem Zopf gelöst. Haydar hielt sich am Kompassstand fest.

"Ich übernehme", brüllte er gegen die Naturgewalten an. "Geh runter, wärm' dich auf und hol dir 'nen Grog."

Er sah Nhel grinsen, dann entdeckte er die Seile, mit denen sich sein Steuermann festgebunden hatte. Haydar blinzelte, dann lachte er schallend auf.

Nhel bedauerte ein wenig, dass er sich den Regen nicht aus dem Gesicht wischen konnte und blinzelte angestrengt, um diesen wenigstens aus den Augen zu halten. Er hörte die Stimme des Käpt'n, vernahm aber nicht seine Worte. Dies war auch nicht nötig, er wusste, warum er gekommen war. Er grinste den großen Mann an und brüllte gegen den Wind: "Viel Erfolg, mein Käpt'n!"

Dann wandte er sich wieder ab und beschloss diesmal eine andere Taktik als das übliche Diskutieren. Er ignorierte ihn. Wenn der Käpt'n ihn vom Steuer ablösen wollte, musste er ihn schon losschneiden, und angesichts der recht umständlichen Knoten würde dies ein Weilchen dauern.

Haydar hangelte sich vom Kompassstand zum Steuerrad. Das würde Feingefühl erfordern, allein deswegen, weil Nhel beständig die See ausgleichen musste. Aber wenn er ein paar Schnitte in die Finger bekam, geschah ihm das nur recht. Die Lady unterstand dem Kommando des Käpt'ns, und das fasste den Steuermann mit ein. Schade, dass er selbst die Idee so amüsant fand.

"Ich sollte dich dafür das Deck schrubben lassen! Die Lady ist meine Braut, und ich mag keine Nebenbuhler", brüllte er und trennte sicher die ersten Stricke auf. "Du bist ein Narr, Nhel! Du sollst dich aufwärmen und dir dein verdammtes Ölzeug holen, nicht in die Sommerfrische verschwinden."

Ein wenig mürrisch beobachtete Nhel den Käpt'n dabei, wie dieser ihn tatsächlich von den Seilen befreite. "Ich ziehe mir nur das Ölzeug über, das muss reichen." Ein wenig umständlich schielte er zum Kompass. So wie es aussah, hatte der Sturm die Lady ein gutes Stück vom Kurs abgebracht. "Mein Käpt'n, Ihr solltet lieber die Route neu berechnen, damit wir eine Kurskorrektur vornehmen können, sobald sich der Sturm gelegt hat."

Um seinen Worten den belehrenden Klang zu nehmen, setzte er eine unschuldige Miene auf und lächelte leicht. Nhel fiel es nicht immer leicht, sich nicht in die Entscheidungen des Mannes einzumischen. Bevor er auf die Lady gekommen war, hatte er auf anderen Schiffen deswegen ordentlich Probleme bekommen.

Er zuckte kurz zusammen, als der Käpt'n doch tatsächlich leicht einen Finger erwischte, murrte aber nicht, da er sehr genau wusste, dass er sich das selber eingebrockt hatte. Wenn er vor dem Handeln wenigstens einmal nachdenken würde...! Leicht seufzte er und verdrehte in Gedanken seine Augen.

Unsanft schob Haydar ihn vom Steuer weg, aber grinste dann schon wieder. "Eine Stunde, Nhel. Das ist ein Befehl. Wenn ich dich vor dem Ablauf von einer Stunde hier wiedersehe, schrubbst du morgen tatsächlich das Deck."

Er sagte es nicht, aber Nhel wusste es auch so. Haydar liebte den Kampf mit den Elementen, er liebte es, die Macht über seine Lady zu haben und sie durch die raue See zu steuern. Ungerechterweise war Nhel geschickter als er, aber ganz ließ er sich den Spaß dennoch nicht nehmen. Und ob Nhel wollte oder nicht, es war nur vernünftig, wenn er sich aufwärmte und dann trocken in sein Ölzeug kam. Fiebernd und hustend konnte er erst recht nicht hinterm Steuer stehen.

Einen kurzen Augenblick überlegte Nhel, ob er nicht doch das Deckschrubben in Kauf nehmen sollte. Was sollte er eine Stunde lang tun? So lange würde er niemals brauchen, um sich trockene Sachen anzuziehen und das Ölzeug zu holen. Er wusste, dass es dem Kapitän Spaß bereitete, dem Sturm zu trotzen. Missmutig schielte er zu ihm hinüber. Wurde der Kerl denn niemals müde? Letztendlich blieb ihm nichts anderes übrig, als dem Befehl folge zu leisten.

Er rutschte in Richtung der Tür, die zum unteren Deck führte, nicht ohne jedoch noch einen bewundernden Blick zurück zu werfen. Gut sah der Käpt'n aus, wenn ihm die nassen Sachen an dem kräftigen Körper klebten. Er streifte die Gestalt des Mannes mit einem letzten Blick und wandte sich rasch ab, bevor dieser noch etwas bemerken konnte.

Etwas gemächlicher ging er zu seiner Kajüte und war sehr froh, im Warmen zu sein. Nachdem er sich seiner nassen Sachen entledigt hatte, rubbelte er sich mit einem Tuch trocken.

*

Ambros dachte bei sich, dass wohl alles mögliche an brauchbaren Gewürzen und Kräutern im Bauch der Lady Chaos verschwinden würde, hätte er nicht immer ein wachsames Auge darauf, sobald neue Ladung an Bord kam. Noch immer hatte er Probleme damit, dass die Sachen nicht einfach an Bord kamen, indem man sie kaufte, sondern dass sie von anderen Schiffen, die gekapert wurden, geklaut waren; aber mittlerweile hatte er sich damit arrangiert. Die Lady und mit ihr Crew und Käpt'n hatten andere Vorteile, die das aufwiegen konnten.

Er hatte gerade die Kombüse erreicht und die Kiste abgestellt, als er auch schon merkte, wie die See unruhiger wurde.
"Okay, dann mal an die Arbeit." Er fixierte die Kiste geschickt und fing an, ihren Inhalt in aller Seelenruhe auszuräumen. Als er gerade die Hälfte aller Gewürze aus der Kiste sorgsam verstaut hatte, öffnete sich die Bodenluke in der Mitte der Kombüse und ließ ihn sich still fluchend fragen, wer wohl wieder vergessen hatte, den Riegel vorzuschieben. Er wandte sich halb um, ohne die Kiste loszulassen, und bekam vom Bootsmann direkt den Schiffsjungen zugeschoben, mit der Aufforderung, diesen vorerst bei sich zu behalten.

Ambros seufzte leise auf, als er die nasse Gestalt vor sich stehen sah und sagte mit einem leicht resigniertem Lächeln: "Geh dich erstmal trockenlegen und zieh dir was Trockenes über, dann reden wir weiter."

Wie oft war es jetzt vorgekommen, dass man ihm den Schiffsjungen nun schon bei Sturm zugeschoben hatte, weil dieser sich mal wieder selbst über- oder das Wetter unterschätzt hatte? Er konnte es nicht mehr sagen; auf jeden Fall hatte nach dem dritten oder vierten Mal dafür gesorgt, dass der Kleine – was für ein passender Spitzname – einen Satz Ersatzkleidung bei ihm in der Kajüte hatte, die direkt an die Kombüse anschloss.

Als der Schiffsjunge wieder in der Kombüse erschien, war Ambros gerade mit dem Einräumen fertig geworden. Er spannte den Jungen auch direkt in die Vorbereitungsarbeiten für das nächste Essen mit ein, denn sobald die wichtigsten Arbeiten erledigt waren, hatten die Männer Hunger, das wusste er aus Erfahrung. Und bei ihm hatte bisher keiner auf eine Mahlzeit verzichten müssen, egal, welches Wetter herrschte; das war etwas, auf das Ambros sehr stolz war, und daran sollte sich auch in nächster Zeit nichts ändern.

Schnaubend hielt sich Silver an einem der Sparren fest und blickte sich in den Mannschaftsräumen um. Auch die letzten waren nun versorgt. Bei dem Überfall hatte es fast keine Verletzten gegeben, nur einige Hirnlose, die es mal wieder nicht hatten abwarten können, Beute zu machen. Als ob stumpfsinniger Wagemut zu mehr Beute führte! Am liebsten hätte er ihnen für ihre Dummheit noch ein paar mehr Wunden zugefügt, doch das konnte sich der Käpt'n auf hoher See einfach nicht leisten, hier und jetzt wurde jeder gebraucht.

Er überprüfte noch einen letzten Verband und beschloss dann, dass es Zeit war, Ambros ein wenig in die Töpfe zu gucken und darauf zu achten, dass sich bei dem Sturm niemand übergab. Das schwächte die Mannschaft nur, machte sie kränklich und unbrauchbar. Zudem war er gerne in der Kombüse, auch wenn er nur still auf der Eckbank saß und darauf achtete, dem Smut nicht im Weg zu sein.

Er stieg die steile Treppe der Messe empor und steckte vorsichtig den Kopf in den Raum. Nicht nur Ambros war in der Kombüse, sondern auch der kleinen Schiffsjungen, der, wenn er so weiter machte, entweder ebenfalls Smutje werden würde oder im nächsten Hafen von Bord flog. "Na, wie sieht es aus?"

Ambros war gerade damit beschäftigt, die richtige Würze zu finden, als er die Stimme des Docs von unten hörte. Verdammt, die Luke war noch immer nicht geschlossen! Als er sicher war, den rechten Geschmack zu haben, richtete er sich etwas auf und achtete dabei weiterhin darauf, einen gut eingekeilten Stand zu haben, damit ihm kein Missgeschick mit den heißen Töpfen geschah. Der Doc würde es schon richten, darauf konnte Ambros vertrauen, nur würde dann das Essen nicht fertig werden. Kurz sah zum Schiffsjungen hin, der auf der Arbeitsbank saß und Obst zu Brei verarbeitete, dann wandte er sich dem Doc zu.

"Sofern nichts dazwischen kommt, gibt es in etwa einer Stunde Essen." Er sah ihm ins Gesicht, streifte die Augenklappe mit einem Blick und fragte sich zum wiederholten Male, was ihm da wohl passiert war; die Narbe oder besser das, was man davon sah, war nicht gerade klein. "Gibt es jemanden, der besonders schonende Kost braucht oder können alle soweit kauen?"

Es kam ab und an vor, dass der Doc mit besonderen Wünschen für stark verletzte Mannschaftsmitglieder zu ihm kam. In manchen Dingen unterschied sich ihre Arbeit kaum voneinander – sie waren beide für das Wohlergehen der Crew zuständig. Oft sah der Doc jedoch auch einfach nur so herein, mal um zu reden, öfter, um ihm still zuzuschauen. Aber da dieser ihn nie bei der Arbeit störte, ließ er ihn gerne gewähren; denn auch wenn es schweigsame Gesellschaft war, war es angenehme Gesellschaft.

"Keine Schonkost, alles in Ordnung mit der Verdauung der Crew", antwortete Silver nach einem kurzen Moment; er stieg in die Kombüse hoch, schloss sicherheitshalber die Luke und schob den Riegel vor, ehe jemand – insbesondere der Smutje – einen Fehltritt tat und sich beim Sturz in die Messe den Hals brach. Dann schaute er neugierig in die Töpfe, um zu erfahren, was es geben würde, ehe er sich ruhig zum Schiffsjungen setzte.

Dieses kleine Ritual brachte Ambros zum Grinsen. Es erinnerte ihn an eine ihrer ersten Begegnungen, nachdem der Doc überraschend auf hoher See an Bord aufgetaucht war. Ambros hatte etwas Schokolade zur Verfügung gehabt und war am Überlegen gewesen, wie er diese verwenden sollte. Unvermutet hatte Silver in der Kombüse gestanden und ein nahezu gieriges Auge bekommen, als sein Blick darauf gefallen war. Nach kurzem Zögern hatte Ambros sich dazu entschieden, dass weniger oft mehr war und die Schokolade in zwei Hälften geteilt. Eine hatte er Silver geschenkt, die andere zum Würzen verwendet. Es war die perfekte Menge gewesen und hatte ihm zudem den kühlen Doc zum Freund gemacht.

Nebenher hatte es dazu geführt, dass er ihn mit anderen Augen sah. Recht bald hatte er gemerkt, dass Silver immer einen ähnlichen Blick beim Essen hatte wie beim Naschen von Schokolade, nur so abgeschwächt, dass es fast nicht auffiel. Und wenn Ambros etwas liebte, dann das Wissen, dass den Leuten schmeckte, was er kochte.

Er sah zum Schiffsjungen hin und entschied beim Anblick der Menge des Obstbreis, dass er ihn vorerst erlösen würde. "Hey, das reicht ja fast für zwei Schiffsmannschaften." Er lächelte. "Ich geb' dir frei bis zum Essen."

Der Junge sah auf, strahlte über das Lob und die unerwartete freie Zeit und verschwand durch die Luke nach unten. Silver stand auf und schloss sie hinter ihm. Eine Weile lang beobachtete er Ambros noch, doch der Smut war zu beschäftigt, um sich mit ihm zu unterhalten. Er schnappte sich einen Apfel aus einer Kiste und ging zur Tür.

"Wenn du Hilfe brauchst, klopf einfach an die Wand. Ich bin nebenan." Das unerwartete Angebot brachte ihm einen überraschten Blick vom Smutje ein und verwunderte Silver selbst. Er zog es vor, nicht darüber nachzudenken. In dem winzigen Flur, der die Kombüse mit seiner Kajüte verband, gähnte er ausgiebig. Es war Zeit für seine Hängematte.

*

Nhel zog sich ein warmes Hemd an, das auch schon bessere Tage erlebt hatte, so oft wie es bereits geflickt war, und wählte dazu eine lockere, robuste Hose. Nebenbei schnappte er sich sein Ölzeug. Er grinste in sich hinein und dachte ironisch, dass man nie wissen konnte, wann man an Deck gebraucht wurde. Gemütlich schlenderte er unter Deck zu Kombüse und klopfte einmal an die Luke, in der Hoffnung, dass ihn der verträumte Mann bemerken würde. Ein paar Sekunden verstrichen, bevor Nhel ein zweites Mal anklopfte, diesmal etwas energischer.

Als Ambros gerade mit dem Verfeinern des Obstbreis fertig war und sich nun noch einmal dem Hauptmenü zuwandte, klopfte es energisch. Mit einem Seufzen öffnete er den Riegel und überließ es dem Störenfried, die Luke aufzustoßen.

Nhel hörte das Scharren und wartete einen Moment, öffnete sich dann jedoch selbst, als nichts geschah. Die Luke gab den Blick auf die Kombüse frei, an deren Wände unzählige, Töpfe, Pfannen und Messer hingen, ebenso wie eine beachtliche Anzahl an Regalen.

"Guten Abend, Chefkoch", grüßte er den hoch gewachsenen Mann neckend und stieg nach oben. "Ist noch Tee und Grog über?" Neugierig lugte er in die Töpfe.

"Tee nicht, aber Grog kann ich anbieten", erwiderte Ambros freundlich und füllte eine Tasse mit Grog, die er Nhel dann in die Hand drückte, nachdem sich dieser auf die Arbeitsbank gesetzt hatte. "Ganz schon ungemütlich heute, was?", meinte er dann an Nhel gerichtet, während er sich wieder dem Essen widmete.

Nhel nahm die Tasse mit dem Grog entgegen und stellte erfreut fest, dass dieser recht schwach war.

Gutmütig lachte er über die Frage. "Wem sagst du das. In etwa einer halben Stunde werde ich mich wieder mit dem Käpt'n um das Steuer prügeln dürfen." Das Schwanken des Schiffes schien schwächer geworden zu sein und Nhel nahm an, dass der Sturm allmählich nachließ. Wenn sie Glück hatten, legte dieser sich im Laufe der Nacht.

Da die Eigensinnigkeit des Steuermannes bekannt war, das Steuer um keinen Preis hergeben zu wollen, wenn es stürmte, lachte Ambros auf. "Das Essen ist es in einer Viertelstunde fertig. Damit klappt das dann auch, unseren Käpt'n vom Steuer wegzubekommen." Er zwinkerte grinsend. "Das wird er nicht kalt werden lassen." Obwohl er für den Käpt'n auf jeden Fall einen Teil warmhalten würde.

Nhel lachte ebenfalls. "So habe ich die perfekte Ausrede um wieder an Deck zu können. Bekomme ich vielleicht jetzt schon etwas?" Hoffnungsvoll blinzelte er zum Smutje hinauf. "Dann kann ich gleich den Käpt'n vom Steuer prügeln."

Ambros grinste. "Erst, wenn es fertig ist. Essen braucht seine Zeit, und ich will nicht für deine Bauchschmerzen verantwortlich sein." Darin blieb er unerbittlich, auch wenn ihn die Vorstellung, wie Nhel den Käpt'n vom Steuer verjagte, zum Lachen brachte.

Noch immer lachend ging er zum Herd, um zu prüfen, wie weit das Essen war. Dann öffnete er die Luke, sah in die Messe hinab und verpflichtete Steven, einen Matrosen, der ihm öfter einmal zur Hand ging, dazu, schon mal alles unten vorzubereiten. Geschickt machte er sich daran, einige Portionen abzuzwacken und in einen kleineren Topf zu füllen, das gleiche machte er mit dem Obstbrei. Im Anschluss reichte er eine weitere Portion an Nhel und sagte grinsend: "Wohl bekommt 's."

Begeistert stürzte sich Nhel auf das Essen, sogar mit Nachtisch. Ihm war es im Grunde genommen egal, was der Smutje kochte; alles schmeckte hervorragend, zumal er von den anderen Schiffen wesentlich schlechtere Kost gewohnt war. In Rekordzeit verschlang er das Essen, auch wenn er es schade fand, es nicht wirklich genießen zu können.

Er drückte dem Smutje seine Schale in die Hand und verschwand aus der Kombüse in Richtung Deck, nicht ohne vorher noch einen Apfel aus einer Kiste zu nehmen. In dem winzigen Flur zog er sich sein Ölzeug über und stopfte den Apfel in eine Seitentasche.

Als Ambros alles soweit fertig hatte, dass er es in die Messe bringen konnte, merkte er, dass sich das Meer langsam zu beruhigen schien. 'Fein, dann werden wohl alle essen können', dachte er nur und brachte nacheinander die großen Töpfe hinab, die er mit Stevens Unterstützung in ihren Halterungen befestigte. Währenddessen sammelte sich bereits die Mannschaft in der Messe, und er und der Schiffsjunge teilten das Essen aus.

Als alle versorgt waren, schickte er den Kleinen auch zum Essen. Er schaute einmal in die Runde, wobei er sowohl den Bootsmann, wie auch den Doc vermisste. 'Okay, der Bootsmann wird wahrscheinlich mit dem Käpt'n erscheinen, und dem Doc sage ich am besten gleich Bescheid.' Mit diesem Gedankengang stand er auf, noch bevor er sich selbst etwas genommen hatte..

"Bin gleich wieder da", sagte er mit zu denen, die verwundert schauten und stieg nach oben. Er ging hinüber zur Kajüte des Docs und klopfte. "Doc, Essen ist fertig."

Silver schreckte aus seinem leichten Schlaf hoch. Den Sturm konnte er gut ausblenden, der erforderte nicht die Aufmerksamkeit eines Arztes. Das Klopfen jedoch konnte bedeuten, dass jemand über seine eigenen Füße gestolpert war und sich den Hals gebrochen hatte.

Hastig schwang er die Beine aus der Hängematte und tappte nur in Hose zur Tür hin. Im Vorbeigehen drehte er die kleine Flamme der Gaslampe höher. Er öffnete, korrigierte den Blick nach oben und sah in Ambros' liebes, harmloses Gesicht. Wann immer er den Mann ansah, fragte er sich, wie dieser auf ein Piratenschiff hatte geraten können. Das lange, blonde Haar ließ ihn erst recht nicht gefährlich wirken. Ein zweiter, prüfender Blick verriet ihm, dass es dem Smutje gut ging. Keine Panik, keine gebrochenen Knochen, alle Finger waren noch dran. "Was gibt 's?"

Durch die Inspektion ein wenig irritiert und leicht aus dem Konzept gebracht antwortete Ambros: "Ähm ..ja, Essen ist fertig." Er merkte, wie er leicht rot wurde und grinste etwas verlegen. "Ich geh dann mal." Er drehte sich um in Richtung Kombüse.

Gedankenschnell griff Silver zu und hielt Ambros am Zopf auf. Das Haar war weich. Der Gedanke überraschte ihn genauso wie Ambros das Festhalten, aber er ließ sich nichts anmerken.

"Bist du nur deswegen gekommen?", fragte er. So verträumt konnte doch nicht einmal Ambros sein – immerhin war Silver in der Küche gewesen, als das Essen so gut wie fertig war und hatte sich dennoch zurückgezogen.

Von dieser Frage und der Tatsache an den Haaren gezogen zu werden, blieb Ambros überrumpelt stehen. Immer noch verwirrt drehte er sich um und befreite seine Haare aus der Hand des Docs, der sie nur locker hielt.

"Ja, mir geht 's gut", sagte er im Glauben, dass damit die Frage beantwortet war.

Das Gefühl, als der Zopf durch Silvers Hand glitt, war seidig. Silver hatte sich noch nie sonderlich viel aus Haaren gemacht; seine eigenen wurden morgens mit einem grobzinkigen Kamm und einem Lederband im Nacken bedacht und ab und an mit etwas Wasser und Seife. Deswegen irritierte es ihn, dass ihm die Beschaffenheit auffiel.

"Gut. Danke für die Mitteilung, aber ich habe keinen Hunger", sagte er kurz angebunden und schloss die Tür. Einen Moment verharrte er gedankenverloren, dann riss er sich zusammen und kehrte in die Hängematte zurück. Nur wenige Augenblicke später war er wieder eingeschlafen.

*

Als Nhel auf Deck war, rutschte er, Seile und Wanten zur Sicherung nutzend, zum Steuerrad und rief dem Käpt'n entgegen: "Der Smutje ruft zum Essen, mein Käpt'n." Erfreut bemerkte er, dass der Sturm tatsächlich bereits nachgelassen hat.

"Ha, die Stunde ist noch nicht um! Gewiss nicht!", neckte Haydar, als Nhel ihn recht rücksichtslos vom Steuer verdrängte. Er verstand seine eigene Stimme wieder einigermaßen, der Wind ließ nach, auch wenn die See nach wie vor tobte. Das würde auch noch andauern. "Hast du solche Sehnsucht nach dem Schrubber und den Planken?"

Kindisch streckte Nhel ihm die Zunge raus. "Ich hatte eher Angst um die Lady, mein Käpt'n", neckte er zurück. Er wusste genau, dass das Schiff in guten Händen war, wenn der Käpt'n am Steuerrad war, konnte sich aber diesen Kommentar nicht verkneifen.

"Die Planken erwarten dich morgen schon sehnsüchtig", drohte Haydar, doch sein Grinsen verriet ihn. Wenn er Nhel gegenüber diese Drohung irgendwann einmal ernst meinte, würde der Steuermann ihm gewiss nicht glauben.

Nhel sah dem Kapitän hinterher, wie dieser das Deck verließ und bereitete sich in Gedanken auf eine durchwachte Nacht vor. Seufzend lehnte er sich mit dem Kinn auf das Steuerrad und starrte auf die dunkle See.

Gut gelaunt öffnete Haydar die Tür zum Offiziersbereich. Er fühlte sich lebendig. So lebendig, wie schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Der Sturm hatte ihn nicht ermüdet, sondern erfrischt, sein Gesicht prickelte vom kalten Wind. Und außerdem... Haydar blieb in dem engen Flur stehen und starrte nicht auf seine, sondern auf die Kabine des Bootsmannes. Ramin hatte nicht unerheblich zu seiner Entspannung beigetragen.

Noch ehe er den Gedanken beendet hatte, klopfte er und öffnete, ohne auf Antwort zu warten. Die Kajüte war dunkel, lediglich der Lichtstreifen von der Gaslampe im Gang fiel hinein. Haydar hörte den gleichmäßigen Atem des Bootsmanns, sah das durch den Wellengang hervorgerufene Schwanken der Hängematte. Allmählich gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit, er konnte Details ausmachen.

Ein kräftiger Arm hing über den Rand der Hängematte heraus. Die Muskeln durch die anstrengende Arbeit auf dem Schiff waren fein definiert, aber nicht unproportional. Unter der Decke sah ein nackter Fuß hervor. Ramin hatte das Gesicht der Tür zugewandt, wild umspielt von schwarzem Haar; die Augen waren geschlossen, seine Lippen leicht geöffnet und entspannt.

Haydar starrte sich auf ihnen fest. Er hatte Ramin schon immer gern angeschaut. Bereits von Beginn ihrer Bekanntschaft an hatte er gerne mit ihm geschäkert. Seit Jahren war das so. War das, was vorhin zwischen ihnen gewesen war, nicht einfach nur die logische Folge all dieser Jahre? Oder war es ein schwacher Augenblick gewesen, der mehr zerstörte als gab?

Lautlos trat er näher; wieder dachte er nicht nach, als er sich über Ramin beugte und sachte die weichen Lippen mit seinen berührte. Dann drehte er sich um, verließ die Kajüte und schloss leise die Tür hinter sich. In seiner eigenen Kabine warf er das Ölzeug auf einen Stuhl, sammelte die beiden Grogbecher ein und merkte im Kopf vor, dass er den Schiffsjungen putzen lassen musste. Ramin hatte seinen Grog nicht geleert gehabt, ehe sie übereinander hergefallen waren.

Gemächlich ging er dann über Deck zur Messe hin, um die Becher zurück in Ambros' Obhut zu geben und etwas zu essen. Nein, viel zu essen, er war mächtig hungrig.

*

Ramin schlief tief und fest, bis ihn etwas weckte. Müde blinzelte er in die Dunkelheit seiner Kajüte. Es war ruhig. Er lag alleine in seiner Hängematte, die nun nicht mehr so heftig hin und her schaukelte. Also hatte die See sich beruhigt. Doch was hatte ihn geweckt?

Gähnend kuschelte er sich in die Decke. Im nächsten Moment spürte er ein leichtes Gewicht auf sich und lächelte. Seine Katze war also in seiner Kajüte. Anscheinend hatte sie noch niemand bemerkt. Er hatte sie bei einem der letzten Landgänge an Bord geschmuggelt; so wurden die Ratten im Zaum gehalten und besonders die Lebensmittel geschont. Lächelnd kraulte er die Katze, so dass die schnurrend auf ihm lag.

Er fühlte sich noch immer sehr müde und wurde rot, als er an den Grund dafür dachte. Eine unbedachte Bewegung machte ihm nachdrücklich klar, dass er die nächsten Tage lieber nicht sitzen sollte. Also blieb er liegen, kraulte die Katze und döste langsam wieder weg.


© by Pandorah, ChichiU, Katsumi & Witch23