Stürmische Herzen der Meere
Part 2: Ein Schiffbrüchiger

1.

Als Haydar am nächsten Morgen erwachte, war das erste, was ihm auffiel, dass die Lady so ruhig im Wasser lag, als habe der Sturm am Vortag nicht existiert. Er hörte die vertrauten Geräusche, das Knarren des Holzes, das Rauschen der Segel, das Schlagen kleiner Wellen am Rumpf; von draußen schallten die Rufe der Männer herein. Er hörte ihren gleichmäßigen Singsang und grinste. Schönwetter, in der Tat, die Matrosen sangen beim langweiligen Spleißen von Tauen und Umwickeln der abriebgefährdeten Stellen mit altem Tuch. Offensichtlich war der Bootsmann schon wach und hatte sie angetrieben.

Haydar streckte sich gähnend. Er stand auf, kratzte sich im Schritt und trottete dann zu seiner Waschschüssel. Sie war nicht gefüllt. Ungehalten knurrte er und zog sich ungewaschen und unrasiert an. Ihm stand der Sinn nach einem starken Kaffee, dann würde er den Schiffsjungen umgehend in seine Kabine jagen, um dort klar Schiff zu machen.

Als er an Deck trat, musste er im hellen Sonnenschein blinzeln. Die Luft roch frisch gewaschen, ein leichter Wind ließ die Segel rauschen. Obwohl die Lady unter Vollzeug lief, machten sie nur wenig Fahrt. Ein Blick zum Steuerrad bestätigte ihm, dass Nhel offensichtlich weder tückische Winde, noch gefährliche Strömungen fürchtete; der Hilfssteuermann hielt die Lady auf Kurs.

Haydars Laune hob sich gleich noch einmal, als er Ramin an der Reling stehen sah. Mit energischem Schritt ging er auf seinen Bootsmann zu. Der Anblick des Schiffsjungen lenkte ihn gleich darauf für einen Moment ab. Der Kleine wankte vollbepackt mit Segeltuch an ihm vorbei. Haydar hielt ihn an der Schulter auf.

"Wenn du das weggebracht hast, ab in meine Kajüte mit dir. Dort muss geputzt werden." Dann ging er zu Ramin an die Reling. "Na, Bootsmann, ausgeschlafen?"

Er zwinkerte ihm zu, abgewandt von der Mannschaft, so dass nur Ramin den Blick sehen konnte, der auch prompt leicht errötete. Doch noch ehe der Bootsmann antworten konnte, lenkte erneut etwas Haydars Blick auf sich – etwas, das die gleichmäßige Eintönigkeit des Wassers um die Lady unterbrach. Er blinzelte, kniff die Augen zu Schlitzen zusammen und kletterte flink ein Stück in der Takelage empor, um einen besseren Blick zu bekommen.

Es war ein Balken, und halb daran geklammert, halb darauf lag ein Mann. Auf die Entfernung wirkte er mehr tot als lebendig. Haydar sprang direkt auf Deck, ohne den Umweg über die Wanten zu nehmen.

"Mann über Bord!", rief er laut. "Macht das Beiboot klar. Steuermann, ein Strich Backbord! Holt die Segel runter!"

 

Grade wollte Nhel sich in seine Kajüte begeben, um endlich ein wenig zu schlafen, als er den Ruf des Käpt'ns hörte. Erschrocken rannte er zur Reling und blinzelte in der Morgensonne aufs Meer. Dort trieb tatsächlich ein Mann, und es schien ganz, als ob dieser drohte, von seiner Planke abzurutschen. Nur noch ein Arm war lose um das Holz geschlungen, das Gesicht näherte sich bedrohlich mit jedem Wellenschlag der Wasseroberfläche.

Ohne nachzudenken, schwang Nhel sich über die Reling, mit den Beinen voran. Der Aufprall auf dem Wasser wäre in jeder anderen Position zu hart. Als er eintauchte und das kühle, tiefblaue Meer ihn umfing, dachte er, dass das sicherlich einen ordentlichen Anschiss vom Käpt'n geben würde.

Mit kräftigen Armschlägen kehrte er zur Oberfläche zurück. Ein kurzer Blick brachte Orientierung; hinter ihm ragte die sich entfernende Lady auf, seitlich entdeckte er den Schiffbrüchigen. Schnell schwamm er zu ihm, bevor der Mann ganz abrutschen und versinken konnte. Er war bleich, die Lippen schimmerten bläulich, aber noch atmete er. Nhel umschlang seinen Brustkorb mit einem Arm, um ihn über Wasser halten zu können und suchte Halt am Balken.

Jetzt mussten sie nur noch auf das Beiboot warten. Ein wenig mulmig blickte er zum Gewusel auf dem Schiff, das sich durch seinen Schwung auch mit gerefften Segeln immer weiter entfernte.


Erschrocken sah Ramin ins Meer. Doch bevor er auch nur irgendetwas sagen konnte, sprang schon der Steuermann in die See. Vor sich hinfluchend trieb Ramin die Männer zu größerer Eile an. Diese hatten ihn heute morgen wissend angegrinst, doch er hatte sehr schnell dafür gesorgt, dass alle noch so kleinen Schäden in den Deckplanken ausgebessert wurden und so niemand mehr Zeit für Scherze hatte. Jetzt ließ er ihnen erst recht keine Zeit zum Atmen.

Die Halterung eines Beiboots wurde mit Winden über die Reling gehievt und das Boot zu Wasser gelassen. Wer bisher noch unter Deck gewesen war, war durch die Rufe aufmerksam gemacht nach oben gekommen, so dass Ramin inmitten der Crew an der Reling stand und gespannt mitverfolgte, wie die Männer zu Nhel und dem Schiffbrüchigen hinruderten. Die beiden wurden aus dem Wasser und in Sicherheit gezogen, ehe die Männer mit doppelter Kraft hinter der Lady herruderten, die einen gemächlichen Bogen beschrieb, um dem kleinen Boot nicht davonzusegeln.

Man warf Strickleitern hinab, um die Männer wieder an Deck zu lassen, bevor das Boot und mit ihm der bewusstlose Schiffbrüchige nach oben gezogen wurde. Ramin sah Nhel finster an, als dieser behände an Bord turnte. Konnte der Kerl nicht einfach warten?


Noch während die Matrosen damit beschäftigt waren, den Schiffbrüchigen zu bergen, hatte Silver seine Arzttasche aus der Kajüte geholt. Er war gut ausgerüstet; der Käpt'n sorgte grundsätzlich dafür, dass nicht nur die gewinnbringende Fracht eines Schiffes geplündert wurde. Natürlich wurde auch jede Sigille mitgenommen, derer man habhaft werden konnte, erleichterten und bereicherten die kleinen, magischen Steine und Amulette das Leben an Bord doch ungemein – darunter waren auch einige gewesen, für die jeder Arzt ein beliebiges Körperteil gegeben hätte. Darüber hinaus wurde jedoch alles mitgenommen, was man sonst noch brauchen konnte, ohne die Mannschaft zum Tod zu verdammen. Silver konnte neben seinen besonderen Sigille auf eine beachtliche Auswahl an Medizin und chirurgischem Gerät zurückgreifen, an die er unter normalen Umständen nicht oder nur sehr schwer gekommen wäre.

Die Männer luden den Schiffbrüchigen aus und machten Silver Platz, ohne dass dieser etwas sagen musste. Er kniete bei dem Mann nieder und überflog ihn mit einem Blick, um einen ersten Eindruck zu gewinnen. Ein ungewöhnlich großer Mann; Silver schätzte, dass er sogar Ambros noch ein Stück überragte. Die zerfetzte Hose und das nicht minder löchrige Hemd ließen ihn die Brauen heben. Entweder kam der Mann von einem Kahn, der so löchrig war wie seine Kleidung oder er war ein Gefangener gewesen.

Routiniert untersuchte Silver ihn. Überraschenderweise war er in einem guten Zustand; er hatte alle Zähne und keine sichtbaren Mangelerscheinungen. Also doch kein verlotterter Kahn. Dann fiel Silver das Brandmal auf dem rechten Unterarm auf. Es war frisch, noch nicht einmal richtig verheilt. Rot leuchtete ihm ein P entgegen. Silver lächelte schmal. Offensichtlich hatte der Mann Glück gehabt, als er über Bord gegangen war. Man hatte ihn als Pirat gekennzeichnet, und darauf stand meistens Zwangsarbeit mit Todesfolge oder gleich der Tod.


Zornig zog Haydar seinen tropfnassen Steuermann beiseite, während der Doc den Schiffbrüchigen untersuchte. Für einen Moment hatte er befürchtet, den unvorsichtigen Kerl an die See verloren zu haben. Die meisten seiner Männer konnten nicht schwimmen, und auch wenn Nhel nicht dazu gehörte, war es dennoch eine grobe Unvorsichtigkeit, sich so in Gefahr zu bringen. Besonders, da sie ohnehin schon mit der Rettung begonnen hatten.

"Das wird ein Nachspiel haben, Nhel", knurrte er zornig. "Diese Alleingänge bringen nicht nur dich, sondern auch die Lady in Gefahr. Ich kann auf hoher See nicht auf meinen Steuermann verzichten."

Ruppig stieß er ihn von sich und stapfte zurück, um einen näheren Blick auf den Schiffbrüchigen zu werfen. In dem Moment drehte der Doc dessen Unterarm, so dass deutlich ein rotes P zu sehen war. Überrascht hob Haydar die Brauen. Dann lachte er. "Männer, wir sind in schlechter Gesellschaft. Der Kerl ist ein Pirat! Was sollen wir nur mit ihm anstellen?"

Gelächter brandete auf.

Grinsend hockte Haydar bei Silver nieder. "Wie sieht es aus mit ihm, Doc?"

Das hellgraue, gesunde Auge des Arztes erwiderte seinen Blick ausdruckslos. "Unterkühlt und erschöpft, aber ansonsten in Ordnung, Käpt'n."

Haydar nickte zufrieden und erhob sich mit einem letzten Blick auf den Mann wieder. Er war schon jetzt neugierig darauf, was der Schiffbrüchige zu erzählen hatte. "Dann bekommt Ihr ihn mit Leichtigkeit wieder auf die Beine, Silver."


Der Untergrund war hart, das Schwanken vertraut. Torben spürte Holz unter sich, warmes raues Holz. Ein Schiffsdeck. Trotzdem war ihm kalt. Und er war müde. Endlos müde. Ein Beben erfasste seinen Körper, das nicht enden wollte. Hände berührten ihn. Hände? War es der blauhaarige Meermann, der ihm wie im Traum erschienen war?

Er blinzelte, sah gleißendes Licht und darin ein schmales, markantes Gesicht; ein eisgraues Auge erwiderte seinen Blick.

"Willkommen an Bord", sagte eine nüchterne Stimme.

Torben wollte antworten, Erleichterung erfüllte ihn. Er war gerettet oder tot. Doch noch ehe er etwas sagen konnte, driftete sein Bewusstsein wieder davon.


Haydar wollte gerade anordnen, den Schiffbrüchigen unter Deck in die Mannschaftsräume zu tragen, als ihm eine interessante Idee für Nhels Strafe kam. Ein kühles Grinsen glitt über sein Gesicht.

"Doc, lasst den Mann in Nhels Kajüte unterbringen, bis er gesund ist. Mein tapferer Steuermann war so erpicht darauf, ihn aus dem Wasser zu ziehen, dass es ihn bestimmt mit Freude erfüllt, seine Kajüte zu teilen. Vielleicht überlegt er es sich dann beim nächsten Mal besser." Er schoss Nhel einen finsteren Blick zu, der ihn eisig verwarnte, jetzt zu protestieren und sagte leiser und nur für ihn zu verstehen: "Wenn du dich umbringen willst, tu das im Hafen und nicht auf hoher See, dann finde ich wenigstens schnell Ersatz."

Es war nicht so harsch gemeint, aber er war noch immer verärgert. Lauter rief er: "Die Schau ist vorüber! An die Arbeit, Männer! Wenn ihr keine habt, mache ich euch welche. Segel hissen, volle Fahrt!"

Ramin blies einen kurzen Befehl in die Bootsmannspfeife, und die Matrosen kletterten in die Wanten. Der Schiffbrüchige brachte Gesprächsstoff, aber die Lady musste trotzdem versorgt werden. Noch immer ungehalten über Nhel stapfte Haydar in Richtung Kombüse davon. Kaffee erschien ihm nun noch mehr wie ein guter Plan, auch gegen seine üble Laune.

Auf dem Weg zur Messe beorderte er einen Mann ins Krähennest, damit dieser Ausschau nach anderen Überlebenden hielt, einen anderen schickte er zum Hilfssteuermann, um den Befehl zu geben, dass sie kreuzen würden. Er stieg die steile Treppe hinab, durchquerte die Mannschaftsräume und betrat die Messe. Ambros hatte wie üblich dafür gesorgt, dass Kaffee bereitstand. Eine Sigille, in der die Magie für Hitze gespeichert war, hielt ihn warm, knapp über Trinktemperatur. Haydar nahm sich eine Tasse und zog sich damit auf eine Bank in seine gewohnte Ecke zurück.

Gedankenlos trank er einen Schluck und schmeckte eine Ahnung von Zimt. Ein zweiter enthüllte Kardamom und eine Note, die Haydar nicht einordnen konnte. Es war nicht einfach nur Kaffee, Ambros hatte Gewürzkaffee aufgesetzt. Stark, schwer und beinahe cremig. Haydar spürte, wie er sich entspannte, als Erinnerungen aus einem lange zurückliegenden Leben am Rande seines Bewusstseins vorbei drifteten.

Vor seinem inneren Auge sah er Nhel wieder springen und spürte beinahe den gleichen Schreck, den er in dem Moment empfunden hatte. Haydar war nicht sonderlich empfindlich, wenn es um das Wohlergehen anderer ging, das brachte das Leben eines Pirats mit sich, aber wehe, es handelte sich um seine eigene Mannschaft! Nicht, dass er übermäßig sanftmütig war, auch seine Männer mussten etwas vertragen können. Pirat zu sein war nicht die Arbeit eines Zuckerbäckers. Doch die See konnte grausam sein, drei Viertel seiner Leute konnte nicht schwimmen; als er Nhel hatte untergehen sehen... Die Bilder, die ihm gekommen waren, waren nicht schön gewesen.

Und schwimmen oder nicht, wer wusste schon, was unter der trügerischen Oberfläche des Ozeans lauerte? Man hörte genug von Riesenhaien, Drachen und Monsterkraken, auch wenn Haydar selbst noch keine gesehen hatte. Das hieß nicht, dass es sie nicht gab. Den Klabautermann der Lady hatte er schließlich auch noch nie zu Gesicht bekommen, aber jeder vernünftige Seemann würde sich hüten, diesen guten Schiffsgeist zu verärgern.

Haydar trank den Kaffee aus und schmeckte genüsslich dem Zimt hinterher. War das der Geschmack von Kakaobohnen ganz hinten? Seine Laune besserte sich langsam wieder. Nhel hatte Strafe verdient, der Mann tat noch immer viel zu viel, ohne sich abzusprechen. Dinge vor allem, die ihn in Gefahr brachten. Die Idee, den Fremden bei ihm in der Kajüte unterzubringen, war gut. Besser auf jeden Fall als die Neunschwänzige für diesen närrischen Alleingang. Die hing ohnehin nur noch zu Dekoration in seinen Räumen. Auf der Lady fuhr eine bizarre Mannschaft, und sie hatte anderes zusammengeschweißt als Angst vor dem Käpt'n. Haydar war stolz auf seine Jungs, auch wenn man das selten von ihm hörte.

Nach einer zweiten Tasse Kaffee beschloss er, dass er sich seiner Arbeit stellen konnte. Er streckte sich, stand auf und kehrte an Deck zurück, wo er sich nahe beim Bootsmann an die Reling lehnte.

*

Ambros nutzte das schöne Wetter, um alle Luken aufzumachen und für Klarschiff in der Kombüse zu sorgen, da er momentan alle Vorbereitungen abgeschlossen hatte. Das Chili con Carne musste jetzt nur noch hin und wieder umgerührt werden; der Kaffee wurde warmgehalten. Daher machte er sich an die Arbeit. Den Tumult an Deck konnte er getrost vergessen, denn falls er gebraucht wurde – was eher selten der Fall war – würde man ihn rufen.

Als er zum Wasserholen aus der Kombüse trat, sah er, dass ein Mann geborgen wurde. Über die Köpfe der Männer hinweg beobachtete er, wie man Silver Raum machte. Es hatte Vorteile, so groß zu sein. 'Hm, scheint wohl ein Schiff weniger gut weggekommen zu sein bei dem Sturm...' Das ewige Risiko auf See.

Aber das Leben an Bord hat Ambros seit dem erstem Tag an so sehr genossen wie nichts zuvor, und trotz des immer währenden Risikos würde er das nur ungern wieder aufgeben. Auch auf dem Festland gab es Gefahren. Er lächelt vor sich hin, während er das Wasser hochzog; dann wandte er der Szene den Rücken und kehrte zurück in die Kombüse. Er rührte einmal das Chili um und machte sich ans Wischen.

Silver brachte seine Tasche zurück an ihren festen Platz in seiner Kajüte. Ordnung musste sein, im Notfall wollte er nichts suchen müssen. Er beschloss, nach Ambros zu sehen – der Smutje mochte noch so verträumt sein, es konnte aber kaum möglich sein, dass er nichts von dem Schiffbrüchigen mitbekommen hatte. Und die Männer nahmen gewöhnlich jede Ablenkung vom manchmal recht eintönigen Alltag auf See voller Begeisterung auf. Trotzdem hatte sich Ambros nicht blicken lassen. Vielleicht ging es ihm nicht gut? Obwohl, bei dem Smut konnte der Mangel an Interesse auch andere Ursachen haben. Neue Gewürze, Versunkenheit in seine Töpfe... bei dem wusste man nie.

Er hörte Rumoren von nebenan. Es klang nicht nach Kochen. Silver überquerte mit wenigen Schritten den winzigen Gang und zog die Tür zur Kombüse auf. Unglaublich, aber wahr – Ambros war am Wischen, als gäbe es nichts Interessanteres auf der Welt. Wenn der Mann etwas tat, dann richtig.

Ohne sich bemerkbar zu machen, beobachtete Silver ihn. Schlank war er, mit geschmeidigen Muskeln, die er bei den großen Töpfen und der ewig hungrigen Mannschaft auch brauchte. Und verdammt groß, doch er hatte gelernt, seine Größe einzuschätzen. Manchmal war Ambros etwas unbeholfen, aber in seiner Kombüse bewegte er sich mit traumwandlerischer Sicherheit. In der Zeit, in der Silver an Bord war, hatte er zwar auch Ambros schon einmal verarzten müssen, aber nicht wegen einer Verletzung, die er sich in der Küche zugefügt hätte. Da schien es nichts zu geben, was ihm gefährlich werden konnte, trotz scharfer Messer, Feuer und hohem Seegang.

Wenn Silver ein Wort hätte wählen müssen, um ihn zu beschreiben, hätte er Gold genommen, besonders jetzt, während die Sonnenstrahlen durch die offenen Fenster hereinfielen. Sie ließen sein Haar schimmern, und auch seine Haut war golden getönt. Unwillkürlich lächelte Silver.

Ambros arbeite sich zielstrebig durch die Kombüse; erst als er zur Flurtür kam, bemerkte er aus dem Augenwinkel heraus, dass dort jemand stand. Er richtete sich auf. Es war der Doc, der ihn mit einem seltsamen Blick ansah. Einen Moment schaute er einfach nur zurück, bis ihm der Schiffbrüchige wieder in den Sinn kam. "Geht es dem Mann gut?"

Ambros' Augen waren dunkelblau; es war das erste Mal, dass Silver die Farbe bewusst wahrnahm. Ein kühler Kontrast zu all dem Gold.

"Er wird es überstehen", antwortete er ruhig. "Du warst nicht draußen." Nur eine Feststellung, aber gleichzeitig auch die Frage, ob es einen Grund dafür gab

"Das war ich schon, nur ist es nicht gerade so, dass man den Smutje ruft, wenn man einen Schiffbrüchigen an Bord zieht", antwortete Ambros mit einem Lächeln und einer Geste zu dem Mopp. "Außerdem wollte ich das schöne Wetter nutzen." Er wollte sich wieder dem Wischen zuwenden, doch Silver hatte sich nicht gerührt. "Ist sonst noch irgendwas?"

Mit verschränkten Armen lehnte sich Silver gegen den Türrahmen. In seiner ersten Zeit an Bord hatte ihn Ambros' Naivität genervt. Dann hatte er sie für ein Spiel gehalten, das der Smutje in Perfektion beherrschte. Es hatte bewirkt, dass er sie als noch viel nervtötender empfand. Nach acht Monaten Bordleben Tür an Tür mit der Kombüse wusste er jedoch, dass Ambros tatsächlich so unschuldig war, wie er immer tat.

Wie er sich diese Naivität bewahrt hatte, war ein Rätsel. Ein Rätsel, das Silver zu faszinieren begann. Er hatte schon immer eine Vorliebe für das Geheimnisvolle gehabt. Vielleicht war das mit ein Grund, warum er sich an Bord der Lady Chaos so wohl fühlte. Fast jeder hier hatte etwas zu verbergen, ihn eingeschlossen. Diese Puzzle zusammen zu setzen und das Bild dahinter zu entdecken, machte eine gewisse Freude. Bei Ambros war jedoch Subtilität vollkommen fehl am Platz. "Hast du außer der Küche eine Leidenschaft?"

Die Frage überrumpelte Ambros ein wenig, so dass er sich wieder Silver zuwandte. "Na ja", sagte er gedehnt, während er sich mit der rechten Hand über den Nacken fuhr. "Die Seefahrt würde ich sage, da ich mich an Bord eines Schiffes einfach wohl fühle und das, obwohl es nicht der ungefährlichste Ort zum Leben ist." An Bord eines Piratenschiffes erst recht nicht. Er errötet leicht und lächelte verlegen.

Silver musterte Ambros aus seinem gesunden Auge, ohne zu blinzeln. Gold mit Rot ergab auf Ambros' Wangen einen netten Kupferton. "Warum kein Handelsschiff? Warum die Lady?"

Ambros wurde richtig rot, als er daran dachte, wieso er auf der Lady gelandet war, antwortete dann aber mit einem Schulterzucken: "Weil mir nicht aufgefallen war, dass die Lady kein Handelsschiff ist."

Silver trat ein Stück näher an den großen Mann heran und sah zu ihm auf. "Angenommen, das stimmt", und er zweifelte nicht daran, aber das musste er Ambros nicht sagen, "warum bist du hier geblieben, als du es herausgefunden hast?"

Ambros merkte, wie sich sein Puls beschleunigte. Es war einfach ungewöhnlich, den sonst eher schweigsamen Silver so viel reden zu hören, dachte er bei sich und brachte mit einem schrägen, leicht gequälten Lächeln nur ein heiseres "Weil ich mich hier wohl fühle" zustande. Dabei schaute er Silver in sein eines Auge.

Silver wollte weiterbohren, ob es die Gewissensbisse waren, die den Smutje erröten ließen, weil es sich eigentlich nicht mit seinen Wertvorstellungen vertrug, Piraten anzugehören. Er wollte Ambros' Gefühlswelt sezieren, wie man eine Leiche sezierte, um herauszufinden, wie der Mensch von innen aussah. Doch der Blick aus den blauen Augen des Smutjes ließ ihn innehalten. Das war Ambros, der vor ihm stand, nicht irgendjemand.

Schweigend sah er ihn eine lange Zeit an, während sich die Gesichtsfarbe des Mannes noch verdunkelte, als würde er ihn anklagen. Silver hob die Hand, berührte Ambros' Wange. Sie war heiß, wie erwartet.

"Ich bin froh, dass es dir hier gefällt", sagte er schlicht.

Die Berührung kam unerwartet und war angenehm kalt an seiner Haut, wodurch Ambros erst bewusst wurde, wie rot er sein musste. Aber anstatt dass ihm dadurch zumindest kühler wurde, hatte er das Gefühl, gleich zu verglühen. Regungslos verharrte er einen Moment lang. Erst, als ihm klar wurde, dass Silver die Hand nicht wegziehen würde, wich er einen Schritt zurück; sein Puls schien nur so davonzurasen.

'Was ist nur mit mir los?', dachte er noch, als er auch schon über den Mob stolperte, der noch hinter ihm stand.

Silver hatte das zweifelhafte Vergnügen, einer Premiere beiwohnen zu dürfen, als der Smut stolperte. Rasch machte er einen Schritt nach vorne und fing Ambros' Taumeln ab. Gesundheitsvorsorge gehörte mit in das Aufgabengebiet eines Arztes; es war besser, eine Platzwunde zu verhindern, als sie anschließend zu nähen. Er schob den Mopp mit dem Fuß beiseite und drängte Ambros dann energisch, sich zu setzen. Regte den Smut das Thema Piraten im Geheimen tatsächlich so auf? Oder war es etwas anderes, das den Mann so verwirrte – vielleicht gar er selbst?

Silver hatte noch nie ein Problem damit gehabt, jemand Willigen für sein Bett zu finden. Er war keine Schönheit, aber unansehnlich war er auch nicht. Eine so heftige Reaktion war ihm jedoch neu; so reagierten keusche Maiden, wenn ihnen der Mann ihres kitschigen Herzens einen zu tiefen Blick zuwarf, aber kein Mann, kein Pirat. Erst recht nicht wegen ihm. Und bestimmt nicht der verträumte Ambros. Vor diesem konnten zwei Männer in wilder Leidenschaft übereinander herfallen, und der Smutje fragte bestimmt erst einmal verwirrt, warum sie miteinander rangen.

"Fühlst du dich nicht gut?" Silver legte Ambros zwei Finger an den Hals, tastete nach dem Puls. Ambros' Herz raste, er spürte das Pulsieren unter den Fingerkuppen.

"Ich weiß es nicht." Ambros war völlig verwirrt und schaute zum Gesicht des Docs. Dessen Fragen, damit hat das ganze angefangen. Aber das konnte doch nicht wirklich der Grund sein, warum Ambros hier jetzt mit hochrotem Kopf saß und gerade beinahe der Länge nach in der Kombüse gelegen hätte. Seine Gedanken driften ab. Mit der Tatsache, dass er unter Piraten gelebt hatte, ohne es zu merken, kam er mittlerweile klar; nur eben dass er es nicht bemerkt hatte, machte ihm nach wie vor ein wenig zu schaffen.

Er erinnerte sich nur zu gut daran, wie der Käpt'n gelacht hatte, nachdem Ambros – als er die Identität der Lady schließlich aufgedeckt hatte – zu ihm gegangen war mit seiner Frage, warum sie unbedingt als Piraten übers Meer fahren mussten. Die Antwort war recht typisch für den Käpt'n. 'Weil es mir gefällt.' Ihm war freigestellt worden, im nächsten Hafen von Bord zu gehen. Doch er hatte es nicht getan; es ging ihm hier so gut wie bisher nirgends, er fühlte sich in keiner Weise eingeengt oder zu etwas gezwungen. So hatte er beschlossen, erst einmal zu bleiben; sollte es ihm irgendwann einmal nicht mehr gefallen, konnte er immer noch von Bord gehen. Doch von Tag zu Tag wurde das unwahrscheinlicher.

Als er an die ganze Geschichte zurückdachte, musste er plötzlich lächeln; das war ja auch zu einfältig gewesen, so etwas nicht zu merken.

Das Lächeln war hübsch und brachte Silver dazu, es zu erwidern. "Dann wird es eine ganz simple Medizin gegen dein Unbehagen geben", sagte er. "Manchmal verschlimmern sich die Symptome durch Arznei jedoch erst einmal, ehe sie besser werden. Sei gewarnt."

Dann küsste er ihn. Weich, mit geschlossenem Mund und nur für einen Atemzug. "Kleine Dosierung", sagte er danach leise direkt bei Ambros' Ohr. "Wenn du mehr brauchst, sag mir Bescheid." Er drückte ihm die Schulter und verließ überraschend gut gelaunt die Kombüse.

Ambros saß vollkommen verwirrt da und schaut mit aufgerissenen Augen in die Richtung, in der Doc Silver gerade verschwunden war. Ihm war tatsächlich noch heißer geworden; als Silver ihm ins Ohr geflüstert hatte, war er sogar so rot geworden, dass er meinte zu glühen.

Nur langsam merkte er, dass sich sein Zustand wieder zu normalisieren schien; er strich sich einmal mit dem Finger über die Lippen und dachte kurz, dass sich die Berührung gut angefühlt hatte. Als er dann nach einer langen weiteren Weile den Blick schweifen ließ, fiel ihm der Mopp auf und damit kam die Erinnerung, dass er ja noch zu tun hatte.

Er stand auf, schaute erst einmal nach dem Essen und begann dann, den Rest der Kombüse zu wischen. Diesmal kam ihm aber öfter der Kuss in die Gedanken, so dass er erst merkte, dass er mit der Arbeit fertig war, als er beinahe über die Schwelle zur Kombüse gefallen wäre. Es wurde nur dadurch verhindert, da er ja vornüber gebeugt am Wischen war. 'Das ist doch nicht normal; zweimal am Tag stolpere ich über meine eigenen Füße!'

Kopfschüttelnd nahm er den Eimer auf, schüttete das Dreckwasser über Bord und verstaute Eimer und Mopp. Dann vergewisserte er sich, dass das Essen nicht anbrennen konnte und ging an Deck, um sich den Wind um die Nase wehen zu lassen. An eine Stelle der Reling gelehnt, wo er nicht im Weg stehen würde, schaute er aufs Meer und versuchte, wieder zu klaren Gedanken zu kommen. Doch immer wieder kam ihm der Kuss in die Quere, wodurch er nicht wirklich zur Ruhe fand.

*

Nhel versuchte, den Käpt'n möglichst mit seinen Blicken zu erdolchen. Er war, im Gegensatz zum Käpt'n, durchaus der Meinung, dass er ersetzbar war. Der Käpt'n konnte besser als er mit Kompass, Sextant und allen anderen Instrumenten umgehen, die für die Ortsbestimmung und Kursberechnung notwendig waren und gab selbst einen guten Steuermann ab.

Wütend beobachtete Nhel, wie zwei Matrosen den Schiffbrüchigen unter Deck trugen und folgte ihnen zwangsläufig. Als er hinter ihnen durch die Tür in seine Kajüte trat, blieb er zornig stehen. Die beiden hatten diesen großen und sehr nassen Mann einfach auf sein Bett gelegt. Einer der beiden schnitt eine entschuldigende Grimasse, als er ihm Platz machten, der andere grinste.

Nhel verpasste den beiden ein paar giftige Blicke, knallte die Tür zu, nachdem sie es mit einem Mal sehr eilig hatten, die Kajüte zu verlassen, und versperrte diese, um endlich Ruhe zu haben. Angestrengt wischte er sich das Wasser aus dem Gesicht und beschloss, sich erstmal von seinen nassen Sachen zu befreien. Als er sich trockengerubbelte hatte, suchte er nach ein paar Decken, die er am Boden als Schlaflager nutzen konnte. Die Hängematte schätzte er nicht sonderlich.

Nach einem kurzen, grummeligen Blick zu seinem Bett nahm er eine der Decken und legte sie über den bewusstlosen Mann. Dann machte er es sich auf dem Boden gemütlich und kuschelte sich nackt wie immer in sein provisorisches Nest; er besaß kein Schlafzeug, meist segelten sie in warmen Gewässern, die Schlafzeug überflüssig machten. Erschöpft schlief er schließlich ein.

Torben ertrank. Es war kein schlimmer Tod, eher ein sanftes Hinweggleiten in warmem Wasser, das ihn weich umfing. Tiefes Blau hüllte ihn ein, endlose Ruhe. Dann erschien ein Gesicht, bleich gegen das dunkle Wasser, geisterhaft. Neptun oder Poseidon, wie auch immer der Gott des Meeres genannt wurde. Dessen war Torben sich sicher. Doch als das Gesicht näher kam, schrumpfte es. Blaues Haar umwehte es, goldene Augen leuchteten wie Sonnen. Ein Meermann, der nach ihm griff, ihn sicher hielt und zur Oberfläche trug, statt ihn weiter in die Tiefe zu ziehen. Dann kam die Sonne ganz zurück.

Torben öffnete die Augen. Er lag auf einem Bett, über sich die Holzdecke eines niedrigen Raumes statt des blauen Himmels. Ihn umfing Luft, kein Wasser, und ihm war noch immer warm. Eine andere Erinnerung drängte sich vor, an eine nüchterne Stimme, die ihn an Bord willkommen geheißen hatte.

Torben lachte leise auf. Natürlich war der Meermann ein Traum. Aber er selbst lebte. Erstaunt hob er die Hände und hielt sie sich vor das Gesicht. Sie waren ungewöhnlich sauber von all dem Meerwasser, in dem er um sein Leben gekämpft hatte; die Narbe war unschön rot und leider auch noch vorhanden. Trotzdem hatten ihn seine Retter weder zurück in die See geworfen, noch ihn auf der Stelle erschossen. Lady Fortuna war ihm noch immer hold.

Vorsichtig streckte Torben seinen langen, kräftigen Körper und überzeugte sich, dass er noch alle Gliedmaßen hatte. Dann setzte er sich auf. Die Kajüte, in der er sich befand, war recht groß, offensichtlich die eines Offiziers. Neugierig sah er sich um. Der Raum war ein wenig größer als sein alter und nicht viel aufwändiger eingerichtet. Eine Seekiste stand der Ecke gegenüber des Betts, auf dem er lag. Unter einem kleinen Fenster befand sich ein Schreibtisch, darüber hing eine Karte. Torben bemühte sich gar nicht erst, die Schrift darauf zu entziffern. Lesen fiel ihm zu schwer, als dass er es aus Neugierde oder gar nebenbei getan hätte.

An der Wand neben dem Tisch schaukelte sacht eine leere Hängematte. Torben blinzelte, als er den Mann darunter bemerkte, auf dem Boden liegend, eingehüllt in Decken. Das Haar, das wild unter den Decken hervor sah, war blau. Blau wie die See an einem kalten Wintertag.

"Bei Neptuns Dreizack!", fluchte er überrascht in Deutsch, seiner Muttersprache.

Nhel träumte, wie ihn der Käpt'n wütend anbrüllte und seine Neunschwänzige hin und her schwang. Aus irgendeinem Grund spuckte er Feuer.

Ein ungewohntes Geräusch weckte ihn. Etwas ungelenk und verschlafen richtete Nhel sich auf. Sein Haar hatte sich aus dem Haarband befreit, fiel ihm zerzaust über die Schultern und war im Weg. Verschlafen blinzelte er ein paar Mal und überlegte, warum er auf dem Boden geschlafen hatte, als ihn die Ereignisse des Morgen einholten. Verstimmt sah er zu seinem Bett und war überrascht, dass sein ungebetener Gast bereits wach war.

"Moment." Knapp nickte Nhel ihm zu und stand auf. Er ging zu seiner Waschschüssel, in der noch ein Rest Wasser den Sturm überstanden hatte und wusch sich schnell und unkompliziert. Eine gute Methode, um wach zu werden. Anschließend wühlte er in seiner Truhe nach einer Hose, weil ihm seine Nacktheit etwas unangenehm war. Um davon abzulenken fragte er über die Schulter hinweg: "Hast du Hunger?" Nach einem Blick auf das löchrige Hemd des Mannes stellte er etwas freundlicher fest: "Und etwas zum Anziehen brauchst du auch." Kurz streifte er das Gesicht des Mannes und bemerkte, dass dieser überraschend blaue Augen hatte.

Torben starrte; er konnte nicht anders. Noch nie hatte er einen Mann mit blauem Haar gesehen. Und als sei das so nicht schon auffällig genug, floss es schwer und glatt bis zum Hintern hinab. Einem netter, fester Hintern, wie ein Teil seines Verstandes gleich bemerkte. Überhaupt war der Mann auffallend hübsch; schlank mit genau der richtigen Menge angedeuteter Muskeln, die erahnen ließen, dass er stärker sein mochte, als seine Statur verriet. Der Mann bückte sich über die Truhe, das Haar glitt wie eine Woge an seinem Körper entlang, aber berührte den Boden nicht. Torben bekam noch mehr von dem Hintern zu sehen und zwischen den Beinen hindurch einen dezenten Blick auf das Gemächt. Auch hier war das wenige Haar blau.

Torben war kein Mann, der leicht errötete, aber er wandte dennoch den Blick ab, gerade noch rechtzeitig, denn der Mann drehte sich zu ihm um. Die Augen kamen ebenfalls direkt aus Torbens Traum, bernsteinfarben, wenngleich sie auch kein eigenes Licht aussandten. Aber nahe genug waren sie an Sonnen, um ihn zu erkennen.

"Du bist der Meermann, der mich gerettet hat!" Unvermittelt grinste Torben, als er feststellte, dass sein Traum in gewisser Hinsicht der Wirklichkeit entsprang.

"Äh…" Nhel blinzelte überrascht und lächelte, schnitt dann aber etwas unbehaglich eine Grimasse. "Ja, und genau deswegen schläfst du für die nächste Zeit in meiner Kajüte." Um etwas zu tun zu haben, weil ihn der Blick aus diesen blauen Augen ein wenig nervös machte, ging er zu seinem Schreibtisch, um aus einer Schublade einen der Haferkekse zu fischen, die er manchmal dort lagerte. Ungefragt schmiss er einen davon dem großen Mann zu, der ihn geschickt auffing.

"Wie ist dein Name? Und was ist passiert?", fragte er direkt, setzte sich auf seinen Stuhl und beobachtete ihn interessiert.

Torben hatte Hunger, das merkte er erst jetzt. Er nahm sofort einen großen Bissen des harten Gebäcks. Lautstark verlangte sein Magen nach mehr, aber das konnte warten. Die Worte des blauhaarigen Mannes über seinen Schlafplatz machten keinen Sinn, vielleicht war sein eigenes Gehirn noch zu sehr in Seewasser getränkt. Die Frage lenkte ihn auch gleich davon ab. Auf einen Schlag kehrten die Erinnerungen alle zurück.

Der Kampf mit den Piraten. Der Zustand der Claas Clasen, die danach mehr einem Wrack als einem stolzen Kriegsschiff geglichen hatte; die Wut der Offiziere, weil einer von ihnen in einem der Piraten Torbens Liebchen aus dem letzten Hafen erkannt hatte. Der Prozess, in dessen Verlauf Torben ebenfalls der Piraterie angeklagt und für schuldig befunden worden war, ohne dass es ihm möglich gewesen war, seine Unschuld zu beweisen. Die Prügelstrafe, die kleine Zelle, dann der Sturm. Trotz allem wünschte Torben seinen ehemaligen Kameraden, seinen Freunden nicht den Tod.

"Ich bin Torben. Gibt es außer mir noch andere, die gerettet worden sind?", fragte er angespannt.

Nhel grinste, als er sah, wie der andere Mann den Keks hungrig verschlang. "Nein, außer dir haben wir niemanden gefunden." Einer plötzlichen Idee folgend sprang er auf. "Warte kurz, ich bin gleich wieder da."

Niemand. Torben starrte blicklos dem Meermann hinterher, als dieser die Kajüte verließ. Der Schiffsrumpf war geborsten, daran erinnerte er sich noch. Dann gab es nur noch Bruchstücke in seinem Kopf. Wellen, Wasser, Atemnot. Der Balken, an den er sich verzweifelt geklammert hatte. Torben konnte wie die meisten Seeleute nicht schwimmen. Im Grunde war das auch besser, dann war der Todeskampf schneller vorbei, wenn man von Bord fiel. Aber nicht bei ihm; er war gerettet worden.

Eilig lief Nhel zur Kombüse, um etwas Essen zu schnorren. Mit einem Teller Chili, den Ambros ihm nach einem kleinen Hinweis auf den verschmachteten Schiffbrüchigen gerne gab, kehrte er hastig in seine Kajüte zurück, da er dem Käpt'n nicht über den Weg laufen wollte.

"Wohl bekommt 's", grinste er, als er Torben den Teller überreichte und beobachtete, wie dieser sich über das Essen hermachte. Das gab Nhel die Gelegenheit, ihn unbemerkt näher zu betrachten. Sehr groß war er, sogar größer als der Käpt'n und kräftig gebaut. Die blauen Augen richteten sich auf ihn, und er hatte das Gefühl, durch sie hindurch auf das Meer zu blicken. Trotz der Lumpen war der Mann durchaus attraktiv. Das konnte anstrengend werden, dachte er amüsiert.

Torben starrte noch immer, als der Mann zurückkehrte und ihn mit seinen Sonnenaugen anlachte. Es war wie ein Lichtstrahl, der ihn sich daran erinnern ließ, dass die Rettungsbote bei dem Kampf mit den Piraten nicht beschädigt worden waren. Die Männer hatten sich bestimmt retten können. Zudem kam mit dem Meermann ein unglaublich verlockender Duft von würzigem Essen in den Raum. Als ihm die Schale übergeben wurde, konnte Torben einige Zeit lang weder reden, noch denken, sondern war nur dabei, das leckerste Chili der Welt in sich hinein zu schaufeln.

"Danke." Er seufzte zufrieden auf, als er die leere Schale endlich senkte. Gleich sah die Welt noch einmal schöner aus. Er war satt, trocken und sicher. "Wo bin ich? Wie heißt du?"

"Ich werde dem Smutje ausrichten, dass es dir geschmeckt hat", lachte Nhel. Sein Blick streifte die Seekarte auf dem Tisch, bevor er antwortete: "Du bist hier an Bord der Lady Chaos. Du hast somit nichts von der Marine zu befürchten, die Lady ist ein durchaus wehrhaftes Schiff." Er zwinkerte Torben zu. "Wie kam es dazu, dass sie dich schnappten?", fragte er dann mit einem Mal ernst und deutete mit dem Kopf auf das Brandzeichen. "Haben sie euer Schiff angegriffen?"

Unwillkürlich legte Torben die linke Hand über das rote Mal. Doch als er den Namen des Schiffes hörte, vergaß er das Zeichen. Die Lady Chaos! Man erzählte sich die übelsten Gerüchte über sie und ihren teuflischen Kapitän. Aber zum einen wusste Torben, wie Gerüchte wuchern konnten, und zum anderen fand er es eher erfreulich denn erschreckend, mit Männern zu schlafen – die Furcht davor, als unmännlich zu gelten, machte einen großen Teil der Schrecken und des mitunter wohligen Schauers aus, den Männer empfanden, wenn sie von Käpt'n Chaos sprachen.

Dennoch sah er seinen Meermann ratlos an. Was sollte er denn darauf antworten? Die Wahrheit? Vielleicht hatten sie ihn nur gerettet, weil sie gedacht hatten, er sei einer von ihnen. Wer war er denn jetzt überhaupt? Ein Niemand im Niemandsland. Er war kein Pirat, aber zurück in sein Leben konnte er auch nicht mehr. Wer würde an seine Unschuld glauben, wenn es nicht einmal seine eigenen Kameraden getan hatten?

"Der Angriff ging von den Piraten aus", sagte er nach einem langen Moment des Zögerns. "Leider hat der Offizier meines Schiffes einen Freund von mir unter ihnen erkannt. Das hat er mir übel genommen. Doppelt." Er sah seinen Meermann an und grinste schief. "Das nenne ich Ironie. Meine Mannschaft verdammt mich und die verdammten Piraten retten mich."

Überrascht blinzelte Nhel. "Du bist kein Pirat, warst bei der Marine und hattest einen Piratenfreund?", fasste er etwas verwirrt zusammen. "Was willst du jetzt tun? Wir können dich an Land lassen, sobald wir in einem Hafen anlegen. Wahrscheinlich wirst du aber nie wieder deine Ruhe haben." Bezeichnend sah er auf das Brandmal. Sicher, man konnte es verstecken, aber es war eine beständige Gefahr. "Was hast du vorher gemacht? Vielleicht können wir dich an Bord gebrauchen, sofern du es willst."

Es wäre sicher nicht verkehrt, wenn der Mann an Bord bliebe, er bot zumindest eine attraktive Aussicht. Mit einem kleinen Lächeln reichte Nhel ihm noch einen Haferkeks. Er hoffte, dass Torben nicht allzu bald mit dem Käpt'n sprechen wollte, da nur dieser entscheiden konnte, was mit dem Schiffbrüchigen passieren soll. Nhel verspürte momentan wenig Lust dazu, sich mit ihm auseinander zu setzen.

"Na, das wäre ein Karriereknick." Torben gluckste in sich hinein, auch wenn diese Aussicht etwas Bedrohliches hatte. Sein halbes Leben lang hatte er Piraten gejagt. Jetzt wurde er als Pirat gejagt. Sollte er ihnen wirklich einen Grund geben, ihn zu jagen? Er wusste nicht, ob er das konnte. Piraten waren vielleicht nicht alle Abschaum, aber sie waren Räuber zur See, oftmals sogar Raubmörder. Er sah seinen Meermann an und wunderte sich, wie man mit so einem hübschen Gesicht so kaltherzig sein konnte.

"Wie heißt du?", fragte er erneut.

"Entschuldige", erwiderte Nhel etwas verlegen. "Ich bin Nhel." Unkompliziert reichte er Torben die Hand. Die Reaktion des Mannes war deutlich, daher fügte er an: "Es wird sicher einige Tage dauern, bis wir wieder an Land können. Was machen wir bis dahin mit dir? Ich kann dich schlecht in der Kajüte versauern lassen." Gedankenverloren musterte er ihn und dachte gequält, dass er sich wohl oder übel doch etwas eher mit dem Käpt'n auseinander setzen musste.

"Ich kann mich bestimmt nützlich machen, bis ihr den nächsten Hafen anlauft. Euer Sprengmeister wird schon eine Verwendung für mich finden, ich bin da nicht ganz unbegabt." Es war die Untertreibung schlechthin; immerhin war Torben zweiter Waffen- und Sprengmeister an Bord gewesen, mit der Aussicht, den Posten als erster Meister zu übernehmen. Nach wie vor war er nicht angetan von dem Gedanken, dass er Piraten unterstützen sollte, erst recht nicht in der Nutzung von Waffen, die dafür da waren, rechtschaffene Soldaten zu töten. Doch diese Piraten hatten ihn gerettet. Er schuldete ihnen Dank.

"Warum bin ich überhaupt hier, Nhel?" Interessiert sah er sich um. Sein Meermann war Steuermann, nach dem zu urteilen, was an Navigationsgerät und Karten herum lag. "Es ist nicht gerade gängige Praxis, einen Lumpenhaufen, den man aus der See fischt, in der Kajüte eines Offiziers unterzubringen."

'Oha, jemand, der sich um die Kanonen kümmern konnte', dachte Nhel erfreut. Er zuckte leicht zusammen, als der große Mann ihm ausgerechnet die Frage stellte, die er am wenigsten hören wollte. Er sah Torben eine ganze Weile an, bevor er schließlich resignierte seufzte und zugab: "Weil ich einfach von Deck gesprungen bin, um dich zu retten. Der Käpt'n hat es nicht so gern, wenn jemand aus seiner Crew sich angeblich leichthin in Gefahr bringt. - Wir haben keinen Sprengmeister mehr", ergänzte er.

Torben lachte auf. "Eigentlich sehr löblich von eurem Käpt'n. Bei vielen herrscht doch die Ansicht vor, dass die Crew Verschleißmaterial ist." Er beugte sich vor und drückte mit einer Hand kräftig Nhels Schulter. "Danke, dass du euren Kapitän erzürnt hast, Meermann. - Keinen Sprengmeister mehr, so?", fragte er dann aufmerkend. "Und wer kümmert sich um eure Waffen? Sagt nicht, das macht jeder für sich?"

Mit einem kleinen Stich erinnerte er sich an seine Sammlung, die jetzt vermutlich mit dem Schiff am Grunde des Ozeans ruhte. Das tat weh, es waren Raritäten dabei gewesen. All die herrlichen Pistolen und Flinten!

Nhel lächelte etwas verlegen über die Nähe der Geste und rettete sich, indem er sich an Torbens Worte hielt. Er wusste, dass es auf vielen Schiffen üblich war, einfache Matrosen als leicht ersetzbar zu betrachten. Auf der Lady herrschten aber, Neptun sei Dank, andere Verhältnisse und daher antwortete er: "Wieso sollte die Mannschaft 'Verschleißmaterial' sein? Ohne sie würde kein Schiff fahren."

Vom Gang her drangen Stimmen in die Kajüte, Nhel erkannte die dunkle des Kapitäns.

"Es hört sich an, als wäre der Käpt'n wieder hier. Wollen wir ihn doch mal fragen, was wir mit dir machen. Willst du mit?" Er stand bereits auf, straffte seine Schultern und bereitete sich innerlich auf das Gespräch mit dem Käpt'n vor.

"Na, mir musst du das nicht sagen", brummte Torben und stand auf. Er hatte erwartet, vielleicht noch etwas wackelig auf den Beinen zu sein, doch die Ruhe und das Chili hatten ihm gut getan. Außer einer leichten Grunderschöpfung, die vermutlich mit einer Nacht Schlaf auskuriert wäre, ging es ihm gut. "Klar will ich mich beim Käpt'n bedanken." Auch wenn es ein Piratenkapitän war.


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