Stürmische Herzen der Meere
Part 2: Ein Schiffbrüchiger

2.

Als die Sonne höher stieg, riss Ambros sich zusammen und entschied, langsam Vorbereitungen zum Mittagessen zu treffen. So, wie die Männer schufteten, würden sie ordentlich Hunger haben. Mit einem Blick in den Himmel kam er zu dem Entschluss, dass sie die Mahlzeit vor der Kombüse abhalten konnten; er sparte sich das Hinabtragen des Essens, und außerdem würden sie wohl auch so noch genügend Zeit im Bauch der Lady verbringen, wenn das nächste Unwetter über sie hinwegzog. Mit diesen Gedanken beschäftigt konnte er wieder zu seiner gewohnten Gelassenheit finden und den Kuss verdrängen.

Energisch machte er sich ans Werk. Er suchte sich ein paar Männer, die er zum Helfen einspannen konnte, und so bekam er alles schnell fertig. Bald konnte er die Essensglocke läuten. Anschließend ging er aus alter Gewohnheit zur Kajüte des Docs, um auch ihn zum Essen zu rufen. Erst, als er anklopfte, fiel ihm wieder ein, wie seltsam die letzte Begegnung mit Silver verlaufen war. Seine Wangen erhitzten sich leicht. "Doc, Essen ist fertig."

Silver saß an seinem kleinen Schreibtisch und machte sich Notizen. Eine der letzten Kaperfahrten hatte ihm medizinische und anatomische Bücher beschert, und er versuchte, Wahrheit von Phantastereien zu trennen. Liebevoll strich er über eine Zeichnung, die schlicht und ergreifend falsch war. Dennoch ein kleiner Schatz, wenn man ihn zu lesen verstand. Ein Klopfen und Ambros' Stimme ließen ihn aufsehen.

Er schmunzelte, schloss das Tintenfässchen und legte das Buch in seine Seekiste zurück, ehe er aufstand und sich in der Enge der Kajüte umdrehte, um die Tür zu öffnen. Das Sonnenlicht, das durch die kleinen, gelblich getönten Fenster des Gangs hereinfiel, offenbarte die roten Wangen des Smuts. Der unsichere Blick ließ das Begehren in Silver erwachen, Ambros zu halten, aber auch, ihn zu lieben, um zu sehen, wie rot die Wangen werden konnten.

Fasziniert machte er einen Schritt vor, Ambros wich zurück und stieß mit dem Rücken gegen die Wand. Silver folgte ihm, bis er so dicht vor ihm stand, dass er seine Körperwärme spüren konnte. Er sah zu ihm auf, lächelte leicht und ließ einen Finger über Ambros' Hals gleiten.

"Erhöhter Pulsschlag", sagte er leise. "Brauchst du mehr Medizin?"

Ambros' Puls beschleunigte sich durch die Nähe weiter, und die Frage ließ ihn geradezu in die Höhe schnellen. Ambros spürte heiße Röte in seinen Wangen. In klaren Bahnen zu denken, gelang ihm schon wieder nicht mehr. Das einzige, was ihm in den Sinn kam, war: "Was ist nur mit mir los?" Ohne es zu merken, sprach er es leise aus.

Silvers Lächeln vertiefte sich. Er legte beide Hände auf Ambros' Brust; durch den dünnen Stoff konnte er die geschmeidigen Muskeln spüren, als er bis zu den nackten Oberarmen hin streichelte. Fast meinte er, auch den Herzschlag zu fühlen. Er reckte sich ihm leicht entgegen, sein Atem streifte den Mund des Smutje, als er flüsterte: "Ich denke, dass die einfache Dosis Medizin nicht ausreicht."

Er zog ihn an sich und küsste ihn. Dieses Mal hörte er nicht gleich wieder auf. Ambros' Lippen waren nachgiebig und so köstlich wie all die Speisen, die der Smutje zuzubereiten verstand. Verführerisch, zart und begehrlich, wie Schokolade.

Ambros spürte die Lippen auf seinen, es fühlte sich auf eine sonderbare Art gut an, aber es half ihm in keiner Weise, einen klaren Gedanken zu fassen. Die anfangs vor Schreck aufgerissenen Augen fingen an, langsam zuzudriften.

Silvers Arme glitten um den kräftigen Oberkörper, seine Hände legten sich auf Ambros' Rücken. Er küsste ihn behutsam, wie man eine Jungfrau küsst, und war dabei am überlegen, ob Ambros nicht vielleicht genau das sogar noch war. Erst allmählich, als sich der Mann in seinen Armen entspannte, wagte er mehr. Zart fuhr er die Lippen mit der Zungenspitze nach, bat liebkosend und neckend mit der Geste darum, in Ambros' Mund eintauchen zu dürfen.

Ambros spürte etwas Feuchtes an den Lippen, aber konnte nicht sagen, was es war, zu sehr war er in den Kuss versunken. Nur langsam begriff er, während ihm gleichzeitig bewusst wurde, dass er nahezu in Silvers Arm lag. Es war nicht unangenehm, eher aufregend, aber was tat er da? Erschrocken riss er die Augen auf und befreite sich, ehe er schwer atmend Abstand von Silver nahm, ohne zu wissen, was er tun sollte.

"Dir geht es besser? Genug der Arznei? Das ist gut." Silver lächelte amüsiert. "Dann können wir zum Essen gehen. Chili war es, wenn ich mich recht entsinne, nicht wahr? Ich mag dein Chili. Schön scharf." Es war zweideutig, bewusst zweideutig, ob es für Ambros noch immer zu subtil war?

Mit hochrotem Gesicht versuchte Ambros zu verstehen, was mit ihm los war. Aber das einzige, was er nun wusste, war, dass es am Doc lag. "Was sollte das?" Noch bevor er darüber nachdachte, stellte er die Frage mit atemloser Stimme. Wieso war er eigentlich so kurzatmig?

"Man nennt es Kuss", erklärte Silver ernst. "Man tut es, weil es sich gut anfühlt." Es gelang ihm nicht, seine ernste Miene zu bewahren; er lächelte erneut. "Und ich wage zu behaupten, dass es dir gefallen hat. Damit beantwortet sich deine Frage von selbst, nicht wahr, Ambros?"

Ambros merkte, wie er noch tiefer errötete; das war etwas, das er tatsächlich nicht abstreiten konnte. Und ihm wurde zumindest eines klar, als er das Lächeln des Docs sah; er hatte schon wieder irgendwas nicht mitbekommen. Bevor er sich weiter verstricken konnte, wollte er weg, weg von Silver, um nachzudenken. Noch ehe er den Gedanken beendet hatte, drehte er sich um und flüchtete regelrecht in die Kombüse.

Silver wollte ihm gemächlich folgen, aber entschied sich dann doch dagegen. Ambros brauchte vermutlich ein paar Momente, ehe er der Mannschaft wieder gefasst entgegen treten konnte. Silver neckte ihn gerne, wie er festzustellen begann. Er brachte ihn gerne in Verlegenheit. Er genoss es, dass Ambros ihn begehrte, es aber selbst noch nicht so recht bemerkt hatte. Aber er wollte ihn nicht vor den Männern bloßstellen.

Gut gelaunt überquerte er das Deck, machte einen kleinen Abstecher in den Frachtraum, um mehr Tinte zu holen und ging dann erst wieder nach oben, um sich mit einer Schale des gepriesenen Chilis vor seine Kajüte zu setzen. Von hier hatte er gut das gesamte Deck im Blick. Dass der Kapitän und Ramin zum Essen kommen würden, war fraglich; im Gegensatz zum Smutje war Silver nicht blind, und etwas hatte sich zwischen den beiden geändert. Aber vielleicht würde Nhel den Schiffbrüchigen mitbringen, Silver war neugierig auf den Mann.

"Verdammte Scheiße, was war das jetzt?", fluchte Ambros auf deutsch, als er die Tür seiner Kajüte hinter sich geschlossen hatte. Mit dem Rücken gegen das Holz gepresst ließ er sich auf den Boden sinken, was bei seiner Beinlänge recht eng war. "Erst heuer ich auf einem Piratenschiff an, dann so etwas!" Ein wenig verzweifelt grub er die Hände in sein Haar. "Also nochmal zusammengefasst – er hat mich zweimal geküsst." Selbst bei dem bloßen Gedanken daran merkte er, wie das Blut in sein Gesicht stieg. "Verdammt nochmal, so küsst man nicht mal seine Mutter!", entfuhr es ihm nochmals auf deutsch. 'Und es fühlt sich auch nicht so an.'

Ambros stützte seine Arme verschränkt auf die Knie und legte den Kopf darauf. 'Schon wieder drehe ich mich im Kreis. Seit heute morgen bringt er mich aus dem Konzept.' Er dachte einen Augenblick nach. 'Der Zeitpunkt, wo er mir an den Haaren gezogen hat, war eigentlich auch schon seltsam.'

Erst, als ihn sein Magen langsam darauf aufmerksam machte, dass er seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte, stand er auf und richtete seine Kleidung. Nachdem er einmal seine Waschschale in Anspruch genommen hatte, ging er mit einem tiefen Durchatmen nach draußen, mit dem festen Vorsatz, sich erstmal so gut es ging von Silver fernzuhalten. Allein durch die Nachbarschaft würde das wohl nicht ganz so leicht werden...

*

Ramin stakste schon den ganzen Tag seltsam herum, was die Männer zum Grinsen brachte und die verrücktesten Gerüchte umherschwirren ließ. Der Bootsmann scheuchte die betreffenden Leute zur Strafe noch mehr herum, so dass auf dem Schiff die gleiche hektische Betriebsamkeit herrschte wie in einem Bienenstock. Es hatte auch seine nützlichen Seiten, nicht nur den Zweck, die Crew zum Verstummen zu bringen. Ramin sah sich auf dem Schiff um und nickte zufrieden. Die Lady war wieder gut in Schuss. Der nächste Sturm würde ganz sicher nicht auf sich warten lassen, da wollte er alle Löcher geschlossen wissen.

Er sah den Käpt'n das Deck betreten und schaute kurz zu ihm hin, beäugte dann aber wieder kritisch die Arbeit einiger Matrosen, die eine defekte Stelle im Deck reparierten. Diesen stand der Schweiß auf der Stirn, da sie immer wieder berichtigt wurden. Ramin lehnte sich an die Reling und stützte sich mit den Armen darauf ab, während er seinen Blick über die See schweifen ließ. Währenddessen wartete er ab, ob der Käpt'n mit ihm reden wollte.

Haydars schlechtes Gewissen räkelte sich genüsslich, als er die steifen Bewegungen seines Bootsmannes bemerkte. Verdammt, er war offensichtlich nicht nur ein wenig, sondern ziemlich ungestüm gewesen. Ob Ramin jetzt auf Abstand ging und darauf aus war, ihn sich so weit wie möglich vom Hals zu halten? Verständlich wäre es, aber... Haydar erinnerte sich an das hemmungslose Stöhnen seines Liebhabers, wie dieser sich ihm entgegen gedrückt hatte, und spürte sofort Begehren. Verdammt, wäre das schade!

Eher zögernd trat er zu Ramin und lehnte sich neben ihm an – dicht, aber nicht so dicht, dass er ihn berührte. Er betrachtete das ernste, ehrliche Profil seines Bootsmannes und fragte sich, was hinter dessen ruhigen Miene vor sich ging. Sie kannten sich schon so lange, dass Haydar oft vorhersagen konnte, wie sein Freund reagierte, dass er wusste, wie er von vielem dachte, selbst wenn sie nie explizit darüber gesprochen hatten.

Doch jetzt segelte Haydar in fremden Gewässern. Ramin hatte selbst in Häfen nur selten ein Liebchen, aber er hatte sofort mit ihm die Lust geteilt, ohne Fragen, leidenschaftlich und hingebungsvoll, nachdem Haydar den entscheidenden Schritt getan hatte. Sah er das als seine Pflicht gegenüber dem Käpt'n an? War er einfach nur ausgehungert gewesen? Oder gab es andere Gründe?

Haydar wollte fragen, doch nach Innersten fragte man nicht einfach, selbst wenn man so gut befreundet war wie sie beide. Stattdessen fachsimpelten sie über das Wetter und wie lange sie Ruhe bis zum nächsten Sturm hatten; in Gewässern wie diesen und zu dieser Jahreszeit konnte es eine Frage von Tagen, manchmal sogar nur von Stunden bis zum nächsten schweren Wetter sein. Sie sprachen über die notwendigen Dinge, die sie im nächsten Hafen unbedingt aufnehmen mussten, das Werkzeug, was es zu ergänzen galt.

Der Bootsmann schmunzelte über einen Scherz, den Haydar über Werkzeug und das Leben an Bord machte und lenkte damit Haydars Blick unerwartet auf den sanften Schwung seiner Lippen. Ebenso unerwartet war die Heftigkeit des Begehrens, ihn zu küssen. Jetzt. Haydar hielt sich zurück, buchstäblich im letzten Augenblick; er hatte sich nur leicht seinem Freund entgegen gelehnt. Doch der Blick, mit dem er ihn umfing, war verlangend.

Ramin wartete geduldig ab. Er wusste, dass der Käpt'n eigentlich über etwas ganz anderes reden wollte. Da würde wohl er den ersten Schritt machen müssen. Ihm wurde heiß, als sich der Käpt'n vorlehnte. Doch dann tat er wieder nichts. Prüfend sah er ihm ins Gesicht.

"Wann fragst du mich eigentlich das, was du wirklich wissen willst?", fragte er schließlich direkt. So ging das ja nicht weiter. Und er sah doch, dass der Käpt'n sozusagen auf glühenden Kohlen saß.

Haydar schaffte es zu erröten, weil er so einfach durchschaut worden war und obwohl er geglaubt hatte, sich diese Art von Scham lange abgewöhnt gehabt zu haben. Das letzte Mal, an das er sich erinnerte, war zu Beginn seiner Zeit als Leichtmatrose gewesen, als der erste Maat ihn endgültig als sein Liebchen auserkoren hatte. Damals hatte dieser ihm in einer langen, leidenschaftlichen Nacht gezeigt, was Männerliebe alles umfassen konnte und hatte ihn mit seinen Reaktionen am nächsten Tag aufgezogen. Klar, Ramin kannte ihn schon lange genug, um mit seinen Strategien vertraut zu sein, aber dennoch... Er grinste verlegen aufs Meer hinaus, ehe er einen Seitenblick warf und von Ramins gelassenem Blick erwischt wurde.

"Hast du's aus Pflichtgefühl getan?", fragte er leise und ohne jeden Anflug von Neckerei.

Amüsiert sah Ramin ihn an. Er hatte gar nicht gewusst, dass der Käpt'n auch rot werden konnte. Die Frage verblüffte ihn jedoch. "Wie kommst du denn auf die Idee? Nein, natürlich nicht!"

"Wunderbar!" Haydar atmete erleichtert auf. Pflichtgefühl wäre der wohl schlimmste Gedanke gewesen. Mit allem anderen konnte er vermutlich leben bis ganz hervorragend leben. Dann überzog ein Grinsen sein Gesicht. "Aber das macht, dass ich mit einem Mal das Verlangen habe, diese Unterhaltung in privaten Räumlichkeiten fortzuführen. Oder soll ich dich vor der ganzen Mannschaft küssen?"

Entsetzt sah Ramin ihn an. Das würde für noch mehr Gesprächsstoff auf der Lady sorgen, und daran hatte er erst mal keinen Bedarf. Also zog er den Käpt'n entschlossen zu ihren Kajüten hinunter.

Haydar lachte auf. "Und du meinst, das zieht keine Aufmerksamkeit auf uns?", fragte er neckend, denn ihnen waren durchaus verwunderte bis anzügliche Blicke der Mannschaft gefolgt. Dass der Bootsmann den Kapitän über das halbe Schiff schleifte, war nicht gerade alltäglich.

Er öffnete die Tür zu seiner Kajüte, nur um sicherheitshalber noch etwas Schutz zwischen sie und alle eventuellen Störenfriede zu schieben, ehe er Ramin zu küssen gedachte – lang und leidenschaftlich. Immerhin lag hier im Offiziersbereich auch Nhels Kajüte, und sein Steuermann befand sich mit ihrem Gast in eben jener, das wusste Haydar zufälligerweise ziemlich sicher.

Erschrocken sah ihm der Schiffsjunge entgegen; neben ihm lagen unbeachtet Kehrbesen und Schaufel, auf seinem Schoß saß der kleine Kater. Offensichtlich hatte er lieber geschmust, als sich der Arbeit zu widmen. Haydar runzelte die Stirn.

In dem Moment ging die Tür zu Nhels Kajüte auf, und der Steuermann drängte auf den kleinen Flur, der für drei Männer fast zu eng war. Hinter ihm konnte Haydar den Schiffbrüchigen sehen, der offensichtlich gesund und munter war. Ausdruckslos hielt Haydar inne, aber fluchte innerlich, weil er seinen Plan, sich ungestört Ramin widmen zu können, vereitelt sah.

"Wehe dir, du nutzt die Gelegenheit zur Flucht", murmelte er so leise an Ramin gewandt, dass nur dieser es hören konnte. Mit einem knappen Kopfnicken wies er dann nach einem Blick zum Schiffsjungen auf die Tür nach draußen. "Kleiner, ab an Deck."

Der Junge setzte die Katze hastig auf den Boden und war schneller verschwunden, als Haydar schauen konnte. Wenn Katzen beleidigt sein konnten, so war es diese jetzt, zumindest hatte Haydar das Gefühl, als sie sich distinguiert einmal über das Brustfell leckte, dann zu seinem Bett stolzierte und graziös empor sprang, um es sich mitten auf dem Kissen bequem zu machen.

Nhel verbeugte sich leicht und etwas ungelenk. "Mein Käpt'n." Er war etwas nervös, da er die Standpauke nicht vergessen hatte und trat einen Schritt zur Seite, damit Torben für sich sprechen konnte. Er hoffte, dass der Käpt'n etwas aufgeräumter war als am Morgen.

Als der Schiffsjunge verschwand und der Käpt'n einen Schritt beiseite machte, entdeckte Ramin seinen Kater auf dem Bett. Ein wenig erschrocken sah er zum Käpt'n hin. Jetzt kam es raus. Den Steuermann und den Schiffbrüchigen nicht weiter beachtend, ging er in die Kabine und setzte sich zu dem Kater aufs Bett. Zärtlich fing er an, ihn zu kraulen. Er würde nicht zulassen, dass er von Bord geschmissen würde. Unbehaglich wartete er darauf, dass Nhel endlich ging.

"Pass auf, sonst gewöhne ich mich an diese höfischen Gesten und verlange sie immer, Nhel", scherzte Haydar, ehe er sich dem Gast zuwandte. Verdammt groß, das war sein erster Eindruck. Und verdammt heruntergekommen. Die Männer an Bord liefen alle nicht in Samt und Seide herum, aber diese Fetzen sprachen von Gefangenschaft. "Willkommen an Bord der Lady Chaos."

Neugierig betrachtete Torben den Kapitän. Das war er also, der gefürchtete Käpt'n Chaos. Entgegen den Legenden sah er nicht wie ein sabberndes, mordendes, männerverschlingendes Monster aus. Im Gegenteil war er ziemlich attraktiv, groß und stattlich; vermutlich gab sich ihm so mancher Mann gerne hin, aber stritt es dann hinterher lieber ab. Rein vom Äußeren her hätte auch Torben kein Problem damit gehabt, dem Mann zu erliegen, und wenn man den wenigen Äußerungen Nhels glaubte, schien er zudem ein Kapitän zu sein, unter dem man gerne segelte. Er nickte zum Gruß. "Torben Wilferson, Käpt'n. Ich danke für meine Rettung."

"Wir kreuzen noch, aber ich fürchte, du bist der einzige, den wir finden konnten. Deine Kameraden werden mittlerweile wohl an Neptuns Tafel speisen. Auf welchem Schiff bist du gefahren?" Haydar kannte den Mann nicht, aber das musste nicht bedeuten, dass ihm das Schiff und seine Besatzung ebenfalls unbekannt waren. Er spürte leise Sorge, dass es sein alter Kapitän sein konnte, der Schiffbruch erlitten hatte, obwohl dieser gerade in anderen Gewässern unterwegs war. Pläne konnten sich ändern.

Die Ahnung bestätigt zu bekommen, sandte einen Stich durch Torben. Aber die See war weit, vielleicht waren seine ehemaligen Kameraden einfach nur in ihren Rettungsbooten in eine andere Richtung gefahren, als die Lady Kurs genommen hatte. Und ein wenig konnten sie ruhig leiden, dachte er grimmig, so wie sie ihn verurteilt hatten für Dinge, die nicht seine Schuld waren.

"Ich war auf der Claas Clasen angestellt, Käpt'n", sagte er, noch eh er sich eine Ausrede einfallen lassen konnte und stählte sich innerlich. Sie hatten einige Piratenschiffe aufgebracht.

"Die Claas Clasen?" Überrascht hob Haydar die Brauen. "Der Kapitän war ein alter Fuchs! Was für eine Schande. Wir sind einmal aneinander geraten. Ramin hatte die Hölle auf Erden, die Lady hinterher wieder flott zu kriegen. Aber die Claas Clasen sah nicht besser aus." Er grinste zufrieden; es war ein Erfolg gewesen, denn das andere Schiff war größer und besser bewaffnet. "Und wie hast du dir dann dein hübsches Brandmal geholt?"

Torben erzählte seine Kurzversion erneut, ihm war nicht danach, die Details auszubreiten. Aber es erleichterte ihn, dass der Kapitän nicht gleich das Kielholen befahl oder die Neunschwänzige hervorholte. Seine Bekanntschaft mit dieser Peitsche wollte er nicht auffrischen. Doch trotz seiner Kürze schien er etwas erwähnt zu haben, dass die Neugier des Käpt'ns weckte. Der Blick der grünen Augen wurde intensiver.

"Interessant." Haydar musterte den Mann scharf, nachdem der mit dieser besonderen Wärme in der Stimme vom Feuergefecht mit den Piraten berichtet hatte. Es war der gleiche Ton, mit dem Ambros vom Kochen sprach. Besondere Aufmerksamkeit schenkte er den Händen und Unterarmen. Nur schwach und von dem roten P in den Hintergrund gedrängt, erkannte er Brandnarben. "Kanonier?"

Überrascht starrte Torben den Kapitän an. "Zweiter Waffen- und Sprengmeister", antwortete er überrumpelt.

Haydars Grinsen wurde weit. "Hervorragend! Du schuldest mir, Torben. Was hältst du davon, wenn du die Kanonen der Lady überprüfst? Wenn du dich bewährst und Lust hast, kannst du bleiben. Ein und ein Viertel Anteil der Beute bei jedem Kaperzug." Das war mehr, als die Mannschaft erhielt, wenngleich nicht ganz so viel wie die Offiziere.

Torben öffnete den Mund, schloss ihn wieder und grinste dann schief. "Aye, Käpt'n!"

"Hervorragend!" Gut gelaunt schlug Haydar ihm auf die Schulter. "Nhel, kümmere dich darum, dass mein neuer Waffenmeister etwas Passenderes zum Anziehen bekommt. In der Zeugkammer ist bestimmt was zu finden."

Nhel wollte den Käpt'n fragen, ob Torben weiterhin in seiner Kajüte bleiben sollte, aber wollte das vor diesem nicht ansprechen. Ihm behagte es nicht, dass der Mann erfuhr, worin die Strafe für seine unbedachte Handlung bestand. Kurz lugte er in die Kajüte und sah, dass der Bootsmann irgendwie erwartungsvoll auf dem Bett des Käpt'ns saß.

'Habe ich etwas verpasst?', dachte er verblüfft, tat den Gedanken dann aber mit einem Achselzucken ab. Auffordernd blickte er Torben an, damit dieser ihm folgte. "Wollen wir doch mal nachsehen, ob wir auch einen Riesen einkleiden können", witzelte er und zwinkerte ihm zu.

Auf dem Weg unter Deck gähnte Nhel ein paar Mal. Die wenigen Stunden Schlaf hatten kaum ausgereicht. Nach dem Essen würde er sich noch einmal hinlegen. Immerhin musste er am Abend den Hilfssteuermann ablösen. Als sie die Zeugkammer erreichten, öffnete er die Tür und deutete er mit einer unbestimmten Geste in den Raum. "Such dir etwas Passendes raus."

Torben gluckste leise über den 'Riesen'. Es war nicht das erste Mal, dass er so bezeichnet worden war, aber noch nie von jemandem mit blauem Haar. "Na, da haben wir jetzt ja eine hübsche Versammlung von Sagengestalten an Bord, mein Meermann", brummelte er amüsiert, während er in einer Kiste mit Hosen und Hemden wühlte.

'Mein Meermann?' Nhel spürte, wie sich seine Wangen leicht erhitzten. Als der große Mann dann anfing, sich unkompliziert auszuziehen, um in aller Ruhe Kleidung anprobieren zu können, musste er ihn unwillkürlich anstarren. Sein Blick glitt über die breiten Schultern und den kräftigen Rücken, der von einigen unschönen Striemen geziert wurde. Er starrte sich auf den Hintern fest, bis dieser glücklicherweise und überraschend schnell von einer halbwegs passenden Hose verdeckt wurde.

Doch am Hemd haperte es. Torben wählte stattdessen eine feste Weste. Anstelle von Schuhen gab es offene Sandalen, weil seine Füße in nichts anderem Platz hatten. Und gerade um die Mittagszeit konnte das Holz des Decks verdammt heiß werden. Er fühlte sich gleich wieder mehr wie ein Mann, als er fertig war.

"Meine erste Heuer werde ich wohl zum Schneider tragen." Er lachte; das Leben begann, wieder gut zu werden. "Zeig mir die Kanonen", bat er mit funkelnden Augen. Mal sehen, was er tun konnte, um seine Schuld abzutragen. "Wo habt ihr denn euren alten Sprengmeister gelassen? Sag nicht, der hat sich selbst gesprengt."

"Unser Sprengmeister ist eines Tages einfach zusammengebrochen und gestorben. Wir haben nicht herausgefunden, was er hatte." Nhel zuckte unbestimmt mit den Schultern. Der Tod dieses Mannes war kein Verlust gewesen; später hatten sie herausgefunden, dass er sie an die Marine verraten hatte. "Die Kanonen befinden sich auf dem zweiten Unterdeck, mein Riese" sagte er dann amüsiert, da ihm Torbens Begeisterung aufgefallen war.

Es überraschte Torben auf nette Art, dass Nhel seinen Ausdruck aufgenommen hatte. Er grinste und vermutete, dass er seinen Meermann wohl kaum mehr mit Namen ansprechen würde. Auch der Blick war ihm nicht entgangen, mit dem der Mann ihn gemustert hatte. Vielleicht gab es doch einen wahren Kern in den Legenden um Käpt'n Chaos. Ein angenehmes Ziehen fuhr durch Torbens Bauch. Es würde manche Dinge sehr viel einfacher machen.

Doch sein erstes Interesse galt den Kanonen. Sie durchquerten die Mannschaftsräume; zu der Zeugkammer hin waren einige kleine winzige Kojen abgeteilt; weiter hinten hingen die Hängematten einfach nur zwischen Balken, wie auf den meisten Schiffen. Aber es war überraschend sauber und für ein Schiff mit recht viel Platz zwischen den einzelnen Schlafplätzen. Nhel stellte ihm zwei der Männer vor, die hier ihr Quartier hatten, ehe sie über eine Leiter ein Deck tiefer kletterten.

Wäre Torben nicht so groß und die Decke nicht so niedrig gewesen, hätte er die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als er die erste Kanone inspizierte.

"Bei Neptuns Bart", fluchte er und sah zu Nhel hoch. "Wie lange seid ihr ohne Sprengmeister? Mit dem Ding könnt ihr doch keinen geraden Schuss mehr abfeuern, ohne dass euch alles um die Ohren fliegt. Die Sigille sind nicht gewartet!" Gerade Sigille für Waffen brauchten konstante Pflege, damit sie ihre Kraft nicht dann entluden, wenn man es am wenigsten brauchte – zum Beispiel beim Laden der Kanone. "Wie lange ist die Dame hier nicht mehr gereinigt worden?"

"Wie lange?" Angestrengt überlegte Nhel. Es war der Tag gewesen, an dem der Doc plötzlich auf dem Schiff aufgetaucht war. "Acht Monate", sagte er dann und musste über Torbens entsetztes Gesicht grinsen. "Das wird also dein zukünftiger Arbeitsplatz, mein Riese."

Belustigt beobachtete er, wie Torben sich in Ruhe umsah, was ihm selbst die ausgezeichnete Gelegenheit bot, erneut dessen Kehrseite in Augenschein zu nehmen. Sein plötzlich knurrender Magen erinnerte ihn jedoch daran, dass er heute noch nicht wirklich etwas gegessen hatte. Die Haferkekse zählten nicht. Deshalb fragte er neckend: "Es ist bald Zeit fürs Mittagessen, hast du Hunger? Die Damen kannst du danach weiter umgarnen."

"Essen klingt gut. Die Schale Chili hat gerade einmal gereicht, um mein rechtes Bein satt zu kriegen. Aber acht Monate ohne Wartung?" Torben konnte es noch immer nicht fassen; Waffensigille waren nichts, das man leichtfertig benutzen durfte. "Acht Monate! Ihr seid lebensmüde. Da wäre es doch sinnvoller, ihr fahrt gleich in einen Militärhafen und ergebt euch. Dann versinken diese Schätzchen hier wenigstens nicht am Grunde der See, weil ihr ein Loch ins Schiff sprengt. Obwohl", er warf einen Seitenblick und grinste, "vielleicht ist das ja dein geheimer Plan, Meermann? Dann hast du sie alle für dich allein. Bist du so besitzergreifend?"

Nhel hatte keine Ahnung, inwiefern die Kanonen gewartet werden mussten. "Nun ja, jetzt bist du ja da, damit uns genau das nicht passiert." Er lachte auf "Und die ganze Mannschaft wäre mir entschieden zu anstrengend. Woher willst du wissen, dass sie mich wollen?" Bezeichnend hob er eine Braue und sah Torben neckend in die Augen.

Verdutzt hielt Torben inne, er blinzelte verwirrt, dann begann er zu grinsen. Sein Meermann machte ihm schöne Augen, und das konnte er herrlich mit seinen Sonnenaugen. Doch wenn er so schnell mit dem Flirten war, tat er das wohl geübt bei jedem Mann, so dass es nichts zu sagen hatte. Interessant aber, dass er so frei damit war. Es begann Torben, immer besser auf der Lady zu gefallen, obwohl er noch kaum etwas von dem Schiff gesehen hatte.

Dennoch gluckste er in sich hinein. "Ich hatte die Kanonen gemeint. Dass du die Kanonen für dich allein haben willst."

Nhel blinzelte vollkommen überrascht und hätte am liebsten den Kopf gegen eine Wand geschlagen. Er spürte zu seinem Ärger, dass er richtig rot wurde und wandte sich deshalb zu den Kanonen. "Ich kann mit ihnen nichts anfangen, alles was knallt und kracht, überlasse ich lieber anderen." Da hatte er sich aber prima zum Deppen gemacht, dachte er genervt. Er zwang sich trotzdem zu einem Lächeln. "Ich denke der Smutje wartet." Damit wandte er sich leicht ab, um zu zeigen, dass er gehen wollte.

'Holla!', dachte Torben erstaunt, als sein Meermann mit einem Mal die Farbe wechselte. Wenn er mit etwas gerechnet hatte, dann war es eine flapsige Antwort gewesen. War Nhel nun beleidigt, weil Torben ihm kein Kompliment gemacht hatte oder nur beschämt? Um Worte verlegen trottete Torben hinter ihm her, als sie zurück zur Luke gingen. Er starrte auf Nhels Hintern, als sie die Leiter empor stiegen und dachte bei sich, dass Nhel weder für das eine, noch das andere einen Grund hatte.

"Sie haben Persönlichkeit", erklärte er, als sie wieder an Deck standen und Nhels Haar um so mehr wie das Meer wirkte, weil Himmel und See um das leuchtendste Blau wetteiferten. "Die Kanonen, mein' ich. Darum faszinieren sie mich so. Manche brauchen mehr Aufmerksamkeit als andere, manche wollen ständig gereinigt werden, manche funktionieren nur ordentlich, wenn man sie tritt. Und einige haben so verschiedene Gesichter wie die See."

Persönlichkeit? Nhel blickte zu dem Mann hoch. Er musste plötzlich daran denken, wie er oft Stunden in seiner Kajüte verbracht hatte, um einen Kurs zu berechnen, seine Seekarten zu ergänzen. Die Instrumente, die er dafür benötigte, hatten auch für ihn eine eigene Seele, genau wie die Karten. Einige waren etwas störrisch, aber zuverlässig, wenn man sie sanft behandelte, bei anderen hatte er das Gefühl, dass sie ihm schon fast freudig alles mitteilten. Er lächelte sanft und meinte schlicht: "Ich verstehe."

Sie besorgten sich zwei Portionen des Chilis, als Nhel den Doc entdeckte. Er steuerte direkt auf ihn zu, vielleicht wollte dieser den Riesen ja noch einmal untersuchen. Währenddessen fragte er Torben: "Soll ich dir nach dem Essen noch ein wenig das Schiff zeigen, oder willst du gleich deine Damen bezirzen?"

"Das Schiff", entschied Torben ohne zu überlegen. "Ehe ich mich über die Damen hermache, sollte der Kapitän das der Mannschaft verkünden."

Sie hielten bei einem Mann mit Augenklappe und silberdurchwirktem, schwarzem Haar. Torben wurde von dem grauen Auge stechend gemustert, dann stand der Mann auf und nickte ihm knapp zu. "Du siehst besser aus. Nicht mehr wie eine Wasserleiche."

Torben erkannte die nüchterne Stimme; es war der Mann, der ihn zuerst willkommen geheißen hatte. Er grinste. "Torben, mein Name. Ja, weniger Wasser und mehr Essen kann Wunder wirken."

Ein dünnes Lächeln umspielte für einen Augenblick die Lippen des Mannes. "Man nennt mich Silver. Ich bin der Schiffsarzt."

Auffordernd hielt er die Hand auf, als warte er auf etwas; als Torben verwirrt nicht gleich reagierte, griff er sich seinen rechten Arm, drehte ihn und betrachtete die rote Brandwunde. Sein Griff war erstaunlich fest. Obwohl er unter Piraten war und vielleicht nicht der einzige mit einem derartigen Mal, war es Torben unangenehm, dass das Zeichen so gemustert wurde.

Der Doc untersuchte es kurz, fuhr mit kühlen Fingerspitzen darüber und ließ ihn dann wieder los. "Sieht gut aus. Sollte es sich doch noch entzünden, komm zu mir, ehe dein Arm abfault."

Torben lachte, weil er die Bemerkung für einen Scherz hielt. "Aye, Doc."

Silver lachte nicht. Er nickte Nhel kurz zu, dann schlenderte er davon, als habe er das schon die ganze Zeit vorgehabt und sei nur durch sie aufgehalten worden. Ihm hallte das tiefe Lachen noch in den Ohren. Der Mann schien ein Fröhlichkeitsapostel zu sein. Wer nach der Verurteilung als Pirat, nach Bekanntschaft mit der Neunschwänzigen – er hatte die Striemen auf dem Rücken gesehen, als er ihn untersucht hatte – und nach der Tortur auf See inmitten eines Sturms noch immer so herzlich lachen konnte, war vielleicht allerdings auch einfach nur verrückt. Er kehrte zurück in seine Kabine, verstaute das Tintenfässchen und rieb sich die Schläfen. Sie pochten unangenehm, vielleicht zu viel Sonne.

Missmutig sah Nhel dem Doc hinterher. Er hatte eigentlich vorgehabt, kurz mit ihm zu sprechen. "Warum sind auf diesem Schiff alle nur so ungesellig?", seufzte er auf.

Torben beschloss, zumindest Nhels Worte als Scherz aufzufassen und grinste. Bis auf den Doc schienen die Männer hier alles andere als ungesellig zu sein. "Na, so schlimm scheint es mir dann doch nicht zu sein."

Sie suchten sich ein schattiges Plätzchen auf Deck, um sich über ihr Chili herzumachen. Endlich satt legte sich Nhel zufrieden auf die Planken und beobachtete die vorbeiziehenden Wolken.

*

Haydar sah zufrieden den beiden Männern hinterher, die gemeinsam seine Kajüte verlassen hatten. "Ah, Ramin, was für ein Glücksfall! Ein neuer Sprengmeister! Die Waffen brauchen dringend mal wieder jemanden, der sich damit auskennt."

"Das ist gut." Ramin nickte abgelenkt. "Wir brauchen insgesamt dringend wieder einen Waffenmeister." Nicht auszudenken, was passierte, wenn ein Laie auf Dauer mit den Waffensigille hantierte.

Haydar drehte sich zu dem Bootsmann um, der finster auf seinem Bett saß. Auf seinem Bett. Haydars Grinsen wurde breiter. Eigentlich genau richtig. Mit wenigen Schritten durchquerte er den Raum, stützte sich mit beiden Händen am oberen Rand der Koje ab und beugte sich dichter.

"Aber schlechte Zeitplanung, die Kerls, alle miteinander", sagte er neckend, ohne Ramin zu berühren.

Beschützend drückte Ramin den Kater an sich, als sich Haydar vor ihm aufbaute. "Du lässt ihn auf dem Schiff! Wag es dich und jag Leji vom Schiff!"

Haydar lachte dunkel. Ramin konnte so beschützend sein. Ob er ihn auch jemals so... besitzergreifend wie diesen Kater anschauen würde? Beinahe wünschte er es sich. "Glaubst du wirklich, dass ich dir etwas wegnehmen wollte, an dem dein Herz hängt?", fragte er liebevoll und war über den Ton seiner eigenen Stimme überrascht.

Zudem war es pure Dummheit, eine Katze vom Schiff zu jagen. Haydar hielt sich für einen rationalen Menschen, aber jeder wusste, dass Katzen an Bord Glück brachten. Er ging vor Ramin in die Hocke, nicht ohne dessen Wange mit den Lippen gestreift zu haben und streichelte dann gleichermaßen über das Fell des laut schnurrenden Katers wie über die kräftigen Hände Ramins.

Ramin wurde rot, wegen dieser Bemerkung und der andauernden Berührungen. Unsicher sah er den Käpt'n an. Zum Glück war das Bett weich, so dass sein Hintern nur leicht pochte.

Haydar wollte Ramin auf das Bett drücken und ihn besinnungslos küssen. Doch der verletzliche Ausdruck im Gesicht seines Bootsmanns hielt ihn davon ab. Etwas entstand in ihm, das sich nicht einfach durch hemmungsloses Liebesspiel befriedigen lassen würde. Oder war es die ganze Zeit schon da gewesen und wagte sich nun hervor? Wieder strich er über Ramins Hand, umfing sie sanft und zog sie an seine Lippen. Mit einem langen Blick in die dunklen Augen küsste er sanft seinen Puls, während er noch immer mit der freien Hand die Katze streichelte.

Um Ramin war es schon seit langer Zeit geschehen, das hier war wie die Erfüllung eines endlosen Traums. Mit glänzenden Augen sah er den Käpt'n an. Seine freie Hand strich vom Kater weg über den Nacken des Käpt'ns.

Haydar küsste Ramins Handinnenfläche, dann lehnte er sich weiter vor. Die zärtliche Liebkosung in seinem Nacken war schön und weckte zusammen mit Ramins Blick eine weiche Wärme in ihm, der er nicht widerstehen konnte. Vorsichtig, um weder die Katze zu stören, noch Ramin dazu zu bringen, ihn loszulassen, richtete er sich aus der Hocke auf, um sich mit einem Knie auf dem Bett neben Ramins Beinen abzustützen.

Zart fuhr er mit den Lippen über die Wange seines Bootsmanns bis hin zum Ohr, an dem er nippte. Ramin hatte sich im Gegensatz zu ihm gründlich rasiert, stellte Haydar fest, als er seitlich den Hals entlang küsste, um dann doch den Mund zu streifen. Es war nur ein kurzes Kosten, dann fuhr Haydar mit der liebevollen Erkundung des Gesichtes fort.

Der schnurrende Kater beäugte neugierig das Geschehen um sich herum. Er fühlte sich weder gestört noch bedrängt und so blieb er liegen. Ramin schloss genießend die Augen und streichelte den Käpt'n weiter im Nacken, zog ihn dann näher zu sich, um ihn zu küssen.

"Käpt'n.... was hast du vor?", murmelte er.

Haydar hielt inne, noch vor den verlockenden Lippen, die Ramin ihm selbstvergessen darbot. Ja, er war der Kapitän der Lady. Von ganzem Herzen. Er war der Kapitän der Mannschaft und wollte auch nichts anderes sein. Er war der verdammte Käpt'n des Bootsmanns, doch hier und jetzt wollte er mit Ramin zusammen sein. Er, nicht Käpt'n Chaos, so verrückt wie das auch klingen mochte.

"Haydar", sagte er leise. "Das ist mein Name." Dann erst gab er dem leichten Zug von Ramin nach und küsste ihn.

Überrascht riss Ramin die Augen auf. Hatte er sich da gerade verhört? Der Käpt'n hatte ihm seinen Namen genannt? Er musste verrückt geworden sein. Das konnte nicht sein. Der Käpt'n würde nie jemanden seinen Namen sagen. Nur leicht nippte er an den Lippen des anderen, noch immer viel zu überrascht, um reagieren zu können.

"Ramin", flüsterte Haydar beinahe drängend zwischen den federleichten Berührungen. Er wollte seinen Namen aus dem Mund des anderen Mannes hören. Er wollte hören, dass Ramin in ihm nicht nur den Kapitän sehen konnte. Mit einem Mal war es wichtig.

"Kannst du das wiederholen?", stotterte Ramin verblüfft. Er musste das unbedingt noch mal hören, damit er es glauben konnte.

Haydar grinste, ein wenig verlegen, weil er mit seinem Wunsch die Stimmung zerstörte, aber das Gefühl war dadurch nicht weniger dringlich.

"Haydar", wiederholte er. "Zumindest, wenn wir allein sind."

"Oh, und ich darf dich also so nennen? Interessant." Ramin grinste unsicher. "Also Haydar, was hast du mit mir vor?"

Der Kater sprang nun mit einem eleganten Satz von Ramins Schoss, nur um auf einen Stuhl hochzuhüpfen und sich dort niederzulassen. Neugierig beäugte er alles.

Haydar lachte. Der Name aus Ramins Mund klang wie Glück, das in ihm empor perlte. Gleichzeitig war er fremd, so lange war er schon nicht mehr damit gerufen worden. Aber Ramin hatte eine seltsam vertraute Art, ihn auszusprechen.

"Du sollst mich so nennen", betonte er und schlang die Arme um ihn, da er keine Rücksicht mehr auf den Kater nehmen musste. "Was habe ich mit dir vor?" Er küsste ihn, drängte ihn nun doch zurück auf das Bett und kam auf ihm zu liegen. "Ich will dich spüren. Ich will dich lieben."

'Wenn ich das nicht bereits schon tue', flüsterte eine Stimme in seinem Hinterkopf. Warum sonst waren ihm all die Kinkerlitzchen so wichtig?

"Ist das ein Befehl?", fragte Ramin grinsend. Auf dem breiten, weichen Bett liegend küsst er den Käpt'n, nein, Haydar. Es war interessant, wie viel ein Name ausmachen konnte. Es wurde gleich intimer.

"Dir ist aber schon klar, dass ich....", nuschelte er verlegen. Verdammt, wieso musste er auch so empfindlich sein?!

Gequält verzog Haydar das Gesicht. "Ja, ich weiß. Es tut mir leid, wirklich! Ich bin normalerweise... nicht so ungeschickt. Nicht so unbeherrscht. Hilft es, wenn ich dir sage, dass du mir den Verstand geraubt hast? Dass du mich wahnsinnig machen kannst?" Er vergrub das Gesicht in Ramins Halsbeuge. "Dass ich das hier schon sehr lange herbei gesehnt habe", drang es dumpf hervor. "Und nein, es ist kein Befehl. Es ist... ein inniger Wunsch."

"Haydar", begann Ramin sanft, "du hättest schon viel früher... mehr haben können. Du hättest nur mit mir reden müssen." Ob die Röte aus seinem Gesicht heute noch mal verschwinden würde? Er glaubte nicht mehr daran.

"Du bist mir immer ausgewichen." Überrascht hob Haydar den Kopf und sah in das erhitzte Gesicht seines Freundes. "Ich dachte, du hast kein Interesse."

"Woher sollte ich wissen, dass du Interesse an mir hast? Du hast auch mit Nhel geflirtet!"

"Ich hab..." Verblüfft starrte Haydar ihn an. "Ich habe Nhel geneckt, mehr nicht."

"Das sah aber ganz anders aus", murmelte Ramin. Ja, er wollte Haydar für sich alleine haben. Aber woher sollte er wissen, ob dieser im nächsten Hafen sich nicht wieder ein Liebchen für eine Nacht suchen würde?

Sein Bootsmann war eifersüchtig, konnte das wahr sein? Haydar suchte in Ramins Miene nach Hinweisen, nach einer Bestätigung. Er fand sie in seinen Worten. 'Mit Nhel geflirtet' war nun wirklich kein Grund, um eine heiße Nacht auszuschlagen. Es war aber sehr wohl ein Grund, um daran zu zweifeln, dass das Herz für einen Mann schlug, wenn man sich einem anderen hingab. Doch Haydars Herz schlug, hart und schnell und schmerzhaft. Es ging nicht länger um eine Nacht, um einen Liebestanz zwischen den Laken. Es ging um mehr.

Ramin war kein Mann für leichte Abenteuer. Man bekam ihn ganz oder gar nicht, Haydar wusste das doch! War er der Grund, warum sein Bootsmann keinen Gefährten hatte? Weil Ramin ihn... Und jetzt hatten sie... Obwohl er all das gewusst hätte, wenn er darüber nachgedacht hätte, hatte Haydar Ramin in sein Bett geholt. Obwohl er wusste, was es für Ramin bedeuten würde.

"Wie lange?", fragte er heiser. 'Wie lange liebst du mich schon?'

"Ähm..." Verlegen wandte Ramin seinen Kopf ab. "Länger." So genau wusste er gar nicht, wann es begonnen hatte.

Sanft drehte Haydar Ramins Kopf wieder zurück. Er streichelte ihm über das Haar, fuhr mit den Fingerspitzen die Wange entlang, während er ihn einfach nur ansah. 'Mehr haben können' hatte Ramin gesagt, und das hieß 'alles'. Vorsichtig und voller Zärtlichkeit küsste er seinen Mund.

"Wir sind Piraten", sagte er schließlich mit einem weichen, neckenden Lächeln. "Piraten verschenken nichts. Was ist der Auslösepreis deines Herzens?"

Genießend schloss Ramin die Augen. Den Kuss erwidernd umarmte er Haydar. "Hm... wie wäre es mit deinem Herzen?", fragte er schließlich und hielt den Atem an. War er zu weit gegangen?

Wenn man solche Fragen stellte, musste man mit solchen Antworten rechnen. Bisher hatte Haydar diese Art Gespräch als überzogen empfunden, als übertrieben kitschig, als etwas, das man Jungfrauen erzählte, um sie ins Bett zu kriegen – und mit Frauen hatte er wenig Erfahrung, mit unberührten gar keine. Das war nicht seine Welt.

Jetzt streichelte er über Ramins Schulter, brachte ihn dazu, einen Arm zu lösen und tastete sich bis zur Hand vor. Er küsste die Fingerrücken, dann stützte er sich auf den linken Ellbogen und brachte etwas Abstand zwischen ihre Körper. Ramins Hand auf seine Brust legend und ihm in die Augen sehend sagte er nur: "Bitte."

Als sich Haydar von ihm löste, hatte Ramin panische Angst, dass er wirklich zu weit gegangen war, aber dann.... "Du...du....meinst du das ernst?" Fassungslos sah er ihn an. Damit hatte er nicht ernsthaft gerechnet. Dieser Tag brachte viele Überraschungen.

"Es war der verlangte Preis. Ich zahle ihn. Willst du jetzt einen Rückzieher machen?" Haydar lachte leise und warm.
Ramin strahlte ihn an und zog Haydar in eine feste Umarmung. "Nie im Leben", antwortete er ernst.

Das klang nach einer Ewigkeit. Nie. Nie im Leben. Und gerade für diesen Augenblick erschien Haydar das herrlich. Er küsste Ramin innig und plante nicht, damit für die nächste Ewigkeit aufzuhören, was Ramin sehr begrüßte und jeden seiner Küsse schon fast leidenschaftlich erwiderte.

Ohne von Ramins verlockenden Lippen zu lassen, kniete sich Haydar über ihn. Er hatte nicht gelogen, er wollte ihn spüren, er wollte ihn lieben, jetzt noch mehr als zuvor. Seine Hände glitten unter das Hemd und streichelten auf der nackten Haut weiter, fuhren die Rippen nach, strichen über den flachen Bauch und zur Brust empor. Zart umkreiste er die Brustwarzen mit den Fingerkuppen, spürte, wie die Warzenhöfe sich zusammenzogen und die Brustwarzen sich aufrichteten. Er lächelte auf Ramins Mund und vertiefte den Kuss noch, als er die kleinen Perlen zwischen Daumen und Zeigefinger neckte.

Ramin genoss die Berührungen, aber sein Hemd störte. Also richtete er sich halb auf und zog es sich über den Kopf. Haydars musste bei dieser Gelegenheit auch gleich weichen. Nun konnte er ihn ebenso streicheln und ansehen, ohne das störender Stoff ihn behinderte.

Haydar genoss die neue Freiheit, indem er seinen Blick über Ramins Oberkörper schweifen ließ. Es gab Männer, die sahen bis auf den fehlenden Busen aus wie Frauen. Es gab welche, die eher Bären als Menschen glichen. Ramin hingegen war perfekt. Mit der richtigen Menge an geschmeidigen Muskeln; mit Haut, die weder bleich wie eine Made noch verbrannt von der Sonne war; perfekt, weil er sich wie ein Mann anfasste und wie ein Mann roch. Perfekt, weil er nicht perfekt war. Haydar küsste eine blasse Narbe auf seiner Seite, von der er wusste, wie sie entstanden war. Er selbst hatte den Bastard getötet, der es gewagt hatte, Ramin im Kampf zu verletzen.

Ramins Rotschimmer verstärkte sich noch, als er so gemustert wurde. Dabei kannte Haydar doch seinen Körper. In warmen Gewässern war er oft genug nur mit Hose bekleidet an Deck. Sein Blick wanderte über Haydars Oberkörper, und er strich zärtlich über die Haut und die darunterliegenden Muskeln.

Haydar gab einen leisen Laut des Wohlbehagens von sich. Dieses Mal würde es so werden, wie er am liebsten liebte. Langsam, mit Zeit und Hingabe. Aber manchmal – er grinste – war das einfach nicht möglich. Zart bedeckte er Ramins Brust und Bauch mit kleinen Küssen und Bissen, neckte hier mit den Zähnen, liebkoste dort mit der Zunge. Ramin schmeckte sogar perfekt. Leicht salzig und nach sich.

Als er den Hosenbund erreichte, sah er auf. Schon wieder war Ramins Gesicht gerötet, aber er wusste nicht, ob vor Erregung oder Verlegenheit. Haydar lächelte ihm zu, dann öffnete er die Hose und zog sie über Ramins Hüften hinab. Das Glied seines Freundes war bereits hart, Haydar drückte auch darauf einen Kuss. Er streifte ihm die Hose ganz ab, dann legte er sich wieder neben ihn und küsste seinen Mund, während er mit einer Hand die Innenseite seiner Oberschenkel streichelte.

Ramin keuchte vor Erregung auf. Haydar wusste wirklich, was er da tat. Nur ob Ramin durchhalten würde, wenn der Käpt'n ihn weiter so verwöhnte, konnte er nicht sagen. Er musste sich ablenken. Und was gab es da besseres, als Haydar selbst zu erregen. Außerdem war es ungerecht; er war nackt, denn seine Stiefel waren ihm gleich mit der Hose ausgezogen worden. Also öffnete er nun Haydars eigene Hose und zupfte an ihr.

Haydar schmunzelte über die zaghafte Geste. Er trat die Stiefel von den Füßen, rollte auf den Rücken und zog die Hose selbst aus. Ohne sich zurückzudrehen, wandte er Ramin den Kopf zu und lächelte. "Besser? Dann komm her, Pirat." Er warf einen eindeutigen Blick auf seinen eigenen Schoß und neckte: "Ich könnte Hilfe gebrauchen, die Takelage ist noch nicht bereit."

Ramins Rotton vertiefte sich. Trotzdem rutschte er näher an Haydar heran und sah die betreffende Stelle kritisch an. Haydar war erst leicht erregt, aber das ließ sich ändern. "Käpt'n, Ihr wisst doch, dass das Schiff so nicht seetüchtig ist", antwortete er schließlich grinsend, während eine Hand nach unten glitt und Haydar umfasste.

Haydar stöhnte leise auf, die Berührung tat gut. "Wenn der Mast nicht steht, fährt die Lady nicht." Breit erwiderte er Ramins Grinsen. "Das ist dein Fachgebiet, Bootsmann. Ich vertraue darauf, dass du es richten wirst."

"Dein Vertrauen ehrt mich", antwortete Ramin schmunzelnd. "Wollen wir doch mal sehen, ob ich wirklich so gut bin." Nachdenklich sah er Haydar an. Ob er vielleicht.... Er rutschte nach unten und küsste die Eichel, ehe er Haydar schließlich in den Mund nahm.

Wieder stöhnte Haydar tief, als köstliche Erregung durch ihn hindurch schoss. Unter Ramins geschickter Zunge und den wissenden Lippen wurde er verdammt schnell hart. Es war aber auch sehr aufregend, Ramin dabei zu beobachten, wie er seine Männlichkeit verwöhnte. Unwillkürlich hob er ihm die Hüften entgegen.

"Wusste ich doch", sagte er atemlos, "dass du deine Arbeit verstehst."

Ramin grinste leicht. Er würde schon dafür sorgen, dass Haydar nicht mehr das letzte Wort hatte. Rhythmisch bewegte er seinen Kopf auf und ab, hielt immer wieder inne, um an dem Glied zu saugen und zu knabbern.

"Ah... Ja, genau so..." Haydars Stöhnen wurde lauter, passte sich an den Rhythmus an, in dem Ramin ihn liebkoste. Oh verdammt, war das gut! Er griff nach ihm, vergrub die Hand in seinem Haar, erst, um ihn zu führen, dann um ihn energisch wegzuschieben. Zu gut war es, er wollte noch nicht kommen.

Er drängte Ramin zurück, rollte auf ihn und küsste ihn leidenschaftlich, während er seinen Schoß gegen Ramins presste. Auch Ramin war mittlerweile richtig hart, er konnte die Hitze an seiner eigenen Erektion spüren. Rau streichelte er über Ramins Seiten, fuhr mit den Händen hinab und drängte sie auf Ramins Hintern, um ihn zu massieren, zu kneten und den trainierten Körper noch enger gegen sich zu pressen.

Die Hitze in Ramin stieg immer weiter. Zu gerne wollte er das gleiche wie am Vortag mit Haydar machen.

"Haydar...wenn du willst, dass ich nachher noch arbeite, sollten wir das nicht tun." Nicht nur nachher, wohl auch die nächsten Tage würde er sich sonst nicht bewegen können. Ob Silver vielleicht etwas dagegen hatte? Selbst wenn, er würde ihn ganz sicher nicht fragen. Er biss sich auf die Lippe. Verdammt, er wollte Haydar spüren!

Haydar strich über Ramins Schultern zu seinen Händen hinab, lenkte Ramins Arme über dessen Kopf und hielt seine Hände auf der Matratze fest. Seine Finger glitten zwischen Ramins. Keuchend bewegte er sich gegen den Bootsmann. "Ich weiß..." Erneut küsste er ihn tief, dann sah er in das gerötete, von Schweiß schimmernde Gesicht hinab. Hitze überschwemmte ihn.

"Verdammt, ich will dich ganz!", stöhnte er. Aber es ging nicht. Doch sie konnten... Haydar hatte es auf diese Weise nicht mehr getan, seit er nicht mehr mit seinem Maat zusammen war. Immer war seither er derjenige gewesen, der die Initiative ergriffen hatte, immer hatte er den anderen genommen. Noch einmal küsste er Ramin, dieses Mal hauchzart. "Und wenn du mich...?"

Ramin vertraute Haydar, auch wenn dieser nun seine Hände festhielt. Bei Haydars Hüftbewegung stöhnte er ungehemmt auf. "Bist du sicher?", keuchte er. So oft hatte er dies noch nicht getan, aber etwas Erfahrung hatte er darin schon.

"Ja." Dieses Mal lagen sie günstiger; Haydar musste sich nur strecken, um an die Flasche zu kommen. Er rollte von Ramin, öffnete das Fläschchen mit einer Hand und gab es ihm.

Ramin richtete sich auf und beugte sich über den Käpt'n, um ihn zu küssen und zu streicheln. Etwas von dem Inhalt auf zwei Fingern verteilend massierte er Haydars Eingang, ehe er schließlich vorsichtig mit einem eindrang.

Haydar umarmte Ramin locker, um ihn zu spüren, aber nicht zu behindern. Mit geschlossenen Augen erwiderte er die Küsse; er wollte nichts sehen, er wollte nur fühlen. Als Ramins Finger zwischen seine Pobacken glitten, nahm er die Beine auseinander, um ihm den Zugang zu erleichtern. Ein lustvoller Laut erstickte in Ramins Mund, als er ihn in sich spürte. Es war angenehm, auf sanfte Art seine Erregung noch weiter steigernd.

Ramin gab sich Mühe, alles ruhig anzugehen. Er konnte fühlen, dass Haydars letztes Mal auf diese Weise sehr lange her sein musste. Also dehnte er ihn langsam und gründlich und benutzte sehr viel von dem Öl aus dem Fläschchen. Behutsam nahm er nun einen zweiten Finger hinzu und beobachtete Haydars Reaktion darauf.

Es war ungewohnt nach all der Zeit, aber Ramin war geduldig – geduldiger als er selbst. Haydar fühlte neben der ansteigenden Erregung hauptsächlich eines, Vertrauen. Das war es, was den Unterschied machte. Er öffnete die Augen, sah in Ramins angespanntes Gesicht und lächelte. Er hatte selten weit genug vertraut, um das zuzulassen. Bei seinem Freund war es einfach. Ramin bewegte die Finger in ihm, traf einen empfindlichen Punkt, und Haydar stöhnte überrascht laut auf, als ein heller Lustblitz durch ihn zuckte.

Ramin grinste zufrieden. Seine eigene Erregung schob er einfach beiseite. Das war jetzt nicht wichtig. Wichtig war nur, dass er Haydars Vertrauen nicht missbrauchte. Vorsichtig nahm er noch einen dritten Finger dazu. Wenn alles gut ging, würden sie gleich weiter gehen können. Er berührte mit diesen Fingern dieselbe Stelle wie eben.

Haydars Lust schoss schlagartig empor. Mit einem heiseren Aufschrei drängte er sich Ramin entgegen, seine Arme schlossen sich fest um seinen Freund und zogen ihn an sich. "Verdammt, hör auf zu spielen", befahl er keuchend, aber brach erstickt ab, weil Ramin ihn wieder dort berührte.

"Du bist zu ungeduldig", ärgerte ihn Ramin und wartete noch etwas ab, um ihn zu necken. Erst als Haydar wieder und wieder laut aufstöhnte, zog er die Finger zurück, rieb schnell seine eigene Erregung ein, positionierte sich und drang langsam und vorsichtig ein. Aufstöhnend versuchte er sich zusammenzureißen.

Haydar konnte nicht warten. Er schlang die Beine um Ramins Hüften, die Arme um seine Schultern und zog ihn mit einem Ruck an und in sich. Es war verdammt gut, ihn ganz in sich zu fühlen! Rau ließ er die Hände zu Ramins Hintern hinab streichen, umfing ihn mit festem Griff und drängte ihn, sich endlich zu bewegen.

Überrascht schrie Ramin auf. Es tat so unglaublich gut, Haydar zu spüren, aber er wollte es doch langsam angehen! Doch der Käpt'n drängte ihn weiter zu machen. Stöhnend ließ er seinen Kopf auf Haydars Schulter sinken und begann, sich in ihm zu bewegen.

Stöhnend kam ihm Haydar bei jedem Stoß entgegen; er presste den kräftigen Körper an sich, spürte das Spiel seiner geschmeidigen Muskeln unter der Haut. Ramin roch nach Lust. "Hör auf, dich zurückzuhalten, Ramin! Ich werde wahnsinnig, wenn du so weitermachst!"

"Wenn du unbedingt nachher nicht laufen können willst..." Keuchend stieß Ramin fester zu. Mit jedem Stoß wurde er härter und schneller. Es war zu spät. Zurückhalten konnte er sich nicht mehr.

Haydar brauchte nicht mehr lange. Er kam mit einem Aufschrei, bäumte sich Ramin entgegen und sackte dann in sich zusammen. Einen Moment blieb er atemlos liegen, kaum fähig zu denken. Verspätet erst bekam er mit, dass Ramin noch nicht fertig war. Sein Freund hatte sich zu sehr auf ihn konzentriert.

Er lächelte und begann, sich wieder mit ihm zu bewegen, um ihn anzutreiben. Es war herrlich, die Lust, die Erregung in Ramins sonst so beherrschtem Gesicht zu beobachten. Haydar wollte sehen, wie er den Höhepunkt erreichte, wollte wissen, wie offen er in diesem intimsten Moment war.

Ramin spürte, wie Haydar kam und konnte doch nicht aufhören weiter zuzustoßen. Stöhnend bewegte er sich Haydar entgegen und kam schließlich wenig später mit einem lauten Aufschrei, der sich verdammt nach "Haydar!" anhörte. Das würde wieder Gerüchte auf der Lady hinauf beschwören, aber das war Ramin in dem Moment herzlich egal. Er sackte auf Haydar zusammen, konnte dessen Geruch wahrnehmen und genoss es, einfach nur dazu liegen und an nichts denken zu müssen.

Haydar streichelte den verschwitzten Rücken seines Freundes – seines Geliebten – und fühlte sich herrlich. Herrlich entspannt, herrlich gelöst, ... glücklich. Als er sich bewegte, glitt Ramin aus ihm. Haydar spürte nur ein leichtes Brennen, ein unbedeutendes Pochen, das schnell aufhören würde.

Grinsend sah ihn Ramin an und küsste ihn zärtlich. Die beiden letzten Tagen hatten eine interessante Entwicklung in sein.... nein, in ihr Leben gebracht. "Alles in Ordnung?"

"Alles bestens, Bootsmann. Ich wusste doch, dass du der beste Mann für den Job bist." Haydar grinste ebenfalls, dann sagte er offen: "Du bist verdammt gut."

Anscheinend würde Ramins neue Gesichtsfarbe rot sein. "Hab mich bemüht", nuschelte er verlegen.

*

Ambros war anscheinend länger beschäftigt gewesen, als er angenommen hatte, denn der Großteil des Chilis war bereits aufgegessen. Als ihm die Art der 'Beschäftigung' wieder einfiel, bekam er erneut einen Hauch Farbe im Gesicht. Nachdem er sich seine Schale gefüllt hatte, entdeckte er Nhel, in dessen Nähe der Schiffbrüchige saß und beschloss, dass die beiden eine nette Gesellschaft beim Essen wären. Sie würden ihn ablenken. Er grinste, als er an die Begeisterung dachte, mit der Nhel immer aß. Während er noch die Richtung zu ihm einschlug, winkte Nhel auch schon kurz.

"Ambros, welch seltener Gast an Deck", sagte Nhel fröhlich, als der Smutje sich zu ihnen setzte. Gleich stellte er Torben und Ambros einander vor.

"Übrigens war das Chili ganz ausgezeichnet – wie üblich", sagte er nach der Begrüßung und zwinkerte ihm zu.

Ambros schmunzelte. "Danke, aber ich denke, der Tag, an dem du mal irgendwas nicht magst, den gibt es nicht."

Ertappt grinste Nhel und stieß Ambros freundschaftlich den Ellenbogen in die Seite. "Ich doch nicht."

Ambros musste lachen und wandte sich zu Torben. "Ich hoffe, dass es schmeckt. Den hier braucht man ja nicht fragen, obwohl es natürlich schön ist, dass man einen sicher hat, der mit Begeisterung isst." Noch immer grinsend begann auch er zu essen.

Der Smutje war ein Mann, mit dem man sich besser gut stellte, das hatte Torben gleich auf seinem ersten Schiff gelernt. Es konnte ziemlich unappetitliche Folgen haben, wenn der einen im Visier hatte. Aber Ambros wirkte nicht, als würde er Schießpulver oder abgeschnittene Fußnägel unters Essen mischen, selbst wenn er jemanden nicht mochte.

Während die beiden anderen Männer über Bordalltäglichkeiten redeten, bei dem es hauptsächlich um Crewmitglieder ging, die Torben nicht kannte, genoss er es einfach, das Gesicht in die Sonne zu halten, das leichte Schwanken der Lady zu spüren und zu wissen, dass er am Leben war. Es roch nach erhitztem Holz, nach dem Werk, mit dem vor kurzem wohl erst Ritzen ausgekleidet worden waren, nach Salz und Männern. Die brummelnden Stimmen um ihn sprachen in dem Mischmasch aus Spanisch, Englisch und Platt, das in unterschiedlicher Gewichtung auf jedem Schiff benutzt wurde.

Müde und satt driftete er weg, die Stimmen wurden leiser und verstummten. Das Sonnenlicht verblasste, der Wind frischte auf. Es war nass, es war kalt. Eine haushohe Welle türmte sich vor der Lady auf, um ihn herum tobte die Hölle. Torben riss den Kopf hoch und die Augen auf.

"Heiliges Kanonenrohr!", fluchte er auf deutsch, als Sonne und Stimmen zurückkamen und sah sich erschrocken um. Er musste eingenickt sein, hier gab es weder Sturm noch turmhohe Wellen.

Nhel sah zu Torben hin, als dieser etwas in einer unbekannten Sprache sagte. Es hörte sich fast wie ein Fluch an. "Alles in Ordnung, mein Riese?"

"Ja, alles in Ordnung", antwortete Torben und wusste, dass er log.

Misstrauisch sah Nhel ihn an. Er hatte bemerkt, wie Torben weggedöst war. Hatte er Alpträume? Sein Riese war beinahe gestorben, von daher wäre es nicht verwunderlich.

Torben rieb sich über das Gesicht. Er musste irgendetwas finden, das ihn so erschöpfte, dass er am Abend nur noch todmüde war, zu müde für Alpträume, sonst würde das eine raue Nacht werden. Oder er musste sich betrinken. Doch Alkohol kam nicht in Frage, auf den meisten Schiffen herrschte aus gutem Grund ein Verbot von allem, was stärker war als Bier. Der Suff brachte nicht nur die Mannschaft, sondern auch das Schiff in Gefahr.

"Du sprichst Deutsch?", kam es erstaunt von Ambros, ebenfalls auf deutsch. Es war länger her, dass er jemanden getroffen hatte, mit dem er sich in seiner Muttersprache unterhalten konnte.

"Klar spreche ich Deutsch!" Torben blinzelte freudig überrascht und lachte, fuhr dann aber im typischen Sprachenmischmasch fort, um seinen Meermann nicht auszuschließen. "Hamburg ist meine Heimatstadt! Du bist doch nicht etwa aus Deutschland?"

"Das ist ja witzig! Ja, da komme ich auch her", erwiderte Ambros und lachte ebenfalls. "So klein ist die Welt."

Torben grinste. "Unerwartet, aber schön, nicht mehr der einzige deutsche Riese zu sein. Allein das wäre ja ein Grund, auf der Lady anzuheuern."

Auf diese Bemerkung hin lachte Ambros auf. "Na ja, als Riese würde ich mich nun nicht gerade bezeichnen, aber als Zwerg gehe ich tatsächlich nicht durch." Er mochte Torben, ein guter Humor.

Erleichtert stellte Nhel fest, dass das Gespräch nicht in dieser merkwürdigen Sprache fortgeführt wurde. Die beiden unterhielten sich bald angeregt über ihre Heimatstadt. Eine kleine Pause in ihrer Unterhaltung nutzend lehnte er sich kurz zu Torben und sagte ernst: "Ich habe heute Nacht das Steuer; wenn du nicht schlafen kannst, kannst du mir gerne Gesellschaft leisten. Bei so ruhigem Seegang ist es meist sehr langweilig dort."

"Ah, ich weiß noch gar nicht, wo ich unterkomme. Der Käpt'n hat nichts gesagt. Bei dir ja wohl kaum." Torben grinste breit, auch wenn der Gedanke an die geteilte Kajüte aus mehreren Gründen verlockend war. Schon länger hatte er nicht mehr in der Mannschaftsunterkunft sein Quartier gehabt, es würde ein Umstellung sein mit allem, was dazu gehörte. Fluchen, Schnarchen in verschiedenen Tonlagen und Lautstärken, Stöhnen... "Euer Quartiermeister wird mir schon ein freies Eckchen weisen können."

"Du bist natürlich immer noch bei mir untergebracht", erwiderte Nhel ruhig. Der Käpt'n hatte bisher nichts Gegenteiliges verlauten lassen und solange von diesem nichts kam, teilte er weiterhin seine Kajüte mit dem großen Mann.

Als Ambros sich schließlich verabschiedete, streckte sich Nhel und stand ebenfalls auf. Sich zu Torben umdrehend lächelte er ihm zu. "Na los, mein Riese, du wolltest das Schiff sehen."

*

Haydar lächelte zufrieden, als er schließlich seine Kajüte verließ. Sie hatten sich noch einmal geliebt, und er fühlte sich verdammt gut. Ramin schlief im breiten Kapitänsbett, er war nach seinem letzten Orgasmus einfach eingenickt; Haydar hatte nicht vor, ihn zu wecken. Aber er selbst konnte noch nicht schlafen – oder einfach nur mit offenen Augen träumend neben seinem unerwarteten Geliebten liegen. Es gab einen Neuen, dessen Rang er klar stellen musste.

Die Nacht war im Vormarsch, der Himmel ein Zelt voller Sterne. Kleine Wellen schlugen gegen den Rumpf der Lady und gluckerten leise. Die Segel rauschten, die Luft roch sauber und nach der See. Haydars Lächeln vertiefte sich. Er liebte sein Leben, liebte es mehr, als er sich vorstellen konnte, dass er sein altes je hätte lieben können. Dennoch hoffte er, seinem Onkel eines Tages den Hals durchschneiden zu dürfen.

Er winkte Nhel zu, der lässig auf das Steuer gelehnt stand. Haydar war sich sicher, dass er eben noch seine Übungen gemacht hatte, ehe die Tür gegangen war. Nhel hatte Ohren wie ein Luchs. Haydars Lächeln wurde zu einem Grinsen. Das war nicht unbedingt von Vorteil, wenn man Wand an Wand mit ihm lebte. Zumindest jetzt nicht. Mit weit greifenden Schritten überquerte er das Deck, stieg die steile Treppe zu den Mannschaftsräumen hinab und betrat die Messe.


© by Pandorah, ChichiU, Katsumi & Witch23