Stürmische Herzen der Meere
Part 2: Ein Schiffbrüchiger

3.

Silver hatte den Nachmittag über seinen Notizen verbracht, jetzt war es dunkel geworden und sein Nacken schmerzte. Hungrig war er auch wieder. Er ließ Sand über die feuchte Tinte rieseln und blies ihn weg, als dieser die überschüssige Feuchtigkeit aufgenommen hatte. Momente später war die Schrift getrocknet. Silver räumte die Schreibsachen seetauglich weg, dann stand er auf und streckte sich. Ambros hatte bestimmt noch Chili für ihn übrig, falls es nicht schon Abendessen gab.

Ein Lächeln huschte über seine Lippen, als ihm einfiel, wie sie sich am Mittag getrennt hatten. Ob er dem großen Mann noch einen Kuss stehlen konnte? Silver beteiligte sich nie am Kapern, seine Dienste wurden im Anschluss gebraucht. Aber hier wollte er gerne selbst seine räuberischen Fähigkeiten austesten. Beschwingt verließ er seine Kajüte, klopfte an der Kombüsentür, um Ambros nicht zu erschrecken, während dieser einen heißen Topf in den Händen hielt, dann öffnete er. "Ahoy, Smut."

Ambros schrak ein wenig zusammen, als er die Stimme des Docs hinter sich hörte. 'Verdammt, den hatte ich ganz vergessen', ging es ihm durch den Kopf. Er versuchte, ihn vorerst zu ignorieren, ebenso wie sein mit einem Mal schneller schlagendes Herz.

Dass Ambros sich nicht umwandte, war ungewohnt. Silver grinste in sich hinein. Bemerkt hatte er ihn auf jeden Fall, wie sein Zusammenfahren verriet. Silver überzeugte sich davon, dass Ambros weder Messer noch heiße Töpfe in den Händen hielt. Seine Tuchschuhe, die er ausschließlich an Bord trug, machten kaum ein Geräusch, als er dann von hinten an den Smutje trat. Er legte ihm die Hände auf die Hüften, zog ihn leicht gegen sich und küsste ihn auf den Hals.

'Ist Silver jetzt gegangen?', dachte Ambros, doch wurde im selben Augenblick eines besseren belehrt. Er erschrak, als er die weichen Lippen auf seiner Haut spürte und versteifte sich einen Moment lang. Röte schoss in seine Wangen, doch bevor er sich entschließen konnte, was er tun sollte, wurde die Tür geöffnet.

Silver fluchte selten, aber jetzt tat er es. Ein einzelnes, französisches Wort entkam ihm. "Merde..." Als er sich nach dem Störenfried umdrehte, sah er in das blasse Gesicht des Schiffsjungen. Grimmig erwiderte er dessen Blick.

"Ich... wollte nur helfen", piepste der Junge erschrocken.

Ambros hingegen war erleichtert über die Unterbrechung, obwohl er eingestehen musste, dass sich der Kuss angenehm angefühlt hatte. Nur was das ganze sollte, war ihm immer noch schleierhaft. Nach einem Moment des blicklosen Starrens ging ihm auf, dass der Doc gerade auf Französisch geflucht hatte, wahrscheinlich war er also Franzose. Das war auch eine der Sachen, die Ambros an der Seefahrt faszinierte, man traf unglaublich viele Leute aus unterschiedlichen Kulturen und dadurch auch Esskulturen.

Noch während er darüber nachsann, nahm er das Essen von der Flamme, damit nichts passieren konnte. Erst dann drehte er sich um. "Lieb von dir, aber du bist zu spät. Alles ist fertig."

Der Junge nickte mit kläglicher Miene und huschte wieder davon, offensichtlich froh, dem stechenden Blick des Schiffsarztes entkommen zu sein. Silver schnaubte ungehalten, auch wenn es keinen Sinn hatte, sich über eine verpasste Gelegenheit zu ärgern.

Mit einem Schritt trat er erneut zu Ambros und küsste ihn auf die Wange. "Ich würde gerne dort weitermachen, wo wir aufgehört haben, Smut. Aber wenn die Mannschaft auf ihr Essen warten muss, hat selbst der Doc nichts mehr zu lachen."

Wieder schoss Ambros das Blut in den Kopf. Um bloß aus der Reichweite von Silver zu kommen, öffnete er hastig die Luke und fing an, den Topf herunterzulassen.

Silver grinste. Er sah auf Ambros' Hintern und befand, dass er diesem bisher nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt hatte – knackig war er! Überhaupt waren ihm im Laufe dieses Tages Dinge am Smutje aufgefallen, die er bisher nicht beachtet hatte. Offensichtlich hatte er schon zu lange niemanden mehr in seinem Bett gehabt.

'Samenkoller', dachte er trocken. Er hielt dennoch seine Hände bei sich, denn er traute es Ambros durchaus zu, das Essen vor Schreck fallen zu lassen.

Eilig stieg Ambros ebenfalls in die Messe und bugsierte mit geübtem Griff den Topf in die dafür vorgesehene Halterung. Er vergewisserte sich, dass alles hielt und schaute sich einmal um. Als er Torben an einem der Tische sitzen sah, hob er einmal zum Gruß die Hand, dann nahm er den Schöpflöffel, schlug gegen den Topf und rief laut: "Essen fassen!"

Silver folgte ihm erst langsam nach unten, als er den Ruf hörte. Sein Smut sollte Gelegenheit haben, sich wieder zu fangen. Gut gelaunte Stimmen empfingen ihn. Die Männer lachten und schwatzten, die Tische waren dicht besetzt. Silvers Blick streifte über die bekannten Gesichter, die meisten rau und vom Leben gezeichnet. Viele hatten eine schwere Vergangenheit hinter sich gebracht, ehe sie an Bord der Lady gekommen waren. Auch hier war das Leben nicht immer einfach, aber es war gut. Oft fühlte es sich an wie etwas, das Silver lange nicht mehr kannte. Familie.

Er nahm sich eine Schale Eintopf und steuerte dann einen Tisch an, die Männer rückten beiseite und machten ihm Platz. Jemand schlug ihm lachend auf die Schulter. Silver lächelte schmal, setzte sich und wusste, dass er nicht dazu gehörte. Aber fremd war er auch nicht. Und das war ein Gewinn.

*

Torben hatte einen guten Eindruck von der Lady gewonnen, als sie nach Stunden der Besichtigung zurück an Deck kehrten. Ein gutes Schiff, tipptopp in Schuss – bis auf die Kanonen und die Schusswaffen – sauber, kaum Ratten, ordentlich geführt und verproviantiert. Hier musste keiner Hunger leiden.

Eigentlich sollte man meinen, eine Dreimastbark wie die Lady sei innerhalb von Minuten besichtigt, doch Nhel kannte das Schiff nicht nur oberflächlich. Er zeigte ihm alles, stellte ihn der Mannschaft vor, erklärte und antwortete bereitwillig auf jede Frage. Bei sich dachte Torben, dass er zu vertrauensselig war; immerhin hatte er selbst auf einem Schiff der Marine gedient. Gut, er würde das Wissen auf keinen Fall gegen die Lady verwenden, aber das war nicht selbstverständlich. Oder sah man ihm seine Prinzipien schon an der Nasenspitze an?

Er streckte sich, nachdem sie aus der Luke geklettert waren. Der würzige Duft von Eintopf hüllte das Deck ein. Die Lady war ein schönes Schiff, aber die generelle Deckenhöhe war trotzdem nicht für Männer wie ihn gemacht. Die Sonne näherte sich dem Horizont und tauchte die wenigen Schleierwolken in feuriges Rot und Gold, im Osten färbte sich der Himmel bereits mit der Dunkelheit von violetter Tinte. Erste Sterne waren zu sehen, und die Sichel des Mondes wagte sich gerade blass über den Horizont. Die Positionslichter waren entzündet, aus den Fenstern der Kombüse schimmerte Licht.

"Ich muss wieder ans Steuer." Nhel unterdrückte ein Seufzen; es würde eine lange Nacht werden, müde wie er war und mit dieser ruhigen See. Das Deck begann sich langsam zu leeren. "Es steht dir frei zu tun, auf was du Lust hast." Er sah seinen Riesen noch einmal an und ging zum Steuerrad. Nicht einmal mehr zum Schlafen war er gekommen.

Torben nickte und schaute dem blauhaarigen Mann hinterher. Er wusste nicht so recht, was er mit sich anfangen sollte. Zum Schlafen war es zu früh, und er fürchtete die Albträume, die auf ihn warten mochten. Nach einem Moment des Nachdenkens entschied er, dass der beste Platz die Messe war. Dort würde er die anderen besser kennenlernen, dort kam man leicht ins Gespräch. Und es war ohnehin außer dem Deck der am meisten genutzte Aufenthaltsraum.

*

Mit weit ausgreifenden Schritten überquerte Haydar das Deck, stieg die steile Treppe zu den Mannschaftsräumen hinab und betrat die Messe. Bis auf die Männer, die Pflicht hatten, war fast seine gesamte Crew versammelt, das war gut. Wahrscheinlich waren sie neugierig auf den Neuen. Haydar war sich noch nicht sicher, wie er Torben einzuschätzen hatte. Ein ehrliches Gesicht, zuverlässig, vertrauenswürdig. Aber konnte er damit leben, Pirat zu sein?

"Der Käpt'n", raunte jemand, ein anderer grinste, das Raunen ging weiter, das Grinsen breitete sich aus.

Haydar lachte. Ramin und er waren gehört worden, da konnte er sich sicher sein. Gut, sie waren auch beide nicht gerade leise gewesen. Und wie so oft war Angriff die beste Verteidigung. Man durfte eben nicht zimperlich sein, wenn man so dicht auf einem Haufen hockte.

"Ja, der Käpt'n", sagte er. "Kaum zu glauben, dass man den in der Messe seiner Lady antrifft, was? Aber wer arbeitet", er zwinkerte und machte eine eindeutige Hüftbewegung, die Männer grölten auf, "der muss auch sehen, dass er bei Kräften bleibt."

Als sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatten, fuhr Haydar fort: "Und da ihr alle nicht blind seid und im Zweifelsfall die Gerüchte schneller als die Lady segeln, habt ihr unseren Neuen natürlich alle schon begutachtet. Prägt euch sein Gesicht nur gut ein. Neptun war uns wohlgesonnen und hat uns einen neuen Waffenmeister an Bord gespült. Für eine Woche auf Probe. Ab morgen kümmert er sich um alles, was auch nur im entferntesten mit Schwarzpulver und Waffensigille zu tun hat. Tyler", er nickte dem Seemann zu, der sich bisher in Ermangelung eines Sprengmeisters darum gekümmert hatte, "du stehst ihm zur Seite. Smutje? Zur Feier des Tages gibt es einen Becher Rum für jeden!"

Das Grölen wurde ohrenbetäubend. Alkohol auf See gab es nur selten auf der Lady, Trunkenheit war zu gefährlich, sowohl für die Lady wie auch die Crew. Aber es war immer ein guter Einstand. Haydar grinste, klopfte Torben auf die Schulter und verließ dann mit zwei Schalen Eintopf die Messe.

Grinsend dachte Torben bei sich, dass es ziemlich geschickt vom Käpt'n war, seine neue Position als Waffenmeister mit Rum zu verknüpfen. Das stimmte die Männer gleich freundlich und hob die Laune. Immerhin war er erst am Morgen auf eher ungewöhnliche Art an Bord gekommen. Jetzt wurde ihm von allen Seiten auf die Schulter geklopft, als sei er schon länger dabei, man beglückwünschte ihn, und er musste so oft anstoßen, dass aus Rum bald wieder Wasser wurde.

*

Es war ein lustiger Abend geworden, beeinflusst durch den Rum. Ambros hatte den Scherz des Käpt'ns zwar nicht verstanden, aber das war ihm sowieso egal. Mitlachen konnte genauso viel Spaß machen, und Lachen macht ihm Spaß.

Als einige Männer wieder gingen, um diejenigen abzulösen, die noch nicht gegessen hatten, machte er sich daran, schon mal das Geschirr nach oben zu schaffen, damit es gewaschen werden konnte.

Silver beobachtete Ambros unauffällig aus dem Augenwinkel. Die Mannschaft ging sein neues Interesse nichts an, und er konnte das gut, im Schatten verschmelzen, obwohl er mitten im Raum war; zu sehen, ohne gesehen zu werden. Geschäftig eilte der Smutje zwischen den Tischen umher, sein geflochtener Zopf schimmerte im Licht der Gaslampen beinahe rötlich. Silver fragte sich, wie Ambros wohl aussah, wenn er das Haar einmal offen trug. Er würde es herausfinden.

Geschmeidig stand er auf und ging zur Treppe, die in die Kombüse führte. Im Vorbeigehen nahm er einen Stapel Schalen mit, die Ambros bereits zusammengeräumt hatte. Als der Smutje wieder herunter kam, trat Silver ihm entgegen. Mit einem kleinen Lächeln, das gerade einmal seine Mundwinkel berührte, reichte er ihm die Schalen. Automatisch griff Ambros danach, wie er es immer tat, und Silver nutzte die Gelegenheit, ihm über die Hände zu streicheln, als er das Geschirr losließ.

Wieder wurde Ambros leicht rot, er riss die Augen ein Stück auf, drehte sich in der Bewegung um und ging zügig nach oben. 'Verdammt, wieso renne ich ihm jetzt ständig über den Weg?'

Silver folgte ihm. Noch ehe er ganz oben war, löste er die Sicherheitsverrieglung der Klappe und stieß sie dann mit einem Fuß zu, kaum dass er die Kombüse betreten hatte. Ambros zuckte zusammen, aber stellte nur die Schalen ab, offensichtlich fest entschlossen, ihn zu ignorieren. Silver war das nur recht, er hatte vor, genau dort weiterzumachen, wo der Schiffsjunge sie unterbrochen hatte.

Er trat zu ihm, ließ die Hände links und rechts des blonden Zopfs von oben nach unten über Ambros' Rücken gleiten, dann schob er sie unter Ambros' Armen hindurch über die Seiten nach vorne. Locker ließ er sie auf dem Bauch des Smutje ruhen, seine Daumen berührten gerade den untersten Rippenbogen.

"Warum läufst du weg?", fragte er, die Stimme bewusst dunkel gehalten, und küsste Ambros zart wie ein Hauch auf die Halsbeuge.

Ambros war tiefrot geworden, sein Herz raste. Warum er weglief? Weil ihn das ganze irritierte! Und das sagte er auch leise.

"Was irritiert dich?" Silver streichelte höher, über Ambros' Seiten und die Brust. Sein Atem streifte den Hals des Mannes, er konnte seinen Duft riechen und mochte ihn. Wieder nippte er mit den Lippen über die weiche Haut und zog den Smutje enger an sich. Das Gefühl des großen Körpers an seinem war schön. "Dass dich jemand begehrt? Oder dass es dir gefällt?"

"Begehrt?", kam es überrascht von Ambros; er machte halbherzige Anstalten, sich von Silver zu lösen, aber war nicht erfolgreich. "Ich bin doch keine Frau!" Man sprach doch nur von Frauen, wenn man von begehren sprach! Oder? Das andere konnte er nicht abstreiten und erwähnte es deswegen auch nicht.

Silver lachte verhalten. "Du bist genauso wenig Frau, wie du Pirat bist, Smut." Er ließ Ambros gerade weit genug Raum, dass der Mann sich umdrehen konnte und festigte dann wieder seinen Griff. "Aber du magst es trotzdem." Wieder nippte er von seinen Lippen; verdammt, sie waren zu weich, zu süß, um ihnen zu widerstehen.

Ambros wollte sich befreien, aber es waren eher zögerliche Versuche, ihm schien die Kraft zu schwinden. 'Verdammt...', war einer seiner letzten klaren Gedanken.

Silver spürte, wie Ambros sich in seinen Armen entspannte, wie er die ohnehin nur halbherzige Gegenwehr aufgab und sich näher an ihn drängte. Zögerlich bewegten sich Ambros' Lippen auf seinen, ungeschickt, als wüsste er nicht recht, was er tun sollte, aber dennoch begierig, mehr herauszufinden. Hatte der Smutje je geküsst? Silver zweifelte fast daran, obwohl es so unwahrscheinlich schien.

Silver küsste eine leichte Spur bis zu seinem Ohr, nippte an dem Ohrläppchen und kitzelte die empfindliche Stelle darunter mit der Zungenspitze, ehe er zu den Lippen zurückkehrte, um Ambros keine Zeit zum Denken zu lassen. Seine Finger fanden den Zopf des Smut; er löste das Band, das ihn hielt und trennte die Strähnen voneinander. Was auch immer hier aus diesem Kuss wurde – er wollte ihn einmal mit offenem Haar sehen.

Ambros wurden die Knie weich, er sackte ein wenig zusammen, nicht in der Lage weiterzurutschen, da Silver ihn hielt. Was geschah nur mit ihm? So hatte er noch nie zuvor gefühlt...

Silver war sich nicht sicher gewesen, doch Ambros' Reaktion machte es zur Gewissheit. Der Mann musste tatsächlich noch Jungfrau sein. Er hatte keine Ahnung von der Liebe. Die zweite Gewissheit war, dass Ambros schwer war; ein Meter neunzig konnten ordentlich wiegen. Silver machte aus der Not eine Tugend und ließ sich mit ihm zu Boden gleiten. Er setzte sich, stützte ihn mit einem Knie und hielt ihn im Arm, während der Smutje wie dahingeflossen lag.

Atemlos wagte Silver, den Kuss zu unterbrechen, um Ambros anzusehen, während er mit den Fingerspitzen den nackten Arm streichelte, die Muskeln entlang fuhr und dann seine Hand umfing. Ambros sah herrlich aus, umgeben von der goldenen Flut seines Haares, mit geröteten Wangen, die Augen geschlossen, seine feuchten Lippen leicht geöffnet. Silver spürte einen warmen, prickelnden Stich im Bauch und küsste ihn erneut. Verdammt, jetzt wollte er ihn, und zwar richtig, nicht nur so spielerisch wie bisher.

Kurz nachdem sich die Lippen von seinen getrennt hatten, öffnete Ambros die Augen. 'Ich sitze auf dem Boden?', kam ihm kurz der Gedanke, bevor ihn der neuerliche Kuss wieder gefangen nahm.

Mit der Zungenspitze fuhr Silver Ambros' Lippen nach, tauchte in den warmen Mund ein und kostete ihn. Köstlich wie Schokolade und doch ganz anders, wieder war da der Gedanke. Vom Mund wanderte er zur empfindlichen Kehle hin, zeichnete kleine Kreise mit der Zunge, blies warmen Atem darüber und neckte ihn erneut mit den Lippen. Dann zog er Ambros' Hand zu sich und küsste die Innenfläche. Zart knabberte er an jeder empfindsamen Fingerkuppe, während er seinen Smut nicht aus dem Auge ließ. Wie schön er war...

Zittrig holte Ambros Atem und schlug die Augen auf, um in Silvers Gesicht zu schauen. 'Sind das meine Hände?' Ihm kam alles so unwirklich vor, dass er seine Finger bewegte, um sich Klarheit zu verschaffen. Dabei strich er einmal kurz über Silvers Kinn, der ihm weiter in die Augen sah. 'Rau', dachte er benommen, als er die Bartstoppeln spürte.

Ein warmes Kribbeln durchlief Silver, als Ambros ihn berührte. Er ließ die Hand los, um das Gesicht seines Smuts streicheln zu können. Zart fuhr er über den Kiefer, über die Stellen an Ambros' Wangen, an denen er die Grübchen wusste, wenn der Smutje aus vollem Hals lachte. Er zeichnete die Lippen nach und beugte sich dann wieder dichter, um ihn erneut tief zu küssen.

Seine Hand kehrte zu Ambros' Arm zurück, aber wandte sich dann dem Hemd zu und öffnete es. Ein kleiner Laut erstickte tief in seiner Kehle, bevor er die Lippen erreichen konnte, als Silver seine Hand auf Ambros' Brust legte.

Erschrocken riss Ambros seine Augen weit auf, als er die Berührung an dieser Stelle spürte. "Hör auf", kam es heiser und atemlos von ihm. Er erschrak über seine eigene Stimme und versuchte aufzuspringen, wurde aber durch seine offenen Haare behindert. Er riss sich selbst den Kopf in den Nacken, wodurch er fast in Panik geriet.

Der heisere Ton von Ambros' Stimme ließ Silver aufstöhnen, die Worte jedoch waren nicht sonderlich ermutigend. Der schlanke Körper bäumte sich auf, und Silver schloss die Arme fester um ihn, um ihn am Weglaufen zu hindern. Verdammt, er wollte ihn so sehr! Er wollte ihn nicht gehen lassen, wollte nicht... Wollte ihn halten, ihn küssen, seinen Körper erkunden, erobern, besitzen.

Mit einem Mal wurde ihm bewusst, dass das Spiel außer Kontrolle geriet. Necken, berühren, verführen war in Ordnung, wenn er die Kontrolle behielt, wenn er wusste, was er tat. Aber jetzt, gerade jetzt verlor er sie. Nicht er beherrschte die Regeln, das Spiel beherrschte ihn.

Aufkeuchend ließ er Ambros los. Mit geweiteten Augen starrte der Smutje ihn an, machte, dass Silver ihn wieder umarmen, das Erschrecken wegküssen wollte. Er brauchte einen langen Atemzug, ehe er sich im Griff hatte. Doch seine Stimme war heiser, als er sagte: "Ich tue nichts, was du nicht willst. Und wenn du es wirklich willst, höre ich auf."

Atemlos und am ganzen Körper zitternd nahm Ambros soweit Abstand, wie er konnte. Am Schrank auf der anderen Seite angekommen blieb er erst einmal sitzen und schaute zu Silver. 'Aufhören.'

"Ja." Mehr als diesen halb erstickten Laut bekam er nicht heraus, der Schreck saß ihm zu tief in den Knochen. Misstrauisch behielt er den Doc im Auge, bereit, sofort aufzuspringen, wenn dieser seine Worte nicht ernst meinte.

"Ja." Silver nickte und fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar, strich die Strähnen zurück, die seinem Zopf entflohen waren. Der Blick, mit dem Ambros ihn bedachte, erschreckte ihn. Als hätte er ihm etwas angetan. Schwerfällig stand er auf, wich einen Schritt zurück und zog sein Hemd zurecht. Noch immer sah Ambros so herrlich aus, umgeben von der goldenen Flut seines Haares.

"Ich wollte dich nicht erschrecken. Es ist nur... du bist so..." Silver fehlten die Worte, das war ungewohnt. "Verzeih." Sein Innerstes war aufgewühlt. Abrupt wandte er sich ab und verließ die Kombüse.

Ambros entspannte sich erst, als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte. 'Ich bin so – was?' Mit leicht zittrigen Knien stand er auf und stützte sich ab; derart wackelig auf den Beinen hatte er sich seit seinem ersten Tag auf See nicht mehr gefühlt. 'Begehrt...' Bei dem Gedanken an das, was nach diesen Wort geschehen war, wurde Ambros erneut rot. Er schaute an sich herunter und beschloss, sich erst mal wieder herzurichten, um ein wenig zur Ruhe zu kommen.

Er ging in seine Kajüte, schloss die Tür hinter sich und machte das erste Mal, seit er an Bord war, vom dem Riegel Gebrauch, ehe er sich in die Koje legte. Die Hände vor den Augen versuchte er zu verstehen, was gerade eben passiert war. Er kam zu keiner Erkenntnis, sondern schlief nach einiger Zeit, in der er nur dem Gedankenkarussell gelauscht hatte, schließlich ein.

Irgendwann in der Nacht schreckt er aus einem Traum hoch, in dem er Silver nicht aufgehalten hatte. Mit klopfendem Herzen saß Ambros da, starrte in die Dunkelheit und versuchte, die diffusen Bilder zu begreifen. Er würde doch nie... oder? Nach einer Weile merkte er, dass er noch immer seine Tageskleidung trug. Offensichtlich war doch nicht alles nur ein Traum gewesen.

Unsicher stand er auf und richtete seine Kleidung. Dann stellte er fest, dass seine Haare offen waren und tastete nach einem Haarband. Flink hatte er den Zopf geflochten und ging in die Kombüse, um nach dem Rechten zu sehen. Silver hatte ihn so verwirrt, dass er nicht mehr daran gedacht hatte.

Der Abwasch war erledigt, das Essen gesichert; Steven hatte wohl bemerkt, dass er sich nicht darum gekümmert hatte und es von sich aus erledigt. Dennoch machte Ambros sich daran, einige Dinge umzuräumen und besser unterzubringen. Die gewohnten Handgriffe beruhigten ihn, wenngleich sie auch nicht seinen Geist beschäftigten. Doch als er fertig war, hatten sich seine Gedanken soweit geklärt, dass er entschied, noch eine Weile zu schlafen; er hoffte nur, dass der Traum nicht zurückkommen würde.

*

Als das Deck sich fast gänzlich geleert hatte, verkeilte Nhel das Steuerrad. Wenn er Nachtwache hatte, nutzte er diese meistens, um seine Übungen zu absolvieren. Seine Kajüte war dazu etwas zu eng. Sein Großvater hatte ihm das Kämpfen beigebracht, und Nhel gedachte nicht, diese Fähigkeiten zu vernachlässigen. Er lockerte seine Muskeln und führte mit geschmeidigen und sicheren Bewegungen verschiedene Tritte und Schläge aus. Leider hatte er seine zwei Kurzschwerter nicht dabei, sodass er ohne sie auskommen musste.

Als sich die ersten Männer aus der Messe zurückzogen, nutzte Torben die Gelegenheit, sich nach einer Anfrage beim Smutje mit einer großen Schale Eintopf ebenfalls zu verabschieden. Ambros nahm es gerne an, dass er dem Steuermann das Essen brachte.

Torbens neuen Sandalen machten kaum ein Geräusch, als er die steile Treppe zum Deck empor stieg, und das, was übrig blieb, wurde von der Lady und der See verschluckt. Er stieß die Tür auf, sah zum Heck hin und blieb mit offenem Mund stehen.

Nhel tanzte.

Es war ein gefährlicher Tanz, voller Kraft, Energie und mit Schlägen und Tritten, aber er war geschmeidig und elegant. Torben starrte beeindruckt, aber ihm blieb nur ein Atemzug. Dann hatte Nhel ihn entdeckt und änderte einen Schlag in ein Winken. Torben winkte zurück und hatte das Gefühl, etwas gesehen zu haben, das nicht für ihn bestimmt war.

Er grinste verlegen, als er das Deck überquerte und die Treppe zum Steuerstand empor stieg. "Hey, ich dachte, ich bringe dir dein Essen, nachdem du mich heute versorgt hast."

"Mein Wunsch wurde erhört. Vielleicht sollte ich das öfter ausprobieren", gluckste Nhel vergnügt. Als er vorhin zum Himmel emporgeblickt hatte, hatte er sich bei einer Sternschnuppe gewünscht, dass er etwas zu essen bekam.

Dankbar nahm er den Eintopf an, setzte sich an das Schanzkleid gelehnt und stürzte sich sogleich auf die Schale, um so sein leichtes Unbehagen zu überspielen, dass Torben ihn bei seinen Übungen beobachtet hatte. Wie lange hatte sein Riese dort gestanden, ehe er ihn bemerkt hatte? Er mochte es nicht, wenn jemand sah, was er wirklich konnte. Zwischen zwei Bissen fragte er: "Ich nehme an, dass dich der Käpt'n bereits vorgestellt hat?"

Nhel hatte diesen vorhin kurz an Deck gesehen, er war wohl mit dem Bootsmann fertig. Er grinste breit, was etwas schief ausfiel, da er gerade den Löffel im Mund hatte. Mittlerweile hatte auch er die Gerüchte vernommen – ebenso wie unzweideutige Laute aus des Käpt'ns Kajüte. 'Das grimmige Raubein und der Käpt'n. Interessant', dachte er belustigt.

"Hat er. Ich bin jetzt offiziell 'Waffenmeister für eine Woche'." Torben gluckste leise in sich hinein. "Scheint auch so, als will er, dass ich weiterhin in deiner Kajüte bin. Vielleicht weiß er nicht so recht, wie er mich einordnen soll. Waffenmeister mit eigenem Quartier oder vorläufiger Matrose im Mannschaftsraum. Ich hoffe, das stört dich nicht."

"Das bekommen wir schon hin, die Kajüte ist geräumig genug", erwiderte Nhel großzügig und ergänzte halb im Scherz: "Und solange du mir meine Sachen nicht durcheinander bringst, habe ich kein Problem damit."

Es war eh nur für eine Woche und ein wenig Gesellschaft war durchaus nicht zu verachten, es brachte zumindest Abwechslung. Eine Wahl hatte er ohnehin nicht. Er fröstelte etwas, da sich die Luft merklich abgekühlt hatte. Nachher sollte er sich etwas Wärmeres zum Anziehen holen.

Lachend hob Torben die Hände. "Ich fasse nichts an, es sei denn, um es am Fallen zu hindern. Ich nehme die Hängematte, in Ordnung? Dann kannst du wieder dein Bett beziehen. Bis zum nächsten Sturm zumindest, dann müssten wir uns mit dem Schlafen abwechseln." Er grinste. "Andererseits – dann kannst du eh nicht vom Steuer weg."

"Die Hängematte ist ganz dein. Und du hast Recht, bei starkem Seegang werde ich sie kaum nutzen können." Nhel seufzte und stellte die Schale auf die Holzplanken. Er stand auf, prüfte den Kompass und korrigierte leicht den Kurs, um sich dann erneut zu setzen. Was sollte er bloß sagen? Er bekam den Eindruck, Torben ganz fürchterlich zu langweilen. Nhel zog seine Knie an und stützte sich mit dem Kinn darauf. Beinahe hätte er sich seinen Riesen angelehnt, da dieser eine angenehme Wärme ausstrahlte, konnte sich aber gerade noch zusammenreißen.

Torben nickte. Er fand es angenehm, dass man mit Nhel nicht ständig reden musste. Das Schweigen fühlte sich vertraut an, obwohl sie sich nicht kannten. Er entdeckte eine leichte Gänsehaut auf Nhels nackten Armen und wollte ihm anbieten, kurz auf das Steuer acht zu geben, aber ließ es. Steuermänner konnten verdammt eigen sein, wenn es um ihren Aufgabenbereich ging – in etwa so eigen wie Waffenmeister. Er grinste leicht und streckte sich. "Wo liegt deine Jacke? Ich hole mir 'ne Decke, ist kühl geworden, was?"

'Oh, ein Gentleman', dachte Nhel angenehm überrascht. "Sie ist gleich hinter der Tür. Danke." Er lächelte Torben an und sah ihm direkt in die Augen, die in dem Licht ungewöhnlich dunkel waren. Wie das Meer bei Nacht.

Torben nickte, dann verließ er den Steuerstand, um in die Kajüte des Steuermanns zu gehen. Er streifte die Geräte am und über dem Schreibtisch mit einem kleinen Blick, jedes in seiner Verankerung, damit es bei Seegang sicher war. Die Hängematte neben dem Schreibtisch drohte eher, als dass sie lockte, denn schon hier, in der Dunkelheit, lauerte bereits der Alptraum der vergangenen stürmischen Nacht in all seiner Kälte und Schwärze. Torben schauderte, nahm eine der Decken und Nhels Jacke und kehrte eilig zurück.

Er warf Nhel die Jacke zu, aber legte die Decke nur ab. Sich mit den Händen auf die Reling stützend sah er auf die Weite des Ozeans hinaus. Der Mond war aufgegangen und zeichnete eine schmale Straße auf die kleinen Wellen.

"Wie trügerisch die See sein kann. Heute ist sie ruhig wie eine gesetzte alte Dame, gestern hat sie gewütet wie eine Furie." Er drehte sich um, verdrängte die seltsame Stimmung, die ihn ergriffen hatte und grinste Nhel zu. "Bist du auch so unberechenbar, Meermann?"

Geschickt fing Nhel die Jacke auf, zog sie sich über und sah wieder in den Himmel. Er bewunderte die Vielfalt der Sterne, wie sie scheinbar um die Wette funkelten. Solch klaren Nächte liebte er sehr.

Als Torben ihm die Frage stellte, lächelte er, ohne ihn anzusehen und sagte schlicht: "Wer weiß." Darauf hatte er nicht wirklich eine Antwort.

Auch Torben lächelte. Wenn er länger auf der Lady blieb, würde er es wohl herausfinden. Jetzt war sein Meermann die ruhige See, tief und unergründlich. Er gähnte, hob die Decke auf und beschloss, bei ihm zu bleiben, bis er zu müde war, um die Augen offen zu halten. Dann erst würde er die Hängematte heimsuchen. Erneut gähnend wickelte er sich ein, setzte sich mit dem Rücken an die hintere Reling der Lady gelehnt und somit Nhel zugewandt. "Stört es dich, wenn ich hier bleibe? Mir schien, du warst beschäftigt, bevor ich gekommen bin."

Nhel zuckte leicht zusammen. "Du störst nicht. Ich kann ohnehin nicht die ganze Nacht trainieren. Außerdem ist es angenehm, in solch einer Nacht Gesellschaft zu haben. Ich würde sonst vermutlich vor Langeweile eingehen." Er grinste. Irgendwie fand er es niedlich, wie sich der große Mann in der Decke einwickelte.

Torben lachte leise. "Ich weiß nicht, ob ich gute Gesellschaft bin."

Und er war es in der Tat nicht. Zu Beginn unterhielten sie sich noch, über die Lady, über die See, über die Orte, die sie gesehen hatten und die sie mochten. Doch je müder Torben wurde, um so einsilbiger wurde er. Er sollte in die Kajüte gehen. Er sollte sich in die Hängematte legen. Sein Kopf sackte ihm auf die Brust, er schreckte hoch und starrte angestrengt in den Sternenhimmel. Er wollte nicht schlafen.

Der Himmel war weit. Ein Stern nach dem anderen erlosch. Wind peitschte die See. Das Schiff knarrte, er hörte Balken bersten. Wasser drang in die kleine Zelle, ein Knall, ein Rauschen, eisige Kälte. Er wurde herumgewirbelt. Schwärze. Luft. Kälte. Wasser. Schmerz. Torben schrie.

Nhel sah, wie Torbens Augen sich schlossen, und lächelte. Den Riesen hatte der Schlaf übermannt. Doch bald wurde dieser unruhig; offensichtlich in einem Alptraum gefangen murmelte der Mann vor sich hin. Besorgt trat Nhel zu ihm und rüttelte ihn leicht an der Schulter. "Hey, Riese. Ist alles in Ordnung?"

Natürlich war es das nicht. Er spürte das Verlangen in sich hochkommen, den Mann zu trösten. 'Was soll ich tun?', dachte er etwas überfordert. Den Mann ganz aufwecken, wo er eben erst eingeschlafen war und Schlaf nötig hatte? Ihn weiter schlafen lassen, obwohl er ganz offensichtlich in einem Alptraum gefangen war?

"Meermann... Hilfe", flüsterte Torben. Er kannte das Gesicht, kannte die goldenen Augen. Der Meermann würde ihn nicht ertrinken lassen, er wusste es. Er griff nach ihm, um sich festzuhalten. Der Meermann würde ihn zur Oberfläche tragen, wie er es schon einmal getan hatte. Sein Kopf klärte sich langsam, kühle Nachtluft streichelte sein verschwitztes Gesicht. Und Torben registrierte, dass er sich an Nhel klammerte.

Nhel lehnte sich vor und erwiderte Torbens verzweifelte Umarmung. Sanft kraulte er ihn im Nacken und murmelte irgendwelche unsinnigen Worte.

Nhel roch gut, entdeckte Torben und fand die Berührung tröstlich und peinlich zugleich, auch wenn sein Meermann sie ganz selbstverständlich wirken ließ. Dennoch oder trotzdem hielt er sich noch einen Moment lang fest, sog seine Ruhe in sich auf, ehe er die Kraft hatte, sich von ihm zu lösen. Verlegen versuchte er ein schiefes Grinsen, aber sah ihn nicht an. "Die See verschlingt mich, sobald ich die Augen schließe. Tut mir leid..."

Nhel war es peinlich, dass er sich so hatte hinreißen lassen. Um sich nichts anmerken zu lassen, setzte er sich dicht neben Torben und blickte seinen Riesen besorgt an. "Was willst du jetzt tun? Irgendwann wirst du schlafen müssen." Bei sich dachte er, dass das Schiff, auf dem sich der Riese befunden hatte, in einem verdammt schlechten Zustand gewesen sein musste, wenn dieses bereits so einen gewöhnlichen Sturm nicht hatte standhalten können.

"Irgendwann werde ich schlafen. Irgendwann wird es aufhören." Torben legte den Kopf in den Nacken und blickte zu den Sternen empor. "Und so, wie ich mich kenne, eher früher als später." Er lächelte und sah aus den Augenwinkeln zu Nhel hin. "Ich habe ja einen Meermann, der mich rettet."

Nhel drückte Torben tröstend die Hand, lächelte und sah dann weg, als er merkte, dass er schon wieder rot wurde. Der freundliche Riese brachte ihn erstaunlich oft dazu.

"Jederzeit", sagte er dann, bevor er erneut aufstand, um den Kurs zu überprüfen.

*

Haydar wäre gerne noch in der Messe geblieben, aber Ramin hatte ihn den Tag über zu sehr abgelenkt. Es standen Kurskorrekturen an, und die wollten berechnet werden. Haydar schob das ungern vor sich her, denn je länger er wartete, um so weiter kamen sie vom Kurs ab.

In der Kajüte sah er zuerst nach seinem Bootsmann, lächelte, weil der Mann auch entspannt und schlafend sein Herz schneller schlagen ließ, und drehte die Gaslampe etwas heller. Mit einem unhörbaren Seufzen rollte er dann die Karte auf dem Schreibtisch aus und machte sich an die Arbeit.

Ramin gähnte. Er war doch glatt eingeschlafen. Haydar musste ihn zugedeckt haben, denn es war wohlig warm. Blinzelnd drehte er sich um und entdeckte seinen neuen Geliebten am Tisch sitzen und irgendwelche Berechnungen durchführen. Ramin lächelte und beobachtete ihn einfach nur.

Haydar fluchte leise, als er am Ende einer Zahlenkette feststellte, dass er ganz am Anfang einen Fehler eingebaut hatte. Er korrigierte, stellte fest, dass die Lady doch in den Gewässern schwamm, in denen sie schwimmen sollte und es nur dank der falschen Daten auf der Karte nicht getan hatte und grinste zufrieden. Dann spürte er den Blick und hob den Kopf.

Ramin beobachtete ihn. Seine dunklen Augen schimmerten geheimnisvoll im weichen Licht der Gaslampe, die seine Bettkoje kaum erhellte. Ein weiches Lächeln umspielte die Lippen seines Freundes, es war so unerwartet zärtlich, dass Haydars Herz einen schmerzhaften Satz tat und sich dazu entschloss, einen Abstecher zum Bauch zu machen und dort weiter zu schlagen.

"Alles in Ordnung?", fragte Ramin und sein Lächeln vertiefte sich. Dann entdeckte er die beiden Schalen und schwang sich aus der Koje. Nackt.

Haydars Blick glitt über Ramins trainierten Körper, an dem kein Gramm Fett zu viel war; der Mann war ganz geschmeidige Muskeln und Sehnen. Unwillkürlich wurde sein Blick von dem Schoß angezogen. Verdammt, er wollte ihn schon wieder anfassen. Haydar lachte leise. Waren zwei Mal ausgiebigstes Liebesspiel an einem Tag nicht genug? Er streckte die Hand nach seinem Liebsten aus und zog ihn auf seinen Schoß.

"Alles hat seinen Preis", sagte er süffisant. "Der Preis für Eintopf ist ein Kuss."

Ramin grinste, umarmte ihn und küsste ihn tief und innig. "Reicht das?", erkundigte er sich. Dann angelte er auch schon nach der Schale und begann zu essen.

Haydar lehnte seinen Kopf an Ramins Schulter, schlang die Arme um seine Taille und schloss die Augen. In ihm war ein Glück, das sich anfühlte wie an einem strahlend schönen Tag am Steuerruder zu stehen, mit dem Wind aus der richtigen Richtung, der die Lady jagte, der tiefblauen See um das Schiff und der Sonne im Rücken. Es war wie das Wissen, einen Kaperzug so perfekt geplant zu haben, dass keiner der Jungs verletzt worden war. Es war wie in einer windstillen Nacht mit dem weiten Sternenhimmel über sich, dem spiegelglatten schwarzen Meer um sich mit einem guten Freund am Bugspriet zu sitzen und über das Leben zu philosophieren. Das alles war es, und noch viel mehr. Er hatte verdammt lange gebraucht, um das zu sehen. Acht Jahre beinahe.

"Ich liebe dich", sagte er.

Überrascht sah Ramin vom Essen auf. Dann wurde seine Miene weich, und er erwiderte: "Ich liebe dich auch."

Er kuschelte sich dichter an ihn. Auch wenn er nackt war, so fror er nicht. Haydars Körper wärmte ihn ausgezeichnet. Dennoch hatte er Hunger. Die letzten Stunden waren kräftezehrend gewesen, er wollte jedoch keine Minute davon missen. Er aß die Schale leer und stellte sie dann auf dem Tisch ab. Sich an Haydar lehnend schloss er die Augen und genoss die Nähe.

Haydar hatte nicht einmal im Traum daran gedacht, dass Ramin so anschmiegsam sein konnte. Es war eine schöne Überraschung. Ein Zeichen des Vertrauens, das sein Freund in ihn hatte, dass er sich so weich, so verletzlich zeigte. Schützend umfing er ihn mit den Armen, um ihn zu halten und zu wärmen, während seine Hände wieder und wieder die gleichen zärtlichen Bahnen auf Ramins Rücken zogen.

"Die Crew weiß es", sagte er schließlich nach einer langen Zeit, "das ist dir bewusst, ja?"

"Oh!" Ramin riss die Augen erschrocken auf. Na, das konnte ja was werden. Er seufzte. Natürlich war es klar gewesen, dass ihr Verhältnis raus kommen würde, doch es hätte ruhig noch etwas dauern können. Aber er würde sich schon durchsetzen können. Und wenn er sie alle das Schiff von oben bis unten putzen ließ!

"Wir waren nicht gerade leise." Haydar grinste, als er sich an hemmungsloses Stöhnen und Lustschreie erinnerte. "Es wäre verwunderlich, wenn sie es nicht mitbekommen hätten. Und du weißt, wie das mit den Gerüchten ist. Selbst der Kerl, der im untersten Deck den Tag damit verbracht hat, das Lager aufzuräumen, wusste davon." Er zögerte, denn da gab es noch etwas zu klären, was möglicherweise zu Unstimmigkeiten führen konnte. "Du weißt, wie ich mit meinen Liebchen bin."

Haydar hatte nie Scheu gehabt, sie vor versammelter Mannschaft zu küssen, sie anzufassen, wenn ihm danach war und Anzüglichkeiten von sich zu geben. Umgekehrt hatte er auch keine Probleme, Zweideutigkeiten über sich zu hören. Es war ein Teil des Spiels. Aber Ramin war... Ramin. "Wie..." Er wusste nicht, wie er es in Worte fassen sollte und verstummte.

Lächelnd schloss Ramin wieder die Augen. "Das Schiff wird in den nächsten Tagen vor Sauberkeit nur so blitzen." Damit gab er sein Einverständnis. Er hatte damit keine Probleme. Nicht auf der Lady. Zumindest nicht jetzt, in Haydars Armen. Es war mal eine interessante Erfahrung, so damit umgehen zu können. Immerhin hatte die Mannschaft ihn nie mit einem Geliebten oder etwas ähnlichem gesehen.

Haydar seufzte erleichtert auf und lehnte seine Stirn gegen Ramin. Es war unkompliziert mit diesem Mann, und das war schön. Es hatte Vorteile, wenn man seit Jahren auf dem gleichen Schiff lebte.

Ramin lächelte und küsste ihn zärtlich. "Gehört haben sie uns vielleicht, aber immerhin hat nur Leji uns dabei gesehen", kicherte er errötend.

"Das reicht auch. Dabei", sagte Haydar schmunzelnd und betonte das Wort so, dass er auch einen anzüglichen Ausdruck hätte wählen können, "will selbst ich keine Zuschauer."

"Und was möchtest du jetzt mit Leji machen?", fragte Ramin grinsend. Immerhin konnte man eine Katze sehr schlecht bestrafen.

"Ich setze ihn zur Strafe auf Wasser und Bordratten. Vorausgesetzt, der Bootsmann füttert ihn nicht. Oder der Steuermann. Oder der Smutje. Oder der Schiffsjunge. Oder einer der Matrosen. Oder der Käpt'n!" Haydar lachte. "Nun gut, dein Kater ist der einzige, der zuschauen darf. So lange er sich nicht einmischt und ... mitspielen will." Er hatte eine unschöne Vorstellung, die Katerkrallen und seine eigenen edelsten Teile beinhaltete, und lachte erneut.

Ramin stöhnte auf. Anscheinend hatte er davon nichts mitbekommen. Jeder wusste, dass eine Katze an Bord war. Ob allerdings jemand wusste, wer Leji an Bord geschmuggelt hatte, war fraglich. "Wird er nicht. Dafür sorge ich."


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