Tanz mit dem Tod

Der Kreis war gereinigt und gesegnet worden; Feuer brannte an seinem Scheitelpunkt im Süden, Wasser stürzte in kleinen Kaskaden die Stufen des nördlichen Brunnens hinab. Das Licht der frühen Morgensonne, das durch die hohen, glaslosen Fenster fiel, brach sich in den ungeschliffenen Kristallen, die im Osten die Erde symbolisierten und ließ bunte Reflexe über den glatten Boden tanzen. Am westlichsten Punkt verströmte Räucherwerk seinen würzigen Duft, der durch den leichten Wind in dem ansonsten leeren Raum verteilt wurde.

Bewusst atmete Yovan ihn ein, nahm mit ihm die Ruhe und Klarheit der Luft auf, während er durch die schlichte Gittertür den vertrauten, durch weiße und schwarze Mosaiksteine zweigeteilten Kreis betrachtete. In wenigen Augenblicken würde er ihn das letzte Mal in seinem Leben betreten, um ihn nie wieder zu verlassen.

Sacht strichen seine Fingerspitzen über die Schwertscheide, ohne sie wirklich durch die weißen Lederhandschuhe hindurch spüren zu können. Der Griff seines vertrauten Schwertes, das ihn zuverlässig durch so viele Tänze begleitet hatte, das Symbol seiner Ehre und seines Standes, war für diesen letzten Kampf mit weißem Tuch umwickelt worden. Hier zählte kein Stand, kein Name und keine Familie, nur sein Können, das vor den Augen der Vier Götterbrüder über ihn richten und ihn der menschlichen Gerichtsbarkeit entziehen würde, wenn er mit Dem Tod tanzte. Denn Den Tod konnte man nicht besiegen.

Sein Blick glitt zu der Gittertür am anderen Ende des Raumes, hinter der sein Gegner wartete, in Schwarz gekleidet, so wie Yovan heute Weiß trug. Sein schwarzes Haar hob sich davon ab wie die Nacht vom Tag, so wie in allem Licht auch die Dunkelheit existierte.

Immerhin die Gnade des Todestanzes hatten sie ihm erwiesen; und auch wenn Yovan nicht hoffen konnte, den Tag zu überleben, so konnte er doch immerhin versuchen, seinen Namen und den seiner Söhne von der Schande zu befreien. Der Gedanke an seine Ehre war das einzige, was ihm geblieben war seit jenem unglückseligen Tag, als er einen falschen Raum zur falschen Zeit betreten hatte. Man hatte ihn eines Mordes angeklagt, den er nicht begangen hatte, und jeder Versuch, seine Unschuld zu beweisen, jeder Schwur war vergebens gewesen.

Yovans Gedanken schweiften zurück zu jenem Morgen, an dem er die Nachricht erhalten hatte, unverzüglich den Ehrenwerten Hachtar aufzusuchen. Ehrenwerter. Der Titel war ein Hohn, und Yovan hatte in der Vergangenheit keinen Zweifel daran gelassen, dass er so über den alternden Mann dachte, der beinahe das Leben seines ältesten Sohnes ruiniert hatte. Jemand hatte dies für sich genutzt, denn als er das Arbeitszimmer Hachtars betreten hatte, hatte er ihn nur noch tot aufgefunden, und es war sein eigener Ritualdolch gewesen, der dem Leben des Ehrenwerten ein Ende gesetzt hatte. Der Plan musste sorgfältig durchdacht gewesen sein, denn die Leiche war noch warm gewesen, und nur wenige Augenblicke später war die Garde eingetroffen.

Der hallende Schlag des Gongs holte ihn in die Gegenwart zurück. Während der Laut noch verklang, glitt beinahe lautlos die Gittertür auf. Yovan sammelte seine Konzentration und richtete sich auf. Diesen letzten Tanz würde er fehlerfrei tanzen.

Als der Ton verstummt war, trat er gemessenen Schrittes aus dem Dunkel ins Licht, um das erste Mal Den Tod zu sehen. Die schwarze, weitere Hose der Schwerttänzer und das ebenfalls schwarze Hemd verhüllten den schlanken Körper, ohne ihn einzuschränken, so wie eine schwarze, glatte Maske, die keinerlei Züge trug und nur die Augen frei ließ, das Gesicht verbarg.

Sie erreichten die äußere Linie des Kreises im selben Moment und hoben die Schwerter zum Gruß vor die Brust. Ohne sie abzusetzen, umschritten sie das zweigeteilte Feld einmal, hielten an jedem der vier Elemente, um den Gruß stumm zu erneuern, bis sie wieder an ihrem Ausgangspunkt angelangt waren. In der rituellen Verneigung des Respekts und der Ehrerbietung zogen sie die schlanken Schwerter, und Yovan spürte Zufriedenheit über die perfekte Synchronie ihrer Bewegungen, als sie in die Knie gingen, um die Scheiden abzulegen und im Aufstehen den Kreis zu betreten.

Einmal durchschritten sie ihn, und das leise Klingen, als sich ihre Schwerter das erste Mal bei dem ersten Treffen in der Mitte berührten, weckte Vorfreude in Yovan. Es würde der schönste Tanz seines Lebens werden, ein würdiger Abschluss. Wieder am äußeren Rand angekommen, blieb er stehen und wandte sich erneut dem Inneren zu.

"Ich bin der Anfang und das Licht, das die Wahrheit erhellt. Ich bin das Leben, und leben heißt hoffen." Er sprach den traditionellen Gruß des Herausgeforderten sicher und stolz.

"Ich bin der Tod, und der Tod ist ewig. Ich bin die Dunkelheit, und die Dunkelheit ist immerdar." Die tiefe, volle Stimme hallte durch den Raum und bezeugte die Wahrheit dieser Worte in absoluter Selbstverständlichkeit. Langsam senkte Der Tod seine geschwärzte Klinge, drehte sie aus dem Handgelenk, bis die Spitze auf den Mittelpunkt des Kreises wies.

/Ich bin der Anfang./ Ohne zu zögern erwiderte Yovan die Geste, ehe er einen Schritt nach vorne trat und die Grundposition einnahm. Der Tanz hatte begonnen. Noch immer ruhig und nicht allzu schnell umkreisten sie einander, sich gegenseitig mit Blicken abschätzend.

/Ein wenig kleiner und kräftiger. Stärker, aber nicht viel. Dafür vielleicht nicht ganz so schnell./ Probehalber führte Yovan einen geraden, nahezu spielerischen Schlag aus, den der andere ebenso spielerisch abwehrte. Eine weitere Drehung erlaubte der Sonne, die Schatten der Maske zu erhellen, und für einen Moment sah Yovan in dunkelblaue Augen, ehe Der Tod den Kopf bewegte und damit das Licht vertrieb. /Ich wünschte, ich könnte sein Gesicht sehen. So ist er wie ein Phantom, nicht zu erkennen, nicht zu begreifen./

Er hatte den Gedanken noch nicht beendet, als sein Gegner mit einem leichten Ausfallschritt einen seitlichen Angriff ansetzte. Yovan parierte ohne nachzudenken, wich zurück und begegnete der daraus entstandenen Attacke ohne Mühe, ehe sie sich erneut umkreisten. Sie hatten lange gestanden, bevor das Reinigungsritual abgeschlossen und der Kreis freigegeben worden war, und er genoss nun den langsamen Einstieg, der sie wieder aufwärmte, der die Muskeln lockerte und sie auf den Kampf einstimmte.

Nur allmählich verringerten sie die Abstände zwischen den Begegnungen, bevor sie auch das Tempo steigerten. Vor und zurück tanzten sie mit kleinen Schritten, ohne dass ihre Füße wirklich den Boden verließen, wichen einander aus und suchten erneut den Kontakt.

Freude und Bewunderung zogen durch Yovan, ließen ihn vergessen, dass er sterben würde. Niemals zuvor hatte er mit jemandem getanzt, dessen Bewegungen perfekter waren. Jeder Schritt, jede Drehung, jeder Schlag und jede Abwehr war wie abgezirkelt, präzise ausgeführt und von einer einmaligen Eleganz, die ihn atemlos zurückließ. Sein Gegner verlangte keine Zurückhaltung, etwas, das Yovan schon lange nicht mehr vergönnt gewesen war, er forderte ihn, forderte Antwort auf seinen makellosen Stil. Und Yovan gab sie ihm, so gut er es vermochte. Er durfte nicht zu viel riskieren, musste lange genug überleben um der Ehre Willen.

Er tauchte unter wuchtigen Schlägen hinweg, konterte mit komplexen Manövern, parierte Techniken, die kaum ein Lehrmeister beherrschte. Der Tod gab sich keine Blöße, in der Yovan hätte wirklich ansetzen können, um einen erfolgreichen Schlag anzubringen, bot ihm nicht einmal die Möglichkeit zu erfolgreichen, kleinen Attacken, die ihn auf die Dauer geschwächt hätten.

Sein Gegner setzte zu einem Schlag von oben an, was Yovan dazu brachte, zur Seite auszuweichen, sein Schwert zum Schutze gehoben. Die geschwärzte Klinge glitt ab, doch noch aus dem Schwung heraus leitete Der Tod sie weiter und beschrieb einen schnellen Bogen, der auf Yovans Taille zielte. Yovan wirbelte sein Schwert herum und wurde davon überrascht, dass nach einem kurzen Kontakt der andere zurückwich und das Schwert mit beiden Händen vor die Brust hob, ohne es noch fest zu umfassen.

Er bat um eine Pause.

Verwirrt gewährte Yovan sie ihm, indem er sich ebenfalls zurückzog und das Schwert vor sich hielt. Zwar war auch er außer Atem, und seine weiße Kleidung klebte ihm am Körper, aber er war noch lange nicht erschöpft. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sein Gegner bereits derart ermüdet sein sollte.

Der Tod lachte, dunkel und atemlos, dann zog er mit einem schnellen Griff die Maske ab. Schweiß bedeckte das kantige, gerötete Gesicht, in dessen Stirn sich einige schwarze Strähnen geschlichen hatten. Um den energischen Mund lag ein Lächeln, das feine Falten in seine Augenwinkel zeichnete. "Ich bin Sharvaar."

Yovan erkannte ihn, einen Offizier der unteren Ränge und begriff, wie gut der Radschah es verstand, das Geheimnis zu wahren. Niemals hätte er ihn als den besten und höchstgeachteten Kämpfer des Reiches vermutet.

Sharvaars Geste erfüllte ihn sowohl mit Stolz wie auch mit dem Gefühl der Endgültigkeit. Der Tod zeigte sein Gesicht nicht, niemals. Dass er es hier und jetzt dennoch tat, war eine Ehre, die Yovan wissen ließ, dass er die seine gerettet hatte. Gleichzeitig bedeutete es jedoch auch, dass sich sein Gegner sicher fühlte. Das Lächeln erwidernd verneigte er sich.

Der andere Mann legte seine Maske vor der Feuerschale am nördlichen Punkt des Kreises ab, dann gab er durch das Neigen seiner Klinge zu verstehen, dass er wieder bereit war. Ruhig nickte Yovan. Ihm war eine schwere Last von der Seele genommen worden, nun konnte er in Frieden sterben. Sie nahmen ihre Position einander gegenüber erneut ein, und wieder war es Yovan, der den Tanz mit einer einfachen, geraden Attacke einleitete.

Dieses Mal gab es keine Zeit des langsamen Beginnens; nach der Eröffnung nahmen sie sofort wieder Tempo auf. Doch der Tanz hatte sich geändert. Für Yovan war alles anders geworden. Es gab keine vorsichtige Zurückhaltung mehr, kein Spielen auf Zeit, um zu retten, was zu retten war. Es gab nur noch den Tanz, in den er sich fallen ließ. Ihr Rhythmus waren die Schritte, die Melodie wurde von ihrem Atem bestimmt, und ihre Klingen sangen dazu. Niemals zuvor hatte er gewusst, wie schön der Tod sein konnte.

Aus einer Drehung heraus führte Sharvaar einen eleganten Schlag von oben aus und bot sich Yovan dabei als Ziel dar. Wissend, dass es eine Finte war, ging Yovan dennoch darauf ein, wich dem Schwert aus, um den ungeschützten Bauch zu attackieren. Ein Schritt trug seinen Gegner wieder zurück, die schwarze Klinge beschrieb einen Bogen und zwang Yovan, sich mit ihr zu drehen und mit der anderen Hand nach dem Knauf zu greifen, um das Schwert in die geeignete Position bringen zu können und zu parieren.

Ein Funkeln und Lachen in den blauen Augen zeigte ihm, wie sehr der andere diesen Kampf genoss. Das Blut rauschte durch Yovans Adern, als hätte er zu viel getrunken, seine Gedanken waren leicht und unbeschwert. Er ließ eine Serie von Schlägen auf Sharvaar niederfahren, die dieser parierte, um dann seinerseits Yovan zurückzutreiben. Sie erreichten die Grenzen des Kreises, folgten ihnen, tanzten aber nie über sie hinaus.

Mit einer Drehung seiner Klinge aus dem Handgelenk unterbrach Yovan die Angriffsserie für einen Augenblick; rasch machte er einen Schritt nach vorne und verhakte ihre Klingen, blockierte seinen Gegner. Kurz waren sie dicht an dicht; er konnte den Atem in seinem schweißnassen Gesicht fühlen, dann bekam Sharvaar das Schwert frei, und sie wichen wieder auseinander.

Noch daraus hervor griff Sharvaar mit einem Schlag von unten herauf an, den Yovan nur mit Mühe abwehren konnte. Noch einmal legte Der Tod an Geschwindigkeit zu, und dieses Mal gelang es Yovan nicht, ihn zu unterbrechen. Er wurde durch den Kreis getrieben, ohne eine Möglichkeit auszuweichen, ohne seinerseits eine Attacke anbringen zu können, doch auch ohne dass sein Gegner durch seine Verteidigung brechen konnte.

Langsam verschwand das Lächeln aus dem kantigen Gesicht und wich Konzentration, beinahe Verkniffenheit. Sharvaar presste die Lippen aufeinander, biss die Zähne zusammen, bis die Adern an den Schläfen hervortraten. Der nächste Schlag war unsauber, zu flach, zu unruhig, und das war es, was Yovan aus dem Rhythmus brachte. Es zerstörte die Perfektion, den Fluss der Bewegungen, die Harmonie des Tanzes, die bis dahin vollendet gewesen war. Der Moment der Verwirrung war ausreichend. Er konterte nicht schnell genug und spürte den brennenden Schmerz, der sich über seinen Arm hinweg zog, und gleich darauf das warme Rinnen des Blutes, das den weißen Stoff tränkte.

Es war nicht schlimm, behinderte ihn nicht einmal ernsthaft, doch es ließ ihn wieder klarer denken. Der letzte Tanz... es war soweit. Der Tod begann, ihn sich zu holen. Aber statt des Triumphes konnte er in den blauen Augen nur Zorn sehen, ein Zorn, der verwirrenderweise nicht Yovan, sondern Sharvaar selber galt.

Wieder griff Sharvaar an, schneller und härter, drängte Yovan zurück, doch den Bewegungen begann die Eleganz zu fehlen, sie wurden kürzer, aggressiver. Der andere wollte ihn zu einer Entscheidung zwingen, zu einem schnellen Ende. Yovan zog scharf die Luft ein, als er zu verstehen begann. Wenn er Den Tod hinhielt, wenn er sich nur auf die Verteidigung konzentrierte und sich treiben ließ, würde er gewinnen. Dem anderen gingen die Kraft und der Atem aus. Die Schläge wurden unsicherer, die Klinge bebte, kaum sichtbar, aber für ihn doch erkennbar.

Yovan brauchte nur einen Wimpernschlag, um seine Entscheidung zu fällen. In einem solchen Ende lag keine Ehre. Er riskierte eine beidhändige Parade, indem er das Schwert bei der Klinge packte, fing die Wucht des Schlages hauptsächlich mit der linken Hand ab. Es betäubte ihm fast das Gelenk, doch er konnte den Schwung nutzen, um Sharvaars Schwert abzulenken und aus dieser Bewegung eine seitliche Finte durchzuführen. Er brach sie erst im letzten Moment ab, bevor ihre Klingen sich erneut kreuzten, um sie zu einem Stoß von vorne werden zu lassen.

Sharvaars Augen weiteten sich, als er merkte, dass er zu langsam war. Er versuchte auszuweichen, doch die Bewegung bewirkte das Gegenteil, als sich Yovan ihr anpasste. Die scharfe Schneide zerteilte Stoff und Fleisch und drang nahezu mühelos in den ungeschützten Bauch ein. Als Sharvaar zurücktaumelte, glitt sie blutigrot wieder aus seinem Körper.

Verwirrt bemerkte Yovan den glänzenden Fleck, der sich auf dem schwarzen Hemd ausbreitete. Er hatte ihn getroffen? Er hatte den Tanz für sich entschieden? Die freie Hand auf die Wunde gepresst sank Der Tod in die Knie. Reglos und schwer atmend stand Yovan da und sah auf ihn hinab, konnte nicht fassen, was geschehen war, konnte nicht glauben, dass er leben sollte.

Nach einem Moment, der wie eine Ewigkeit schien, hob der andere Mann den Kopf und sah zu ihm auf. Er grinste, auch wenn sein Gesicht bleich war und sich vor seinen Knien bereits sein Blut zu sammeln begann. "Ich danke dir für diesen Tanz, Yovan. Es war der beste meines Lebens. Ein würdiger Abschluss."

Am Morgen hatte Yovans Frau für sich und die Kinder Trauerkleidung herausgelegt. Sie würden sie nicht tragen müssen. Yovan würde zu ihnen zurückkehren, von aller Schuld befreit. Seine Ehre war wiederhergestellt, und er würde leben. Er machte einen zittrigen Atemzug, fühlte die Schwäche der Erleichterung, fühlte Schwindel.

Einen Moment lang gönnte er es sich, weiterhin nur zu spüren, dass er lebte. Dass er die Strahlen der Sonne und den Wind auf seiner nassen Haut fühlen konnte, den Schweiß auf seinen Lippen schmecken, den Duft des Räucherwerks riechen. Das Farbenspiel der Kristalle im Osten war lebhaft und intensiv wie nie zuvor, und mit leisem Knistern zehrte das Feuer im Süden von dem Holz in der Schale. Er konnte es hören, riechen, sehen, schmecken, fühlen. Er lebte.

"Ich rufe die Heiler", sagte er und wandte sich ab. Er mochte leben, aber wenn er noch lange zögerte, würde Sharvaar sterben und mit ihm ein wundervoller Tänzer. Und das war unnötig. Er hatte den Kampf gewonnen und nicht nur seine Ehre gerettet, sondern auch seine Unschuld bewiesen.

"Warte, Yovan."

Die Dringlichkeit in der einst so kräftigen, dunklen Stimme ließ ihn innehalten, auch wenn ihm bewusst war, dass er keine Zeit verlieren durfte. Rasch drehte er sich wieder um, nur um zu sehen, dass Sharvaar auf den Boden gesunken war. Seine Brust hob und senkte sich rasch, viel zu schnell.

"Kein Heiler der Welt kann mir mehr helfen, Yovan. Das war mein letzter Tanz." Sharvaar hielt inne und rang nach Atem, ehe er weitersprechen konnte. "Ich danke dir und erbitte deine Verzeihung. Aber es gab keinen anderen Weg für mich." Er schien noch mehr sagen zu wollen, doch glitt nur noch in die Bewusstlosigkeit.

/Vier und Eins! So kannst du nicht sterben!/ Nicht nach dieser scheinbar sinnlosen Bitte um Verzeihung. Yovan fühlte sich beinahe vertraut mit ihm, als könnten sie Freunde sein, allein durch ihre Liebe zum Tanz, wenn ihnen nur genug Zeit blieb. Es fiel ihm schwer, die Rituale nicht außer acht zu lassen und zumindest einen hastigen Abschied und Gruß darzubieten, doch Sharvaar zu entehren kam nicht in Frage. Nach einem kurzen Salutieren und einer zügigen Verneigung eilte er zu der großen Flügeltür, um nach einem Heiler zu verlangen.

Zwei Heiler in ihren bunten Roben waren sofort zur Stelle, offensichtlich überrascht, ihn lebend anzutreffen. Dennoch kümmerte sich einer von ihnen ohne zu fragen um Yovans kleine Wunde, während der andere sofort zu Sharvaar lief. Als er nur Momente später aus dem Raum geführt wurde und einen letzten Blick zurück zu dem ganz in Schwarz gekleideten Mann warf, der gekrümmt in seinem eigenen Blut lag, schickte er ein inniges Gebet zu den Vier Brüdern, dass sie ihn noch nicht zu sich holen mochten.

 

Die Nachricht von Sharvaars Dahinscheiden wurde ihm einige Tage später zusammen mit zwei Briefen überbracht, von denen einer so prächtig wie der andere unscheinbar war. Das kostbare, versiegelte Schriftstück enthielt seine Einberufung vor den Radschah, offiziell, um ihn in aller Ehre wieder in den Rat aufzunehmen, wobei Yovan wusste, dass ihm gleichzeitig in kleinster Runde das Amt des Todes übertragen werden würde.

Das andere Schreiben war von Sharvaar. Er berichtete von der Rache an Hachtar, die ein ehrloser Tod für einen ehrlosen Mann gewesen war, der herausgefunden hatte, welches Amt er bekleidete, und daraus Profit hatte schlagen wollen. Sharvaar hatte sich geweigert, worauf Hachtar seine Familie bedroht hatte. Das Gift, das für seinen Sohn bestimmt gewesen war, hatte Sharvaar abbekommen. Ein Gift ohne Gegengift, das langsam tötete, mehr und mehr den Körper lähmte, bis man nach Wochen erstickte. Diesem Tod hatte Sharvaar sich verweigert. Er wollte so sterben, wie er gelebt hatte, in der Ehre und im Tanz. Er hatte Yovan gewählt, als einzigen, der ihm ebenbürtig erschienen war, ihm diesen zu bringen.

Yovan ließ den Brief sinken und sah zum Fenster hin, hinter dem sich der Himmel in der Abendsonne in Rot und Gold färbte. Mehr noch als zuvor bedauerte er es, dass es ihm nicht vergönnt gewesen war, Sharvaar kennen zu lernen.

Schließlich erhob er sich, um den Brief sorgfältig in dem versteckten Tresor einzuschließen, in dem er alle brisanten und kostbaren Unterlagen aufbewahrte. Durch den Tanz mit dem Tod war seine Ehre wiederhergestellt und seine Unschuld bewiesen. Es gab keinen Grund, den Brief vor das Gericht zu bringen und die Familie, die Sharvaar mit seinem Leben beschützt hatte, mit den Gründen für seinen Tod zu quälen. Er war in Ehre gefallen, seine Frau und seine Kinder waren durch seinen Besitz versorgt, und alles andere würde nur mehr Kummer bringen.


Pandorah
Ende