Torhüter

1.

Dunkelheit lag über dem großen Schlafzimmer; lediglich die Zeiger eines altmodischen Weckers schimmerten matt von einer Kommode. Dessen deutliches Ticken und das leise Schnarchen einer alten Frau durchbrachen die nächtliche Stille. Die dicke, weiße Federdecke auf dem Himmelbett hob und senkte sich leicht in diesem gleichmäßigen Rhythmus und ließ wirres, graues Haar und eine von Falten gefurchte Stirn frei.

Ein Luftzug ließ die Gardinen vor dem Fenster aufwirbeln, als dieses langsam aufgestoßen wurde, dann glitt eine hochgewachsenen Gestalt in das Zimmer. Ein kurzer, prüfender Blick aus weißen Augen, die in der Nacht zu leuchten schienen, überzeugte sie davon, dass sie allein war. Ihre nackten Füße erzeugten keinen Laut, als sie ans Bett trat und vorsichtig die Decke von der alten Frau wegzog, gerade weit genug, um das friedliche Gesicht mit den schmalen Wangen und den durch das fehlende Gebiss eingefallenen Mund betrachten zu können.

Die Gestalt machte eine kleine, beinahe wie ein Segen wirkende Geste über dem Gesicht der Frau, ehe sie sich über den schmächtigen Körper beugte. Weißes Haar glitt über ihre Schultern und verhüllte die scheinbar miteinander verschmelzenden Gesichter, und nur Sekunden später verstummte das leise Schnarchen. Als sie sich nach einigen Augenblicken wieder zurückzog, war nicht einmal mehr ein Atemzug zu hören.

Sacht, fast liebevoll legte sich eine schlanke, schwarze Hand auf die Wange der Frau, streichelte sie mit dem Daumen, bevor sie rasch die Decke wieder emporzog. Dann strafften sich die Schultern, die Gestalt richtete sich auf und verließ das Zimmer durch die Tür, um durch ein Wohnzimmer und den Flur bis zur Wohnungstür zu gehen. Sie öffnete sie einen Spaltbreit und versicherte sich, dass sie nicht mehr zufiel, dann kehrte sie ins Schlafzimmer zurück, ohne dem Bett noch einen weiteren Blick zu schenken.

Sie schob den Vorhang eine Handbreit beiseite, was Mondlicht auf den ausgetretenen Teppich fallen ließ, und sah prüfend auf die leere Straße, ehe sie geschmeidig auf das Fensterbrett sprang. Nur einen Wimpernschlag später war sie verschwunden. Das Ticken des Weckers hallte mit einem Mal viel zu laut in dem ansonsten totenstillen Zimmer wieder.

 

Mateos Morgenroutine begann an diesem Tag verkehrt, was ihn deutlich irritierte. Er wachte vor seinem Radiowecker auf und musste einige Atemzüge lang warten, bis die weiche Stimme des Morgensprechers mit den Nachrichten begann. Auf die Sekunde genau bei diesem Sender, der sonst nur klassische Musik spielte, nur dass Mateo dieses Mal nicht von der angenehmen dunklen Stimme, sondern einfach so aufgewacht war. Unzufrieden hielt er zunächst einen Fuß unter dem Federbett hervor, um sich von der Kälte im Zimmer schocken zu lassen. Rasch erhob er sich daraufhin und ging gähnend durch das geräumigen Zimmer zum Bad.

Nach einem Blick in den Spiegel und einem schnellen Mundausspülen verstaute er seine dichten, schwarzen Haare unter einer Baseballkappe und den Rest seines schmalen Körpers in dem extrawarmem rot-blauen Trainingsanzug.

Vor dem Duschen und Frühstücken lief er stets eine Runde durch den stillen Park eine Straße weiter. Es klärte seinen Kopf, die frische Luft gab ihm ein gutes Gefühl, und er tat etwas für seinen Körper, der den restlichen Tag über an alten Tischen und zwischen hohen Regalen in der Bibliothek der Universität außer für das Rumsitzen am Computer nicht viel gebraucht wurde.

Doch Mateo kam an diesem Morgen nicht sonderlich weit. Die Tür seiner alten Nachbarin von gegenüber stand einen Spalt offen. Sie war eine ehemalig gute Freundin seiner Mutter und deswegen für ihn fast eine Tante geworden. Margot hatte immer sehr viel Vorsicht walten lassen und jeden Abend die Tür zweimal verschlossen, so dass er nun ein merkwürdiges Gefühl in der Magengegend verspürte, als er sie so leicht mit den Fingerspitzen aufschieben konnte.

"Margot? Bist du schon wach?" Halb vermutete er, dass er ihre hohe Stimme, der man das Alter bereits anhörte, im nächsten Moment vernehmen würde, wenn sie ihm zurief, dass sie nicht schlafen konnte und die Zeitung hatte selber hoch holen wollen, die er ihr sonst stets mitbrachte und hinter die Türklinke klemmte.

Doch es blieb still, und von Sorge getrieben ging Mateo den altbekannten Weg durch den Flur in ihr kleines Wohnzimmer. Die Vorhänge vor dem Balkon waren zugezogen, draußen war es nun im November sicherlich noch nicht hell, aber er zog einen auf, wollte kein Licht machen, um sie nicht zu erschrecken, wenn sie noch schlief.

Als er dann jedoch ins Schlafzimmer trat, ganz vorsichtig und leise, spürte er gleich, dass etwas mit Sicherheit nicht so war, wie es sein sollte. Wenig später starrte er fassungslos auf ihr totes Gesicht.

Mateos Finger zitterten, während er unsicher nach ihrem Puls tastete. Es war eigentlich überflüssig. Noch nie hatte eine Filmleiche so tot ausgesehen wie Margot in diesem Moment. Ihre Lippen waren bläulich, beinahe weiß, leicht rissig und standen ein wenig offen, als hätte sie im letzten Augenblick ihres Lebens etwas Überraschendes gedacht.

Mateo stolperte über ihre Hausschuhe, versuchte sich zu beruhigen, versuchte seinen Fluchtinstinkt zu unterdrücken. Er schaffte es erst, nachdem er sich im Wohnzimmer gesetzt hatte, die Nummer seines Hausarztes zu wählen. Der Arzt, ein sehr guter Freund seines verstorbenen Vaters, kannte Mateo seit dessen vierten Lebensjahr, seit er beim Vater lebte. Seitdem Mateos Eltern beide an Krebs verstorben waren, zuerst seine Mutter, dann vor zwei Jahren sein Vater, war er in beinahe jedem Monat bei dem alten Arzt, um sich seine Gesundheit bescheinigen zu lassen.

Der Entschluss, ihn anzurufen, war der beste des Tages gewesen. Mateos Arzt kümmerte sich um den Totenschein, fand den letzten Willen der alten Frau, der seit einigen Jahren bereits bei ihrem Anwalt gelegen hatte, und er informierte die zuständigen Bestatter. Am Schluss schrieb er Mateo für den Tag krank und riet ihm, sich ins Bett zu legen und auszuschlafen.

Es stellte sich in den nächsten Tagen heraus, dass Margot keinerlei lebende Verwandte mehr hatte. Sie vermachte ihre Möbel und Kleider einer Stiftung, die Altenheime betreute, und den Schmuck hätte sie gern ihrer Freundin Juanita, Mateos Mutter, vermacht; da diese nicht mehr lebte, so stand es im Testament, sollte Mateo ihn erhalten, um damit zu tun, was er für richtig hielt.

Mateo weinte selten, an Margots Grab fiel es ihm jedoch schwer, die Tränen zurückzuhalten. Von dem Priester und den Sargträgern abgesehen waren nur noch er und ein anderer Mann am Grab, der andere im hellen Trenchcoat, nicht einmal im Anzug. Mateo hatte gezögert, überhaupt dorthin zu gehen, denn sie würde anonym beerdigt werden, schon das war teuer genug. Zudem besaß er nur einen schwarzen Anzug, und den hasste er, weil er ihn zur Beerdigung seines Vaters gekauft hatte und weil er sehr viel lieber braun und beige trug, was ihn unauffälliger machte.

Der andere Besucher der Beisetzung stellte sich als der Besitzer von Margots Wohnung heraus. Er kam recht unverblümt zur Sache, schon während er und Mateo auf den nächsten Zug in die Stadt warteten.

"Simons, Sie sind anscheinend der einzige Mensch, der sie näher kannte und der sich in der Wohnung auskennt. Ich weiß, dass es pietätlos erscheint, aber ihr Tod liegt schon einige Tage zurück, und ich würde die Wohnung gern rasch weitervermieten. Würde es Ihnen etwas ausmachen, die persönlichen Gegenstände der Frau zu ordnen, damit die Leute von der Stiftung sie morgen schneller abholen können, oder haben Sie schon sehr viel vor heute?"

Mateo war zum einen ein wenig perplex, weil der Mann ihn quasi noch auf dem Friedhof ansprach, zum anderen bekam er eine leise Furcht davor, wieder in die Wohnung gehen zu müssen. Sein Zögern nahm der andere als Ablehnen auf und begann, ihm Geld anzubieten.

"Nein... nein, ich bin ohnehin der einzige Erbe neben der Stiftung. Ich gehe gleich in die Wohnung. Haben Sie denn schon Interessenten?"

"Ja, und wie! Diese Wohnungen sind die beste Geldanlage, die ich jemals getätigt habe! Ihre Wohnung ist ja in Ihrem Besitz, nicht wahr?"

Mateo nickte leicht, ging in Gedanken bereits durch den Flur, versuchte sich vorzustellen, die Tür zum Schlafzimmer erneut zu öffnen, und erschauderte. Er beschleunigte seinen Schritt und nahm sich vor, nicht ohne eine Tasse Weihnachtstee mit reichlich Zimtaroma dorthin zu gehen.

Richtig geschockt war er dann, als der Mann sich vor dem Haus von ihm verabschiedete, um zu einer anderen Wohnung in der Nähe zu fahren, anstelle ihm bei dem Betreten der Todeswohnung beizustehen.

So nervös wie nie zuvor zog Mateo sich zunächst als Schutz einige seiner Lieblingsklamotten an, eine dunkelbraune Hose und einen dicken Pullover über das Hemd, bevor er mit dem Tee bewaffnet in die Wohnung der ehemaligen Freundin hinüberschlich.

Der Flur mit den Holzdielen war wie immer, hastig machte Mateo in der gesamten Wohnung zuerst einmal Licht, weil er sich schon in der leichten Dämmerung unwohl fühlte. Vor dem Schlafzimmer stockte er und wagte es nicht, den Raum zu betreten.

Stattdessen wandte er sich der Küche zu, in der einige Umzugskartons, vom Vermieter mitgebracht, auf den Inhalt warteten. Mit einem Filzstift und reichlich Zeitungen zum Einschlagen bewaffnet begann Mateo mit dem Geschirr und vergaß eine ganze Zeitlang, dass er Angst gehabt hatte.

Es war nur eine kleine Wohnung, drei Zimmer, von denen eines als Abstell- und Arbeitsraum gedient hatte. Sehr schnell hatte Mateo die Tischdecken und eine Kollektion Porzellanfiguren eingepackt und konnte sich, nachdem die wenigen Bücher verstaut waren, nur noch mit dem Schreibtisch vor dem Schlafzimmer retten.

Im Schreibtisch hatte Margot Briefe aufbewahrt, und in der abschließbaren Schublade, das wusste Mateo, befand sich die schwarzen Schmuckschatulle, die er geerbt hatte. Während er verblasste Briefe in einen Schuhkarton sortierte, beschloss er, dass er diese Schatulle dann einfach der Schwester seiner Mutter nach Mexiko mitbringen würde, wenn er sie wie in jedem Jahr besuchen fuhr.

Sein Urlaub würde bald sein, und er freute sich eigentlich schon auf die Familie, auf die Stadt, in der seine Mutter studiert hatte, und auf das quirlige Leben mit seiner Cousine mit den vier Kindern, die sich auch um seine Tante kümmerte. /Jetzt bin ich hier wirklich ganz allein, Vater fort, Margot auch fort... und ich?/

Er ließ die Briefe sinken und stand auf, streckte seinen Rücken ein wenig. Sein Blick fiel auf die Tür zum Schlafzimmer, und ohne weiter darüber nachzudenken, ging er darauf zu, ging hinein und stockte erst, als er direkt vor dem Bett stand. Er hatte vergessen Licht zu machen, und er erschauderte mit einem Mal; ihm wurde kalt, und er wollte so schnell wie möglich aus dem Zimmer laufen.

"Hallo?", erklang aus dem Wohnzimmer eine Männerstimme, und Mateo fuhr wie angestochen herum. Sein Herz begann zu rasen, auch wenn er im selben Moment keinen wirklichen Grund dafür wusste.

Noch ehe er auch nur einen Schritt in Richtung Tür machen konnte, war diese bereits weiter geöffnet worden. Eine große, schlanke Gestalt schob sich zwischen Mateo und das Licht und ließ den Raum noch dunkler werden.

"Ah, hier sind Sie. Ist Ihnen das nicht zu finster?" Ein warmes Lachen ertönte, dann wurde das Schlafzimmerlicht eingeschaltet. Mateo korrigierte seine Blickrichtung schon aus Gewohnheit nach oben, und der Mann, der nun in das Schlafzimmer trat, war auch deutlich größer als er selber. Bei seinen nicht einmal einem Meter siebzig auch kein Wunder.

Braune Augen musterten Mateo freundlich, als der Mann auf ihn zutrat und ihm seine Hand hinhielt. Braunes, glattes Haar fiel ihm bis auf die Schultern, er trug ein helle Bluejeans und einen dicken, grünen Wollpullover. "Ich bin Paul Lewis, der neue Mieter."

Mateo blinzelte ein wenig überrascht, dann murmelte er abweisend und die Arme fröstelnd verschränkend "Wenn es Ihnen nichts ausmacht, dann würde ich Sie bitten, den Schlafraum noch nicht zu betreten."

Er drängte sich an dem Mann vorbei in das Wohnzimmer, wo ihm seine unglaubliche Unhöflichkeit erst richtig bewusst wurde. /Verdammt! Reiß dich zusammen, er ist bald dein Nachbar./

Rasch drehte er sich zu dem anderen um und stellte sich mit gen Fußboden gerichtetem Blick vor. "Ich bin Mateo Simons... die Vormieterin ist... Sie war eine Freundin. Heute erst war die Beerdigung." Hastig wendete er sich ab und ging zur Küche weiter. "Möchten Sie einen Tee, Mister Lewis?"

"Gerne, danke." Ein wenig betreten sah Paul dem schlanken, dunkelhaarigen Mann hinterher. "Es tut mir leid, wenn ich pietätlos war. Der Vermieter hat mir die Schlüssel gegeben und gemeint, ich könnte noch nicht einziehen, weil die Möbel erst morgen wegkommen. Aber umsehen könnte ich mich schon. Wenn ich das gewusst hätte... Es tut mir leid."

Es war nicht nur die Pietätlosigkeit, die Paul leid tat. Natürlich hatte er gewusst, dass seine Vormieterin noch nicht lange tot war, aber dass sie und Mateo befreundet gewesen waren, war ihm neu. Er hatte sich nicht viel dabei gedacht, als er das Angebot des Vermieters wahrgenommen hatte, die Wohnung an diesem Tag anzusehen. Der Grund, aus dem sie zur Verfügung stand, war zwar ein Verlust, aber ihre mehr als günstige Lage würde ihm seinen neuen Job sehr viel einfacher machen. Deswegen hatte ihn auch nicht wirklich interessiert, wie groß sie nun genau war und wie die Zimmer geschnitten waren.

Doch gleichzeitig war ihm sehr an einem guten Verhältnis zu seinem zukünftigen Nachbarn gelegen; jetzt, wo er ihm das erste Mal persönlich begegnet war, noch mehr als zuvor. Uninteressiert ließ er den Blick über die altmodischen, dunklen Möbel gleiten, die ohne den Altfrauenschmuck kitschiger Porzellanfigürchen und anderer nutzloser Kleinigkeiten seltsam leer wirkten, über die hellen Flecken an der Tapete, wo ehemals Bilder gehangen hatten. Beinahe dankbar wandte er seine Aufmerksamkeit wieder Mateo zu, als dieser aus der Küche zurückkam, die Schultern ein wenig hochgezogen, als wollte er unsichtbar werden.

Mateo seufzte und murmelte mit Blick auf das Schlafzimmer "Es ist nur so, ich soll ihre persönlichen Dinge ordnen und wage mich einfach nicht in den Raum, weil ich sie dort gefunden habe. Das mag feige klingen, aber..." Er brach ab und nahm seinen Becher. "Egal. Ich hole eben aus meiner Wohnung frischen Tee."

"Bis gleich." Paul sah ihm aus den Augenwinkeln nach, bis Mateo die Wohnung verlassen hatte, ehe ein Lächeln sein Gesicht überzog. Während er auf die Geräusche aus der Nachbarwohnung lauschte, trat er ans Fenster und zog die Vorhänge zurück, um auf die nächtliche Straße hinabzuschauen. Hübsch war es hier, nicht so dicht an der Hektik der Innenstadt, aber dennoch zentral, ein guter Ort, um zu leben. Gemütlich schlenderte er in die Küche, der man die jahrelange Benutzung ansah, strich mit den Fingerspitzen über den ein wenig schäbigen Esstisch und fühlte sich für einen Moment an seine Familie erinnert.

Aus dem Hausflur klangen hallend Mateos Schritte, wurden leiser, als er das Appartement wieder betrat und dann deutlicher, als er in die Küche kam. Paul drehte sich zu ihm um und wies mit einer vagen Geste zum Schlafzimmer. "Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen gerne helfen. Dann ist es vielleicht einfacher. Und schneller geht es allemal." Das Lächeln, das seine Lippen umspielte, ließ sein kantiges, schmales Gesicht mit den ein wenig hervorstehenden Wangenknochen und der geraden Nase offen wirken. "Wenn sie allerdings lieber allein sein wollen, ist das auch in Ordnung."

Vorsichtig setzte Mateo das Tablett ab und goss den Tee in die zwei bauchigen Becher. "Ich glaube nicht, dass ich allzu gern hier in der Wohnung allein sein möchte. Wenn Sie möchten, dann können Sie sich gern schon umsehen, Räume ausmessen oder so. Nach dem Schlafzimmer bin ich ohnehin fertig mit Einpacken." Er streifte den anderen ungefähr auf Brusthöhe mit einem Blick, als er ihm die Tasse hinhielt. "Bleiben Sie ruhig, ich wollte vorhin nicht unhöflich sein. Sie hatten mich nur erschreckt."

"Das tut mir leid, das wollte ich nicht." Paul schloss die Hände um den Becher und sog den feinen Duft des Tees ein. "Hm, riecht gut. Danke. Ich hoffe trotz des Schrecks auf gute Nachbarschaft. Glauben Sie mir, ich platze nicht immer so unerwartet in fremde Wohnungen herein."

Mateo wärmte seine Finger an der Tasse und seufzte. "Ist ja auch eine merkwürdige Situation." Er fühlte sich gestärkt, und die Anwesenheit des bestimmt kräftigen anderen Mannes war eine zusätzliche Sicherheit. Entschlossen ging er in das Schlafzimmer von Margot hinüber und begann nach einem kleinen Blick auf das Bett, die Kommode auszuräumen.

Schon bald hatte er die Altfrauenunterwäsche und die Bettjäckchen in Tüten verstaut und räumte dann die Kleider und Rock-Blusen-Kombinationen aus dem Schrank in große Säcke von Roten Kreuz. Er hörte den anderen im Nebenraum rascheln, vielleicht maß er wirklich die Wände aus, und fragte, als er einen der Säcke in den Flur brachte "Was machen Sie denn beruflich, Mister Lewis?"

Paul notierte rasch Länge und Höhe des Flurs auf einem Notizzettel, ehe er sich zu Mateo umwandte. "Fotoreporter. Mein Verlag hat mich hierher geschickt, damit ich einen Bildband über diese Stadt anfertige. Sie hat einige interessante Flecken und eine ebenso interessante Geschichte. Über meinen Arbeitgeber bin ich auch an diese Wohnung gekommen. Noch wohne ich zur Untermiete bei einem Bekannten." Das war zumindest die Erklärung, die am dichtesten an dieses Wohnverhältnis herankam, und Paul war froh, dass er bald wieder ein ordentliches Bett haben würde. Unaufgefordert folgte er dem anderen Mann zurück ins Schlafzimmer. "Und Sie? Was machen Sie?"

Mateo warf dem anderen einen Blick zu. Er wirkte wie ein Journalist, allein die Frisur und die legere Art. "Ich arbeite als Bibliothekar in der geisteswissenschaftlichen Abteilung. Mein Spezialgebiet ist Geschichte." Er ging auf die Knie und zog eine Unterbettkommode heraus, die ihm erst in dem Moment aufgefallen war. Seufzend ließ er den Blick über die Ansammlung von Kästchen streifen.

"Geschichte?" Paul lehnte sich mit einer Schulter an den Türrahmen und sah interessiert auf Mateo hinab. Die im Gegensatz zum anrasierten Nacken langen Haarsträhnen, die ihm in die Stirn fielen, ließen ihn im Zusammenspiel mit den großen, dunklen Augen sehr niedlich wirken, wenn er durch sie hindurch nach oben schaute. "Kennen Sie sich auch mit der Geschichte dieser Stadt aus?"

Mateo sah kurz auf, streifte das Gesicht seines neuen Nachbarn mit einem verwunderten Blick. "Ja, mit der Geschichte dieser Stadt natürlich auch. Mehr jedoch mit der Antike."

Leise lachte Paul auf, als er die Überraschung bemerkte, die seine Frage hervorgerufen hatte. "Für die Geschichte der Stadt interessiere ich mich beruflich. Vielleicht können Sie mir ja einige Fragen beantworten. Die Antike liegt mir jedoch eher privat am Herzen."

Mateo nahm die Kistchen aus der Schublade und öffnete eins nach dem anderen, um den Inhalt zu inspizieren. Ausländische Münzen, Glasscherben, die vom Meerwasser rundgeschliffen worden waren, Spitzenbänder, sauber aufgerollt, Muscheln, die mit roséfarbenem Lack versehen worden waren, goldene Ziersternchen von einer Tischdekoration.

Jedes Kistchen schien eine kleine Erinnerung zu enthalten. Mit einem Mal wurde Mateo wirklich traurig. Dann fielen ihm aus einer Schachtel mit Blumenmuster die Schwarzweißfotos in den Schoß. Sie zeigten Urlaubsfotos, obenauf ein Bild mit zwei Frauen, die Arm in Arm am Meer standen und einem Dritten zuwinkten. "Oh..." Hilflos blickte Mateo auf die Bilder in seinen Fingern und wünschte sich mit einem Mal, dass er sie verschlossen gelassen und einfach so in den Abfall gegeben hätte.

"Erinnerungen?", fragte Paul merkwürdig berührt. Die Traurigkeit in Mateos Gesicht ließ ihn näher treten, bei ihm in die Hocke gehen und einen Blick über seine Schulter auf die Fotos werfen. Voller Leben und Fröhlichkeit waren die beiden Frauen eingefangen worden, als könne Zeit ihnen nichts anhaben, und jetzt waren sie beide tot. "Ist sie das?"

Mateo nickte und ließ den anderen nun doch einen besseren Blick auf eines der Bilder erhaschen. "Margot, das ist Ihre Vormieterin gewesen, und meine Mutter, die Frau mit dem Hut hier, waren besten Freundinnen." /Nun treffen sie sich sicherlich wieder... irgendwo./

Paul wusste nicht recht, was er sagen sollte. Er war nicht gut darin, Trost zu spenden, erst recht nicht, wenn es um Dinge wie Tod ging, er bestimmt als allerletzter. Dennoch fühlte er sich nicht nur, als müsste er Mateo aufmuntern, sondern er wollte es auch. Doch alles, was ihm einfiel, war, ihm kurz die Hand auf die Schulter zu legen und ihn tröstend zu drücken.


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