Torhüter

2.

Aus Verlegenheit öffnete Mateo ein weiteres Kistchen, dieses Mal eins aus geschnitztem Holz. Ein Steinstück fiel ihm aus dem weinroten Samtbett entgegen. Es war immerhin fast handtellergroß, pechschwarz, so glatt, dass er sich in der Oberfläche spiegeln konnte und wirkte durch einige Zacken, als sei es das Bruchstück aus einem größeren Ganzen.

Verwirrt drehte Mateo den Gegenstand in seinen Fingern. Ein vergilbter Zettel daran zeigte die schnörkelige Handschrift von Margot. 'Ausgrabungsgeheimnis von Juanita' hieß es dort. Eine Scherbe, aber für ein Fragment aus einer Vase war sie zu dick, für ein Stück von einem Wandgemälde zu genau gebrochen. Die Kanten wirkten gar, als seien sie absichtlich angelegt und glattgeschliffen worden.

"Geheimnis..." Mit großen Augen drehte Mateo das Stück kühlen Steins in den Händen.

Paul lächelte, als er die Begeisterung im Blick und in der Stimme des anderen bemerkte, welche die Trauer verdrängte. Neugierig beugte er sich ein wenig weiter vor, um den letzten Fund zu begutachten. Seine Haare glitten nach vorne und fielen ihm ins Gesicht; gedankenlos strich er sie wieder hinter die Ohren zurück. "Hm, sieht aus wie Onyx. Aber es wirkt nicht wie ein Schmuckstück. Darf ich fragen, wer Juanita ist?"

Mateo drehte den Stein in seinen Händen und nickte leicht. "Sie war meine Mutter. Sie ist schon vor über zehn Jahren an Krebs gestorben. Vielleicht steht in ihren Briefen an Margot etwas über diesen Fund. Von wo er stammt wenigstens. Margot hat sie alle aufgehoben." /Alle... das ist sehr viel zum Lesen, aber ich habe ja morgen frei./

"Ich wünsche Ihnen viel Erfolg." Paul federte auf den Fersen zurück und stand auf. Ihm war, als würde er zu schnell in zu persönliche Angelegenheiten eindringen, und das wollte er nicht. "Sagen Sie, Mister Simons, der Vermieter erwähnte, dass ich morgen bereits mit dem Umziehen beginnen könnte. Ist das der Fall oder brauchen Sie mehr Zeit? Es wäre kein Problem für mich, auch noch ein wenig länger zu warten."

Mateo schüttelte den Kopf. "Es liegt nicht an mir. Die Sachen sind gepackt, und die Möbel werden morgen früh von der Stiftung abgeholt." Er sah sich um. "Ich nehme nur diese Kästchen mit, das ist nichts für Fremde, und die Briefe. Alles andere hat Margot gespendet."

"Gut, dann werde ich morgen wieder kommen." Pauls Blick glitt zum Fenster, als er einen davon huschenden Schatten bemerkte. Irritiert runzelte er die Stirn, dann entschied er, dass es vermutlich nur eine echte Taube gewesen war. Das Ausgrabungsgeheimnis hatte etwas zu viel Mystizismus verbreitet. "Ich danke Ihnen für den Tee; wenn ich eingezogen bin, revanchiere ich mich, sobald das Umzugschaos beseitigt ist. Einen ruhigen Abend wünsche ich Ihnen."

 

In den nächsten Tagen las Mateo die vielen Briefe, die Juanita ihrer Freundin über die Jahre geschrieben hatte. Er wurde oft erwähnt, meistens als Antwort auf die Dinge, die Margot seiner Mutter über ihn berichtet hatte. Die Schulnoten, seine Preise im Bogenschießen im Club.

Die letzten Briefe wurden trauriger, enthielten mehr und mehr die Beschreibungen der Schmerzen, der Arztbesuche, der Angst. Mateo hätte die Briefe am liebsten nicht gelesen, aber wollte doch wissen, woher seine Mutter dieses Onyxstück hatte. Für einen wertvollen Stein war es auch ein sehr großes Stück und dann diese Bruchkanten, als hätte ein Steinmetz sie eingearbeitet.

Und richtig, in einem späten Brief nahm Juanita Bezug auf das Bruchstück. Sie beschrieb die Insel, von der sie es hatte. Im indischen Ozean, eine Vulkaninsel anscheinend, deren Nachbarinseln beliebte Urlaubziele von Tauchern waren. Sie schrieb leider nur, dass sie es zufällig gefunden hatte, es ihr sozusagen zugefallen war und sie es Margot schenken wollte. Sie schrieb, dass sie einem Gefühl folgte, was Mateo sehr eigenartig fand, denn Juanita war ein durch und durch wissenschaftlicher Mensch gewesen. Für ihre Arbeit hatte sie den eigenen Sohn zurückgestellt, hatte ihn zu dem Vater gegeben und ihn nur wenige Tage im Jahr gesehen.

Er wollte mehr über den Stein erfahren, dessen Geheimnis seine Mutter nicht hatte lüften können. Während der Arbeitszeit konnte er nicht recherchieren, da er allein für zu viele Professoren und Doktoranten zuständig war und mit seinen Aufgaben kaum noch zurechtkam, auch ohne private Interessen zu verfolgen.

Von dem neuen Nachbarn sah Mateo in der Woche eigentlich nur die Umzugswagen und einige Handwerker. Zweimal begegneten sie sich im Flur, aber der schlanke, selbstbewusste Mann machte ihn nervös. Von einigen höflichen Floskeln und Einkaufstipps einmal abgesehen, kam es zu keiner nennenswerten Unterhaltung mehr.

Einige Wochen nach der Beerdigung, wenige Tage vor Mateos Urlaub, den er wirklich schon lange herbeisehnte, begegnete er seinem Nachbarn erneut. Es war noch dunkel draußen, kühler Nebel, vermischt mit leichtem Regen strich durch die Häuserreihen, als Mateo seine Laufstrecke leicht hüpfend, um sich warm zu machen, begann.

Am Bäckerladen vorbei, über die noch leere Kreuzung und dann gleich in den Park. Er blieb stets auf den breiten Wegen, auf denen auch um diese Uhrzeit schon Leute aus der Nachbarschaft ihre Hunde ausführten. Mit schnellem Tempo, auch wenn er spürte, dass er sich ein wenig übernahm, brachte Mateo seine Strecke hinter sich und blieb am Rand des Parks an einem leere Springbrunnen stehen, um seine Muskeln zu dehnen.

"Guten Morgen!", erklang hinter ihm Pauls fröhliche, leicht atemlose Stimme. Nur einen Moment später kam der große Mann neben ihm zum Stehen, noch ein wenig auf der Stelle laufend, um den Endspurt abzufangen. Nicht einmal der dicke, unförmige Trainingsanzug konnte verbergen, wie schlank, fast hager er war. Braune Strähnen fielen ihm in sein leicht gerötetes Gesicht, und seine Augen lachten Mateo regelrecht an. "Sind Sie morgens regelmäßig hier unterwegs?"

Nachdem er mitbekommen hatte, dass Mateo regelmäßig morgens im Park joggen ging, hatte Paul beschlossen, dass er durchaus auch laufen gehen konnte. Es war eine wunderbare Gelegenheit, ihm ein wenig näher zu kommen, ohne gleich Verdacht zu erregen, dass mehr dahinter stecken könnte.

Mateo betrachtete den Gutelaune-Apostel missmutig und nickte leicht. "Täglich", quetschte er hervor und streckte sich ein letztes Mal. Er warf einen Blick über die Straße und lächelte leicht. Die Bäckerei wurde gerade geöffnet, perfektes Timing. "Einen schönen Tag noch."

Paul sah ihm hinterher, während er mit seinen Dehnübungen begann, beobachtete, wie sein Nachbar über die Straße und in die Bäckerei lief, nur wenig später mit einer Papiertüte wohl mit frischen Brötchen wieder herauskam. Sein Blick folgte ihm, bis er nahezu außer Sicht verschwunden war, dann setzte auch Paul sich wieder in Bewegung, um Mateo zum Haus zu folgen. Er musste grinsen. Ein Morgenmensch war Mateo mit Sicherheit nicht.

Mateo wurde von seinem irritierenden Nachbarn vor der schweren Eingangstür zum Haus wieder eingeholt. Ein Seufzen unterdrückend hielt er ihm die Tür auf und nahm die rote Baseballkappe ab, um sich durch die feuchten Haare zu wuscheln. "Ich bin so froh, wenn ich erst mal in Mexiko bin", knurrte er das Wetter noch einmal an und griff sich seine Zeitungen.

Dankend nickte Paul ihm zu und trat rasch in den Hausflur, während er sich die vom Nieselregen nassen Haare aus dem Gesicht strich. "Steht bald Urlaub an?", fragte er neugierig und folgte ihm nach oben. "Nun, bei dem Zielort bleibt zu hoffen, dass das Wetter besser ist. Ich wünsche Ihnen viel Sonnenschein und Wärme."

"Auf jeden Fall wird es angenehm warm sein. Ich besuche Verwandte dort." Mateo wollte nicht zu unhöflich sein, aber verschwitzt und vom Regen durchnässt im Flur herumzustehen, war auch nicht gerade seine Lieblingstätigkeit. Entschlossen wandte er sich von dem Nachbarn ab und verschwand rasch hinter seiner Wohnungstür.

Mit einem kleinen, kopfschüttelnden Lächeln schloss Paul seine eigene Wohnung auf und trat ein. Nein, ein Morgenmensch war Mateo mit Sicherheit nicht, ging es ihm durch den Kopf, während er rasch die Laufschuhe von den Füßen trat und den feuchten Trainingsanzug auszog, um dann nackt durch Flur und Wohnzimmer bis zur Balkontür zu gehen. Der dunkelhaarige Mann biss beinahe jeden von sich weg, der ihm näher kam, hatte Paul festgestellt, aber hoffnungsvoll hatte er sich vorgenommen, sich nicht davon beeindrucken zu lassen.

Er öffnete die Tür und genoss die kalte Winterluft auf seiner Haut, während er wieder einmal froh war, dass seine Wohnung von dieser Seite recht unbeobachtet lag, vergaß man einmal den Nachbarbalkon, der von Mateo zumindest in dieser Jahreszeit nicht benutzt wurde. Er warf einen Blick nach drüben, doch konnte er von hier aus genauso wenig in das Wohnzimmer seines Nachbarn schauen wie umgekehrt. Was in diesem Moment auch ganz gut war, fiel ihm ein, als er an sich hinabsah. Er lachte leise und überließ seinen Platz dann einem Amselmännchen, das nach einem kleinen Aufplustern zu seinem Nachbarn flatterte.

 

Mateo sah Paul Lewis noch einige Male am Morgen im Park, aber der andere sprach ihn nicht wieder an, als hätte er gemerkt, dass Mateo morgens seine Ruhe haben wollte. Zum Teil war Mateo erleichtert, aber zum Teil fragte er sich, warum er immer so schüchtern und abweisend sein musste.

Eine Frage, die er zuvor schon nicht hatte klären können und von der er sich mit dem Packen für den Urlaub ablenkte. Mit den Briefen, dem Schmuck und dem eigenartigen Stein im Gepäck machte Mateo sich ausnahmsweise mit dem Taxi auf den Weg zum Flughafen außerhalb.

Er flog nicht gern, auch wenn es ihm die Gelegenheit gab, etliche Artikel der Archäologiezeitschrift zu lesen, wozu er sonst am Abend einfach keine Lust und Muße mehr hatte. Zudem hatte er noch die Zeit, um sich für die quirlige Verwandtschaft zu stählen. Seine Tante Maria, ihre älteste Tochter Anna und deren vier Kinder. Ihre jüngere Tochter würde ja vielleicht auch vorbeikommen, wenn sie sich für ein wenig Zeit von der Farm entfernen konnte.

Es war bereits später Abend, als er endlich nach Diskussionen mit einem älteren Ehepaar, das einen Koffer hatte, der seinem sehr ähnelte, durch die schwülwarme Ankunftshalle zum Ausgang ging. Maria war zu alt, um ihn vom Flughafen abzuholen, und so war Mateo es gewohnt, sich ein Taxi zu nehmen.

Seine Cousine Anna stürzte jedoch auf ihn zu, im pinkfarbenen, ein wenig engen T-Shirt und mit zwei Kindern im Schlepp. In der nächsten Stunde bekam er kaum noch ein Wort zwischen die wasserfallartigen Erzählungen, während sie halsbrecherische Manöver von dem kleinen Käfer forderte. Es war einmal wieder sehr viel passiert in der Familie, im Land, in der Autofabrik, in der ihr Mann arbeitete, in der Politik, in der Politik der Gringos, der Amerikaner. Mehr als zuhören und den Lärm ertragen konnte Mateo wie üblich nicht, in seinem Leben war außer Margots Tod nicht viel geschehen, und diesen wollte er in Ruhe mit Maria zuerst besprechen.

Das Haus seiner Tante lag in einem Vorort, in einer ruhigen Sackgasse, in der fast nur alte Leute wohnten. Mateo lief gleich einmal um das Haus herum, um zu sehen, ob sich etwas verändert hatte, aber alles war wie immer. Erleichtert sah er die Trauerweide von ordentlichem Rasen im Vorgarten umgeben, streichelte einmal schnell durch die Zweige und entdeckte hinter dem Haus die alten Hibiskusbüsche und den Zitronenbaum vor dem kleinen, ovalen Pool. Er freute sich schon auf die morgendliche kleine Runde darin und auf das Ballspielen mit den Kindern von Anna.

Es wurde gegrillt. Annas Mann hatte die Steaks schon über dem Feuer, als Mateo ankam. Nach einigen Sätzen gewöhnte er sich langsam wieder in sein Spanisch und nahm an der Unterhaltung etwas teil. Er fand jedoch keinerlei Gelegenheit, mit der Tante allein zu sein, denn diese hatte immer ein Kind auf dem Schoß oder eine Schale Salza, die noch nicht scharf genug war, oder sie sang mit den Gästen, die spontan aus der Nachbarschaft vorbeigekommen waren.

Erst spät in der Nacht, als die Grillen ein lautes Konzert angestimmt hatten und Anna samt Mann und Kindern fortgefahren war, fand Mateo den Moment, um Maria von Margot zu erzählen. Er räumte mit ihr zusammen die Teller in die Spülmaschine ein und half ihr dann die Schalen abtrocknen.

"Eh, Mateo, qué pasa? Du warst noch stiller als sonst."

Mateo seufzte leise und sah sie an. Die umfangreiche Figur in der geblümten Schürze über einem schwarzen Kleid, eine Faust von Seifenschaum bedeckt in die Hüfte gestemmt. So typisch für dieses Land, und er wusste, dass seine Mutter ganz und gar nicht so gewesen war. Er hatte Maria einmal angeschrieen, dass er ihr Sohn sein wollte und nicht der von Juanita.

"Margot es muerta. Schon vor zwei Wochen. Ich konnte nur nicht... Es fühlte sich falsch an, es euch am Telephon zu sagen. Soy arrepentido, Maria."

Maria wischte sich die Hände an der Schürze trocken und zog ihn in einem feste Umarmung. "Mi querido, das wissen wir schon. Der Anwalt hat uns angerufen, um zu fragen, ob wir dir vertrauen, weil sie uns Teile vom Schmuck vererbt hat." Sie tippte sich energisch mit einem Finger gegen die Brust. "Wir dir nicht vertrauen? Mi hijo, ich habe ihm etwas über uns Mexikaner erzählt."

Mateo musste lächeln, auch wenn er noch immer ein wenig traurig war. Maria war so energisch und selbstbewusst. Sie war es sogar für ihn mit. "Ich wusste nicht, dass ich den Schmuck mitbringen muss, ich habe es ohnehin getan, aber der Anwalt hat mir nichts davon erzählt."

Maria unterdrückte ein Gähnen. "Pero, es tarde, Mateo. Lass uns morgen früh weiterreden. Du siehst müde aus." Sie umarmten sich noch einmal, dann blickte Mateo seiner Tante nach, bevor er in das kleine Gästezimmer mit Blick auf den Garten trat.

Nachdenklich schloss er die hölzernen Fensterläden, um von der Morgensonne nicht gestört zu werden. Er schaffte es, sehr schnell einzuschlafen, auch wenn die Grillen ihn störten und die Hitze sehr ungewohnt war.

 

Der warme Wind raschelte in den Blättern der alten Hibiskusbäume und strich über den kleinen Pool. Er zauberte Wellen auf die dunkle Wasseroberfläche, so dass die Spiegelung der Sterne zu einem verwaschenen Flimmern wurde. Das Konzert der Grillen und Zikaden schien gleichmäßig laut, nur ab und an wurde es hier und da leiser, um jedoch Augenblicke danach wieder mit unverminderter Lautstärke fortgesetzt zu werden. Eine schwarze Katze glitt einem Schatten gleich durch den Garten, um dann geschmeidig in einem der Büsche unterhalb des langgezogenen Balkons zu verschwinden.

Silbergraue Augen, die bis dahin halb geschlossen gewesen waren, öffneten sich abrupt. Das Mondlicht reflektierend wirkten sie selber wie zwei Monde in dem schwarzen, kantigen Gesicht. Geschmeidig erhob sich die Gestalt eines schlanken Mannes aus dem Schatten der Balkonbrüstung. Er lehnte sich darüber, sah suchend in den Garten und schien zu lauschen. Wieder wurden die Augen zu Schlitzen, die gerade Brauen näherten sich einander, und ein kleines Schaudern ging durch ihn hindurch.

Rasch wandte er sich ab und war mit zwei Schritten bei dem Holzladen, der die Balkontür verdeckte. Lautlos schob er ihn auf; die Tür dahinter stand weit offen. Mit einer Hand hielt er das Moskitonetz beiseite und trat in die Dunkelheit des Zimmers. Erneut sah er sich um, lauschte auf den Atem des Menschen, der in dem breiten Bett auf der gegenüber liegenden Seite schlief. Sein Blick glitt über ihn, erfasste das schwarze, wellige Haar und das Gesicht mit dem unübersehbaren Indiozug, verharrte angespannt, als sich der scharfgeschnittene Mund leicht öffnete, um Unverständliches zu murmeln.

Als der Schläfer wieder verstummte, bewegten sich die silbergrauen Augen erneut, suchten weiter das Zimmer ab, musterten den rustikalen Schrank und eine Kommode, auf der eine Schale mit Obst stand, die Vorhänge und das überfüllte Bücherregal. Als er jedoch nichts fand, was ihn beunruhigte, kehrte sein Blick zu dem Mann zurück.

Einige Zeit beobachtete er ihn regungslos, dann trat er näher zu ihm; seine Schritte erzeugten keinen Laut auf dem dunklen Dielenboden. "So friedlich, Mateo, so ahnungslos..." Die weiche Stimme war kaum mehr als der Hauch des Windes, wurde von dem leisen Rauschen der Blätter, das von draußen herein drang, nahezu vollkommen verschluckt.

Er machte eine kleine, wie ein Segen wirkende Geste über dem Gesicht des jungen Mannes und setzte sich dann zu ihm auf die Bettkante. Helles Haar, das im spärlichen Licht des Schlafzimmers beinahe weiß wirkte, glitt ihm über die Schultern, als er sich über Mateo beugte.

Etwas ließ ihn innehalten und den Kopf hochreißen. Für einen Moment lauschte er angestrengt in die Stille, dann sprang er mit einem durch die Zähne gepressten Zischen auf. Mit ein paar schnellen Sätzen war er wieder auf dem Balkon. Sicher sprang er in den Garten hinab, federte nach und rannte um das Haus, ohne auf Deckung zu achten.

Abrupt kam er zum Stehen, als er im Vorgarten die reglose Gestalt unter der Trauerweide entdeckte. Seine Lippen bewegten sich in einem stummen Fluch, als er nach einem misstrauischen Blick zum Haus hin über die freie Rasenfläche in den schützenden Schatten des Baumes hastete, um bei dem Körper niederzuknien.

Er musste nicht nach einem Puls tasten, es war offensichtlich, dass kein Leben mehr in der weiblichen Gestalt war. Starre Augen sahen ihn blicklos an, die rissigen Lippen waren leicht geöffnet und wirkten beinahe wie von Frost überzogen. Das durch die Blätter unregelmäßig gefilterte Mondlicht verlieh der hellen Haut ein nahezu fauliges Aussehen. Mit emotionsloser Miene sah der dunkle Mann auf die Frau hinab; dann ging er neben ihr in die Knie, schloss er ihr die Augen und hob sie hoch wie ein Kind.

Er barg ihr Gesicht an seiner Brust, ehe er die schützende Deckung des Baumes verließ und den Weg zurückging, den er gekommen war. Das lange, wellige Haar der Frau wehte wie Farn hinter ihr her, als er mit ihr im Arm fast mühelos mit Hilfe des Regenrohres wieder auf den Balkon kletterte. Nach einem letzten, prüfenden Blick verschwand er in dem Zimmer.

 

Mateo wachte schwitzend auf und lauschte in das stille Haus. Zu still. Für einen normalen mexikanischen Morgen fehlte eindeutig das Radio in Konkurrenz mit zwei Fernsehern, einer in der Küche und einer im Wohnzimmer, zudem fehlte das Töpferappeln.

/Ich hab Jetlag, muss zu früh aufgewacht sein./ Grummelig tappte er in die Dusche, erschreckte sich sogar mit einem kalten Guss, der die Müdigkeit vertrieb. Er zog sich mit ungutem Gefühl beige Shorts und ein legeres, weißes Hemd an. Nachdenklich betrachtete er seine Arme, dunkler als die eines normalen Engländers, aber zu hell für einen normalen Mexikaner. Das galt ja auch für den übrigen Körper, für sein Gesicht. Er hatte zwar schwarzes Haar und dunkelbraune Augen, die sogar ein wenig schräg standen. Aber er hatte von seinem Vater die Wellen in den Haaren geerbt, die ihm morgens zu Schaffen machten, und auch wenn seine Augen, seine Wangen und das runde Kinn den Indioeinschlag verrieten, so konnte er mit seiner Familie hier in Mexiko doch nicht durchgehen. Die meisten redeten ihn sogar mit Englisch an, weil sie einen Amerikaner in ihm vermuteten.

Mateo ging sich streckend in die Küche und setzte einen Topf Wasser für Frühstückseier auf den Gasherd, brachte die Kaffeemaschine in Gang und tauchte in den riesenhaften Kühlschrank, um sich ein Stück von dem Kuchen zu stehlen, den er am Abend einfach nicht mehr geschafft hatte.

Der Kuchen fiel ihm fast aus der Hand, als sein Blick auf die Uhr an der Wand glitt. Es war schon nach zehn am Morgen, und Maria war nicht aufgetaucht, wo sie doch sonst um sieben schon lauthals singend im Garten Wäsche aufhängte oder die Katzen der Nachbarn von ihrem Vogelbad vertrieb.

Nur wenige hastige Schritte später stand Mateo fassungslos und verängstigt erneut vor einem Bett, in dem eine tote Frau lag. Auch Maria sah sehr tot aus. Toter als eine Fernsehleiche, wie schon Margot zuvor. Ihre Lippen wirkten beinahe wächsern und trotz der dunklen Haut irgendwie farblos.

Mateo wurde übel, und er schaffte es erst beim dritten Anlauf, seine Cousine Anna anzurufen. Alles weitere nahm sie ihm zusammen mit den Nachbarn, zwei Sanitätern und einem Arzt aus der Hand. Mateo überließ den Fachleuten und den patenten Leuten das Haus und wankte zur Trauerweide hinüber, in deren Schatten und im Schutz von ihren Zweigen er sich fallen ließ.

/Maria... Gestern noch hat sie mich umarmt... Verdammt noch mal! Warum sterben die Menschen, die ich liebe alle?! Wieso? Habe ich etwas verbrochen?/ Eine Katze sah ihn von ihrem Platz auf einem warmen Stein aus hellgrauen Augen an, unbewegt und mitleidslos, wie er fand. Aber sie konnte nichts dafür, deswegen hob er eine Hand, wie um sie anzulocken, aber ein Gedanke lenkte ihn gleich darauf ab. /Ich wollte Maria nach dem Stein fragen! Margot konnte mir nicht von dem Stein erzählen und nun Maria auch nicht mehr. Juanitas Ausgrabungsgeheimnis./

Die Katze erhob sich und streckte sich erst einmal ausgiebig, ehe sie mit wie sorgfältig gewählten Schrittchen auf ihn zu kam. Kurz vor ihm blieb sie stehen und sah ihn eine Weile ausdruckslos an, bevor sie den letzten Schritt machte und ihren Kopf an seiner Hand rieb. Leise schnurrend legte sie sich neben ihn, eng an sein Bein geschmiegt, und rollte ihre Pfötchen unter den mageren Körper.

Mateo kraulte seine Gesellschafterin unter dem Kinn und lächelte ein wenig. "Katzen sind wirklich gut für die Seele, danke dass du hier bist, Kleine." Er runzelte die Stirn. "Oder, Kleiner? Nicht, dass ich einen mucho macho gato hier beleidige, hm?" Seine Cousine Anna rief ihn in dem Moment zu einem kleinen Familienrat ins Haus, und er strich der Katze, die ihn schweigend angeblinzelte hatte, noch einmal über den Kopf. "Bis später."

Sie beschlossen, dass Mateo in einem Hotel schlafen sollte in den nächsten Tagen. In dem Totenhaus konnte und wollte er nicht schlafen, und bei Anna war zu wenig Platz für einen Gast. "Übermorgen kommt meine Schwester und nimmt dich zu ihrer Farm mit. Damit du zur Ruhe kommen kannst, chico pobre."

Er umarmte Anna spontan und drückte sie an sich, weil sie an ihn dachte, obwohl sie gerade ihre Mutter verloren hatte.

 

In den nächsten Tagen wurde Mateo erneut Teil einer Nachlassorganisation. Maria hatte all ihren Besitz an ihre beiden Töchter gleichermaßen vermacht und das Geld für deren Kinder, für eine Ausbildung vorgesehen.

Unsicher brachte Mateo an einem Abend, an dem die beiden Schwestern an dem Küchentisch bei Anna saßen und Rechnungen von Rücklagen trennten, den Schmuck von Margot zu ihnen. Die beiden Frauen freuten sich darüber, erinnerten sich an das eine oder andere Stück, sie beide hatten Juanitas englische Freundin gut gekannt, bevor diese zu alt zum Reisen geworden war.

Als Annas Schwester das schwarze Steinstück sah, rief sie aus, dass sie im Gutshaus ein ähnliches Stück hätten, das Juanita ihnen einmal für den Kaminsims mitgebracht hätte. Mateo starrte seine Cousine erschrocken über den plötzlichen Fortschritt in seinen Nachforschungen an und nahm die von ihr eher nebensächlich ausgesprochene Einladung, doch gleich nach der Beerdigung mit ihr zum Gutshof zu kommen, eifrig an.

Inmitten der Trauer, der hektischen Vorbereitungen für die Bestattung und inmitten der Leute, die ihn voller Emotionen, die ihm unangenehm waren, an sich drückten, war diese merkwürdige Scherbe für Mateo die einzige Möglichkeit, um sich abzulenken.

Das und die schwarze Katze, die sich sehr offensichtlich freute, wenn er sie streichelte und seine Gedanken zum Thema Tod in seiner Nähe an ihr ausließ. Das weiche Schnurren beruhigte ihn, und er ertappte sich bei dem Gedanken, dass er die Katze mit nach England nehmen wollte, wenn er wieder fuhr.

"Lass dich nicht überfahren... Ehm, hast du einen Namen, Kleiner?" Er hatte ein wenig verschämt nachgefragt, und eine Nachbarin hatte ihm erklärt, woran man sehen konnte, ob es eine Katze oder ein Kater war. Mateo lächelte. "Ich überlege mir in der Zeit auf dem Gut meiner Cousine einen schönen Namen für dich, und du versprichst mir, dass wir uns hier wiedertreffen, bevor ich wieder heim fliegen muss."

Zuerst musste Mateo aber eine recht lange und unbequeme Fahrt in dem Wagen seiner Cousine, zwischen einer Menge Krempel, den sie geerbt hatte und in stickiger Hitze, weil ihre Klimaanlage kaputt war, hinter sich bringen.

Die Farm lag inmitten von Oliven und Obstplantagen. Seine Cousine und ihr Mann waren auf Oliven spezialisiert, und sie konnte eigentlich von nicht viel anderem berichten als einer Ungezieferplage, die sie befallen hätte, weswegen ihr Mann sehr viel zu tun hatte.

Sehr dankbar krabbelte Mateo aus dem Wagen, als sie endlich vor dem geduckten Steinhaus anlangten. Als erstes sah er, dass vor dem Haus noch vier andere Wagen, zumeist Geländewagen, parkten. Gleich danach kam die älteste Tochter seiner Cousine aus dem Haus gerannt und schrie schrill und hysterisch, dass ihr Vater verstorben sei.

Mateo fühlt sich schwindelig, der Boden begann zu schwanken und ihm wurde schwarz vor Augen. Zu seinem Glück fand er Halt am Autodach, auch wenn es zum Festhalten beinahe zu heiß war. /Ich muss verflucht sein, ich muss... Es muss an mir liegen, oder vielleicht... an dem Steinstück?/ Ihm wurde heiß und kalt, und er konnte seinen Herzschlag erst wieder beruhigen, als seine Cousine und er schon längst bei sehr starkem Kaffee am Küchentisch saßen.


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