Torhüter

3.

"Rhedyn, du könntest dich wenigstens ankündigen!" Fröstelnd zog das Mädchen die Schultern hoch, während Gänsehaut über seine nackten Arme kroch und unter dem Stoff des dunkelblauen Kleides verschwand. Grüne Augen funkelten den schwarzhäutigen Mann verärgert an, der neben ihm auf dem Rasen erschienen war. "Ich hätte genauso gut ein Bad nehmen können, anstatt hier zu lesen!"

Rhedyn zog leicht die weißen Augenbrauen hoch, dann huschte ein Lächeln über sein ernstes Gesicht. Ihre Art war erfrischend, es gab wenige, die ihn nicht fürchteten. "Vielleicht hätte ich dann die Augen geschlossen, Yamara. Ich habe nicht viel Zeit, ist die Ministerin da?"

Mit einem Seufzen nickte sie und wies zu der Villa, die einige hundert Meter entfernt lag und durch zahllose Türmchen und Erker schon beinahe wie ein kleines Schloss wirkte. "Sie ist im Haupthaus, du kannst von Glück sagen, dass sie noch nicht aufgebrochen ist. Sie hat einen Rat einberufen, der sich aber um zwei Tage verschoben hat."

Rhedyn zuckte nur mit den Schultern. "Dann wärest du jetzt näher bei ihr, und ich würde auch den Rat unterbrechen, wenn es sein müsste. Komm zum Haus zurück, dann spare ich auf dem Rückweg Zeit." Er fuhr ihr mit der Hand durch das kurze, blonde Haar, nur aus Schalk, weil sie es nicht mochte, und wandte sich dann ab. Hinter ihm erscholl auch prompt wie erwartet Yamaras erboste Stimme. "Du bist unmöglich, Rhedyn! Und außerdem hasse ich es, wenn du Leichen neben mich legst wie das letzte Mal! Mach das nicht noch einmal! Ich habe mich zu Tode erschrocken!"

Rhedyns Miene verdunkelte sich, und er beschleunigte seinen Schritt. Gerne hätte er einen anderen Weg gewählt, um die tote Hüterin unauffällig wegzubringen, aber das Risiko war zu groß gewesen. Die wenigen Augenblicke der Unachtsamkeit hatten die Gefahr bereits nahezu unkalkulierbar werden lassen.

Dienstbeflissen öffnete ihm der Portier die schwere Flügeltür, als er die Villa erreichte, und ließ ihn in die Empfangshalle treten. Große Fenster machten den Raum nur geringfügig dunkler als draußen der Sonnenschein, um die teure Einrichtung besser zur Geltung zu bringen. Doch Rhedyn widmete den zierlichen Kommoden und den verschlungenen, nach oben strebenden Statuen der Elemente kaum einen Blick. Seine Aufmerksamkeit galt der alten, weißhaarigen Frau, welche die freischwebende Treppe in der Mitte des Raumes heruntergeeilt kam. Offensichtlich war sie von seinem Eintreffen schon benachrichtigt worden, kaum dass er das Tor passiert hatte, denn sie hatte noch die Zeit gefunden, die traditionelle, schneeweiße Kleidung der Minister anzulegen, ehe sie ihn empfing.

"Rhedyn, Sie sollten nicht hier sein." In ihrer Stimme klangen tiefe Sorge und Angst mit, als sie ihm entgegen trat und ihm die Hand zum Gruß reichte, eine Geste, die ihr unangenehm war, wie er wusste, die sie aber nicht vermeiden konnte, wenn sie die Höflichkeit nicht verletzen wollte. "Oder ist ein weiterer Mord geschehen, von dem wir nichts wissen?"

"Nicht, dass mir bekannt wäre. Aber für den Augenblick ist er sicher. Er ist in großer Gesellschaft, so dass ich es wagen konnte, hierher zu kommen. Ich muss mit Ihnen sprechen." Die Falten in dem betagten Gesicht waren tiefer, als Rhedyn sie in Erinnerung hatte, obwohl es noch gar nicht so lange her war, dass er das letzte Mal mit ihr gesprochen hatte. Ebenso hatte das Haar der Frau, das weich ihre Wangen und die hohe Stirn umspielten, die letzten grauen Strähnen verloren; in dem hellen Sonnenschein, der durch die Fenster fiel, wirkte es beinahe wie ein Heiligenschein.

"Wie lange, Rhedyn? Sie wissen es nicht! Jeden Moment kann es wieder soweit sein." Mit einer gleichzeitig energischen wie auch müden Geste ihrer runzligen Hand wischte sie seine Erklärung beiseite und presste die schmalen Lippen aufeinander. "Es vergeht mittlerweile kaum eine Nacht ohne einen erneuten Mord. Drei sind seit Ihrem letzten Besuch verübt worden, einer davon an einer Hüterin. Sie wissen so gut wie ich, dass es wenig gibt, was dem entgegen gesetzt werden kann. Die einzige Möglichkeit, die wir haben, spielen wir gerade aus, doch Sie..."

"Ich brauche eine neue Identität", unterbrach Rhedyn sie kühl. "Das, was ich habe, ist nicht genug. Ich sagte, momentan ist alles sicher. Aber ich kann für nichts garantieren, wenn Sie mich hier länger als notwendig aufhalten."

"Sie wissen, dass das nicht zulässig ist." Die eingefallenen Augen der alten Frau musterten ihn unerbittlich, und er erwiderte den Blick ruhig aus seinen silbergrauen.

"Es ist eine besondere Situation, die besondere Maßnahmen erfordert. Es ist ohnehin schon schwer genug. Gerade Sie wissen um den Ernst der Lage."

Sie schwieg einen Moment, den Blick ins Leere gerichtet. Rhedyn fragte sich, ob sie nur nachdachte und ihre Möglichkeiten gegeneinander abwog oder ob sie mit einem der anderen Ratsmitgliedern Kontakt aufnahm und ob sie das überhaupt konnte. Die Fähigkeiten der Minister entzogen sich seinem Wissen. Doch er wurde abgelenkt, als sie schließlich nickte. "Wir werden Ihrer Bitte nachkommen, sobald es möglich ist. Zu gegebener Zeit werden Sie von uns kontaktiert werden. Vermeiden Sie es bis dahin, noch einmal hierher zu kommen."

Rhedyns Lippen kräuselten sich verärgert, doch er nickte nur und verneigte sich leicht. "Ich danke Ihnen. Ich werde mein Bestes tun, um Ihre Hoffnungen zu erfüllen." Er hörte, wie hinter ihm die Tür erneut geöffnet wurde, und als er sich umdrehte, sah er Yamara, die unsicher stehen geblieben war. Mit einem kleinen Lächeln trat er zu ihr. "Du wirst eine Weile von mir verschont bleiben, kleines Fräulein."

Sie schaute zu ihm hoch und schnitt eine enttäuschte Grimasse, sagte dann aber lediglich entschlossen "Na gut, dann bleiben mir auch wenigstens die Unterbrechungen erspart, wenn ich am Lesen bin."

"Vermutlich nicht, aber das liegt dann nicht an mir." Sachte legte er ihr eine Hand auf die Schulter und drückte sie leicht, ehe er zurückkehrte, wie es ihm befohlen worden war.

 

Mateo verbrachte eine Höllenwoche auf der Farm. Noch ein Tod, noch einmal in seiner Nähe, schon wieder ein Mensch, den er wenn nicht geliebt, dann zumindest gern gehabt hatte. Der Mann seiner Cousine.

Er erinnerte sich auf der Rückfahrt zur Stadt fröstelnd an den Anblick der aufgebarten Leiche. Ein junger, kräftiger Mann, und er war einfach im Schlaf gestorben. Aber da war mehr. Der Mann hatte ebenfalls so übermäßig tot ausgesehen. Graue Haut, spröde, fahle Lippen, sie waren ein wenig geöffnet, und der Schnurrbart zeichnete sich schon zu scharf darüber ab.

/Warum sehen sie alle so gleich aus? Sind Leichen alle so grau? Sind sie wirklich so tot?/ Unsicher versuchte Mateo, seine tristen Gedanken zu verscheuchen, aber in der vorbeifliehenden Umgebung fand er nichts Interessantes, ebenso wenig in der Zeitung, die er sich mitgenommen hatte.

Seine Gedanken kehrten immer und immer wieder zu den Toten zurück, von denen er zwei selber entdeck hatte. Allein. Er war nie besonders mutig gewesen, ganz im Gegensatz zu seiner energischen Mutter, und er litt seit der Nacht, in der er seine Nachbarin und Freundin hatte auffinden müssen, unter Alpträumen.

Es waren keine Träume, die ihn schreiend wach werden ließen, aber sie waren unangenehm, sie ließen ihn sich fühlen, als säße der Tod an seinem Bett. Nicht selten hatte er den Eindruck, als würden die kühlen Finger des Todes ihn an der Stirn berühren, seine Lippen, und er würde ersticken.

Mateo zuckte zusammen und rieb sich die Augen, als der Überlandbus zischend in der Stadt zum Halten kam. Er war wohl schon wieder eingenickt. Er würde am Abend nach Hause fliegen und wollte zuvor noch einen kurzen Besuch am Grab seiner Tante und in deren Haus hinter sich bringen, bevor er mit Anna und ihrer Familie zu Mittag essen wollte. /Die Katze. Ob jemand sie gefüttert hat? Maria hat den kleinen Streunern doch immer Essensreste hinten in den Garten geworfen./

Das Grab war gepflegt, und das Haus wirkte mit dem grünen, frischgesprengten Rasenflächen und den leicht geschlossenen Holzläden wie jedes andere Haus in einer Siesta. Langsam ließ Mateo sich unter der Trauerweide nieder und kehrte in den Gedanken nun zu dem Fund zurück, den er im Haus seiner Cousine gemacht hatte.

Der zweite der steinernen Bruchstücke war weniger gezackt, aber ebenfalls an zwei Seiten sehr glatt geschliffen. Die Teile gehörten zusammen, das sah sogar Mateo, aber sie schienen sich nicht zusammensetzten zu lassen, jedenfalls gab es keine Möglichkeit für ein stimmiges Gesamtbild.

"Sicherlich fehlen mir noch die restlichen zweihundert Teilchen, und im Endeffekt hab ich dann einen uralten Opferthron eines längst vergangenen Volkes, und kein Aas wird sich dafür interessieren, weil niemand das erklären kann."

In dem Moment hörte er ein leises Maunzen neben sich. Der schwarze Kater sprang ihm mit einem kleinen, geschmeidigen Satz auf den Schoß, als hätte er alles Recht der Welt dazu und rieb seinen Kopf schnurrend an Mateos Brust.

"Hey! Kleiner!" Mateo umfing den Kater mit einer Hand und streichelte ihm über den Kopf. "Du bist ja wirklich zu der Verabredung gekommen. Das kann nur heißen, dass du mit mir kommen willst, nicht?"

Vorsichtig sah Mateo in die Ohren des mageren Kätzchens, ob in einem der beiden vielleicht eine Tätowierung zu sehen war. Ein Halsband trug der Kater nicht. "Du scheinst niemandem zu gehören."

Er stand auf balancierte das Tier vorsichtig auf einem Arm. Während er ihn mit der anderen Hand leicht streichelte, stellte er fest "Du hast keinen Namen, Kleiner, und ich hab über den Trubel mit den ganzen Toten um mich her vergessen, darüber nachzudenken. Tut mir leid."

Ein weiteres Problem war, wie er das Katerchen durch den Zoll bringen würde, aber seine Cousine wusste einen sehr guten Rat. Sie gab ein starkes Schlafmittel in die Milchschale, die sie dem treu in Mateos Nähe bleibenden Tier in die Küche stellten und versicherte ihm, das es sogar bei ihrem perro grande gewirkt hatte.

Als Mateo dann in ein Taxi kletterte, hatte er auch wirklich eine tief und fest schlafende Katze in seinen Pullover und eine Hose gekuschelt in der Handgepäckstasche. Es grenzte schon an ein Wunder, aber das Tier wurde selbst bei der Kontrolle am Flughafen nicht wach, als Mateo den Kleinen, vor Furcht schwitzend, unter seinem Pullover versteckte, während seine Tasche untersucht wurde.

Als er seine Wohnungstür aufschloss, fiel ihm erst ein, dass er weder an eine Katzentoilette, noch an Näpfe oder wenigstens Spielsachen für das Tier gedacht hatte. Der Kater lag noch immer bewegungslos in seiner Tasche, und Mateo versprach ihm leise "Morgen gehe ich gleich für dich einkaufen. Einen Tag Urlaub habe ich ja noch."

Er stellte die Tasche mit dem Kater neben sein Bett, als er schlafen ging und bemerkte, dass er den gesamten Flug über nicht einmal ansatzweise über Leichen und deren graue Lippen hatte nachdenken müssen. Er strich dem Kater noch einmal über den knochigen Rücken und grinste mit einem Mal. "Flaco, das passt zu dir. Dünn, so heißt du jetzt, bis du ein wenig dicker geworden bist bei mir." Spontan beugte er sich zur Tasche herunter und küsste seinen neuen Mitbewohner auf den Kopf.

Flaco blinzelte und maunzte ein wenig kläglich, als er, wohl noch immer von dem Schlafmittel beeinflusst, tapsig auf die Beine kam. Einen Moment lang blieb er stehen, dann sackte er wieder zusammen und sah regelrecht anklagend aus seinen grauen Augen zu Mateo empor.

 

Der letzte Tag Urlaub verflog für Mateo zu schell. Er musste seine Lebensmittel auffüllen, musste Katzenfutter, eine Katzentoilette, Katzenspielzeug erwerben, seine Wäsche musste gewaschen werden, und eigentlich hatte er noch in der Bibliothek nach weiteren Hinweisen auf diese Steine suchen wollen, aber schaffte es nicht einmal, sich auch nur Zuhause an den Rechner zu setzten. Stattdessen gönnte er sich ein wenig Musik und ein Glas Rotwein, den er von seiner Cousine geschenkt bekommen hatte.

Es dämmerte eben gerade, als Flaco unruhig wurde und vor der Balkontür hin- und herzulaufen begann, als wolle er raus. Nach einigem Zögern ließ Mateo den dürren Kater auf seinen Balkon, um dann erschrocken zusehen zu müssen, wie sich das Tier wendig durch die Stangen auf den Balkon seines Nachbarn schlängelte. "Flaco! Fall mir bitte nicht! Flaco? Regrese, por favor."

Flaco reagierte nicht auf die Rufe, als er sich neugierig daran machte, den Balkon zu untersuchen und schließlich durch die geöffnete Glastür in die Wohnung nebenan zu entschwinden. Erst einige Stunden später, als Mateo schon bereit war, über die Brüstung auf den Balkon seines Nachbarn zu klettern, kratzte der kleine Kater an seinem Fenster und brachte neben kühler Novemberluft auch noch vier schwarze Pfoten mit herein, die dann in einer sauberen Spur einmal über Mateos wollweißen Wohnzimmerteppich zum Schlafzimmer führten.

Am nächsten Morgen drängelte Flaco sich mit Mateo aus der Wohnungstür, als dieser sich zu seiner morgendlichen Joggingrunde aufmachte und huschte leise und selbstsicher unter die Büsche des Vorgartens. "Du bist wirklich schnell hier Zuhause, Kleiner. Lass dich nicht überfahre!"

Mateo fand ihn, bis er zur Arbeit musste, nicht wieder und hoffte, dass der kleine, schwarze Racker nicht vor die Autos laufen würde. Ein wenig besorgt, ob er dem Tier durch die Kurzschlusshandlung vielleicht gar geschadet hatte, ging er unter seinem Schirm versteckt den bekannten Weg die breite Hauptstraße entlang. Schon bald wurde er von Studenten überholt, die dem Regen auswichen, um in einem ihrer Lieblingscafés zu verschwinden. Aufatmend betrat er die dunkle Vorhalle der geisteswissenschaftlichen Bibliothek und entkam dem Wetter und der Hektik mit nur wenigen Schritten.

Einige Kollegen und Professoren grüßten ihn mit einem Nicken, der Hausmeister bedankte sich für die Ansichtskarte, die Mateo ihm wie in jedem Jahr geschickt hatte. Mateo war früh dran, aber er kam gar nicht dazu, seine aufgelaufene Post aus dem Fach zu zerren oder gar noch eine Tasse Tee in Ruhe zu trinken, denn an seinem kleinen Schreibtisch lehnte ein blonder Student. Jedenfalls schrie alles an ihm Student, und zwar von der sozial engagierten Sorte, die Mateo insgeheim auch in Altkleidersammler eingeteilt hatte.

Er trug eine vom Regen noch nasse Jeans, deren Hosenbeine zum einen gebatikt, zum zweiten mit Flicken verschönert und zudem ausgefranst waren. Die ebenfalls sicherlich älteren Turnschuhe hatten feuchte Abdrücke auf dem Linoleum hinterlassen. Seine hellblonden Haare hatte er mit einem Gummiband zusammengefasst, einige Strähnen waren schon wieder herausgerutscht und klemmten hinter seinem Ohr. Perfektioniert wurde der Look natürlich von einem Pullover, der selbstgestrickt wirkte und das aus Wollresten, fast jede Reihe eine neue Farbe.

Mateo stockte und blinzelte den jungen Mann verwirrt an, rückte seine Brille gerade und legte den Kopf schief, während er versuchte herauszufinden, was es bedeutete, wenn die Studenten ihn schon vor seiner Arbeitszeit tyrannisieren kamen.

Ein Arm umfing seine Schultern, und sein Chef drängte den kräftigen Körper enger an Mateos, der sich in diesem Augenblick wünschte, dass er sein Dufflecoat noch nicht ausgezogen hätte. "Mateo, mein Lieber. Wie war der Urlaub? Angenehm? Das musst du mir unbedingt beim Mittagessen erzählen."

Mateo hasste es, wenn sein Chef ihn so aggressiv anbaggerte. Das tat er schon seit dem ersten Arbeitstag von Mateo in dieser Bibliothek, und es sah nicht so aus, als hätte der Mann die Vergeblichkeit seiner Bemühungen begriffen.

Wenigstens ließ er ihn los, als der Student sich zu ihnen umdrehte, um sie aus sehr hübschen, blauen Augen zu mustern. Natürlich kaute der junge Mann Kaugummi, also fiel er für Mateo in die Gruppe wiederkäuende Altkleidersammlung. "Das ist dein studentischer Hilfswissenschaftler. Ehm... Dennis, nicht wahr? Er ist Doktorand bei mir, und du wolltest doch schon seit langem jemanden zugeteilt bekommen."

Mateo blinzelte seinen Chef dankbar an, doch dieser nutzte die Chance und brachte sein Gesicht nah an ihn heran. "Bis zum Mittagessen, Mateo. Ich hole dich um zwölf Uhr ab." Mit dem üblich energischen Gang entfernte sich der Chef zu seinem Büro am anderen Ende des Raume.

Den Studenten noch nicht wirklich beachtend ließ sich Mateo auf seinen Stuhl fallen und unterdrückte einen Fluch, dann hielt er dem jungen Mann seine Hand hin und stellte sich nach einigem Zögern mit dem Vornamen vor. "Ich bin Mateo, herzlich willkommen."

Dennis schob den Kaugummi in eine Backe und grinste fröhlich, als er Mateo die Hand schüttelte. "Danke. Na, meinen Namen kennst du ja schon."

"Dort hinten sind Stühle, hol dir doch einen an den Tisch heran, dann erkläre ich dir gleich das Archiv und unsere Suchmaschinen hier." Mateo erhob sich und bemerkte erst, als sie nebeneinander standen, dass Dennis verdammt groß war. "Willst du auch einen Tee?"

"Gerne. Aber pur, ohne alles, bitte." Dennis tat, wie ihm geheißen, und setzte sich dann, während er Mateo mit den Blicken verfolgte, weiter auf seinem Kaugummi kauend. "Ich studiere im Hauptfach Geschichte", erzählte er ungefragt. "Deswegen hat mich dein Chef zu dir gesteckt. Er scheint sehr überzeugt und angetan von dir zu sein." Sein Grinsen schien noch einen Tick breiter zu werden.

Mateo spürte, wie seine Wangen sich erhitzten, doch dem frechen Gesichtsausdruck des anderen war wenig entgegenzusetzen. Seufzend ließ er sich vor dem Bildschirm nieder. "Ich wünschte, er wäre es nicht. Es ist anstrengend."

Dennis schob seinen Stuhl ein wenig herum, um auch einen Blick auf den Bildschirm werfen zu können. "Du magst seine Avancen nicht", stellte er das Offensichtliche fest. "Weil er es ist oder allgemein nicht?" Obwohl sich seine Miene nicht änderte, schien ihm die Frage wichtiger zu sein, nicht ausschließlich aus reiner Neugierde gestellt.

Mateo redete eigentlich nicht über private Dinge, aber dieses enthusiastische Gesicht, die hellen Augen, in denen nicht platt Indiskretion sprach, sondern Interesse an ihm, brachte Mateo dazu, nach einem Umsehen in Richtung der Tür vom Büro seines Chefs, ehrlich zu antworten. "Seit mein Vater tot ist, hat er so getan, als sei er für mich verantwortlich, leider ist aus der väterlichen Art eher Angebagger geworden. Er ist aber absolut nicht mein Typ, nicht nur weil er älter ist nicht."

Dennis lehnte sich entspannt zurück und zog ein Bein auf den Stuhl, umschlang es mit den Armen und stützte das Kinn auf sein Knie. "Vielleicht solltest du ihm das mal deutlich sagen, dass du das nicht magst", schlug er vor. Dann lachte er ein wenig verlegen. "Nicht, dass ich eine Ahnung hätte, ob du das nicht schon längst getan hast oder auch nur ein Recht, mich in deine Angelegenheiten einzumischen. Sorry."

Mateo seufzte. "Ich mag ihn, das ist das schlimmste. Aber eben als einen Freund, als einen väterlichen Freund, auch wenn das sehr abgenutzt klingt. Außerdem ist er mein Chef, und als ein solcher war er immer sehr freundlich zu mir. Vermutlich sind seine Stichelein sowieso nur Spaß. Manchmal ärgere ich mich nur darüber." Er riss sich von dem Blick auf Dennis' schlanken Finger los, die ihm irgendwie vertraut erschienen. "Lass uns arbeiten. Hier in diesem Fach liegen die Aufträge zu Recherchen. Wenn etwas nicht klar sein sollte oder die Handschrift mal wieder nicht lesbar ist, dann rufen wir die Nummer oben rechts an, da haben sich die Professoren oder Doktoranden immer eingetragen. Am besten, du folgst mir für heute ein wenig herum, und ab morgen lege ich dir die einfacheren Sachen heraus. Frag mich jederzeit, wenn du etwas brauchst."

Dennis stand auf, ohne seinen Tee auch nur angerührt zu haben. "Klar, danke." Er lächelte Mateo kurz an, ehe er ihm in die Tiefen der Bibliothek folgte und sich erst einmal herumführen und sich alles zeigen und erklären ließ.


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