Torhüter

4.

Paul war vom Dauerregen vollkommen durchweicht, als er atemlos und mit einer großen Einkaufstasche im Arm, an der die Henkel eingerissen waren, nach Hause kam. Er stellte sie auf der Anrichte seiner hellen Einbauküche ab, ehe er hastig aus der Kleidung schlüpfte und sie in die Waschmaschine steckte.

Während er sich die Haare eilig mit einem flauschigen Handtuch halbwegs trocken rubbelte, lauschte er immer wieder in Richtung der Haustür hin, um die Ankunft seines Nachbarn nicht zu verpassen, oder um überhaupt erst mal zu hören, ob er nach Hause kam. Er war unruhig, bis er das leise Klirren eines Schlüssels vernahm, dann eine sich öffnende und gleich darauf wieder schließende Tür.

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Mateo mochte ihm morgens beim Joggen aus dem Weg gehen, mochte ihn im Hausflur mit kurzen Sätzen abspeisen, aber er hatte sich vorgenommen, das an diesem Abend nicht gelten zu lassen. Er hatte ihm versprochen, dass er sich für den Tee revanchieren würde, sobald seine Wohnung eingerichtet war, und das war sie schon seit geraumer Zeit.

Rasch füllte er den erschreckend leeren Kühlschrank mit seinem Einkauf auf, was diesen trotzdem nicht wesentlich voller wirken ließ, während er sich fragte, wie man selbst als Familie die Größe ausnutzen konnte, geschweige denn als einzelne Person.

Paul griff mit der linken Hand nach der Weinflasche, die als letztes ganz unten in der Tüte gelegen hatte und betrachtete das hübsche Etikett, das in Gold und Braun einem Kenner einiges verraten mochte. Er hingegen hatte wenig Ahnung davon und konnte nur hoffen, dass die Verkäuferin recht hatte mit ihrer Aussage, dass dieser Rotwein fast jedem schmeckte. Schließlich wollte er Mateo nicht vergraulen.

Wieder lauschte er zu der anderen Wohnung hin, horchte auf die typischen kleinen Laute, die auch durch Wände noch von angrenzenden Wohnungen herüberdrangen, das Klappern von Geschirr, ein Klirren, als etwas herunterfiel. Sein Lächeln vertiefte sich, während er die Flasche neben den Käse legte und die Kühlschranktür schloss. Dann verschwand er hastig im Bad, um eine schnelle Dusche zu nehmen und sich die Haare zu waschen. Er ließ sich wenig Zeit, zog im Anschluss rasch eine helle Bluejeans und einen Norwegerpullover an, wobei seine Gedanken bei seinem Nachbarn weilten. Eigentlich sollte er sich über zu wenig Nähe wirklich nicht beklagen, doch das war etwas vollkommen anderes.

Während er barfuß über den weichen, hellen Teppich seines Wohnzimmers lief und froh darüber war, dass das Thermostat der Heizung seine Wohnung konstant auf einer angenehmen Temperatur hielt, so dass Mateo nicht frieren würde, sollte er die Einladung tatsächlich annehmen, grübelte er darüber nach, was er machen würde, wenn sein Nachbar wieder nicht mehr als einen kühlen Blick für ihn übrig hatte. Er kam zu keinem wirklich befriedigenden Schluss und schob den unangenehmen Gedanken beiseite, als er eine neugefüllte Obstschale auf den hellen Birkenholztisch inmitten der naturweißen Couchgarnitur stellte.

Als er sich aufrichtete, bemerkte er, wie unpersönlich sein Wohnzimmer wirkte, wie frisch aus einem Möbelhaus. Außer der hellen Sitzecke stand ein Lesesessel aus Korb mit einem weichen Schafsfell in einer der Ecken, den er noch nie benutzt hatte, obwohl er ihm gefiel. Die hellen Birkenholzschränke waren mit Büchern gefüllt, bei denen er noch nicht dazu gekommen war, sie zu lesen. Dieser Zustand würde sich wohl auch die nächsten Jahre noch nicht ändern. Die Bilder an den Wänden hatte er erstanden, weil der Einrichtungsberater ihm erklärt hatte, dass sie gut zu den Möbeln passen würden und Paul einfach nur schnell hatte fertig werden wollen. Selbst die Stereoanlage war noch vollkommen neu und unberührt.

"Das kommt davon, wenn man nie zu Hause ist", murmelte er, als er dem Wohnzimmer den Rücken zudrehte und hoffte, dass Mateo es nicht als kalt und abweisend empfinden würde. Er kehrte noch einmal ins Bad zurück, um sich die Haare zu föhnen und durchzubürsten, schnitt seinem Spiegelbild, das ihn überraschend aufgeregt aus seinen braunen Augen entgegensah, eine Grimasse und straffte sich dann, um seinem Nachbarn gegenüber zu treten.

Erst, als er den kalten Stein des Hausflurs unter seinen nackten Füßen spürte, merkte er, dass er noch keine Schuhe trug, überlegte, dass es vielleicht komisch aussehen würde, im Spätherbst bei dem Wetter barfuß herumzulaufen und kehrte noch einmal zurück, um Hausschuhe anzuziehen, ehe er endlich bei Mateo anklopfte.

Mateo war voller Sorge, da sein Katerchen noch immer nicht zu ihm zurückgekehrt war. Nachdem er seine Einkäufe und umfangreichen Stapel kopierter Artikel, die auf seine schwarzen Steine hinweisen konnten, verstaut hatte, und sich die nassen Sachen umgezogen hatte, wollte er deswegen mit einer Taschenlampe und einer Dose Katzenfutter noch einmal in den Vorgarten hinunter gehen, um Flaco zu suchen.

Er hatte gerade die Hand auf der Klinke, als es selbstbewusst und nicht gerade leise klopfte. Mit einem unterdrückten Quieken zuckte Mateo zurück, aber öffnete dann doch schnell seine Tür, weil er hoffte, dass jemand den schwarzen Racker gefunden hatte.

Sein Blick traf auf die Brust seines neuen Nachbarn, den er in all dem mexikanischen Trubel vergessen hatte. /Lewis, so war der Name./ Der Mann trug einen hellen Norwegerpullover, dessen kuschelige Ausstrahlung ein wenig Neid in Mateo erweckte. Mateo lächelte leicht und ließ den Blick suchend auf den Dielenboden gleiten.

"Guten Abend, haben Sie vielleicht... Oh, nein..." Er hob das Gesicht und seufzte ein wenig. "Kann ich etwas für Sie tun?"

Paul sah seine Chancen auf einen netten gemeinsamen Abend kleiner werden, als er die Katzenfutterdose in Mateos Hand erblickte, doch er ließ sich nicht davon beirren. Er erwiderte das kleine, leider schon wieder verschwundene Lächeln dennoch. "Ich wollte eigentlich fragen, ob Sie heute Abend Zeit hätten, damit ich mich für den Tee beim Einzug und ihre Einkaufstipps revanchieren kann. Störe ich?"

Mateo schüttelte den Kopf. "Nein, nein. Ich habe neuerdings einen Kater. Er ist schwarz und recht mager. Heute früh ist er mir durch die Tür entkommen, und ich hatte gehofft, ihn mit dem Futter anlocken zu können." Hin- und hergerissen sah er vom Treppenhaus zu der offenen Tür seines Nachbarn. Schließlich schlug er vor "Ich gehe eben mal runter und schau ein wenig umher, vielleicht wartet der Kleine ja schon in den Büschen irgendwo. Der Gedanke, dass er da nass und frierend sitzt, macht mich nervös, er ist doch das Klima hier nicht gewohnt."

Paul lächelte, zufrieden über die trotz der Sorge erhaltene Zusage. "Ah, aus Mexiko mitgebracht? Ich würde mir an Ihrer Stelle keine Sorgen machen; meine Mutter hatte Katzen, und die waren oft tagelang verschwunden, nur um ihr dann tote Mäuse als Geschenk mitzubringen. Allerdings haben Sie recht, wenn er wieder herein will, kommt er hier schlecht hoch. Ich drücke Ihnen die Daumen, dass Sie den kleinen Racker finden. Klingeln Sie einfach bei mir, wenn Sie zurück sind, in Ordnung?"

"Ja, gut." Der Gedanke mit den toten Mäusen war nicht gerade erbaulich, aber Mateo nahm sich vor, dem Kater ordentlich zu danken, sollte es sich dabei wirklich um ein Geschenk handeln.

Als er unten ankam und die Tür öffnete, erwartete ihn ein kläglich maunzendes Bündel, das allerdings sofort schnurrend um seine Beine zu streichen begann. "Ach Gott, du bist ja wirklich durchgeweicht!" Schnell hob Mateo den Kater auf den Arm und drückte ihn an sich. Die Welle der Erleichterung, die ihn erfasste, während er sein Gesicht in das nasse Fell drückte, zeigte ihm nur zu deutlich, wie gern er den Kleinen hatte.

"Ich hab schon befürchtet, dass ich wieder allein bin, ohne dich", flüsterte er, während er seine Wohnungstür aufschloss. Er rubbelte den Kater mit einem Handtuch trocken und lachte darüber, wie das Tier ihm, sobald er es losließ, beleidigt entkam, um vor der Verandatür zu sitzen und sich zu putzen. Mateo blickte auf den Balkon hinaus und bemerkte den Lichtspalt, der auf den Nachbarbalkon hinausfiel. "Escuche, Flaco. In der Küche hab ich dir ganz viele leckere Sachen hingestellt. In nagelneue Schalen sogar. Ich mach das kleine Seitenfenster einen Spalt weit auf, aber du darfst nicht runterspringen, ja? Es ist einfach zu hoch."

Mateo sah erneut hinüber und seufzte. "Ich... geh dann mal zum Nachbarn auf Besuch. Hm, ob ich was mitbringen sollte? Aber es ist so eine spontane Einladung und ich... Hm, ich hätte noch den mexikanischen Wein, aber er ist schon angebrochen." In Überlegungen verwickelt öffnete er das Fensterchen einen kleinen Spalt und ging in seine Küche hinüber, nachdem er dem Kater noch einmal über den nun trockenen Kopf gestreichelt hatte.

Er fühlte sich ein wenig merkwürdig, als er an der Tür gegenüber klingelte. /Was soll ich denn mit ihm reden? Er macht mich nervös. Er will nur nett sein, hör auf, dir Sorgen zu machen, Mateo!/

"Moment", drang von drinnen Pauls Stimme zu ihm in den Hausflur, und nur einen Moment später wurde die Tür geöffnet. Ein Lächeln huschte über das offene Gesicht des anderen Mannes, als er ihn in einen Flur ließ, der nur noch wenig mit dem von Margot gemein hatte. Der Boden war aus hellem Laminat, bedeckt mit einem robusten Sisalteppich. An einer Garderobe aus Birkenholz hingen zwei Mäntel und mehrere Jacken, ordentlich davor aufgereiht standen die Schuhe.

"Und, haben Sie Ihren Kater gefunden?", fragte Paul, als er ihn ins Wohnzimmer führte, wo auf dem hellen Tisch bereits eine Weinkaraffe und zwei Gläser standen.

Mateo sah auf die Flasche Wein in seinen Händen und ließ sie sinken, bevor er nickte. "Er war natürlich total durchnässt. Ich lasse ihn nie wieder nach draußen, nur noch auf den Balkon. Wenn er zu ihnen rüberkommt, dann scheuchen Sie ihn einfach wieder zurück, mir hat er schon eine Reihe Pfotenabdrücke einmal durch die ganze Wohnung gezaubert." Erneut hob Mateo die Flasche an. "Die hab ich aus Mexiko mitgebracht. Betrachten Sie es als verspätetes Einzugsgeschenk."

"Danke." Es freute Paul, dass Mateo trotz der Spontanität, welche die Einladung für ihn bedeutete, noch an ein Gastgeschenk gedacht hatte. "Aber der Kater kann gerne zu mir kommen." Er lachte, als er ihm die Flasche abnahm. "Jetzt weiß ich wenigstens, woher die schwarzen Haare auf meinem Sessel kamen. Der Racker muss durch die offene Balkontür gekommen sein."

Mateo war erleichtert, denn jeder weitere Schritt in die Wohnung hinein offenbarte, dass der neue Mieter sie komplett neu gestaltet hatte. Neu im wahrsten Sinne, die Möbel, Teppiche und Gardinen hätten nur noch Preisschilder benötigt, um den Nagelneueffekt noch weiter zu betonen.

"Sie sind sehr nett eingerichtet, so hell und freundlich. Erstaunlich, wie die Möbel eine Wohnung verändern können." Zögerlich folgte Mateo dem hochgewachsenen Mann in die Küche hinüber. Auch hier nagelneue Einbauschränke und ein nach Design schreiender Kühlschrank.

"Nicht wahr? Ich hoffe nur, sie verlieren bald den Geruch nach Möbelmarkt und auch das Aussehen. Aber ich hatte ohnehin neue Möbel nötig, und nach einen Gespräch mit meinem Arbeitgeber, der mich nun mal in diese Stadt gesteckt und somit zu einem Umzug genötigt hat, sind sie mich auch nicht mal so teuer gekommen." Paul grinste und zwinkerte Mateo zu. "Man muss nur wissen, wie man zu verhandeln hat."

Er stellte die Flasche in den Kühlschrank und holte stattdessen den Käse heraus, den ihm die Frau in der Käseabteilung bereits gewürfelt und nett angeordnet hatte, wenn das auch durch den Heimtransport schon nicht mehr wirklich zu erkennen war. Dann führte er Mateo zurück ins Wohnzimmer und wies auf die Couch, nachdem er die Käseplatte abgestellt hatte. "Nehmen Sie Platz, Mister Simons. Mögen Sie Musik hören?"

"Danke. Ja, warum nicht." Mateo versank in der bequemen Couch und streifte sofort die Buchrücken im Regal mit einem suchenden Blick. "Sind Sie in Ihren Recherchen über die Geschichte der Stadt schon weiter gekommen?"

Paul nickte, während er zum Wohnzimmerschrank ging. "Mein Verlag würde mich köpfen, wenn ich bis jetzt nichts getan hätte. Nun ja, zumindest würde man mich scharf daran erinnern, dass ich einen Abgabetermin habe. Allerdings gibt es noch mehr als eine Sache, die mir unklar ist und diverse, wo ich wesentlich mehr Energie in die Informationssammlung stecken muss als angenommen."

Er wählte eine CD aus und stand dann ein wenig hilflos vor der Anlage. "Großartig, ich habe sie noch nicht benutzt. Ich hätte meine alte doch behalten sollen. Wieso hat die hier so viele Knöpfchen?" Ein wenig hilflos und sichtlich verlegen drehte er sich kurz zu Mateo um. "Die einzigen, technischen Geräte, die ich fehlerfrei bedienen kann, sind mein Fotoapparat, die Mikrowelle und der Kühlschrank", erklärte er und drückte ein paar Knöpfe, ohne etwas zu bewirken.

Mateo hätte fast gelacht. Ein ausgewachsener Mann, der die Selbstsicherheit nur so zu versprühen schien, und nun drehte er die CD ratlos in den Händen. Mateo stand auf und ging zu der Anlage hin. Forschend besah er sich das elegante Gerät und entdeckte dann, dass der Stecker noch lose neben dem Bord hing. "Ah, kein Strom." Rasch behob er das Problem und hielt seinem Nachbarn dann die Hand hin. "Hier ist der Auswurfknopf, da müsste die Schublade aufgehen, ah... es klappt! Ich bin eigentlich auch kein Technikgenie, aber... hups, Entschuldigung."

Da er nicht richtig hingesehen hatte, rutschte ihm die CD beinahe aus der Hand, bei hektischen Nachfassen von ihnen beiden erwischte Mateo die Finger des anderen. Er entriss ihm förmlich die CD und schob sie ein, regulierte die Lautstärke und ging schnell zu seinem Platz zurück.

/Verdammt, du bist erwachsen, nur wegen einer solchen Kleinigkeit musst du nicht rot werden! Reiß dich gefälligst zusammen, Mateo!/ Aus Verlegenheit wechselte er das Thema deutlich zu abrupt. "Ich bin am überlegen, ob ich dem Kater ein Halsband kaufen soll. Was meinen Sie, mit meiner Telephonnummer darin, falls er mir noch einmal davonläuft."

Paul zögerte, dann zuckte er ein wenig unbehaglich mit den Schultern. "Ich weiß nicht, vielleicht stört es ihn, wenn er bis jetzt keines getragen hat. Außerdem kann er damit hängen bleiben." Innerlich lächelte er noch immer über die plötzliche Verlegenheit Mateos, die ihre zufällige Berührung ausgelöst hatte. Langsamer kam er hinter ihm her und setzte sich neben ihn auf die Couch, schlug ein Bein halb unter. "Und er ist ja auch dieses Mal zu Ihnen zurückgekommen, nicht? Wenn er das einmal gemacht hat, obwohl er sich hier fremd ist, wird er es das nächste Mal wohl auch tun. Vermutlich mag er Sie, hm?"

"Ja, ohne mir schmeicheln zu wollen, denke ich das auch. So treu sind Katzen sonst wohl nicht." Mateo nahm das Weinglas auf und drehte es in seiner Hand. "Ich hoffe, dass er bei mir bleibt. Margot war meine einzige Freundin hier."

Das hatte er so nicht sagen wollen. Vielleicht lag es wirklich an der Wohnung, dass er solche Dinge zugab, seine Gedanken. Unsicher streifte er die Beine seines Nachbarn, aber fragte dann "Soll ich den Wein einschenken?" Die Karaffe wirkte ebenso elegant und neu wie das Glas in seinen Händen. Er fühlte sich, als müsse er endlich einige der Gegenstände benutzt aussehen lassen.

Nachdenklich betrachtete Paul ihn und nickte bedächtig. "Danke, gerne." Wenn die tote Frau seine einzige Freundin gewesen war, dann musste Mateo jetzt sehr einsam sein. Kein Wunder, dass er so zärtlich an dem Kater hing. Doch er sprach seine Gedanken nicht aus, wenn sich auch ein kleines Unwohlsein in ihn schlich. "Wenn er wieder mal verschwunden sein sollte, helfe ich Ihnen gerne suchen." Noch im gleichen Moment, in dem er es aussprach, fragte er sich, ob dieses Angebot eine so gute Idee war.

Mateo lächelte leicht und hob sein Glas in Richtung des anderen, aber wagte keinen allzu langen Blick in das schlanke Gesicht des Mannes. Die Stille, während er die Bücherwand betrachtend einen Schluck trank, wurde von leiser Soulmusik überspielt. Regen, vermischt mit Eiskristallen prasselte an das Fenster, und Mateo fand es angenehm zu schweigen, fühlte sich von dem anderen nicht auffordernd beobachtet. Er genoss den weichen, fruchtigen Geschmack des Weines und seufzte leise, als er sich tiefer in das Sofa rutschen ließ.

Paul hatte an dem Wein nur genippt, während er Mateo über den Rand des Glases hinweg betrachtete. /Er hat Grübchen, wenn er lächelt./ Aber das war nur ein kleines Detail, das ihm auffiel, so überraschend es auch war. /Mateo ist einfach von oben bis unten hübsch./

Der warme Ton seiner Haut wurde von den Brauntönen der Cordhose und des sorgfältig gebügelten Hemdes, an dem Paul noch einige schwarze Katzenhaare entdeckten konnte, unterstrichen. Das dichte, schwarze Haar, das hinten sehr kurz, vorne jedoch länger war, hing ihm ein wenig in die Stirn, war nicht ganz so ordentlich frisiert wie sonst. Seine dunkelbraunen, von dichten, schwarzen Wimpern umgebenen Augen wirkten in dem weichen Licht der Wohnzimmerlampe samtig, und Paul wünschte sich, dass er sie nicht hinter der rahmenlosen Brille verstecken würde, auch wenn diese ihm gut stand. Sie ließ ihn verletzlicher aussehen, als er im Moment ohnehin wirkte. /Verletzlich.../ Der Ausdruck wurde noch unterstrichen durch die Weichheit, die sich um seine scharf geschnittenen, sonst immer so abweisenden Lippen gelegt hatte. /Einsam./ Einsamkeit kannte er selbst zu genüge. Doch vielleicht... Paul lächelte leicht.

"Sagen Sie, haben Sie schon etwas über den eigenartigen Stein herausgefunden?", fragte er leise, um die ruhige Stimmung nicht zu zerstören.

Mateo nickte, dann riss er sich aus seiner Träumerei und hob den Kopf. "Ich habe ein zweites Teil gefunden, einen Moment, dann hole ich es rüber, ja?" In dem Augenblick, in dem sein Nachbar ihn so freundlich und ruhig gefragt hatte, war sein Beschluss, dass er in diesem Mann vielleicht einen guten Zuhörer für seine Theorien gefunden haben mochte, gefasst worden.

Rasch lief er in seine Wohnung hinüber und holte die beiden in dicke Tücher eingeschlagenen Bruchstücke, die ihm zugefallen waren. Er warf einen Blick in die Küche, das Katzenfutter war alle. /Gut, Flaco mag sein Futter, dann liegt er bestimmt in meinem Bett und wärmt es mir an./ Noch in Gedanken daran, dass er sich viel früher eine Katze hätte zulegen sollen, ging er zu Lewis zurück, um die Steinstücke auf dem Couchtisch vor ihm auszubreiten.

Neugierig beugte Paul sich vor und betrachtete die beiden schwarzen Steine. Er schob sie zusammen, als er feststellte, dass sie zusammenzupassen schienen, konnte aber dennoch keinen Hinweis darauf finden, was sie darstellen sollten.

"Es ist allerdings eine etwas komplizierte und lange Geschichte. So viele Dinge sind in Mexiko passiert, verwirrende Dinge. Wollen Sie das überhaupt alles hören? Ich will Sie nicht langweilen."

Paul sah auf und lächelte Mateo an. "Ich glaube nicht, dass Sie mich langweilen können, Mister Simons. Und diese Steine interessieren mich."

Mateo senkte den Blick auf seinen Wein, bevor er heiser und ohne den anderen anzusehen flüsterte "Bitte, ich heiße Mateo."

Pauls Lächeln vertiefte sich noch. "Eine gute Idee, Mateo. Ich bin Paul." Die Stimme und das verlegene Kopfsenken wirkte sich regelrecht verwirrend auf ihn aus. Er hatte mit einem Mal das Bedürfnis, die Hand auszustrecken, um dem anderen Mann über die Wange zu streicheln, um herauszufinden, ob die Haut wirklich so weich war, wie sie wirkte. Es war ein eigenartiges und ungewohntes Verlangen. Um sich abzulenken wies er auf die Steine. "Also, erzählst du mir darüber?"

Mateo gab sich viel Mühe, die Geschehnisse in der richtigen Reihenfolge darzustellen. Er schaffte es jedoch nicht, die Trauer und auch Angst aus seiner Stimme und seinen Gesten fernzuhalten, als er über die Toten sprach. Er ließ die Details nicht aus, auch nicht, dass er die Leichen erschreckend fand.

"Hast du schon Tote gesehen? Ich noch nicht bis zu dem Tag, an dem ich Margot gefunden habe. Und nun sind es schon drei! Sehe Leichen immer so... übermäßig tot aus?" Er sah den anderen schon ein wenig länger an, das musste der Alkohol sein, von dem er eindeutig mehr trank als sein Gastgeber.

Paul erwiderte seinen Blick ernst. "Das hat mein Beruf das eine oder andere Mal schon mit sich gebracht." Er lehnte sich ein wenig vor und legte Mateo die linke Hand auf eine Schulter, um ihn kurz zu drücken. "Aber wenn die Toten geliebte Personen sind, ist es besonders schwer, ich weiß. Es tut mir leid, dass du in so kurzer Zeit drei liebe Menschen verloren hast." Er hätte ihm gerne wirklich geholfen, irgendwie, doch er wusste, dass es wenig gab, das er tun konnte. Genauso wenig, wie er den Tod hatte verhindern können, konnte er dem Mann vor sich Trost geben.

Mateo wandte sich wieder ein wenig ab. "Ich hab das Gefühl, als hätte es mit den Steinen zu tun. Sie gehören zusammen, das weiß ich schon." Er lächelte und strich mit den Fingern über das Stück, das ihm näher lag. "Ich habe jetzt einen Studenten, der mir bald Arbeit abnehmen wird, dann habe ich Zeit, um nach Schriften über diese Funde zu suchen. Meine Mutter hat lediglich die Inselgruppe beschrieben, von der das erste Stück stammt."

"Nun, das ist doch schon mal ein guter Anhaltspunkt." Paul spürte eine unbestimmte Sorge in sich aufsteigen. Er glaubte eindeutig an das, was man im Allgemeinen als Übernatürlich bezeichnete, und allein der Gedanke, dass etwas in der Richtung Mateo gefährden könnte, machte ihn nervös. "Ich hoffe, du findest das nicht lächerlich, aber wenn du wirklich der Meinung bist, dass es mit den Artefakten zu tun haben könnte, dann solltest du sie vielleicht nicht unbedingt in deiner Wohnung aufbewahren. Andererseits..." Er rieb sich über die Stirn und die Nase, sah Mateo dann wieder an. "Andererseits hat Margot ihren Stein doch wohl schon länger gehabt, oder? Warum sollte sie dann ausgerechnet jetzt daran gestorben sein?" Dennoch betrachtete er die Steine misstrauisch.

Mateo hob entsetzt die Hände und starrte Paul ins Gesicht. Wie konnte er nur so gelassen solche Dinge sagen! "Ich meinte doch nicht, dass diese Menschen an dem Stein gestorben sind, ich meinte nur... ja, was eigentlich? Vielleicht wollten die Steine gefunden werden?" Er ließ die Hände in seinen Schoß fallen und schüttelte sich die Haare aus der Stirn. "Nein, das ist noch idiotischer. Vergessen wir diese Theorie besser gleich. Vermutlich ist es Zufall."

Wieder warf Paul den beiden Steinen einen Blick zu, die wie zwei kleine Stücke gestohlene Nacht auf dem hellen Tisch lagen. "Es kann Zufall gewesen sein." Dann sah er wieder zu Mateo hin, noch immer mit Sorge im Blick. "Vielleicht aber auch nicht. Nenn mich meinetwegen ein wenig verrückt, aber ich habe im Laufe der Zeit einiges gesehen, was durch Rationalität nicht so einfach zu erklären ist. Wenn du ein schlechtes Gefühl bei der Sache hast, dann solltest du darauf hören."

"Schlechtes Gefühl..." Mateo seufzte und nahm die Brille ab, um sich die Augen zu reiben. Kurzsichtig blinzelte er einige Male zu den Steinen hin, dann setzte er die Gläser wieder auf und gestand "Kein schlechtes Gefühl, aber eine Art Alptraum. Ich träume immer sehr bedrückend in letzter Zeit."

Für einen Moment war Paul von den warmen, braunen Augen abgelenkt, die ohne das kühle Brillenglas davor wirklich noch wesentlich schöner waren. Doch er zwang sich, auf Mateos Worte zu achten. Er schenkte seinem Gast Wein nach, ehe er sich im Sofa zurücksetzte. "Seit du in ihrem Besitz bist? Was träumst du?"

Mateo zögerte, aber entschloss sich dann doch, Paul zu vertrauen. Er hatte ihm sowieso schon mehr erzählt als irgendjemandem zuvor. "Ich träume immer, dass ich schlafe, dass ich meine Augen jedenfalls nicht öffnen kann. Ich fühle, wie jemand meine Stirn berührt und dann ersticke ich, langsam und es wird kalt. Es ist bedrückend. Auch wenn auch ich mich nicht in Panik befinde, sondern ruhig bin, weiß ich, dass ich, wenn ich nicht im nächsten Moment Luft hole, sterben werde." Er senkte den Kopf und gab zu "Es macht mir Angst, ich träume das seit der ersten Nacht in Mexiko, fast jede Nacht."

Paul schwieg eine ganze Weile lang und sah abwesend in sein noch immer volles Weinglas, auf das sich eine glitzernde Schicht feiner Wassertröpfchen gelegt hatte, so hoch der kühle Wein reichte. /Er träumt vom Ersticken, als würde er wissen... Er spürt etwas. Irgendetwas. Er ist.../

Schließlich hob er den Kopf. "Mateo..." Er verstummte wieder, wusste nicht, wie er es sagen sollte, ohne dass es vollkommen verrückt wirkte. "Es mag eigenartig klingen, aber ich glaube, es ist ein Glücksfall, dass dir dieser Kater zugelaufen ist. Katzen sollen angeblich einen siebten Sinn für Gefahren haben. Ich glaube, so lange er bei dir ist und bleibt, musst du keine Angst vor irgendetwas haben. Und vielleicht solltest du die Steine heute nacht bei mir lassen. Wenn deine Träume dann verschwinden, überlegen wir weiter. Wenn nicht, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es nicht daran liegt."

"Flaco?" Ein wenig betrunken sah Mateo Paul sogar in die Augen, um darin nach Spott zu suchen. Er fand jedoch eher heraus, dass seine Augen nicht nur ernsthaft blickten, sondern sehr schön waren. Seiner Schüchternheit zum Trotz hielt er dem Blick stand und nickte leicht. "Na gut. Aber wenn du die Steine jemandem zeigen willst, dann frage mich bitte erst."

Paul lächelte ohne sich abzuwenden, wollte mit einem Mal diesen Moment nicht verlieren; er spürte, wie der andere etwas tief in ihm berührte, was ihm seit Ewigkeiten kalt und tot erschienen war. Das Gefühl beunruhigte ihn, was ihn aber nicht daran hindern konnte, seine linke Hand unter dem Vorwand eines Versprechens auf Mateos zu legen, um seine Wärme, seine samtige Haut zu spüren. "Natürlich werde ich das. Aber ich habe nicht vor, sie irgendjemandem zu zeigen. Ich will nur nicht, dass du in Gefahr gerätst deswegen. Es ist ein Versuch, mehr nicht."

Es fiel ihm schwer, den anderen wieder loszulassen, denn die kleine Hand unter seiner fühlte sich zu gut an. Er drückte sie leicht, dann zog er sich zurück, ein letztes Mal den Handrücken mit den Fingerspitzen streifend. "Aber das ist es wert, nicht?"

Mateo hob die Schultern. "Ich glaube eigentlich nicht an solche Dinge. Ich lese nicht einmal mein Horoskop, aber egal." Er streckte sich verhalten gähnend und stand auf. "Ich muss morgen zur Arbeit, deswegen gehe ich besser jetzt schlafen. Vielen Dank für den Wein und... das Zuhören." Hastig stürzte er den Rest aus seinem Glas herunter und ging dann ein wenig unsicher zum Flur hinüber.

Paul stand eilig auf und brachte ihn noch bis zur Wohnungstür. "Und ich danke dir für den angenehmen Abend. Ich hoffe, wir können das bei Gelegenheit wiederholen. Aber nebenbei bemerkt, Horoskope lese ich auch nicht." Er lachte. "Gute Nacht. Ich wünsche dir angenehme Träume."

Paul wartete, bis Mateo seine Wohnung aufgeschlossen hatte und darin verschwunden war, dann er schloss er seine Tür und lehnte sich mit einem leicht abwesenden Gesichtsausdruck dagegen. Sein Nachbar war unerwartet offen gewesen, unerwartet schüchtern fast, sie waren weniger förmlich, und er hatte ihn angelächelt.

Abrupt, benahe erschrocken richtete er sich auf. /Träume nicht! Du hast Wichtigeres zu tun!/ Er hastete ins Wohnzimmer zurück, während er bereits seinen Pullover auszog, und warf den Steinen einen langen Blick zu, als er auch aus der Hose schlüpfte.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh