Torhüter

5.

Als Mateo sein Wohnzimmer betrat, sprang Flaco mit einem kleinen Satz von der Couch runter, um ihm begrüßend um die Beine zu streichen, während er leise zu schnurren begann. Er blieb nur stehen, um sein Köpfchen an ihm zu reiben, wie um ihm klar zu machen, dass Mateo lang genug weggewesen war und sich jetzt wichtigeren Dingen, nämlich dem Streicheln von Katern, zuzuwenden hatte.

"Hola, querido! Hast du hier auf mich gewartet?" Mateo gähnte und rieb sich die Augen. Während er sich auszog und seine Kleidung ordentlich auf den Stuhl im Badezimmer legte und dann seine Zähne putzte, gingen ihm all die Dinge durch den Kopf, die er seinem Nachbarn erzählt hatte.

Er legte sich ins Bett und streckte sich fröstelnd unter der noch kühlen Decke aus. "Und ich hab behauptet, dass du mein Bett anwärmen wirst. Fehlanzeige. Der Herr lag auf der Couch und hat dort seine Haare verteilt. Soll ich dir das nächste Mal den Fernseher anlassen, Flaco?" Mateo legte seine Brille neben den Wecker und stellte ihn an.

Der Kater folgte ihm von der Anklage unbeeindruckt und sprang mit einem leisen Laut auf die Decke, wanderte schnurrend über Mateo hinweg, stiefelte in Kreisen hier und dorthin, bis er sich direkt neben seinem Kopf niederließ, um ihn wissend anzublinzeln.

Mateo drehte sich auf die Seite und zu ihm hinüber. "Das nächste Mal? Ich rede, als würde ich noch einmal zu ihm rüber gehen für einen Abend. Zu Paul..." Er streichelte dem Kater über den Kopf und murmelte "Wenn ich nicht betrunken gewesen wäre, hätte ich es nicht gesehen, aber er hat wirklich schöne Augen. Ich meine nicht die Farbe oder die Form oder so, es war... etwas darin, er hat mich nicht ausgelacht, vielleicht war es das."

 

Mateo erinnerte sich nicht mehr, wann er eingeschlafen war, aber der Wecker war ein Instrument aus der Hölle am nächsten Morgen. Sein Kopf fühlte sich benebelt an, und ihm war leicht übel. /Der Wein, verdammt noch mal, ich hätte nicht soviel trinken sollen!/

Während er sich groggy seinen Trainingsanzug überzog und nach der Baseballkappe tastete, fiel ihm der Nachbar wieder ein, und er spürte, dass seine Wangen sich röteten. "Flaco, hab ich ihm wirklich all diesen Unsinn erzählt? Verdammt, wie konnte ich nur?"

Unbeeindruckt strich Flaco ihm um die Beine und versuchte erfolglos, mit ihm nach draußen zu schlüpfen, als Mateo die Wohnung verließ. Mateo konnte das empörte Maunzen, dass er es seinem Kater verwehrt hatte, noch durch die geschlossene Tür hören. Als er aus dem Haus trat, entdeckte er als erstes Paul mit seinem grünen Trainingsanzug.

"Guten Morgen." Paul nickte ihm zu und streckte sich einmal, ehe er langsam loslief, als Mateo dies tat, und sich seinem Tempo anpasste. Es störte ihn nicht, dass Mateo sich so grummelig gab. Auch schweigend neben seinem Nachbarn herzulaufen, war angenehm. Er hatte sich fest vorgenommen, keine langen Gespräche anfangen zu wollen, eine Sache brannte ihm dennoch auf der Seele.

"Hast du gut geschlafen? Oder wieder geträumt?", fragte er schließlich, als sie den Park erreicht hatten.

Mateo fühlte, wie die frische Luft seinem Kopf und Körper gut tat. Das schummerige Gefühl wich allmählich, und die Übelkeit wandelte sich in leichtes Hungergefühl. /Bin ich froh, dass ich nicht der Typ bin, der schlimme Kater bekommt./ Er grinste anflugartig. /Bis auf Flaco, wollte der Racker doch tatsächlich wieder nach draußen! Ich lasse ihn auf den Balkon, das muss wirklich reichen, ich will ihn nicht verlieren./

Die dunkle Stimme seines Nachbarn riss ihn aus diesen Überlegungen. Er warf einen kleinen Blick auf die Turnschuhe des anderen. Paul hatte deutlich längere Beine, aber schien seinen Schritt an Mateos angepasst zu haben. Statt einer Antwort schüttelte Mateo lediglich den Kopf.

Erst als sie am Brunnen nebeneinander anhielten und Mateo sich wie an jedem Morgen streckte, während er die Bäckerei ins Auge fasste, gab er zu "Ich hab gut geschlafen und nicht geträumt. Gar nicht. Ich glaube trotzdem nicht, dass es an den Steinen liegt."

Paul konnte sich ein Grinsen und ein Zwinkern einfach nicht verkneifen, so sehr er es sich auch vorgenommen hatte. "Nun, diese Nacht kann es durchaus auch am Wein gelegen haben, nicht?"

Mateo wendete sich hastig ab, weil seine Wangen sich unangenehm erhitzten. "Vielleicht." Er bemerkte die Bäckersfrau gegenüber und streckte sich ein letztes Mal, bevor er mit einem knappen Winken hinter sich über die Straßen zum Laden lief.

Pauls Grinsen verwandelte sich in ein leichtes Lächeln, als er stehen blieb und Mateo hinterher sah. Durch das große Schaufenster der Bäckerei konnte er sehen, wie der junge Mann seine Brötchen bestellte, ein paar Worte mit der Frau hinter der Theke wechselte und dann den Laden wieder verließ. Rasch wich Paul in den Schutz des Brunnens zurück, um nicht von ihm bemerkt zu werden. Erst, als Mateo außer Sicht war, sprintete er los, um vor ihm das Haus zu erreichen.

 

Während Mateo nach der Dusche mit seiner Zeitung und Brötchen, sowie Flaco auf dem Schoß frühstückte, ärgerte er sich schon ein wenig, dass er so anfällig war für diese Neckereien. Sein Chef auf der Arbeit war auch immer so zu ihm. Jeder noch so kleine Fehltritt wurde sofort als eine beschützenswerte Unsicherheit ausgelegt. Mateo hasste es, wenn er so herabgesetzt wurde.

"Warum machen Männer das mit mir? Nur weil ich klein bin und lange Wimpern habe? Verdammt noch mal! Ich kann auf mich allein aufpassen!" Ein Blick auf die Uhr bestätigte ihm, dass er sich beeilen musste, wenn er es zu Fuß zur Arbeit schaffen wollte.

Als Mateo bei seinem Schreibtisch ankam, wartete Dennis schon auf ihn, die Zettel mit den Aufträgen in den Händen. Es stellte sich über den Vormittag hinweg heraus, dass Mateo das außerordentliche Glück hatte, in Dennis einen intelligenten und fleißigen Mitarbeiter gefunden zu haben.

Er nutzte die entstehende Zeit, um sich seinen eigenen Nachforschungen zu widmen. Zunächst las er sich sämtliche Artikel durch, die seine eigene Mutter Juanita vor ihrem Tod über die Expeditionen auf den Inseln im Indischen Ozean verfasst hatte. Gerade hatte Mateo einen Artikel über die Expedition entdeckt, auf der Juanita vermutlich zu einem der Steinbrocken gekommen war, als sich eine große Hand warm und schwer auf seinen Nacken legte.

"Mateo. Es ist schon halb zwei. Willst du nicht eine Mittagspause einlegen?" Die Stimme war zu vertraulich und zu dicht an seinem Gesicht.

Mateo wurde rot und wand sich, aber konnte den Fingern, die schon fast seinen Hals berührten, nicht entkommen. "Nein, ich möchte abnehmen, danke", presste er zwischen den Zähnen hervor und stand hastig auf. "Ich muss noch viel tun heute, der Student..."

"Er nimmt dir schon am zweiten Tag recht viel Arbeit ab, was ist? Willst du wirklich keine Pause machen? Ich lade dich ein, in das italienische Restaurant gegenüber, und wir können über den Urlaub reden."

"Entschuldigen Sie, wenn ich störe..." Dennis kam mit schnellen Schritten um ein Regal gebogen. Er nickte dem Chef kurz, aber freundlich zu und wandte sich dann an Mateo. "Kannst du mir helfen? Hinten steht ein Professor, der sich nicht von einem Studenten abspeisen lassen möchte und zudem habe ich mit zwei der Karteien Probleme; die Nummer stimmt nicht, und die Schrift ist unleserlich für mich. Sie haben aber beide den Vermerk 'dringend'."

Mateo wollte noch etwas zu seinem Chef sagen, aber dieser nickte ihm nur zu und ging mit schnellen Schritten fort. Aufatmend nahm Mateo die Kärtchen entgegen. "Hm, was haben wir denn hier?"

Dennis kratzte sich im Nacken, dann grinste er verlegen. "Derart dringend sind sie vermutlich doch nicht, und die Schrift ist miserabel, aber nicht vollkommen unleserlich. Ich dachte mir nur..." Er unterbrach sich und beeilte sich Mateo zu versichern "Aber der Professor ist echt. Er meinte, er würde mich nicht kennen, demnach könne ich noch nicht lange da sein. Also sei ich inkompetent."

Mateo starrte ihn einen Augenblick lang an, dann versetzte er "Ich kann mich gut allein gegen den Chef wehren, danke." Mit schnellen Schritten ging er in Richtung des wartenden Professors fort, aber winkte Dennis "Ich stelle dich vor, dann wird er nicht mehr so misstrauisch sein."

"Danke." Dennis senkte den Kopf. "Und entschuldige für meine Einmischung. Ich dachte nicht, dass du dich nicht wehren kannst... ich dachte nur... dass es vielleicht einfacher wäre... Wird nicht wieder vorkommen. Tut mir leid."

Mateo überging die Entschuldigung und versuchte seinen Ärger zu unterdrücken, tat so, als sei nichts gewesen.

In den nächsten Tagen ließ der Chef ihn erstaunlicherweise jedoch weitgehend in Ruhe. Dennis war allerdings auch fast immer um ihn. Vor allen Dingen blieb Dennis zu Mateos Überstunden ebenfalls und beteiligte sich begeistert an der Suche nach Informationen zu den schwarzen Steinen.

Bei einem gemeinsamen Mittagessen schlug Mateo daher vor "Dennis, da ich dich mit meiner Begeisterung für diese Artefakte angesteckt habe, sollte ich sie dir vielleicht einmal zeigen. Ich versuche, meinen Nachbarn einmal abzupassen. In letzter Zeit sehe ich ihn immer nur morgens, abends scheint er aus zu sein."

Nachdenklich stocherte Mateo in seinem Pastateller herum und gestand sich ein, dass er sich zwar mit den neckenden Bemerkungen von Paul unwohl gefühlt hatte, aber er den Abend bei einem Glas Wein sehr gern hätte wiederholen wollen. Es war nun schon zwei Wochen her. Er hatte Paul seitdem nur hin und wieder beim Joggen im Park gesehen. Aber grundlos an dessen Tür klingeln wagte er auch nicht.

"Oh ja, tu das." Dennis grinste dieses begeisterte Grinsen, das ihn exakt so jung wirken ließ, wie er war. "Denn wenn ich nicht weiß, wie genau sie aussehen, kann ich nicht wirklich effektiv arbeiten."

Er lachte, als er sich an den Abend erinnerte, an dem Mateo ihm das erste Mal von den Steinen berichtet hatte. Es war spät gewesen, und der andere hatte mal wieder Überstunden gemacht. Nur war Dennis ebenfalls geblieben und hatte Mateo fast zu Tode erschreckt, als er zu ihm gekommen war, um ihn etwas zu fragen. Seitdem hatte er sich fast genauso enthusiastisch in vielversprechenden Büchern vergraben wie dieser.

"Sie sind schwer zu beschreiben, und ich hab sie selber schon seit einigen Tagen nicht mehr gesehen. Ich denke, dass ich Paul sonst einfach einen Zettel an die Tür pinne, dass ich die Steine zurückbrauche. Aber vielleicht haben wir Glück, und er ist Zuhause."

Er beobachtete, wie Dennis in seinen Kopien herumstrich. Der Student aß mittags nichts, behauptete, dass er auf diese Art seine Linie bewahrte und zudem seine Mitbewohner glücklich machte, die ihm immer etwas kochten. Wider Erwarten war dieser Student seit langem der erste brauchbare Mithelfer, und Mateo fürchtete sich schon vor dem Beginn der Klausurenblöcke, wenn Dennis sicherlich nicht mehr die Zeit hatte, den ganzen Tag zu arbeiten. Durch seine Hilfe hatte Mateo immerhin schon einige Artikel gefunden, in denen die Steinbrocken vermutlich erwähnt wurden.

Leider waren die Beschreibungen eher philosophischen Schriften entsprungen und lasen sich kompliziert. Die meisten waren in französisch verfasst, der Sprache auf den Inseln. Nur die Schriften seiner Mutter und ihres Chefs waren in Spanisch und für Mateo verständlicher, leider nicht hilfreicher, da sie nur Landkarten und Begehungspläne von Ausgrabungsstätten enthielten, und die schwarzen Bruchstücke nur am Rande als kleine Zahlen auftauchten, Fundstücke 346 und 789 von Ausgrabungsstätte 27.

 

Am Abend ging Mateo, noch bevor er in seine Wohnung verschwand, zu Pauls Tür und klingelte. Er war ein wenig nervös und wusste nicht genau, woher seine Nervosität kommen mochte. Paul war immerhin sein Nachbar, und er hatte die Steine, auf die Mateo jedoch wirklich jedes Recht hatte.

Es dauerte eine Weile, ehe Paul ihm öffnete. Er trug eine hässliche, fleckige Schürze, die er sich hastig auszog, als er Mateos ansichtig wurde. "Hallo! Schön, dich mal wieder zu sehen. Komm doch rein. Ich war gerade in der Dunkelkammer, deswegen hat es länger gedauert." Er trat beiseite und lächelte. "Lust auf einen Tee?"

Mateo öffnete und schloss den Mund einige Male, dann nickte er ergeben und folgte seinem Nachbarn in die Wohnung, die noch immer nicht sonderlich eingewohnt wirkte. Er stellte seine Tasche an der Garderobe ab und knöpfte zögerlich den Mantel auf. "Ich wollte eigentlich nur fragen, ob ich die Steine wiederhaben kann. Ich will sie jemandem zeigen, der mir bei den Nachforschungen hilft."

Die Art, mit der Paul ihn einfach in die Wohnung gebeten hatte, ohne Mateos Besuch zu hinterfragen, gab ihm das Gefühl, als sei er schon oft einfach so am Abend vorbeigekommen. Das war er aber ganz und gar nicht. Irritiert sah Mateo sich in dem Garderobenspiegel an, seine Augen erwiderten den Blick scheu und ein wenig missmutig, und der Mantel ließ ihn kleiner wirken, vor allem neben dem ungefähr einen Kopf größeren Mann, dessen Blick und Lächeln Mateo im Spiegel begegnete. Errötend drehte er sich um. "Ich kann nicht lange bleiben, ich habe noch viel zu lesen heute."

Paul hob in einer abwehrenden Geste die Hände. "Oh, wenn du keine Zeit hast, werde ich dich nicht zwingen." Er grinste ein wenig schief. "Aber ich dachte, es wäre ganz nett, wir haben uns schon länger nicht mehr gesehen, was ich eigentlich schade finde."

Er hängte die Schürze an die Garderobe und ging ins Wohnzimmer, um das Bündel mit den Steinen aus dem Schrank zu nehmen. Doch er reichte es ihm nicht sofort, sah ihn nur an. "Eine halbe Stunde vielleicht?" Seine Stimme klang regelrecht hoffnungsvoll, als er ihm das Päckchen schließlich gab. Um von seinem überraschend tiefen Wunsch nach Mateos Nähe zumindest ein wenig abzulenken, fügte er rasch hinzu "Auf mich haben sie sich übrigens auch nicht ausgewirkt. Du hast also vermutlich recht, dass sie nicht an deinen Träumen schuld sind. Hast du schon was über sie herausgefunden?"

Das, was Mateo ihm an Gesellschaft gab, reichte ihm nicht wirklich, stellte er wie schon so oft in den vergangenen Tagen fest. Er musste gegen das Bedürfnis ankämpfen, einfach in die Küche zu gehen und mit dem Teekochen anzufangen, um ihn dadurch zu überrumpeln und zum Bleiben zu bringen.

Mateo zögerte, den letzten Knopf noch immer zwischen den Fingern, dann nickte er leicht. "Ja, fairerweise sollte ich dir von den neuen Erkenntnissen erzählen, wenn du auf die Steine achtest für mich." Die Art, in der Paul schon fast um seine Gesellschaft bettelte, beschämte Mateo, auch wenn er es nicht wenig schmeichelhaft fand, dass der attraktive Mann tatsächlich gern Zeit mit ihm verbringen wollte.

Paul versuchte nicht mal, seine Freude zu verbergen, als ein strahlendes Grinsen über sein Gesicht zog, das ihn noch offener wirken ließ als gewöhnlich. "Wunderbar, dann mache ich uns jetzt Tee. Wenn du magst, kannst du ja bereits ins Wohnzimmer gehen und meine Anlage dazu überreden, Musik zu spielen. Sie gehorcht mir jetzt zwar nach deinem Einsatz, aber ich habe das Gefühl, dass sie mich manchmal anschmollt." Er zwinkerte ihm zu und verschwand gut gelaunt in der Küche, um Teewasser aufzusetzen und seine Teevorräte durchzugehen, die er im Grunde genommen nur für Mateo angelegt hatte.

Mateo war dankbar, dass Paul so schnell in der Küche verschwunden war, so bekam der wenigstens nicht mit, wie er sich schüchtern im Spiegel angrinste, bevor er das Dufflecoat auszog und auf einen Bügel hängte.

Nur wenig später kam Paul mit einer großen, gusseisernen Teekanne ins Wohnzimmer nach. Er stellte sie ab, entzündete die Kerze in dem Stövchen und holte dann zwei Teegläser aus dem Schrank. Erst, nachdem er - Mateo natürlich zuerst - eingeschenkt hatte, setzte er sich zu ihm. "Und, was haben deine Nachforschungen ergeben?"

Mateo ließ einige Stückchen Kandis in sein Glas fallen und rührte eifrig in seinem Tee, war sehr froh über die Möglichkeit, sich von dem Mann neben sich ablenken zu können. "Wir mein studentischer Helfer und ich haben bislang herausgefunden, dass es zwei Richtungen Artikel gibt, die sich mit diesen oder ähnlichen schwarzen Bruchstücken befassen. Zum einen archäologische Schriften, wie die meiner Mutter. Aus denen geht hervor, das die Bruchstücke als ein Ganzes vermutlich ein rundes, sehr wahrscheinlich muldenförmiges Artefakt bilden, vielleicht eine Opferschale? Ich weiß nicht. Aus den Maßen und der Krümmung der Kanten..." Mateo setzte sein Teeglas ab und strich an einem der Stücke entlang, fühlte die kühle Glätte des Steins und lächelte leicht. "... ja, sie sind leicht gekrümmt, jetzt sehe ich das auch ganz deutlich. Daraus ergibt sich eine Gesamtgröße mit ungefähr dreißig Zentimetern Durchmesser. Das würde Sinn machen." Er sah zu Paul hinüber, um herauszufinden, ob dieser ihm soweit folgte.

Paul nickte, nahm die Artefakte selber noch einmal genauer in Augenschein, ehe er wieder Mateos Blick erwiderte. "Und die anderen Schriften?", fragte er, während er seine Tasse aufnahm und den feinen Teeduft einatmete.

"Oh, das ist das Merkwürdige daran. Die anderen Schriften sind beinahe ausschließlich philosophische Abhandlungen eines Franzosen, der lange Zeit auf einer der Inseln, von denen meine Mutter das Bruchstück auch hatte, gelebt hat. Seine Abhandlungen können in weiten Teilen leider nur in der philosophischen Bibliothek in Paris eingesehen werden und auch nur nach Anmeldung. Zur Zeit versuche ich meinen Chef dazu zu überreden, mich hinfahren zu lassen. Vermutlich werde ich ihn nach dem traditionellen Weihnachtsessen soweit haben."

Mateo trank einen Schluck Tee und seufzte. Das Essen würde in einem edlen Restaurant sein, und er wusste schon jetzt, dass es übergehen würde in Einladungen des Chefs zu Weihnachtsfeiern bei ihm im Hause, zu Silvesterbällen in irgendwelchen Hotels, und er konnte und wollte keine private Zeit mit dem Mann verbringen. Andererseits, eine der Einladungen in das Haus musste er annehmen. Früher waren sein Vater und er stets gemeinsam dort gewesen, und es würde falsch aussehen, wenn Mateo sein Weihnachten nun anders begehen würde.

Ein kleiner Schatten huschte über Pauls Gesicht und verschwand gleich wieder, um einem Lächeln zu weichen. "Nun, ich drücke dir die Daumen, dass es klappt. Langsam machen mich die kleinen schwarzen Dinger wirklich neugierig. Je nachdem, was dabei herauskommt, könnte ich mir vorstellen, etwas darüber zu schreiben. Wenn du nichts dagegen hast. Und wenn ich mit meinem jetzigen Projekt fertig bin." Er warf der geschlossenen Tür seiner Dunkelkammer, die ehemals Margots Arbeits- und Abstellzimmer gewesen war, einen kurzen Blick zu. "Es geht leider langsamer voran, als ich gehofft habe. Aber immerhin habe ich heute ein paar nette Fotos geschossen."

Er stellte seine Tasse wieder ab, um sich drei Kandis zu gönnen und langsam umzurühren, während er dem leisen Knacken lauschte, das die Zuckerstücke im heißen Tee erzeugten. "Was macht dein Kater? Immer noch so mager? Oder hast du ihn mittlerweile zu einem Kuscheltier gefüttert?"

Mateo seufzte wohlig. "Der Kleine ist ein wahrer Engel. Er ist immer da, wenn ich von der Arbeit komme und schmust mich zu Tode. Sein Futter scheint er zu mögen, ich kaufe ja auch immer nur das beste, aber dicker wird der Streuner nicht. Ich vermute fast, dass er genetisch ein flaco gato ist, ein magerer Kater."

Paul lachte. "So was kommt vor. Ich glaube, mich könnte man auch zu Tode füttern, und ich würde nicht dicker werden. Aber wenn es dem Racker bei dir gut geht, ist das ja in Ordnung. Ist er dir noch mal entkommen?"

Nachdem Mateo erst einmal angefangen hatte, von seinem Kater zu erzählen, fand er immer Neues, immer neue Anekdoten, die er so amüsant zum Besten geben konnte, dass Paul kaum aus dem Schmunzeln herauskam. Er berichtete seinerseits das eine oder andere, was er mit Katzen erlebt hatte, und beide merkten nicht, wie die Zeit verging. Erst, als Mateo gähnte, sahen sie beide gleichzeitig auf die Uhr.

"Oh! Es ist mittlerweile weitaus mehr als eine halbe Stunde vergangen", stellte Paul überrascht und ein wenig schuldbewusst fest. "Dein Kater wird dich vermissen. Ich hoffe, er hat dir aus lauter Zorn über seine verspätete Mahlzeit nicht schon die Sessel zerpflückt."

"Flaco ist ein ganz lieber Mitbewohner, er hat noch nicht eine Sache zerkratzt, bis auf den Türrahmen der Balkontür, als ich sie einmal zulassen wollte. Seine Freiheit ist ihm heilig, wie es scheint, aber das kann ich ja auch verstehen."

Paul lachte, als er aufstand und Mateo zur Tür brachte. "Nun, die meisten Katzen sind freiheitsliebend. Und du musst zugeben, er geht schon einen gewaltigen Kompromiss ein, indem er bei dir bleibt. Immerhin war er vorher vollkommene Freiheit gewohnt. Andererseits verwöhnst du ihn ja auch gewaltig. Von daher... Oh, Moment, fast hätten wir das vergessen!" Eilig kehrte er noch mal ins Wohnzimmer zurück und kam mit den Steinen wieder, die er Mateo in die Hand drückte. "Gute Nacht."

Mateo lag dieses Mal lange wach in seinem Bett, die Finger strichen dem schnurrenden Bündel neben seinem Kopf leicht durch das Fell, und er dachte über die Dinge nach, die er Paul berichtet hatte. "Weißt du, Flaco, es wird einem alles ein wenig besser klar, wenn man einem anderen davon erzählt. Erst, als ich von dem Weihnachtsessen erzählt habe, ist mir aufgefallen, wie ungern ich hingehe."

Er stütze sich auf und sah dem Kater in die hellgrauen Augen. "Ich werde hingehen, allein weil ich muss, und es sind ja auch andere Leute da; es ist ja nicht so, als sei ich allein mit ihm, aber muss er mich immer so anfassen? Als würde ich ihm gehören? Als wolle er... mich wissen lassen, dass ich sowieso nicht entkommen kann?"

Er rollte wieder herum und starrte an die Decke. "Ich mag es nicht, wenn er mich so ansieht und anfasst. Es fühlt sich falsch an, zu gierig, zu sehr, als würde es ihm darum gehen, dass er sich dabei gut fühlt. Weißt du, als sei ich nur ein Stück Seidenstoff, den anzufassen einem Spaß macht, und es ist einem egal, wenn der feine Stoff dreckig wird davon!"

Erschrocken hob Mateo eine Hand vor seinen Mund. "Das hast du nicht gehört, natürlich denke ich nicht wirklich so von ihm... nicht oft."

Am anderen Morgen ging er wie immer Joggen, sah wie immer auch seinen Nachbarn in einiger Entfernung lang laufen und bewunderte für einen kurzen Moment, wie energiegeladen jener wirkte. Die Schritte wirkten nicht mühevoll, der andere federte sich locker ab, schwang die Arme nur leicht mit, und zu schwitzen schien Paul ohnehin nie. Frustriert schob Mateo seine schwarzen Wellen aus der feuchten Stirn unter die Baseballkappe, bevor er zur Bäckerei abbog.


Kommentare, Kritiken, Lob?
 
by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh