Torhüter

6.

Dennis war an diesem Morgen ein wenig später dran, aber Mateo ging ohnehin am Morgen gern noch seine private Post durch. Die Finger von seinem Chef an seinem Arm, dicht am Ellenbogen, ließen ihn zusammenzucken. "Guten Morgen, Mateo, ich habe dir eine Einladung für mein Weihnachtsessen in das Fach gelegt."

Mateo wand sich ein wenig, während der Atem des anderen seinen Nacken entlang strich und ihn erschaudern ließ. "Danke. Ich werde sicherlich kommen. Was soll ich mitbringen?"

"Nur dich selber, Mateo. Das ist wirklich mehr als genug. Magst du Wildbraten und Trüffel?" Die Hand an seinem Ellenbogen verlagerte sich, die Finger umfassten ihn leicht.

"Ja, natürlich. Das klingt hervorragend. Ich werde dennoch versuchen, ein Geschenk zu finden, das der Einladung angemessen ist."

In dem Moment bog Dennis um die Ecke, seine Tasche unter dem Arm und von der Eile mit gerötetem Gesicht. Doch er blieb abrupt stehen, als er die beiden sah, seine Miene verfinsterte sich für einen kurzen Moment, dann zuckte er innerlich mit den Schultern. Dennoch behielt er Mateo im Auge, nur für den Fall, dass dieser ein wenig Hilfe gut heißen, ihm auch nur einen winzigen hilfesuchenden Blick zuwerfen würde.

"Bis dann also, Mateo." Der Chef drehte sich weg und nickte dem Studenten liebenswürdig zu. Für die meisten, Mateo eingeschlossen, war er stets der engagierte, väterliche Typ. Wenn da nur nicht diese Momente des Bedrängens wären, dieses Anfassen, dann würde Mateo sich sicherlich auch allein in seiner Nähe wohl fühlen.

Er drehte sich zu seinem Vorbildstudenten um und schenkte ihm ein kleines Lächeln. "Dennis, hallo. Ich habe die Steine mitgebracht. Lass uns in den Leseraum nach hinten gehen, da hab ich sie eingeschlossen."

Dennis sah dem Chef hinterher, dann Mateo an, doch er sagte nichts, erwiderte erst verspätet das Lächeln. "Hallo. Sorry, dass ich so spät bin heute, ich habe den Bus verpasst." Dann zuckte er mit den Schultern und grinste. "Der Morgen war insgesamt verhext. Mein Wecker hat versagt, zum Glück hat mich mein Mitbewohner geweckt. Nun, jetzt bin ich hier und neugierig."

Mateo nickte leicht und murmelte "Sei doch froh, jetzt kannst du dir deine Arbeitszeit noch einteilen. Du bist immer so lange am Abend hier, da musst du nicht auch am frühen Morgen schon auftauchen, Dennis." Er schloss den kleinen Leseraum auf und entwickelte die beiden Steinstücke, um sie unter der grellen Lampe vor dem anderen Mann auszubreiten. "Das sind die verdächtigen Objekte. Ich werde den Chef bei diesem unsäglichen Weihnachtsessen übrigens davon überzeugen, dass es imminent wichtig ist für mich, nach Paris zu fahren, um in der philosophischen Bibliothek Nachforschungen zu betreiben. Es kann sogar sein, dass Geld genug für deine Fahrt ist, nur die Unterkunft müsstest du selber bezahlen." Er seufzte. "Na ja, erst mal das Weihnachtsessen abwarten."

"Du willst mich mitnehmen? Wow, das wäre klasse!" Dennis strahlte. "Nun, die Unterkunft wäre nicht wirklich das Problem." Er beugte sich über die Steine und betrachtete sie, war aber nicht ganz bei der Sache. Recht schnell sah er wie auf und zu Mateo hin. "Du willst wirklich zu dem Weihnachtsessen gehen?" Er wies mit dem Kinn in einer unbestimmten Geste hinter sich. "Er geht dir doch hier schon genug auf die Nerven. Bei dir ist er ja aufdringlich wie ein Sack hungriger Mücken! Versteh mich nicht falsch, es ist nicht so, dass ich ein Problem mit Schwulen hätte." Er grinste. "Schließlich... hm... finde ich auch, dass Männer das schönere Geschlecht sind. Aber er ist... Also, mir würde das gehörig auf die Nerven gehen."

Mateo hob abrupt den Kopf, hustete erschrocken und starrte Dennis einen Augenblick lang an, dann seufzte er resigniert. Wer konnte diesen blauen Augen schon etwas übel nehmen. "Darum geht es nicht. Das Essen war schon Tradition, als mein Vater noch lebte. Er und der Chef waren beste Freunde. Ich kann nicht so unhöflich sein und wegbleiben." Er senkte den Kopf und begann, einige Seiten zu sortieren, um etwas zu tun zu haben. "Ich wünschst nur, er hätte nicht mitbekommen, dass ich Männer mag, und ich wünschte sehr, dass er endlich aufgeben würde. Na gut, ersteres ist ja egal, aber letzteres sollte ich mir als Neujahreswunsch aufheben."

Dennis zog einen Stuhl an den Tisch und setzte sich verkehrt herum, stützte die Arme auf der Rückenlehne ab, während er Mateo musterte. "Okay, wegbleiben geht also nicht. Hast du schon mal daran gedacht, einfach zu behaupten, dass du in einer Beziehung bist? Das kann Wunder wirken."

Mateo seufzte. "Ich bin singeligster Single überhaupt in der Stadt. Er weiß doch, dass ich niemanden habe, woher auch? Er ist übrigens im selben Bogenschützenclub wie ich, deswegen könnte ich nicht einmal dorther jemanden vorweisen." /Ich hab ja nicht einmal Freunde. Gerade einmal einen mageren Kater habe ich in meinem Leben. Das weiß er doch. Deswegen weiß er auch, dass ich irgendwann nachgeben werde, wenn ich das Alleinsein nicht mehr aushalten./ Mateo vertiefte sich in den unschönen Gedanken, dass es seinem Selbstwertgefühl nicht gerade Aufschwung geben würde.

Dennis betrachtete ihn noch eine Weile, dann grinste er. Es gab immer einen Weg, und der, welcher ihm gerade einfiel, gefiel ihm eigentlich. Sehr gut sogar. "Nun, du könntest deinen Schatz auch noch nicht allzu lange kennen. Ein paar Wochen erst." Er schenkte ihm einen übertriebenen Augenaufschlag. "Möchtest du morgen einen Kuss zur Begrüßung, Schatz?"

Mateos entsetzter Gesichtsausdruck wich einem Grinsen. Er verlor den Starrwettbewerb gegen diesen Frechdachs von einem Studenten und lachte schließlich. "Na, das wäre doch aber wirklich eine Notlösung, oder? Ich meine, ich... hm..." Er wurde rot. /Ich kann doch unmöglich sagen, dass ich so was nicht kann, ich kann nicht spielen. "Ich bin nicht wie du, Dennis. Mir merkt man es doch sofort an, wenn ich etwas vorzuspielen versuche. Zudem, ich würde vermutlich sterben, bevor ich dergleichen wagen würde." /Außerdem hab ich noch nie einen Mann geküsst, der nicht einer meiner mexikanischen Verwandten war./

Dennis grinste jetzt noch breiter. "Ich glaube nicht, dass das ein Problem wäre. Wenn du rot wirst, wird der Chef glauben, dass es daran liegt, dass du es peinlich findest, vor ihm geküsst zu werden." Er stieß sich von der Lehne ab und stand auf, zwinkerte ihm noch einmal zu. "Aber jetzt auf zur Arbeit. Sonst müssen wir noch unangenehme Überstunden machen, die nichts mit den Steinen zu tun haben."

 

In den nächsten Tagen vor dem Weihnachtsessen erwähnten weder Dennis noch Mateo dieses Gespräch wieder, aber sie fanden noch einige Hinweise, dass sie wirklich nach Paris in die Bibliothek fahren sollten. Mateo verbrachte zwei Abende mit Paul, dem er von den Neuigkeiten erzählte und bei dem er die Steine auf dessen Wunsch hin unterbrachte.

Es begann Mateo ein wenig zu irritieren, er begann, sich in Paul zu verschießen. Wenn er morgens den Trainingsanzug rauskramte und den Kater zum Balkon rausließ, dann ertappte er sich dabei, dass er auf die Nachbarwohnung lauschte; wenn er abends wieder heimkehrte, starrte er die Wohnungstür des schlanken Mannes an, aber brachte es nur diese zweimal über sich anzuklopfen.

Einmal hatte Mateo die Steine als Ausrede parat, und beim zweiten Mal war Paul auch nicht daheim. Die Enttäuschung, die Mateo spontan fühlte, teilte er nur mit Flaco, konnte nicht einmal Dennis, den er doch als einen Freund betrachtete, darüber reden.

Er war noch nie verliebt gewesen. Sein alter Vater war zum einen sehr streng in der Erziehung und hatte Mateo zum anderen stets mit den Schriften über geschichtliche Forschung, mit dem Training im Club für Bogenschützen und mit Besuchen von Konzerten, Diskussionsrunden, Vortragsreihen und dergleichen von gleichaltrigen Freunden fern gehalten. Die wenigen Freunde, die er in der Schule gehabt hatte, distanzierte sich von Mateo im Laufe der Zeit, weil er ihnen schlicht zu zurückhaltend und abweisend war.

Am Abend vor dem letzten Arbeitstag, bevor Mateo einige Tage Urlaub über Weihnachten und Silvester hatte, lag er in der Badewanne und wärmte sich auf. In den letzten Tagen war ihm immer ein wenig fröstelig gewesen. Es hatte allerdings auch gefroren, ungewöhnlich für die Gegend.

"Flaco, du als Kater musst dich doch eigentlich auskennen. Wie fühlt es sich denn an, wenn man jemanden nur als Freund will, und wo ist der Unterschied, wenn man jemanden liebt?" Er wusch sich mit einem Schwamm über die Brust und tauchte dann unter, um seine Haare zu waschen.

Flaco beobachtete ihn vom Toilettendeckel aus und zwinkerte wissend und schweigend wie immer.

"Ich meine, wenn ich meinen Chef sehe, dann fühle ich mich schon... gut, dankbar, aber der Gedanken mit ihm allein zu sein, ist nicht angenehm. Wenn ich aber allein daran denke, mit Dennis allein zu sein, dann freue ich mich schon. Mehr aber nicht. Ich freue mich, vor allem auf die Unterhaltung und auf seine witzige Art."

Er spülte die Seife ab und stand energisch aus der Wanne auf, huschte bibbernd zu seinem Handtuch hin, während das Wasser gurgelnd auslief. "Aber bei Paul... ist es noch anders. Warum ist das so schwer?" Flacos schweigsame Gelassenheit ließ Mateo wieder einmal Wärme spüren, und er beugte sich rasch zu ihm herunter, um ihn auf den Kopf zu küssen. Lachend streichelte er den Kater dann noch einmal schnell. "Nicht, dass du denkst, ich baggere dich an. Ich glaube jedenfalls nicht, dass du auch noch schwul bist, oder? Du bist doch mein mucho macho gato, nicht, Flaco?"

 

Atemlos kam Dennis an der Bibliothek an. Nichts war heute morgen so gelaufen wie geplant; er war in der Wohnung eingesperrt worden, weil ein gewisser Herr verschlafen und es dann plötzlich supereilig gehabt hatte. Es war eine Heidenarbeit für ihn gewesen, wieder herauszukommen, weil er den Ersatzschlüssel nicht gefunden hatte. Dann waren die Gehwege derart übervölkert gewesen, dass er sich fragte, ob er einen Feiertag verpasst hatte. Nun, immerhin hatte es nicht angefangen zu regnen.

Es war nicht so, dass er Angst um den Job hatte. Beileibe nicht. Angst um Mateo traf es wesentlich eher, was nicht nur an diesen Steinen lag, die ihn im gleichen Maße beunruhigten, wie sie ihn faszinierten. Er war heilfroh, dass Mateo ihn mit nach Paris nehmen wollte, so dass er dort ein Auge auf ihn haben konnte. Doch das war nicht alles; einmal von seinen üblichen Sorgen abgesehen gab es da auch noch den Chef, von dem Dennis das Gefühl hatte, dass der von Tag zu Tag aufdringlicher wurde. Vielleicht war es seine Einbildung, weil er allmählich sensibler darauf reagierte, aber es trug nicht dazu bei, seine Verspätung gelassen zu ertragen.

Er klemmte sich die Tasche unter den rechten Arm und angelte mit der linken Hand in den Tiefen seiner bunten, mit ebenso farbenfrohen Flicken besetzten Jacke nach der Karte, die ihm die Bibliothekstür vor den regulären Öffnungszeiten öffnen würde und die gleichzeitig als Stechkarte diente. Eilig stürmte er hinein, mäßigte dann aber seinen Schritt, um nicht zu auffällig besorgt zu wirken.

Mateo sah zur Wanduhr hin und stellte die zweite Teetasse seufzend vor den noch leeren Stuhl von Dennis. Da hatte er heute schon mal verschlafen und sein Student schaffte es ebenfalls zu spät zu kommen. Seufzend angelte er seine Post aus dem Kasten und versenkte sich in die Urlaubskarte eines Kollegen, der immer nette Gedichte schickte.

Er lächelte gerade über den Text der Karte, als die dunkle Stimme seines Chefs viel zu dicht neben ihm murmelte "Mateo, dein Lächeln ist wirklich wie die aufgehende Sonne an diesem dunklen kalten Morgen."

Mateo zuckte zusammen und sah dem Chef unsicher in das Gesicht, bevor er hastig nach einigen Recherchen kramte, die er für ihn hatte erledigen wollen. Eine Hand strich ihm über die Schulter, und der andere schlug leise vor "Lass uns die Ergebnisse eben in meinem Büro besprechen, Mateo."

Dennis bekam den letzten Satz mit, sah wie dicht der Chef wieder bei Mateo stand und spürte ein dumpfes, zorniges Gefühl im Magen. Dass der Kerl einfach nicht kapierte, dass Mateo nichts für ihn übrig hatte! Und dass Mateo einfach nicht sagen konnte, was Sache war! Er bemerkte in dem Moment, dass er im Begriff war, etwas zu tun, was ihm vermutlich Ärger einbringen würde, als er die Zornesfalten auf der Stirn glättete und ein strahlendes Lächeln aufsetzte, nachdem ihm eigentlich nicht zumute war.

Mit energischen Schritten bog er um die Ecke, nickte dem Chef ein fröhliches "Guten Morgen" zu, dann kam er um den Schreibtisch herum und küsste Mateo auf den Mund. "Morgen, Schatz." Rasch fuhr er Mateo einmal durch die Haare, notierte auf seiner geistigen Liste dafür den nächsten Punkt, wegen dem er Ärger bekommen würde, weil er die ordentliche Frisur durcheinander gebracht hatte, und lächelte dann entschuldigend. "Tut mir leid, dass es schon wieder später geworden ist. Ich glaube, es ist mal an der Zeit, am Abend länger zu bleiben. Mein Mitbewohner hat mich versehentlich in der Wohnung eingesperrt, und ausgerechnet heute konnte ich den Schlüssel ewig nicht finden."

Mateo war nahe am Kollaps. Eine unangenehme Hitze flutete ihn, und er versuchte, kleiner zu werden, als es in seinem Stuhl möglich war. "Morgen, Dennis", nuschelte er, während im Hintergrund die Tür zum Büro vom Chef mit einem zu lauten Geräusch geschlossen wurde.

Er sank aufatmend zusammen und fuhr dann zu Dennis herum. "Das war... ich meine... was..." Er stockte. "Danke, aber das mit den Haaren hat nicht Not getan." Steif erhob er sich, um mit schnellem Schritt zum Büro vom Chef zu gehen. Er wollte Dennis noch nicht Rede und Antwort stehen müssen.

Doch nach dem Besuch und dem Gespräch mit dem Chef hätte Mateo seinen frechen Studenten am liebsten noch einmal geküsst. Der ältere Mann hatte Mateo, nachdem sie über die Recherchen geredet hatten, recht unverblümt die Gratulation ausgesprochen zu seinem Freund und hinzugefügt, dass er sich sicherlich dafür einsetzten könne, dass sowohl Mateo, als auch sein fleißiger Student ihre Nachforschungen im Namen der Universität in Paris fortsetzen konnten.

Hastig suchte Mateo nach Dennis, den er zwischen zwei ziemlich abseits gelegenen Bücherregalen fand, aus denen der junge Mann dicke Wälzer über den Befreiungskrieg heraussuchte. "Er schreibt denen in Paris, dass wir kommen, Dennis. Vermutlich können wir schon im Januar auf unsere Dienstreise fahren." Überrascht bemerkte Mateo, dass seine Stimme fest und sicher klang.

"Super! Das ist klasse!" Überrascht sah Dennis von den Buchrücken auf und strahlte. "Ich habe mir schon Sorgen gemacht, dass meine Spontanaktion da etwas verdorben haben könnte." Seine Miene wurde schuldbewusst, unbehaglich wich er Mateos Blick aus, nur um ihn dann doch zu erwidern. "Tut mir leid, der Überfall vorhin. Ich weiß ja, dass du so was gar nicht haben kannst. Aber mir ist einfach der Kragen geplatzt. Weil er es einfach nicht eingesehen hat. Bist du sehr zornig?" Der Gedanke bescherte ihm handfestes Unbehagen, doch wenn es geholfen hatte, war es das wert.

Mateo sah Dennis überrascht an. "Der Kragen geplatzt? Weil ich immer so hilflos bin, nicht?" Er seufzte und lehnte sich an das Regal hinter ihm an. "Nein, das war schon in Ordnung. Es war nur... Egal, vergiss es. Ich bin im Mikrofilmraum, wenn du etwas brauchst." Hastig ging er in die sichere Dunkelheit des Filmraums und sank vor dem Lesegerät zusammen. /Es war nur... der erste richtige Kuss, den ich bekommen habe und dann aus einem so dummen Grund./

Dennis folgte ihm auf dem Fuß, die Bücher ignorierend, die er heraussuchen sollte. Er wollte das nicht so im Raum stehen lassen; er hatte keine Lust, die nächste Zeit betreten um Mateo herumzuschleichen und sich zu fragen, ob er nicht doch einen großen Fehler begangen hatte. "Nein, es war nicht, weil du hilflos bist, sondern weil mir der Chef damit auf die Nerven ging. Ich fand sein Verhalten nicht in Ordnung. Zum Kotzen, um genau zu sein. Ich meine, dass es dir unangenehm ist, hat man ja sogar mit verbundenen Augen bemerkt. Du bist zu nett und zu höflich, um jemanden vor den Kopf zu stoßen."

Mateo sah ihn müde und ein wenig abweisend an. "Das war eine Umschreibung für zu feige, Dennis. Das weiß ich selber. Ich finde es trotzdem nett, dass meine Feigheit sehr offensichtlich den Ritter aus dir herausgeholt hat. Danke." Er machte sein allerbestes 'Ende der Durchsage'-Gesicht in Dennis' Richtung.

"Das meine ich nicht und das weißt du." Ärgerlich sah Dennis ihn an und verschränkte die Arme vor der Brust. "Es tut mir leid, wenn ich dich damit beleidigt habe, das wollte ich nicht. Aber ich kann dir definitiv sagen, dass ich es nicht bereue." Er drehte sich um und kehrte zu den Büchern zurück, die er für einen besonders geduldigen Professor, der deswegen immer am letzten drankam, heraussuchen musste.

Es machte Mateo zwar traurig, dass er Dennis Enthusiasmus enttäuschen musste, aber er fühlte sich nicht danach, die Freundlichkeit des unkonventionellen Studenten auszunutzen, nur weil er allein war und einen Chef hatte, der ihm von Zeit zu Zeit zu dicht auf die Pelle rückte.

Es änderte zudem nichts an Dennis' Fleiß, der ihn und Mateo sehr viel weiter brachte in den Nachforschungen nach den Steinen. Sie lokalisierten die Ursprungsinsel genau und entnahmen einer Handschrift von einem Archäologen, den Juanita in ihren Schriften auch erwähnt hatte, dass es sehr wahrscheinlich sechs Teile gab. Diese waren keine Bruchstücke, sondern gleich einem Tangram als Einzelteile auch gedacht.

Zudem änderte Dennis' Kuss nichts an dem Umstand, dass Mateo sich am zweiten Weihnachtsfeiertag zu dem edlen Hotel und Restaurant aufmachen musste, um mit seinem Chef und dessen persönlichen Freunden zu essen.

Er verabschiedete sich von Flaco, mit dem er ein sehr ruhiges, kuscheliges Weihnachten verbracht hatte. Der Kater war ihm, wohl auch wegen der Kälte draußen, kaum von der Seite gewichen, hatte Stunden auf Mateos Füßen gelegen, weil dessen Schoß von Schriften belegt war, und sie hatten sich ein Festmenü aus Truthahn geteilt, auch wenn Flaco misstrauisch erst fraß, als Mateo die Küche verlassen hatte.

Das Essen beim Chef mündete in einer unerwarteten Aussprache. Mateo hatte sich von der Gesellschaft entfernt und starrte in das Feuer des Kamins, als der Mann mit einem Mal neben ihm stand und ihm eine Hand auf die Schulter legte.

"Fröhliche Weihnachten, Mateo." Seine Stimme klang einmal mehr so weich und viel zu intim für eine gewöhnliche Unterhaltung. Doch er nahm seine Hand gleich darauf wieder fort und überreichte Mateo einen Umschlag. "Das sind die Tickets für die Fähre und den Zug, für dich und Dennis. Ich nehme an, dass der Student ohnehin mit dir fahren wollte?"

Mateo sah den anderen nicht an, aber nickte leicht. "Er hatte es sich in den Kopf gesetzt." Das Seufzen, das er als Antwort erhielt, erinnerte ihn erst daran, dass Dennis vor den Augen seines Chefs eine ganz andere Rolle einnahm. Doch er bekam keinerlei Gelegenheiten, um es in eigenen Worten zu sagen, sich vielleicht zu entschuldigen, denn sein Chef legte ihm noch einmal die Hand auf die Schulter und sagte leise "Ich hab es deinem Vater versprochen, dass ich auf dich achten werde. Sind wir uns einig, dass ein anderer das von nun an tun soll, Mateo? Wenn er einmal nicht da sein kann für dich, ich bin es sicherlich noch immer."

Verlegen bedankte Mateo sich. In Worten konnte er die Gefühlswirbel nicht beschreiben, die ihn auf seinem Nachhauseweg, beim Umziehen und dann im Bett begleiteten. Der Mann, dessen Nähe ihm immer unangenehm war, hatte sich selber als sein Schutz angesehen.

"Flaco, wieso denken alle, dass ich beschützt werden muss? Warum denkt er das? Ich bin kein Kind, und ich bin nicht hilflos. Sind es meine Augen? Ist es meine Größe? Ich verstehe es nicht. Alle, auch Dennis, wollen mich beschützen. Wenn Paul damit anfangen sollte, sich so zu benehmen, dann schreie ich." Er zog Flaco zu sich unter die Decke, was der Kleine nach einem überraschten 'Meck' schnurrend geschehen ließ. An den kleinen, warmen Körper gekuschelt schlief Mateo ein.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh