Torhüter

7.

Bis Silvester schaffte Mateo es, fast allein in der Bibliothek, noch einige seiner Nachforschungen voranzutreiben und bekam etliche Adressen und mögliche Ansprechpartner, denen er per Brief und Mail begann, von seinen Fragen zu berichten.

Natürlich würde er nicht nur im eigenen Interesse fahren, sein Chef, da war er sich sicher, würde ihn und Dennis reichlich mit anderen Aufträgen eindecken, aber er freute sich dennoch unbändig auf die Fahrt.

An Silvester schneite es. Eigentlich war Mateo auch eher deswegen auf den Balkon getreten, als um das Feuerwerk sehen zu können. Fröstelnd zog er seinen Mantel enger um sich und blickte nun doch staunend in den schwarzen Himmel, aus dem zum einen glitzernde Kristalle nieder trudelten, zum anderen die Feuerblumen in rascher Folge aufblühten, um genauso schnell wieder unterzugehen. "Schon wieder ein Jahr vorbei."

"Mateo! Ein schönes, neues Jahr wünsche ich dir!" Von nachbarlichen Balkon aus grinste Paul ihn an, tief in einen dicken Wollpullover vergraben. "Feierst du Silvester auch allein? Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich dich eingeladen." Er schnitt eine kleine Grimasse und deutete auf seine Kamera, die auf einem Stativ im Schatten des Balkons stand. "Ich habe gerade mit meinem Fotoapparat angestoßen."

Mateo blinzelte Paul erschrocken an, dann lachte er jedoch und gestand "Ich habe mit Flaco gefeiert, aber als das Geknalle losging, ist der Tiger zum Minikätzchen geworden und geflüchtet." Unsicher sah er in seine Wohnung zurück. "Ich hab noch gar nicht angestoßen, ob ich überhaupt Sekt da habe?"

Paul winkte ab. "Warte, ich habe auf jeden Fall welchen, und der ist schon offen." Rasch kehrte er in sein Wohnzimmer zurück, um Sektgläser, von denen seines bereits gefüllt war, und die geöffnete Flasche zu holen. Er reichte Mateo das leere und schenkte ihm ein, dann stellte er die Flasche auf den Boden. "Die Temperaturen sind ein Kühlschrank für sich. Das hat schon was für sich."

Als sie anstießen, sah er Mateo in die Augen und lächelte. "Ein schönes neues Jahr", wiederholte er ein wenig leiser. Mateos Augen waren ohnehin schon dunkel, jetzt wirkten sie samtschwarz. Das Feuerwerk, das den Himmel erhellte, zeichnete fliegende Sterne hinein und verliehen ihm etwas Verzaubertes. "Auf dass sich all deine Wünsche erfüllen mögen."

Mateo starrte Paul an und erwiderte verspätet, nachdem dieser schon das Glas an die Lippen gehoben hatte "Für dich auch." /All meine Wünsche, was wünsche ich mir denn? Herauszufinden, was die Steine für eine Geschichte haben. Ja. Und dann...?/ Er warf einen scheuen Blick auf Pauls schlanken Finger, die das Sektglas nur locker hielten. "Ich friere und gehe gleich wieder rein, wenn du magst... du bist noch gar nicht bei mir in der Wohnung zu Besuch gewesen. Es ist zwar schon spät, aber..." Unsicher hörte Mateo auf zu sprechen.

"Es ist Silvester." Paul strahlte; einer seiner Wünsche war gerade eindeutig in Erfüllung gegangen. "Da ist es noch lange nicht zu spät. Danke."

Er reichte Mateo die Sektflasche auf seinen Balkon herüber, dann beschloss er, dass die Tür zu weit weg war und schwang schlicht seine langen Beine über die Brüstung, um nur Augenblicke später bei seinem Nachbarn zu stehen. "Das ist besser. Da können wir wenigstens das neue Jahr zusammen feiern, wenn wir das alte schon nicht haben gemeinsam ausklingen lassen, obwohl wir beide allein zu Hause gehockt haben."

Mateo nickte und ging rasch voran, um seinen Blick über das Chaos auf dem Schreibtisch im Arbeitszimmer schweifen zu lassen. Hektisch schloss er die Tür und bot Paul, der die Balkontür zuzog, mit einer kleinen Geste einen Sitzplatz, bevor er in der Küche verschwand, um Chips in eine Schale zu geben. Auf dem Weg in das Wohnzimmer zurück bemerkte er, dass er in seiner Aufregung vergessen hatte, seinen Mantel auszuziehen und musste schon fast über sich selber lachen.

Das Lächeln in Mateos Gesicht, das seine Augen zum Leuchten brachte, ließ mehr Wärme in Paul aufsteigen, als es die Heizungsluft vermochte. Er erwiderte es, während er ein Bein unterschlug und sich bequemer hinsetzte, dann mit beiden Händen die Haare aus dem Gesicht strich. "Schön hast du's hier. Gemütlich. Keine Möbelhausatmosphäre wie bei mir. Ich frage mich, wie lange Möbel brauchen, bis sie begreifen, dass sie benutzt werden."

"Ach, die Sachen sind alle noch aus den Tagen, in denen mein Vater hier lebte. Er hat sie sich auch vor vielen Jahren gekauft und hat sie ausgesucht, das merkt man, finde ich. All das düstere Braun." Er nahm nicht neben Paul Platz, wie der es in seiner Wohnung immer getan hatte, sondern versenkte sich in den Ohrensessel gegenüber. "Wir sind mit der Steingeschichte richtig gut voran gekommen. Dennis und ich dürfen sogar nach Paris fahren. Ich hätte nie gedacht, dass mein Chef das erlaubt."

"Das ist großartig. Ich hoffe, ihr findet dort mehr heraus." Paul trank einen kleinen Schluck des kalten Sektes und genoss das Prickeln auf der Zunge und den leicht säuerlichen Geschmack. "Habt ihr schon eine Ahnung, was es sein könnte?" Ohne Mateo aus den Augen zu lassen, stellte er das Glas zurück auf den Tisch. /Er ist so hübsch... ich wünschte wirklich.../ Er dachte nicht zuende. /Narr. Du weißt genau, dass es.../ Doch auch dieser Gedanke wurde nicht zuende geführt, Paul wollte sich nicht den Abend verdunkeln.

Mateo senkte den Blick auf seine Finger und schüttelte dann den Kopf. "Nein, wir haben keine Ahnung. Vielleicht ist es ein Opferstein. Dennis denkt, dass der französische Philosoph einen Kompass meint mit seinen wirren Umschreibungen." Er brach ab und sah zu seinen Aufzeichnungen hinüber. "Ich... hole... mir einen Kaffee."

Rasch erhob er sich und ging in die Küche. /Du bist so albern, Mateo! Reiß dich zusammen. Nur, weil er nicht auf Dennis eifersüchtig ist, heißt es noch lange nicht, dass er dich nicht mag!/ Mechanisch füllte Mateo die Maschine mit Wasser, bemaß das Pulver und rief dann möglichst munter über die Durchreiche hinweg "Möchtest du auch einen? Ich kann sogar einen mit Schuss anbieten, Whiskey, Grand Manier oder Baileys. Mein Vater mochte das so gern, deswegen haben wir all die Liköre noch im Haus." /Du redest zuviel! Sei endlich still und erzähl ihm von den Steinen, dafür interessiert er sich schließlich./

Paul kam an die Durchreiche und steckte neugierig den Kopf hindurch. "Nein, danke. Ich habe gerade mal wieder mit meinem Magen zu kämpfen. Der Sekt ist eigentlich schon zu viel. Aber was ist Silvester ohne Sekt? Trotzdem danke." Eine Weile sah er ihm zu, beobachtete die schmalen, schönen Hände, den weichen Schwung des Nackens, sein Profil, das schon wieder so ernst war, und erinnerte sich an die Grübchen, die ihm so gut gefielen.

"Was muss ich tun, um dich zum Lachen zu bringen?", fragte er unvermittelt.

Mateo sah ihm ein wenig perplex in das Gesicht und musste dann wider Willen schon fast lächeln. "Warum?" Er goss sich Kaffee, Milch und Baileys in einen Becher und stieß sich dann vom Tresen ab. "Hast du häufiger Probleme mit dem Magen? Neulich wolltest du auch nichts essen. Ist es etwas ernstes?" Erschrocken sah er Paul an. "Du bist auch so..." Er unterbrach sich und schüttelte den Kopf. /Dünn, ich bin ein Idiot, nur weil er nicht moppelig ist und wegen jedem einzelnen Chip doppelt so schnell joggen muss wie ich!/

Paul zuckte gleichgültig mit den Schultern. "Nein, nichts ernstes. Ich bin einfach nur empfindlich. Man gewöhnt sich dran." Dann lächelte er ihn an, in der Hoffnung auf eine Erwiderung, wenn er auch nicht wirklich damit rechnete. Mateo würde ihn vermutlich nur verwirrt ansehen oder den Blick abwenden. Aber es war einen Versuch wert. Er mochte das Lachen, das Lächeln des anderen Mannes einfach zu gerne.

Mitfühlend sah Mateo zu Paul hinüber. "Ich weiß, wie das ist. Ich bin ständig auf der Hut, dass ich mich nicht erkälte oder zu sehr belaste. Man kann nicht vorsichtig genug sein." Er lächelte ein wenig. "Ich weiß, dass einige denke, dass ich die Vorsicht übertreibe, aber ich hab mich nur ein einziges Mal, da bin ich doch im Recht zur Vorsicht."

"Ich mag deine Grübchen, weißt du? Du solltest sie nicht mit einem so ernsten Gesicht verstecken."

Mateo machte kurz große Augen, dann trank er hastig einen Schluck, verschluckte sich und hustete ein wenig. "Danke." Um von diesem Thema abzulenken und um diesen Ausdruck in Pauls Augen zu verdrängen, begann Mateo, seinem Nachbarn nun doch ein wenig genauer von den Steinen zu berichten. Sehr bald schon drifteten sie ab und kamen über die Geschichte der Stadt und Pauls Fortschritte mit seiner Arbeit darüber auf immer neue Dinge, die eine Diskussion wert waren.

Nach einer Weile war Mateo aufgepuscht vom Kaffee und zugleich betrunken von all dem Baileys. Er lachte schon seit einer Stunde sicherlich fast die ganze Zeit. Paul, der sein Lachen zuvor vermisst hatte, würde diese Albernheiten bestimmt bald überbekommen. Aber er konnte sich nicht davon abhalten. Die Geschichten aus Pauls ehemaliger Wohngemeinschaft waren einfach zu komisch.

Paul genoss jede einzelne Minute mit dem anderen Mann, er genoss es, ihm erzählen zu können, genoss es, mit ihm zu lachen, ihm zuzuhören, ihn anzusehen. Seine pure Gegenwart, seine leuchtenden Augen, seine geröteten Wangen, seine Stimme. Ohne mehr als ein paar Schluck Sekt getrunken zu haben, fühlte er sich doch leicht betrunken vor Lachen, Glück, Mateos Anwesenheit und guter Laune. Er hatte seit Ewigkeiten keinen Abend mehr so genossen wie diesen. Und genau das sagte er ihm auch, als die Zeiger der Uhr langsam auf vier Uhr morgens zukrochen. "Ich wünschte, jeder Tag wäre Silvester. Ich habe selten so viel gelacht."

Mateo gähnte trotz seiner Überdosis Kaffee und nickte. "Ich auch. Es war das netteste Silvester, das ich je gehabt habe." Er sah auf, um den braunen Augen seines Gegenüber zu begegnen. "Danke."

Paul erwiderte den Blick und fühlte ein warmes Prickeln in seinem Bauch. "Und das war eines der nettesten Dinge, die ich je gesagt bekommen habe." Er lächelte und stand langsam auf, ohne wegzusehen. /Wenn er mich zur Tür bringt... oh, ich muss zum Balkon, ich habe keinen Schlüssel... wenn er mich... ob ich ihn... nein, vielleicht nicht... es ist noch zu früh. Er wird nicht... er ist so schüchtern. Himmel, ich glaube, ich habe mich an ihm betrunken!/

Mateo verbrachte die restlichen Stunden bis zum Beginn des Glockenkonzertes zur Neujahrsmesse in der Kirche in ihrem Block damit, seinen armen Kater zu umarmen und auf den pelzigen Kopf zu küssen. Es war nichts passiert, das wusste er selber, oder doch, sie hatten sich nicht selten in die Augen gesehen. Paul hatte ihm gesagt, dass er die Grübchen gern hatte.

"Und er war so fröhlich, fast so betrunken wie ich, als er über den Balkon zurückgeklettert ist! Ich meine, fast wäre er gefallen!" Flaco machte 'Meck' und brachte sich ein wenig in Sicherheit, so dass Mateo mit seinem Kissen Vorlieb nehmen musste. "Ich bin so froh, dass ich einen Freund gefunden habe, das war wirklich ein toller Abend!"

 

Er sah Paul noch einige Male beim Joggen in der Früh, aber sie fanden keine wirkliche Gelegenheit mehr, um sich zu unterhalten. Deswegen war Mateo auch nicht wenig nervös, als er an der Tür klingelte.

Paul öffnete ihm, eingehüllt in einen dicken, blauen Bademantel und mit nackten Füßen. Er wirkte ein wenig müde, doch als er Mateo vor sich sah, ging ein Leuchten über sein Gesicht. "Ah, Mateo. Schön, dich mal wieder zu sehen. Was kann ich für dich tun? Magst du reinkommen?"

Mateo wurde rot und schüttelte den Kopf. "Ich wollte nicht stören, dann komme ich lieber ein anderes Mal wieder... obwohl, übermorgen fahre ich ja schon und..." Er unterbrach sich und holte Luft. "Es geht um Flaco. Ich bräuchte jemanden, der ihm für die Woche, die ich in Paris sein werde, ein wenig Futter gibt und ihn mal raus lässt."

"Das mache ich gerne. Mit Katzen habe ich Erfahrung, dem Racker wird es gut gehen." Paul schmunzelte breit, machte dann eine einladende Geste in seine Wohnung. "Aber du störst nicht. Wenn du so schnell weg bist, solltest du vielleicht wirklich heute reinkommen. Ich muss dich sonst viel zu lange vermissen."

Mateo hob den Kopf, um nach einem scherzenden Funkeln in den Augen des anderen zu suchen. Er fand nur freundliche und ihm nun schon bekannte Wärme. "Wenn ich nicht störe, danke." Er folgte Paul in dessen Wohnung und hoffte inständig, dass dieser sich umziehen würde. Der nackte Oberkörper machte Mateo nervös. Deutlich konnte man daran sehen, dass Paul ziemlich fit war.

Paul machte jedoch keine Anstalten dazu. "Magst du was zu trinken?", fragte er, während er im Wohnzimmer einige Fotografie-Zeitschriften auf dem Tisch zusammenräumte.

Mateo nickte, sein Mund war auch ziemlich trocken geworden, als der Bademantel noch ein Stück mehr von Pauls Brust preisgab.

"Muss ich etwas besonderes bei Flaco beachten? Mal abgesehen davon, dass er gerne über unsere Balkone stromert und ich ihn vermutlich irgendwann wieder bei mir haben werde?" Paul zwinkerte Mateo zu. "Ich sehe immer genau, wenn er hier war. Er liebt meine Couch, deswegen hab ich die Tür meist einen Spalt offen."

"Oh nein! Macht er dir die Couch dreckig? Das tut mir leid. Der Streuner ist wirklich den ganzen Tag unterwegs, jedenfalls kommt er ziemlich oft erst rein, wenn ich ihn rufe." Mateo versuchte überall hinzusehen, nur nicht zu seinem Nachbarn.

"Das macht gar nichts." Paul lachte und ging in die Küche, um Saft und ein Glas für Mateo zu holen. Orangensaft in den kleinen Flaschen mit rotem Schraubverschluss, extra für seinen Nachbar gekauft, der diesen besonders gern trank, wie er wusste.

"Ich könnte die Tür ja geschlossen halten oder nur kippen", rief er ins Wohnzimmer rüber, während er nach einer Dose mit Erdnüssen suchte. Er klemmte sie unter den Arm und kehrte dann ins Wohnzimmer zurück.

"Kennst du dich zufällig in Paris aus? Ich meine, Dennis war wohl schon einige Male dort, aber ich will ihn nicht nerven mit Bitten um eine Fremdenführung, wenn er schon mal freie Zeit hat."

"Schade, wirklich schade, dass ich nicht mitkommen kann." Paul seufzte leise und öffnete die Dose, während er Mateo einen Blick aus den Augenwinkeln beobachtete. "Ich würde dich liebend gerne durch Paris führen. Aber so kann ich wenigstens nach Flaco schauen. Was möchtest du wissen, mal abgesehen von Notre Dame und Eifelturm? Sehenswürdigkeiten? Gute Restaurants? Erdnüsse?" Der Übergang war nahtlos, aber es störte ihn nicht, als er eine herauspickte und sie mit einem schelmischen Lächeln Mateo vor die Lippen hielt.

Mateo zuckte zurück und schüttelte den Kopf "So ein Ding hat mehr Kalorien, als ich beim Joggen verbrennen kann. Danke." Seine Wange waren gerötet, weil Paul so irritierend nah neben ihm saß. Um sich abzulenken und seinen Herzschlag zu beruhigen, nippte er an seinem Saft.

"Ach, Eifelturm und Notre Dame sehe ich gewiss auch ohne Hinweise darauf. Ich hätte aber schon ganz gern ein paar Tipps, wo man zum Beispiel gut Kaffee trinken kann, oder wo man vielleicht abseits der touristischen Trampelpfade hingehen sollte. Es wird uns nicht viel Zeit bleiben, weil mein lieber Chef mich und Dennis ganz fürchterlich mit Arbeit eingedeckt hat, aber wenn ich schon einmal dorthin fahre." Er trank noch einen Schluck. /Paris, die Stadt der Liebe. Wieso heißt sie eigentlich so?/

Paul war ein wenig enttäuscht, wenn er auch nicht wirklich mit einer anderen Reaktion gerechnet hatte, und stellte die Dose zurück auf den Tisch. Dennoch waren Mateos rote Wangen wieder einmal etwas, das ihn kribbelig werden ließ. Und dass er sie hervorgerufen hatte, dessen war er sich ziemlich sicher. "Ich glaube, ich habe hier noch einen Reiseführer irgendwo, den kann ich dir gerne leihen, damit hast du schon mal einen groben Überblick über das Allgemeinere."

Er stand auf, durchsuchte seine Bücherregale und wurde schließlich fündig. Als er sich erneut neben Mateo setzte, ein wenig näher dieses Mal, und ihm das Buch gab, streifte er wie zufällig und doch sehr beabsichtigt dessen Finger, genoss das Gefühl der weichen, warmen Haut an seiner kühlen. Er sah Mateo an, sah ihm in die Augen, dann lächelte er.

Während er zu erzählen begann, wo man gut frühstücken konnte und wo gut einkaufen, wo es kleine Ecken zu entdecken gab, die von den normalen Touristenherden vollkommen übersehen wurden, und wo man den besten Kaffee bekam, konnte er den Blick einfach nicht von seinem Gegenüber lassen.

Mateo spürte es erst, als es schon fast zu spät war. Seine Vorsicht wurde eingeschläfert. Paul saß am Ende des Abends direkt neben ihm, zeigte, erklärte, erzählte, und permanent berührten sie sich, ihre Finger zumeist, wenn Paul ihm das Buch wegnahm, um nachzublättern, wenn er es ihm hinhielt, wenn er ihm das Saftglas reichte. Zudem war der Blick des attraktiven Mannes nicht selten direkt in Mateos Augen gerichtet.

Am schlimmsten wurde es, als Mateo einen Abschnitt über die renovierten Markthallen las, zwischendrin hochblickte und Paul dabei erwischte, wie dieser ihn anstarrte. Was es jedoch merkwürdig machte, war der Umstand, dass es Mateo nicht mehr nervös machte oder ängstigte. Als er Paul erwischte, lächelte er ihn lediglich an und klappte das Buch vor dessen Nase zu. "Dann will ich besser mal nach meinem Kater sehen."

"Schade." Paul lachte leise. "Aber tu das mal. Und erkläre ihm, dass ich die nächste Woche auf ihn aufpassen werde. Nicht, dass er böse mit mir ist, weil er denkt, ich hätte dir etwas getan." Er hob die linke Hand, um Mateo eine Strähne aus der Stirn zu streichen, hielt kurz vorher inne und führte die Bewegung schließlich doch aus. Dann stand er rasch auf, um seinen Gast zur Tür zu bringen.

Mateo hatte eigentlich sagen wollen, dass Flaco da sicherlich großzügig sein würde, wenn man ihn mit Thunfisch bestach, aber brachte kein Wort mehr heraus, nickte nur hektisch und sprang auf.

"Ich hoffe, wir sehen uns noch mal, bevor du endgültig weg bist." Paul kämpfte gegen das Bedürfnis an, Mateo einen Finger in den Hosenbund zu stecken und ihn daran in seine Arme zu ziehen. Der Himmel allein wusste, wie gerne er ihn jetzt geküsst hätte. Stattdessen öffnete er die Tür. "Wenn nicht, steck mir den Schlüssel einfach in den Briefkasten." Doch als Mateo an ihm vorbei und in den Flur trat, konnte er dann nicht anders, als ihn zu umarmen und kurz an sich zu drücken. "Pass auf dich auf, okay?", sagte er leise an seinem Ohr, zögerte einen Moment und ließ ihn dann wieder los. "Keine Zugunfälle, keine sonstigen Unglücke. Gute Reise, Mateo."

Erschrocken sah Mateo Paul an und versuchte die Gänsehaut loszuwerden, die ihm über den Nacken den Körper entlang kroch. "Das... das hört sich so an, als würde so was oft passieren. Hör auf, mir Angst zu machen!"

Verwirrt wankte Mateo in seine Wohnung hinüber, um seine Tasche zu packen, Papiere zu sortieren und Flaco wenigstens fünfundzwanzig Mal aus dem Koffer wieder hinauszubefördern. "Du darfst nächstes Mal wieder mit mir reisen, Kleiner."

 

Er sah Paul nicht mehr, am Abend vor der Fahrt öffnete dieser die Tür jedenfalls nicht. Seufzend warf Mateo den Schlüssel und den Zettel mit der Beschreibung, wo das Katzenfutter war, durch den Briefschlitz.

Dennis und er trafen sich am Bahnhof, aber es war in den ersten Stunden der Fahrt noch viel zu früh für Mateo, um sich zu unterhalten. Erst als sie auf der Fähre nach Calais an der Reling standen und während sie ablegten in das aufsprudelnde Wasser blickten, erzählte Mateo von Pauls irritierendem Abschied.

Ein breites Grinsen machte sich auf Dennis' Gesicht breit. Er packte einen neuen Kaugummi aus, während er ihm zuhörte. Draußen zog die Landschaft vorbei, die Sonne schickte ein paar Lichtfinger durch die dicke Wolkendecke, ohne die Temperatur anzuheben.

"Du magst ihn. Sehr. Kann das sein?", fragte er mit einem Glitzern in den Augen, als Mateo geendet hatte.

Mateo zog seinen Schal höher und wandte sich vom Meer ab, um zum Restaurant hineinzugehen, in dem jedoch leider eine Horde Schüler eingefallen war. "Nein, jetzt, nachdem ich eine Nacht voller Sorgen wachgelegen habe seinetwegen, nicht mehr! Wie kann er mir nur von Unfällen erzählen!" Er streifte die Auslage und die Preise und hob eine Augenbraue. "Wow, das ist die moderne Piraterie! Ich lade dich ein, möchtest du etwas frühstücken?"

Mit ihren Tabletts mussten sie noch eine ganze Ecke weit laufen, bis sie dem Trubel um die Schulklassen soweit entkommen waren, dass ein Gespräch möglich war. Nach der Hälfte seines Teebechers gab Mateo dann zu "Paul hat mir seinen Städteführer geliehen und mir eine Reihe Tipps gegeben, was ich abseits der Touristenfallen tun kann. Außerdem kümmert er sich um Flaco, während ich weg bin. Der Stromer hat mich nicht mal verabschiedet!"

"Dein kleiner Racker ist wahrscheinlich sauer, dass du ihn nicht mitgenommen hast." Dennis lachte, während er gleichzeitig überlegte, wie er sein Essen unauffällig entsorgen konnte, ohne dass er Mateo und seine nette Einladung damit beleidigte. Aber allein der Geruch dieses Fährenessens... Er half sich erst einmal mit dem Tee, der trinkbar war. /Studenten sollten nicht wählerisch sein. Aber ich frage mich, wie Mat das essen kann./

"Und du magst deinen Nachbarn doch", grinste er. "Schreib ihm eine Karte, das ist harmlos, weil er sich um Flaco kümmert. Und wenn du wieder zu Hause bist, tu was! Dann hast du bald einen Freund, der dich nicht nur mal eben schnell küsst, wenn der Chef den Raum betritt. Ich sag dir, dein Paul will was von dir."

Mateo bekam einen roten Kopf und ärgerte sich darüber. Andererseits hatte er sich schon vorgenommen, Paul auf jeden Fall eine Karte zu schreiben. /Einen Freund... der dich nicht nur schnell küsst.../ "Ich wollte ihm sicherlich eine Karte schreiben. Das zum ersten Vorschlag. Zum zweiten Vorschlag: Das geht dich einmal nichts an."

Dennis lachte, ohne sich im Mindesten von dem schroffen Tonfall abschrecken zu lassen. "Du hast es mir erzählt, ich betrachte dich als Freund, also sag ich meine Meinung dazu. Ich kenne deinen Paul nicht persönlich, aber von dem, was du mir über ihn erzählt hast, ist das ziemlich eindeutig, oder?" Er verkniff sich eine neckende Bemerkung, dass wohl ziemlich viel Mut dazu gehörte, Mateo einfach so zu umarmen, bei dem finsteren Gesicht, was dieser immer zeigte, und dass allein dies schon ein Liebesbeweis war, dass Paul es trotzdem wagte. Mateo konnte, was Necken betraf, manchmal wirklich erschreckend empfindlich sein.

Mateo grummelte ein wenig, sah sich nach dem Nachbartisch um, dann nippte er an seinem Tee, bevor er zugab "Ich weiß, dass ich schwierig bin, Dennis. Das ist ja mein Problem. Ich... kann nicht nachgeben. Aber irgendwann muss man das, oder? Vertrauen, meine ich. Das geht aber nicht, nicht bei mir. Ich hab Angst davor, dass ich vertraue eines Tages, es wirklich wage, mich anzulehnen, nur um umzufallen. Verstehst du?" Er sah in seinen nun leeren Becher, als wollte er die Zukunft aus den Teeblättern lesen. "Obwohl, wenn ich mich an jemanden anlehnen wollte, dann wäre es vermutlich Paul. Gerade deswegen habe ich bei ihm ja noch mehr Angst... vor dem Umfallen, weil er weggeht."

Dennis' Lächeln verschwand, er wurde ernst, ein seltener Anblick, da er sich fast immer gut gelaunt gab, und sah Mateo in die Augen. "Mat, niemand verlangt von dir, dass du nach Hause kommst, ihm um den Hals fällst und ihn in einen leidenschaftlichen Kuss ziehst. Kannst du ihn nicht mit Kleinigkeiten ermutigen? Einfach mal zu ihm rübergehen, nur um mit ihm zu reden, nicht mit einem Vorwand? Lad ihn zu dir ein, einfach so. Geht gemeinsam ins Kino oder ins Theater. Irgendwas, das von dir ausgeht, damit er weiß, dass er sich nicht vergeblich für dich interessiert. Das wirkt Wunder. Dann kann er auch wieder mehr auf dich zugehen."

Er griff über den Tisch und legte eine Hand auf Mateos. "Und das mag blöd klingen, weil ich eine ganze Ecke jünger bin als du, aber meinst du nicht, das Risiko zu fallen, ist es wert, es auszuprobieren? Schau nicht nur auf den Abgrund, der lauern könnte. Schau mal auf die andere Seite. Das, was du dadurch bekommen kannst. Jemand, der dich hält, jemand, der dich liebt, den du liebst. Ist das nicht ein wenig Einsatz wert? Zumal das, was du von Paul erzählst, nicht so klingt, als würdest du fallen."

Mateo seufzte und senkte den Kopf "Das ist leicht gesagt. Jetzt würde ich dir auch zustimmen, aber ich traue mich ja die meiste Zeit über nicht einmal, an seiner Tür zu klingeln. Wenn ich mich dann einmal traue, dann ist er gar nicht da. Ich... weiß so wenig von ihm; obwohl wir uns oft lange unterhalten, hab ich das Gefühl, als würde man ihn nicht wirklich begreifen können." Ein Beben ging durch den Schiffsrumpf, und eine weibliche Stimme bat die Gäste, die mit dem Auto auf der Fähre waren, zu diesem zurückzukehren.

Die restliche Fahrt über versuchte Mateo, Dennis auszuweichen, und er versuchte, sich im Klaren darüber zu werden, ob Paul ihn wirklich küssen würde, wenn er... ja, wenn er was? /Ich bin zu schüchtern, um ihm auch nur in die Augen zu sehen, verdammt! Vielleicht sollte ich mich auf seine Couch setzten und die Augen zumachen und hoffen, dass er mich erlöst. Aber dann wäre ich wieder wie eine Prinzessin auf der Erbse, das bin ich nicht! Verdammt noch mal!/

Sehr erschreckend war für Mateo der Umstand, dass Dennis und er sich ein Zimmer teilen sollten. Es gab zwar zwei Betten, aber nur ein Zimmer für sie beide. Während Dennis ausgelassen erst das eine, dann das andere Bett zum Quietschen brachte und Witze über das Thema 'Stadt der Liebe' machte, verwünschte Mateo, dass er dies tat.

"Gut. Oder vielmehr nicht gut. Ich werde zu der Bibliothek gehen und mich vorstellen, damit die wissen, dass wir auch wirklich da sind. Was hast du vor, Dennis?"

Dennis ließ sich zurück auf das Bett fallen, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und sah zu ihm hin. Es gefiel ihm nicht, dass Mateo ihm die letzte Zeit so offensichtlich ausgewichen war, und er wünschte sich, dass der andere Mann nicht so schrecklich empfindlich wäre, so schüchtern, so... andererseits machte das etwas von seiner Liebenswürdigkeit aus, von dem, was Dennis so gerne an ihm mochte. "Ich werde dich wie ein folgsamer Student zur Bibliothek begleiten, dann weiß ich, wo sie ist und kann sie auch alleine finden, und anschließend werde ich mich gründlich in Paris verlaufen, wenn ich versuche, ein paar Dinge wiederzufinden und neue zu entdecken. Vorausgesetzt, du brauchst mich heute noch nicht."

Mateo lächelte. "Nein. Eigentlich brauche ich dich ja gar nicht. Die Aufträge vom Chef schaffe ich allein, und wenn du mir ein paar Ansichtskarten mitbringst, dann würdest du mir auch helfen."

Dennis lachte. "Nein, so nicht. Wenn ich hier bin und Grund habe, in die Bibi zu gehen, dann werde ich das auch! Zudem bin ich hier, um dir zu helfen und nicht, um mir eine gemütliche Urlaubswoche zu machen, und die Steine interessieren mich fast genauso wie dich. He, so nutzlos bin ich nicht. Ich habe zu Hause immerhin einiges gefunden." Er sprang vom Bett auf und blinzelte ihn energiegeladen an. "Allerdings habe ich nichts gegen einen ruhigen Einstieg. Eine Schwester von mir, Fabienne, wohnt hier. Ich habe ihr geschrieben, doch sie hat nicht geantwortet. Vielleicht ist sie trotzdem da."

Mateo gab es vor Dennis nicht zu, aber er war im Grunde dankbar, dass er zunächst allein in die Bibliothek gehen konnte. Die Atmosphäre, alte Schriften, Gelehrte und Neugierige. Aufatmend versenkte Mateo sich nach einigen kurzen Gesprächen in die ersten Artikel, die der Bibliothekar ihm schweigend zu seinem Tisch gebracht hatte.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh