Torhüter

8.

Dennis eilte mit langen Schritten die Straßen entlang, ohne das pulsierende Leben in der großen Stadt wirklich wahrzunehmen. Die bunte, warme Winterjacke war offen, doch er spürte die kalte Luft kaum, die ihn streifte, überhaupt schienen die leuchtenden Farben nicht mehr zu dem jungen Mann zu passen.

Er wich händchenhaltenden Paaren aus, ging an Blumenhändlern vorbei, passierte Cafés, die im Sommer überfüllte Tische auf dem Gehweg stehen hatten, in denen sich das Leben jetzt jedoch im Inneren abspielte. Vespafahrer flitzten zwischen Autokolonnen hindurch. Alte Damen mit kläffenden Hunden schlenderten an Geschäften vorbei und betrachteten viel zu teure Lederhandtaschen. Alte Herren standen in Grüppchen beisammen und unterhielten sich.

Dennis' hellblaue Augen suchten die Gegend ab, huschten über die allgegenwärtigen Tauben, streiften einen streunenden Straßenhund. Das Lachen war aus seinem Gesicht verschwunden, als er in eine düstere Seitenstraße einbog und die Hausnummern, manche schief, manche bereits nur noch zur Hälfte vorhanden, abzählte. An einer grün angelaufenen Nummer 93, welcher der untere Teil der Neun fehlte, hielt er an.

Das Haus, was sich zwischen die anderen kauerte, war alt und schon lange nicht mehr renoviert worden. Der ehemals weiße Putz hatte sich im Laufe der Zeit dunkelgrau verfärbt, und von den Fenstern blätterte die Farbe ab. Moos hatte sich auf dem kleinen Vordach angesetzt, das die drei Treppenstufen überspannte, die zum Eingang führten. Langsam stieg Dennis sie empor, suchte auf den Klingelschildchen nach einem bestimmten Namen und drückte auf den gelb angelaufenen Knopf.

Eine Weile geschah nichts, dann ertönte das Rauschen, das bezeugte, dass die Gegensprechanlage eingeschaltet worden war. "Wer ist da?", fragte eine weibliche Stimme.

"Dein Bruder."

Nach einer weiteren kleinen Pause schnurrte der Türöffner. Dennis schob die schwere Glastür auf, deren obere Scheibe einen langen Sprung aufwies, und trat in einen düsteren Hausflur. Die ausgetretenen Holzstufen knarrten unter seinen Schritten, als er die Treppen emporstieg. Putz blätterte ab, als er mit den Fingerspitzen über die Wand streifte.

Im fünften Stock hielt er vor einer Tür, die so oft übergestrichen worden war, dass die Farbe Risse bekommen hatte. Verblichenes Grün offenbarte sich ihm, Braun, an einigen Stellen sogar Violett und Rot. Diese Tür hatte eine lange Geschichte, und auf eine eigenartige Weise fühlte er sich ihr für einen Moment verbunden. Er hob die Hand, um anzuklopfen, doch noch bevor seine Knöchel das Holz berührten, wurde ihm geöffnet.

Eine schlanke Frau, zu der er nicht hinabsehen musste, sah ihn aus grünen Augen an. Ihr feuerrotes Haar war halb unter einem Kopftuch verborgen, um sie ihr aus der Stirn zu halten, vereinzelte Strähnen klebten ihn ihrem blassen, energischen Gesicht. Sie stellte den Wischmop, den sie gehalten hatte, beiseite, während sich ihre schmalen, geschwungenen Lippen zu einem kaum wahrnehmbaren Lächeln verzogen, als sie seinen Blick bemerkte. "Ja, ich putze für ihn. Er kann doch kaum noch etwas selber machen, das Alter setzt ihm zu. Er schläft im Moment, aber sein Schlaf ist unruhig. Komm rein."

Sie streckte die Hand aus, und Dennis berührte kurz ihre Fingerspitzen mit den eigenen, fühlte, wie ihre Energie ihn streifte und sich einen Augenblick mit seiner vereinte, ehe er den kleinen, dunklen Flur betrat. Er hängte die Jacke an die Garderobe und folgte seiner Schwester in das nicht minder düstere Wohnzimmer, das nach Putzmittel und alten Menschen roch.

Sie wies mit einer kleinen Geste auf die ausgesessene, braune Couch mit orangefarbenen Streifen, ehe sie sich ihm gegenüber setzte. "Warum bist du hier? Du solltest ihn nicht allein lassen. Gerade nicht nach dem, was in letzter Zeit geschehen ist. Hast du nichts davon gehört?"

Dennis schüttelte bedächtig den Kopf. "Ich hatte keine Zeit, mit ihnen in Kontakt zu treten. Aber ich habe so etwas fast befürchtet. Mateo friert viel zu oft in letzter Zeit, auch wenn er es nicht merkt. Er hält sich ohnehin ständig für krank. Im Moment ist er sicher; die Bibliothek ist gut besucht, mit Sicherheitsleuten gespickt und von Kameras überwacht. Nicht einmal ein Mephare kann sich ihm dort unbemerkt nähern und ihm etwas antun."

Sie nickte einmal. "Die philosophische Bibliothek? Das ist gut. Gerade jetzt kann man nicht vorsichtig genug sein. Deswegen bin ich hier bei Bertrand. Er braucht ohnehin jemanden, der ihm hilft. Er ist froh, dass ich da bin, hat mich schon fast als Enkelin anerkannt, was sehr praktisch ist für mich." Ihr durchdringender Blick fand seinen, hielt ihn fest, ohne zu blinzeln. "Insgesamt können wir mittlerweile acht Morde verzeichnen, dazu vier an Wächtern, davon ein Mephare. Alle auf unsere Art. Langsam wird es knapp. Die Sonderkommission hat nach wie vor keine Ahnung, wo sie suchen soll und keinerlei weiteren Anhaltspunkte außer der Art des Mordes."

"Ein Mephare? Das ist schlimm. Wenn der Mörder selbst vor seinesgleichen nicht zurückschreckt... Er muss alt sein. Aber ich gebe acht auf Mateo, keine Sorge." Ein Gedanke streifte ihn, ein warmes Gefühl, und er senkte die Lider, um seiner Schwester auszuweichen. "Ich würde ihn mit meinen Leben schützen."

"Mit deinem Leben?" Ihr sonst immer leicht kühle Stimme klang beunruhigt. "Das ist es, was von dir erwartet wird."

Erneut hob er den Blick, um ihren grünen Augen zu begegnen. "Ja", sagte er einfach. "Ich überlege, ob ich einen Nachfolger möchte. Gibt es einen Weg, um herauszufinden, ob ein Mensch geeignet ist?"

Unnachgiebig sah sie ihn an. "Du bist noch so jung, viel zu jung, um dich mit so etwas zu beschäftigen. Und zudem ist er aus bekannten Gründen denkbar ungeeignet! Ihn als Allerletzten kannst du zu einem Nachfolger machen."

Dennis lächelte schmal. "Nicht jetzt. Noch nicht. Ich bin mir auch noch nicht wirklich sicher, doch... ich fühle mich... eigen in seiner Nähe. Ich folge ihm nicht nur, weil ich einen Auftrag habe. Ich folge ihm auch, weil ich es möchte. Weil ich mich bei ihm gut fühle."

Noch immer rührte sie sich nicht, bewegte nicht einmal ihre Hände, die ruhig in ihrem Schoß lagen, doch er konnte die Sorge um ihn in ihrem Blick sehen, obwohl sie es zu verstecken suchte. "Es ist deine Entscheidung, Bruder. Doch du weißt, dass du noch kein Recht darauf hast. Nicht bei ihm, nicht bevor er eines natürlichen Todes stirbt. Denke gründlich darüber nach, treffe keine voreiligen Entscheidungen. Ich halte es für keine gute Idee." Sie hob eine schlanke, weiße Hand und machte eine kleine, abwehrende Geste. "Dennoch, es gibt eine Möglichkeit, es zu prüfen..."

"Fabienne?" Die zitternde Stimme eines alten Menschen unterbrach sie, nur Momente später kam ein Mann in das Wohnzimmer geschlurft, eingehüllt in einen schwarzbraunen Bademantel.

Eine erstaunliche Wandlung durchlief die Frau, als sie mit einem Mal energiegeladen aufsprang, ein fröhliches Lächeln auf dem Gesicht. "Oh, Bertrand, du bist wach. Darf ich dir Dennis vorstellen? Er ist mein Bruder, ich habe dir schon einiges von ihm erzählt."

Dennis erhob sich eilig, auch er lächelte, von einem Moment auf den nächsten wieder ein unbesorgter Student. "Ah Monsieur, ich bin erfreut, Sie kennen zu lernen. Fabienne hat mir in ihren Briefen schon mehrfach von ihnen erzählt. Ich hoffe, ich störe nicht."

Zu seinem Leidwesen störte er ganz und gar nicht, Bertrand schien über die Gesellschaft und den Bruder regelrecht erfreut zu sein. Er wurde zu Kuchen und Tee genötigt und schließlich nach einer scheinbaren Ewigkeit von seiner Schwester zur Tür gebracht.

Sie lächelte ein wenig amüsiert, und da Bertrand sie von der Küche aus sehen konnte, umarmte sie ihn. "Ich erkläre dir bei Gelegenheit, was du beachten musst", sagte sie leise. "Gleichgültig, wie du dich entscheidest, du hast eine Ewigkeit Zeit. Pass auf dich auf, Bruder. Du bist noch so jung. Lass dich nicht überraschen. Halte die Augen offen. Und vertraue keinem Mephare, egal, was sie dir erzählen mögen."

 

Mateo blinzelte und streckte sich gähnend. Er war doch tatsächlich über einer der Schriften eingeschlafen. Müde reckte er seine schmerzenden Schultern und bewegte den Kopf von einer auf die andere Seite. Dann erinnerte er sich, wieso er solche Kopfweh hatte und so träge war.

Offiziell schloss die Bibliothek schon um fünf, aber er hatte einen Schlüssel erhalten, denn einer der Professoren hatte in ihm sehr unerwartet den Sohn von Juanita erkannt. Der energische Mann Mitte Fünfzig hatte Mateo daraufhin bei einem reichlichen Mittagessen mit ebenso reichlich Tischwein von seiner Mutter erzählt.

Sehr rücksichtslos ließ der Professor für Archäologie durchblicken, dass er und Juanita sich intimer kannten, was Mateo mehr als nur beschämend fand. Allerdings erhielt er im Austausch für seine Scham und Wut bei den Gedanken an seine untreue Mutter reichlich Informationen über die schwarzen Steine. Nicht nur das, der Professor lud Mateo zum nächsten Abend ein und versprach ihm einen weiteren der Steine, nachdem Mateo ihn mit seinem Wissen zu den Steinen beeindrucken konnte.

"Ah, Juanita hat mir ein wenig von ihrem Sohn erzählt. Fleißig, intelligent, schüchtern dabei, so dass er nie in ihre Fußstapfen treten würde, das hat sie gesagt. Und... sehr hübsch." Der Professor lächelte über Mateos rote Wangen. "Ja, 'hübscher als ich', das hat sie gesagt, und auch wenn mir an Männern nichts liegt, muss ich gestehen, sie hatte Recht. Zudem, was soll ich mit dem einzelnen Artefakt. Diese Inseln liegen nicht einmal in einem Interessengebiet von mir. Also, beehren Sie mich mit Ihrem Besuch, Mateo?"

Mateo sagte zu und vergaß nicht zu fragen, ob sein Student Dennis nicht vielleicht auch mit zu dem Professor zum Essen kommen dürfte. Es schien dem Mann ein wenig zu missfallen, aber er lehnte nicht rundweg ab.

Mateo streckte sich noch einmal, während er sich daran erinnerte, dass er zu der Einladung sicherlich ein Geschenk oder wenigstens eine Flasche Wein mitbringen sollte. Ärgerlich über seinen steifen Nacken grummelte er "Verdammter Wein. Wie spät ist es überhaupt?"

Erschrocken riss er die Augen auf. "Oh verdammt! Dennis!" Sie hatten sich im Hotelzimmer verabredet, und Mateo hatte den Schlüssel mitgenommen, da er sicher davon ausgegangen war, dass er zuerst dort ankommen würde. Hektisch räumte er seine Artikel in eine Ablage und schaufelte die Abschriften und ungelenken Zeichnungen in seinen Rucksack, bevor er sich mit Hilfe seines Schlüssels aus der Bibliothek entließ.

Dennis stand bereits vor der Tür, eingemummelt in seine dicke Jacke, die Hände tief in den Taschen vergraben. Er war um die Bibliothek herumgewandert, wieder und wieder, hatte sich Sorgen ohne Ende gemacht, hatte sich den Kopf zerbrochen, wie er unauffällig hinein kam und sich schließlich mit dem Gedanken getröstet, dass wenn er nicht hineinkam, es auch sonst niemand schaffte. Er hatte nur hoffen können, dass sich niemand mit Mateo hatte einschließen lassen.

Als endlich die schwere Tür geöffnet wurde und sich Mateos schmale Gestalt durch den Spalt schob, fühlte er eine solche Welle der Erleichterung durch sich hindurchschwemmen, dass ihm schwindlig wurde. Er atmete ein paar Mal tief durch, ließ dann erst Raum für Verärgerung.

"Ah, Monsieur ist auch schon fertig", grollte er. "Ich bin im Hotel gewesen und hab nach dir gefragt, ich habe geklopft, ich habe wie ein Idiot vor der Tür gewartet. Ich bin zur Bibliothek gelaufen, weil ich nicht mehr genug Geld für eine Fahrkarte bei mir hatte. Als ich hier angekommen bin, war sie natürlich schon geschlossen. Meine Füße sind tot, mir ist eiskalt."

Mateo sank noch ein wenig mehr in sich zusammen. "Tut mir leid, Dennis. Ich bin eingeschlafen, war wohl letzte Nacht wirklich nicht genug Schlaf. Ich... lade dich zum Essen ein, was sagst du? Du darfst auch das Restaurant wählen. Nachher kann ich dich auch noch auf Knien um Verzeihung bitten, wenn du es forderst."

Dennis lachte auf, er konnte nicht anders. Zudem überwog die Erleichterung bei weitem, weswegen es ihm ohnehin schwer fiel, Mateo böse zu sein. "Hinknien musst du nicht. Und das mit der Einladung ist wirklich lieb, aber Fabienne hat mich mit Kuchen und Café au lait derart vollgestopft, dass mir jetzt noch ganz flau im Magen ist. Aber ich könnte es als Entschuldigung akzeptieren, wenn du mir jetzt die Hände wärmst und mich nachher im Hotel mit Tee und den Ergebnissen deiner Forschungen versorgst. Oh ja, und wenn du mir Geld für eine Rückfahrkarte vorlegst."

Kaum waren sie zurück im Hotelzimmer, hatte Dennis nichts Eiligeres zu tun, als seine Jacke auszuziehen, die Schuhe von den Füßen zu streifen, in seine Hausschuhe zu schlüpfen und die Heizung um zwei Stufen hochzudrehen.

"Besser", seufzte er erleichtert, auch wenn es ihm ein wenig unfair vorkam, dass er den Part mit dem Frieren so hervorstrich. Doch ein normaler Mensch hätte wirklich derart gefroren in der Zeit, die er vor der Bibliothek verbracht hatte. "Aber das zumindest ist meine Schuld." Er grinste. "Ich hätte ja in der warmen Hotelhalle warten können. Ich hätte ja nicht zur Bibliothek laufen müssen."

"Hast du dich also mit Fabienne getroffen?" Dennis hatte Mateo einmal erzählt, dass seine Schwester in Paris wohnte und er sie bei der Gelegenheit besuchen wollte.

"Ja, sie hat sich gefreut, dass ich die Zeit hatte, vorbeizuschauen. Sie arbeitet momentan als Altenpflegerin", erzählte Dennis. "Ist ein Knochenjob."

Mateo klappte den Pappdeckel von dem Pizzakarton auf und inspizierte den Inhalt. "Hm. Morgen Abend sind wir bei einem ehemaligen Freund meiner Mutter zum Essen eingeladen. Da bekommen wir sicherlich etwas Besseres vorgesetzt. Der Mann hat doch tatsächlich auch so ein schwarzes Steinteil und will es mir überlassen. Ist das nicht großartig?"

"Wow, echt? Das ist super!" Dennis strahlte und zog seine Teetasse zu sich, um die Hände darum zu schließen, wobei seine Begeisterung eher der Aussicht auf ein neues Artefakt als der auf das Essen galt. "Ich hoffe, die Mühen lohnen sich. Ich bin unerträglich neugierig, was dabei herauskommt, wenn mir auch die Jagd nach Informationen allein schon Spaß macht." Er lachte. "Pass auf, am Ende stellen wir fest, dass wir einer prähistorischen Seifenschale hinterher gejagt sind."

Mateo hatte gerade die Brille abgenommen. Er lachte und blinzelte Dennis kurzsichtig an. Mit einem Mal stockte er leicht und legte den Kopf schief. "Weißt du, Dennis, so verschwommen betrachtet erinnerst du mich doch tatsächlich ein wenig an..." Er schüttelte den Kopf und setzte die Brille wieder auf, um dem verwirrten Blick aus hellblauen Augen zu begegnen. Hastig sah er auf die Pizza hinunter.

/Vielleicht sollte ich einfach meine Brille abnehmen, wenn ich mit Paul zusammen bin, das macht es deutlich leichter für mich./ "Ohne Brille scheine ich mutiger zu sein, das wollte ich sagen." Er biss von seiner Pizza ab und seufzte. "Hm... hatte ich einen Hunger."

"Ich hätte dich mit zu Fabienne nehmen sollen. Die hatte noch so viel Kuchen da, als wollte sie eine Kompanie verköstigen." Dennis grinste. "Mutiger als mit Brille? Und an wen erinnere ich dich?" Sein Grinsen wurde breiter. "An Paul? Magst du die Brille nicht wieder absetzen und das Küssen ein wenig üben?"

Mateo starrte ihn mit einem Stück Pizza im Mund an und blinzelte einige Momente lang in seine Richtung, dann seufzte er und kaute langsam zuende, spülte mit einem Schluck chlorig schmeckendem Wasser, bevor er zugab "Du erinnerst mich ein wenig an Paul, ja. Und nein, ich möchte nicht das Küssen üben. Zum einen, weil du gesagt hast, dass du schon jemanden hast und zum anderen, weil das... nicht zu mir passt."

Er legte das Stück Pizza wieder in den Karton und schubste einige Krümel von seinem Hosenbein. "Ich nehme es dir nicht übel, Dennis, du bist so offen und mutig, aber als du mich vor dem Chef gerettet hast, wusstest du..." Zögernd spielte Mateo mit seinem Wasserglas. "Wusstest du, dass es mein erster Kuss war?"

Dennis' Augen weiteten sich. "Oh", war das einzige, was er für einen Moment herausbrachte. /Sein erster Kuss. Ich bin der erste, der ihn je.../ Dann schüttelte er zögernd den Kopf, während er doch tatsächlich spürte, dass seine Wangen vor Verlegenheit warm zu werden begannen. "Nein, das wusste ich nicht. Das tut mir leid. Oh Himmel, wenn ich das gewusst hätte... das tut mir leid. Dein erster Kuss, und dann so was."

"Ach was. Es ist nicht deine Schuld. Vielleicht nicht einmal meine. Eher die meiner Eltern." Mateo stellte den Pizzakarton fort und nahm die Brille erneut ab, um sich die Augen zu reiben. "Mein Vater war schon Ende fünfzig, als er meine Mutter, eine energische und unkonventionelle Forscherin Mitte dreißig, kennen gelernt hat. Dass aus ihrer kleinen Affäre auf einem Kongress ein Kind entstanden ist, war beiden ein wenig unheimlich. Sie konnte nicht für mich sorgen, fühlte sich nicht in der Lage, aber mein Vater konnte und wollte. Nur, dass meine Kindheit und Jugend beinahe ausschließlich unter alten Gelehrten stattfand. Es hat mich nie gestört, aber so langsam fange ich an zu begreifen, dass ich einiges verpasst haben könnte."

"Oh", murmelte Dennis noch einmal. Dann stand er auf, um Mateo zu umarmen. "Weißt du, wenn du nicht in Paul verliebt wärst und ich keinen eifersüchtigen Freund hätte – und glaube mir, er ist eifersüchtig wie die Hölle, selbst auf diese nette Reise hier – würde ich dir glatt vorschlagen, dass... aber egal, du bist ohnehin nicht der Typ dazu." Er zauste ihm einmal durch das Haar, ließ ihn dann wieder los und setzte sich zurück zu seinem Tee. Und zudem wäre es unfair, auf eine wirklich gemeine Art. "Auch wenn ich dich sehr attraktiv und gut aussehend finde." Er grinste ihm zu, auch wenn ihm nicht ganz danach war. "Aber zu spät ist es nie. Denk an Paul."

Mateo warf sich auf dem Bett zurück und starrte an die Decke. "Das tue ich ja leider", flüsterte er und schloss die Augen.

Dennis seufzte. "Mat, wenn wir wieder zu Hause sind, bringe ich dich dazu, dass du mal was machst. Ich schleife dich in Discos, auf Straßenfeste und vor allem wirst du Paul ansprechen." Gleichzeitig wusste er, dass es zu einem Problem werden konnte, wenn er wirklich an diesem Plan festhielt. Spätestens, wenn er Paul kennen lernen sollte, und der Tag würde früher oder später kommen.

 

Das Abendessen bei dem Professor verlief ungeahnt angenehm und in den Mateo von Zuhause gewohnten Bahnen. Nicht selten hatten sein Vater und er schließlich befreundete Professoren zu einem Abendessen und einer Diskussion oder einem Diavortrag auch in ihrer Wohnung gehabt.

Dennis wurde mit einer nur diskret erhobenen Augenbraue zur Kenntnis genommen, aber es folgten keinerlei Fragen zu ihrer Beziehung. Gleich nach dem Essen, von dem Dennis sich unter Angabe einer Magengrippe entschuldigte, führte der Professor Mateo und ihn in sein Arbeitszimmer, wo er das schwarze Bruchstück vor sie auf den Tisch legte.

Staunend strich Mateo darüber und verglich das Stück mit den Zeichnungen, die er bereits angefertigt hatte. "Das ist eines der beiden Stücke, die eine Markierung tragen. Deswegen hatten Sie angenommen, dass es sich um einen Kompass handelt, nicht wahr?" Die Markierung war nur hauchzart, wie ein Haar auf der sonst perfekten Oberfläche. "Es ist so fein. Ist es wirklich absichtlich hineingekratzt worden?"

"Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass diese Steinstücke makellos sind, Mateo? Sie sind sehr alt, das ist sicher, denn einige Eingeborenenzeichnungen weisen darauf hin, und diese sind schon sehr alt. Aber dennoch kein Kratzer, keine Absplitterung, nichts."

Mateo blinzelte ins Feuer und warf Dennis einen Blick zu. "Nun, es ist Onyx, nicht wahr? Aber dennoch, Sie haben Recht. Die Teile wirken auch nicht wie zerbrochen, eher wie..."

"Teile aus einem Puzzle, nicht wahr?"

"Also doch keine Seifenschale", murmelte Dennis mit einem kleinen Grinsen so leise, dass nur Mateo ihn hören konnte, während er sich mit ihm über die Stücke beugte. Vorsichtig strich er mit einer Fingerkuppe über die makellose Glätte, ertastete die haarfeine Gravur und schob die drei Teile, die der Professor auseinander gezogen hatte, um deren fehlerlose Ränder zu präsentieren, wieder zusammen.

Er kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen und betrachtete das sich ergebende Bild, während er sich vorzustellen versuchte, wie es vollständig aussehen mochte. Dunkel begann sich etwas in seiner Erinnerung zu regen, doch noch ehe er es greifen konnte, war es wieder im Nebel des Unbewussten verschwunden und ließ ihn mit der unbefriedigenden Erkenntnis zurück, dass er eigentlich etwas darüber wissen sollte. Oder dass er es schon mal gesehen hatte. Zumindest in Büchern.

Mateo und der Professor vertieften sich immer mehr in die Theorie, dass es sich wirklich um einen Kompass handeln könnte. Schließlich versprach der Professor Mateo noch einige spanische Schriften, die ein Kollege von Juanita zu der Zeit der Ausgrabungen angefertigt hatte. "Es ist ein Interview mit den Dorfältesten. Ich hab allerdings den Eindruck gewonnen, dass der gute Josef zu der Zeit irgendwelche Drogen genommen haben könnte. Die Dinge, die er da aufgeschrieben hat, hören sich zum Teil mehr als nur fantastisch an."

Mateo stimmte ihm schon für die Schriften zu, die er bis zu dem Tag gelesen hatte, aber bedankte sich lediglich für die Freundlichkeit, mit der ihr Gastgeber ihnen weitergeholfen hatte. Fröstelnd verkroch sich Mateo auf dem Rückweg in seinen Mantel und murrte, als sie endlich am Hotel aus dem Taxi kletterten "Ich habe den Eindruck, dass dies der kälteste Winter seit langem ist. Ich friere sonst nie so schnell. Hoffentlich werde ich nicht krank."

Dennis beobachtete ihn besorgt; er wusste, dass es weder am Winter, noch an einem zu dünnen Mantel lag. Aber so, wie die Dinge standen, konnte er wenig tun. "Ich hole dir einen Tee mit Schuss, wenn wir im Hotel sind", versprach er dennoch.

Mateo duschte heiß und zog sich auch im engen Badezimmer um, bevor er sich gähnend eine zweite Wolldecke aus dem Kleiderschrank nahm, um nicht auch noch im Schlaf frieren zu müssen. Dennis brachte ihm den versprochenen Tee ans Bett und setzte sich auf die Kante der Matratze. "Hier, nicht dass du dich noch erkältest. Bis darauf, dass du öfter frierst als ich, geht es dir aber gut?"

Mateo setzte sich im Bett auf und zog die Decke unter die Nase hoch. "Ja, jetzt geht es wieder. Nur vorhin, als wir draußen waren, hab ich ein wenig gefröstelt." Er nahm den Teebecher an und lächelte Dennis kurz zu. "Danke." Er trank einige Schlucke und hustete dann. "Huch, das ist aber starkes Zeug!"

Nachdenklich entwickelte er die Steine erneut und legte sie auf seinem Schoß in unterschiedlichen Formationen zueinander. "Was meinst du, macht die Theorie von dem Kompass Sinn? In einer Schrift stand gar Wegweiser auf die andere Seite. Ich weiß ja nicht. Irgendwie machen mich diese philosophischen und religiösen Texte nicht unbedingt schlauer."

Nahezu unmerklich zog Dennis die blonden Brauen zusammen, als er Mateos Worte in Erwägung zog. Das Gefühl, dass er etwas darüber wissen sollte, wurde mit einem Schlag wieder stärker, doch es half ihm nicht, die Erinnerung heraufzubeschwören.

"Ich weiß es nicht, Mat", sagte er schließlich leise. "Es kann sein, aber ich weiß es nicht."


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