Torhüter

9.

Die nächsten Tage waren angefüllt damit, die Aufträge des Chefs zu erfüllen, und obwohl Mateo so zuversichtlich gewesen war, dass er es auch alleine schaffen würde, beanspruchten sie doch seine und Dennis' Zeit gemeinsam aufs Vollste. Bei den französischen Texten stellte sich heraus, dass Dennis' Französisch ab und an um einiges besser war als Mateos.

Dennis schnitt eine Grimasse, als er es erklärte. "Ich hatte einen Lehrer in der Oberstufe, der Altfranzösisch liebte. Der war der reinste Horror. Bei dem hatte ich kaum gute Noten, obwohl meine Mutter Französin ist."

Doch obwohl sie kaum noch private Zeit hatten, waren sie mit ihren Ergebnissen sehr zufrieden, als sie schließlich eine Woche später wieder im Zug saßen.

Dennis betrachtete die Steine, die Mateo auf das kleine Tischchen am Fenster gelegt hatte und sie erneut mit seinen Aufzeichnungen verglich. "Mat, ich hab die schon mal gesehen. Je länger ich sie anschaue, um so sicherer bin ich mir. Oder zumindest detaillierte Aufzeichnungen darüber. Wenn ich mich nur erinnern könnte!", murrte er frustriert. "Wenn wir zu Hause sind, rufe ich meine Eltern an. Mein Vater sammelt alte Schriften; nicht, dass er sie lesen oder etwas damit anfangen könnte. Er liebt sie um ihres Alters Willen. Vielleicht war da etwas dabei."

Mateo zuckte zusammen. Er hatte zwar Dennis' Stimme gehört, aber nicht wirklich vernommen, was dieser gesagt hatte. "Ja... ja, mach das. Gute Idee." Er warf einen Blick auf die Uhr, halb zwölf schon, kein Wunder, dass er müde war. Längst hatten sie die Überfahrt mit der Fähre hinter sich gebracht und sollten nun bald in London eintreffen.

Weltvergessen hatte er seit einer Stunde ungefähr in die vorbeieilende Schwärze vor dem Zugfenster gestarrt, die Niederschriften des Mannes in den Händen und in die Bilder aus seinen Beschreibungen unerwartet deutlich vor seinem geistigen Auge.

Von Vulkanen war die Rede, von deren Hitze, die es bedurfte, um die Teile des Wegweisers in die andere Welt zu schmieden. Die Dorfältesten hatten von Toren geredet, die versteckt seien und doch sehr offensichtlich, für den, der hinsehen würde. /Ein Tor in die andere Welt, aber nur... für den, der sieht. Aber wie? Meinen sie, dass wir die Puzzelteile noch nicht richtig angesehen haben?/ Wieder ließ er seine Finger darüber streichen.

Er seufzte und streckte sich, bevor er die Steine vorsichtig in ihre Tücher einschlug, um sie in seinem Rucksack verschwinden zu lassen. "Ich gehe mir einen Kaffee holen, pass du doch auf die Steine auf, dann bringe ich dir was mit. Irgendeinen speziellen Wunsch?"

Dennis rieb sich müde die Augen. "Einen Kaffee könnte ich jetzt auch vertragen, aber dann kann ich den Rest der Nacht nicht mehr schlafen. Ich finde, jemand sollte mal den Stundenkaffee erfinden, der exakt die gewünschte Zeit wirkt und dann in Ruhe schlafen lässt." Er streckte sich gähnend und überlegte, dass er vielleicht mit ihm gehen sollte, entschied sich dann aber dagegen. "Also hol dir deinen, ich halte hier geduldig die Stellung."

Mateo lachte und nickte. "Ja, Stundenkaffee, das wäre nett. Mit kleinen Strichelchen für jede zehn Minuten, die man noch wach bleiben möchte. Bis gleich."

Er ging das Ruckeln des Zuges ausgleichend zuerst in die falsche Richtung und schüttelte über seine eigene Müdigkeit den Kopf. Fröstelnd zog er seine Pulloverärmel dann weiter herunter und seufzte. "Kaum bin ich außerhalb des Abteils, schon überkommt mich wieder dieser kühle Schauer. Ich geh gleich morgen zum Arzt, mein monatlicher Besuch ist ohnehin fällig", murmelte er, während er sich umdrehte, um in Richtung des Speisewagens zu gehen.

Dennis hatte die Füße auf den gegenüber liegenden Sitz gestellt und die Arme hinter dem Kopf verschränkt, während er müde aus dem dunklen Fenster sah und nur sein Spiegelbild entdecken konnte. Hellblaue Augen, blonde Haare, helle Haut mit ein paar Sommersprossen in dem erschöpften Gesicht. Er hatte nicht geschlafen in den letzten Nächten, beunruhigt von dem, was seine Schwester ihm erzählt hatte. Beunruhigt auch von dem Gedanken, dass er vielleicht zu jung sein könnte, um Mateo zu beschützen.

Mit einem Seufzen stand er auf und öffnete das Fenster einen Spalt, um kalte Winterluft ins Abteil zu lassen. Er sollte nicht hier sein, während Mateo durch den Zug stromerte. Andererseits hatte er keine Anzeichen für einen Mephare gespürt, die ganze Zeit nicht. Nachdenklich betrachtete er das offene Fenster. Was allerdings nicht viel heißen mochte. Für einen Mephare war es keine Schwierigkeit, in einen fahrenden Zug zu gelangen, so lange irgendwo nur eine Lücke zu finden war, durch die er sich quetschen konnte, und mochte sie noch so klein sein. Zudem konnte er erst dann sicher sagen, dass sie da waren, wenn sie ihre wirkliche Gestalt angenommen hatten. Verbargen sie sich, waren sie für ihn nahezu genauso unsichtbar, wie wenn sie nur einfache Menschen gewesen wären.

Seine Unruhe stieg, und er schloss das Fenster wieder, während er sich fragte, wie eigenartig Mateo es finden würde, wenn er ihm jetzt hinterher lief. Er presste die Lippen zusammen und setzte sich, nur um dann doch aufzuspringen und das Abteil zu verlassen. Egal, was Mateo dachte, er würde einfach behaupten, er hätte Hunger bekommen. Oder Lust auf Schokolade.

Von Mateo war weit und breit nichts zu sehen, als er auf den Gang trat und die Tür hinter sich zuzog. Natürlich nicht. Wenn sein Schützling so lange brauchen würde, um einen Zugwagon zu verlassen, müsste er sich wirklich Sorgen um seinen Gesundheitszustand machen. Rasch schlug er die Richtung zum Bordrestaurant ein, als er den kühlen, weichen Hauch spürte. /Mephare!/

Dennis' Gesicht verlor alle Farbe, als er losspurtete. /Nicht! Um Himmels Willen, nicht!/ Er stieß eine junge Frau beiseite, als er an einem geöffneten Abteil vorbeistürzte und hörte hinter sich noch ihre empörten Rufe, doch er achtete nicht darauf.

Das Gefühl wurde immer deutlicher, wurde weicher, kühler und änderte sich schließlich, bekam einen singenden Unterton, der ihm sagte, dass es begonnen hatte. Die Kälte in seinem Herzen ließ ihm keine Wahl. Er wusste, dass er auf diese Weise keine Chance gegen einen alten Mephare hatte.

Nur kurz konzentrierte er sich, dann schien sich für einen Augenblick die Wirklichkeit zu verschieben, als er für alle, die es spüren konnten, offenbarte, was er wirklich war. Abrupt brach der singende Ton ab, in exakt dem Moment, als Dennis seinen Ursprung ausgemacht hatte. Er riss die Tür zu dem Abteil auf.

Er sah weiße Augen, die ihn anstarrten, fühlte mit einem Schlag Benommenheit, als sich der Mephare gegen ihn wandte und es ihm nahezu unmöglich machte zu sehen. Weiße Augen, weiße Haare, schwarze Haut blitzten wie eine Momentaufnahme an ihm vorbei, doch er war unfähig, das Gesicht oder auch nur die Gestalt zu erfassen.

Er versuchte sich zu konzentrieren, sammelte seine Kräfte und wob ein Schild gegen den Angriff, der ihn hilflos zu machen drohte. In dem Augenblick, als er es um sich zusammenzog, konnte er das Alter spüren. Es sickerte durch jede Masche, die er nicht sorgfältig genug geknüpft hatte, durch jede Lücke, fand unbarmherzig den Weg in sein Inneres.

/... kann nicht versagen... Mateo.../, hämmerte der alleinige Gedanke durch ihn hindurch, angefüllt mit dem, was er für diesen Mann empfand, was er für ihn sein wollte.

Plötzlich war die Kraft verschwunden. Es war, als hätte jemand sie wie eine Kerzenflamme erlöschen lassen. Kalter Wind griff nach seinen hellen Haaren, klärte seine Gedanken. Er sah das offene Fenster und wusste, der Mephare war verschwunden. Was ihn vertrieben hatte, wusste er nicht, mochte es sein, dass er eine zu offene Konfrontation scheute und die anderen Wächter im Schlaf überfallen hatte, mochte es sein, dass er selber irgendwo Kräfte gefunden hatte, die dem anderen zu gewaltig erschienen waren. Doch letztendlich war es egal. Der Mephare war verschwunden, und Mateo brauchte dringend Hilfe.

Mit einer raschen Bewegung schloss Dennis die kalte Luft aus und ging neben der leblosen Gestalt Mateos auf die Knie. Fahrig tastete er nach dem Puls des jungen Mannes, fand ihn, schwach zwar und flatternd, doch vorhanden. Er atmete erleichtert auf und zog den schlanken Körper in seine Arme.

"Es tut mir leid, dass ich dich im Stich gelassen habe", flüsterte er. "Ich hätte nichts darauf geben sollen, was du anschließend von mir halten magst."

Doch das konnte warten. Sachte strich er mit einem Finger über die leicht gesprungenen, blauen Lippen des anderen Mannes, dann beugte er sich über ihn, um ihm das einzige zu geben, was ihm helfen würde, das einzige, was ihn am Leben erhalten würde.

Sacht legte er seinen Mund über Mateos, um ihn zu küssen. Um mit ihm seine Seele zu teilen und ihm damit das zurückzugeben, was ihm von dem Mephare genommen worden war.

Als er sich schließlich von ihm löste, zog sich ein weiches Lächeln über Dennis' Gesicht. "Ob du Paul erhören wirst oder nicht, jetzt gehörst du zu mir. Ein Stück von mir ist in dir. Und wie meine Schwester sagte, ich habe Zeit."

Mühelos hob er den schlanken Körper hoch, um ihn zurück in ihr Abteil zu bringen.

Mateo bemerkte die Schwärze um sich erst, als sie zu weichen begann. Leider wurde nicht nur alles heller, es wurde auch schmerzhafter. Sein Kopf dröhnte, und er hatte Gliederschmerzen. Er stöhnte leise auf und hustete als nächstes. Seine Kehle fühlte sich rau an, und er spürte seine Lippen nicht mehr, sie waren wie taubgefroren. Mit einem Ruck kam er dann jedoch zu sich und schlug die Augen auf. "Hmmmmm, was... ist... wieso...?" Unsicher sah er sich um, alles war verschwommen. "Meine Brille..."

Dennis hatte ihm den Sitz soweit nach hinten gekippt, wie es möglich war; er saß neben ihm und bewachte ihn mit mehr Sorge als je zuvor. Erleichterung durchflutete ihn, als Mateo endlich die Augen öffnete, und er ihm die Brille reichen konnte.

"Vorsicht, sie ist verbogen", sagte er leise und strich ihm mit einem feuchten Tuch über die Stirn und die Wangen, nachdem Mateo sie zittrig aufgesetzt hatte. "Wie fühlst du dich, Mat?"

"Was ist denn passiert? Ich kann mich gar nicht mehr erinnern." Mateo hob eine Hand an seine Stirn, während er mit geübten Fingern an dem Brillenrahmen bog. Er fühlte sich von Moment zu Moment besser, aber eine schreckliche Erkenntnis erfasste ihn in dem Augenblick. "Ich bin ohnmächtig geworden! Oh mein Gott!" /Gleich morgen muss ich zu meinem Arzt! Das wird doch hoffentlich nichts Schlimmes sein! Hirntumore verursachen Ohnmächtigkeit, und dann dieses Frieren, ich friere doch dauernd. Es kommt und geht in Anfällen, wird eigentlich immer schlimmer. Wieso hab ich es nur zu spät bemerkt?/

Verzweiflung erfasste ihn, während er daran dachte, dass er doch wirklich mehr als vorsichtig war. Seine Gesundheit wurden einmal im Monat von seinem Arzt überprüft, er selber achtete sehr genau darauf, dass er genügend Vitamine aß, dass er sich genug bewegte, dass er nicht kalt oder nass herumlief.

Ängstlich sah er Dennis an. "Meine Lippen... bin ich gestürzt?"

Dennis wusste nicht, was er ihm sonst hätte erzählen sollen. Die Wahrheit kam unmöglich in Frage. Deswegen nickte er schließlich, auch wenn er befürchtete, dass es dem Gesundheitstick und der ständigen Furcht vor Krankheiten, die Mateo pflegte, nicht besonders zuträglich sein würde. "Ich hatte plötzlich Zieps auf Schokolade und bin dir hinterher, um dich zu bitten, mir was mitzubringen. Ich habe dich im Gang gefunden, auf dem Boden. Du warst bewusstlos, deswegen habe ich dich zurückgebracht. Eigentlich wollte ich einen Arzt rufen, keine Ahnung, die müssen doch einen an Bord haben, nicht? Aber ich habe mich nicht getraut, dich allein zu lassen."

Mateo rieb sich die Stirn, das taube Gefühl ging sehr schnell in ein Kribbeln und nach und nach in ein unnatürliches Wärmegefühl über, während er versuchte, sich darüber klar zu werden, ob er sonst noch etwas spürte. "Nein. Ich gehe morgen früh zu meinem Arzt. Der kennt mich schon, seit ich vier bin und weiß sicherlich am besten, was ich tun sollte."

Die restliche Fahrt währte nicht mehr sehr lang, und Mateo kämpfte währenddessen stetig mit dem Schlaf, der ihn übermannen wollte. Vor dem Bahnhof trennten sich seine und Dennis' Wege am Taxistand, auch wenn der Student ihn zuerst noch nach Hause bringen wollte. Mateo wehrte dies ab, er wollte in dem Moment keine Gesellschaft mehr haben. Nicht ganz. Auf Flaco freute er sich schon und beeilte sich sogar, um in seine Wohnung hinaufzugelangen und die Tür aufzuschließen.

Ein schwarzer Blitz kam ihm entgegengefegt und strich maunzend und schnurrend um seine Beine, gab nicht eher Ruhe, ließ Mateo nicht einmal ordentlich seinen Koffer in den Flur stellen, bis er nicht wenigstens ein paar Minuten gestreichelt und beknuddelt worden war. Und auch danach ließ er nicht von Mateo ab, strich um ihn herum und machte sehr deutlich, dass er ihn vermisst hatte.

Mateo schaffte es nicht mehr wie sonst, noch seine Tasche auszupacken, er zog sich lediglich um, wählte einen extrawarmen Schlafanzug und kuschelte sich mit dem schnurrenden und gurrenden Katerchen in sein Bett. Noch bevor er irgendeinen Gedanken zuende führen konnte, war er schon eingeschlafen, die Finger der einen Hand noch über dem leicht vibrierenden Körper neben sich gelegt. Flaco schloss die Augen noch eine ganze Weile nicht und wachte über Mateos Schlaf.

 

Am nächsten Morgen wachte Mateo jedoch sehr früh wieder auf. Es war eigentlich Samstag, und der Arzt hatte sicherlich keine Sprechstunde, aber ein längeres, besorgtes Telephonat überzeugte den Freund seines Vaters, dass es sehr wichtig für Mateo war, sofort untersucht zu werden.

Gegen Mittag dann, einige Röntgenaufnahmen von seinem Kopf, eine Blutentnahme und eine gründliche Untersuchung sowie ein längeres Gespräch mit seinem Arzt später, wanderte Mateo jedoch wieder gänzlich unbesorgt zu seinem Lebensmittelhändler, um Flaco extragutes Katzenfutter mitzubringen und für seine Lieblingsspeisen für den Sonntag zu sorgen.

Kurzentschlossen besorgte er auch noch eine kleine Zimmerpalme im weißen Übertopf, die er Paul für die Pflege seines Haustieres schenken wollte. Regelrecht optimistisch klingelte Mateo dann am späten Nachmittag mit der Palme und den Steinen an der Wohnungstür seines Nachbarn.

Paul brauchte ein wenig, ehe er an die Tür kam. Doch dann strahlte er die Pflanze an, die sich ihm darbot und durch dessen Zweige er die dunklen, lachenden Augen Mateos sehen konnte. Sein Herz machte bei dem Anblick einen kleine Satz. Zwar waren sie nicht wirklich lange getrennt gewesen, doch er hatte ihn vermisst. Rasch trat er beiseite, um ihn herein zu lassen. "Schön, dass du wieder da bist, Mateo."

"Hallo. Ich bin auch froh. Es war ganz schön anstrengend." Mateo hielt Paul den Blumentopf entgegen. "Ich dachte mir, dass es ein wenig Leben in dein Wohnzimmer bringen kann, wenn Flaco schon nicht mehr hier rumlungern soll." Vorsichtig sah er dem anderen ins Gesicht. "Der Kleine hat sich hoffentlich gut benommen?"

Paul nickte lachend, während er die Pflanze entgegennahm. "Ja, er war ganz brav, wenn er dich auch offensichtlich sehr vermisst hat. Er lag die Hälfte der Zeit in deinem Bett. Aber er hat ordentlich gefressen, ein paar Haare bei dir und mir verstreut und ist von einer Wohnung in die andere und wieder zurück gepilgert. Wirklich, es stört mich nicht, wenn er hier ist."

Er sah sich in seinem Wohnzimmer um und stellte die Palme dann auf einen Tisch in der Nähe der Balkontür. "Danke, Mateo. Lieb von dir, dass du mir was mitgebracht hast. Ja, du hast recht, wirkt gleich gemütlicher hier." Als er zu ihm zurückkehrte, überlegte er für einen Moment, ob er ihn küssen konnte, nur auf die Wange, als Dankeschön. Stattdessen umarmte er ihn jedoch kurz, was für sein Gefühl nicht wirklich ausreichte, und zog ihn dann auf die Couch. Was er sich jedoch gestattete, war, Mateos Hand in seiner zu behalten, als sie sich setzten. "Wie war es in Paris? Du musst mir alles erzählen! Habt ihr was herausgefunden?"

Mateo lächelte ein wenig über die Begeisterung, die der andere zeigte und darüber, dass er selber nicht zusammengezuckt war, als er umarmt wurde. "Es war sehr aufschlussreich, wirklich. Ich habe einen ehemaligen Freund meiner Mutter getroffen, und der hat mir das hier gegeben."

Stolz breitete er die dicht mit krakeliger Schrift und ungelenken Zeichnungen bedeckten Seiten vor Paul aus. "Eine Art Tagebuch eines der Archäologen, der sich mit der dortigen Bevölkerung unterhalten hat. Ich bin gerade einmal auf der Seite zehn von über hundert. Ach ja, dann hat er mir auch noch dies hier geschenkt."

Grinsend, weil er Pauls gerunzelte Stirn beim Anblick der Seiten schon lustig fand, legt er die Steine auf den Tisch, zuletzt den dritten. "Es sind wirklich insgesamt sechs Stück. Ich weiß auch schon, dass der vierte hier in England zu finden sein muss. Ich muss den Mann nur auftreiben, der ihn mitgenommen hat."

Beeindruckt beugte Paul sich über die Steine, während er sich still darüber freute, dass Mateo ihm die Hand nicht entzogen, stattdessen alles einarmig und dadurch ein wenig unbeholfen ausgepackt hatte. "Das nenne ich Erfolg! Großartig! Drei Teile zusammengesammelt und den Aufenthalt eines vierten nahezu greifbar vor Augen. Schon eine Ahnung, was es werden könnte? Opferschale? Ah, der hat eine Markierung." Vorsichtig rieb er mit der Fingerspitze darüber, dann sah er auf und Mateo an, lächelte. "Oder steht das erst auf Seite Neunundneunzig von den Hundert?"

Mateo hob die Schultern und zupfte an seinen Fingern, die Paul jedoch nicht gehen ließ. "Ehm, einer der Philosophen sprach in einer Schrift von dem Kompass... dem Wegweiser in eine andere Welt. Wie hieß es noch? Die Tore sind offen für den, der sieht." Er schob seine Brille ein wenig höher, versuchte seine Nervosität niederzukämpfen, dann fügte er an "Hinsieht vielleicht auch. Anscheinend soll der Kompass hier helfen, das Tor zu sehen."

Paul hob überrascht die Augenbrauen. "Offene Tore für die Sehenden? In eine andere Welt?" Wieder warf er den Steinen einen Blick zu. Dann runzelte er die Stirn. "Sie sind vertieft, wenn man sie zusammenlegt. Vielleicht ist es wirklich eine Schale. Eine Opferschale. Eine andere Welt kann doch auch das Jenseits sein, oder?" Unwillkürlich umfing er Mateos Hand fester.

"Natürlich glaube ich diesen Schwachsinn nicht. Es wird sicherlich im übertragenen Sinne gemeint sein. Vermutlich meinten sie wirklich das Jenseits, oder sie meinten eine Bewusstseinserweiterung. Vielleicht wurden berauschende Getränke in dieser Schale gebraut. Vielleicht sollte es auch eine Orakelschale sein, der Blick in die Zukunft. Ehm... Paul, wenn ich meine Steine wieder einpacken möchte, dann brauche ich diese Hand jetzt." Mateo zupfte dieses Mal energischer an den Fingern.

"Sicher?" Paul sah ihm in die Augen und lächelte, ließ ihn dann aber doch los, so ungern er es auch tat. "Es hätte ihnen bestimmt nicht geschadet, noch ein wenig an der Luft zu liegen." Mit einem Seufzen stand er auf. "Ich hole uns was zu trinken. Ich habe einen neuen Tee gefunden, der dir schmecken wird."

Er verschwand in der Küche, um Wasser heiß zu machen, während er sich fragte, wie lange es dauern würde, bis ihn allein der Geruch von gleich welchem Tee an Mateo erinnerte. Sie schienen immer Tee zu trinken, wenn er zu ihm kam. Dann musste er an Silvester denken, an Mateos gerötete Wangen und an die süßen Grübchen, die er ihm an diesem Abend ausgiebig gegönnt hatte.

"Ich sollte mal wieder Sekt kaufen", murmelte er belustigt.

Es dauerte nicht lange, ehe er wieder mit einer großen Kanne und zwei Bechern zurückkam. Er schenkte ein und setzte sich dann wieder zu Mateo, nicht ganz so nah wie zuvor, doch immer noch nah genug. "Und mal abgesehen von der Bibliothek, wie war Paris an sich?"

Mateo seufzte, während er den Teebecher mit beiden Händen umschloss. "Ich hab nicht viel davon gesehen. Ich habe mich einige Male mit diesem Professor getroffen, und dann war es sehr kalt, ich habe ständig gefroren. Was die Leute sagen, stimmt also doch. Hier in England ist es milder."

Paul ließ sich erneut dicht neben ihm nieder und ließ einige Kandisbrocken in seinen Becher fallen, verplemperte dabei ein wenig Tee und putzte diesen hastig von dem hellen Teppich auf, was Mateo die Gelegenheit gab, ihn anzusehen, ohne sich gleich mit einem Blick aus irgendwie wissenden Augen konfrontiert zu sehen.

Den Duft des Tees genießend kam Mateo zu dem Schluss, dass er Paul attraktiv fand, mehr als das, begehrenswert. Seine Wangen röteten sich, als er der Linie von dessen Wange folgte, fast schon in klassischer Pose für ein antikes Gemälde. Die Schatten auf seinem Gesicht ließen die Augen geheimnisvoller wirken, hoben dabei den Mund jedoch hervor. /Er lächelt so gern, nicht? Man sieht es an der kleinen Falte gleich im Mundwinkel./

Er streifte den Rollkragen des wollweißen Pullovers entlang und blickte dem Arm folgend auf die Hand, mit der Paul den Teppich trocken tupfte. Alles an diesem Mann war so schlank und elegant. Die Finger ganz besonders, oder eher die Hände insgesamt. Allein diese schmalen Gelenke. Ein wenig unglücklich sah Mateo auf seine Hand, die zum einen klein war und zum anderen nur kurze Finger aufwies, ein Grund, warum er niemals Ringe tragen würde. Unbeabsichtigt stellte er laut fest "Oh, ein Linkshänder."

Paul sah zu ihm hoch und lachte. "Ja. Kann manchmal lästig sein. Scheren für Linkshänder, Dosenöffner für Linkshänder... Gibt es alles nicht in so großer Auswahl. Immerhin sind Taschentücher universell." Er zwinkerte Mateo zu und brachte das Papiertuch zum Mülleimer, um sich dann wieder zu ihm zu setzen, ihm zugewandt und mit einem untergeschlagenen Bein. "Hat außerdem den Vorteil, dass ich ohne zu lügen sagen kann, dass ich alles mit Links mache."

Mateo lächelte. "Das würdest du sowieso sagen können." /Das könnte er./ Alles, was Paul tat und wie er es tat, wirkte selbstbewusst und sicher. Mateo erinnerte sich, wie Paul über die Balkonbrüstung gesprungen war. Allein wie er aufgekommen war, sich leicht abfangend, nicht polternd, stolpernd. Alles, was er machte, wirkte so, als hätte er es auch genau so machen wollen.

Mateo runzelte die Stirn erneut ein wenig. /Selbst den Tee auf den Teppich verschütten. Wie kann jemand eine Ungeschicklichkeit nur so richtig aussehen lassen? Unfair ist das./ Eine andere Stimme in seinem Hinterkopf befahl Mateo in genau dem Moment, endlich aufzuhören, auf Pauls Hände zu starren, als es schon zu spät war, es war schon zu einer längeren Stille zwischen ihnen gekommen. Mit einem unguten Gefühl in der Magengegend hob Mateo seinen Blick von den Finger in Richtung des Gesichts seines Gegenüber.

Paul sah ihn an, ein kleines, weiches Lächeln um die Lippen. "Danke", sagte er leise, gefangen von den unsicheren, braunen Augen, die ihn nicht mehr losließen, nicht einmal dann, wenn sie nicht zusammen waren, nicht im Schlaf, niemals.

Ehe er etwas dagegen tun konnte, hatte er die Hand gehoben. Sacht strich er über Mateos Wange, berührte mit den Fingerspitzen seine Schläfen, wanderte über den Rand des Ohres wieder nach unten, den Kiefer entlang und über die weiche Haut des Halses, der Sehne folgend.

"Weißt du, dass ich von dir träume, Mateo?", murmelte er.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh