Torhüter

10.

Mateo blinzelte ihn verwirrt an, konnte nicht ausweiche, den Blick nicht abwenden, er fühlte sich wie gelähmt. Pauls Finger, die er gerade noch so bewundert hatten, fühlten sich leicht an und kühl auf seinen heißen Wangen, dann erschauderte er, als sie wie ein Lufthauch seinen Hals berührten. Seine Stimme klang heiser, als er endlich den Blick auf seinen Teebecher senken und "Was denn?" fragen konnte.

"Dass du mich ansiehst, mich anlachst, nur für mich lächelst." Ohne die Fingerspitzen von Mateos Hals zu nehmen, griff Paul nach dem Becher und stellte ihn zurück auf den Tisch. Dann nahm er die kleine Hand in seine und zog sie an die Lippen, um sie sacht zu küssen. "Ich träume davon, wie weich deine Haut ist. Davon, wie deine Lippen wohl schmecken mögen, wie sie sich anfühlen. Und ich träume davon, dass ich endlich den Mut aufgebracht habe, dir zu sagen, dass ich mich verliebt habe. In deine samtigen Augen, in deinen Blick, dein Lächeln, deine Grübchen. In deine Stimme, in alles."

Mateo spürte, dass sein Herz zu rasen und stolpern begann mit jedem weiteren Wort. Paul hatte sich zuvor zwar immer schon die eine oder andere Geste erlaubt, aber dass er nun mit einem Mal derartig forsch beginnen würde, von Liebe und von Küssen zu reden, hätte er sich nie träumen lassen.

Allerdings hätte er sich auch nicht träumen lassen, dass er überhaupt mit einem so dermaßen attraktiven und selbstsicheren Mann, der sehr offensichtlich schon einiges an Erfahrungen hatte, zusammen auch nur Tee trinken würde. Hilflos öffnete und schloss er seinen Mund einige Male, während er beobachtete, wie Paul einige Haarsträhnen ins Gesicht fielen, als er sich über seine zitternden Finger beugte, um sie zu küssen.

"Mateo...?" Paul war sich so sicher, wie man sich nur sein konnte, dass der andere Mann auch für ihn empfand. Dennoch fühlte er sich unsicher, dass er das Falsche tun könnte, ihn zu sehr erschrecken. Er ließ seine Hand vom Hals in den Nacken wandern und zog ihn ganz leicht ein wenig auf sich zu, darauf bedacht, jede noch so leise Regung von Mateo erspüren, erahnen zu können, um ihn nicht vollkommen mit etwas zu überrumpeln, das er nicht mögen würde.

Mateo ließ sich von der Hand lenken, seine Lider senkten sich leicht über die Augen. Wenn er einen Willen gehabt hatte, dann musste er ihn sicherlich vergessen haben, zu Paul in die Wohnung mitzunehmen, denn alles was er wollte in dem Augenblick, war verwischt von den Gefühlen, die ihn überforderten. Das einzige, was Mateo sicher wusste, war, dass er dabei war, gegen Paul zu kippen. Ängstlich hob er eine Hand und legte sie auf Pauls Oberarm, um sich abzustützen.

Paul hielt inne, nur wenige Handbreit von den verlockenden, schmalen Lippen entfernt. Er hatte nicht gewusst, dass er angesichts einer solchen Versuchung überhaupt in der Lage sein würde, noch klar genug zu denken, um seinen Sehnsüchten nicht nachzugeben. "Mateo... darf ich dich küssen?"

Mateo zuckte zusammen und zog seine Hand zurück. Seine Sinne schrieen erschrocken auf, weil er sich geirrt haben musste. Unfähig zu denken und vollkommen unfähig etwas zu sagen, drängte er sich rückwärts von Paul weg. Wie ein Tier, dem die Scheuklappen abgenommen worden waren, versuchte er, in die verschiedenen Richtungen zu entkommen, die sich ihm mit einem Mal zu bieten schienen. Er fiel fast von der Couch herunter, als Pauls Finger seinen Nacken durch seine ruckartige Bewegung losließen und er unerwartet schnell und leicht wieder befreit war.

Paul zuckte zurück und hatte für einem Moment das Gefühl, sich grausam geirrt zu haben. /Das kann nicht sein! Es war zu eindeutig. Verdammt noch mal, kann ich bei dem Mann nie etwas richtig machen? Muss ich mich von einem Fettnapf in den nächsten setzen? Zu schnell, zu langsam, das Falsche.../ Rasch griff er nach Mateos Hand und hielt ihn fest. "Ist der Gedanke so schlimm, dass ich dich küssen will? Ist er so schlimm, dass ich dich begehrenswert finde? Dass ich mich in dich verliebt habe?"

Mateo schüttelte den Kopf, nach einer Weile, die er seine Panik, bei dem Gedanken, dass er Paul missverstanden haben könnte, niedergekämpft hatte, schaffte er es schwach zu fragen "Warum hast du es nicht einfach gemacht?" Er fühlte sich dumm. Sicherlich war er zu schreckhaft, zu misstrauisch und absolut zu unerfahren. Vielleicht sah dieser herrliche Mann es jetzt auch gerade ein. /Wie kann man nur in meinem Alter noch derart schüchtern sein, verdammt!/ "Tut mir leid."

Paul seufzte, dann musste er lachen. "Weil ich auf keinen Fall etwas falsch machen wollte und derart darauf geachtet habe, dass du mir vielleicht ein Zeichen geben könntest, dass du nicht geküsst werden willst, dass ich es schließlich gefunden habe." Erleichterung rieselte durch ihn hindurch. Er schob jede übertriebene Vorsicht beiseite, jedes Achten auf nicht vorhandene Hinweise und zog Mateo in seine Arme, um das zu tun, was er sich selber gerade eben versagt hatte. Seine Lippen fanden Mateos Mund, um ihn zu liebkosen, zu streicheln. Es war ein Traum, weich, warm und wohlig, der seine Seele zum Singen brachte.

Unsicher schloss Mateo seine Augen und ließ sich einige Momente lang vereinnahmen. Ihm ging jedoch zum Einen auf, dass Paul ganz offensichtlich keinen kurzen Kuss meinte, sondern sich Zeit zu lassen gedachte, und zum Anderen, wie gern er es hatte, geküsst zu werden. Die verschiedenen Berührungen an seinen Lippen, an seiner Schulter und seinem Nacken, wo Pauls Finger ihn nun nicht nur hielten, sondern auch noch sanft streichelten, ließ er nicht nur zu, sondern begann, den Kuss zu erwidern und sich enger anzuschmiegen. Erneut hob er eine Hand an die Schulter von Paul, tastete sich daran entlang, während seine Anspannung langsam wich.

Das Necken und Streicheln auf seinen Lippen, der Geschmack des anderen, ein wenig kühl und frisch, aber ebenfalls nach dem exotischen Tee, waren so ganz andere Erfahrungen, als er gedacht hatte. Er wusste zwar nicht, ob er Paul nun damit erschrecken würde, aber konnte es ohnehin nicht verhindern, dass er seufzend den Mund öffnete, als dessen Zunge ihm sachte und wie fragend über die Unterlippe strich.

Paul gab einen leisen Laut von sich, als er mehr angeboten bekam, als er gehofft hatte. Vorsichtig tastend ließ er seine Zunge in Mateos Mund gleiten, spürte ihn, schmeckte ihn. Er hatte das Gefühl, nicht genug bekommen zu können von dem herrlichen Geschmack, von dem, was Mateo ihm so bereitwillig gab, davon, ihn zu liebkosen und zu streicheln.

Doch schließlich löste er sich doch von ihm, etwas außer Atem, aber glücklicher als seit Ewigkeiten. Sacht küsste er seine Lippen, dann noch einmal und noch einmal, ehe er wirklich von ihm ließ. "Das ist noch viel schöner als im Traum", sagte er leise und rieb seine Nasenspitze gegen Mateos, während er einfach nicht aufhören konnte zu lächeln.

Mateo lächelte ebenfalls und nahm seine Brille ab, die ihn störte. Genau wie Flaco rieb er seine Wange leicht an Pauls entlang, um sein Gesicht an dessen Hals verstecken zu können. "Das ist kein Traum, richtig?"

Paul schloss ihn fest in die Arme, drückte ihn an sich und berührte mit den Lippen sacht sein Ohr. "Nein, und wenn doch, dann werde ich einfach nicht mehr aufwachen." Es war das pure Glück, Mateo halten zu dürfen, zärtlich seinen Rücken zu streicheln, den warmen Atem an seiner Haut zu spüren und die noch immer fast zaghafte Umarmung. In dem Moment hatte er die unsinnige, aber sehr angenehme Vorstellung, dass er ihn nie mehr loslassen würde, dass sie für alle Ewigkeiten genau so sitzen bleiben konnten.

Eine ganze Weile genoss Mateo es, einfach nur dazusitzen und nicht allein zu sein. Er fühlte sich sonst stets gerade, wenn er mit anderen zusammen war, allein, besonders bei Paul war es so gewesen. Das Gefühl schien es nicht mehr zu geben in ihm. Nach und nach wurde ihm die ungewohnte Nähe doch wieder zuviel, und mit zaghaftem Rangeln und Wegbiegen machte er sich frei, um Pauls Gesicht zu betrachten.

Da seine Brille noch in seiner Hand und nicht vor den Augen war, bot sich ihm ein unscharfes Bild, ein schlankes, gebräuntes Gesicht, in das einige Haarsträhnen fielen. Er konnte erkennen, dass Paul ihn anlächelte und erwiderte das Lächeln leicht. "Ich bin so was nicht gewohnt, weil ich noch nie..." /Ja, Dennis zählt nicht, oder doch? Sonst hat mich noch nie zuvor jemand geküsst./ Er ließ den Satz unvollendet und lehnte sich seufzend an die Sofalehne an. Vorsichtig legte er seine Hand erneut auf die von Paul auf dessen Knie und spielte unbewusst mit dessen Fingern, während er versuchte, die geeigneten Worte zu finden, um die Stille zu überbrücken.

Paul genoss die vorsichtige Nähe, die Mateo ihm gab, die Berührungen, die nicht mehr von der Frage geprägt waren, ob er es durfte, auch wenn er vermutete, dass sie wiederkommen würde. Doch für den Moment war er nahezu wunschlos glücklich. "Wir müssen nichts überstürzen, nicht? Wenn ich dir die Luft zum Atmen nehme, sag das einfach." Zart strich er ihm über den Nasenrücken, über die Lippen und zog die Hand dann wieder zurück, gab sich dafür um so lieber dem sanften, scheuen Fingerspiel hin.

Mateo lächelte und nickte leicht, nach und nach entspannte er sich, und schließlich konnte er es sogar über sich bringen, Paul zu erzählen, dass er wirklich noch nie zuvor jemanden geküsst hatte. Er konnte ihm von seiner Unsicherheit erzählen, als ihm aufgefallen war, dass er sich nicht nur nicht für Frauen, sondern sehr offensichtlich tatsächlich für Männer interessierte. Während er dies sagte, fiel ihm auf, dass er schon darunter gelitten hatte, dass er nie etwas wagte, nie ausging, unter Leute und sich damit schon fast jede Chance verbaut hatte, einen Menschen kennen zu lernen.

"Das war sicherlich dumm von mir, aber jetzt bin ich irgendwie froh, dass es so gekommen ist, Paul." Unsicher sah Mateo in das Gesicht seines Freundes. /Was heißt das denn jetzt zwischen uns? Sind wir jetzt... zusammen? Wie findet man das denn heraus? Ich wünschte wirklich, ich wäre nicht so schüchtern und unerfahren./

Paul beugte sich vor und gab ihm einen regelrecht keuschen Kuss auf den Mund. Er konnte Mateo die Gedanken geradezu an der Nasenspitze ablesen, die durch dessen hübschen Kopf huschten. "Nur ein bisschen dumm, denn deswegen habe ich dich jetzt für mich. Wenn du nicht wärst, wie du bist, hättest du bei deinen atemberaubenden Augen schon an jedem Finger zehn Männer, und ich könnte dir nur hilflos hinterher schmachten, ohne auch nur eine Chance darauf, dass du mich ansiehst."

Verschämt lächelnd wandte Mateo sich ein wenig ab, versuchte jedoch gar nicht erst, dem Mann neben sich zu widersprechen. /Wenn er so weiter macht, beginne ich bald noch zu glauben, dass ich wirklich begehrenswert bin./ Statt dies zu sagen, schmiegte Mateo sich jedoch lieber enger an Pauls Brust heran und hörte seinen Erzählungen über die interessantesten geschichtlichen Kleinigkeiten aus der Stadt zu.

Es war schon spät, als Mateo aufstöhnend den Kopf hochriss. "Flaco! Ich muss den armen Kerl füttern! Wie konnte ich ihn nur vergessen!" Er stand mit steifen Gliedern von der Couch auf, auch wenn Paul ihn gerade ganz besonders richtig über den Nacken gestreichelt hatte. Gähnend sammelte Mateo seine Tasche und die Papiere auf und entschuldigte sich leise, bevor er zur Tür wankte, um zu seiner Wohnung hinüber zu huschen.

Paul umarmte und küsste ihn ein letztes Mal, ehe er ihn mit einem leisen, zärtlichen "Gute Nacht und süße Träume" endlich gehen ließ. Lange musste Mateo jedoch nicht allein bleiben. Kaum hatte sich Pauls Tür geschlossen und er seine eigene geöffnet, kam ihm schon ein kuschelsüchtiger und sich über den Mangel an Aufmerksamkeit bitterlich beklagender Kater entgegen, der so jämmerlich maunzte, als hätte er den ganzen Abend über Angst gehabt, dass Mateo wieder für eine Woche verschwinden würde.

Ursprünglich hatte Mateo am Abend bei den Nachrichten ein wenig essen wollen, dann mit Flaco schnurrend auf dem Schoß in den Aufzeichnungen des Mannes lesen, um endlich früh schlafen zu gehen. Nun war es schon nach Mitternacht, und er lag mit offenen Augen im Bett und konnte einfach nicht einschlafen, zudem konnte er nicht mit dem Lächeln aufhören. Der Kater hatte sich zum Teil unter der Decke auf seiner Brust drapiert und presste ihm die Pfoten gegen die Schulter, wenn Mateo aufhörte, ihn zu streicheln.

Mateo hatte dem Katerchen, schon bevor er in Paris war, stets von den Neuigkeiten in seinem Leben berichtet, zumeist von Fortschritten in der Arbeit. An diesem Abend berichtete er ihm von Paul und von dessen Geschmack, von dessen schönen Händen, die tatsächlich so geschickt und zärtlich waren, wie sie aussahen, von seiner Stimme, die noch herrlicher klang, wenn Mateo das Gesicht an seine Brust gelehnt hatte und von dem Kribbeln, das sich in Mateos Bauch niederließ, wenn Paul ihn auch nur ansah.

Flaco lauschte ihm wie immer mit halbgeschlossenen Augen und nur ab und zu zuckenden Ohren. Als Mateo sich jedoch auf die Seite drehte, um endlich zu schlafen, lief der Kater nicht wie sonst zu seinem Fußende oder hinter das Kissen, wo schon seine Ecke war, sondern schmiegte sich dichter an Mateos Hals heran und leckte ihm einmal schnell über die Nase.

"Hey... was war das denn, Flaco? Ein Katzenkuss? Sag nicht, dass du auch auf Kerle stehst." Mateo lachte und vergrub sein Gesicht im Fell seines Katerchens. "Das dürfen wir Paul aber nicht wissen lassen, ich hab so ein Gefühl, als ob er sogar auf dich eifersüchtig sein könnte."

 

Es war nicht wirklich einfach gewesen, aber auch kein Hexenwerk. Dennis hatte einige Anrufe getätigt, viele davon in seiner Arbeitszeit und auf Kosten der Bibliothek, hatte sich mal als Mitarbeiter eines Museums, mal wirklich als der einer Bibliothek, mal als Assistenzarzt und mal als besorgter Neffe ausgegeben, je nachdem, wer am anderen Ende der Leitung war. Es hatte sich gelohnt. Zufrieden sah er auf den kleinen Zettel hinab, der letztendlich im Vergleich zu der Arbeitszeit, die er dafür investiert hatte, ziemlich mickrig wirkte.

Dennis grinste und band sich die blonden, schulterlangen Haare erneut im Nacken zusammen, ehe er sich gutgelaunt die Notiz schnappte und das Büro des Chefs verließ, von dem aus er telefoniert hatte. Mal abgesehen davon, dass er sich über seinen Erfolg freute und dass es sie auf der Suche nach den Steinen weiterbringen würde, hoffte er auch, dass es Mateos Aufmerksamkeit wieder etwas auf ihn lenken würde. Sie hatten die letzten zwei Tage kaum Zeit gehabt, um miteinander mehr als nur ein paar Worte zu wechseln, die nicht mit der Arbeit zu tun hatten; doch jetzt war das Pensum aufgearbeitet, das sich über die Woche in Paris hin angesammelt hatte, und trotzdem war Mateo ziemlich abwesend.

Es war nicht so, dass Dennis sich über mangelndes Interesse beklagen konnte, aber die längste Zeit des Tages von Mateo nicht beachtet zu werden, weil dieser in anderen Sphären zu schweben schien, war schwer. Besonders, wenn man ständig diese verträumten, tiefen Augen und den verlockenden Mund des anderen vor sich hatte und doch genau wusste, dass sie verboten waren.

Er grüßte einen Professor und machte eine möglichst beschäftigte Miene, um nicht von ihm angehalten zu werden, warf einen wichtigen Blick auf seinen Zettel und verschwand dann auf der Suche nach Mateo in den Tiefen der von Regalen gebildeten Gänge. In einer der hintersten Winkel der Bibliothek wurde er schließlich fündig.

Mateo stand auf einer Leiter, um die obersten Bücher zu erreichen, hatte die Zungenspitze zwischen die Lippen geklemmt und erinnerte Dennis damit unvermittelt daran, wie er schmeckte. Für einen Moment hielt er inne, betrachtete still den anderen Mann, dachte an das Gefühl, wie es war, ihn im Arm zu halten und sehnte sich danach, es exakt jetzt wieder tun zu dürfen. Lautlos seufzte er und verschob den angenehmen Gedanken, um sich still auf das Aufleuchten zu freuen, das er gleich in Mateos ausdrucksstarken Augen würde bewundern dürfen.

"He, Mat!" Er lehnte sich gegen das Regal und grinste nach oben. "Rate mal, was ich hier habe."

Mateo schrak zusammen und hielt sich gerade eben noch fest. Es gab zwar Leitern, aber um an die obersten Regalböden zu gelangen, musste er sich dennoch stets auf die Zehenspitzen bemühen. Ächzend krallte er sich an die Stiege und wartete, bis sein Herzschlag sich wieder beruhigt hatte, dann blickte er zu seinem Studenten runter. "Dennis, du hast mich gerade um zehn Jahre altern lassen."

Er kletterte, nachdem er das letzte Buch zurückgestellt hatte, zu ihm hinunter und lugte noch auf der dritten Stufen der Leiter stehend auf den Zettel. "Endlich bin ich mal so groß wie du. Wie kann ich dir helfen?"

Dennis drehte den Zettel triumphierend um. "Ich hätte dich schon aufgefangen, keine Sorge. Aber die Frage ist nicht, wie du mir helfen kannst, sondern was ich hier habe." Wenn möglich wurde sein Grinsen noch breiter, als er ihm die Adresse reichte. "Das", sagte er mit einer kleinen Pause, um Mateo Zeit zu lassen, die wenigen Zeilen kurz zu überfliegen, "ist der Aufenthaltsort des vierten Steines. Na, was sagst du nun?"

Mateos Augen wurden groß, als er die Adresse aus Dennis Hand entgegen nahm. "Wow. Du bist ja wirklich gut! Danke, Dennis!" Er sprang die letzten Stufen der Leiter hinunter. "Jetzt müssen wir nur noch fragen, ob es dem Mann recht wäre, wenn wir ihn am Wochenende besuchen fahren." In dem Moment fiel ihm Paul ein, und er runzelte die Stirn.

/Ob ich ihn vielleicht fragen sollte, ob er mit dahin will?/ Unsicher warf er einen Blick auf den Studenten. /Andererseits hat Dennis die Adresse herausgefunden, und ich würde an seiner Stelle auch mitkommen wollen. Ob die beiden sich vertragen würden?/

Dennis lachte. "Er weiß noch nichts von seinem Glück. Ich habe seine Adresse bekommen, aber ich dachte mir, es macht mehr Eindruck, wenn du da anrufst. Und die Chance, dass ihm dein Name etwas sagt, wegen Juanita vielleicht, ist wesentlich größer, als dass er einen kleinen Studenten namens Dennis kennt." Dann hob er die Brauen, als er Mateos Blick bemerkte. "Hm? Stimmt was nicht?"

Mateo lehnte sich gegen die Leiter und seufzte. "Wir haben noch nicht wieder darüber geredet, aber würde es dir etwas ausmachen, wenn Paul mitkäme an dem Wochenende?"

"Paul? Du willst Paul... statt mir mitnehmen?" Dennis starrte ihn einen Moment an. Dann kam er abrupt näher, nah genug, um zu bemerken, wie gut Mateo roch, und grinste, als er sich ebenfalls an der Leiter abstützte. "Das heißt, du und er...?"

"Nicht anstelle von, sondern auch." Mateo wurde rot, der intensive Blick in sein Gesicht machte ihn nervös. Er kletterte mit zwei neuen Büchern bewaffnet wieder auf die Leiter. "Oder wäre dir das nicht recht?" Er stockte und kehrte wieder zurück. "Ehm, oder ist es ihm nicht recht? Ich meine, würde er denken, dass ich nicht mit ihm zusammensein mag, wenn du dabei bist?"

Dennis lachte leise, er konnte nicht anders. "Oh Himmel, Mat! Wie kann ein Mann nur so... so süß sein wie du? Aber weißt du, wenn du mit ihm zusammen bist, dann werde ich mit Sicherheit nicht mitkommen. Ich glaube nicht, dass ich das überlebe, ein ganzes Wochenende mit zwei frisch verliebten Turteltäubchen." Er seufzte fast unhörbar. "Und zudem, Paul hat sich ja um deinen Kater gekümmert, als du mit mir in Paris warst. Wer sollte denn jetzt für den kleinen Racker sorgen, wenn er mitkommt? Du brauchst bestimmt jemanden, der auf ihn aufpasst, oder?"

"Oh, das stimmt. Daran hab ich noch gar nicht gedacht. Flaco wird sonst sicherlich mehr als nur sauer sein." /Turteltäubchen. Das sind wir gar nicht... na ja... neulich, da... aber da waren wir allein. Oh nein, hoffentlich ist Paul nicht auch so, wenn wir unter anderen Leuten sind, ich glaube, ich würde sterben, oder zumindest rot werden, fast genauso schlimm./

"Also, wenn du ihn mir anvertrauen willst, verspreche ich dir, dass ich mich gut um dein Katerchen kümmern werde." Dennis strich sich eine blonde Strähne, die sich schon wieder aus dem Zopf gelöst hatte, hinter ein Ohr zurück und sah zu dem so verlegen wirkenden Mateo empor, der mit seinen roten Wangen noch viel niedlicher aussah. "Vorausgesetzt, du berichtest mir haarklein, was der Mann erzählt hat."

"Das versteht sich doch. In deine WG kann ich Flaco nicht bringen, oder? Dann würde ich dir morgen einen Zweitschlüssel mitbringen, oder hast du Zeit, nach der Arbeit noch mit zu mir zu kommen? Dann zeige ich dir alles."

"Oh, das wäre schwierig mit der WG. Kathy hat Tierhaarallergie", erklärte Dennis, zögerte einen Moment, als er daran dachte, dass er eigentlich andere Pläne gehabt hatte, und zuckte dann mit den Schultern. "Aber heute Abend geht klar. Mein Freund ist mit ein paar Kumpels unterwegs und hat ohnehin keine Zeit. Und ansonsten habe ich nichts vor. Aber jetzt sollte ich mich an die Arbeit machen, sonst lässt mich der Chef nie wieder ans Telefon."

An diesem Abend verließen auch Mateo und Dennis pünktlich zu Dienstschluss die Bibliothek. Sie verabschiedeten sich vom Chef, der vermutlich nicht dachte, dass Dennis nur einen Wohnungsschlüssel abholen wollte, als sie gemeinsam zur Bushaltestelle liefen.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh