Torhüter

11.

Unterwegs ließ sich Dennis erzählen, was Flaco am Liebsten fraß, wann er Futter bekam, dass er grundsätzlich auf den Balkon heraus durfte und wiederholte es brav, als Mateo ihn fragte, ob er sich alles behalten hatte. Als sie den Altbau erreichten, in dem Mateo wohnte, seufzte er leise auf. "Kein Aufzug. Oh Mann, und ich dachte, ich würde ein wenig Luxus bekommen, wenigstens außerhalb meiner WG." Dann grinste er. "Aber nun ja, hat den Vorteil, dass ich mir bei jedem Einkauf all das, was ich später esse, gleich beim Hochtragen abtrainiere."

Mateo lachte. "Ja, das denke ich mir auch jedes Mal. Hm. Paul ist noch nicht daheim, in seiner Wohnung brennt kein Licht. Aber er ist oft erst am späteren Abend Zuhause." Als er seine Wohnungstür aufschloss, fehlte das schwarze Bündel jedoch, das ihn sonst nicht selten zum Stolpern brachte. "Hm, er ist noch unterwegs. Tut mir leid, Dennis. Ich kann ihn ja mal rufen, aber meistens ist er irgendwo auf den Dächern und schaut rein, wenn ihm danach ist." Unschlüssig sah Mateo sich in der Wohnung um, dann setzte er jedoch einen Tee auf und zeigte Dennis die Küche und den Schrank, in dem die Katzensachen aufbewahrt wurden.

Schließlich erklärte er mit einem wagen Handzeichen in Richtung des Arbeitszimmers "Ich sitze immer dort im Sessel und kämpfe mich durch diese handschriftlichen Notizen vom Kollegen meiner Mutter. Ich habe einige eher mystische Äußerungen gefunden. Paul konnte auch nicht so recht glauben, dass es wörtlich gemeint ist."

"Und ob das wörtlich gemeint ist." Dennis grinste. "Wenn wir die Teile zusammengesetzt haben, wird an exakt dieser Stelle eine Tor in eine andere Welt entstehen und der Tag des Jüngsten Gerichts bricht an." Er lachte und knuffte Mateo in die Seite. "Die Andeutungen werden sich auf alte Mythen beziehen. Mat, davon gibt es schließlich Hunderte. Wenn jede davon wahr wäre, wäre hier die Hölle los."

Während sie gemeinsam Tee tranken, suchten sie einige Geschichten heraus, die unter Umständen mit den Steinen zu tun haben könnten, legten diese zusammen und versuchten, die Form der fehlenden Teile zu erraten. Dennis zerbrach sich ein weiteres Mal den Kopf, wo er darüber schon mal etwas gelesen hatte und kam genauso wie die Zeit davor wieder zu keinem Ergebnis.

Schließlich seufzte er und stand auf nach einem Blick auf die Uhr auf. "Ich muss langsam nach Hause. Schade, dass ich weder den Superkater noch den Supermann zu Gesicht bekommen habe. Aber wenn ich länger bleibe, fahren die Busse nur noch alle Jubeljahre, und ich habe dann zu Hause zudem einen äußerst misslaunigen Mann, der mich fragt, wo ich gewesen bin."

"Danke, dass du dich um Flaco kümmern wirst, Dennis. Und Danke für den Besuch bei mir." Mateo beobachtete, wie Dennis die Treppen hinuntersprang, als ihm auffiel, dass Licht im Flur gegenüber brannte. /Paul ist schon da, wie schön. Dann kann ich ihn gleich... Oh, kann ich ihn wirklich einladen? Ist das nicht ein wenig voreilig? Dennis... Mist, schon weg./ Unsicher sah er wieder zur Tür rüber und beschloss, sich eine Gnadenfrist zu gewähren, indem er das Arbeitszimmer wieder in Ordnung brachte, in dem er und Dennis nun sämtliche Aufzeichnungen auf dem Fußboden verteilt hatten.

Während er noch am Aufräumen war, kam Flaco mit einem Schwall kalter Luft durch die Balkontür ins Wohnzimmer getapst, schritt rücksichtslos über einige Aufzeichnungen und fand dann offensichtlich Spaß an dem Knistern der Papiere. Er lief ein paar Mal über die Blätter, ehe er zu Mateo kam, um seinen Kopf an ihm zu reiben und leise zu schnurren.

"Na, mein Streuner?" Mateo schob sein Gesicht einmal schnell gegen das etwas feuchte Fell und genoss den Geruch nach frischer Luft, den sein Kater mit zu ihm brachte. "Dein Futter steht schon in der Küche, caro. Ich gehe gleich rüber zu Paul, sei nicht sauer, wenn ich später erst wieder bei dir bin."

Mit ein wenig schlechtem Gewissen verließ Mateo seinen Kater, der sich ausgehungert in die Küche stürzte, sobald er ihn losließ. Er ging erst einmal ins Bad und kämmte seine Haare zurecht, blinzelte sich durch die Brillengläser ein wenig zu und sprühte sich dann noch von seinem Parfum einen Hauch über, auch wenn er über dieses Verhalten beschämt grinsen musste. Hastig ging er dann jedoch mit der Adresse des Mannes zu Pauls Tür hinüber und klopfte vorsichtig an.

Paul öffnete ihm nur Augenblicke später. Seine Haare waren nass; den Bademantel hatte er nur lose gebunden, doch sein strahlendes Lächeln zeigte, dass er über die Störung alles andere als unglücklich war. Er schaute rasch über Mateos Schulter, ob auch niemand im Hausflur war, dann zog er seinen Geliebten in die Arme und küsste ihn. "Hallo Schatz. Schön, dass du vorbei kommst. Wenigstens ein Lichtblick an diesem Tag."

Mateo seufzte unglücklich. "Ich störe, oder? Tut mir leid." Seine Entschuldigung wurde wie auch sonst mit einem noch energischeren Kuss erstickt, der Mateos Gehirn ausschaltete, so dass er einen Moment lang verwirrt war, als er zu sich kam, weil Paul ihn losließ und sie bereits im Wohnzimmer standen. Benommen lehnte Mateo sich gegen seinen Freund und atmete durch. /Hört es nie auf, so zu sein? Wird er mich immer so dermaßen umwerfen?/ Glücklich hob er eine Hand, um Paul zu umarmen und fand nackte Haut unter seinen Finger. Erschrocken wurde Mateo wacher. "Oh, du solltest dich vielleicht erst einmal anziehen, nicht?"

Paul lachte. "Störe ich dich, wenn ich im Bademantel bin?" Er hatte keine Lust, sich von Mateo zu trennen und sich auch nur einen Schritt von ihm fortzubewegen, doch der kühle Boden unter den Füßen erinnerte ihn daran, dass es später Herbst war. Rasch küsste er seinen Freund noch einmal, dann ließ er ihn los. "Nun gut, du hast recht. Die Jahreszeit ist nicht für Bademäntel gemacht. Ich bin gleich wieder bei dir, Liebling."

Er hastete ins Bad zurück, um sich in Rekordzeit einen warmen Trainingsanzug und dicke Socken anzuziehen und so schnell wie möglich zu Mateo zurückzukehren. Er nahm ihn mit in die Küche, um den fast schon rituellen Tee zu kochen, weil er seinen Schatz nicht länger als unbedingt nötig vermissen wollte.

Nur wenig später kuschelten sie sich auf der Couch aneinander, Paul streichelte sacht über Mateos Oberarme und seinen Nacken und genoss das viel zu lange vermisste Gefühl. "Und wie war dein Tag? Ich hoffe, schöner als meiner. Ich hatte eigentlich überlegt, ob ich dich von der Arbeit abhole, aber daraus wurde dann ja nichts." Er drückte ihm einen weichen Kuss auf die Schläfe. "Hm, da sollte ich dich sowieso erst einmal fragen, ob dich das stören würde, wenn ich einfach bei dir in der Bibliothek auftauche, nicht?"

Mateo schüttelte den Kopf und stellte seinen Teebecher ab, um nach dem Zettel zu kramen, der in seiner Hosentasche verschwunden war. "Nein, nein, das würde mich nicht stören. Dann könnte ich dir ja mal Dennis vorstellen. Der Student. Du wirst ihn gleich auch sehr gern haben, denn... Rate mal was?" Stolz und voller Vorfreude hielt er Paul die Adresse hin.

Paul warf einen Blick darauf, dann sah er Mateo an. Ein Grinsen huschte über sein Gesicht. "Nein, oder? Ist das der Ort, wo einer der Steine steckt? Habt ihr den wirklich schon ausfindig gemacht? Das ist ja klasse!" Er betrachtete die Adresse erneut. "Und wenn ich Dennis dafür gern haben muss, dann hat er sie heraus bekommen? Weißt du schon, wann du da hingehst?" Für einen Moment stockte er. "Oder wann ihr da hingeht...?"

Mateo schüttelte erneut den Kopf. "Ich wollte den Mann morgen anrufen." Er senkte den Blick auf seine Finger, die mit den Hemdknöpfen spielten. "Ich... dachte, dass ich vielleicht am Wochenende hinfahren würde. Vielleicht, um dort dann zu übernachten, es sind fünf Stunden Fahrt." Er zögerte und spürte, dass er rot wurde "Hättest du vielleicht Lust, ich meine, wenn du nichts anderes vorhast, mitzukommen?"

Mit roten Wangen sah sein Schatz noch unendlich anziehender aus, dessen wurde Paul sich in dem Moment erneut bewusst. Er vergrub seine Hand in Mateos Haar und zog ihn in einen weiteren, langen Kuss, ehe er antwortete. "Mmh, wer kann dir schon wiederstehen... ich mit Sicherheit nicht. Natürlich will ich mitkommen. Auf jeden Fall." Er lächelte ihn an. "Danke, dass du an mich gedacht hast. Hm, aber geht das mit Dennis okay? Ich meine, wenn ich mitgehe und nicht er?"

/Er will nicht!/ Panik machte sich in Mateo breit, während er seine Finger verwand und leise einwandte "Er wollte Flaco füttern."

Paul blickte an ihm hinunter und legte eine Hand auf Mateos, um sie festzuhalten. Überrascht stellte er fest, dass sie kühler waren als seine, als sei sein Schatz nervös. /Oh je, vielleicht hat er Angst, etwas falsch zu machen? Immerhin ist das seine erste Beziehung. Du musst Geduld haben, Paul./ Doch der Gedanke bereitete ihm ein wenig Unwohlsein. /Die erste... ob es dann auch gleich eine längere sein wird? Das, was mir vorschwebt? Hör auf, um über so etwas zu grübeln, ist es jetzt ja nun wirklich noch zu früh, oder?/

Ohne sich seine Sorgen anmerken zu lassen, lächelte er. "Na, dann ist ja alles bestens, wenn selbst das schon geklärt ist. Dann haben wir ein ganzes Wochenende nur für uns." Das, was damit verbunden sein konnte, brachte ein Glitzern in seine Augen und ließ eine wahre Wolke an Schmetterlingen in seinem Bauch explodieren. /Mach dir da mal nur keine falschen Hoffnungen... Er ist viel zu schüchtern für so etwas nach so kurzer Zeit/, hielt er entgegen, was nicht wirklich viel half.

Mateo freute sich ebenso und drückte Pauls Hand einmal, bevor er sich doch zu ihm umdrehte, um ihn einmal auf die Wange zu küssen. /Nächstes Mal traust du dich auch, ihn auf den Mund zu küssen, Mateo./

Der restliche Abend, bis Mateo einmal mehr zu spät zu seiner Wohnung hinüberhuschte, um müde, aber glücklich in sein Bett zu fallen, verging wie im Flug. Ebenso verging die Woche recht schnell. Der Mann, den sie besuchen wollten, freute sich sogar und empfahl ihnen ein kleines Hotel, das in der Nähe seines Hauses lag und versprach, sich noch einmal in seine Aufzeichnungen zu der Expedition zu vertiefen, um zu sehen, ob er nicht vielleicht den Aufenthaltsort der anderen zwei Teile bestimmen konnte.

Aufgeregt wiederholte Mateo all die Hinweise zu den Dingen, die sein Kater mochte und nicht mochte, als er mit Dennis am Freitag zusammen zur Bushaltestelle ging. Dort trennte sich ihr Weg stets, der Student wohnte auf der entgegengesetzten Seite der Stadt, wohin er die Bahn nehmen musste und Mateo ging das letzte Stück meistens zu Fuß.

Er hatte seine Tasche schon fast zuende gepackt und würde nun nur noch die Zahnbürste, einige Schriftstücke und die Steine einpacken, sowie sicherlich seinen kleinen schwarzen Teufel auspacken müssen, bevor er mit Paul zu dem Gasthaus fahren würde. Paul hatte die Zimmer gebucht, darüber musste Mateo sich keine Gedanken machen. Nur den alten Rover, den er und sein Vater nur selten benutzten, musste er noch einmal an der Tankstelle auf Öl und Reifendruck nachsehen lassen.

Er rannte die Treppen fast schon hinauf und packte eilig zusammen, küsste seinen maunzenden Kater einige Male und drückte ihn und vergaß fast seine Zahnbürste. "Ich bin zu aufgeregt, das bin ich nur, weil ich mit ihm zusammen wegfahre. Ich meine, mit Dennis war es ja auch eine gemeinsame Fahrt, wir mussten uns ja sogar das Zimmer teilen, aber irgendwie ist es mit Paul doch was ganz anderes."

Nachdenklich tauschte Mateo den gestreiften Schlafanzug gegen den roten aus und ertappte sich selbst bei dem Gedanken an Pauls lange, schlanke Beine und dessen festen, trainierten Körper.

Nach einigen Versuchen sich zusammenzureißen, lief Mateo mit seiner Tasche zu Paul hinüber und klingelte. "Ich bin fertig!"

Paul kam mit seinem Koffer aus der Wohnung, küsste Mateo zur Begrüßung und schloss erst danach hinter sich ab. "Ich auch. Na, dann kann es ja losgehen." Er nahm die Hand seines Geliebten in seine, als sie nach unten zu dem alten Wagen liefen, ließ ihn jedoch wieder los, ehe sie aus dem Haus traten, auch wenn er das bedauerte.

Die Taschen wurden in den Kofferraum geladen, und Paul faltete seine langen Beine auf dem Beifahrersitz zusammen. Er hatte einige ältere Kassetten eingepackt, nachdem er erfahren hatte, dass es keinen CD-Player gab, und erklärte sich für die Dauer der Fahrt zum DJ. "Natürlich bin ich immer für Wünsche offen", erklärte er Mateo mit einem Zwinkern. "Aber das Gerät ist mir wesentlich sympathischer als meine eigene Anlage. Vielleicht, weil es nahezu mein Geburtsjahr hat."

Die Fahrt wurde ihnen nicht lang. Es schien tausend Dinge zu geben, die sie sich erzählen oder die ausdiskutiert werden mussten. Und selbst das Schweigen zwischen ihnen empfand Paul nicht als unangenehm. Ab und an legte er seine Hand auf Mateos oder streichelte sein Knie, genoss es, wenn die Wangen des anderen sich leicht röteten oder die Grübchen, wenn er lachte. Er wusste nicht, was ihn hätte glücklicher machen können als die Aussicht auf ein ganzes Wochenende mit diesem atemberaubenden Mann.

Dennoch waren sie beide froh, als nach fünf Stunden endlich der Ort in Sicht kam. Mateo lenkte den Rover vorsichtig durch die schmalen Straßen bis hin zu dem Gasthof und parkte direkt vor dem Haus. Paul streckte sich dankbar, als er ausstieg. Zwar war es hier noch mal um einige Grad kälter als in London, aber er empfand die frische Luft als angenehm.

Mit ihrem Gepäck betraten sie das gemütliche, weiß gestrichene Gebäude mit den dunklen Türen und ebenso dunklen Fensterrahmen. Die ihnen entgegen kommende Wärme ließ Mateos Brille beschlagen, und Paul verhinderte nur knapp, dass sein Freund über einen Blumenkübel stolperte.

"Vorsicht, Engel", sagte er leise. "Warte hier, ich hole die Schlüssel, bis dahin hast du wieder freie Sicht."

Ein wenig verwirrt und müde blieb Mateo stehen und lauschte der leisen Unterhaltung zwischen Paul und dem Mann an der Rezeption. /Engel?/ Er lächelte leicht und sah sich in dem düsteren Eingangsbereich des Fachwerkhauses um. /Landhausromantik, was? Na, hoffentlich haben sie heißes Wasser und noch was zu essen für uns./

Ein kühler Schauer erfasste Mateo, er zog seinen Mantel fröstelnd enger um sich und trat noch einen Schritt rückwärts weiter in Richtung der Gaststube. Dabei wäre er fast in ein Pärchen hineingestolpert, die ihn jedoch freundlich lächelnd um Verzeihung baten, obwohl er doch nicht aufgepasst hatte.

Nur wenig später kam Paul mit dem Schlüssel zurück. "Okay, wir können hochgehen, unser Zimmer befindet sich im ersten Stock, Nummer Acht. Abendessen gibt es noch bis zehn, Frühstück von sieben bis elf."

Die Treppe war eng, so dass sie hintereinander hergehen mussten, wobei Paul sich an den Türschwellen stets vorsehen musste, um sich nicht den Kopf zu stoßen. Mateo beobachtete lächelnd, wie Paul es schaffte, seinen Kopf in genau dem richtigen Moment zu neigen, um durch die Tür zu gehen, ohne seinen Schritt verlangsamen zu müssen. /Werde ich mich je daran gewöhnen, dass er alles so souverän macht?/

Mateo begriff es erst so richtig, als Paul die dunkle Holztür aufsperrte und ihm den Vortritt ließ. "Oh... wir... teilen uns das Zimmer." Er tappte hinein und fand den Lichtschalter. Dämmriges, gelbliches Licht erhellte den plüschigen Raum mit dem Rosendekor und altroséfarbenem Teppich nur spärlich, aber schaffte gleichzeitig eine gemütliche Atmosphäre.

Als Mateo seine Jacke in dem Schrank mit den quietschenden Türen untergebracht hatte, entdeckte er erst das Bett. Ein Bett, nicht etwa zwei, wie in Paris, durch einen Schrank und sicheren leeren Platz getrennt. Mateo machte einige zaghafte Schritte darauf zu, während Paul im Hintergrund ins Badezimmer ging, um seine Hände zu waschen.

Es war zudem noch ein altes, wuchtiges Holzbett, mit geschnitzten Kopfteil und mit durchgehender Matratze. Probeweise setzte Mateo sich und sank zwar ein, aber auf eine angenehme Art, die ihn seufzen ließ, dann legte er seinen Schlafanzug auf die eine Seite, grübelte ein wenig, legte ihn auf die andere Seite und grübelte wieder. "Paul, auf welcher Seite schläfst du, wenn du die Wahl hast?"

"Ist mir egal. Aber wenn du dich nicht entscheiden kannst, dann nehme ich links." Paul kam aus dem Badezimmer zurück und betrachtete seinen auf dem Bett liegenden Schatz mit einem Lächeln. "Weißt du, dass du sehr verlockend aussiehst?" Er setzte sich zu ihm und beugte sich über ihn, um ihn sanft auf den Mundwinkel zu küssen. "Unwiderstehlich und atemberaubend", präzisierte er seine Aussage, während er Mateos Schultern streichelte und auf ihn hinabsah, in die weichen, braunen Augen.

Mateo versteckte ein Lächeln, indem er den Kopf schnell senkte und entgegnete "Ach, das ist nur mein 'Ich bin sehr hungrig' Blick. Wenn wir noch etwas zu Essen bekommen wollen, dann müssen wir uns beeilen, nicht?"

Paul seufzte ergeben. Wenn er etwas nicht war, dann war das hungrig. "Ja, ich fürchte ja." Widerwillig ließ er von Mateo ab und stand auf. "Du musst definitiv was in den Magen bekommen, so oft wie du mir heute schon wieder gefröstelt hast." Er grinste. "Aber ich verspreche dir, es ist nicht dein Hunger, der dich so unwiderstehlich macht. Du wirst schon sehen, das ändert sich nicht, wenn du satt bist."

Sie gingen nach unten in die kleine, behagliche Gaststube, die mit den gelben Lampen und dem dunklen Holz urig und sehr gemütlich war, genau das richtige für einen kalten Abend. Während Mateo sich durch die Speisekarte blätterte, bestellte Paul sich einen Kamillentee. Als er den Blick des anderen Mannes deswegen auffing, zuckte er entschuldigend mit den Schultern. "Wenn ich um die Uhrzeit noch etwas esse, spielt mein Magen endgültig verrückt."

Mateo drückte kurz seine Hand, aber ließ sie sofort los, als die Wirtin zu ihnen an den Tisch kam. Nach einem Teller Suppe und einem Glas Landwein ging es ihm schon erheblich besser, er fühlte sich jedoch noch immer von Zeit zu Zeit wie ausgekühlt. Außerdem sah er sich den beobachtenden Blicken der Dorfbewohner ausgesetzt, die sich nach Ablauf der Schankzeit an ihrem letzten Ale festhielten.

"Zieht es hier drinnen? Irgendwie hab ich das Gefühl, als seien meine Füße bald Eisklumpen." Er leerten sein Glas Wein und reckte sich ein wenig. "Wollen wir vielleicht doch aufs Zimmer gehen? Wir können doch sicherlich ein Glas... hm, Whiskey oder Cognac mit rauf nehmen und uns dort in Ruhe unterhalten." Er winkte der Kellnerin zu, um sich einen Cognac zu bestellen und das Essen auf ihre Rechnung setzen zu lassen.

Paul betrachtete seinen Schatz besorgt und nickte dann. Hier zog es nicht, im Gegenteil, es war sogar recht warm. Nachdem die Wirtin ihre letzte Bestellung aufgenommen hatte, verließen sie die Gaststube und kehrten in ihr Zimmer zurück.

Mateo warf einen Blick auf das Bett, dann entschloss er sich und schnappte sich den Schlafanzug, um damit rasch im Bad zu verschwinden. Dort sah er sich forschend im Spiegel an, bevor er sich langsam auszog. Den Pullover, das blaue Hemd und darunter noch das T-Shirt mit langem Arm, weil er in letzter Zeit so gefroren hatte. Zögerlich strich er sich mit der flachen Hand über den Bauch. Dick war er ja nicht, aber er stellte doch keine Konkurrenz zu dem durchtrainierten Oberkörper und sicherlich auch Bauch von Paul dar. /Ich bin so schrecklich nervös. Was kann ich nur tun? Den Alkohol trinken, ja, aber... uha, ist das kalt, erst mal anziehen./

Als er den Pyjama an hatte, war ihm schon wohler. Das Rot mochte er eigentlich nicht, auch wenn er zugab, dass es ihm gut stand. Vorsichtig um die Ecke blinzelnd ging er wieder in das Zimmer zurück, wo er seinen Drink auf dem niedrigen Tischchen zwischen den Sesseln entdeckte.

Paul hatte sich bequem hingesetzt und die Schuhe ausgezogen. Als Mateo das Bad verließ, sah er auf, nur um einen eigenartigen Glanz in die Augen zu bekommen. "Du solltest öfter Rot tragen." Er ließ nicht zu, dass Mateo sich in einen eigenen Sessel setzte. Kaum war er nah genug heran, griff er nach seiner Hand und zog ihn zu sich auf den Schoß, umfing ihn mit den Armen. Er lächelte ihn an. "So etwas Schönes und Wertvolles muss ich unbedingt dicht bei mir haben, um es nur nicht zu verlieren."

"Paul..." Mateo schlug die Augen nieder und versuchte, etwas sicherlich sehr Interessantes in den Schriften auf dem Tischchen zu entdecken. Paul ließ ihn sich immer so außergewöhnlich fühlen. Er gab ihm stets nicht den Eindruck unerfahren zu sein, sondern besonders. /Wertvoll./

Doch dann ruckelte Mateo sich in den Armen seines Freundes zurecht und lehnte sich an dessen Schulter an. "Hm... warm", murmelte er schläfrig und nippte an seinem Drink, der ihm angenehm weich die Kehle herunter rann. Er spürte Pauls Arme um sich und seine Lippen an der Stirn, an der Schläfe. Ohne ihn in den Bewegungen einzuengen, hielt Paul ihn fest und streichelte ihm gleichmäßig über die Beine.

Pauls Lippen wagten sich ein wenig weiter, tasteten über seine Wange und fanden sein Ohr, an dem er zart zu knabbern begann. "Weißt du, was mit das Beste daran ist, dass wir hier sind?", fragte er mit einem leisen Lachen in der Stimme und gab die Antwort gleich darauf selber, während seine Fingerspitzen den Rand zwischen Mateos Hose und dessen Oberteil zu erkunden begann, federleicht über die warme, glatte Haut dort streichelnd. "Hier werden dich keine Gedanken an ungefütterte Kater, keine an frühes Aufstehen wegen der Arbeit und keine klingelnden Telefone von mir wegholen."

Mateo warf einen zögerlichen Blick auf das Bett und unterdrückte ein Seufzen. Gestreichelt zu werden war wirklich schön, Pauls Fingerspitzen auf seiner Hüfte und auf dem Bauch schufen ein angenehmes Erschaudern in ihm, während Gänsehaut ihn erfasste. Es war erregend, mit ihm zusammen zu sein, aber gerade deswegen ängstigte es ihn auch. Zudem war er müde, er fror zwar nicht mehr, aber fühlte sich erschöpft. Zu erschöpft, um Paul abzuweisen, dazu war es viel zu schön mit ihm, aber viel zu müde, um die Zärtlichkeiten zu erwidern.

Paul wurde mutiger, seine Hand glitt gänzlich unter Mateos Oberteil, um seinen glatten Rücken zu streicheln, wobei ihm jedoch gleichzeitig bewusst wurde, dass sein Schatz wirklich müde wirkte. Halbgeschlossene Augen, das entspannt schöne, aber erschöpfte Gesicht, die Regungslosigkeit, die nicht allein seiner Schüchternheit entsprach, all das war leider nur zu deutlich. /Er ist gefahren, fünf Stunden lang, während du gemütlich neben ihm gesessen hast. Und so oft fährt er nicht Auto, als dass er das mal eben wegsteckt./

Bedauernd verschob Paul Gedanken an mehr als nur sanftes Streicheln auf den nächsten Morgen, nahm sich gleichzeitig hoffnungsvoll vor, sich dann aber nicht durch Widrigkeiten stören zu lassen. Eine Weile noch hielt er seinen Freund im Arm, ihn sanft liebkosend, und wartete, bis er ausgetrunken hatte. "Du bist halbtot von der Autofahrt, nicht? Wollen wir ins Bett?"

Mateo nickte nur und rutschte von seinem Schoß, sobald Paul ihn ließ. Rasch verschwand Paul im Bad, zog sich um und kam dann mit einem dunkelgrünen Schlafanzug, der wesentlich leichter als Mateos war, zu ihm ins Bett. Er rutschte dichter an ihn heran, dann noch ein Stück und legte schließlich einen Arm um seinen Freund. Mit aller Unschuld, die er aufbringen konnte, sah er ihn an, während er den schmalen Körper noch etwas näher an sich zog. "Du vermisst doch sonst bestimmt deinen Kater."

Wattige, weiche Dunkelheit, Wärme und Pauls gleichmäßiger Atem zogen Mateo fast sofort, nachdem das Licht gelöscht war, in einen traumlosen Schlaf.

Paul seufzte leise, aber trotz allem zufrieden auf, während er sein Gesicht in Mateos Haaren vergrub. Ihn beim Einschlafen im Arm halten zu dürfen, war ein Geschenk. /Er vertraut mir./ Seinen Duft einatmend und die Wärme genießend, die von seinem Freund ausging, lag Paul noch eine ganze Weile wach und spürte dem Glücksgefühl in sich nach, das sich immer weiter auszubreiten begann und das alle Sorgen, die ihn beherrschten, alle Ängste, alle Unsicherheiten für diesen Abend, für diese Nacht auslöschte.


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