Torhüter

12.

Mateo rekelte sich und lauschte, vermisste seinen Radiosprecher und vermutete zunächst, dass es Wochenende sein musste. Dann vermisste er seinen Schnurrkater, der ihn mit weichen Pfoten hier und dort ins Gesicht tatschte, um ihn zu wecken und auf die Gabe von Futter und das dringend nötige Öffnen seines Fluchtfensters hinzuweisen.

Erst verspätet und allmählich erinnerte er sich daran, dass er nicht einmal Zuhause war. Gleich darauf spürte er erst, dass ein anderer Körper sich an seinem Rücken entlang streckte; ein schlanker Arm lag über Mateos Hüfte, die Hand war auf seine Brust hinaufgeschoben. /Paul. Hat er so geschlafen? Hm, aber es fühlt sich schön an./ Blinzelnd öffnete er die Augen und streifte die niedrige Holzdecke mit unfokussierten Blicken. Seine Brille lag irgendwo im Badezimmer, aber er wollte nicht aufstehen, weil er Paul nicht wecken wollte. Seufzend kuschelte er sich in die Decke und die Umarmung zurück und schloss die Augen wieder.

Paul lächelte, als er die Bewegung spürte, mit der Mateo aufwachte. Eine Zeitlang blieb er regungslos liegen, und als sein Freund keine Anstalten machte, aufzustehen oder sich auch nur aus seinem Arm zu winden, festigte er seinen Griff um ihn ein wenig. Mit ihm aufzuwachen, war genauso schön, wie mit ihm einzuschlafen, und Paul hatte das dringende Gefühl, dass er sich sehr gut daran gewöhnen könnte.

Er platzierte einen Kuss auf dem ihm dargebotenen Nacken und neckte ihn kurz mit der Zunge. "Guten Morgen", sagte er dann weich.

Eine Gänsehaut überschauerte Mateo, als die dunkle Stimme direkt an seinem Ohr ihn wieder aus dem Schlaf holte, in den er abzudriften drohte. /Hm, besser als die von meinem Morgensprecher im Radio./ Er rangelte sich ein wenig frei und drehte sich dann auf den Rücken, um sich gegen das Kopfteil des Bettes hochzuschieben und aufzusetzen. "Hast du gut geschlafen? Wie spät ist es eigentlich, ohne Brille kann ich nichts erkennen."

"Besser als je zuvor", antwortete Paul zufrieden und nicht Willens, seinen Freund jetzt gehen zu lassen. "Es ist morgens sehr früh, bis zum Frühstück ist noch eine Ewigkeit hin, so dass wir noch eine ganze Weile gemütlich im Bett bleiben können, ohne irgendetwas zu verpassen."

Er sah ihn von unten herauf an und lächelte. So verstrubbelt und noch leicht verschlafen wirkte Mateo genauso begehrenswert wie am Abend zuvor, wenn nicht sogar noch mehr. Und ohne die Brille kamen seine Augen weitaus besser zur Geltung. Er drehte sich auf den Bauch, legte Mateo wieder einen Arm um die Hüfte und hob mit der freien Hand dessen Oberteil leicht an, um ihm einen kleinen Kuss auf den weichen, flachen Bauch zu drücken.

"Mmh", seine Stimme klang fast wie Flacos Schnurren, "du riechst gut und du schmeckst gut. Ich glaube, das reicht mir heute zum Frühstück."

Mateo quiekte leise. Eine ihm unbekannte, wenn auch nicht unangenehme Wärme begann, sich in seinem Bauch niederzulassen. Unsicher hob er eine Hand, um durch Pauls Haare zu streicheln. Sie waren sonst nie ohne ihre Kleidung zusammen gewesen, und nun berührte sein Freund zudem noch ständig seine nackte Haut. Es begann Mateo ein wenig zu überfordern. /Aber es ist schön... hier so zu liegen./

Paul küsste ihn erneut auf den nackten Bauch, dann wanderte er mit den Lippen weiter nach oben, während er sich halb aufrichtete, drückte immer wieder kleine Küsse auf Mateos Oberkörper, jedoch durch den Schlafanzug hindurch, bis er endlich den Hals erreicht hatte. Sacht begann er, daran zu knabbern und ihn leicht mit der Zunge zu kitzeln. Sein Mund fand die empfindliche Stelle hinter dem Ohr und suchte sich von dort seinen Weg über den Kiefer und das Kinn bis hin zu Mateos, den er zärtlich einnahm. So hatte er sich das Aufwachen schon seit Wochen vorgestellt, um so schöner war es, das jetzt endlich auch erleben zu dürfen.

Mateo seufzte leise und vergrub eine Hand in Pauls Haaren. Wie hatte sein Vater nur immer sagen können, dass es besser war, allein zu bleiben? Natürlich umging man die Gefahr verletzt zu werden, aber es entgingen einem doch dafür auch ganz entschieden Moment wie dieser.

/Wie konnte ich nur so lange so tun, als wollte ich dies nicht? Als wollte ich niemanden spüren.../ Mateo erinnerte sich an seine Scham allein bei den Gedanken an andere Männer, nicht einmal an die Körper, allein daran, dass es schön sein musste, von jemandem geküsst zu werden. Allein das hatte schon gereicht, um ihn in Mexiko für Stunden in eine Kirche zu schicken. Allerdings hatte das Beten und der Versuch, sich zusammenzureißen, nicht geholfen. Das schlechte Gewissen war geblieben.

Der mangelnde Trost hatte Mateo davon überzeugt, dass die Kirche nicht der richtige Ansprechpartner für seine Probleme war. Sein Vater war es ebenso wenig, das fand er nach einigen vorsichtigen Fragen heraus. Alles, was er von ihm erhalten hatte, war der Hinweis, sich stets von Frauen, eigentlich von jedem, fernzuhalten, um dem Ärger aus dem Weg zu gehen. Sein Vater gab ihm das vage Gefühl, dass mit Ärger er selber, das Ergebnis der Affäre mit Juanita, gemeint war.

Das Gespräch mit dem väterlichen Freund, dem Freund seines Vaters und seines späteren Chefs verlief unglaublich offen und warm, sehr verständnisvoll und unterstützend. Mateo bekam von dem Mann rundheraus gesagt, dass jener schon immer die Vermutung gehabt hatte, dass der stille Sohn seines Freundes eher den Männer zugeneigt sei. Leider mündete dieses Verständnis in den Beginn der Avancen, unter denen Mateo eher litt, als sie als Kompliment zu sehen.

Doch mit Paul war es etwas anderes. Da war zuerst die gegenseitige Anziehung gewesen, auch wenn Paul es meisterlich schaffte, Mateo mit seinen Handlungen zu erschrecken oder in ernsten Momenten Dinge zu sagen, die er nicht angebracht fand.

Zuerst waren da die Blicke gewesen, die Mateo zwar nervös gemacht hatten, aber auf eine schöne Art, auf eine Art, die er gern öfter spüren wollte. Und dann, nach und nach kam die Erkenntnis, woher dieses Gefühl stammte. /Verliebt, über beide Ohren und dann in einen Mann.../ Mateos Finger glitten über die Nackenmuskulatur zur Schulter hin. /In einen sehr männlichen Mann zudem, und hm... er fühlt sich gut an./ Die Lippen zu einem stummen 'Oh' geöffnet, zog Mateo Paul noch dichter an sich heran.

Paul vertiefte den Kuss, während er langsam seine Hände über Mateos Seiten wandern ließ, kleine Kreise beschreibend oder die empfindlichen Brustwarzen durch den Stoff hindurch mit den Daumen kurz neckend. Es war Ewigkeiten her, dass er auf jemanden so reagiert hatte wie auf Mateo, und er merkte, wie sehr er das vermisst hatte. Wie sehr ihm Nähe und Zärtlichkeit zu einem Geliebten gefehlt hatten, das Anlehnen, das einfache 'Nur er selbst' - Sein, von dem nichts erwartet wurde, außer dem, was er tat und was er war. Aber sein Job hatte ihm keine Zeit gelassen, bis jetzt. Doch Mateo war nicht einfach nur irgendjemand. Mateo war der Mann, mit dem er alles teilen wollte. Der Mann, vor dem er keine Geheimnisse mehr haben wollte. Bis dahin würde es jedoch noch ein langer Weg sein.

Langsam streichelte er an den Beinen hinab, liebkoste zart die Kniekehlen und strich dann wieder empor, das Oberteil ein wenig mitnehmend, so dass mehr von der warmen, weichen Haut freigelegt wurde. Er ließ seine Fingerspitzen darüber gleiten, während seine Zunge Mateos in einen sanft fordernden Tanz verwickelte.

Endlich löste er sich von den verlockenden Lippen und küsste sich den Hals wieder hinab. Er saugte vorsichtig an der weichen Haut, während er die obersten Knöpfe von Mateos Oberteil öffnete und neckte die freie Brust mit Lippen und Zunge. Mateos Atmung beschleunigte sich, und es war zu seinem Ärger nicht nur die steigenden Erregung, sondern auch eine nach und nach zunehmende Furcht. Als Paul seine Beine streichelte, zuckte er leicht zusammen, und als er die Knöpfe an dem Oberteil zu öffnen begann, schaffte er es sehr rasch nicht mehr, die Ruhe zu bewahren.

Errötend und sich schämend umfasste er die Finger seines Freundes und flüsterte eher an dessen Schulter gerichtet "Bitte... noch nicht." Eine neue Furcht begann in dem Augenblick in ihm. Nämlich, dass Paul sich von ihm abwenden würde, wenn er sich immer so ängstlich gab. Andererseits war es schon ein langer Weg zu diesen Küssen gewesen, und bislang war sein Freund stets geduldig geblieben. "Tut mir leid."

Einen Moment lang blieb Paul regungslos, spürte das eher noch ansteigende Prickeln in sich, das nach mehr verlangte, Mateos Geschmack auf seiner Zunge, fühlte noch immer die samtweiche Haut. Er wollte nicht aufhören, doch der unsicheren Unterton in der Stimme sagte ihm, dass es kein Kokettieren, kein Spiel war. /Als ob Mateo jemals kokettiert hätte./

Er atmete zweimal tief durch, dann hob er den Kopf und sah auf. Die geröteten Wangen und der abgewandte Blick verrieten ihm noch mehr. Er lächelte und küsste Mateos Nasenspitze. "Ist schon okay. Aber du fühlst dich einfach zu gut an, und du schmeckst nach mehr, so dass ich gar nicht mehr von dir lassen mag. Ich bin zu ungeduldig."

Mateo machte sich keine Vorwürfe, denn das würde ihm nicht helfen. Er war nun einmal unerfahren und ängstlich, und er war zu ernsthaft für Spielchen. /Hoffentlich sieht Paul es auch so, dass er als Ausgleich für meine Zurückhaltung Treue gewinnt./ Mateo beeilte sich im Bad, damit sein Freund ebenfalls zum Duschen kam, bevor sie den Wissenschaftler in seinem Haus ein wenig außerhalb besuchen fahren wollten.

Als er aus dem Bad kam, fragte er gleich "Soll ich zum Frühstück schon mal vorgehen? Du isst ja nicht so viel morgens, nicht wahr?" Fragend streifte er Pauls Gesicht und suchte einen Hinweis darauf, ob er ihm das Ausweichen am Morgen wohlmöglich übel nahm.

"Ja, mach das, das ist eine gute Idee." Paul lächelte erleichtert und umarmte Mateo noch einmal kurz, ehe er selber im Bad verschwand.

Er brauchte nicht lange, ließ sich aber dennoch etwas mehr Zeit, um seinen Freund nicht mit dem Frühstück zu hetzen, auch wenn er etwas unruhig war. Schließlich folgte er ihm in die Gaststube, wo Mateo gerade den letzten Rest Kaffee trank. Er wirkte wesentlich wacher als noch davor, was Paul wieder in Erinnerung rief, was für ein Morgenmuffel der andere eigentlich war.

/Ich kann eigentlich glücklich sein, dass er überhaupt die Küsse zugelassen hat/, dachte er und lachte leise, als er zu ihm eilte. "Ich habe das Zimmer abgeschlossen, Schatz. Wenn du fertig bist, können wir gehen."

Mateo spürte, wie er errötete und sah sich hastig nach dem Wirt um, weil Paul ihn einfach so 'Schatz' genannt hatte. Zugleich freuten ihn diese Worte ja auch, weswegen er lächelte und seine Tasse schnell leerte. "Bin gleich soweit. Hast du die Tasche mit den Steinen, Paul?" Eifrig raffte er seine Notizen zusammen und drückte Paul den Zettel mit der Wegbeschreibung in die Hand.

Er wollte gerade aufspringen, als ein kalter Schauer ihn fröstelnd zusammensinken ließ. Mateo rieb sich einmal die Finger und stand dann deutlich langsamer als geplant vom Tisch auf. Eine kleine Gruppe von Leuten, die anscheinend schon in den Schankraum wollten, grüßte ihn kurz und wich Paul aus. Mateo erwiderte das Nicken, zog seinen Mantel an und wickelte sich den Schal zweimal um den Hals.

Pauls Gesicht wurde für einen Moment dunkler, und er schüttelte leicht den Kopf, als er den Leuten hinterher sah. Dann bemerkte er, dass Mateo schon das Gasthaus verließ und lief ihm rasch nach. "Alles in Ordnung mit dir?", fragte er, als sie ins Auto stiegen und er die Tasche mit den Steinen auf den Rücksitz warf.

Mateo nickte und bemühte sich um ein Lächeln. Aber als er sich hinter das Steuer setzte und den Motor anließ, gab er zu "Ich friere in letzter Zeit ziemlich oft. Es sind nur so kleine Fröstelattacken, und mein Arzt meint auch, dass ich total gesund bin, aber ich mache mir dennoch Sorgen." Er lachte auf. "Die mache ich mir ja immer. Ich bin vielleicht übermüdet. In den letzten Tagen bin ich immer so lange auf geblieben und habe gelesen, oder... ich war ja auch oft lange bei dir." Er warf einen kleinen Blick auf Pauls Beine, dann tastete er nach dessen Hand. "Da ist mir der Schlafmangel egal."

Paul lächelte und drückte sacht Mateos Finger, die Worte gaben ihm ein gutes Gefühl. Er empfand einfach zu viel für diesen Mann. Viel zu viel. Früher oder später würde das mit Sicherheit Probleme geben. /Ich habe Zeit. Nur nichts überstürzen./

Die Fahrt führte über eine holperige Landstraße, und es begann zu allem Übel auch noch zu regnen, so dass Mateo sehr langsam fahren musste, um den Schlaglöchern ausweichen zu können. Doch sie verfuhren sich dank Pauls präzisen Angaben und seinem scharfen Blick für die Schilder kein einziges Mal und rollten pünktlich auf den Hof des alten Hauses, das recht verlassen inmitten der Schafweiden stand.

"Da wären wir! Ich bin schon richtig aufgeregt. Wenn ich überlege, was für ein Glück wir gehabt haben bislang. Diese Artefakte sind so alt, und es ist wirklich Zufall, dass wir überhaupt von ihnen erfahren haben, nicht?" Er drehte sich um und holte die Tasche mit den Steinen vorsichtig auf seinen Schoß. "Ich fühle mich wie ein Schatzsucher."

Paul lachte. "So wirkst du auch. Aber ich bin auch neugierig." Kurz sah er sich um, und als er niemanden entdeckte, beugte er sich kurz zu Mateo und küsste ihn rasch auf den Mund. "Weißt du, dass du ein unheimliches Talent hast, Leute mit deiner Begeisterung anzustecken? Ich meine, wer macht für dich denn jetzt schon alles Jagd auf diese vollkommen unauffälligen Steine? Dennis wühlt sich durch die Bibliothek, dein Chef schickt dich nach Frankreich, du bekommst von einem Bekannten deiner Mutter ohne Probleme ein weiteres Stück, dieser fremde Mann scheint auch Willens zu sein, dir seines zu überlassen. Gar nicht zu reden von mir, der mit dir in diese Einöde gefahren ist und in strömendem Regen gleich mit dir durch den Matsch waten wird."

Mateo blinzelte ihn einen Moment lang an, dann lachte er leise. "Hab ich das? Ich hoffe, dass all die Leute das gern machen und nicht nur, weil ich sie angesteckt habe. Aber du musst doch zugeben, dass irgendetwas von diesen Steinen ausgeht. Jeder, den ich getroffen hatte, hat keine Zweifel gehabt, dass ich sie haben soll. Ich glaube ja überhaupt nicht an mystische Dinge, aber vielleicht wollen sie wirklich von mir gefunden werden."

/Sie wollen gefunden werden?/ Es kostete Paul Mühe, seine plötzlich aufflackernde Sorge nicht in seinem Gesicht erkennbar werden zu lassen. /Glaubst du das wirklich, Mateo?/ Er musste zugeben, dass wirklich etwas von den Steinen ausging. Etwas, das ihn faszinierte, obwohl er schon wesentlich Atemberaubenderes zu Gesicht bekommen hatte. Mateos Worte jedoch brachten eine ganz eigene Sicht auf die Dinge. /Von ihm gefunden werden? Vielleicht wollen sie auch nur wieder zusammen kommen. Und wenn nicht? Wenn sie wirklich zu ihm wollen? Was tun sie dann? Was ist es? Was wird es sein, wenn sie wieder vereint sind?/ Mehr denn je schwor er sich stumm, auf diesen Mann acht zu geben. Er würde nicht zulassen, dass ihm etwas geschah. Er würde ihn beschützen, mit allem, was er hatte, mit allem, was er war.

Doch als er ausstieg, sagte er kein Wort von dem, was ihn beunruhigte. Mateo war schon mit zu vielen anderen Dingen beschäftigt, diese Sorge musste nicht auch noch dazu kommen. Er war so leicht zu verängstigen. Paul spannte den Schirm auf und lief rasch auf die andere Seite des Wagens, um sein Versprechen sofort wahr zu machen und seinen Freund vor den Regentropfen zu beschützen.

Sie gingen über den Steinweg auf die verglaste Tür zu, aber brauchten nicht zu klingeln. Eine freundliche Frau mit kurzen, grauen Haaren öffnete ihnen und ließ sich mit einer großzügigen Geste in die Eingangshalle, damit sie vor dem Regenguss geschützt waren.

Sie wischte sich eifrig die Finger an der grellen Schürze ab und stellte sich dann als Jane Cole vor, die Ehefrau des Mannes, den sie besuchen wollten. "Er wird auch gleich da sein. Er wollte nur schnell zum Laden fahren und Milch kaufen, die haben wir doch glatt vergessen. Sie wissen ja, wie das ist. Na, wir bekommen so selten Besuch. Theo ist richtig aufgeregt. Und dann jemand, der mit seiner ehemaligen Freundin Juanita verwandt ist. Ah, das sind Sie. Ja, Sie haben Juanitas wunderschönen Augen geerbt. Aber was rede ich denn da, kommen Sie doch erst einmal herein und hängen Sie Ihre Mäntel zum Trocknen auf. Ein schreckliches Wetter ist das, nicht wahr? Katzen und Hunde regnet es hier, das sage ich Ihnen. Grauenhaft."

Sie schien kaum Luft zu brauchen, während sie Mateo und Paul in ein mit Büchern und Landkarten vollgestopftes Zimmer führte, in dem schon ein Tablett mit Teebechern und Sandkuchen auf einigen Atlanten balancierte. "Warten Sie hier doch einen Moment lang, Theo kommt sicherlich... ach, da ist er ja schon! Theobald! Dein Besuch ist da. Ach du meine Güte, du bringst mir wieder den halben Garten ins Haus und ich habe..." Sie schloss die Tür und schnitt damit den restlichen Teil ihrer Strafpredigt an ihren Mann einfach ab.

Mateo bestaunte allerdings schon die Bücher in dem ersten Regal, versuchten die Ordnung zu erkennen, nach der sie aufgestellt wurden, aber fand keine. "Es ist erstaunlich, wie chaotisch manche Wissenschaftler sind."

Paul lachte. "Vielleicht haben sie auch nur ein derart komplexes Ordnungssystem, dass es Normalsterbliche nicht verstehen. Möglicherweise muss man dafür ein spezielles Fach studiert haben, das nur Genies offen steht." Er ließ seinen Blick über zwei auf einem Tisch ausgebreitete Karten schweifen, eine politische von Nordamerika im 17. Jahrhundert, direkt daneben eine über die französischen Rohstoffvorkommen. "Andererseits hast du vermutlich eher Recht."

Theo kam schon sehr bald mit einem Milchkännchen in das Zimmer gestürmt, seiner Frau schlug er geschickt die Tür vor der Nase zu und strahlte die beiden Gäste aus dem runden, geröteten Gesicht förmlich an. Er trug eine braune Strickjacke und eine Cordhose, an deren Beinen man sehen konnte, dass er soeben durch das Regenwetter gegangen war, aber das schien ihn nicht zu stören. "Willkommen! Ich freue mich so, einmal wieder etwas von Juanitas Familie zu hören!" Er gab Paul das Kännchen, beachtete ihn beinahe gar nicht, aber umfing Mateos Finger mit seinen beiden, nicht gerade kleinen Händen und schüttelte seinen ganzen Arm einmal kräftig durch.

Mateo wurde auf das Sofa neben den Gastgeber verfrachtet, bekam sogleich eine Tasse Tee mit Kandis und einen Teller mit feinem Kuchen in die Hand gedrückt, während Theo ihn nach allem Möglichen und Unmöglichen ausfragte. Irritiert nahm Mateo wahr, dass Paul von dem zu ihm schon überfreundlichen Mann nicht nur nicht beachtet, sondern regelrecht ignoriert wurde. Er musste sich den Tee selber einschenken, bekam keinen Kuchen und auch keinen Sitzplatz angeboten.

Doch er vergaß seinen Ärger, als der eifrige Mann ihm nach dem Tee und der sehr einseitigen aus Fragen bestehenden Unterhaltung das Steinstück holte, um es zu den anderen zu legen, die Mateo vor sich ausbreitete. Mit leuchtenden Augen legte Mateo die Teile zusammen und sah zu Paul hinüber. "Eine Schale, nicht? Auch dieses hat eine Markierung, hier. Vielleicht muss es dem anderen gegenüber sein?" Theo unterstütze seine Überlegungen mit aufmunternden Reden, und gemeinsam gingen sie die Notizen des anderen Assistenten von damals durch, die Mateo seit Paris täglich bearbeitet hatte.

Mit Hilfe des Mannes konnte er einige Fragen klären, die er nicht verstanden hatte. Zudem erzählte Theo herrlich amüsant über Juanita, über ihre Energie und darüber, wie sie sich immer mit einer gewissen Liana gestritten hätte. "Die gute Liana ist nun in einer Museumsstadt angestellt und hilft dort, die Exponate restaurieren. Sie war eine begeisterte Feindin von Juanita. Sogar den Sohn hat sie ihr geneidet und wirklich jeden, mit dem deine Mutter auch nur einen Blick gewechselt hat, wollte sie für sich gewinnen. Kranke Eifersucht nennt man das wohl."

Theo schenkte Mateo noch Tee nach und registrierte, dass Paul sehr offensichtlich von dem Kuchen gegessen hatte. Er benahm sich sehr merkwürdig und klagte ihn dafür schon beinahe an. "Was soll das, als hättest du es nötig." Grummelnd stand der Mann auf und ging mit einem "Ich hole Brote zum Abendessen" aus dem Zimmer.

Ausdruckslos sah Paul ihm hinterher. Er hatte nicht ahnen können, dass der Wissenschaftler einer der wenigen Leute war, die ihn kennen, erkennen würden. Es war bemerkenswert, aber nicht gerade ein glücklicher Umstand. Wenn er das geahnt hätte...

Mateo sah seinen Freund unglücklich an. Sie waren schon etliche Stunden bei Theo, und es war unheimlich aufschlussreich gewesen, hatte sie deutlich weitergebracht in ihren Nachforschungen, aber dieses Misstrauen und die bissige Art, die der Wissenschaftler Paul gegenüber zeigte, gefiel Mateo nicht. Sie verletzte ihn sogar.

Er warf einen Blick auf die geschlossene Tür, dann huschte er zu seinem Freund hinüber, der ein wenig abseits am Fenster gestanden hatte und küsste ihn schnell einmal auf die Wange. "Kannst du es noch aushalten, Paul?"

Paul seufzte und lächelte dann schief, als er seinen Freund sacht an sich drückte. "Ich bin schlimmeres gewohnt. Er ist harmlos." Rasch streichelte er ihm einmal über die Wange, ehe er ihn wieder losließ. "Es berührt mich nicht mehr, mach dir keine Sorgen. Und du musst zugeben, er weiß erstaunlich viel über die Artefakte. Das ist ein wenig Abweisung schon wert."

Ein Husten ließ Mateo zusammenschrecken und herumfahren. Theo stellte mit einem kleinen Knall die Kanne ab und zog Mateo an der Hand wieder zu sich auf das Sofa, um ihm noch einige Bilder von der damaligen Expedition zu zeigen. "Hier, dies ist Liana, und hier stehen sie nebeneinander und lächeln, als sei nichts los. Liana und Juanita. Ah, hier ist das Bild von der Insel, wo Juanita die Dorfältesten verrückt gemacht hat, weil sie mehr über diese schwarzen Bruchstücke herausfinden wollte."

Mateo konnte sich nicht mehr konzentrieren, konnte nicht mehr lächeln und nicken. Er schob die Hand des Mannes fort und stand zögerlich auf. "Ich... Können Sie mir zeigen, wo das Bad ist?" Theo brachte ihn durch die Halle zu dem kleinen Gästebad und versprach "Ich hole die anderen Bilder auch noch vom Speicher, bin gleich wieder da!"

Mateo schloss sich hastig in dem Raum ein und sank auf der Toilette nieder. /Es berührt ihn nicht mehr? Warum? Wieso fühle ich mich jetzt mit einem Mal schuldig? Ihm gegenüber, als ob ich daran schuld bin. Nicht mehr... hat er gelitten? Leiden müssen? Wegen einer Liebe zu einem Mann?/

Abrupt hob Mateo den Kopf und stand auf, um in den Spiegel zu sehen. /Heute Morgen, gestern Abend, vorgestern... An jedem Tag ist er so selbstsicher, und er weiß, wie er mich... berühren muss. Er macht alles so gut, so richtig. Ist es, weil er so viel Erfahrung hat? Der wievielte bin ich dann? Wo sind die anderen? Wieso sind sie nicht mehr bei ihm?/ "Hör gefälligst auf, so zu denken, Mateo!"

Paul schloss für einen Moment die Augen, als die beiden das Zimmer verlassen hatten, und rieb sich die Schläfen. Er wusste, dass er einen Fehler gemacht hatte. Jetzt würde Mateo sich wieder um ihn sorgen, dabei war er selber es, um den man Angst haben musste. Doch das wusste sein sanfter Freund nicht.

/Nun ja, vielleicht auch ein wenig Angst um mich, weil ich ihn mit meinem Leben beschütze/, dachte er in einem kleinen, sarkastischen Anfall. Sein Blick wanderte zu dem Fenster, an dem Regentropfen hinabperlten und die Sicht nach draußen dadurch nahezu unmöglich machten. Er wünschte sich, dass sie bereits wieder auf dem Weg zurück zum Hotel wären, nur er und Mateo, in einer kleinen, sicheren Welt, die scheinbar nichts zerbrechen konnte. Wenn es denn nur so wäre...

Paul lauschte auf die Geräusche im Haus, die durch das leise Prasseln der Tropfen an der Scheibe zu ihm durchdrangen. Das leise Knacken der Heizung, das Rauschen einer Wasserleitung, das entfernte Klappern von Töpfen. Schnelle Schritte, die sich näherten, dann wurde die Tür aufgestoßen und ihr sogenannter Gastgeber betrat den Raum.

"Was willst du von ihm?" Theo verengte seine Augen zu schmalen Schlitzen, während er seinen kräftigen, umfangreichen Körper so wuchtig wie möglich vor Paul aufbaute.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh