Torhüter

13.

Unberührt sah Paul auf ihn hinab. Das waren die Blicke, die er gewohnt war, diese Abscheu, dieses Misstrauen und tief dahinter versteckt die Angst. "Ganz egal, wie meine Antwort lauten würde, alter Mann, du könntest nichts dagegen unternehmen." Langsam wanderte sein Blick über ihn, als versuchte er etwas zu finden, was nicht da war. "Aber ich will nichts weiter, als ihn zu beschützen."

Der andere sog Luft ein, aber wurde von Mateos Stimme auf dem Gang unterbrochen. "Oh nein, wir haben noch zu essen. Danke, Misses Cole." Gleich darauf öffnete sich die Tür, und Mateo kam in den Raum zurück und sah Theo die Bilder sortieren und Paul noch immer am Fenster lehnen. Er wirkte leicht melancholisch und in dieser Umgebung noch attraktiver und passender als in der hellen Designerwohnung.

"Es ist schon recht spät geworden, Theo. Ich bin in letzter Zeit nicht gesund gewesen und muss mich vorsehen. Wäre es sehr unhöflich, wenn wir uns jetzt entschuldigen und morgen vielleicht noch einmal vorbei kommen, bevor wir in die Stadt zurück fahren?"

Mateo ließ die Tür zur Halle offen, behielt die Klinke in der Hand und verbot damit ein Ablehnen schon förmlich. Theo verabschiedete sie wortreich und gab ihnen dann den Stein mit in die Tasche. Müde trug Mateo die Tasche zum Wagen. Er fror schon wieder und zog den Mantel dichter um sich, während er die Tür aufschloss. "Paul? Würde es dir etwas ausmachen zurückzufahren?" Unsicher streifte er Pauls schlanke Gestalt mit einem Blick. /Hat er einen Führerschein? Ich weiß so vieles noch nicht über ihn. Viel zu viel noch nicht./ Fröstelnd zog Mateo seinen Mantel enger um sich.

"Natürlich fahre ich." Paul erwähnte lieber nicht, dass es schon einige Zeit her war, dass er das letzte Mal hinter einem Steuer gesessen hatte. Für diesen Tag hatte er ihn genug beunruhigt. Er ließ sich von ihm die Schlüssel geben und schloss erst ihm auf, ehe er sich auf die Fahrerseite begab. Kaum lief der Motor, drehte er auch schon die Heizung bis zum Anschlag hoch.

Er brauchte eine Weile, ehe es ihm gelang, den Rückwärtsgang einzulegen. Vorsichtig und sehr langsam parkte er aus, doch schnell hatte er sich an den Wagen gewöhnt. Es gab eben Dinge, die verlernte man nie. Während sie die mittlerweile dunkle Landstraße hinabfuhren und dem leisen Quietschen der Scheibenwischer lauschten, legte Paul eine Hand auf Mateos, um ihm nahe zu sein, um ihn festzuhalten. Etwas gab ihm das Gefühl, dass ein wenig Nähe Mateo jetzt ganz gut tun würde. Nicht zu viel, aber doch ein Zeichen, dass er da war.

Mateo las in seinen Notizen, die er zu der Unterhaltung mit dem Wissenschaftler gemacht hatte und besah sich einige Photos, während Paul den Wagen um die Schlaglöcher lenkte. "Puh, es ist schon dunkel. Ich hab es wohl fast ein wenig übertrieben mit dem Besuch. Aber der Mann wirkte fast so, als wollte er uns nicht gehen lassen... Na ja, mich. Er mochte dich nicht, oder?" Mateo streifte seinen Freund mit einem Blick. "Ich hatte den Eindruck, als würdet ihr euch kennen."

Eine Weile starrte Paul nur stumm auf die Straße, überlegte, wie er diese halbe Frage beantworten sollte, dann nickte er leicht. "Ja, er konnte mich nicht leiden. Aber gekannt haben wir uns nicht." Er seufzte leise. "Ich glaube, er hat mich verwechselt. Oder mich mit jemandem in Verbindung gebracht, dem er früher schon einmal begegnet ist." Es war nicht ganz die Wahrheit, aber es kam so dicht an die Wahrheit heran, wie es ihm möglich war.

Mateo seufzte und tat dann entschlossen kund "Theo hat sich in dir geirrt." Sie rollten auf dem Parkplatz ein, und während er seine Zettel und die Tasche mit den schwarzen Steinstücken zusammensuchte, wiederholte er noch einmal "Er muss sich geirrt haben, oder du hast mich ganz fürchterlich getäuscht... Das kann ich nicht glauben." Er lächelte über Pauls mangelnden Künste beim Einparken, dann küsste er ihn auf die Wange.

Flüchtig streichelte Paul ihm über den Kopf, doch als er das Lächeln erwiderte, erreichte es nicht seine Augen. Immerhin hatte der Regen aufgehört, als sie ausstiegen. Dennoch empfand Paul das Wetter mit einem Mal als zu seiner Stimmung passend. Nass, kalt und ungemütlich. Ein auffrischender Wind griff nach ihm und zerrte an seiner Jacke, peitschte ihm die Haare ins Gesicht und kroch eisig in jede Ritze seiner Kleidung, unter seine helle Jeans und seine Beine empor, durch die Maschen seines Pullovers.

Nicht einmal die Wärme des Gasthauses, die ihnen dämpfig und mit Essensdüften geschwängert entgegenschlug, konnte die Kälte in ihm vertreiben. Als er die schmale Treppe zu ihrem Zimmer langsam empor stieg, wurde das Stimmengewirr, das aus der Gaststube drang, leiser und ließ die Erinnerung an Mateos Stimme um so lauter in ihm widerhallen. /Getäuscht... fürchterlich getäuscht. ... kann ich nicht glauben./

Vor der Tür hielt er inne, drehte sich zu seinem Freund um, der hinter ihm herkam, und öffnete den Mund, nur um ihn sofort wieder zu schließen. /Was soll ich ihm denn sagen? Es ist unmöglich./ Er brauchte eine Weile, um den Schlüssel in seiner Hosentasche zu finden. Als er ihn ins Schloss steckte, bemerkte er, dass seine Hand ein wenig bebte.

Stumm ließ er Mateo eintreten, folgte ihm dann und schloss die Tür hinter ihnen wieder ab, um sich gegen das dunkle Holz zu lehnen, während er seinen Freund beobachtete, der die Tasche auf einen der Sessel warf, dann seine Jacke auszog. Er beobachtete ihn, wie er sie ordentlich aufhängte, aus den Schuhen schlüpfte und diese genauso ordentlich neben den Schrank stellte, ehe er die Hausschuhe überstreifte. Wie er sich mit einer zierlichen Geste die längeren, schwarzen Strähnen aus der Stirn strich und überlegend einen Finger an seine schönen Lippen legte.

/Ich kann es nicht. Je länger ich es ihm nicht sage, um so schlimmer wird es für ihn werden. Aber ich kann es nicht. Jetzt noch nicht./ Er zog seine Jacke aus und warf sie achtlos über einen Stuhl, dann verschwand er erst einmal im Bad, um sich eine Handvoll kaltes Wasser ins Gesicht zu schöpfen. Als er den Kopf hob, sahen ihn seine braunen Augen unbeeindruckt an, unberührt, wie es schien. Doch diese Maske hatte nichts mit dem zu tun, was er fühlte. /Er wird mich verlassen, wenn er es erfährt. Und er wird zukünftig so reagieren wie dieser Theo. Wenn er erfährt, dass... Wer liebt schon jemanden wie mich, wenn er erst einmal gesehen hat.../

Abrupt wandte er sich vom Spiegel weg und trocknete sich ab. Dann setzte er ein Lächeln auf, nach dem er sich nicht fühlte und kehrte ins Zimmer zurück. "Soll ich Tee hoch holen? Hast du Hunger? Oder bist du genauso satt vom Kuchen wie ich?"

Mateo hatte sich mit der Hand ein wenig von der beschlagenen Fensterscheibe freigewischt und blickte in den Sturm hinaus. "Ich bin ziemlich erledigt, aber ein Brot oder etwas anderes Kleines würde ich schon gern essen. Meinst du, man kann das Essen auch mit ins Zimmer holen? Ich mag eigentlich nicht mehr unter Leute gehen." Plädierend sah er Paul ins Gesicht. "Vielleicht können wir es uns hier gemütlich machen. Immerhin stürmt es, wir sitzen im warmen, trockenen und altmodischen Zimmer, fast schon romantisch, oder?"

"Fast romantisch?" Paul trat zu ihm und umarmte ihn von hinten, um ihn auf den Hals zu küssen, während er leicht seinen Bauch streichelte. Die Nähe und Wärme seines Freundes ließen ihn sich gleich ein wenig besser fühlen. "Ich finde das ziemlich romantisch. Ich gehe also jetzt noch mal runter, bringe uns Tee hoch und dir was zu essen mit. Mit Käse überbackenes Tomatenbaguette? Ich meine, das hätte ich auf der Karte gesehen. Oder lieber noch eine Suppe?"

"Ja, ein Baguette klingt gut. Nicht zuviel, sonst muss ich nächste Wochen doppelte Runden laufen." Bezeichnend strich Mateo sich über seinen Bauch, aber Paul lachte nur und verschwand. Mateo sah ihm kurz hinterher und beschloss im Stillen, dass er sich nun wirklich Mühe mit seinem Freund geben wollte, während er die Tasche mit den Steinen und die Papiere forträumte, um auf dem Tischchen Platz zu schaffen.

/Er hat sich heute tapfer gegen diesen Mann gehalten und das nur, weil ich etwas über die Steine wissen wollte. Gestern Nacht hat er mich nur umarmt und nichts versucht. Bei ihm bin ich sicher./ Schnell zog er sich seinen Schlafanzug an und fragte sich versonnen, ob er vielleicht einen von Pauls Kuschelpullovern darüber tragen durfte.

Nur wenig später kam Paul mit einem Tablett zurück, auf dem sich eine große, irdene Teekanne auf einem Stövchen den Platz mit zwei Tassen, Mateos Essen und einem Becher Salzstangen teilte. Zudem hatte Paul auf dem Weg nach oben unverschämt eine Blume aus einer Vase gestohlen und sie über Mateos Teller gelegt. Ihm war danach, seinem Freund zu zeigen, wie viel er ihm bedeutete.

Mateo bemerkte die Blumen und errötete ein wenig, während er hastig erklärte, dass er es sich schon einmal gemütlich gemacht hatte. Das Essen duftete herrlich, und der Kräutertee erfüllte mit seinem Aroma gleich den ganzen Raum. Unsicher hob Mateo den beigen Pullover. "Ich hatte nur überlegt, noch etwas über zu ziehen, weil ich dauernd friere. Kann ich den Pullover ausleihen? Nur für heute Abend?"

"Sicher, gerne." Paul lächelte allein bei dem Gedanken, den wesentlich kleineren Mateo in einem seiner Kleidungsstücke zu sehen. /Das wird ihn nur noch niedlicher machen. Wie kann er verlangen, dass man bei seinem Anblick nicht das Bedürfnis bekommt, ihn zu beschützen?/ Er platzierte den Tee und den Teller auf den Tisch und legte die Blume dazu, ehe er das Tablett auf der Kommode abstellte.

Mateo legte seine Brille vorsichtig auf der Sessellehne ab und zog sich den Pullover über den Kopf. Genießerisch sog er den Duft ein, der so typisch für Paul war. Frisch und leicht, wie er sich bewegte, wie er sprach. Alles an ihm war so. Seufzend tauchte er dann jedoch auf und kämmte sich kurzsichtig blinzelnd durch die dichten Haare. Der Pullover reichte ihm in der Tat bis auf die Oberschenkel und wärmte ganz ausgezeichnet. An seinem Baguette schnuppernd krempelte er seine Ärmel auf, um dann nach der Brille zu tasten.

"Etwas weiter vorne", dirigierte Paul ihn. Er hatte es sich bequem gemacht und die Beine in den Schneidersitz gezogen. Er trank ein wenig Tee, während er seinem Freund zusah und dann beschloss, dass dieser in Wirklichkeit noch viel niedlicher in seinem Pullover aussah, als er es sich vorgestellt hatte. Lächelnd warf er ihm einen Luftkuss zu, als die Welt für Mateo wieder klar wurde. "Du solltest öfter Sachen von mir tragen, wenn wir allein sind. Du bist süß, Engel."

Mateo schaffte es erneut zu erröten, zum einen der Geste wegen, zum anderen, weil Paul ihn Engel nannte. /Kann ich das auch? Einfach Schatz sagen, Liebling, Engel? Nein, ich glaube, dass ich das nicht fertig bringe./ Er schob den Gedanken beiseite und stürzte sich zunächst einmal auf das Essen und den Tee. Zwischendurch bedankte er sich bei Paul in ungeordneter Reihenfolge für das Essen, für die Komplimente, für seine Gesellschaft und für den Pullover, in dem Mateo sich beinahe so gut aufgehoben fühlte wie in Pauls Umarmung.

Allerdings war er schon recht bald eher müde und schlug vor, die Unterhaltung im Bett, anstelle in den unbequemen Sesseln fortzusetzen. Er nahm seinen Teebecher und stellte ihn auf dem Nachttisch ab. Gähnend legte er seine Brille in sichere Entfernung dazu und erklärte Paul "Ich werde sie nicht brauchen, oder? Ich kann ja auch so mit dir... reden." Fast hätte er kuscheln gesagt und erschrak ein wenig.

"Natürlich. Und damit du mein Gesicht auch erkennen kannst, muss ich halt einfach etwas näher kommen." Paul lachte leise und nahm seinen Schlafanzug vom Bett. "Ich zieh mich nur rasch um."

Wenig später lag er dann bei Mateo, war dicht an ihn gerutscht und hatte einen Arm um ihn gelegt, um ihm sanft und unaufdringlich den Rücken zu streicheln und gleichzeitig die Nähe und den Duft zu genießen.

Mateo zog sich sehr bald schon den Pullover wieder aus, nun war er auch vollkommen aufgewärmt, hätte sich zufriedener nicht fühlen können. Leise erzählte er Paul von seinen anderen Vorlieben. Zum Einen vom Bogenschießen, das er im Winter jedoch ein wenig schleifen ließ, weil es in der Halle sehr kalt war und er sowieso lieber im Freien trainierte, zum Anderen von den Geheimnissen, denen er früher schon in den Schriften und Karten nachgestellt hatte.

"Vielleicht hab ich das von meiner Mutter, auch wenn ich sie nicht besonders gut kennen lernen durfte. Weißt du, deswegen hat es mir heute auch so viel Spaß gemacht. Theo wusste so viel über Juanita, was sie gern getrunken und gegessen hat, dass sie gern geschwommen ist, aber Angst vor den Haien hatte, all diese Dinge, die man als Sohn von seinen Eltern wissen sollte."

Er drehte sich in Pauls Armen um und begann an dessen Brust geschmiegt, nach seinen Eltern zu fragen. Er liebte es, der tiefen Stimme zu lauschen, und die Hände seines Freundes machten ihn an diesem Abend schon weniger nervös als am Abend zuvor. Seufzend rekelte er sich ein wenig mehr zurecht.

"Du musst dir keine Vorwürfe machen, weil wir so lange geblieben sind. Ich habe gemerkt, wie viel es dir bedeutet hat, und das war schön. Sein Verhalten hat mich wirklich nicht berührt; das einzige, was mir schwer fiel, war zu sehen, dass du dich davon gestört gefühlt hast." Paul nippte an Mateos Ohrläppchen und schwieg für einen Moment, während er beschloss, so dicht wie möglich an der Wahrheit zu bleiben.

"Mein Vater war Bäcker, er hatte sein eigenes Geschäft. Mutter war eigentlich Hausfrau, aber sie half ihm im Laden, wann immer sie Zeit hatte. Sie haben sehr jung geheiratet und einen ganzen Stall von Kindern gezeugt. Ich bin der Drittälteste", erzählte er und lächelte in Erinnerung an seine Familie, an die er schon lange nicht mehr gedacht hatte. "Eigentlich sollte ich die Bäckerei übernehmen, weil meine beiden Schwestern... nun, sie haben geheiratet und sind zu ihren Männern gezogen. Dass ich nicht Bäcker bin, siehst du ja. Mein jüngerer Bruder hat sie dann übernommen."

"Bäcker? Hmmm... da würde ich dich ja noch einmal so sehr... lieben." Mateo hätte sich fast verschluckt. Hatte er gerade Lieben gesagt?

Paul hielt inne, als bei diesen Worten eine kleine, heiße Flutwelle seine Magengrube überschwemmte. Er hob den Kopf, um Mateo anzusehen. Ein weiches Lächeln überzog sein Gesicht, als er ihm mit den Fingerspitzen eine Strähne aus der Stirn strich. Ohne den Blick von seinen Augen zu lassen, zeichnete er die geschwungenen Brauen nach, die Mateo stets in Form zupfte, die Nase, dann die empfindlichen Lippen.

"Ich liebe dich auch", sagte er leise und küsste ihn.

Mateo seufzte erleichtert, als er sah und spürte, welche Wirkung sein kleines Geständnis in Paul hervorgerufen hatte. Das Küssen begann allmählich gewohnter zu werden. Pauls gerader Mund war nun schon bekannt für ihn, er wusste, wie es sich anfühlen würde, wenn dessen Zunge seine Unterlippe entlang strich, wusste, wie das Kribbeln der Lippen sich sicherlich durch seinen Körper fortsetzten würde, aber dennoch war es wieder neu, und wieder überraschten ihn seine Empfindungen.

Paul dehnte den Kuss aus, bis sie beide kaum noch Luft bekamen. Erst dann sah er wieder schwer atmend auf und auf Mateos schönes Gesicht hinab. Mit den feucht glänzenden, leicht geöffneten Lippen, den geschlossen Augen, deren lange, dichte Wimpern ihn regelrecht zart wirken ließen, und den geröteten Wangen erschien er ihm noch einmal so begehrenswert. "Du machst mich glücklich, Mateo."

Vorsichtig berührte er die Lider mit den Lippen, strich hauchzart darüber hinweg und küsste sich sacht einen Weg über die rechte Schläfe, die Wange bis zum Ohrläppchen hin, an dem er leicht zu knabbern begann.

/Er scheint meine Ohren zu mögen./ Mateo erinnerte sich, dass wann immer Paul die Chance dazu bekam, er seine Ohren küsste, daran knabberte, leise Worte hineinhauchte, was seine dunkle Stimme erotisch werden ließ. Mateo genoss die Schauer, die seinen Rücken herabliefen und lehnte den Kopf zur Seite, um Paul mehr Raum an seinem Hals zu geben. /Ich mache ihn glücklich? Was ist denn mit mir? Ich war so allein und nun... ist er da. Bitte, geh nie wieder weg von mir./ Passend zu seinen Gedanken festigte er den Griff um Pauls kräftige Schultern.

Stumm dankte Paul Theo dafür, dass dieser nicht in London wohnte, denn das Wochenende außerhalb der gewohnten Umgebung, zusammen in einem Zimmer und einem Bett schaffte mehr Nähe zwischen ihnen, als er für die kurze Zeit hatte erhoffen können. Die Erinnerung an den älteren Mann verblasste vollkommen, als er die weiche Haut des Halses zu kosten begann, sie mit Zähnen, Lippen und Zunge liebkoste und jeden Zentimeter, den Mateo ihm überließ, ausgiebig mit Zärtlichkeiten bedeckte. In kleinen Kreisen streichelte er Mateos Schulter, seine Oberarme und kehrte dann wieder zu seinem Rücken zurück.

Langsam fühlte er sein Begehren erneut anwachsen, doch er erinnerte sich an Mateos Reaktion am Morgen, dass sein Freund noch nicht weitergehen wollte. /Warum will ich ihn nur so sehr?/ Die Frage war nicht schwer zu beantworten, doch diese Antwort war lästig, denn Paul hatte nicht vor, ihn in irgendetwas zu drängen, das ihn überforderte oder ihn auch nur zu überrumpeln.

Seine Lippen wanderten vom Hals aus tiefer, er erforschte die Haut, die noch nicht vom Schlafanzug bedeckt war, platzierte einen Kuss zwischen die Schlüsselbeine und kehrte dann zu Mateos Mund zurück, um ihn erneut einzunehmen. Während er die Hüfte ein wenig von Mateo abrückte, um sein Begehren nicht zu deutlich werden zu lassen, glitt er dennoch mit einer Hand unter das Schlafanzugoberteil, um den Rücken seines Freundes direkt zu spüren.

Leise seufzend ließ sich Mateo ein wenig weiter herumrollen, um den Fingern seines Freundes mehr Raum zu geben. Gestreichelt zu werden, am empfindlichen Hals geküsst, mit liebevollen Komplimenten bedacht und dann auch noch von Paul, den er vom ersten Augenblick an so attraktiv gefunden hatte, tat ihm viel zu gut.

Pauls kühle Finger streichelten seinen Rücken, zwischen seine Schulterblätter hinauf und der Wirbelsäule folgend wieder hinab, bis zum Hosenbund, nicht weiter. Dennoch strecke Mateo sich ein wenig. Es schuf eine warme Erregung in ihm, die er zwar kannte, aber nur selten zugelassen hatte. Unsicher umfasste er sein Kissen und begann sich zu fragen, ob und wie er Sex wollte.

/Sex. Das war diese schmutzige Sache, von der sie in der Kirche geredet haben. Sie haben es versteckt, haben meine Fragen zu den Gefühlen für andere Männer missverstehen wollen, aber sie haben Sex gemeint mit dem, was mich in die Hölle bringen wird. Und jetzt?/ Er lehnte seinen Kopf dichter an Pauls Schulter heran, worauf dieser die Gelegenheit ergriff, sich dichter beugte, um Mateos Kinn für einen weiteren Kuss anzuheben.

Ihre Lippen begegneten sich bereits leicht geöffnet, und der Geschmack und das Gefühl der Zungenspitze, die an seiner Zunge entlang strich, zum Gaumen, war ihm willkommen. Seine Erregung stieg weiter, auch wenn er in Gedanken nicht bei seinen Fingern war, die sich in Pauls Haare gruben, während er sich wieder umdrehte, um seinen Freund über sich ziehen zu können.

/Sie haben mich angelogen! Es ist schön, geliebt zu werden. Es ist warm und sicher. Es kann nicht schmutzig sein, wie sollte es das, wenn es sich so anfühlt? Seine Arme um mich, seine Lippen an meiner Kehle, auf meinem Mund, das Gewicht von seinem Körper auf mir. Wie kann es schlecht sein, wenn es mich so glücklich macht?/ Aufseufzend umfasste Mateo Pauls schlanke Hüfte und wagte es, ihm über den Rücken zu streichen, auch wenn der Schlafanzug ihm die Möglichkeit, seine Haut zu spüren, verwehrte.

Paul konnte nicht verhindern, dass er leise aufstöhnte. Dass Mateo die Zärtlichkeiten erwiderte, dass er ihn nur durch die dünnen Pyjamas hindurch fühlen konnte, seine lebendige Wärme, seinen gesamten Körper, war einfach zu gut. Leider war die Nähe ganz und gar nicht dazu geeignet, seine steigende Erregung zu verbergen. Doch er war nicht bereit, sich deswegen wieder von ihm zu lösen. Nicht, wo Mateo sich ihm so frei näherte. Er wollte nicht auf ihn verzichten, auf seinen Geschmack, das Gefühl ihrer Körper aneinander. /Ich habe es so vermisst. Er ist so wundervoll... Ich will nie wieder... von ihm getrennt sein./

So eng an ihn gedrängt, von den geschickten Fingern viel zu richtig gestreichelt, konnte Mateo sich der Hitze nicht mehr widersetzen, die seinen Körper ergriff, während seine Hände ziellos über Pauls Rücken strichen. Nach einiger Zeit wurde es für Mateo jedoch offensichtlich, dass nicht nur er erregt war, zum einen stöhnte Paul leise auf, ein erotischer Klang, der Mateo erschaudern ließ, zum anderen spürte er auf Hüfthöhe recht deutlich, dass Paul in der Tat auf ihn reagierte.

Unsicher gestand er sich ein, dass er es zwar herbeisehnte, Paul näher kennen zu lernen, aber zugleich auch ein wenig die Befürchtung hatte, dass er alles falsch machen könnte. Zudem fürchtete er sich davor, dass es zu früh war. Nicht aus Pauls Sicht, aus seiner. /Ich weiß nicht genug über ihn, über seinen Körper. Was er gern hat, wie ich ihm... auch Freude verschaffen kann. Was mache ich nur? Ich will ja, aber... andererseits.../ Seine Gedanken wurden von Paul verwischt, der seine Lippen erneut an Mateos Hals und Ohr entlang wandern ließ. Erschrocken hörte Mateo sich selber leise seufzen, während er sich noch dichter an seinen Freund drängte, vielleicht auch um ihm zu zeigen, dass er nicht der einzige war, den ihr Spiel erregte.

Als Paul Mateos deutliches Entgegenkommen spürte, wurde er mutiger, während er sich gleichzeitig jedoch ermahnte, nicht zu schnell vorzugehen, nicht zu selbstverständlich. /Es ist das erste Mal, dass er... dass er intimer wird. Er hat ja noch nicht einmal jemanden vor dir geküsst./

Er glitt ein wenig an Mateo hinab, zeichnete eine feuchte Spur mit der Zunge auf den Hals seines Freundes. Langsam öffnete er die obersten zwei Knöpfe von Mateos Pyjamaoberteil und zog es ihm ein wenig über die Schultern, um diese mit leichten Bissen und Küssen zu verwöhnen. /Bitte/, dachte er verschwommen, als Mateos heftigere Atemzüge ein heißes Prickeln durch ihn hindurch schickten. /Bitte, zieh dich jetzt nicht zurück./

Mateos genoss die Dinge, die Paul mit ihm tat sehr, aber litt zur gleichen Zeit ein wenig darunter, dass er sich zu fragen begann, was er für seinen Freund tun konnte. Fragend streichelte er ihm über den sehnigen Körper, ertastete die Muskeln, die den trägen Bewegungen von Paul folgten. Geduldig, sie hatten viel Zeit. Alles an Paul vermittelte ihm, dass nichts und niemand sie hetzte. Zudem spürte Mateo, dass sein Freund nichts verlangte. Alles, was er tat, jede Berührung war nicht als Aufforderung gedacht, wie Mateo sie erst interpretiert hatte, sondern geschah einfach um der Berührung selbst Willen, nur so. Mit einem Mal lächelte er und streckte sich, fühlte sich von seiner Sorge befreit.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh