Torhüter

15.

Mateo schaffte es trotz der Attacken seines Katerchens, seine Kleidung in den Wäschekorb und den Schrank einzuräumen und die Tasche wegzupacken. Als er in die Küche trat, um sich ein Abendbrot zu richten, entdeckte er einen Zettel, mit Dennis großer Handschrift beschrieben. 'Der Kater und ich haben uns prima verstanden! Ich hoffe, dass es mit Paul und dir ebenso war! Gruß, Dennis.' Daneben hatte er noch ein Smiley gemalt, und Mateo musste lachen. "Ja, wir haben uns gut verstanden, außerordentlich gut." /Ich will wieder zu ihm rüber, aber... das wäre zu viel, morgen wäre ich dann genervt./

Er war auch sehr zufrieden, als sein Radiosprechen ihn am anderen Morgen weckte, selbst wenn die Stimme von Paul entschieden schöner war. Flaco hatte sich um seinen Hals geschlungen wie ein Schal und begann sofort zu schnurren, als Mateo an ihm zu schieben begann. Doch der war entschlossen, diesen Morgen zu beginnen wie immer. Er zog sich gähnend und fröstelnd den roten Trainingsanzug über und schob seine Haare unter die Baseballkappe. Nach einem schnellen Kuss für den Kater, der faul im Bett liegen geblieben war, lief er los.

Er begegnete Paul auf halber Strecke, aber nach einem kleinen Lächeln liefen sie schweigend nebeneinander her. Mateo trug seine Brille zum Laufen nicht, das war Teil seiner Schweigsamkeit beim Joggen. Er genoss es aber auch, wenn er den Leuten nicht in das Morgengesicht sehen musste. Die meisten, die hier ihre Hunde ausführten oder ebenfalls joggten, erkannte er ohnehin an den Jackenfarben wieder.

Als er sich am Brunnen lang genug gestreckt hatte und sein Atem wieder einigermaßen gleichmäßig ging, berührte er Pauls Handrücken kurz mit den Fingerspitzen. "Bist du heute Abend Zuhause?" In dem Augenblick erfasste ein eisiger Schauer ihn erneut, und er begann sogar ein wenig zu zittern. "Ich... schau einfach vorbei", brachte er noch zustande, bevor Paul etwas hatte sagen können.

Paul streckte die Hand nach ihm aus, zog sie jedoch wieder zur Faust geballt zurück, als Mateo sich abwandte und ohne einen weiteren Gruß davon lief. Fast hätte er die junge Frau, die an eilig an ihm vorbeistrebte, nicht bemerkt, so sehr hingen seine Gedanken bei seinem Geliebten, doch dann nickte sie ihm mit einem Lächeln zu und grüßte ihn kurz.

/Sie kennt mich?/ Paul sah ihr hinterher, ohne den Gruß erwidert zu haben, dann wieder zu Mateo zurück, der mittlerweile die Straße überquerte. /Das wird zu häufig. Wieso... Das kann nicht sein. Zu oft!/

Mateo lief schnell zur Bäckerei, doch auch dort erschauderte er noch. Eine merkwürdige Kälte ergriff ihn, von innen her, nicht von den bloßen Fingerspitzen, sondern eher wie aus dem Bauch heraus. Vor dem Frühstück duschte er extralang und zog sich einen dicken Pullover über das Hemd.

Er schleppte all seine Notizen und die Photos, die Theo ihm mitgegeben hatte zur Arbeit, um sie dort in seiner freieren Zeit am Nachmittag auswerten zu können. Zunächst musste er jedoch eine ganze Weile mit einer Tasse heißem Tee an seinem Tisch sitzen und sich wieder aufwärmen. Sein erster Anruf an dem Morgen galt seinem Arzt, bei dem er für den nächsten Tag einen neuen Termin machte, während er besorgt in sich horchte.

Dennis war schon etwas länger da; er kam mit einem Stapel neuer Bücher zu Mateo. Aus seinem Zopf hatten sich bereits blonde Strähnen gelöst, die ihm in die Stirn und die blitzenden, hellblauen Augen fielen, ihn jedoch nicht zu stören schienen. Die Ärmel von seinem wie üblich regenbogenfarbenen Pullover hatte er hochgekrempelt, und auf seiner blauen Batikjeans prangte ein großer, frischer Tintenfleck.

"Hallo, Mat!" Fröhlich grinste er ihm zu. "Wie war das Wochenende?" Sein Grinsen wurde breiter. "Offensichtlich gut, du siehst aus, als hättest du nicht viel geschlafen." Doch dann verblasste es wieder. "Hm. Andererseits... Bist du krank? Ist alles in Ordnung mit dir?"

Mateo seufzte und rieb sich die Augen. "Nein, alles in Ordnung. Das Wochenende war sehr schön und sehr aufschlussreich. Der Wissenschaftler hat uns ein weiteres Bruchstück geschenkt. Herrlich! Wenn du magst, kannst du ja noch einmal zu mir nach Haus kommen, dann versuchen wir in den Notizen, die er mir auch mitgegeben hat, mehr Hinweise zu finden."

Einer der anderen Bibliothekare kam um die Ecke und wartete gerade lang genug, bis Mateo ausgesprochen hatte. "Dennis, vorne am Eingang steht eine Frau, die mit dir sprechen möchte."

Überrascht zog Dennis die Brauen hoch, dann legte er die Bücher auf den Tisch. Sein Lächeln, das er Mateo schenkte, war ein wenig schief. "Na, ich hoffe mal, dass ich keine Verehrerin habe. Ich bin gleich wieder da."

Mit schnellen Schritten lief er nach vorne, während er überlegte, dass es eigentlich nur eine Frau sein konnte, die ihn hier besuchte. Und das konnte nichts Gutes heißen. Er sah ihr feuerrotes Haar bereits von Weitem. Fabienne stand in ihrem knöchellangen, schwarzem Mantel vor einem Regal und betrachtete es, als würde sie die Buchrücken studieren, doch noch ehe er sie auch nur angesprochen hatte, wandte sie sich zu ihm um.

Ein kleines Lächeln huschte über ihre schmalen, ausdrucksstarken Lippen, als sie ihn sah. Es schien ihre grünen Augen ein wenig zum Leuchten zu bringen. "Dennis." Als er sie erreichte, umarmte sie ihn, was ihn überraschte. "Ich freue mich zu sehen, dass es dir gut geht."

"Fabienne!" Kurz erwiderte er die Umarmung, dann drückte er sie auf Armlänge von sich, um ihr ins Gesicht zu sehen. "Was tust du hier? Solltest du nicht bei Bertrand sein? Sag nicht, er ist..."

Sie seufzte leise und nickte dann. "Doch, aber es war das Alter. Er ist vorgestern verstorben. Sein Herz ist einfach stehen geblieben, er hat aufgehört zu atmen. Es gab nichts, was ich tun konnte." Für einen Moment huschte ein Ausdruck von Verletzlichkeit, der Dennis fremd war, über ihre energischen Züge. "Es verwundert mich, aber ich vermisse ihn. Er war anstrengend und schusselig, wurde immer launischer... doch er war wirklich warm und liebenswert."

Rasch wischte sie die Worte mit einer kräftigen Geste beiseite, als sei ihr bewusst geworden, was sie eben zugegeben hatte. "Nun, gleichgültig. Er war nun einmal alt und sterblich. Ich hoffe, ich finde seinen Ersatz, bevor es jemand anderes tut."

/Sie mochte ihn wirklich gerne!/ Das Geständnis war eine Überraschung für Dennis. Dass sie ein wenig Zuneigung für den alten Mann empfunden haben musste, war ihm bewusst gewesen, sonst hätte sie nicht für ihn gesorgt, wie sie es getan hatte. Dass sie ihn jedoch wirklich vermissen würde, war mehr, als er erwartet hatte.

Was ihn noch weitaus mehr in Verwirrung stürzte, war die warme Geste, mit der sie ihm nun die Haare aus dem Gesicht strich und die Sorge, mit der sie ihn ansah. "Pass auf dich auf, Dennis. Lass dich nicht zu sehr mit deinem Schützling ein, es bringt nur Kummer. Und vor allem, halte die Augen offen. Ich bin eigentlich hier, um dich zu warnen. Seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, sind einhundertneun weitere Morde geschehen. Und davon erneut vierzehn an Wächtern. Es wird langsam kritisch. Wenn der Mörder nicht bald gefunden wird..."

Sie beendete den Satz nicht, doch es war auch nicht nötig. Dennis kannte die Folgen davon nur zu genau. /Einhundertneun!/ Einen Augenblick lang war er versucht, ihr davon zu berichten, dass er dem Mephare bereits begegnet war, doch dann ließ er es bleiben. Er wollte sie nicht beunruhigen, sie hatte genügend Sorgen.

"Ich werde weder mich noch Mateo einer Gefahr aussetzen", versprach er ihr leise. "Danke, dass du gekommen bist. Ich wünsche dir viel Glück bei deiner Suche."

Sie nickte kurz, lächelte noch einmal fast verloren, dann wurde sie wieder zu der starken, energischen Frau, als die er seine Schwester immer gekannt hatte. "Dir auch, Bruder. Viel Glück."

Er sah ihr nach, wie sie die Bibliothek verließ, während ihm ihre Worte noch durch den Kopf schwirrten. /Über hundert weitere Morde, vierzehn davon Wächter. Das macht sechsundneunzig relevante... Himmel, wenn es uns nicht gelingt, etwas dagegen zu unternehmen, steuern wir auf eine Katastrophe zu!/

Langsam kehrte er zu Mateo zurück, der ihm fragend entgegen sah. Dennis lächelte schwach. "Es war Fabienne. Sie ist aus Frankreich hierher gekommen, will die Eltern besuchen und hat dabei einen wirklich winzigen Abstecher hierher gemacht. Der alte Mann, für den sie gesorgt hat, ist gestorben."

Mateo legte eine Hand auf Dennis' Finger und drückte sie leicht. "Willst du den Tag frei haben, um mit ihr zu den Eltern zu fahren? Du bist immer mehr als fleißig, Dennis. Wenn du dich beeilst, holst du sie sicherlich noch ein. Hm?"

Dennis zögerte kurz. Wenn seine Schwester etwas mit Sicherheit momentan nicht haben wollte, war das seine Gesellschaft. Andererseits gab es ihm die Möglichkeit, sich unauffällig vor Mateos Angebot zu drücken, mit ihm die Notizen durchzugehen. Schließlich nickte er. "Danke. Ja, ich denke, das wäre besser."

Er umarmte ihn kurz, schnappte dann seine Jacke, die über einem der Stühle statt in der Garderobe hing und eilte im Laufschritt nach draußen. Natürlich war Fabienne nicht mehr zu sehen, aber das interessierte ihn auch nicht. Er bog um die Ecke und lehnte sich gegen die Wand, um in den grauen Himmel empor zu starren, während kalter Regen auf ihn herabprasselte. Zu weit durfte er sich gerade unter diesen Umständen nicht von Mateo entfernen, aber er musste über das nachdenken, was seine Schwester ihm gesagt hatte. /Einhundertneun Morde. Neunundsechzig tote Torhüter. Die Götter mögen uns beistehen./

 

Als Mateo am Abend die Bibliothek verließ, wartete Paul bereits im Schutze eines riesigen, dunkelgrünen Schirmes vor der Tür. Sein Liebling war ihm einfach zu blass, zu krank erschienen. Ein wenig besondere Aufmerksamkeit konnte nicht schaden, wie er fand. Zudem begann er, sich ernsthaft Sorgen um ihn zu machen. Die zunehmende Stärke seiner Kälteschauder war nicht normal.

Doch er ließ sich nichts anmerken, als er ihn mit einem Lächeln begrüßte. "Hallo, mein Schatz. Ich dachte mir, in dem Sauwetter lasse ich dich nicht allein leiden. Zudem habe ich etwas früher Schluss machen können. Das Interview mit dem Bürgermeister hat nicht so lang gedauert wie erwartet, obwohl wir essen waren."

Mateo hatte vorgehabt zu lächeln, aber erneut erschauderte er und zog den Mantel enger um sich. "Ha... hallo..." Er kam nicht weiter, sondern klapperte mit den Zähnen und wankte leicht. /Oh nein! Nicht das! Muss ich jetzt sterben? Jetzt, da ich endlich jemanden gefunden habe, der mich liebt... den ich... liebe?/ Unglücklich senkte Mateo den Kopf und drängte sich dichter an Pauls Körper heran, der ihm schützend erschien. /Wenn er merkt, dass ich krank bin, wird er mich verlassen./

Wärme und Halt gebend legte Paul einen Arm um Mateos Schultern und drückte ihn an sich, während er ihn in Richtung Straße lenkte. "Ich glaube, du wirst mir krank. Kein Wunder, bei dem Wetter und den Temperaturen. Ich hatte eigentlich überlegt, ob ich dich noch zum Essen und anschließend vielleicht ins Kino einlade, aber ich glaube, es ist besser, wenn wir nach Hause gehen. Eine kuschelige Decke, warme Hausschuhe und heiße Milch mit Honig, das erscheint mir eher passend."

In seiner Wohnung angekommen war Mateo jedoch wieder deutlich wohler, und er erwiderte den Kuss, zu dem Paul ihn an sich zog, sobald sie im obersten Stockwerk waren, voller Leidenschaft.

Sein Arzt konnte an Mateo nicht viel anderes feststellen, von einer tatsächlich zu niedrigen Körpertemperatur einmal abgesehen. Mateos Sorge, dass er unheilbar krank war, blieb jedoch und wurde immer überzeugter, je öfter er diese Anfälle mit Frieren und Zähneklappern hatte. Und sie nahmen in Häufigkeit zu, er führte Buch darüber, auch wenn Paul es nicht erfahren durfte. Gleichzeitig hatte er auch noch Hitzeschauer, die ihn Nachts zumeist aus dem Schlaf rissen, begleitet von Albträumen von Toren, von Feuern und von unerträglicher Hitze.

Nicht selten befiel ihn zudem der Eindruck, als hätte er eine deutlich verminderte Aufmerksamkeit. Er stolperte einige Male, und sehr häufig stieß er mit Menschen zusammen, von denen er hätte schwören können, dass sie zuvor noch nicht da gewesen waren.

All diese Dinge durfte Paul nicht erfahren. Nur Flaco und seinem Arzt erzählte Mateo von diesen Erlebnissen, wobei Flaco dazu nur schnurrend schwieg und sich kraulen ließ und sein Arzt ihm dezent einen Psychiater empfahl.

Es zermürbte Mateo nach und nach, so dass er sich schon sehr auf den Urlaub bei seinen Cousinen in Mexiko zu freuen begann. Allein der Gedanke an die Sonne mit der ihm sonst eher unangenehmen Hitze ließ ihn aufseufzen.

Außerdem freute er sich, denn eines der verbliebenen Bruchstücke, die ihm und Dennis und Paul noch immer ein Rätsel waren, befand sich im Besitz der Museumsdirektorin Liana Lopez. Die Frau, von der Theo ihm als einer Rivalin seiner Mutter berichtet hatte.

Rivalin oder nicht, Liana Lopez hatte sich über seine Briefe sehr gefreut und ihm angeboten, in der Zwischenzeit schon einmal nach ihren Aufzeichnungen zu suchen, um ihm das Bild abzurunden. Sie erklärte Mateo in einem Telefonat kurz vor seinem Abflug, dass sie das Bruchstück nur genommen habe, weil Juanita auch eines mitgenommen hatte. Es verwirrte Mateo zwar, dass diese Frau so ehrlich zu ihrer Fehde stand, aber zugleich freute er sich, dass es so nicht allzu schwer für ihn wurde, seine Sammlung weiter zu vervollständigen.

Etwas anderes begann nicht nur ihn mehr und mehr zu belasten. Er wies Paul ab, ließ sich nicht mehr von ihm auf den Mund küssen und wollte schon gar nicht mehr mit ihm in einem Bett schlafen. Er tat dies, weil er fürchtete, dass er ihn anstecken könnte mit dieser Erkrankung, die ihn mal frieren ließ, dann wieder Hitzeschauer durch ihn schickte. Es überkam ihn sehr unregelmäßig, so dass Mateo nie vorgewarnt war, wenn er zusammensackte und mit den Zähnen zu schlagen begann. Doch obwohl er Paul abwies, war sein Freund noch immer so oft in seiner Nähe, wie Mateo ihn ließ. Und er war voller Verständnis und Fürsorge, die Mateo mit einem schlechten Gewissen erfüllten.

/Wenn es ein Tumor ist, dann kann ich ihn nicht anstecken, aber sicher ist sicher. Mein Arzt glaubt, dass ich verrückt bin, wenn ich so friere, aber Fakt ist, dass bei meinen letzten vier Besuchen bei ihm jedes Mal meine Temperatur viel zu niedrig war! Was ist, wenn ich einem Virus erliege? Unmöglich kann ich Paul anstecken! Er soll nicht meinetwegen leiden, dazu liebe ich ihn zu sehr./

Mateo hatte seine erneute Reise nach Mexiko Mitte Februar heimlich buchen wollen, aber Paul hatte ihn erwischt und nach einer langen Nacht der Diskussionen stimmte Mateo schließlich zu, dass Paul ihn begleiten sollte. /Wenn ich sterbe, dann wenigstens dort, wo es schön ist./ Die Reisepläne änderten nichts daran, dass Mateo sich von seinem Freund fern hielt und versuchte, so wenig wie möglich Kontakt zu haben. Bis auf eine Umarmung oder einen leichten Kuss auf die Wange ließ er nichts mehr zu.

Sie quälten sich, denn Paul dachte nicht daran, seinen Schatz zu verlassen, wie Mateo es ursprünglich angenommen hatte. Im Gegenteil zwang er ihn, jeden freie Minute mit ihm zu verbringen, auch wenn er Mateos Wunsch, nicht geküsst zu werden, akzeptierte, was Mateo sehr verwunderte und freute. /Wie kann ein Mann nur soviel Geduld haben? Manchmal kommt er mir vor... wie... unmenschlich./

 

Sie packten die Taschen und hatten deswegen die beiden Wohnungstüren offen stehen, um sich etwas zurufen zu können. "Ich nehme den Haarfön mit, Paul! Ich habe einen mit dem richtigen Stecker dran!", rief Mateo gerade hinüber, als zum einen ein heftiger Kälteschauer ihn erfasste und zum anderen drei dunkelgekleidete Männer durch seine Wohnung liefen.

Mateo sackte bibbernd zusammen und schrie auf. "Paul! Paul, da sind Einbrecher... in meiner Wohnung!"

Paul ließ einen Stapel Hosen fallen, unter dem er gerade ein Hemd hatte hervorholen wollen und wirbelte herum. Er stürzte in den Hausflur, wo ihm drei Männer aus der gegenüber liegenden Tür entgegen kamen; erschrocken prallten sie zurück. Für einen Moment starrten sie ihn an, dann flohen sie die Treppe hinab. Paul kümmerte sich nicht weiter um sie, er hastete zu Mateo und fand ihn im Wohnzimmer auf dem Boden liegend.

Erschrocken kniete er bei ihm nieder und zog ihn die in Arme. "Mateo! Ist alles in Ordnung? Haben sie dir etwas getan? Bist du verletzt?"

Sorge und Angst krochen eisig durch ihn hindurch. So etwas hätte nicht passieren dürfen! Niemals. Wie hatte das geschehen können? Mateo befand sich in seiner eigenen Wohnung, er selber war direkt nebenan gewesen. Dass sie es einfach gewagt hatten...!

Mateo nickte, während er seine Lippen, so hart er konnte, aufeinander presste, um nicht mit den Zähnen zu klappern. "Wie... wie..." Er brach ab und gab der momentanen Schwäche nach, um sein Gesicht an Pauls Schulter zu lehnen. Erschöpft und verängstigt schloss er die Augen und wartete ab, bis das ekelhafte Gefühl seinen Körper wieder verließ. Eisbäche, die seine Adern zu ersetzen schienen, trieben den Frost aus dem Inneren seines Bauches langsam mit jedem seiner durch die Kälte verlangsamten Herzschläge wieder aus ihm hinaus.

"Wieso... Woher sind sie gekommen?" Unsicher sah er sich nach Flaco um, aber der Kater musste unter das Bett geflüchtet sein, eben war er noch bei ihm gewesen.

"Ich weiß es nicht. Ich bin bei dir, Engel. Sie sind weg. Ich bin da." Paul drückte ihn an sich, spürte das Beben, das den schlanken Körper gar nicht mehr verlassen wollte. Mateos Haut war kühler geworden, er konnte es an den eisigen Händen spüren, die ihn im Nacken berührten und an der Stirn, die an seiner Kehle ruhte. "Vielleicht dachten sie, du bringst was in den Keller und wollten sehen, was sie auf die Schnelle mitnehmen konnten und sind durch deinen Ruf wieder vertrieben worden."

Nicht einmal in seinen Ohren klang der Vorschlag, als würde er daran glauben. /Das hätte niemals, niemals passieren dürfen! Drei Leute! Einfach so! Und das, wo es ihm ohnehin nicht mehr gut geht. Wie konnten sie! Warum? Ich war doch nur so wenige Schritt entfernt von ihm. Das müssen sie doch gemerkt haben. Wir haben gerufen! Es war klar, dass er nicht schläft./

Mateo schnüffelte unglücklich. "Ich kann heute Nacht nicht allein bleiben, darf ich auf deiner Couch schlafen, Paul?"

Paul küsste ihn auf den Scheitel und schüttelte dann den Kopf. "Auf gar keinen Fall. Du wirst in meinem Bett schlafen, und wenn ich auf der Couch schlafen muss. Dir geht es nicht gut, da kannst du wenigstens nächtens Ruhe finden." Er überlegte, ob er vorschlagen sollte, die Polizei zu rufen, doch verwarf den Gedanken sofort wieder. Es würde nichts bringen und noch nicht einmal Mateo beruhigen, denn viel würde er ihnen nicht sagen können und gestohlen worden war nichts. Es würde nur noch mehr Aufregung bedeuten. "Ich bleibe bei dir, bis du fertig bist, Schatz. Dann stellen wir deinen Koffer zu mir rüber, und ich packe zuende."

Mateo seufzte leise, dann flüsterte er "Nein, dann schlafen wir beide in dem Bett, aber... bitte, Paul..." Er beendete den Satz nicht. Er hatte sich zu oft entschuldigt, noch öfter gebeten. Es war ihm, als müsste er wirklich langsam an die Grenzen von Pauls Geduld stoßen. Gepeinigt wand er sich frei. /Ich liebe ihn so. Es wird immer schlimmer, so schwer, mich von ihm abzuwenden./

Die Nacht war wundervoll. Obwohl Mateo es eigentlich nicht hatte passieren lassen wollen, erlaubte er schließlich nicht nur, dass Paul ihn umarmte, sondern kroch von allein in dessen schützende Umarmung und schmiegte sich an die Brust, um die Wärme und das sanfte Streicheln von ihm aufzusaugen.

/Er fehlt mir so. Je näher wir uns sind, desto mehr fehlt er mir, weil wir nicht küssen.... Nein, das geht nicht, hör auf, Mateo! Reiß dich zusammen. Es wird immer schlimmer, du spürst, dass es nicht mehr viel länger so weitergehen kann. Schon bald wirst du ihn freigeben müssen, und dann kann Paul endlich glücklich sein./

Doch er schlief herrlich in der Nacht. Weder Kälte- noch Hitzeschauer überkamen ihn, er fühlte sich sicher, geborgen und geliebt, auch wenn es am Morgen wieder schreckliche Gewissenbisse in ihm aufkommen ließ.

Am Morgen verabschiedete er sich ausgiebig von Flaco, fast hätte er geweint, weil er sich schon beinahe sicher war, dass er seinen kleinen schwarzen Kater nie wiedersehen würde. Dennis würde sich um ihn kümmern und Paul sicherlich auch, sollte er es nicht mehr können.

Seine Sorgen wurden zunächst beiseite geschoben. Zuerst brachten sie einen stressigen Flug hinter sich. Mateo schlief ein, noch immer erschöpft von der letzten Zeit und sank auf Pauls Schoß zusammen, der ihn streichelte und dort schlafen ließ. Dies nahm der Flugbegleiter zum Anlass, um voller Fürsorge und unter einigem an Getue für eine Wolldecke zu sorgen. Mateo war schon lange nicht mehr so rot im Gesicht gewesen wie bei seinem Erwachen, als alle Leute in der Umgebung ihn und Paul anstarrten.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh