Torhüter

16.

Seine Cousine Anna nahm ihre gemeinsame Ankunft sehr offensichtlich als gegeben hin. Paul wurde genauso gnadenlos in die Wangen gekniffen wie Mateo, und sie wurden unter dem üblichen Lärm, Geschimpfe und Gelache zu der kleinen Ferienwohnung etwas außerhalb gefahren, die sie gemietet hatten.

Anna half ihnen noch beim Einkaufen im nahegelegenen Lebensmittelladen und kündigte ein Grillfest für das nächste Wochenende an, zu dem sie zu erscheinen hatten, dann war sie samt der zwei plärrenden Kinder schon wieder unterwegs.

Mateo sah sich ein wenig hilflos in dem Haus um. Typisch geschnitten mit einem geräumigen Wohnraum und kleinen Schlafzimmern auf zwei Etagen und mit kleinen, von Holzläden geschützten Fenstern. Im Garten war ein nierenförmiger Pool, und der Anblick des glitzernden Wassers in den angenehmen Abendstunden nahm Mateo die Entscheidung ab, was er tun wollte.

"Ich gehe mich im Pool ein wenig erfrischen. Bin ziemlich verschwitzt nach der Fahrt in Annas Käfer mit all den Kindern." Er hatte Paul natürlich den Vordersitz überlassen. Anders hätte der hochgewachsene Mann seine langen Beine sicherlich kaum untergebracht.

"Tu das, ich komme nach, sobald ich meine Sachen fertig ausgeräumt habe." Paul lächelte ihm zu und verschwand dann im Schlafzimmer. Doch anstatt sich den verbliebenen T-Shirts in seinem Koffers zu widmen, trat er an das Fenster und sah hinaus in den Vorgarten.

In den letzten vierundzwanzig Stunden war alles ruhig gewesen. Im Flugzeug war Mateo vollkommen von den Kälteschüben verschont geblieben, und den Schlaf, den er dadurch bekommen hatte, hatte er bitter nötig gehabt. Müde rieb sich Paul über das Gesicht. Nicht nur für Mateo wurde dessen kritischer Zustand langsam, aber sicher immer nervenzehrender.

Paul lehnte die Stirn gegen die kühle Scheibe und schloss für einen Moment die Augen. Er hasste es, dass sein Freund auf Abstand ging, um ihn nicht anzustecken. Doch wie sollte er ihm sagen, dass er nicht krank war? Und wenn, dass er sich nicht sorgen musste? Er respektierte Mateos Wunsch nach Abstand, doch er litt darunter. Er hätte nicht gedacht, dass es ihm so schwer fallen würde, dass es ihm derart weh tun würde. /Er tut es aus Liebe. Er will nicht, dass du durch ihn leiden musst./ Aber wie lange würde er ihn noch lieben? Wie lange, wenn er endlich alles wusste? Wie lange...

/Ich will nicht ohne ihn leben. Endlich habe ich ihn gefunden, und nun... Warum?/ Das Schlimmste war, dass Paul ihm nicht helfen konnte. Er konnte nur daneben stehen und ihn umarmen, durfte nicht die Sorgen wegküssen, ihn nicht einmal für eine Nacht entführen und seine Ängste mit Liebe und Zärtlichkeit vergessen machen.

/Für ihn da sein. Ihn beschützen. Aber bin ich genug? Bin ich wirklich stark genug, um ihn vor dem zu schützen, was auf ihn wartet?/ Er fand keine Antwort, wusste nur, dass er es versuchen würde, versuchen bis zum Äußersten und mit allem, was er hatte und was er war.

/Und wenn ich ihm alles erzähle? Wenn ich ihm schlicht die Wahrheit sage?/ Er erinnerte sich an Mateos Worte in dem Gasthof, in dem sie dieses eine, wundervolle Wochenende verbracht hatten. /... ansonsten würdest du mich enttäuschen./ So oder so ähnlich. /Aber wenn ich es dir sage, wenn ich dir sage, wie sehr ich dich... Du würdest dich abwenden von mir. Du wärst enttäuscht. So tief verletzt. Aber kann ich dich weiter derart leiden lassen?/

Paul hatte selten in seinem Leben eine derartige Angst gehabt. Angst, was er am meisten liebte, zu verlieren. Auf die eine oder andere Art. So viel Angst, dass sein ganzer Körper in Schmerz getaucht zu sein schien, in dem es weder Licht noch Wärme gab. /Auf die eine oder andere Art. Mateo.../

Nach einer kurzen Suche fand Mateo seine schwarze Badehose und verschwand damit in einem der beiden Schlafzimmer, um sich umzuziehen. Die Sonne hatte so heiß niedergebrannt, dass er sich gar nicht vorstellen konnte, jemals wieder zu frieren, aber als er in den Garten ging, nur mit der Badeshorts bekleidet und einem Handtuch über dem Arm, fuhr gerade, als er am Pool stand, ein eisiger Schauer durch ihn hindurch.

Mateo taumelt und stürzte in das Wasser, schnappte nach Luft, aber bekam einen Krampf im Bein. Von kräftigen Armen wurde er herausgezogen, und eine dunkle Stimme fragte ihn besorgt, ob er sich etwas getan hätte. Anscheinend hatte Mateo den Gärtner nicht bemerkt, der mit einem Gehilfen zu ihnen gekommen war, um den Rasen zu sprengen und den Pool zu reinigen. Sehr besorgt hüllten ihn die Männer in das Handtuch ein, aber Mateo konnte nichts mehr sagen oder fragen, ihm wurde schwarz vor Augen, als zur gleichen Zeit mit dem noch andauernden Kälteanfall ein Aufwallen dieser unnatürlichen Hitze seine Körper ergriff. Er hörte Pauls Stimme, dann wurde alles unwichtig, während er fiel.

Zorn. Hass. Sorge. Liebe. Und alles verzehrende Angst. Paul konnte die Gefühle, die durch ihn hindurchtobten, kaum beschreiben. Außer sich vor Wut jagte er die beiden Männer aus dem Garten, und diese rannten, als wäre der Leibhaftige hinter ihnen her, blankes Entsetzen in die Mienen geschrieben. So weit von der Wahrheit entfernt war das in diesem Augenblick vermutlich auch gar nicht.

Vom Gartentor aus sah er ihnen hinterher, bis sie um die nächste Ecke gebogen waren, dann kehrte er im Laufschritt zu Mateo zurück. Blass lag sein Geliebter im warmen Gras, das blaue Handtuch halb um die Schultern geschlungen. Sein schwarzes Haar hing ihm zerzaust und nass in die Stirn, auf der sich Wasser mit Schweiß mischte. Paul ging neben ihm in die Hocke, hob den leichten Körper hoch und trug ihn ins Haus zurück.

"Es tut mir so leid", flüsterte er, als er ihn im Wohnzimmer auf dem Sofa ablegte und ihm Schweiß und Wasser abzuwischen begann. "Ich würde dir so gerne helfen, würde so gerne etwas für dich tun, aber es gibt nichts. Es gibt einfach nichts. Ich würde es beenden, wenn ich könnte. Aber ich bin zu schwach. Ich kann es nicht aufhalten. Niemand scheint es zu können. Es ist, als würden alle im Dunkeln tappen, ohne Ahnung, ohne Ziel, niemand weiß, warum es geschieht. Niemand."

Sachte küsste er ihn auf die Stirn, auf die weichen Lippen, die er schon so lange nicht mehr hatte berühren dürfen, spürte Sehnsucht und Schuld, erneut die Angst und Wut gegen sich selber. Er setzte sich neben Mateo, nahm dessen Hand in seine und sah ihn an, während er auf sein Aufwachen wartete.

 

Mateos Zustand besserte sich nicht in Mexiko, wie er es sich erhofft hatte. Er verschlimmerte sich. In schneller Folge ereilten ihn Hitze und Kälte, er konnte sie nicht vorhersehen, nicht aufhalten, sein Wille war zu schwach gegen die Auflehnung von etwas in ihm. Die Anfälle nahmen keinerlei Rücksicht auf seinen Aufenthaltsort. Auf dem Grillfest bei seiner Cousine musste er sich duschen gehen, weil er komplett nassgeschwitzt zusammengebrochen war. Zum Glück hatte Paul an Wechselkleidung gedacht.

Zwei Male mussten sie den Termin mit Liana Lopez absagen, dann endlich fand Mateo die Kraft, um mit Paul zu dem Museumsdorf hinauszufahren. Liana war eine energische Frau mit grauen Haaren, die sie zu einem ordentlichen Zopf trug, die kürzeren Haare an den Schläfen wurden streng mit Kämmchen aus dem Gesicht gehalten.

Sie nahm kein Blatt vor den Mund, sondern sagte rundweg, dass sie Juanita gehasst habe, wegen einer Liebschaft, wie es anklang. Mateo hatte nicht die Energie und Geduld, um freundlich zuzuhören. Ihm war in den letzten Tagen deutlich klar geworden, dass seine Zeit ablief. Er würde sterben, sehr bald. Diese Steine hatten zwar nichts damit zu tun, aber es war eine Sache, die er nicht unbeendet zurücklassen wollte.

Die Unterhaltung strengte ihn mehr an, als er gedacht hatte, und er fürchtete sich permanent vor dem nächsten Anfall. Nicht selten zitterte er allein in Erwartung der Krämpfe, des Gefühls von innen her zu erstarren. Zu Mateos Glück jedoch geschah nichts an diesem Nachmittag. Liana reagierte sich in Worten und mit harschen Gesten ab, schien Mateo all die Dinge sagen zu wollen, die sie Juanita nicht gewagt hatte zu gestehen, aber nach zwei Stunden wurde sie sanfter und begann, ihm dann Auskunft über die Insel zu geben, auf der sie die Steinstücke gefunden hatten.

"Dort ist auch das letzte Stück. Wir hatten den Dorfbewohnern ursprünglich jeder versprochen, sie nach Ende unserer individuellen Forschung zurückzubringen und zusammen zu setzten. Ich weiß noch wie der alte Mann mich ansah und lächelte, und dann hat er, laut dem unfähigen Dolmetscher, gesagt 'Sie werden einen Weg zu uns zurück finden, geben sie sich keine Mühe.' Hm." Liana entzündete sicherlich die zehnte Zigarette. "Es sieht mir fast so aus, als hätten die Steine es geschafft."

Nachdenklich betrachtete Mateo den fünften Stein, der schimmernd und perfekt wie all die anderen in seinen Händen lag, als sie zu ihrem Haus zurückfuhren. "Paul... wenn ich..." Er brach wieder ab und sah seinen Freund an. Er hatte ihn attraktiv gefunden, dann hatte er für ihn geschwärmt, und endlich hatte er das Zusammensein mit ihm genossen, seine Geduld und Zärtlichkeit, und er hatte den Körper bewundert.

Doch in den letzten Tagen, in denen die Anfälle immer dichter geworden waren, die Hitze besonders ihn jedes Mal schier zerfraß, hatte Mateo begonnen, sich der Liebe bewusst zu werden, die ihn erfüllte, wenn er in das schlanke Gesicht sah.

/Ich will nicht sterben, verdammt noch mal! Ich will ihn nicht verlassen! Ich weiß, dass ich ihn mit meiner Anwesenheit quäle, meinen Anfälle, ich will ihn nicht anfassen, will nicht, dass er mich anfasst. Man sieht es ihm doch an, dass er meinetwegen leidet./ Unvermittelt und unerwartet heftig begann er zu schluchzen.

Er verbarg sein Gesicht in den Händen und versuchte verzweifelt, die Kontrolle wieder zu erlangen. /Was muss er nur von mir denken? Denkt er vielleicht gar, dass er bei mir bleiben muss? Nur eines schlechten Gewissens wegen?/ Mateo verwarf den Gedanken. Paul war viel zu liebevoll für ein schlechtes Gewissen. Obwohl sie nicht liebten, sich nicht einmal auf den Mund küssten, streichelte Paul ihn, umarmte ihn, hielt ihn stundenlang, und er bestand darauf, immer bei Mateo zu sein, nie ließ er ihn aus den Augen.

Die Tränen waren wie Säure. Jede einzelne schien sich in Paul zu fressen und ihn anzuklagen. /Wie kann ich nur so grausam sein!/ Er warf einen kurzen Blick zurück, setzte dann den Blinker und fuhr an den Rand. Rasch hatte er den Sicherheitsgurt gelöst. Er beugte sich zu Mateo und nahm ihn in den Arm, drückte ihn an sich. /Ich muss ihm die Wahrheit sagen! Ich muss! Und wenn ich ihn dadurch verliere? Der Himmel allein weiß, wie oft ich ihn angelogen habe!/

"Mateo", flüsterte er. "Du wirst nicht sterben. Ich lasse das nicht zu. Du musst keine Angst haben. Wir stehen das durch, gemeinsam. Ich liebe dich."

Es war nicht das, was er eigentlich hatte sagen wollen, und er verfluchte sich dafür. Blicklos starrte er durch das Seitenfenster nach draußen, während seine Hände fast gedankenlos über den Rücken seines Geliebten glitten, ihn streichelten, um ihm Ruhe und Kraft zu geben. /Du musst. Morgen früh, wenn er ausgeschlafen ist, nach einem guten Frühstück. Du kannst ihn nicht mehr leiden lassen. Es geht nicht. Und wenn er... wenn er sich abwendet, dann... Das ist besser als das hier. Jetzt ist es unerträglich geworden. Verzeih mir, mein Leben./

Mateo lehnte seine Wange an Pauls Schulter und schob sein Gesicht an dessen Hals heran. Er atmete eine ganze Weile tief ein und aus, wurde durch das Streicheln nach und nach wieder beruhigt. Dennoch konnte er sich lange nicht dazu bringen, Paul loszulassen. /Ich brauche ihn... Es tut mir so leid, aber ich kann ihn nicht von mir erlösen, dazu bin ich zu schwach./

Als sie am Haus ankamen, hatte Mateo sich wieder gefangen. Er duschte, während Paul ihm etwas zu essen machte. Dass sein Schatz kaum aß, war ungewöhnlich, aber Mateo hatte sich daran gewöhnt. Anschließend saßen sie auf der Terrasse, genossen die milde Nachtluft und den fruchtigen Wein. Mateo begann sich wieder gut zu fühlen und legte gerade seine Fingerspitzen auf die Hand von Paul, um ihn sachte zu streicheln. Es war sommerlich, die Grillen lärmten ein wenig, aber sie hatten sich daran gewöhnt.

Er wollte sich gerade für seine Albernheit im Auto entschuldigen, als ihn die gleißende Hitze wie ein Blitz traf. Er stöhnte auf und konnte sein Glas gerade noch abstellen, bevor er keuchend auf dem Sessel zusammensank, in Sekunden war er schweißnass. Grauenhafte Kopfschmerzen begannen ihn zu zermürben, seine Augen schmerzten, sein Atem ging schnell, als sei er gerannt. Zuletzt wurde ihm schwindelig und dann, so schnell wie es gekommen war, war es schon wieder vorbei.

Einen Moment lang versuchte Mateo sich auszuruhen, dann stand er schweigend auf und ging wankend zum Bad, um sich die nassen Sachen auszuziehen und in die Wäsche zu geben. Er duschte sich und ging, den Kopf gesenkt, schon wieder den Tränen nahe zu seinem Schlafzimmer. "Ich... brauche ein paar Minuten allein, Paul. Es geht gleich wieder." Leise, aber unbeirrbar schloss er die Tür.

Nass und nackt legte Mateo sich auf das Bett, in dem er sonst stets mit Paul zusammen schlief und starrte ausdruckslos an die Zimmerdecke. /Fünf Teile. Ist es ein Puzzle, von dem ich den Sinn erst erfassen kann, wenn ich sechs zusammen habe? Werde ich es schaffen, bevor... mich der nächste Anfall tötet? Dieses Herzrasen jedes Mal, die Angst, die mir die Brust zusammendrückt... Wie lange ertrage ich das alles noch?/

Müde schloss er die Augen. Seine Schmerzen und die Hitze waren wie fortgeblasen, im Gegenteil fühlte er sich nach dem Abflauen der Hitzeanfälle eigentlich stets richtig gut. Gestärkt und als sei er gerade eine besonders optimale Strecke gejoggt und nur ein wenig außer Atem, aber fast schon high vom ausgeschütteten Adrenalin.

Paul verbarg das Gesicht in den Händen, kaum dass Mateo die Tür hinter sich geschlossen hatte. Seine Augen brannten, doch die Tränen wollten nicht kommen. Das Mienenspiel seines Freundes, als sei er vollkommen am Ende seiner Kräfte, nahe am Durchdrehen, hatte sich wie mit glühenden Klingen in seine Seele gebrannt. /Er wird mir niemals verzeihen können. All die Lügen, der Schmerz, den er durch mich erlitten hat. Niemals kann ich das wieder gut machen. Morgen wird alles vorbei sein. Aber das ist besser, viel besser, als diese Verzweiflung in seinem Blick. Ob es den anderen auch so geht?/

Mit einem Mal spürte Paul Müdigkeit. Es war einfach zu viel, diese dauernde Anspannung, das ständige Lauschen und die Pflicht, wachsam zu sein. Dieses Hin- und Hergerissen sein zwischen dem, was er tun musste und dem, was er tun wollte. Zwischen der Wahrheit und den Lügen. Diese tiefen, heftigen Gefühle für Mateo, die er niemals hätte zulassen dürfen. Mateo war ihm anvertraut, sein Schützling, es hätte nicht mehr werden sollen.

/Ich kann nicht mehr.../ Er sehnte sich nach Ruhe, nach einem Ort der Sicherheit, an dem es nur ihn und Mateo gab. An dem er sich nicht die Frage stellen musste, ob er die Kraft hatte, seinen Geliebten schützen zu können. Er legte den Kopf auf die Arme, versteckte sich regelrecht in der kleinen Mulde zwischen ihnen und dem Tisch.

Seine Gedanken drifteten weg, gefangen in ihren immer wiederkehrenden Schlingen, während ein weicher, kühler Hauch ihn einhüllte, ihn tröstend zu liebkosen schien.

Eine leise Stimme flüsterte ihm Dinge zu, die er nicht hören wollte, zischelnd, drängend. Er versuchte, sie beiseite zu schieben, doch die Anstrengung schien sie nur lauter werden zu lassen. Paul runzelte die Stirn. Etwas stimmte nicht. Es war kein Frieden, der ihn umfing, keine Ruhe. Im Gegenteil.

Der Schleier, der sich über ihn gelegt hatte, zerriss, als er sich aufrichtete und in dem kühlen Lufthauch die leise, singende Stimme vernahm. Für einen Moment setzte sein Herz aus, als er begriff, dass die Müdigkeit nicht aus ihm selbst gekommen war. /Mephare!/

Er sprang auf und stieß den Stuhl dabei um, ohne es zu bemerken. Mit einem Satz war er bei der Verandatür. Er stürzte durch das Wohnzimmer und riss die Schlafzimmertür auf. Kälte und Dunkelheit empfingen ihn, und das dröhnende Gefühl der unhörbaren Melodie ließ ihn taumeln.

Weiße Haare wirbelten auf, der Laut verstummte, als der Mephare unterbrochen wurde. Eine schwarze Hand wurde ausgestreckt, und Paul kannte die Geste. Er wusste, dass er keine Chance hatte.

Es währte nur Sekundenbruchteile. Als er seine Kräfte losließ, wurde die Welt wieder fest. Seine hellen Augen versuchten, die Gestalt vor ihm zu erfassen, die längst von Mateo abgelassen hatte. Doch auch wenn die Fähigkeiten des Mephare nun nicht mehr auf ihn wirken konnten wie auf einen Menschen, so konnte er dem Alter des anderen nur wenig entgegensetzen. Aber er würde nicht aufgeben, niemals. Nicht um den Preis von Mateos Leben. "Du! Du bist für all das hier verantwortlich! Wage es...!"

Der andere schien seine Entschlossenheit und seinen rasant anwachsenden Zorn zu spüren. Was immer ihm die anderen Wächter entgegengesetzt haben mochten, es schien weniger gewesen zu sein, als das, zu dem Rhedyn bereit war. Denn anstatt sich ihm zu stellen, war er so schnell verschwunden, dass Rhedyn sich sicher war, dass er Mateo als Tor benutzt hatte.

Abrupt wurde die Luft wieder schwülwarm, helles Mondlicht strömte in den Raum und fiel auf Mateos zusammen gesunkene Gestalt. Noch ehe er auch nur einen Gedanken zuende geführt hatte, war Rhedyn bereits bei ihm. Er zog ihn in die Arme und biss die Zähne zusammen, als er die gesprungenen, blauen Lippen sah.

"Zu spät... Es war so knapp. Fast hätte er mich überrumpelt. Fast hätte er dich bekommen", flüsterte er; seine Stimme gehorchte ihm kaum. "Jetzt bist du wieder ohnmächtig, was soll ich dir nur erklären? Du wirst dich zu Tode ängstigen."

Dennoch hatte er keine Wahl. Er beugte sich über ihn und legte den Mund auf den seines Schützlings, eine zärtliche, gleichzeitig jedoch besitzergreifende Geste. Langsam schloss er die silbergrauen Augen, als er Mateo zurück gab, was ihm genommen worden war.

Mateo kam dieses Mal nur langsam zu sich. Es war anders als nach den letzten Anfällen. Er fühlte sich weder kalt noch erhitzt. Jemand berührte seine Lippen, die leicht kribbelten, sein Mund wurde von kühlen Fingern offen gehalten, willenlos ließ er es geschehen. /Ich bin doch fast gestorben, sie beatmen mich? Bin ich im Krankenhaus?/

Die Kraft kam zu ihm zurück, und er öffnete seine Augen, auch wenn er vollkommen still lag, während eine seltsame Wärme schön und richtig seinen Körper belebte. Vorsichtig hob er eine Hand und berührte die Haare, die sein Gesicht kitzelten. Im Mondlicht wirkten sie silbern, fast weiß, aber dennoch fühlten sie sich bekannt an, ebenso wie die Schulter, ebenso wie die Finger an seiner Wange.

Mateo öffnete seine Augen weiter, versuchte zu fokussieren, ohne Brille war dies nicht möglich, aber was er sah und fühlte, erkannte er wieder. Zudem nahm er den leichten Duft wahr, den er an Pauls Haut so herrlich fand. /Er hat mich gefunden und reanimiert mich? Nein, so fühlt es sich nicht an. Was.../ Seine Lippen wurden freigegeben, und Mateo seufzte leise, bevor er flüsternd fragte "Paul? Bin ich gestorben?"

Rhedyn zuckte zusammen, als er die leise Stimme vernahm. Das war zu früh! Mateo sollte noch gar nicht wach sein, sollte noch nicht wach sein können! /Himmel! Ich.../ Die vergangenen Tage musste ihm mehr Kraft gegeben haben, als er gedacht hatte. /Aber er hat 'Paul' gesagt, ich... er... noch ist es nicht zu spät... ich könnte.../ Ihn wieder einschlafen lassen. Rasch zu dem Menschen werden, den Mateo kannte und liebte. Ihn hilflos die halbe Nacht trösten, da er das Bewusstsein erneut verloren hatte. Um es ihm dann am nächsten Morgen zu sagen. Es machte kaum noch Unterschied.

Paul atmete tief durch. Jetzt, wo er sich dazu entschieden hatte, fühlte er sich mit einem Mal ruhig. "Nein, du lebst. Ich war rechtzeitig bei dir." Vorsichtig legte er Mateo zurück in die Kissen, dann löste er sich aus seinen Armen. Sein Blick huschte über Bett und Boden, bis er die Brille fand. Er bückte sich, hob sie auf und zögerte noch einmal kurz, nur um sie Mateo dann doch zu reichen.

Mateo vernahm die Stimme, die er so liebte und lächelte ein wenig, dann wurden ihm die merkwürdigen Worte bewusst, die Paul verwendet hatte. /Rechtzeitig war er hier? Wieso?/ Er realisierte, dass er nackt war, aber fühlte sich sicher und wohl in Pauls Nähe. Zudem war es schwülwarm. Er verzichtete darauf, sich mit dem Laken zu bedecken.

Doch dann setzte er die Brille auf und wollte Paul einen Kuss auf die Wange geben, sich entschuldigen, ihn fragen, wieso er ihn so unvorsichtig geküsst hatte.

Er kam nicht dazu. Mit einem heiseren Schrei zuckte er von dem Wesen fort, das dort an seinem Bett saß. Hilflos und in panischer Angst gefangen kroch Mateo an das Kopfende des Bettes und konnte dennoch den Blick von diesem Ding dort nicht mehr abwenden. Die Gestalt war groß, größer als er und sehr schlank. Weißes Haar fiel auf die Schultern und silberne Augen leuchtete in dem dämmrigen Zimmer auf. Der Kontrast der hellen Augen war vor allen Dingen frappierend, weil das Wesen schwarze Haut hatte, das Gesicht, der nackte Oberkörper, die schlanken Arme, die sich Mateo wie in einer hilflosen Geste entgegenstreckten. Auf eine merkwürdige Art das Licht abweisende, schwarze Haut, die nicht schimmerte, nicht zu atmen, zu leben schien.

Mateo starrte den anderen einige Herzschläge lang an, dann ergriff ihn Wut, und er schrie heiser und sich nicht um die Tränen auf seinen Wangen kümmernd "Was hast du mit Paul gemacht!?"


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh