Torhüter

17.

Langsam zog Rhedyn die Hände zurück, ließ sie auf seine Beine sinken, ohne den Blick von dem zornigen, erschrockenen Gesicht abzuwenden. Mateo hatte Angst. Natürlich hatte er Angst. Und gleichzeitig sorgte er sich um ihn. Für einen Moment überschwemmte ihn Wärme, die jedoch fast sofort wieder erlosch.

"Ich bin Paul", sagte er ruhig. "Wenn du genau hinsiehst und dich nicht von meiner Hautfarbe und den Augen ablenken lässt, wirst du es erkennen."

Mateo riss die Augen auf und starrte die Figur an. /Er hat Recht!/ Die Haare, ihre Länge, wie sie fielen, wie die eine Strähne hinter das Ohr gestrichen war... Mateo stockte, das Ohr. Es lief spitz zu, stach schwarz zwischen den silbrigen Haarsträhnen hervor. Aber die Gesichtszüge, der gerade Mund, das Kinn. Auch die eleganten Formen der Beine, der Arme. Die schönen Händen. Alles war wie bei seinem Freund, bis auf den Umstand, dass dieses Wesen wie ein Negativbild von ihm aussah. Sogar die Wimpern und Augenbrauen waren hell. "Paul? Aber..."

Mateos Angst legte sich langsam. /Wenn ich sterben muss, muss ich sterben. Ist also er schuld daran, dass ich mich immer wieder so schlecht gefühlt habe? Er hat meine Zuneigung und mein Vertrauen ausgenutzt?/ "Dann waren all diese Anfälle... Warst du das?" Aufgebracht lehnte er sich weiter vor. Nun war es ihm wirklich egal, dass er nackt war. Alles war egal mit einem Mal, denn der Mensch, den er über alles liebte, war keiner. Es war alles nur Betrug gewesen.

"Nein." Paul fühlte sich auf eine seltsame Art leicht. Endlich konnte er Mateo die Wahrheit sagen, wenn auch auf anderem Weg, als er es gewollt hatte. Das Lügen und Leiden würde eine Ende haben. "Ich habe nie etwas getan, um dir zu schaden. Die Anfälle kommen nicht von mir. Alles, was ich wollte, der einzige Grund, warum ich hier bin, war der, dich zu schützen." Er wollte ihm sagen, dass etwas anders gelaufen war als geplant, dadurch dass er sich in ihn verliebt hatte, doch er fürchtete, Mateo würde ihm nicht glauben. "Ich habe dich belogen, ich habe dich betrogen, ja, das ist wahr. Aber es ließ sich nicht vermeiden. So weit, wie es möglich war, bin ich immer bei der Wahrheit geblieben."

Er verschwieg, dass er sich ohnehin dafür entschieden hatte, sich ihm anzuvertrauen; es würde klingen wie eine billige Ausrede. "Es ist nicht die günstigste Art, wie du es jetzt erfahren hast, aber nun ist es geschehen. Ich würde dir gerne erklären, wenn du mich lässt."

Mateo blinzelte einige Male und fühlte sich dumm. "Beschützen?" Er hob eine Hand und strich sich mit den Fingern über die Lippen. "Wovor schützen? Wohl kaum vor den Anfällen, denn darin wärst du schlecht gewesen, sehr schlecht."

Ein kleines Lächeln huschte über Pauls Gesicht und verschwand wieder. "Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich dich auch davor beschützt. Aber nein, das ist es nicht. Ich habe nur dein Leben geschützt." Er verstummte, überlegte, wo er beginnen sollte. Für Mateo wäre jeder Anfang gleich unglaubwürdig, gleich verwirrend, gleich bizarr. Schließlich entschloss er sich für das Naheliegendste.

"Ich bin Paul, und der Paul, den du kennen gelernt hast, war der Mensch, der ich einmal war. Der Mensch, der ich sein kann, wann immer ich will. Du hast mich kennen gelernt, auch wenn es schwer ist, das zu begreifen. Das, was du jetzt vor dir siehst, mit schwarzer Haut und weißem Haar, ist nur ein Teil von mir. Eine andere Form mit anderen Fähigkeiten. Das, was aus mir geworden ist. Mein Name war ursprünglich Paulus Claudius, nicht Paul Lewis, und die Familie, von der ich dir erzählt habe, gab es wirklich. Meine Schwestern, mein Bruder, der die Bäckerei übernahm, meine Eltern. Nur sind sie mittlerweile tot. Sehr lange tot schon. Meine Geburt liegt in etwa in dem Jahr, das du mit 200 nach Christus bezeichnen würdest."

Mateo öffnete und schloss den Mund einige Male, dann flüsterte er "So lange schon?" In seinem Kopf drehte sich die Fragen und Antworten umeinander, keins passte zum anderen und ihm wurde schwindelig.

Paul nickte, ermutigt davon, dass Mateo nicht schreiend zurückwich. "Ich weiß, dass es nicht einfach zu begreifen ist. Wenn ich könnte, würde ich es dir leichter machen. Das ist einer der Gründe, warum ich so lange gezögert habe, es dir zu sagen. Mein jetziger Name lautet Rhedyn." Gerne hätte er Mateo in die Arme genommen, um ihm Halt zu geben, doch er wusste, dass es genau das Falsche wäre. "Die Frauen, die mich zu dem gemacht haben, was ich bin, meine Mütter, kommen nicht von hier. Es gibt eine Welt, die mit dieser verbunden ist. Diese, deine Erde, und die andere sind aufeinander angewiesen. Sie können nicht ohne einander existieren. An verschiedenen Punkten sind sie zusammengefügt, durch die man von einer in die andere hinüber gelangen kann."

Müde rieb Mateo sich über die Augen, schob seine Brille zurecht, dann stand er jedoch auf und murmelte "Ich muss mir was anziehen, dies ist falsch." Er ging an dem schwarzen Wesen mit den weißen Haaren vorbei und seufzte leise. Alles stimmte. Der Geruch, die Stimme, die Figur, das Gesicht. Alles, nur der Umstand, dass es kein Mensch war, stimmte nicht.

Mit müden Bewegungen zog er sich im Nachbarschlafzimmer ein T-Shirt und eine Shorts an und ging dann, erneut ohne den ihm Folgenden zu beachten, in das Wohnzimmer hinunter. Er nahm sich sein Weinglas und sank in den Sessel.

"Fast zweitausend Jahre alt, schwarze Haut, weiße Haare, spitze Ohren. Du bist gemacht worden, dein Name lautet... Rhedyn. Soweit kann ich folgen. Wovor beschützt du mich und warum nicht vor den Anfällen, was sind die Anfälle?" Der analytische Teil von Mateos Gehirn informierte ihn über die äußerst hohe Wahrscheinlichkeit, dass er wahnsinnig wurde und Halluzinationen hatte.

"Ich versuche, es dir zu erklären. Doch dafür muss ich die grundlegenden Dinge erläutern." Rhedyn setzte sich nicht. Er lehnte sich gegen den Türpfosten und verschränkte die Arme vor der Brust, ein wenig unsicher, ein wenig, als würde er frieren. "Die Existenz der beiden Welten ist ein Teil davon, ebenso wie die sie verbindenden Punkte. Das sind die Tore. Es sind keine Türen im herkömmlichen Sinne. Vielmehr sind es Menschen, die eine gewisse Kraft haben, die ihnen zu eigen ist. In ihrer Nähe kann man von der einen in die andere Welt gelangen. Jeder Übergang nutzt die Energie dieser Menschen, entzieht ihnen ein wenig und hinterlässt in ihnen für eine kurze Weile ein Kältegefühl." Seine hellen Augen fixierten Mateo, während er sich fragte, wie deutlich er werden musste, bis der andere Mann auch nur registrieren wollte, was er ihm zu sagen versuchte.

Mateo nagte an seiner Unterlippe und nickte. Die Sache mit der anderen Welt ließ er zu seiner eigenen Beruhigung außen vor. "Die Kälteschauer. Ja, immer und immer wieder bin ich in Menschen hinein gestolpert. Waren sie also schuld, dass ich gefroren habe? Bin ich so ein Tor?" /Ich wünschte, ich hätte einen Anhalt, wo die Wirklichkeit ist. Träume ich das alles nur?/ Er streifte seinen bizarren Gesprächspartner mit einem Blick und seufzte leise. /Nein, er ist nicht wirklich als Anhalt für die Wirklichkeit geeignet./ Verstohlen zwickte Mateo sich in die empfindliche Haut an der Innenseite seines Unterarms. "Au. Mist." /Ich bin wach./

Einen Moment lang betrachtete Rhedyn ihn und fragte sich, ob er es schlimmer machen würde oder besser. Schließlich entschloss er sich, es auf einen Versuch ankommen zu lassen. Als Mateo wegsah, nahm er sich zurück und binnen eines Augenblicks stand Paul an der Stelle. Genauso gekleidet, in der gleichen Haltung, jedoch ganz offensichtlich ein Mensch. "Fällt es dir so leichter, mit mir zu sprechen?"

Mateo schrie auf und fuhr zurück. Doch es war Paul, ganz eindeutig. Er holte einige Momente lang Atem, beruhigte sich, dann nickte er leicht. "Ja. Ich glaube schon. Gib mir einen Moment, meine Herzattacke zu verkraften."

Paul lächelte ein wenig über die Antwort, auch wenn ihm der Aufschrei weh getan hatte. Er stieß sich vom Türrahmen ab und kam zu ihm, um sich gegenüber in einen Sessel zu setzen. /Ich wünschte wirklich, es gäbe eine simple Methode. Eine, bei der er alles auf Anhieb verstehen und akzeptieren würde. Doch die gibt es nicht./ Er zog seine Beine in den Schneidersitz und sah auf die kurze, abgeschnittene und mittlerweile ausgefranste Jeans hinab, die er trug. So normal... nackte Füße, nackter Oberkörper. Der Paul, mit dem Mateo eben noch auf der Terrasse Wein getrunken hatte.

Der Paul mit dem Mateo sicher nicht mehr in einem Bett schlafen würde, an ihn geschmiegt und vertrauensvoll in seinen Armen. An den er sich nicht mehr anlehnen würde, keinen Trost mehr bei ihm suchen, keine Nähe. Paul wusste sehr genau, warum er es ihm nicht schon früher gesagt hatte, ganz abgesehen von dem Schock, den es ihm bereitete.

Er warf einen Blick auf das Weinglas, stellte fest, dass er es ihm nicht nachfüllen musste. Unhörbar seufzte er auf. "Ja, du bist so ein Tor, Mateo. Deswegen bist du so oft in Menschen hineingelaufen. Du hattest keine Möglichkeit, ihnen auszuweichen, weil sie einen Moment zuvor noch nicht dort gewesen waren. Aber nicht nur du bist eines. Margot war eines. Deine Tante war eines. Und der Mann deiner Cousine ebenso."

Etwas in Mateo machte klick mit einem Mal. /Und sie alle sind tot. Oh Gott! Das darf doch nicht.../ "Deswegen friere ich so, habe diese Anfälle? Haben sie die auch gehabt? Ist es eine Krankheit, die alle Tore befällt?"

"Nein, die Anfälle hast du, weil Menschen dich benutzen, um von einer in die andere Welt zu reisen. Deswegen frierst du. Die Hitze hingegen spürst du, wenn einer der anderen stirbt, welche die gleiche Kraft haben wie du. Die Kraft des Toten geht auf die Lebenden über. Auf alle. Alle, die jetzt ebenso wie du noch Tor sind, spüren die gleichen Kälteschauer und die gleichen Hitzewallungen. Die Kälteschauer nehmen zu, da sich die Zahl der Tore verringert, was dazu führt, dass die verbleibenden unverhältnismäßig oft frequentiert werden. Außerdem kostet es bei der verringerten Zahl an Toren viel mehr Energie, die Welten zu wechseln. Die Energie wird dir in Form von Wärme entzogen. Ich bin hier, Mateo, um zu verhindern, dass deine Kraft den anderen zufließt. Ich bin hier, um zu verhindern, dass du stirbst. Ich bin dein Leibwächter, wenn du es so willst. Und den hast du nötig. Das hat nichts mit deinen Fähigkeiten zu tun, sondern damit, dass jemand Tore tötet. Jemand scheint es sich in den Kopf gesetzt zu haben, alle Tore zu vernichten und damit den Untergang wenn nicht gar beider, so doch zumindest der mit dieser hier verbundenen Welt hervorzurufen."

Während Paul, für Mateo war er Paul, redete, passten sich mit einem Mal mehr und mehr Dinge in ein Gesamtbild ein, in dem auch die Steinstücke eine Rolle spielten, aber vor allen Dingen er selber, was er nie zuvor angenommen hatte. Er sprang von der Couch auf und rannte zum Schlafzimmer, in dem die Notizen lagen. Aufgeregt wühlte er in den Zetteln und fand die Beschreibungen der Tore, der Wege, die zwischen den Welten lagen und der Kräfte, die es brauchte, um ein solches Tor zu durchschreiten.

"Hier steht es ja auch! Torhüter, Menschen, die in ihrem Unwissen die wichtigste Verbindung zwischen den Welten werden. Ich hab immer schon vor all diesem Wissen gesessen und konnte damit nichts anfangen. Ich hatte die Steine in der Hand und diese Worte, und ich wusste nicht, dass ich Teil der Tore bin! Dass ich friere, ist also nicht krank, dass mir heiß wird ebenso wenig. Und all die Wochen hast du es gewusst?! Ja?!"

Mateo fuhr zu Paul herum, der nicht mehr Paul war und wurde sich zwar bewusst, dass er schrie, dass seine Stimme nahe an hysterisch war, er selber kurz davor in Tränen auszubrechen, aber dennoch ging er mutig auf diesen Mann zu, den er zu lieben geglaubt hatte.

"Rede mit mir! Du hast zugesehen, wie ich vor Angst fast nicht mehr atmen konnte, wie ich damit gerechnet habe, dass ich jeden Tag sterben könnte, du hast zugesehen, wie ich mir den Kopf zerbrochen habe, Stunde für Stunde gesucht und gerätselt. Warum hast du mir das nicht schon früher gesagt?! Hat es dir Spaß gemacht zuzusehen, wie ich verzweifle? Wolltest du dich verstecken, wolltest, dass ich dumm bleibe?! Was hättest du denn getan, wenn ich getötet worden wäre heute Nacht. Wärst du dann einfach... einfach zurück in deine Welt? Leibwächter! Dann war all das... Umarmen, die... Küsse, das war deine Leibwache, ja?!"

Wütend wendete Mateo sich ab und verschränkte die Arme. "Und ich hab mich so sehr in dich verliebt, verdammt noch mal! Ich... hatte solche Angst, dir irgendwie zu schaden, diesem wundervollen Menschen, der du für mich warst und jetzt?" Er wischte sich unwirsch über die feuchten Wangen und nahm die Brille ab. Zögernd und ohne Brille unfokussiert sah den anderen an, bevor er flüsternd wiederholte "Und jetzt?"

Paul sah ihn an, erwiderte für einen langen Moment nur den Blick des anderen, der ihn nicht klar erkennen konnte, sah in die wunderschönen Augen, die seine Welt geworden waren. Ihn so leiden zu sehen, so verletzt, so verzweifelt, war nahezu unerträglich. "Ich wollte es dir ersparen. Ich wollte dich nicht ängstigen. Es war nie geplant, dass du irgendetwas mitbekommen solltest, das dich beunruhigt. Doch dafür sind zu viele Torhüter gestorben. Ich habe mit mir gerungen, ob ich es dir erzählen soll, nachdem es schlimmer und schlimmer wurde für dich. Heute Mittag im Auto, als du so geweint hast, habe ich den Entschluss gefasst, es dir morgen zu sagen. Morgen, nach einer Nacht, in der du dich von dem heutigen Schock hast erholen können. Ich konnte nicht ahnen, dass der Mephare ausgerechnet heute wiederkommt. Ich hätte dir nichts sagen müssen, ich hätte mich einfach nur wieder in den Mann verwandeln brauchen, den du kennst. Du hast mich Paul genannt, als ich dich im Arm hielt. Du hättest es nicht gemerkt. Aber ich wollte nicht, dass du noch länger in Todesangst schwebst. Es ging nicht mehr."

Er strich sich die Haare aus dem Gesicht und hinter die Ohren, eine Geste, die so typisch er war. "Ich habe dir das Leben gerettet. Heute Nacht hat er versucht, dich umzubringen. Ich habe meinen Job gemacht, und bis jetzt habe ich ihn gut gemacht. Es gibt nur eine Sache, die schief gegangen ist, Mateo. Eine Sache, mit der weder ich, noch die gerechnet haben, die mich mit deinem Schutz beauftragt haben. Ich habe mich in dich verliebt. Jeder Kuss war echt, jede Umarmung. Jedes Wort, dass ich zu dir gesagt haben, wenn ich dich meinen Engel, meinen Schatz, meinen Liebsten nannte. Ich weiß nicht, ob du mir das glauben kannst, nach all dem. Aber es ist die Wahrheit. Ich liebe dich. Gleichgültig, welches Aussehen ich haben mag."

Mateo ging an Paul vorbei zur Couch und fragte leise "Gleichgültig welches Aussehen? Welches ist dein wahres Gesicht?" Er ließ den Kopf hängen und hätte sich nun sehr gern an Paul angelehnt, sich in seine Arme geschmiegt. /Ich liebe dich auch... aber wer bist du? In was hab ich mich da verliebt?/ Entschlossen hob er den Kopf und forderte leise, aber mit fester Stimme "Zeig dich, dein wahres Gesicht."

Paul zögerte, er hatte Angst vor dem Blick, der ihn gleich wieder treffen würde, Angst vor dem Ausdruck in Mateos Augen. Doch er gab nach. Mateo hatte ein Recht darauf. Für einen Moment verschob sich die Wahrnehmung um ihn, dann sah er ihn mit silbergrauen Augen an. "Das ist der Körper, der mir jetzt gegeben ist. Aber an Paul ist nichts Unwahres. Ich bin Paul. So, wie du mich vor dir gesehen hast, sah ich aus, bevor ich wurde, was ich bin."

Mateo antwortete nicht, sondern starrte. Die Haut, die das Licht in der Umgebung zu vernichten schien. Es tat beinahe weh, den Körper zu betrachten. Diese Dunkelheit betonte die hellen Augen nur noch mehr. Ansonsten hatte er Recht. Es waren und blieben Pauls Züge, seine Gesten, das nervöse Bewegen der Fingerspitzen, ein leichtes Umherstreichen mit Blicken, dann der Anflug eines Lächelns, mit dem Paul oder wer er war, anscheinend registrierte, dass Mateo sich nicht in Wut oder Ekel abwendete.

Doch Mateo ging eher im Gegenteil auf ihn zu. Vorsichtig, immer zur Flucht bereit. "Darf ich..." /Mateo! Das ist einfach ungeheuerlich!/ Er kämpfte einige Augenblicke gegen sein eigenes Gewissen an, dann riss er sich zusammen und straffte seine Schultern. "Darf ich dich berühren?"

Rhedyn nickte, die einzige Bewegung, die er sich gestattete. Ungläubige Hoffnung, dass sein Geliebter sich nicht von ihm abwenden würde, pulsierte mit jedem Herzschlag durch ihn hindurch und ließ ihn innerlich zittern.

Mateo ging die wenigen restlichen Schritte noch langsamer auf ihn zu. Er fühlte sich, als sei er aus seinem Körper herausgetreten, niemals konnte der wirkliche Mateo den Mut aufbringen, auf ein schwarzhäutiges, spitzohriges Fabelwesen zuzugehen. Als sie voreinander standen und er seine Hand hob, hielt er tatsächlich die Luft an. Dann, ganz vorsichtig, legte er seine Fingerspitzen auf die Schultern.

Es war ihm sofort mit schmerzlicher Sicherheit klar. Dies war derselbe Mann, in den er sich verliebt hatte, das Gefühl der Haut unter seinen Händen, kühl und glatt, jedoch nicht abweisend, war zu bekannt. Noch bekannter war das Kribbeln des Begehrens und das warme Gefühl der Liebe, das sich in seinem Bauch niederließ. Mateo schloss die Augen und ließ die Hände über die Schultern zu den Armen gleiten. Mit einem leisen Zischen atmete er wieder aus, ließ seinen Hände fallen und gab zu "Ich fühle mich genau wie mit Paul."

Es tat fast körperlich weh, als Mateo ihn wieder losließ. Rhedyn schauderte. In diesem Körper hatte ihn noch niemals jemand auf die Weise berührt. Nähe hatte er nur bekommen, wenn er wieder zum Menschen geworden war. Seinesgleichen war untereinander kühl, und andere Wesen fürchteten sich eher vor ihnen, als dass man ihnen nahe kommen wollte.

Er streckte eine Hand nach Mateo aus, wollte ihn in die Arme ziehen und wagte es doch nicht. "Ich bin Paul. In jeder Hinsicht."

Mateo ließ die Augen geschlossen, aber berührte mit den Fingerspitzen erneut den Arm des anderen. "Nein, ... wie war dein Name noch gleich? Rhedyn, genau. Nein, Rhedyn. Du bist nicht Paul, in keiner Hinsicht." Und doch fühlte er dieselbe Sehnsucht nach Nähe wie bei Paul. "Was bist du?"

Rhedyn spürte, wie die Luft um ihn kühler zu werden schien. Er wollte nicht antworten, hatte es bewusst ausgelassen, was genau er geworden war. Niemand ließ sich mit seinesgleichen ein, wenn man die Wahl hatte. Niemand. Aber er hatte sich vorgenommen, Mateo die Wahrheit zu sagen. In allem. /Keine Ausflüchte. Er muss es erfahren./

"Mephare", sagte er leise. "Seelenvampir."

Mateo wich nicht vor ihm zurück, sondern blieb weiterhin mit gesenktem Kopf und geschlossenen Augen direkt vor ihm stehen. "Ah, Mephare, Seelenvampir. Ich nehme an, dass es etwas Schreckliches ist, weil deine Stimme so klingt. Was bedeutet das?"

Fast hätte Rhedyn gelacht. Natürlich, wie sollte Mateo es wissen? Aber selbst wenn er es gewusst hätte, ob er den Meinungen von anderen darüber vertraut hätte? Ob er nicht selber hätte herausfinden wollen, was es mit den unheimlichen Mephare auf sich hatte? Trotz seiner Ängstlichkeit, einfach aus rationellen Überlegungen hinaus? Der Wunsch, ihn zu umarmen, wurde derart stark, dass Rhedyn die Hände hob und sie ihm auf die Schultern legte. "Wir leben von Seelen. Ich muss nicht essen, ich kann nicht essen. Ein wenig Tee, ein wenig Wasser ist alles, was ich zu mir nehmen kann. Deswegen bin ich dir immer ausgewichen. Deswegen die Geschichte mit meinem empfindlichen Magen. Ich brauche Seelen zum Leben."

"Seelen? Die nehmt ihr den Opfern durch den Mund weg, ist es das? Sind ihre Lippen deswegen so blau gewesen? War es einer von deiner Art?" Das Bild in Mateos Kopf wurde immer klarer. Tastend fuhr er sich mit den Fingerspitzen über die Lippen. Die Händen von Paul, die leicht und beruhigend auf seinen Schultern lagen, ignorierte er, es störte ihn nicht, denn dieses Wesen war ihm offensichtlich gut gesonnen.

"Ja", sagte Rhedyn leise, während sein Blick Mateos Fingern folgte. "Es ist ein Kuss, in dem wir die Seelen zu uns nehmen. Ein Kuss, in dem wir mit der Seele Wärme bekommen. Deswegen sind sie bläulich, wie erfroren. Die Geste ist nicht nötig, wir können die Seele auch anders nehmen, doch... es ist einfacher."

Mateo seufzte und rieb sich unter der Brille die Augen. "Ich bin... erschöpft. Das ist alles zuviel für mich, zuviel auf einmal." Er trat von Paul zurück und sah ihn an, das fremde Wesen. "Darf ich dich weiter Paul nennen? Ich nehme an, dass du mich leben lässt, wo es schon deine Aufgabe ist, mich zu schützen." /Außerdem hatte er reichlich Gelegenheiten, meine Seele zu stehlen./

Es schmerzte. Rhedyn hatte nicht erwartet, dass man ihn damit noch einmal würde verletzen können, nicht nach all der Zeit, in der er nun schon Mephare war. /Ich nehme an, dass du mich leben lässt... Er wird mir nie mehr vertrauen. Er wird sich nie mehr sorglos, hilfesuchend an mich anlehnen. Und wenn er erst einmal alles weiß, wird er mich verachten und hassen./ Dennoch nickte er.

Mateo wendete sich zur Treppe und ging langsam wieder hinauf. "Hör zu, ich werde mich jetzt ins Bett legen. Ich kann dir sicherlich nicht verbieten mich weiter zu beschützen, wie du es..." Mateo fuhr mitten im nächsten Wort herum und starrte Paul an, der ihm schon die Treppe zu den Schlafzimmern gefolgt war. "Warst du immer da? In den letzten Wochen?" Mateo starrte dem anderen in die Augen, dadurch, dass er auf der Treppe oberhalb stand, konnte er dies tun, ohne nach oben zu sehen.

"Mateo, geh ins Bett." Rhedyns Stimme war fest und ruhig, auch wenn er sich nicht danach fühlte. "Die Nacht ist ohnehin zu kurz geworden. Wir werden morgen weiterreden, wenn du ein wenig Schlaf und etwas Abstand gefunden hast. Ich verspreche dir, dass ich dir alles sagen, all deine Fragen beantworten werde. Aber nicht mehr jetzt."

Mateo schüttelte stur den Kopf und verschränkte die Arme, aber nach einem Blick auf die schmalen silbernen Augen ließ er die Hände wieder zu den Seiten fallen. Resigniert senkte der den Kopf. /Er will nicht mit mir reden. Schlafen soll ich, wie ein Baby. Das bin ich ja auch in seinen Augen. Nur ein hilfloses, unwissendes Baby, nach seinen zweitausend Jahren./

Die Enttäuschung fraß sich in seinen Bauch hinein, während er sich mit hängendem Kopf wegdrehte. /Ich bin keine ehrliche Unterhaltung wert. Warum tut es so weh? Ich weiß, was er ist, wer er ist... kann ich jetzt bitte aufhören, ihn zu lieben? Warum ist es so schwer?/

Er ging nicht in das Schlafzimmer, in dem er zuvor gelegen hatte, sondern ins Badezimmer und knallte dem schwarzen Mann, der ihm lautlos folgte, die Tür vor der Nase zu. Die Tränen hatten schon zuvor in seinen Augen gebrannt. Mateo wunderte sich nun auch, wie er so lange hatte ruhig bleiben können, nach all diesen Erlebnissen.

Mit der Zahnbürste in den zitternden Fingern sank er auf den roséfarbenen Plüschteppich und biss sich auf die Unterlippe, die noch empfindlich war. Er zischte leise und hob seine Finger, um sich über die Lippe zu streichen. /Das war es dann also. Er behauptet, dass er ehrlich sein will, das ist sein Synonym für 'Ich befehle diesem dummen Menschen, und er macht was ich sage'. Das alles natürlich nur in meinem bestem Interesse. Natürlich./

In dem Moment konnte Mateo die Tränen nicht mehr zurückhalten. Von all den Dingen, die er gerade erfahren hatte, von seinen Gefühlen und von dem Gedanken überrannt, dass er sich nicht in Paul verliebt hatte, sondern in etwas, in ein Ding, das ihn nicht wollte, das ihn als lästige Aufgabe, vielleicht gar als ein Ding betrachtete.

/Er hat von Liebe gesprochen. Aber hätte er dann nicht mit mir geredet? Hätte er nicht versucht, mir nahe zu sein? Hat er nicht gemerkt, dass ich keine Angst habe... außer der, ihn zu verlieren? Nicht durch meinen Tod jetzt, denn sehr offensichtlich ist er stark genug, um den Mörder zu vertreiben, sondern durch meinen Tod später, wenn ich lang genug auf der Erde war. Dann lebt er in seiner Welt doch immer und immer weiter./

Mateo wischte sich über die Wangen, aber neue Tränen liefen einfach nach. Seine Gedanken führten ihn immer wieder im Kreis und kein einziger konnte ihn glücklich machen, konnte machen, dass er es schaffte, mit dem Weinen aufzuhören.


Kommentare, Kritiken, Lob?
 
© by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh